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Arbeitsschwerpunkt Naher Osten
Orientfahrt 1987
XI.
Israel
An den Wassern zu
Babel saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion
gedachten.
Unsere Harfen hängten
wir
an die Weiden dort im
Lande
Denn die uns gefangen
hielten,
hießen uns dort
singen
und in unserem Heulen
fröhlich sein:
„Singt uns ein Lied
von Zion!“
Wie könnten wir des
HERRN Lied singen
in fremdem Lande?
Vergesse ich dich,
Jerusalem,
so verdorre meine
Rechte.
Meine Zunge soll an meinem
Gaumen kleben,
wenn ich deiner nicht
gedenke,
wenn ich nicht lasse
Jerusalem
meine höchste Freude
sein.
HERR, ergieß den
Söhnen Edom nicht,
was sie sagten am
Tage Jerusalems:
„Reißt nieder, reißt
nieder bis auf den Grund!“
Tochter Babel, du Verwüsterin,
wohl dem, der dir
vergilt,
was du uns
angetan hast!
Wohl dem, der deine
jungen Kinder nimmt
und sie am Felsen
zerschmettert!
(Psalm 137. In der
Übersetzung nach M. Luther in der Fassung des Rats der EKD von 1964 (Württembergische
Bibelanstalt Stuttgart 1966)
1. Jerusalem
Jerusalem, Ort, Stadt –
Stätten der Geschichte, Stätten der Menschen, die hier zusammenkamen, Stätten,
die die Hoffnungen der Menschen verkörperten. Es gibt Orte, an denen Jahrtausende
der Gedanken und des Gedenkens die Gegenwart überwachsen: symbolische Orte, die
über sich hinausweisen, sei es im Gedenken an das Geschehen, das Gegenwart
ermöglichte, sei es in der Suche nach dem Heiligen im Diesseits, sei es im
verschlüsselnden und somit offenlegenden Mythos, dem Mythos des Opfers
Abrahams, dem Mythos des Himmlischen Jerusalems, dem Mythos der zeitentbundenen
Himmelfahrt Muhammads. Orte der Verehrung und des Gedenkens allenthalben: Klagemauer
und Felsendom, Via Dolorosa und die Grabeskirche. Was tut hier die historische
Authentizität zur Sache? Nichts, denn im tausendfachen Glauben und Gebet formt
sich neue, symbolische Realität: die Realität der Versammlung der Gläubigen.
Diese Stadt des Friedens hat selbst kaum je Frieden gekannt und wird so auch
zum Menschheitssymbol der Unerfülltheit der Friedenshoffnung. Drei Religionen
des Friedens haben hier blutig um die Seelen der Gläubigen und die materiellen
Vermögen der Glaubensgemeinschaften gekämpft. Und wieder droht der blutige
Konflikt; Israeli und Palästinenser, verfeindete Brüder im Glauben an den einen
Gott und ihr Recht auf Heimat und auf ihre heiligen Stätten in Jerusalem.
Warum fällt es mir so scher, dieses
Kapitel zu schreiben? Ich bin mir meiner Gedanken und Gefühle selbst nicht
sicher. Ich gehöre nicht zu den Gläubigen, die einen heiligen Ort zur Andacht
und zum Gebet suchen. Die überladene Grabeskirche ist zunächst ein lächerlicher
Eindruck geballten Devotionalienkitsches. Die Via Dolorosa historisch
unverbürgter Weg durch die arabische Altstadt. Aber spüre ich nicht doch die
Ernsthaftigkeit des Glaubens, die in bald zwei Jahrtausenden durch unzählige
Pilger über diese Orte gebreitet wurde? Und wenn es nur Einsicht und Respekt
vor der Geschichte ist, der sich auch hier der Mensch als Spätgeborener nicht
entziehen kann: auch die christliche Heiligkeitsvorstellung hat
Menschheitsrealität, mit der wir in Jerusalem konfrontiert werden.
Und dabei ist der kleinliche Streit der
konkurrierenden christlichen Konfessionen – historisch völlig unerheblich –, wo
denn im Gebiet der Grabeskirche das Kreuz tatsächlich gestanden habe, wo der
heilige Leichnam nun bestattet worden sei und wo die Auferstehung stattfand,
sowohl für den Außenstehenden anekdotisch-lächerlich, als auch ein Zeichen
dafür, wie weit auch heute noch christlicher Glaube von der Konzentration auf
den rein geistigen Glaubensgehalt entfernt ist. Können wir nicht zusammen mit
den „abgeschobenen“ abessinischen Christen den Ort des Kreuzes auf dem Dach der
Grabeskirche verehren? Vielleicht wäre eine solche absurde Lokalisation als
Materialisation von Glaubensvorstellungen ehrlicher als die Scheinauthentizität
christlicher Grab-Jesu-Forscher!
Und wieder überschichtet religiöse
Disputation das Erlebnis des heutigen Jerusalems, macht es unerträglich scher,
die Schichten der Sinngebungen zu durchstoßen und der Stadt die heutige materielle
Existenz als nahöstliche Metropole zuzubilligen. Und dabei steht diese Stadt im
Brennpunkt der aktuellen politischen Auseinandersetzungen und ist dazu noch ein
Musterbeispiel vorbildlicher Kommunalpolitik unter dem weltweit angesehenen
israelischen Bürgermeister Teddy Kollek, der unter fast aussichtslosen
Rahmenbedingungen des politischen Antagonismus und des unerbittlichen Hasses
der konkurrierenden Bevölkerungsgruppen mehr für Ausgleich und Verständnis
getan hat als wohl irgend ein Politiker auf der internationalen Bühne!
Jerusalem heute ist es Wert, als
Realität der Gegenwart genommen zu werden, vielleicht sich auch mit neuen – und
als „Stadt des Friedens“ doch so alten – Sinngebungen erfüllen zu lassen. Was
die politische Zukunft bringen wird, ist nach den dramatischen Ereignissen, die
auf unsere Reise folgten – des Aufstandes der Palästinenser, der Intransigenz
der israelischen Konservativen, des Verzichts Jordaniens auf die besetzten
Westjordangebiete –, offener denn je, und die Hoffnung auf ein „vernünftiges“
Aufeinanderzugehen der Konfliktparteien mehr als fraglich; obwohl doch gerade
dazu Jerusalem ebenfalls konstruktive Beispiele entwickelt hat.
Jerusalem: Hauptstadt Israels oder
zentraler Ort Palästinas bedeutet heute nicht nur ganz allgemein, Heilige
Stadt der drei großen monotheistischen Religionen zu sein, sondern ist heute
ganz konkret unvereinbar gegensätzliche staatsrechtliche Forderung. Wie weit
das bis in das Alltagsleben hineinreicht, ist auch an den Erfahrungen
abzulesen, die unsere Gruppe während ihres Israelaufenthaltes machte. Für Udo
Herges wurde ein solches Alltagserlebnis zu einem der ganz tiefen und erschreckenden
Ereignisse, wovon er in dem nachfolgenden Text berichtet:
„Zehn
Monate sind vergangen, seit ich aus dem heißen Nahen Osten in die regenreiche
Bundesrepublik zurückgekehrt bin. Viele der wunderbaren Eindrücke und
Erlebnisse sind mir schon nicht mehr bewußt; dabei können die vielen Photos aus
dem Sommer 1987 auch nicht helfen. An eine Begebenheit jedoch erinnere ich
mich gut, denn sie hat mir ein großes Problem des Nahen Ostens einprägsam sehr
nahe gebracht. Es war in der Jerusalemer Altstadt, wo ich, während ich eine Erfrischung
in Form eines eisgekühlten Orangensaftes zu mir nahm, wie so oft auf dieser
Reise von einem Souvenir-Händler angesprochen wurde.
Seltsamerweise
führt jedes noch so kleine Souvenirgeschäft im Nahen Osten eine große Auswahl
an Schachfiguren und -brettern, die mich interessierten; trotzdem haben diese
Länder keine weltbekannten Berufsschachspieler; auch habe ich niemanden finden
können, der Schach spielen konnte. Meistens spielte man eine Art Backgammon.
Schnell entwickelte sich ein typisches Verkaufsgespräch, in dessen Verlauf
mein Gegenüber stetig mit dem Preis herunter ging. Nachdem der Mann erkannt
hatte, daß bei mir kein Geld zu verdienen war, driftete unser Wortwechsel in
die Thematik „Gott und die Welt“. Dabei verwendete ich, für mich ebenso
selbstverständlich, wie wohl für die meisten Leser dieses Berichtes, die
Bezeichnung „Israel“ für das Land, in dem ich mich befand. Der vorher so
freundliche Händler wandte sich ab und rief mir sichtlich verärgert zu, daß
hier „Palästina“ und nicht „Israel“ sei. Er würdigte mich keines Blickes
mehr und ging anderen Beschäftigungen nach. Keiner Schuld bewußt, ging ich
wieder zu meinem Getränk.
Seit 1948 existiert dort, wo vorher das
Mandatsgebiet Palästina war, der Staat Israel, und seither gibt es bedeutende
Schwierigkeiten mit den arabischen Nachbarländern und den Palästinensern im
Inland. Welche Aggression mußte sich in den ergangenen Jahrzehnten in den
Bewohnern des Landes angesammelt haben, die sich ihrer Herkunft entsprechend
nicht mit dem Staat Israel identifizieren können und nun versuchen, ihn auch
von innen heraus zu bekämpfen!
Dabei
lassen, wenn man sich nur jeweils einen Bericht über die Levante im west- oder
ost-deutschen Fernsehen ansieht – die beide die gegensätzlichen Perspektiven
zeigen –, diese Berichte erkennen, daß hinter der Konfrontation von Juden und
Muslimen bzw. Israeli und Arabern weit stärkere Mächte stehen. Vergangenheit
und Gegenwart zeigen, daß eine Lösung der aufgezeigten Probleme noch lange auf
sich warten lassen wird. Wie schwierig solche Lösungsperspektiven zu entwickeln
sind, kann auch an einem anderen Beispiel, das unsere Reiseroute tangiert, in
zeitgeschichtlichen Dimensionen aufgezeigt werden, in der Forderung nach
einem politisch selbständigen Lebensraum für die Kurden nämlich – die in der
Türkei offiziell nur als „Bergtürken“ bezeichnet werden dürfen –, deren
Siedlungsgebiet sich über mehrere Staaten ausbreitet. Seit langem kämpfen sie
für ein unabhängiges Kurdistan, das sie als historisch zu begründende
politische Forderung bei den betroffenen Staaten und Völkern einklagen. Einige
Wochen nach meiner Begegnung im arabischen Teil von Jerusalem erkannte ich
den Händler in einem Fernsehbericht wieder. Er beschimpfte und bewarf zusammen
mit Gleichgesinnten auf einer Jerusalemer Altstadtstraße Juden, weil diese ein
Haus in seiner Nachbarschaft bezogen hatten.“
Jerusalem war, wenn auch an das zeitlich
schon unter Druck stehende Ende der Reise gedrängt, noch einmal ein wichtiger
Erfahrungsbereich unserer nahöstlichen Erlebnisse. Die vielfältigen Eindrücke
unserer Mitreisenden sind hier nicht auf einen Nenner zu bringen. So war für
mich schon vor dem Reiseantritt die Hoffnung auf das Betreten des Felsendomes
ein zentrales Reisemotiv gewesen. Und die Eindrücke auf dem Tempelberg, im
Bereich zischen El-Aksa-Moschee und Felsendom enttäuschen die Erwartungen
nicht.
Die großzügige Ruhe und Anmutung der
klassischen islamischen Moschee fanden in beiden Bauwerken in völlig
unterschiedlicher Ausprägung und Baukonzeption in ihrer Wirkung auf den Besucher
ihren Höhepunkt. Wenn es ein nichttheologisches Argument für eine Religion
geben würde, für den Islam wäre es die Moschee, die überall in der islamischen
Welt zu unübertroffenen Stätten der Menschlichkeit und der konzeptionellen
Raumästhetik, die wirklich Geistiges ermittelt, entwickelt wurde.
Die Fülle flüchtigerer Eindrücke – die
nächtliche Fotofahrt auf den Ölberg, um das Lichtermeer der Altstadt jenseits
des Kidrontales einzufangen, das Abendessen in einem kleinen koscheren Restaurant
mit traditionellen Speisen, das edle Abendmenu am nächsten Abend in einem
vornehmen Restaurant an einer der Hauptstraßen des neuen Jerusalems, der Gang
durch das neu- und wiederaufgebaute jüdische Viertel der Altstadt mit den
Ausgrabungen in die römische Siedlungsschicht hinein und – am anderen Ende der
Geschichte – der kleinen, aber umso intensiveren Gedenkstätte an die Opfer des
Naziterrors in Mitteleuropa, deren Namen und Andenken von den Angehörigen hier
zusammengetragen worden sind als Ersatz für das nicht mehr mögliche aber
ersehnte Begräbnis in Jerusalem. Alle diese Eindrücke formen sich noch nicht
zu einem abgeschlossenen Ganzen, bleiben eher Frage und Selbstbefragung,
Befragung nach eigener Sinngebung von Existenz und Geschichte. Vielleicht ist
diese katalytische Wirkung des Besuches in Jerusalem das wichtigste, bleibende
Ergebnis?
Aber, zum Abschluß dieses Kapitels soll
es ausgesprochen werden, Jerusalem ist eine schöne, eine eindrucksvolle, eine
lebendige, eine heutige Stadt voller aktiver Bewohner, voller Zukunftshoffnung
– und voller Geschichte. Der Blick auf die Altstadt, weltberühmt, verliert auch
in ständig erneuerter Begegnung nichts von seiner Eindrücklichkeit, von
seiner unverwechselbaren Zeichenhaftigkeit. Doch, auch daran sollten wir nun
denken, Jerusalem war für uns eingebettet in eine Rundfahrt durch Israel, die
eigenen Wert und eigene Bedeutung gewonnen hat. Alexander Schulze hat hier
einen zusammenfassenden, chronologischen Bericht über unseren Reiseabschnitt
in Israel zusammengestellt, der einen guten Eindruck von den vielfältigen
Erlebnissen ermittelt und der daher als nächstes Kapitel folgen soll.
2. Reisetagebuch aus
Israel
Samstag, 25. Juli. Ruhetag in Israel nach
dem freitäglichen Ruhetag in El Arish. Grenzübertritt und Fahrt zum
Campingplatz „Nêwe Yam“ bei Haifa. – Daß Israel ein Land der verschiedensten
Gegensätze ist, wurde schon am Tag der Ankunft in Israel sichtbar. Hier
treffen zahlreiche Einflüsse, Strömungen und Unterschiede aufeinander. Dies
kommt in Gesellschaft, Politik, Kultur, aber auch in Landschaft und Klima zum
Ausdruck.
Nachdem wir uns einige Wochen im
islamischen Kulturbereich aufgehalten hatten, machte Israel einen viel
vertrauteren Eindruck auf uns. Das wurde schon an der Grenzstation sichtbar.
Dies ist in Anbetracht der vielen Einwanderer aus Europa, die das Bild des
Landes prägen, verständlich. Ein starker Kontrast zu der so europäisch
anmutenden Atmosphäre an der Grenze mit ihren sachlich sterilen Gebäuden
bildete eine arabische Stadt im Gazastreifen, durch den wir nach Israel
gelangten; hier kamen wir hautnah mit dem Palästinenserproblem in Berührung,
über das man sonst nur etwas in den Medien erfährt. In dieser Stadt, einem
Vorort von Gaza, wurde die soziale Not in den besetzten Gebieten und der
Gegensatz zischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung deutlich. Die
Reise führte uns weiter die Küste entlang nach Norden; daß wir auf einer
Autobahn fuhren, verstärkte weiter das Klischee vom westlichen, europäischen
Israel. Auf unserem Weg kamen wir auch an Tel Aviv, der größten Stadt Israels
mit 1,5 Mio. Einwohnern im Großraum und Hauptstadt der Wirtschafts- und
Finanzwelt Israels, vorbei. Diese Stadt wurde in den Zwanziger Jahren von jüdischen
Siedlern gegründet und ist eine durch und durch moderne Metropole westlicher
Prägung. Im Gegensatz dazu steht die viel ältere arabische Nachbarstadt Jaffa,
die inzwischen vollkommen mit Tel Aviv verwachsen ist. An unserem ersten Tag
in Israel erreichten wir einen Campingplatz südlich von Haifa, in unmittelbarer
Nähe der Kreuzritterfestung Castra Peregrinorum, die 1291 freiwillig von den
Kreuzrittern geräumt wurde und noch sehr gut erhalten ist.
Am Sonntag, 26. Juli, wurde in Haifa die
Rückfahrt mit einer Fähre nach Griechenland gebucht. Am Nachmittag teilte sich
die Gruppe auf: Zwei Busse blieben in Haifa, um einen Anlasser- und Bremsschaden
an einem der Busse beheben zu lassen; die beiden anderen Busse brachen in
Richtung See Genezareth auf. Man wollte sich in zwei Tagen auf einem
Campingplatz bei Jerusalem treffen. Die nächste Station auf unserer Route an
der Küste entlang war Akko: Die arabische Altstadt wird vor allem durch die
Befestigungsanlagen geprägt, die unter Pascha Ahmed Jezzar Ende des 18. Jahrhunderts
errichtet wurden. Weitere sehenswerte Bauwerke sind die Ahmet-Jezzar-Moschee
und einige Karawansereien, die zur gleichen Zeit entstanden, und die sogenannte
Kreuzfahrerstadt, das Hauptquartier des Johanniterordens im 12. und 13.
Jahrhundert.
Der Weg führte uns ins Landesinnere nach
Nazareth, der Stadt, in der Jesus aufgewachsen sein soll. Dieser Tatsache
verdankt der arabische Ort, in dem fast nur Christen leben, seine religiöse und
vor allem touristische Bedeutung. Viele Sakralbauten erinnern an Stationen im
Leben der Heiligen Familie: Es gibt einen Ort, an dem Maria Wasser geschöpft
haben soll, die Stätte des letzten Abendmahles, die es aber ebenfalls in
Jerusalem gibt. Wir besuchen die Verkündigungskirche, einen alles überragenden
Monumentalbau, der von 1960 bis 1969 errichtet wurde: die Einrichtung wurde aus
vielen Teilen der Welt gespendet und zeigt sich deshalb auch als sehr
farbenprächtiges Gemisch. Das Gebäude soll auf dem Haus von Maria und Josef
stehen, hier soll die Geburt Jesu prophezeit worden sein. In der Kirche gibt es
noch Fragmente von Kirchen aus byzantinischer und Kreuzfahrerzeit.
Wenig später erreichten wir den See
Genezareth bei Tiberias, das wegen seiner armen Heilquellen schon seit der
Antike ein Heilbad ist. Der See, der vom Jordan gespeist wird, liegt etwa
zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Die Ruinen des antiken Kapernaum
liegen etwas weiter nördlich am See. Hier ist wohl die schönste Synagoge der
Antike zu sehen; sie wurde im vierten Jahrhundert errichtet. Neben der
Synagoge sind noch die Grundmauern von einigen Häusern aus jener Zeit zu
besichtigen. Als wir das Gelände mit den Ruinen erreichten, war es schon
erschlossen, da der Abend nahte. Anschließend erlebten wir eine Fahrt über den
Jordan auf einer abenteuerlich anmutenden Brücke, die aus einer
Stahlfachwerkkonstruktion mit Holzbohlenbelag als Straßenpflaster bestand und
nur einspurig befahrbar war.
Die folgende Nacht erbrachten wir auf
einem Campingplatz des Kibbuz „Ha’ On“ am südostlichen Ufer des Sees, in
Sichtweite der Golanhöhen, die seit dem „Sechs-Tage-Krieg“ von Israel besetzt
und seit einigen Jahren offiziell annektiert worden sind, da von ihnen aus
militärische Aktionen bis weit in die Kernlande Israels möglich sind.
Montag, 27. Juli. Fahrt nach Jerusalem.
Nach dem Aufbruch vom Campingplatz folgten wir zunächst dem Verlauf des
Jordantales in südlicher Richtung über Bet She’an mit seinem römischen Theater,
das im ersten vorchristlichen Jahrhundert erbaut wurde. Dieses Theater faßte
achttausend Besucher und war trotz des geringen Fassungsvermögens sehr
komfortabel ausgestattet.
Etwa siebzig Kilometer südlicher liegt
die wohl älteste Stadt der Erde, Jericho. Die heutige Oasenstadt weist eine
über neuntausend Jahre alte Geschichte auf. Die ältesten Schichten der Stadt
finden sich im Tel Jericho, einem eiförmigen Hügel am Nordwestrand der
heutigen Stadt. Hier befindet sich der älteste Turm der Menschheit aus dem
siebten Jahrtausend v.u.Z. und zahlreiche andere Befestigungsanlagen aus
verschiedenen vorchristlichen Epochen.
Nicht weit von hier liegt der Berg der
Versuchung, wo Jesus vierzig Tage fastete und dem Satan begegnete (Mt. 4,1-11;
Mk. 1,12-13; Lk. 4,1-13); hier bauten orthodoxe Mönche ein Kloster in der
steilen Felswand.
Aus einer späteren Zeit und anderen
Kulturepoche stammt der Omayyadenpalast von Khirbet-el-Maffjar, Hishams Palast,
etwas außerhalb von Jericho, den wir anschließend besichtigten. Der Bau wurde
742 unter dem Omayyadenkalifen Walid II. begonnen und sollte seinen Verwandten
sowie hohen Würdenträgern als Winterresidenz dienen, da es dort zu dieser
Jahreszeit angenehm mild und trocken ist. Durch ein Erdbeben wurde der Palast
jedoch zerstört, bevor er seiner Bestimmung übergeben werden konnte, er
verfiel dann im Laufe der Zeit. Die Anlage besteht aus dem eigentlichen Palast,
einer daran anschließenden Moschee und einem Bad. Die Gebäude waren von einer
weitreichenden Gartenanlage umgeben. Heute zeugen nur noch die Grundmauern und
einige Bodenmosaike von der einstigen Schönheit der Anlage. Wir erließen nun
den Jordangraben und erklommen mit unseren angestrengten Bussen auf endlos
erscheinenden Serpentinen das Gebirge, in dem Jerusalem liegt.
3. Ein kleiner
historischer Einschub
Jerusalem
ist die Stadt, die den drei aus dem Nahen Osten stammenden großen
monotheistischen Religionen heilig ist. Der Wandel dieser Stadt durch die Zeit
spiegelt auch die Geschichte des Landes wider, auf dessen Gebiet sich heute
der Staat Israel befindet. Die Stadt wird zuerst als Sitz eines von Ägypten
abhängigen Fürsten im vierzehnten Jahrhundert vor Christus erwähnt. David
erobert die Stadt im Jahre 1003 .Chr. und macht seine Stämme seßhaft. Unter
Salomon und seinen Nachfolgern erlebte Jerusalem trotz einiger Kriege eine
Blütezeit, bis die Stadt 586 .Chr. von dem babylonischen Herrscher
Nebukadnezar erobert und zerstört wurde. Die Bevölkerung wurde nach Babylon
verschleppt; erst etwa fünfzig Jahre später, nachdem die persische Herrschaft
unter Kyros II. das babylonische Reich erobert hatte, konnte sie in ihre
Heimat zurückkehren, um bis zu den Eroberungszügen Alexanders des Großen eine
relativ friedliche Zeit zu durchleben. Nach seinem Tod wechselten sich
Ptolemäer und Seleukiden in der Herrschaft über Palästina ab, bis die Juden
durch den Makkabäer-Aufstand (169 .Chr.) für einige Zeit wieder unabhängig
wurden. 63 .Chr. eroberten die Römer Jerusalem und setzten Herodes als
abhängigen Monarchen ein. Beim ersten jüdischen Aufstand gegen die Römer, 66
bis 73 n.Chr., wurde Jerusalem im Jahre 70 vollständig zerstört und die Revolte
schließlich niedergeworfen. Nach dem zweiten Aufstand (132 bis 135 n.Chr.)
unter Bar Kochba wurden die Juden aus Jerusalem verbannt.
614
erobern die Perser Jerusalem, es fällt aber bald an die Araber, die 1099 von
den Kreuzrittern verdrängt wurden. 1244 war Jerusalem wieder fest in
moslemischem Besitz und fiel 1517 an das türkische Osmanische Reich.
Das Osmanische Reich ging im Ersten
Weltkrieg unter, und die Türkei verlor damit die Herrschaft über den Nahen
Osten. 1920 wird Palästina britisches Mandatsgebiet. Das Ende dieser
Mandatsherrschaft führte zur kriegerischen Auseinandersetzung um die weitere
staatliche Zukunft des Gebietes zischen Juden und Arabern. Die Ausrufung des
Staates Israel ist der Beginn des sogenannten Unabhängigkeitskrieges zischen
dem neu gegründeten Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn, in dessen
Verlauf Israel das heutige Staatsgebiet – noch ohne die im „Sechs-Tage-Krieg“
besetzten Territorien des Gazastreifens und des Westjordanlandes – fixieren
konnte. Jerusalem war in dieser Zeit in einen jüdischen und einen, von
Jordanien beherrschten, arabischen Sektor geteilt, die durch einen Streifen
Niemandslandes getrennt waren. Die heiligen Stätten in der Altstadt gehörten
zum arabischen Teil Jerusalems.
Diese Teilung der Stadt konnte und
wollte Israel nicht hinnehmen. In mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen
mit seinen arabischen Nachbarn mußte die Existenz des Staates immer aufs Neue
verteidigt werden; Israel wurde dadurch zur ersten Militärmacht des Nahen
Ostens. Die weitreichendsten Folgen hatte der sogenannte „Sechs-Tage-Krieg“
1967, in welchem Israel das Westjordanland („Westbank“), den Gazastreifen und
die Golanhöhen besetzte und gleichzeitig ganz Jerusalem in sein Staatsgebiet
einbezog. Völkerrechtlich sind es weiterhin besetzte Gebiete, deren Okkupation
international nicht anerkannt wird. Israel selbst differenziert hier: während
die „Westbank“ und der Gazastreifen unter vorläufiger Militärverwaltung stehen
und ggf. bei Friedensverhandlungen im Rahmen einer großen Nahostlösung zur
Disposition gestellt werden können, hat Israel durch nationale Gesetzgebung
Großjerusalem aus grundsätzlichen Erwägungen und die Golanhöhen aus
Sicherheitsinteressen heraus endgültig annektiert und in die zivile
Staatsverwaltung einbezogen. Nach dem Yom-Kippur-Krieg 1973 kommt der
Friedensprozeß partiell zwar in Gang, das Sinai-Abkommen mit Ägypten mit
nachfolgendem Friedensertrag 1979 bereinigt die Situation mit diesem wichtigen
arabischen Nachbarn, doch der Ausgleich mit Jordanien und Syrien und damit die
endgültige Regelung der territorialen Ansprüche steht noch aus. Jerusalem wird
dabei ein zentraler und vielleicht auch der am schwierigsten lösbare
Konfliktgegenstand bleiben.
4. Letzte Tage in
Israel
Weiter in unserem Reisetagebuch: wir
kamen von Osten in die Stadt, also durch den arabischen Teil. Auf diesem Weg
hat man vom Ölberg aus eine einmalig schöne Aussicht über den Westteil der
Stadt und die Altstadt, was für die ersten Fotos von einem weiteren Höhepunkt
der Reise genutzt wurde. Der weitere Nachmittag wurde mit einem Fototermin,
diesmal vor der Knesset, und einem Besuch im Israel-Museum ausgefüllt.
Das Israel-Museum zeigt neben jüdischer
Kunst, archäologischen Funden und anderen, kleineren Ausstellungen vor allem
die berühmten Schriftrollen, die in Höhlen am Toten Meer gefunden wurden und
fast zweitausend Jahre alt sind. Es handelt sich dabei, aus den
Hinterlassenschaften der jüdischen Sekte der Essener, um Handschriften des
Buches Jesaja, Familienurkunden und Briefe Bar Kochbas und um andere
handschriftliche Dokumente. Sie werden in einem eigens errichteten Gebäude
verwahrt und ausgestellt, dem „Schrein des Buches“, dessen äußere Form sowohl
den Tonkrügen, in denen die Schriften gefunden wurden, als auch den Behältern
der heiligen Thora-Rollen nachempfunden ist.
Auf dem vereinbarten Campingplatz trafen
wir dann auch tatsächlich auf die zwei anderen Busse, von denen wir uns in
Haifa getrennt hatten.
Der folgende Tag, Dienstag, 28. Juli,
diente allein der Besichtigung der Altstadt von Jerusalem. Die
Sehenswürdigkeiten sind vor allem die heiligen Stätten der Juden, Christen und
Muslime. Die Juden verehren die West- oder auch „Klagemauer“; sie ist der einzige
Teil des zweiten Tempels, dem heiligsten Ort für die Juden, der von den Römern
im Jahre 70 nicht zerstört wurde; deshalb geht die Bedeutung des Tempels von
da an auf die Westmauer über: sie ist der Ort der Gegenwart Gottes auf Erden.
Christliche Pilger besuchen die Via
Dolorosa, den Leidensweg Christi; er besteht aus vierzehn Stationen, denen die
Ereignisse aus der Leidensgeschichte in der Bibel zugeordnet werden. Die letzten
und gleichzeitig wichtigsten Stationen befinden sich in der Grabeskirche; hier
soll Christus hingerichtet, zu Grabe gelegt und auferstanden sein. In der
Grabeskirche sind zahlreiche christliche Konfessionen vertreten, wodurch die
Kirche sehr überladen erscheint, ein Eindruck, der von dem Touristenandrang
noch unterstützt wird. Die Kirche ist durch viele Nebenräume und -kapellen
unübersichtlich verschachtelt. Die heutige Form erhielt die Kirche zwar schon
im zwölften Jahrhundert; sie mußte aber mehrfach renoviert und auch partiell
umgebaut werden.
Bei den Muslimen gilt Jerusalem nach
Mekka und Medina als dritte heilige Stadt. Dies begründet sich unter anderem
aus der Legende, daß Muhammad vom Tempelberg aus auf dem mystischen Pferd
al-Borak in einer Nacht alle Himmel durchritten und die Begegnung mit den
Heiligen und Engeln gefunden hätte, ehe er, ohne daß irdische Zeit vergangen
wäre, wieder in seinem Haus in Medina erachte. Der Hufabdruck des himmlischen
Pferdes ist noch heute auf dem mächtigen Felsen unter der Kuppel des
Felsendomes, der nach einigen Überlieferungen zugleich der Opferstein Abrahams
wie des ersten Tempels gewesen sein soll, zu erkennen. Dem Ereignis der
Himmelfahrt Muhammads ist der Felsendom ebenso gewidmet wie die
Al-Aqsa-Moschee. Der Felsendom, al-Koubba, entstand 687-691 unter Kalif Abd
al-Malik und ist trotz einiger Erdbeben fast im ursprünglichen Zustand erhalten.
Der achteckige Kuppelbau ist für die stille Andacht an dem vermeintlichen Altar
Abrahams und Davids gedacht. Die heutige Aqsa-Moschee stammt aus dem Jahre
1035, die erste Moschee an diesem Ort wurde aber schon 638 gebaut.

Felsendom - El Kubba
Neben dem Bazar und dem neuen jüdischen
Viertel der Altstadt ist die Stadtmauer mit ihren zahlreichen Toren sehr
interessant. Die heutigen Mauern stammen aus der Türkenzeit; sie wurden von
Süleyman II. errichtet, der sie teilweise auf alten Mauerresten bauen ließ. Der
Westteil der Stadt lädt mit seiner neu geschaffenen Fußgängerzone zum Bummeln
ein; hier wurde von uns auch bevorzugt zu Abend gegessen.
Der darauf folgende Mittwoch, der 29.
Juli, war unser letzter Tag in Jerusalem. Die Gedenkstätte Yad Vashem erinnert
an die sechs Millionen Juden, die im Dritten Reich ermordet wurden. Es gibt
hierzu eine ständige Ausstellung; außerdem kann man in einem Archiv
herausfinden, ob und unter welchen Umständen Angehörige Opfer des
Nationalsozialismus geworden sind. Eine „Allee der Gerechten“ erinnert an
Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden gerettet haben.
Der weitere Verlauf des Tages führt uns
nach Süden in die Judäischen Berge und zum Toten Meer. Zunächst treffen wir in
Bethlehem ein. Das sehenswerteste Gebäude von Bethlehem ist zweifellos die
Geburtskirche. Das heutige Gebäude stammt aus dem dritten nachchristlichen
Jahrhundert; die Geburtsgrotte bezeichnet den vermuteten Geburtsort Jesu. Das
Herodion ist eine in einen erloschenen Vulkan hineingebaute Festung, die, wie
der Name schon sagt, von Herodes dem Großen erbaut wurde.
Die Burg war von einer runden Mauer mit
vier ebenfalls runden Türmen umgeben und soll auch Grabstätte des Herodes sein.
Später, in byzantinischer Zeit, diente das Herodion als Kloster, bevor es dann
langsam verfiel. Massada, ebenfalls Bergfestung und am Toten Meer gelegen,
wurde schon im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt befestigt; aber erst
Herodes baute Massada zur größten Festung des Landes aus. Traurigen Ruhm
erlangte es erst im zweiten jüdischen Aufstand als letzter Zufluchtsort für
die Rebellen und ihre Angehörigen. Nach langer Belagerung durch die Römer fiel
die Festung schließlich, doch die Eingeschlossenen nahmen sich lieber das
Leben, als in Gefangenschaft und Sklaverei zu geraten. Dieses Ereignis wird
auch heute noch in Israel als große Heldentat bewundert.
Donnerstag, 30. Juli: Nun hieß es
Abschied nehmen von einem Land, einer Region, die als Wiege der Zivilisation
bezeichnet werden kann. In Haifa hatten wir nur wenig Zeit, von der Stadt, die
sich malerisch vom Mittelmeer her das Carmel-Gebirge hinaufzieht, einen
Eindruck zu gewinnen. Das einprägsamste Bild ist wohl das Bahai-Heiligtum der
persischen Sekte; es ist ein Mausoleum für den Gründer der Religion, in der
sich europäische und orientalische Glaubenselemente unter der Vorstellung
einer weltumspannenden Humanität vereinigen; eine weithin sichtbare goldene
Kuppel krönt diesen Bau am Abhang des Carmel.
Am Abend erließen wir mit der MS
„Paloma“ den Hafen von Haifa in Richtung Piräus.
Alexander
Schulze
5. Leben unter dem
Zeichen von Massada?
Leben unter dem Zeichen von Massada:
Diesem Motiv begegneten wir in Israel mehrfach. Auf dem Campingplatz des Kibbuz
Ha’ On am See Genezareth nahmen wir an einem Tanz- und Musikabend teil. Auf der
Terrasse des Haupthauses, in dem die Restauration untergebracht war,
versammelten sich die jüngeren Kibbuzbewohner zusammen mit Gästen des
Campingplatzes. Zunächst wurden Lieder gespielt, deren Texte, mit
Illustrationen anschaulich gemacht, durch Dias auf eine Leinwand projiziert
wurden. Es waren nationalistische Lieder, doch meist getragen, traurig, von
Kampf und Tod und Verlassenheit handelnd – die Illustrationen gaben einen Einblick
in die Bedeutung der Hebräischen Texte.
Und dann der Tanz, zu dem alle
aufgefordert, in den auch die Gäste einbezogen wurden. Auf dem T-shirt des
Vortänzers aus dem Kibbuz: „MASADA“. Massada als Stimmung? Ist es die Drohung
einer feindlichen Umgebung, die als Parallele zur historischen Situation in
Massada empfunden wird? Ist es die Todesverachtung der Helden von Massada, die
hier in der Gegenwart demonstriert werden soll? Ein merkwürdiges Gefühl: Leben
im Zeichen der Verlierer, die lieber den Freitod als die Niederlage erleben
wollten. Was bedeutet das für die politische Stimmung im heutigen Israel?
Die Erlebnisse in Israel sind nur schwer
auf einen Nenner zu bringen, zu vielfältig waren die Eindrücke, zu kurz war die
Zeit, die Bedeutung der Erscheinungen unter der Oberfläche erfahren zu können,
ihre historische Tiefe aufzudecken, ihre heutige Bedeutung ermessen zu können.
Doch war der Besuch in Israel wichtig, fügt er doch dem Mosaik nahöstlicher
Reiseerfahrungen eine wesentliche neue Facette hinzu, die zum Verständnis des
bereisten Raumes wichtig ist. Doch kann unser Besuch in Israel nur ein erster
Kontakt sein, dem hoffentlich weitere, tiefere Begegnungen folgen werden. Den
Abschluß unserer Reise bilden so vor allem Fragen, ungelöste Probleme – und die
Aufmerksamkeit, mit der wir, nach Hause zurückgekehrt, die weitere politische
Entwicklung in diesem Raum beobachten.
Schon während der Schlußredaktion dieses
Reiseberichtes drängen sich neue Entwicklungen in die Beschreibung der selbst
erlebten Situation. Die Intifada, der Aufstand der Palästinenser in den besetzten
Gebieten, die Proklamation eines Palästinenserstaates, der staatsrechtliche
Verzicht Jordaniens auf das Westjordanland zugunsten eines
Palästinenserstaates, die zunehmend härter und verzweifelter erdende
Besatzungspolitik Israels im Westjordanland und im Gazastreifen – das alles
sind Entwicklungen, deren Ende noch nicht abzusehen ist, die aber die
politische Landschaft des Nahen Ostens tiefgreifend Verändern können.
Und wie wirkt sich das Ende des
Golfkrieges auf die Nachbarstaaten aus? wie wird sich der Libanonkonflikt und
damit auch die Beziehung Syriens zu seinen Nachbarn wie zu den Großmächten
entwickeln? Fragen über Fragen, auf die wir noch keine Antwort gefunden haben.
Doch glaube ich, daß wir nun, nach dieser Reise, die Entwicklungen mit größerem
Verständnis und mit wacherer Aufmerksamkeit erfolgen können.
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