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Arbeitsschwerpunkt Naher Osten
Orientfahrt 1987

III.-V. Vorbereitungen- Résumé - Der Aufbruch

III. Vorbereitungen

Die Reiseorganisation konnte auf Erfahrungen mit drei ähnlichen Gruppenreisen mit Schülern in VW-Bussen, jeweils in den Sommerferien, nach Iran, Nordafrika und Skandinavien zu­rückgreifen, ebenso in manchen Aspekten auf Erfahrungen während der Türkeireise im Herbst 1985. Diese Erfah­rungen und das Bewußtsein, nur über äußerst begrenzte finanzielle Mittel verfügen zu können, veran­laßte uns dazu, die Reise ohne Einschaltung eines Reisebüros selbst zu or­ganisieren und mit extra dafür erworbenen alten VW-Bussen durchzuführen. Drei Busse wurden an­geschafft und nach der Reise wieder verkauft; dazu kam als viertes Fahrzeug noch der VW-Cam­pingbus, den Till Büthe ein­brachte (und auch nach der Reise weiter nutzt). Auf Vorbuchungen von Hotels und Campingplätzen wurde – weil dies in der gewünschten Preiskategorie ohnehin illusorisch und bei der zeitlichen Unsi­cherheit des Reiseverlaufes unsinnig ist – ebenso verzichtet wie auf eine Vorbuchung der Fährfahrt für den Rückweg. Letzteres war ein Risiko, das wir aber bewußt einge­gangen sind. Daß wir damit richtig lagen, bestätigte uns unsere Erfahrung in Alexandria und Haifa, den beiden zur Auswahl ste­henden Abfahrthäfen. In Deutschland waren weder die Zahlungs- und Buchungsmodalitäten korrekt bekannt noch lagen die vollständigen Fahrpläne aller tatsächlich exi­stie­renden Verbindungen vor. Zu­dem war in Israel eine Buchung vor Ort weitaus billiger als eine Re­ser­vierung von Deutschland aus. So konnten wir, wenn auch mit einigen Mühen, Rennereien und kurz­fristigen Routenentscheidungen, eine sehr preisgünstige Fährverbindung von Haifa (Israel) nach Pi­räus (Griechenland) über Cypern, Rhodos und Tinos bei der Mano-Linie auf dem cypriotischen Schiff „Paloma“ buchen.

Die Vorbereitung der Reise hatte ihren Scherpunkt im Erwerb der Fahrzeuge, ihrer technischen Ausstattung, im Kauf von Ausrüstungsgegenständen (Lebensmittel, Campingausrüstung soweit nicht schon privat vorhanden, Medikamente) und in der intensiven Besprechung von Reisealternativen un­ter Berücksichtigung aller vorhersehbaren Eventualitäten (geschlossene Grenzen, fehlende Fährver­bindungen usw.). Erfreulicherweise war dann die ganze Reise von ihrem Ablauf her viel problemlo­ser, als es vor allem außenstehende Skeptiker befürchteten. Daß auch ungünstigere äußere Bedin­gun­gen nicht als unmittelbare Gefahren für die Teilnehmer zu werten gewesen wären, das war mir nach meinen bisherigen Erfahrungen aber schon vor der Reise so gut wie sicher. Die Vorbereitung er­streckte sich über ein ganzes Jahr mit regelmäßigen Treffen, die im Schulalltag als „Orient-AG“ ei­nen festen organisatorischen Rahmen erhalten hatten. Die technischen Vorbereitungen wurden ar­beitstei­lig durchgeführt. Die Busse wurden im Winter und Frühjahr vor der Reise beschafft. Dabei gab es einige Schwierigkeiten und Verzögerungen, da viele Angebote technisch oder finanziell nicht ak­zeptabel waren. Zusammengefaßt muß die Wagenausstattung etwa so beurteilt werden: Die Fahr­zeuge haben trotz Alter und technischer Unausgeglichenheiten die Reise überstanden, mußten aber währenddessen einige Reparaturen auch an wichtigeren Funktionsteilen über sich ergehen lassen. Neuralgische Punkte waren, bei den einzelnen Fahrzeugen unterschiedlich, Anlasser und Zündung, Schaltung, Bremsdruck und Schiebetüraufhängung. Die Motorleistung blieb, bei unterschiedlichen Motorisierungen der Fahrzeuge, akzeptabel, Reifenschäden traten selten auf, und auch eine nach Überfahren eines Steines in der Türkei leicht angeschlagene Hinterachse hat die Reise gut überstan­den. Die stabile und technisch primitive Faktur der -Busse war hilfreich, so daß auch kleine orientali­sche Kfz-Werkstätten mit den Schäden schnell zurande kamen. Ein Bremsdefekt wurde in Haifa / Is­rael von einer autorisierten Werkstatt behoben. Wie ein Anlasserschaden in der Südtürkei auf der Straße ohne weiteres Werkzeug als Schraubenzieher und Kontaktkabel mit viel Funkenflug in zehn Minuten behoben werden konnte, bleibt uns ein Rätsel. Einige Defekte, Start- und Schaltschwierig­kei­ten, erfuhren auch eine rätselhafte Spontanheilung. Im Orient wird man schon wundergläubig! Herausfallende Türen sind dabei eher amüsierende Campingplatzerfahrungen, die mit Bordmitteln provisorisch zu beheben waren. Als Konsequenz aus dem technischen Zustand der Fahr­zeuge haben wir jedoch einige Sicherheitsregeln eingehalten: die Fahrzeuge nicht unnötig technisch zu strapazie­ren, Problemstrecken zu vermeiden und möglichst im Sichtabstand zu fahren.

Die medizinische Vorsorge (Impfungen gegen Cholera, Tetanus, Typhus und Hepatitis B, Mala­ria-Prophylaxe mit Resochin) und Notausrüstung entsprach tropenärztlichen Ratschlägen und eigener Erfahrung. Probleme sind während der Fahrt damit nicht aufgetreten. Durch Anstrengungen, Klima­umstellung und unter Umständen auch durch banale Infekte war der körperliche Zustand der Teil­nehmer nach der Reise dennoch etwas angeschlagen. Verdauungsprobleme und Durchfälle traten mehrfach auf. Schwierigkeiten mit der Hitze und der Sonneneinstrahlung waren nur sporadisch zu beobachten; am gravierendsten war ein Hitzeaffekt bei Gerhard Stünkel in Damaskus. Schwerere Er­krankungen als diese, mit deren Auftreten wir in der einen oder anderen Form schon vor der Reise gerechnet hatten, waren erfreulicherweise nicht zu beklagen. Die Lebensmittelversorgung wurde an­teilig auf mitgenommene Trockenspeisen (Nudeln, Reis, Kartoffelbreipulver, Tütensuppen etc.) und ergänzende Lebensmittel (Marmelade, Ketchup, Brotbelag, Fett, Gewürze etc.) sowie zugekaufte Frischaren (Eier, Brot, Obst, Gemüse) abgestellt. Die „Köche“ haben dabei manche sehr schmack­vol­le Speise mit den primitiven Hilfsmitteln (Benzinkocher und Gaskocher im Campingbus, letzterer vor allem zur Heißwasser- und Tee- und Kaffeezubereitung benutzt) hergestellt. Doch ob diese Er­näh­rung tatsächlich den physiologischen Bedürfnissen während der Reise angepaßt war, wage ich zu be­zweifeln; zu sehr haben häufige Hetze und abendliche Müdigkeit eine gewisse „Wurschtigkeit“ ge­genüber der Essenszubereitung und ihrem Zeitaufwand aufkommen lassen. Als wir im letzten Teil der Reise in Ägypten und Israel sahen, daß unsere Gelder reichen würden, haben wir daher immer öfter Restaurantmahlzeiten eingenommen bzw. den Reiseteilnehmern aus der gemeinsamen Kasse „Essensgeld“ ausgezahlt. In Ägypten, aber auch schon vorher in Syrien, war dies auch angebracht, da durch den Zwangsumtausch an der Grenze höhere Geldbeträge zur Verfügung standen, die sonst nicht sinnvoll verwendet worden wären.

Die Übernachtungen erfolgten vorwiegend auf offiziellen Campingplätzen, da wir die meiste Zeit durch dicht besiedeltes Gebiet bzw. im Bereich von Großstädten gereist sind. Das unterscheidet eine Nahostreise trotz naturlandschaftlicher Parallelen deutlich von Nordafrikareisen, die immer wie­der durch unbewohnte Wüsten- und Steppenregionen führen, in denen das Zelten im freien Gelände nach alter Nomadentradition selbstverständlich ist. Auf unserer Reise haben wir diese Art der Über­nach­tung auch einige Male durchführen können und zwar in der zentralen Türkei am Tuz Gölü und bei Karaman, in Syrien am Euphrat und auf dem Sinai in Ägypten. Doch dies waren letztlich Ausnah­men. In den meisten Ländern waren die Kosten für eine Campingplatzübernachtung mäßig; die Aus­stattungsstandards waren dementsprechend meist recht beschränkt. In Israel dagegen waren die Campingplätze gut ausgestattet, tadellos sauber, aber auch sehr teuer, jedenfalls gemessen an unse­ren niedrigen finanziellen Maßstäben. Die Kosten entsprechen dem allgemeinen hohen Niveau der Le­benshaltungskosten in diesem Lande. Insgesamt hat sich die gewählte Reiseform bewährt und ist für eine Schülerreise in diesen Raum, bei den vergleichsweise geringen Kosten, die nur entstehen dürfen, angemessen. Eine sinnvolle, gleichwertige Alternative sehe ich nicht.

IV. Résumé

Hier kann nur eine ganz persönliche, nicht abgesprochene, zusammenfassende Beurteilung der Reiseerfahrungen, gemessen an den in der Einleitung vorgestellten Erwartungen, gegeben werden. Doch will ich mir damit, wenn auch nur in einigen Stichorten, selbst Rechenschaft darüber ablegen, inwieweit meine Vorstellungen in die Realität umzusetzen waren und inwieweit in späteren Zeiten neue Reisepläne auf die Konzeption unserer Orientreise zurückgreifen können.

Die inhaltliche Konzeption der Reise konnte zwar im Sinne der genannten Vorüberlegungen umgesetzt werden, war aber zu sehr aus der Sicht des „Orientspezialisten“ formuliert worden, um tat­sächlich als einigende Motivation der Reiseteilnehmer zu fungieren. Sie war daher eher ein Lernange­bot als eine gemeinsam getragene Reisegrundlage – was ihr ihren immanenten Wert je­doch nicht ab­spricht.

Die Reisemotivation war erwartungsgemäß entsprechend der Heterogenität der Gruppe sehr un­terschiedlich. Fachliche Interessen standen neben positiver Abenteuerlust und Erlebnishunger oder auch neben sozialen Ansprüchen an die Reisegruppe selbst. Letzteres wurde wohl am gering­sten be­friedigt. Drei Gründe kann ich dafür nennen: Die Gruppe war zu groß und mußte daher notwendi­gerweise in Teilgruppen und Hierarchien zerfallen; die altersmäßige Streuung hat ein wirklich har­monisches „Gruppenempfinden“ unmöglich gemacht; meine eigene Rolle als Initiator der Reise habe ich nicht darin gesehen, als Animateur aufzutreten. Mein eigenes Interesse an „Gruppenbewußtsein“ ist dazu auch zu gering entwickelt, so daß ich selbst den Nachteil der großen Gruppe eher als unter­geordnetes Bewertungsmoment empfinde.

Die Wahl der Reiseziele war faszinierend und zweifellos die Reiseanstrengungen allemal loh­nend! er von den Reiseteilnehmern hätte diese Orte und unsere Ziele in dieser Fülle tatsächlich sonst besucht und kennengelernt? Die Reiseroute war für die zur Verfügung stehende Zeit und zu einer ei­gentlich sinnvollen oder gar notwendigen Vertiefung der Erfahrungen in den einzelnen Län­dern zu lang. Das wußten wir vorher. Wir haben sie gewählt in voller Kenntnis der damit verbunde­nen Pro­bleme und sehen in ihr über den Erlebniswert hinaus vor allem eine Anregung, sich den Problemen des Nahen Ostens mit mehr Verständnis und affektiver Zuwendung zu widmen – und vielleicht wie­der hinzureisen.

Die Routenorganisation war richtig geplant und wie vorhergesehen durchzuführen. Probleme an den Grenzen, in den besuchten Ländern und bei den notwendigen Fährüberfahrten, die den Rei­seer­folg ernsthaft infrage gestellt hätten, sind nicht aufgetreten. Bei gleichbleibender politischer Lage – die durch die Palästinenseraufstände im israelisch besetzten Westjordanland derzeit wieder gefährdet ist – ist diese Reise wiederholbar und durch den Wegfall des Zwangsumtausches in Ägyp­ten auch finan­ziell noch problemloser.

Die politischen und sozialen Probleme der besuchten Länder sind von uns nicht als Risiken, son­dern als nachdenklich stimmende Informationen und Eindrücke erfahren worden. Die unüber­sehbare Militärpräsenz, Straßensperren, Versorgungsprobleme z.B. in Syrien, Teuerung z.B. in Is­rael, erdrüc­kende Armut und menschenunwürdige Lebensverhältnisse in bestimmten Regionen Ägyptens waren auffällige Eindrücke.

Spezielle Risiken des bereisten Raumes können durch sorgfältige Reisevorbereitung vermieden werden. Die Ängstlichkeit und Terroristenfurcht Außenstehender wird nicht durch die Realitäten be­gründet, sondern ist Produkt der Unkenntnis und mangelhaften Information.

Nur im Straßenverkehr bestehen wesentliche Risiken, die von den begeisterten jugendlichen Autofahrern nicht immer im vollen Umfang gesehen worden sind. Doch glaube ich, daß eben diese Fahr-Anfänger bei nicht von erfahrenen Fahrern begleiteten Urlaubsreisen z.B. nach Südeuropa mit u.U. schnelleren Wagen wesentlich mehr gefährdet wären, als bei unserer gemeinsamen Reise, wo doch ein Mindestmaß an sozialer Kontrolle und Verantwortlichkeit im Interesse der Sicherheit aller stattgefunden hat.

V. Der Aufbruch

Am Donnerstag morgens, am 25. Juni gegen acht Uhr, bei trübem und Hannoverschem Wet­ter ist es dann soweit: der Aufbruch. Bis alle vier Wagen in Laatzen auf dem großen Park­platz zusammenge­kommen sind, ergehen doch noch einige Minuten, und auch die Ab­schiedsfotos und die letzten Grüße von Familienangehörigen und Freunden zögern die Abfahrt noch etwas hinaus. Doch dann setzt sich die Karawane der vier Kleinbusse, Gelb voran, dann folgen zweimal Weiß und einmal Grün, in Be­wegung; lange Autobahnstrecken, nur ab und zu durch eine kurze Rast unterbrochen; und gegen Spätnachmittag ist die deutsche Grenze erreicht. Auch in Öster­reich fahren wir noch eine gute Strec­ke. Die Autobahn endet, und auf schmaleren, landschaftlich reizvollen Straßen fahren wir von Passau aus über nicht allzu steile Pässe in Richtung Graz.

Auf dem Campingplatz von St. Pankraz erleben wir in der nebligen Frische des Hochgebirgsta­les zischen dunklen Gebirgswäldern und dem Rauschen des Flusses im Tal unsere erste Nacht im Zelt. Noch ist für uns alles neu, die tägliche Routine muß sich erst einschleifen. Aus unerfindlichen Grün­den gibt in der kühl-feuchten Nacht die Belichtungsanzeige meiner Super-8-Filmkamera „ihren Geist auf“; die Fahrt über nehme ich dann, in spekulativem Vertrauen auf die übrige Technik sozusa­gen „blind“, nur noch an einigen ausgewählten Orten unserer Reise Filme auf, die tatsächlich tadellos werden. Ich vertraute den Filmkünsten unserer ebenfalls Super-8-ausgerüsteten Mitreisenden Ines. Zusätzlich helfen der Erinnerung aber über tausend Fotos auf, ergänzt durch eine Auswahl der besten Fotos quer aus den Beständen unserer fleißigen Fotografen.

Aber die Hinfahrt ist für diese Dokumentation ebensowenig ergiebig wie für unseren Reisebe­richt: möglichst schnell und ohne unnötige Verzögerungen vollen wir unsere ersten Reiseziele, vollen wir zumindest die Türkei erreichen. So wird die Fahrt durch Graz auch nur zu einem kurzen Ein­kaufshalt genutzt; die jugoslawische Grenze ist dann bald erreicht, und damit sind die ersten tausend Kilometer Fahrt hinter uns gebracht. Von Jugoslawien ist nicht viel zu berichten. Über Maribor errei­chen wir Zagreb und damit den – berüchtigten – „Autoput“, die E 5 – heute im größten Teil schon als durchaus angenehm zu fahrende Autobahn ausgebaut. Die Großstädte werden umfahren. Nur strec­kenweise ist der Ausbau noch nicht fertig; der alte zwei- bis dreispurige Zustand, teilweise ein­geengt noch durch Großbaustellen, lockt die ungeduldigen Fahrer der „Autoputprofis“ zu riskanten Überhol- und Drängelmanövern; doch wir lassen uns nicht hetzen (könnten das mit unseren Fahrzeu­gen wohl auch gar nicht) und bleiben weiterhin defensiv. Für einige unserer Fahranfänger waren die Verkehrs­zustände auf diesen Strecken „Augenblicke der Wahrheit“; andere aber erlernten dabei schneller als in jeder anderen Situation Reaktionsfähigkeit und Wagenbeherrschung und wurden damit zu sicheren und für die ganze Reise zuverlässigen Fahrern. Beim Einkauf von Brot und fri­schem Obst machten wir dann die erste Bekanntschaft mit den ländlichen Ortschaften Jugoslawiens mit ihren ockergelben, niedrigen Häusern und den staubigen Straßen, kleinen Eckläden und verstaub­ten Straßenbäumen. Hier und da das träge Bellen eines mittagsmüden Hofhundes, nur selten das Rattern eines alten, klap­prigen Lieferwagens – welch ein Kontrast zur Rast in einer der supermoder­nen Autobahnraststätten, wo wir unseren Kaffee zwischendurch genossen. In Slawonski Brod, auf einem hinter einem LKW-Parkplatz in einem kleinen Wäldchen versteckten Campingplatz am Rande der großen Straße, über­nachten wir zum zweiten Male. Nun hält uns nichts mehr in Jugoslawien, so schön die Landschaften auch sind, die uns in der Ferne begleiten. Die Autobahndurchfahrt durch die Randgebiete von Bel­grad ist heute gut ausgebaut und zeigt, auch in den großen Geschäftsblöcken und Wohnanlagen, ar­chitektonische Bemühungen, die hinter keinem anderen Lande zurückstehen.

Doch auch das lassen wir schnell hinter uns. Bei Niš erlassen wir die Autobahn in Richtung Bul­garien. Die Fahrt durch die Schluchten der Nisava mit ihren wildromantischen Felsformationen läßt uns unsere Eile bedauern. Neben der Straße ausgebrannte, den Felshang heruntergestürzte Lastkraft­wagen lassen uns erschauern. Und in einem der vielen kurzen Straßentunnel wäre einem unserer Wa­gen fast auch ein Unglück geschehen, als, in der plötzlichen Dunkelheit kaum zu bemerken, die Stra­ße sich verengt und eine Felsnase vor der Windschutzscheibe auftaucht. Nun, noch einmal ist es gut gegangen. Doch die Beteiligten haben einen ganz schönen Schrecken davongetragen! Es wird lang­sam Abend, und wir müßten uns nun eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Doch auf unseren Plä­nen ist hier nichts eingezeichnet, und in Bulgarien sollten wir nicht übernachten, da wir nur Transit­visa besitzen und eigentlich auch für dieses Land kein Geld eintauschen wollten. Kurze Beratung. Und der verrückte Vorschlag: Fahren wir doch durch bis in die Türkei. Mit entsprechenden Fahrer­wechseln ist die Monotonie der Nachtfahrt doch risikolos durchzustehen. Natürlich gibt es Beden­ken; die Interessen meiner (übermüdeten und wenig Autofahrten gewöhnten Familie) werden über­gangen; doch manchmal muß man auch im Interesse der gruppenförderlichen Erfolgserlebnisse ein­mal unge­wöhnliche Entscheidungen treffen und akzeptieren. Meine Sicherheitsbedenken machen sich Luft in ernsthaften Ermahnungen, vorsichtig und umsichtig zu fahren.

Doch wäre die Entscheidung auch dann gleicherweise gefallen, wenn wir alle unsere Nachter­lebnisse vorher gekannt hätten? Mit Einbruch der Dunkelheit und nach einem problemlosen Grenz­übergang nach Bulgarien ließ der Straßenverkehr schlagartig nach. In der Nacht waren wir oft weit und breit die einzigen Verkehrsteilnehmer. Das erschwerte die Orientierung, da die meisten Auto­bahnstrecken, weitab von jeder Siedlung und Stadt, noch nicht fertig waren. Bulgarien erschien uns als riesige Straßenbaustelle. Da die Fahrspuren mal auf die eine, mal auf die andere Seite erlegt wa­ren, Randstreifen zu Fahrspuren gemacht waren und selten erkennbar war, wo nun Gegenverkehr zu erwarten war und wo nicht, hatten die wachen Mitreisenden, welche schnell die Minderheit bildeten, einige Zeit, sich die Orientierungsprobleme durch den Kopf gehen zu lassen. Die Vorbeifahrt an ei­nem Jugendherbergs-Wegweiser ließ den einen oder den anderen auch an Alternativen zur Weiter­fahrt denken; doch wie sollte eine Verständigung zischen den Wagen erfolgen, nachdem sich der Konvoi in der Dunkelheit aufgelöst hatte und die Sichtverbindungen abgerissen waren?

Der vereinbarte Zwischentreffpunkt gab neue Unsicherheit. Die Straßenführung war am erwar­te­ten Autobahnende in keiner Weise mit der Karte übereinstimmend. Und unser grüner Campingbus war als Vorreiter völlig verschwunden. Nach Hin- und Herfahren, Warten, Suchen und Zweifeln kam er uns dann doch – entgegen! Der Fahrer, dessen Mitreisende alle eingeschlafen waren, konnte seiner Fahrbegeisterung einmal unkontrolliert und nach Herzenslust frönen – und der vereinbarte Treff­punkt war schnell überfahren und unbemerkt vorüber.

Erst viel später kamen die Bedenken – die Umkehr und Suche. Bedenken verstärkten sich auch bei anderen über die Risiken solcher Extratouren, vor allem als wir, im letzten Teil der Fahrt durch unser Transitland, mehrere schere Unfälle sahen; die Unglücksfahrer schienen übermüdet in voller Fahrt gegen Alleebäume gefahren zu sein. Einer Sorge waren wir enthoben, als wir gegen vier Uhr morgens die türkische Grenze vor Edirne erreichten. Doch wenn wir dachten, daß damit unser Ta­gespensum (oder Nachtpensum) absolviert worden wäre, sahen wir uns getäuscht. Seit einigen Jah­ren zwar neu und modern ausgebaut, ist die türkische Grenzabfertigung immer noch so bürokratisch und langwierig wie eh und je, auch im Unterschied zur Ausreise aus Bulgarien, die schnell und pro­blemlos vonstatten ging. In vielen Reihen nebeneinander stauten sich die Autoschlangen von rückrei­senden türkischen Familien – mit viel Gepäck und viel Geduld. Die Strecke bis zur Abfertigung selbst ist leicht abschüssig, so daß wir zum meterweisen Vorrücken nicht immer wieder den Motor anlassen mußten. Bei der Abfertigung selbst passiert noch das Mißgeschick, daß der eine Bus als abgefertigt durchgewunken wird, um bei der abschließenden Zollkontrolle festzustellen, daß noch ein fremden­polizeilicher Stempel fehlt. Also wieder zurück. Aber die Zumutung, uns wieder ganz ans Ende der Warteschlange zu begeben, lassen wir uns nicht gefallen und holen, trotz Protesten seitens der Beam­ten, unseren Stempel von der anderen Seite her.

Damit waren wir schon wieder einmal getrennt. Wo waren die anderen Busse? Etwas weiter der Straße folgend, trafen wir sie vor einem Campingplatz. Aber jetzt noch, nachdem es schon hell ge­worden war, das hier extrem teure Übernachtungsgeld zahlen? Nein, wir fuhren noch etwas weiter zischen den Zäunen von militärischen Sperrgebieten – gleich rechts verläuft ja die Grenze zu Grie­chenland, bis wir nach einigen Kilometern einen Feldweg links in die Äcker hinein finden, der uns, zwischen einigen Bauernhäusern hindurch über sanfte, mit Getreide bestandene Hügel hin zu einem ab­gelegenen, ebenen Platz führt, den wir für eine Morgenrast benutzen, nur wenige Meter entfernt von einer Schutthalde und Sandgrube, die sichtlich, wie Häuser- und Ruinenattrappen bezeugen, für mili­tärische Übungszecke gedient hatte. Der Wunsch, auch jetzt noch gleich in Richtung Istanbul weiter­zufahren, war zwar verständlich, aber für die etwas müderen Teilnehmer nicht mehr akzepta­bel. Hier wurde von den Männern mit der überschüssigen Kraft die Kompromißbereitschaft abver­langt, die sie beim Wunsch nach der Nachtfahrt durch Bulgarien von den müderen Teilnehmern er­wartet hatten. Im schnell aufgebauten Igluzelt oder im Wagen auf Vorder- und Hinterbank fand man dann bald ei­nige fest schlafende Gestalten, bis dann, nach einigen Stunden Ruhe bei beginnender Ta­geshitze eine frische Tasse Kaffee die Lebensgeister wieder weckte. Nun waren wir also in der Tür­kei! Unsere Abenteuer konnten beginnen!

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 1987 / 25.12.2008 / 06.12.2009

Letzte Bearbeitung: 26.02.2011

   
   

 

     
   

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