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Inhalt
Literatur
Impressum dieser Seite und der Druckausgabe
Gerhard
Voigt / Lothar Nettelmann / UNESCO-Club Hannover
Ein Jahrzehnt
Türkeipartnerschaft
im Rahmen der
UNESCO-Projektschul-Arbeit der Bismarckschule Hannover
und der Schulpartnerschaften mit İstanbul und Poznań
(Langfassung aus unserer
Buchpublikation)Ein Bericht über die Partnerschaft
der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen
der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule
Mit dem Reisebericht der
Türkei-Studienfahrt der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im
Frühjahr 1996
(11.-28.05.96)
Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft
Ein Rückblick
Es ist eine
reizvolle, wenn auch nicht immer einfache Aufgabe, zu jedem der bisher fünf
Reiseberichte von Reisen in die Türkei im Rahmen der Schulpartnerschaft der
Bismarckschule Hannover mit der Istanbul Lisesi ein neues, gehaltvolles,
informatives und doch originelles Vorwort zu schreiben, das sich nicht auf
eine reine Wiederholung bisheriger Aufsätze beschränkt. Vor dieser Aufgabe
stehe ich nun wieder. Durch die lange Verzögerung, mit der die einzelnen
Berichte unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur redaktionellen
Zusammenstellung bei mir eingingen – die Reise fand ja schon in über
Himmelfahrt und Pfingsten des nun zur Neige gehenden Jahres 1996 statt –
wird dieses Bemühen um eine „Vorwort" eher zu einer allgemeineren Reflexion
und Rechenschaft über das vergangene Jahr und über die Kontinuitäten der
Reisen und der Begegnungen mit dem Fremden, der Fremde, die im Laufe der
Zeit zur heimatlichen Nähe wird, damit auch zu einem Angebot zum gemeinsamen
Erinnern und Nachdenken an die, die diesen Weg begleitet haben, ihre
Hoffnungen auf ein neues Verhältnis zur Welt gesetzt und aktiv an den vielen
Vorhaben der vergangenen Jahre beteiligt waren – schlicht gesagt: an unsere
Freunde und „Mitstreiter", und natürlich auch an die Reisegruppe selbst, der
die Erinnerung an gemeinsames Erleben noch frisch und unmittelbar
gegenwärtig ist – in der Hoffnung, daß vieles vor dem Lauf der eigenen
Biographien Bestand und Wert haben möge.
Das ist diesmal
noch wichtiger und schwieriger, da mit dem Besuch in Istanbul 1996 das
zweite Jahrzehnt unserer Partnerschaft und der Türkeiarbeit unserer
Schule begann und es die Aufgabe dieses Heftes sein soll, nicht nur über
diese eine Reise zu berichten, sondern ein erstes Résumé der Türkeikontakte
und der Schulpartnerschaft im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule
herzustellen, zu fragen, wie es begann, welche Ziele und Überlegungen am
Beginn dieser Arbeit standen – zu diesem Zweck werden wir einen lange
vergriffenen Text von 1990, der damals eine erste Zwischenbilanz der
Schulpartnerschaften und der ›Arbeit einer UNESCO-Schule‹ zog, nachfolgend
wieder abdrucken – und zu fragen, was denn bisher tatsächlich geschafft und
bewegt worden ist: um Fixpunkte für die Ziele der zukünftigen
interkulturellen Arbeit unserer Schule zu stecken.
Der erste Blick
auf die heutige Situation ist zwiespältig, eher pessimistisch. Während sich
in der Istanbul Lisesi vieles seit 1985 bewegt hat, die Schulpartnerschaften
einen zunehmend wichtigeren Stellenwert einnehmen und immer deutlicher auf
die Bildungsziele der Schule ausstrahlen – durchaus bewußt als Gegenbewegung
zu retardierenden Momenten der türkischen Bildungspolitik und der
problematischen Entwicklungen in der Türkei –, ist an der Bismarckschule
Hannover eher Rückschritt zu verzeichnen. Vom Aufbruch zu neuen
Bildungskonzeptionen, wie sie bei Colloquien und Veranstaltungen in der
Schule in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aufschienen, als der UNESCO-Club
für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., gegründet
und interkulturelle Projektveranstaltungen mehrfach mit großem Erfolg
durchgeführt worden waren, ist wenig übrig geblieben; Resignation bei vielen
Kolleginnen und Kollegen greift um sich, wenn im Kollegium, wie zunehmend in
der Schüler- und Elternschaft der Interkulturellen Bildung zuwider laufende
Stimmungen und Einstellungen dominieren, die unterschwellig sogar
fremdenfeindliche Haltungen und Motive erkennen lassen, die einer
UNESCO-Projekt-Schule nicht würdig sind.
Vor diesem
Hintergrund stehe ich vor einer schwierigen Aufgabe. Wieder könnte und
sollte ich von den Zielen und Aufgaben der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der
Bismarckschule berichten, die längst noch nicht im Bewußtsein der
Schulöffentlichkeit von Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen
und der Elternschaft die Bedeutung, Bekanntheit und den Rang einnimmt, den
sie haben sollte – gerade in der gesellschaftlichen Umbruchsituation hin zur
Globalisierung und Universalisierung von Politik, Sozioökonomie und
Alltagskultur mit allen ihren den Einzelnen zutiefst betreffenden Folgen...
Wieder könnte und
sollte ich von den besonderen Probleme der Türkei und den deutsch-türkischen
Verhältnissen sprechen, deren aktuelle Auswirkungen und Risiken ständiges
Thema der tagesaktuellen Medien wie aller an Friedenspolitik und
Menschenrechten interessierten Demokraten ist.
Vor allem auch,
weil ich mich selbst in den vergangenen Jahren vertieft mit der Soziologie
und Geschichte der türkischen Gesellschaft wissenschaftlich befaßt habe und
dieses Thema – auch in Hinblick auf das verallgemeinernde Thema der
Problematik der Entwicklung von Staatsgesellschaften im Kontext mit dem
›nation building‹ und der Ethnogenese in den Ländern der
›Semiperipherien‹, was übliche, am mitteleuropäischen Modell orientierte
»Selbstverständlichkeiten« und Überzeugungen über die Zusammenhänge von
Staat und Gesellschaft fragwürdig werden läßt – immer faszinierender finde
und es auch in einigen kleinen Aufsätzen zusammengefaßt habe...
In den
Semiperipherien entscheidet sich mittelfristig die Zukunft des heutigen
Weltmodelles, die Chancen für Frieden oder das Überborden regionaler
Konflikte, die ökonomische Entwicklung im Rahmen der Globalisierung wie der
Möglichkeit der Universalisierung sozialer Mindeststandards und der
Menschenrechte: als letztlich auch unsere eigene Zukunft!
Länder der
Semiperipherien erproben eine Vielzahl von Entwicklungsmodellen
und Überlebensstrategien. Die osteuropäischen Länder wie Polen
und Ungarn sind auf dem Weg zur Integration in die
ökonomisch-politischen Zentren, konkret in den Verbund von NATO und EU, die
südostasiatische Tigerländer versuchen die rein ökonomische
Entwicklung mit der Integration in die globalisierte Weltwirtschaft aber der
geschlossenen politisch-gesellschaftlichen Entwicklung, Länder in
Südamerika versuchen die Balance zu halten zwischen ökonomischem
Wachstum, politischer Anlehnung an die industriellen Zentren und einem eher
improvisierten Umgang mit den sich abzeichnenden sozialen und ökologischen
Katastrophen, die arabischen Länder und Iran schwanken
zwischen ökonomischer Integration in den Weltmarkt und politisch-kultureller
Zugehörigkeit zu einer »Ablehnungsfront«, während die Türkei den
traditionellen europäischen Nationalismus und Laizismus übernommen hat,
damit aber nur vordergründig ein ›westliches Staatsmodell‹ entwickeln
konnte, das durch typische Prozesse der Ethnogenese und
Nationenbildung konfliktreich überlagert wird. In allen Fällen sind
jedoch auf der einen Seite global relevante ökonomische Potentiale, auf der
anderen Seite überregional bedrohliche Konfliktpotentiale in den
semiperipheren Regionen verortet, auf die die europäischen Länder, auf die
wir selbst eine Antwort finden müssen.
Einen kleinen
Einblick in die Arbeit an diesem Thema, dessen historische Dimension
besonders aufschlußreich ist, möchte ich auch den Lesern und Leserinnen
dieses Reiseberichtes mit dem Abdruck eines kleinen Aufsatzes über die
Geschichte der Reformbewegungen in der Türkei, vor allem in der Zeit des
Osmanischen Reiches in der ›Tanzimat‹-Epoche des 19. Jahrhunderts geben.
Diese Zeit wart Wurzel und Ausgangspunkt der Reformen der ›Jungtürken‹ zu
Beginn des 20. Jahrhunderts, die wiederum Fundament der türkischen Republik
unter Kemal Atatürk nach dem Ende des Sultanats im Ersten Weltkrieg waren.
Zurück zur
Einleitung dieses Heftes. Zu leicht vergißt man ja, daß in einer langen
Folge von Reiseberichten ja immer wieder andere Reiseteilnehmer, immer
wieder andere Leserinnen und Leser auch der Berichte in die Türkei-Arbeit
der Bismarckschule Hannover integriert wurden. Schon in der Gestaltung der
Reiseprogramme ist darauf zu achten, daß ein Grundbestand an Erfahrungen,
Erlebnissen und Besichtigungen für diejenigen, die zum ersten Male die
Türkei besuchen, notwendiger Bestandteil der Planung sein muß, auch wenn er
in jeder Reise wieder auftaucht. Für die jeweilige Reisegruppe sind diese
Erfahrungen neu, einprägsam und notwendig. Für die Leserinnen und Leser der
Reiseberichte kann daher auch nicht auf die notwendigen Grundinformationen
verzichtet werden, müssen die Fragen beantwortet werden, die jedes Mal auf’s
Neue gestellt werden...
Es ist dies ein
Grundproblem der Lehrerexistenz, vor allem, wenn Lehrersein nicht nur als
Abspulen immer der gleichen Lehrprogramme und Unterrichtsstoffe verstanden
wird, sondern die einmalige Lern- und Kommunikationssituation mit den
Schülerinnen und Schüler im Vordergrund stehen soll, in der sich eigene
Langeweile sehr schnell auf die Lernmotivation der ganzen
Lerngruppe überträgt – was letztlich auch auf der x-ten Wiederholung einer
standardisierten Türkeireise passieren könnte! Jahrelang in immer den
gleichen Fächern und Klassenstufen zu unterrichten, führt zu einer
»Professionalisierung«, die von Erfolgen und Mißerfolgen gelernt hat und
dazu verführt, beim »Bewährten« stehen zu bleiben und die, in früheren
Zeiten zwangsläufigen, suchenden und erprobenden, riskanteren
Unterrichtsabenteuer, die erst das Lernen interessant und motivierend machen
können, zu meiden: nicht aus Faulheit und Risikoscheu – wenn es das
sicherlich auch geben sollte –, sondern aus der gut gemeinten Überzeugung,
das Falsche nicht zu tun!
Damit verliert
der Beruf selbst seinen Reiz und die Chance, selbst weiter zu lernen – und
wer nicht lernt, ist geistig tot. Vielleicht hängt davon, unbewußt, auch der
Eindruck vieler älteren Kolleginnen und Kollegen zusammen, daß die
Schülerinnen und Schüler von Jahrgang zu Jahrgang weniger leistungsfähig
oder sogar ›dümmer‹ würden; in Wirklichkeit wächst nur die Diskrepanz
zwischen Schülerinnen und Schülern in immer wieder gleichen Alters- und
Entwicklungsstufen und dem eigenen Alter, der eigenen Erfahrung und
»Professionalität« – ...habe ich das nicht schon so oft gesagt, und
sie haben es immer noch nicht gelernt... Nein das waren vergangene
Jahrgänge, mit denen ich das immer gleiche Problem bearbeitet hatte...
Manchmal mag es
auch subjektiv schmerzhaft sein, wenn die eigene Freude am Neuen immer
weiter zurück liegt und wenn ich dabei die Freude und die Überraschung der
Jüngeren beobachte, die alles nun zum ersten Mal erleben.
So geht es auch
bei unseren Türkeireisen. Wie viele es bis heute waren, müßte ich erst
einmal nachzählen, wobei eigene Reisen ohne Schülerinnen und Schüler noch
dazu kommen: zumindestens waren es fünf Reisen im Rahmen unserer
Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi, die jeweils mit einem Aufenthalt
in Istanbul begannen und dann eine Rundfahrt durch die Mittel- und
Westtürkei, Ankara, Konya und Kappadokien, anschlossen.
Sehr deutlich
wurde mir dieser Wiederholungscharakter fast schlagartig, als wir bei
unserer letzten Reise zum Empfang bei Mahir bey, dem Direktor der
Istanbul Lisesi, waren; die Schülerinnen und Schüler etwas beeindruckt vom
großen, repräsentativen Amtszimmer – fast im klassischen Sinne des Amtes als
Autorität und Ehre –, auch etwas distanziert und gelangweilt, weil
die deutsche Alltagskultur gerade auch der Jugend diese Form der
Amtsrepräsentanz mit wachsender Distanz und emotionaler Ablehnung wahrnimmt
– übrigens, wie wir beobachten konnten, ähnlich und zunehmend auch bei den
türkischen Schülerinnen und Schülern zumindest in unserer Partnerschule:
sehr zum Kummer der türkischen Bildungsideologie –, daneben wiederum andere
jüngere türkische Kolleginnen und Kollegen, die bei unserem letzten Besuch
noch nicht dabei waren, aber gerade auch für die Übersetzungen gebraucht
wurden, dazu Frau Kadriye Ardiç, die als Subdirektorin und
Deutschlehrerin für die Schulpartnerschaft zuständig ist: Mahir bey
und ich in einem jetzt schon erprobten Ritual der Begrüßung und des
gegenseitigen Dankes gegenüberstehend bzw. -sitzend – wobei beides sehr
ernst gemeint und herzlich ausgesprochen wurde und als notwendig für die
Kontinuität der Partnerschaft zu werten war. Es überkam mich wie ein
Déjà-vu-Erlebnis und blockierte dann die Flüssigkeit der ewig
wiederholten Floskeln; ich mußte mich selbst herausnehmen, Istanbul
war ja für mich nicht mehr fremd und neu, es war ein fast vertrautes
Wiedersehen, bei dem zunehmend auch kleinere Veränderungen und
Entwicklungen wahrgenommen und registriert, Stimmungen und Hoffnungen
erfüllt werden, es war eher eine Rückkehr.
Und damit wird
dieser Ort zu einem Teil auch so etwas wie eine Heimat. Zweierlei
wurde bei diesem Aufenthalt in Istanbul und in der Türkei deutlich: die
Erkenntnis, so vieles noch nicht zu wissen, noch nicht gesehen und noch
nicht verstanden zu haben – die Neugier wurde konkreter, zielgerichteter,
die Fragen präziser – und andererseits – auf der spontan bewußt gewordenen
oberflächlichen Ebene –: ich habe auf meinen Gängen durch das Zentrum von
Istanbul keinen Stadtplan mehr bei mir gehabt und auf unserer Rundreise
durch Westanatolien brauchte ich kaum je eine Autokarte, die bei früheren
Reisen tägliches Instrument der Routenplanung und der Orientierung war, um
unserem Busfahrer den Weg zu unserem nächsten Ziel zu weisen.
Nun, vielleicht
ist dies jedoch etwas übertrieben: Meine ursprünglichen Besichtigungswünsche
waren, wenn auch gleich mit etwas Skepsis formuliert, nicht ganz so zu
realisieren. In der zur Verfügung stehenden Zeit war ein eigentlich
gewünschter Abstecher zur Schwarzmeerküste, der mit Paßfahrten verbunden
wäre, nicht möglich. Das zeigte noch in Istanbul intensiveres gemeinsames
Kartenstudium. Aber bis zur berühmten Ausgrabungsstätte der
Hethiterhauptstadt Hattuwa (Bogazköy), die ich bislang noch nicht
besucht hatte, konnten wir unsere Rundreise auf dem Weg von Ankara nach
Kappadokien doch ausdehnen.
Solche kleinen
Modifikationen eines an sich bewährten Reiseprogramms, nur möglich durch die
fast unübersehbare Fülle der geschichtlichen und kulturellen
Sehenswürdigkeiten der Türkei, deren kulturelle Wurzeln gut acht
Jahrtausende zurückreichen und für die Mitteleuropa ein junger Kontinent ist
– geschweige den die historische ›Eintagsfliege‹ Nordamerika –, und unter
Berücksichtigung der berechtigten Ansprüche der Reisegruppe, zu den wirklich
zentralen Erlebnisorten in Istanbul, in Kappadokien und an der Ägäisküste
geführt zu werden, sind keine selbstsüchtigen Wünsche, auch etwas
Neues zu erleben, sondern ein ›Medikament‹ gegen die Erstarrung
in professioneller Routine, Reiseleitermentalität oder das Erstreben eigenen
Engagements und der eigen Neugier.
Ein weiterer
solcher Ort war diesmal das von mir erstmals besuchte römisch-hellenistische
Aphrodisias westlich von Denizli in der Nähe des zuvor besuchten
Pamukkale. Das fügte sich fachlich-inhaltlich für die Begleiter sehr
gut, da wir in Istanbul die große Chance und Freude hatten, durch Herrn
Türkoälu, den Mann der Kollegin der Istanbul Lisesi, die unseren
Aufenthalt betreute und die vorangegangene türkische Reisegruppe nach
Hannover begleitet hatte, einen fachlich überaus kompetenten
Gesprächspartner gefunden zu haben, der im Laufe der Zeit nacheinander
Museumsdirektor in Ephesus, in der Hagia Sophia und im
Topkapx Sarayx gewesen und jetzt ›Gründungsdirektor‹ des neu der
Öffentlichkeit zugänglich gemachten Yxldxz Sarayx aus dem 19.
Jahrhundert geworden ist. Mit ihm konnten wir mehrere Museen besichtigen
und, vor allem im Archäologischen Museum am Gülhane Park eine
interessante ›Privatführung‹ durch die Antikensammlung erleben, während der
wir auch mit der künstlerischen und historischen Bedeutung der
Bildhauerschule von Aphrodisias konfrontiert wurden. Der besondere lachsrote
und lebendig gemaserte Marmor in Aphrodisias machte die Statuen aus diesem
Ort im ganzen römischen Imperium bekannt. Eine Art Serienfertigung
konnte nachgewiesen werden, in der Standardstatuen ohne Kopf z.B.
nach Rom transportiert wurden, um dort mit nachträglich gefertigten
Porträtköpfen der Senatoren und Aristokraten, Militärs und Konsuln versehen
zu werden. In Kleinasien löste die Aphrodisias-Mode die führende
Rolle von Ephesus und anderen lokalen Bildhauertraditionen ab.
So komme ich doch
wider auf meine Eingangsüberlegungen zurück. Ich kann nach einem
Vierteljahrhundert Türkeierfahrungen nicht mehr die gleiche Unbefangenheit
und naive Überraschung bei einer neuen Türkeireise beschreiben, die für
unsere Schülerinnen und Schülern wesentliches Element des Erlebens sind.
Dazu ist die Türkei bei aller differenzierten Kenntnis zu sehr Teil des
eigenen Lebensentwurfes, das heißt auch in gewisser Weise: Heimat geworden.
Manchmal träume ich davon, ob nicht nach meiner Pensionierung, die in etwas
über einem Jahrzehnt ja schon recht unübersehbar näher kommt, ein kleines
Häuschen auf der asiatischen Seite des Bosporus nicht eine verlockende
Perspektive für den Lebensabend wäre, mit der Möglichkeit ruhigen
literarischen und wissenschaftlichen Arbeitens, unterbrochen vor Reisen
durch den Nahen Osten, mit meinen türkischen Freunden... Aber ob wohl meine
Frau dabei mitmacht? Aber träumen ist erlaubt...
Ich denke jetzt
daran, wie ich selbst zum ersten Mal die Türkei bereist habe, 1970, auf der
Durchreise nach Iran. In meinem Geographiestudium hatten vielerlei Zufälle,
die man auch als Schicksal, zumindest als in den Auswirkungen persönlich
prägendes Schicksal, bewerten könnte, früh zu einer besonderen Beziehung und
zu besonderem Interesse am Nahen Osten als geographischem Raum und der
islamisch-arabischen Kultur als Geschichtsraum geführt. Der
wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkt des geographischen Instituts der
Technischen Hochschule Hannover – so hieß die Universität zu meinem
Studienbeginn noch, um dann sehr bald zur Technischen Universität
umzufirmieren – lag zu jener Zeit bei der »Afrika-Abteilung«, von der aus
eine intensive Untersuchung und Kartierung des Maghrebs – Marokko, Algerien,
Tunesien – betrieben wurde und auch Sahara-Durchquerungen erfolgten. So bot
sich mir nach dem zweiten Studiensemester die einmalige Gelegenheit,
zusammen mit dem damaligen Dozenten Dr. Achenbach, heute Ordinarius in Kiel,
mich 1967 zwei Monate an Kartierungsarbeiten im algerischen Saharaatlas,
Aurés und Djebel Nemencha, zu beteiligen. Das geschah im Rahmen eines
Programms der DFG zur Erstellung des »Afrika-Kartenwerkes«. Vierzehn Jahre
später habe ich dann mit Schülern in einer Ferienreise den Maghreb wieder
besuchen können.
Anders als das
zunächst naturgeographische Interesse, das auch noch meine Teilnahme an den
Nordafrikaforschungen der Tradition des Instituts entsprechend bestimmte,
orientierte ich mich bald darüber hinausgehend vor allem auch an den
historischen und kulturellen Traditionen des arabisch-islamischen Raumes.
Das wurde noch gestützt durch Freundschaften mit in Hannover lebenden
Persern. Die soziale und politische Situation im Nahen Osten wurde für mich
seither zum zentralen Frage-Gegenstand. Das ist durchaus kein Zufall, da das
zweite Studienfach Politologie mit soziologischem Schwerpunkt und das
persönliche politische Engagement in der Sozialdemokratie und der
Gewerkschaft wesentlicher Bestandteil eigener Identität geworden war. In der
politische Arbeit der Jungsozialisten Anfang der Siebziger Jahre
konzentrierte ich mich konsequenter Weise auch auf die Fragen der
Ausländerpolitik und der interkulturellen politischen Kontakte – mit einer
Konsequenz, die mich schnell auch in innerparteiliche Konflikte trieb.
Vor diesem
Hintergrund lag es für mich nahe, meine Examensvorbereitungen 1970 auch auf
Themen aus dem Nahen Osten zu konzentrieren. Eine Einladung in den Iran
durch meine persischen Freunde gab dann den Ausschlag, ein
Untersuchungsprojekt in Zentraliran, in der Provinz Fârs um Shiraz in
Angriff zu nehmen. Mein Freund Djalil Mostafawi, Student der Tiermedizin in
Hannover, den ich bei Ferienjobs bei der Straßenbahn Hannover kennen gelernt
hatte, und der als politischer Flüchtling vor dem Šah-Regime schon ein
Jahrzehnt in Hannover verbracht hatte, knüpfte für mich Kontakte in Eghlid,
einer ländlichen Kleinstadt zwischen Esfahan und Shiraz, zu seiner Familie,
die bei der Arbeit in Iran sehr hilfreich wurden.
Sein Schicksal
ist bezeichnend für die politischen Tragödien im Nahen Osten unserer Zeit.
Als Anfangssemester an der Universität geriet er in die damaligen
Anti-Šah-Demonstrationen, gelangte auf die Schwarze Liste der SAVAK und floh
mit Unterstützung seiner Familie nach Deutschland, wo er, fast ohne Kontakt
mit der Heimat, finanziell und familiär ganz auf sich gestellt war. Elf
Jahre wagte er nicht, Iran zu besuchen, und schickte mich als eine Art
›Kundschafter‹ zu seiner Familie, um vertraulich das eventuell noch
bestehende Risiko einer Rückkehr zu erfragen.
Nachdem ich 1970
und 1974 zwei Mal in Iran gewesen bin, wagte er die Heimkehr und kam, nach
der Habilitation in Hannover, schnell zu einer angesehen Professur zur
Geburtshilfe des Rindes in Tehran. Nach Heirat und Familiennachwuchs kam
1978/79 die Islamische Revolution in Iran, von ihm wie von vielen Liberalen
und Linken gewünscht und mit getragen, die sich eine westlich-demokratische
Orientierung erhofften. Die politische Entwicklung ist bekannt. Mit Khomeini
kam eine islamistische Grundorientierung der Bigotterie und Intoleranz, die
eine weitere politische und akademisch-berufliche Arbeit in Iran für
Demokraten wieder unmöglich machte. Mein Freund mußt das Land mit seiner
Familie wieder verlassen und hatte noch das große Glück, aus vorangegangener
Zeit über einen in den USA naturalisierten Vetter ein Anrecht auf eine ›greencard‹,
d.h. auf eine Aufenthaltsberechtigung mit der Möglichkeit der späteren
Naturalisierung, zu besitzen. Denn Deutschland hätte ihn nicht wieder
aufgenommen, trotz seiner jahrelangen Verwurzelung in diesem Lande. Auf der
Durchreise mußte er dennoch in der Bundesrepublik Deutschland Station
machen, um im amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main die
notwendigen Reisepapiere zu erhalten, da er mit fingierten getrennten
Einladungen von seiner Familie getrennt reisen mußte, um überhaupt in Tehran
einen Paß bekommen zu können. Das war dann auch das letzte Mal, daß ich mit
ihm persönlich zusammengekommen bin... In den USA fand er dann wechselnde
tierärztliche Jobs in San Diego und im Mittleren Westen, weit unterhalb
seiner eigentlichen wissenschaftlichen Qualifikation und Reputation. Wir
leben in einem Jahrhundert der Flüchtlinge, der abgebrochenen Biographien
und der Flüchtlingstragödien. Es nutzt nichts, vorübergehend davor die Augen
verschließen zu wollen, das Land abzuschotten und eine Wagenburg Europa
errichten zu wollen, Schuld, Verantwortung und Not werden uns wieder
erreichen und uns unerbittlich mit der eigenen ethischen Norm konfrontieren.
Zurück zur
eigenen, privilegierten Biographie und der Verantwortung, die eine solche
aufbürdet. Es bot sich also 1970 an, die schriftliche Examensarbeit im Fach
Geographie mit einer Reise und einem, privat organisierten und finanzierten
Forschungsaufenthalt in Iran zu verbinden, vom Institut erfreut begrüßt und
ideell unterstützt. Das Forschungsthema war eine Untersuchung der
naturgeographischen Voraussetzungen des Lebensraumes in Südwest-Persien,
etwa zwischen Esfahan und der Küste des Persischen Golfes. Ein befreundeter
Kommilitone, Wilfried Eilers, heute Lehrer in Salzgitter, vervollständigte
das Zweierteam. Er übernahm dann für seine eigene Staatsexamensarbeit die
wirtschaftsgeographische Untersuchung des gleichen Raumes. Eine solche
vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit ist eine Erfahrung, die
›wissenschaftliche Einzelkämpfer‹ unbedingt machen sollten, auch um die
grundsätzliche Beschränktheit nicht-dialogischen Arbeitens zu erkennen. Die
Erfahrung der integrativen Zusammenarbeit legt damit auch die
Fundamente für eine diskursorientierte Lern- und Unterrichtskonzeption.
So versuchten
wir, eine möglichst umfassende Kenntnis des Raumes und der Orte
Südwestpersiens zu erarbeiten oder zu erfahren – im wörtlichen Sinne
mit einem alten VW-Variant –, und wir genossen in vielen Städten die
herzliche Freundschaft der vielen Bekannten und Verwandten von Djalil. Doch
diese Reise wäre Thema eines eigenen Buches und Erlebnisberichtes. Hier
sollen diese Reminiszenzen nur einen persönlicheren Zugang zu unserer
Türkei-Arbeit, zu unserem Arbeitsschwerpunkt Naher Osten eröffnen, um auch
zu zeigen, daß Themen- und Arbeitsschwerpunkte auch im schulischen
Zusammenhang mehr sind als Rahmenrichtlinien-Vollzug und nüchternes
pädagogisches Kalkül, sondern in biographische Kontexte eingebunden
sind. Dieser betonte Erfahrungs- und Erlebnischarakter der Themenvermittlung
ist nun nichts anstößiges, sondern soll Bildungsprozesse anstoßen,
die die Persönlichkeit berühren und nicht nur Wissen vermitteln. Hier
liegt auch ein Wesenszug der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit, dem sich die
Bismarckschule verpflichtet weiß.
Kaum zu
beschreiben ist der tiefe und unvergeßliche Eindruck der ersten Ankunft in
Iran. Die Grenze liegt auf einem einsamen Gebirgspaß, in einer kahlen,
schroffen und dunklen Hochgebirgssteppe zwischen Doäubayazit auf der
türkischen und Maku auf der iranischen Seite. Linkerhand wird diese
Hochfläche überragt von dem gewaltigen, noch im Sommer schneekappenbedeckten
Doppelgipfel des Ararat, der sich bei unserer Ankunft in Wolken
verhüllte. Religiöse Schauer hat der Reisende jedoch nicht zu befürchten,
jedenfalls nicht in der biblischen Tradition, da die Zuweisung der
biblischen Geschichte von der Sintflut und der Strandung der Arche
auf dem Ararat auf einem Übersetzungsmißverständnis beruht. Die biblische
Geschichte meint einen im Namen ähnlich lautenden Hügelzug in Mesopotamien,
während das Araratmassiv seinen Namen von dem altorientalischen Reich Urartu
der Urartäer bekommen hat.
Die
Grenzabfertigung war – und wird es wohl auch heute noch sein – von
orientalischer Umständlichkeit und Bürokratie, natürlich in jedem Land
getrennt vorgenommen. Das große Rechteck des Hofes der gemeinsamen
Grenzgebäude ist durch eine Mauer in zwei ›U‹-förmige Teile getrennt, durch
die nur eine mit einer Kette gesicherte und militärisch bewachte Durchfahrt
unter den Flaggen der Türkei und Irans den Fahrzeugen in beiden Richtungen
einzeln den Durchlaß gewährt.
Ich will aber
hier nicht von den Grenzabfertigungen berichten; in den Jahrzehnten meiner
Reisen in den Narren Osten habe ich wohl zusammen gezählt Wochen an
Grenzen verbracht. Es geht hier nur darum, daß dann, endlich, nach
den Anstrengungen eines halben an der Grenze verbrachten Tages mit all
seinen Befürchtungen und Risiken, zudem ermüdet von einer über eine
Woche dauernden Autofahrt durch den Balkan und durch Anatolien – selbst
schon erlebnisreich und voller überraschender und überwältigender Eindrücke
und erster Berührungen mit einer fremden, damals noch viel
›orientalischeren‹ Welt wie heute, zumindest will es die Erinnerung so –,
und angespannt durch eine beschwerliche Anfahrt durch die trostlosen aber
auch abweisend-großartigen Gebirgssteppen Ostanatoliens von Erzurum zum
Grenzpaß empor, endlich die Befürchtungen und Belastungen schlagartig
abfallen und eine ganz tiefe Erleichterung eintritt, die unvergeßlich
bleibt. Nach wenigen Kilometern, entfernt vom eigentlichen
Grenzkontrollbereich, öffnet sich zwischen den dunkel-vulkanischen Massiven
und Felswänden der erste Ausblick auf die grünen Ausläufer der Hochebene von
Azerbeidjan; die Wolken bleiben über den Berggipfeln hängen und in einem
unwirklich türkisgrünen Himmel brechen sich glitzernd und flimmernd, die
Konturen des Landes auflösend, die warmen nachmittäglichen Sonnenstrahlen im
Kontrast zu den dunklen Schatten der Berge ringsum. »Blau, tiefblau atmen
die Schatten, und die Nacht verzögert so sehr« (Benn).
Iran liegt vor
uns, Anatolien ist durchquert, wir sind da. Wir halten an und setzen uns
eine halbe Stunde lang auf Steine am Straßenrand, unfähig etwas zu sagen, in
unsere eigenen Gedanken und Gefühle vertieft. Nie wieder werden wir diese
Erfahrung des zum ersten Mal angekommen zu sein haben können. In der
Einsamkeit des Gebirges sind wir plötzlich so etwas wie die ersten Menschen
auf einem fremden Planeten in einer noch leeren Welt, oder, um ein
nahöstliches Gleichnis zu verwenden, wie die Kinder Israels vor dem Gelobten
Land. Viele im Alltag banalisierte Sprachfloskeln und Bilder, die uns unsere
Kultur zu Verfügung stellt, füllen sich plötzlich mit einem unmittelbaren
Erlebniswert, werden emotional sinnfällig und decken damit die realen
historischen Wurzeln ihrer Entstehung auf.
In dieser
Gefühlsebene des Erlebens stehen zu bleiben, würde jedoch
Mystizismus, Irrationalismus hervorrufen. Die Kontrolle der Erfahrung
durch die ordnende Analyse, das Einordnen in rationale Sinn- und
Erklärungszusammenhänge ist der notwendige zweite Schritt. Doch entsteht
jetzt eine große Offenheit, da die Subjektbeziehungen und
Erkenntnisinteressen mit thematisiert werden können und müssen. Nur in der
Möglichkeit, existentielle Bindungen zum Gegenstand seines Lernens und
Arbeitens aufbauen zu können, liegt die Chance eines dauerhaften
verantwortlichen Umgangs mit den auftretenden Problemen und Konflikten. So
wie wir uns dann mit neuer Kraft in das Abenteuer Staatsexamensarbeit
stürzten, eine bis heute unvergeßliche Erinnerung, so sollte auch
Schülerinnen und Schüler die Chance gegeben werden, eine unmittelbare und
überraschende Beziehung zum Gegenstand des Lernens aufbauen zu können, die
Chance zu erleben, daß das, was gesehen, erlebt, erfahren und gelernt werden
kann und soll, eine persönliche, auch emotionale Beziehung zur eigenen
Person entwickeln kann und zum Bestandteil der eigenen unverwechselbaren
Biographie wird.
Auf dem Hin- wie
auf dem Rückweg nach Iran durchquerten wir die Türkei sehr bewußt und
neugierig und wählten dabei auch verschiedene Wege. Istanbul, Ankara und
Kappadokien waren schon auf der Hinfahrt Orte, die uns länger als nur für
die Durchfahrt notwendig aufhielten – was wohl selbstverständlich ist –;
erste Eindrücke von Südostanatolien erwarben wir bei der Fahrt über Kayseri
– mit einem Abstecher zu den Hethiterausgrabungen von Kültepe – und Malatya,
noch vor Beginn der Bauarbeiten zum ›Südostanatolienprojekt‹ (GAP,
Atatürk-Staudamm am Euphrat); daß neben die Besichtigungen auch die ersten
Erfahrungen mit Kakerlaken in billigen Hotels traten, ist Quelle für viele
heutige, leicht übertreibende, Horroerzählungen. Für die Rückfahrt wählten
wir dann den Weg an der Schwarzmeerküste und konnten damit unser erstes,
noch rudimentäres Türkeibild ergänzen.
Vier Jahre später
fuhr ich mit einer Schülergruppe und zwei VW-Bussen noch einmal nach Iran
und konnte dabei die in der Türkei besuchten Regionen z.B. um Konya und die
zentralanatolischen Gebiete um Sivas ergänzen. Daß diese Reise unter keinem
guten Stern stand, sei nur am Rande erwähnt, um auch die Risiken eines
solchen investigativen pädagogischen Konzeptes anzusprechen; ein
VW-Bus, der schon auf der Hinfahrt in Deutschland einen Kuppelungsschaden
hatte, mußte mit Getriebebruch von Ostiran nach Tehran geschleppt und dort
zollamtlich verschrottet werden. Die eine Hälfte der Reisegruppe fuhr
daraufhin mit dem Linienbus nach Istanbul und von dort aus weiter mit der
Eisenbahn nach Hannover zurück – sicher auch ein aufregendes und wichtiges
Erlebnis, aber doch das bedauerliche Auseinanderbrechen der Reisegruppe. Der
zweite VW-Bus hatte dann auf der Rückfahrt auf der Strecke zwischen der
türkischen Schwarzmeerküste und Ankara einen ›Kolbenfresser‹, der ein
Weiterkommen aus eigener Kraft unmöglich machte. Erst eine Motorreparatur in
Ankara machte uns wieder flott für die Heimfahrt. Außerdem war die
Schülergruppe nicht einheitlich genug, um wirklich solidarisch und gemeinsam
die Reise durchzustehen – ein aus meiner Sicht bedauerliches Ergebnis, was
den eigentlichen Erlebniswert der Reise aber nicht minderte.
In diesem Kontext
steht nun die Türkei in immuner eigenen Biographie. Zunächst nur als Weg zu
unserem Ziel ›hinter der Türkei‹ erfahren, wurde sie immer mehr zum
notwendigen und bald selbst geliebten Teil eines Erfahrungsweges, in dem der
Weg selbst zum Ziel wird. Die inhaltliche und wissenschaftliche Arbeit zum
Iran wie zu den arabischen Ländern des Nahen Ostens und des Maghreb geht
weiter, doch die Türkei ist zum Zentrum der Reisen und der eigenen
Beschäftigung geworden. 1987 wurde dann noch einmal in den Sommerferien eine
große ›Orientreise‹ angeboten, an der sich unter Mitwirkung der Kollegen
Büthe und Stünkel zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer in vier VW-Bussen
zusammenfanden.
Abgesehen davon,
daß diese Gruppe eigentlich zu groß war und daß die Teilnahme mehrerer
Lehrer und meiner eigenen Familie gruppendynamische Probleme hervorrief –
heute würde ich eher dafür plädieren, eine solche Gruppe in zwei oder drei
Teilgruppen aufzuteilen, die mit eigenen Programm- und Routenvorgaben
losfahren, um sich bestenfalls ab und zu ›im Gelände‹ zu treffen, wobei doch
immer noch genügen Nähe für Notfälle oder schwerere technische Pannen
erhalten bleibt, was ja ein sinnvolles Motiv für das Reisen mit mehreren
Fahrzeugen bleibt –, war die gewählte Reiseroute in gewisser Weise einmalig,
einmal abgesehen von den seither aufgetretenen politischen Krisen, die eine
Wiederholung derzeit fast unmöglich machen würden: Hinfahrt durch
Jugoslawien (unmittelbar vor Ausbruch der zum Bürgerkrieg führenden
Staatskrise, aber schon durch Inflation und wirtschaftliche Not arg
betroffen), die Türkei, wobei die Fahrt an der Mittelmeerküste bis zum
Grenzübergang nach Aleppo in Syrien noch einmal einen neuen landeskundlichen
Aspekt zu meinem Türkeibild hinzufügen konnte, einer Rundfahrt durch Syrien
von Aleppo, über das Euphrattal, Palmyra bis Damaskus, und dann die
Weiterfahrt nach Jordanien.
In einem
umfangreichen Reisebericht, der 1988 ebenfalls in der Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs erschienen ist, werden die Reisestationen ausführlich
dargestellt und auch historisch und aktuell problematisiert. Die drei
Determinanten einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Nahen Osten
werden auch auf dieser Reise immer klarer: einmal der Aspekt der kulturellen
und historischen Traditionen als ›Quelle der Hochkulturen‹, wie sie uns in
altorientalischer Form im ägyptischen Museum in Kairo oder in den Pyramiden
von Giza, die wir dann nach einer Überfahrt über den Golf von Aqaba, einer
Durchquerung des Sinai und des Nildeltas und des Besuches von Alexandria und
Kairo entgegentritt, oder in der antiken Form, die uns auf dem ganzen Weg
von Anatolien über Palmyra oder der Felsenstadt Petra in Jordanien
begleitet, zum anderen die religiöse Dimension, die uns in Zeugnissen der
drei nahöstlichen großen Religionen entgegentritt, wobei vor allem die
Begegnung mit Kultur und Geschichte des Islam für unauslöschliche Eindrücke
und Erfahrungen z.B. im Felsendom in Jerusalem, der Omayyadenmoschee in
Damaskus oder der Ibn Tûlûn Moschee in Kairo, im zivilisatorischen Bereich
aber auch in den Wüstenschlössern Jordaniens und in den Altstädten und
Bazaren Aleppos oder Kairos sorgt. Die Fülle der Erlebnisangebote ist so
groß, daß jeder Mitreisende seine eigenen Schwerpunkte der Erinnerung setzt.
Daneben aber wird
von der Schule ausgehend, konsequent die Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi aufgebaut, die zum Träger unserer Türkei-Arbei geworden ist und neben
der engen Kontakte zu Polen, die auch seit den frühen achtziger Jahren
bestehen, zum zweiten Schwerpunkt der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der
Bismarckschule Hannover wurde.
Wie alle solche
Projekte gründet sie auch auf Zufälle, hier nämlich dem zufälligen
Zusammentreffen mit einem deutschen Kollegen, der an der Istanbul Lisesi
unterrichtet hatte und vorschlug, einmal von Deutschland aus den Kontakt zu
suchen und eine Kooperation oder Partnerschaft vorzuschlagen. Hintergrund
dieses Wunsches ist die schulpolitische Situation in der Türkei, in einem
Land, das große Schwierigkeiten bei seinem seit Atatürk vorgezeichneten Weg
in eine moderne, europäische Zukunft zu überwinden hat.
Nachdem ich also
an die ›deutsche Abteilung‹ der Istanbul Lisesi geschrieben hatte, hatte ich
bald darauf erste schriftliche und telefonische Kontakte, die 1985 zu
unserer ersten Türkei-Reise führten, in der wir, letztmalig, auch unseren
Aufenthalt in Istanbul noch selbst organisierten und in einem Hotel
übernachteten. Später wurden dann unsere Schülerinnen und Schüler regelmäßig
in Gastgeberfamilien durch die Istanbul Lisesi untergebracht, was den
Erfahrungs- und Erlebniswert natürlich sehr steigerte. Unsere Partnerschule
ist eine anspruchsvolle Traditionsschule mit deutschsprachigem und
mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, in der im »bilingualem
Unterricht« Fächer wie Mathematik oder Naturwissenschaften von deutschen
Kolleginnen und Kollegen in deutscher Sprache erteilt werden. Das entspricht
dem türkischen Schultyp eines »Anatolischen Gymnasiums« (Anadolu Lise).
Der Andrang zu
dieser Schule ist groß, so daß jedes Jahr durch Aufnahmeprüfungen die besten
Bewerber ausgesucht werden. Dafür steht die Istanbul Lisesi seit Jahren auf
der Rangliste im Wettbewerb der türkischen Gymnasien bei den
Universitäts-Aufnahmeprüfungen mit an erster Stelle. 1996 war sie dann die
›beste Schule der Türkei‹, was einen erheblichen Medienrummel nach sich zog;
wir waren gerade zu der Zeit in Istanbul und konnten einiges von der Freude
und dem Stolz in der Schule mitbekommen.
Die Schülerinnen
und Schüler dieser Schule werden später zu denjenigen Führungskräften in der
Türkei gehören, die mit den heutigen politischen und sozialen Problemen des
Landes fertig werden müssen und die Türkei weiter an Europa und an
demokratisch-rechtstaatliche Strukturen heranführen sollen. Um dieses
Ausbildungsziel zu erreichen, pflegt die Istanbul Lisesi eine ganze Reihe
von Schulpartnerschaften in Deutschland aber auch mit den Deutschen Schulen
in Athen und Moskau, bei denen die Kontakte mit der Bismarckschule Hannover
besonders gepflegt werden.
Bei den
regelmäßigen Besuchen türkischer Schülerinnen und Schüler in Hannover wollen
wir daher unseren Gästen nicht nur die Attraktionen unserer Region, das
Leben in deutschen Familien und einen Einblick in den Alltag unseres
Schulunterrichts vorstellen, sondern ihnen auch einen ersten, natürlich den
Möglichkeiten Jugendlicher angepaßten anschaulichen Eindruck unserer
demokratischen politischen Kultur, unserer Technik und Wirtschaft und
unseres Rechts zu kritischem und selbstkritischem Denken vermitteln — also
jene Ziele ansteuern, die auch die Ziele der UNESCO-Projekt-Schularbeit
sind.
Dazu gehört
sowohl von Seiten unserer Schule und der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer,
als auch von Seiten der Eltern- und Schülerschaft einiges Engagement, das
nur aufgebracht werden kann, wenn sich die Beteiligten der Chance und
Risiken dieser Interkulturellen Bildung, ebenso wie ihrer eigenen Motive und
Dispositionen bewußt sind und darüber Rechenschaft ablegen können.
Ich habe das mit
einigen essayistischen Schlaglichtern auf eigene biographische Prägungen für
mich in den vorangegangenen Abschnitten zu leisten versucht und hoffe auch,
damit deutlich gemacht zu haben, welchen hohen Rang ich persönlich unserer
Türkei-Arbeit, aber darüber hinaus insgesamt auch der Interkulturellen
Bildung zumesse. Daher denke ich auch, berechtigt zu sein, hier noch einmal
ganz deutlich hervorheben zu dürfen, daß UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit – das
einzige wirklich zukunftsträchtige »Profil«, das die Bismarckschule
Hannover in der Öffentlichkeit heute aufzuweisen und zu pflegen hat – nicht
nur in Freizeitbeschäftigungen und Studienfahrtangeboten
erschöpft sein kann, sondern daß sie ganzheitlich gesehen werden muß,
mit allen Konsequenzen für den Umgang miteinander, vor allem auch mit den
Schülerinnen und Schüler unserer Schule selbst, die biographische durch
Kultursprünge, soziale Diskriminierung und Akkulturationsprobleme belastet
sind. Es geht also nicht nur um die Türkei als Land, Erfahrungs- und
Erlebnisraum, sondern um eine Veränderung unseres eigenen Verhaltens
gegenüber dem ›Fremden‹, ›Befremdlichen‹ und eventuell sogar ›Ängstigenden‹.
Und hier haben wir auch als Lehrerinnen und Lehrer, aber auch in der Eltern-
und Schülerschaft ganz erhebliche Defizite aufzuarbeiten! Man kann
nicht nur ›mal so eben‹ an einer Schulpartnerschaft teilnehmen, in die
Türkei oder nach Polen fahren, aber im Unterrichtsalltag gegenüber
Mitschülerinnen und -schülern keine Konsequenzen ziehen.
Gerhard Voigt:
Einige Gedanken
zu unserer Türkei-Reise 1996
1. Erlebnisse,
Kontinuitäten...
Könnt Ihr Euch
vorstellen, in ein Hotel zu kommen und als Freunde empfangen zu werden?
So erging es uns im „Otel Tur" in Konya. Nachdem unser Bus auf dem
Hinterhof-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Mevlâna einrangiert
hat, folgt eine herzliche Begrüßung durch den Hotelbesitzer mit Umarmungen
und – in Englisch – dem Austausch der Neuigkeiten seit dem letzten Besuch
vor zwei Jahren.
Die Verteilung
der Schülerinnen und Schüler auf die insgesamt nur zwölf Zimmer des Hotels
geschieht schnell und wir haben das Hotel fast für uns alleine. Aber bis ich
selbst zu meinem Zimmer komme, vergehen noch zwei Stunden in der
Eingangshalle bei Tee und Gesprächen mit Mustafa Akseki, dem Hotelier, und
den nach und nach vorbeischauenden Bekannten aus der Straße, die uns
begrüßen wollen.
Zwei Jahre zuvor
hatten wir uns wegen Terminproblemen nicht vorher in Konya anmelden können
und fuhren auf gut Glück zum Otel Tur, das ich von mehreren Reisen
schon gut kannte – wie wir ja auch sonst meistens auf unser Glück vertrauen
und mit dem Bus einfach vor einem Hotel vorfahren und mit dem Manager über
den Preis für die Gruppe verhandeln, was uns diesmal z.B. in
Gülwehir
(der „Rosenstadt")
in Kappadokien zu einer besonders preiswerten und komfortablen Unterkunft
führte, während wir in Ankara und Selçuk einfach wieder in
früheren Reisen spontan gefundene und nun bewährte Hotels ansteuerten, ggf.
mit einem kurzen Anruf vorab. Aber auch 1994 bei unserem Überraschungsbesuch
in Konya ermöglichte es unser Hotelier-Freund sofort, in dem Hotel für einen
äußerst günstigen Preis – jeweils um 10,-- bis 12,-- DM pro Person mit
Frühstück – unterzukommen, und der Fahrer, für den kein Einzelzimmer mehr
vorhanden war, wurde kurzerhand im Nachbarhotel untergebracht.
Zum sechsten Mal
übernachten wir 1996 im Otel Tur, um von dort aus die geschichtlich
und religiös faszinierende Stadt Konya, deren zentrale Moscheen als Welterbe
der Menschheit unter dem besonderen Schutz der UNESCO stehen, für uns zu
erobern. Konya gehört zu den zentralen Programmpunkten unserer Türkeireisen.
Diese Halbmillionenstadt ist nicht nur kulturell interessant, sondern zeigt
ganz besonders die Widersprüchlichkeiten der heutigen Türkei. Keine
türkische Stadt ist baulich so modern, europäisch und durch eine effiziente
Stadtverwaltung sauber und geordnet – aber dadurch auch kaum noch wie noch
vor zwanzig Jahren „orientalisch" wirkend – wie Konya mit seiner sanierten
Innenstadt und dem Ring moderner, durchaus höherwertigerer Wohnblöcke, die
fast vollständig durch Sonnenkollektoren auf den Dächern modernen
ökologischen Standards entsprechen.
Konya ist aber
auch das geistige Zentrum vielfältiger islamischer Bewegungen, unter denen
an zentraler Stelle der Derwisch-Orden des großen Mystikers und Philosophen
Celâleddin Rûmî aus dem 13. Jahrhundert, der Herrschaftszeit der
Selçukensultane, die hier in Konya, dem antiken Iconium, ihre Hauptstadt
hatten, zu nennen ist. Rûmî schrieb das „große Buch" Masnavi –
gleichzeitig ein zentrales Werk der Weltliteratur –, in dem er die mystische
Lehre von der Allgegenwart der Liebe zu Gott und die daraus folgende Liebe
zu allen Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft und Volk, lehrte. Seine
Schüler, die bis heute in Konya eine wichtige geistige Rolle spielen, obwohl
der Orden in der Türkischen Republik offiziell aus politischen Gründen seit
Atatürk verboten ist, versuchen durch hochritualisierte meditative Tänze
eine emotionale Annäherung an die ersehnte Gottesgegenwärtigkeit zu
erreichen – Tänze, die heute in typisch türkischem Kompromiß, äußerlich
unter der Ägide des Tourismusministeriums als „Volkstänze" gepflegt und
dargeboten werden, ohne ihre innerliche religiöse Bedeutung für die
Tanzenden Derwische dabei je verloren zu haben. Das Grabmal Rûmîs (des
„Römers", der aus dem islamischen Zentralasien stammte, aber nach Westen in
den Einfußbereich von Byzanz, dem östlichen Rom, an den Hof der
Selçukensultane zog und dort der religiöse verehrte Meister und Lehrer, der
Mevlâna, wurde) ist in dem traditionellen Kloster („tekke") in
Konya zu finden, einem sehr meditativen und ruhevollen Ort – trotz der
vielen Touristen und Pilger –, das heute offiziell staatliches Museum ist,
aber für die Besucher zu einem Ort geistiger Kontemplation werden kann.
Der Sakophag
Rûmîs steht zusammen mit den Begräbnisstätten seiner Nachfolger im Orden,
den Celebi, in einem reich mit goldenen Schriftbändern verzierten hohen
Kuppelraum, den die sehnsuchtsvoll-monotone Musik der Ney-Flöte, die im
Masnavi als Symbol der Sehnsucht nach der Heimkehr zu Gott eine zentrale
Rolle spielt, leise klagend erfüllt und jedes eigene laute Wort verbietet.
Zwei weitere
Kuppelräume quadratischen Grundrisses waren früher der Tanzraum und der
Gebetsraum der Derwische; heute dienen sie als Ausstellungsräume für
wertvolle Handschriften – Qor’an- und Masnavi-Bände seit dem 14. Jahrhundert
–, Musikinstrumente und Gebrauchsgegenstände aus dem Ordensleben.
Neben der
islamischen Mystik ist Konya aber auch ein Zentrum der gebildeten
islamisch-sunnitischen Theologie, die ihre Heimat heute an der Universität
hat. Aus der Selçuk-Zeit stammen zwei großartige Baudenkmäler, die
„Ince Minare Camii" (die Moschee „mit dem
schlanken Minarett", das leider Anfang des Jahrhunderts vom Blitzschlag
gefällt wurde) und „Büyük Karatay Medresesi" (Eine heute als Museum
dienende Koranschule, die nach dem Philosophen und Wissenschaftler Wesir
Karatay genannt ist), die beide in den letzten Jahren grundlegend
restauriert und wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind.
Zentrales Gebäude
in Konya ist aber die auf dem in der Stadtmitte liegenden (wahrscheinlich
schon frühgeschichtlich-anthropogenen) Burghügel liegende Sultansfestung,
von der nur einige Mauern und Grabmäler („türbe") übrig geblieben
sind, und die riesige Alaeddin Camii, die von Sultan Alaeddin
Kaykobat I. um 1220 als „fromme Stiftung" („vaqf") errichtete
Sultansmoschee, deren Gebetshalle seit Jahrzehnten unzugänglich war, da die
hölzerne Dachkonstruktion über dem Wald steinerner Säulen – mit ihrem
ornamentalen und stilistischen Reichtum – eingestürzt war. Es war schon seit
vielen Jahren mein Wunsch, diese Moschee einmal besichtigen zu dürfen, aber
ich hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als ich dieses Jahr von ihrer
Wiedereröffnung erfuhr...
Zurück zum
islamistischen Zentrum Konya! In der berühmten islamischen theologischen
Fakultät der Universität werden heute die führenden Theologen ausgebildet,
von denen die islamische Renaissance und damit auch die Kritik am
weltlichen Staat der Türkischen Republik ausgeht; Kritiker meinen, daß damit
auch eine Abkehr von der Moderne beabsichtigt sei. Konya war dann auch die
erste Großstadt der Türkei, in der die islamistische Refah-Partei die
kommunalpolitische Mehrheit errang. Heute beherrscht sie die meisten
Großstädte wie Istanbul und Ankara und ist mit ihrem Vorsitzenden Erbakan
in der Koalition mit der „Partei des rechten Weges"
(DYP - „Doäru Yol Partisi")
von Frau Çiller an der Staatsregierung beteiligt.
Der
widersprüchliche Eindruck dieser Situation entsteht nun gerade dadurch, daß
seither die äußere, städtebauliche Modernisierung Konyas zur Leitmaxime der
Stadtverwaltung geworden ist und effektiv durchgesetzt wurde. Dieser
technologisch-modernistische Zug der „Refah Partisi" ist
aber nicht zufällig, sondern Teil ihres Selbstverständnisses, das die
islamische Kultur als moderner und der westlichen Zivilisation
überlegen bezeichnet; das wurde uns auch in der Beobachtung des
Wahlkampfes in Istanbul deutlich, wo auf großen Plakaten unter dem Signum
der Refah junge, fesch-westlich mit weißem Hemd und Krawatte gekleidete
Männer, sichtlich »Yuppie-Ingenieure«, sich über Konstruktionszeichnungen
oder Baupläne beugen, sichtlich Repräsentanten einer »neuen, sauberen,
pragmatischen« Türkei. Über dieses Motiv sprechen die Islamisten das von
Korruption und politischer Kungelei abgestoßene türkische Bürgertum an...
Was aber die gesellschaftliche Modernität und Liberalität, das tolerante
Grundverständnis für eine pluralistische Demokratie, deren Entwicklung und
Sicherung der Türkei zu wünschen wäre, angeht, sehen die Antworten der
Refah bekanntlich anders aus, enger, konservativer, unduldsamer, an
islamischen Großmachtträumen orientiert, aus...
Was hat es nun
mit unserem Empfang im Hotel Teuer auf sich, das sollte schließlich erklärt
werden. Zum ersten Mal übernachteten wir mit einer Gruppe der
Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Otel Tur im Jahre
1985 bei unserer ersten Austauschfahrt in die Türkei, die wir noch sehr
sorgfältig von Hannover aus organisiert hatten (übrigens hatte ich 1974 bei
einer Gruppenfahrt in den Iran schon einmal auf dem Camping-Platz von Konya
übernachtet, wo wir auch 1987 bei unserer großen sommerlichen »Orienttour«
mit vier VW-Bussen nach Ägypten und Israel unterkamen). Ich hatte die
Adresse vom Fremdenverkehrsbüro aus Konya erhalten, die mir sympathisch
unprofessionell handschriftlich in holprigem Englisch geantwortet hatten.
Das Hotel war funkelnagelneu und sichtlich zum größten Teil in Eigenarbeit
von dem stolzen Besitzer und seinen Freunden gebaut und eingerichtet worden.
Auch hier wieder das noch familiäre und etwas unprofessionelle Engagement
einiger junger Männer, wie es in der Türkei häufig anzutreffen ist und das
voll auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens, auch zum Gast, aufbaut.
Aber der Überschwang dieser ersten Aufenthaltsdauer war doch noch etwas
besonderes. Mustafa Akseki vermittelte uns, da wir dieses eine Mal unsere
Rundreise mit Linienbussen durchführten, Kleinbusse zum Besuch von Sultan›
und Kappadokien und legte zunächst auch das Geld dafür vor. In späteren
Jahren, wir berichteten in unseren Abschlußheften jeweils darüber, hat er
uns in findiger Weise liegen gelassene Gegenstände nach Izmir nachgeschickt
und überhaupt ein Maß an Hilfsbereitschaft gezeigt, daß nicht nur für ihn,
sondern für Konya und die türkische Kultur insgesamt einnahm. Was wir erst
Reisen später erfuhren: Wir waren überhaupt die ersten Gäste nach der
Eröffnung des Hotels gewesen. Seither sind wir in diesem Teil von Konya
»VIPs«!
2. Das weitere
Programm
Wie jetzt schon
klar ist, war die Türkei-Reise 1996 nicht unsere erste Begegnung mit diesem
interessanten und auch für die europäische Politik wichtigen Land sondern
ist Teil der intensiven interkulturellen Partnerschafts- und
Austauschprogramme der Bismarckschule Hannover als UNESCO-Projekt-Schule.
Seit 1985 haben wir eine enge und gut funktionierende Schulpartnerschaft mit
der Istanbul Lisesi – einer der besten Schulen des Landes – aufgebaut und
wechseln uns jährlich alternierend mit unseren gegenseitigen Besuchen ab.
Erleichtert wurde
mir persönlich dieses Engagement für die Türkei dadurch, daß ich dieses Land
seit meinem Studium der Geographie kenne und erstmalig, nach ersten
Geländeerfahrungen in Nordafrika, auf meiner Reise in den Iran 1970 (wo ich
für meine Staatsexamensarbeit einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt in
der Region Shiraz hatte) von West nach Ost und später auf dem Rückweg noch
einmal in entgegengesetzter Richtung mit dem Wagen durchqueren konnte, wobei
ich mich schon bemühte, möglichst viele Orte kennenzulernen und zu besuchen.
In dem folgenden Vierteljahrhundert bin ich dann aus verschiedenen Anlässen
in der Türkei gewesen und konnte dort Kontakte und Freundschaften finden und
auch beginnende »Heimatgefühle« für dieses Land, dessen Lebensgefühl mir
nicht mehr so fremd ist, entwickeln, von dem ich versuche, etwas meinen
Schülerinnen und Schüler in der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der
Bismarckschule mitzuteilen.
So kann es
durchaus vorkommen, mich an einem warmen Frühlingsabend, natürlich wieder,
um dem Leitmotiv dieses Berichtes zu folgen, in Konya, auf einem kleinen
Teppich am Straßenrand mit einigen Kleinhändlern aus der Straße sitzen zu
sehen, Tee trinkend und in endlose Gespräche über Gott und die Welt, über
die Heiligkeit des mevlâna oder die Korruption von Frau Çiller und
die desolate Wirtschaftslage des Landes verwickelt, während die Schülerinnen
und Schüler einige Häuser weiter mit jungen Leuten oder bei Teppichhändlern,
die längst wissen, daß unsere Gruppe keine Teppichkäufer bringt, ebenfalls
reden und Apfel-Tee, elmak çayx,
trinken...
Unsere
Partnerschule in Istanbul ist eine sogenannte „bilinguale Schule", in der
die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in deutscher Sprache – von
deutschen Lehrern – erteilt werden. Durch einen ein- bis zweijährigen
intensiven Einführungskurs in die deutsche Sprache – es handelt sich bei den
Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi ja nicht um „Rückkehrerkinder",
in der Türkei »Deutschländer« genannt, die schon Deutschkenntnisse
mitbringen – sprechen die Kinder schon in der sechsten Klasse, der
Eingangsklasse, fließend Deutsch, so daß auch unsere Kontakte und die
Unterbringung in Familien in Istanbul keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
Türkisches
Familienleben und türkische Gastfreundschaft ganz privat erlebt als Auftakt
unserer Begegnungen mit der Türkei sind der menschlichste und intensivste
Weg, die Schulpartnerschaft nicht nur institutionell zu sichern, sondern mit
Leben zu füllen, wie es das Ziel des Interkulturellen Lernens der
UNESCO-Projekt-Schulen ist. Auch Freundschaften über die Grenzen hinweg sind
auf diesem Wege entstanden. Ich kann mir nur wünschen, daß noch viele
unserer Schülerinnen und Schüler diese Erfahrungen machen dürfen und lernen
können, das Fremde zu verstehen und zu begreifen, daß wir in einer Welt
zusammen leben. Das dürfte für uns Hannoveraner auch die notwendige
Vorbereitung für die bevorstehende EXPO 2000 sein, zu der wir hoffentlich
auch unsere Partnerschulen, vor allem auch die Istanbul Lisesi werden
einladen können!
3. Die Türkeipläne
für 1997
Zu weiteren
Besuchen gibt es bald wieder die nächste Chance. Nachdem unsere türkischen
Gäste aus verschiedenen terminlichen Gründen ihren turnusmäßigen Besuch in
Hannover nicht am Schuljahresende, das heißt im Frühsommer 1997, unternehmen
konnten, sondern schon im Herbst 1996 unserem Besuch in Istanbul Pfingsten
des vergangenen Jahres zeitlich schnell folgten, wäre es für unsere
Gastgeber für einen Gegenbesuch, der sehnlichst erwartet wird, doch zu lang,
bis zum regulären Termin 1998 zu warten. So haben wir uns nun entschlossen,
schon im Herbst 1997, unter Einschluß eines Teiles der Herbstferien, wieder
in die Türkei zu fahren, was auch den Turnus so verschiebt, daß wir, wie
erhofft, unsere türkischen Gäste gerade im Jahr 2000 nach Hannover einladen
können.
Das Programm soll
auch diesmal dem bewährten Muster folgen und nach der Woche in Istanbul eine
Rundfahrt durch Westanatolien einschließen, um das Land, seine Geschichte
und Kultur und das heutige Leben in der Türkei einschließlich seiner
gesellschaftlichen und politischen Probleme besser kennen lernen zu können.
Dabei haben wir vier thematische und regionale Programmschwerpunkte:
-
An der Ägäisküste im Westen lernen wir
die antike Geschichte in so bekannten Orten wie Troja, Pergamon und
Ephesos kennen – an einer Küste, wo vielleicht sogar im Oktober noch ein
erfrischendes Bad im Meer möglich ist,
-
in Konya werden wir mit der
türkisch-islamischen Geschichte konfrontiert und begegnen der Zeit der
Selçuken und der islamischen Mystik des mevlâna,
-
in Kappadokien geht ein integrativer
Blick über die Jahrtausende anatolischer Geschichte von der Bronzezeit
(Tal von Zelve), dem altgeschichtlichen Großreich der Hethiter (in Hattusa),
Byzanz (in den Höhlenkirchen von Göreme und den »unterirdischen Städten«)
bis zur Gegenwart in einer fruchtbaren türkischen Kulturregion mit Obst-
und Weinbau in einer Landschaft, die geographisch und von ihrem
Erlebniswert her atemberaubend ist (ich will hier nicht zu viel vorweg
verraten),
-
in Ankara schließlich begegnen wir in
der Hauptstadt dem Selbstverständnis der modernen Türkischen Republik und
besuchen dort das Grabmal des Staatsgründers Kemal Atatürk.
Daneben hat uns
ja der Besuch in Istanbul schon in metropolitaner Form erste Eindrücke aus
zweitausend Jahren Geschichte seit der frühchristlich-byzantinischen
Basilika Hagia Sophia bis hin zu den heutigen Einkaufszentren
gegeben. Wir sollten daran denken, daß diese Stadt über viele Jahrhunderte
Hauptstadt der Welt – soweit sie damals staatlich organisiert war –
gewesen ist, in der sich das Schicksal von Orient und Okzident entschied:
zuerst als das Neue Rom: Konstantinopel, später noch einmal als
Zentrum des mächtigen Osmanischen Reiches, das das Mittelmeergebiet
im 15. Jahrhundert von Gibraltar bis zum Zagros, von Ungarn bis Mekka
beherrschte und dessen kultureller Einfluß bis weit in die christlichen
Staaten der frühen Neuzeit reichte. Dieses Erbe macht auch heute noch
Urbanität und Dignität dieser Stadt aus.
Das Urbild der
Metropolen wurde dann auch folgerichtig 1996 zum Ort der internationalen
UN-Konferenz Habitat II, in der die weltweiten Probleme der
Verstädterung, die sozialen, ökonomisch-strukturellen und ökologischen
Probleme der rasant wachsenden Agglomerationen verhandelt wurden. Istanbul
ist ein gutes Beispiel dafür. Schon früh in diesem Jahrhundert zur
Millionenstadt geworden, wächst diese Riesenstadt vor allem durch die
innertürkische Landflucht in den Sechziger Jahren auf vier, in den Siebziger
Jahren auf sechs bis sieben und dann bald auf acht bis zehn Millionen
Einwohner an. Offiziell hat, je nach Quelle, die Stadt heute eine
Einwohnerzahl von acht bis zwölf Millionen, der verstädterte Bezirk, der vom
Schwarzen Meer bist an den Golf von šzmit reicht, nach geographischen
Schätzungen etwa vierzehn bis sechzehn Millionen Einwohner und die höchste
Schätzung, die ich gefunden habe, benennt gar zwanzig Millionen für den
Konurbationsraum.
Welche Probleme
mit diesem Wachstum verbunden sind, dürfte klar sein und wird deutlich, wenn
man kilometerweit durch die slumartigen Außenringe der Stadt oder durch die
schnell und oft spekulativ und wenig qualitätsbewußt gebauten
Wohnblockviertel an den Ausfallstraßen fährt, gegen die die berüchtigten
»Plattenbauten« der ehemaligen DDR fast idyllisch anmuten: Es ist kein
Einzelfall, daß Vorortviertel für 200.000 neue Bewohner in einem Zug
hochgezogen werden, auch wenn die Vermietung dann oft jahrelang auf sich
warten läßt – denn für die Slumbewohner sind auch diese Wohnungen zu teuer.
Die illegalen Siedlungen der Landflüchtlinge haben aber in der Türkei eine
lange Tradition und sind sozial stärker integriert als z.B. die favelas
in Südamerika oder gar die Verfalls- und Drogenviertel in den Großstädten
der USA. Die gecekondus, d.h. „die über Nacht gebauten Häuser", die
nach altem Gewohnheitsrecht nicht gewaltsam mehr beseitigt werden dürfen
(woran sich der Staat heute nicht mehr immer hält), sind in der Regel zwar
sozioökonomische und ökologisch-hygienische Elendsgebiete, sozial aber viel
stärker in die Gesellschaft eingebunden als die Randkulturen der westlichen
Industriestaaten. Gerade das noch intakte islamische Wertesystem hilft hier
zur Lebensbewältigung und schützt vor dem Abstieg in Asozialität und
Delinquenz. So sind die Armenviertel der türkischen Großstädte heute ein
sicheres Wählerreservoir für die hier betont religiös-konservativ
auftretenden Islamisten der Refah.
Das sah auch die
islamistische Stadtregierung bei der Veranstaltung von Habitat II,
mit der sich die Stadt, ohne daß dabei publikumswirksame Veranstaltungen
angeboten wurden, in hohem Maße identifizierte; in aller Hektik wurde noch
wenige Wochen vor Tagungsbeginn ein Innenstadt-Umbau eingeleitet, nachdem
das Tagungszentrum am Flughafen völlig erneuert worden war: Die
Nostalgie-Straßenbahn am Taksim-Platz wurde erneuert, neue Fußgängerzonen
eingerichtet und die Fußwege in den Zentrumsbereichen von Caäaloälu (wo
unsere Partnerschule steht), Sultan Ahmed (mit den Touristenzentren) und
Eminönü (zwischen Bahnhof und den Fähranlegern am Goldenen Horn) wurden auf
viele Kilometer mit roten Ziegeln neu gepflastert. Ja sicher, das ist reine
Kosmetik. Aber es zeigt ein Lebensgefühl, das sich mit der Stadt
identifiziert, es zeigt wie überhaupt das Leben in Istanbul: echte
Urbanität.
Die Arbeit einer UNESCO-Schule: z.B.
Schulpartnerschaften mit Polen und der Türkei
Gerhard Voigt:
I.
UNESCO-Schulen: Aufgaben und Möglichkeiten
1. Wandlungen
der Ziele der UNESCO-Arbeit
ie internationale
Organisation der „UNESCO-Modellschulen" ist eine typische Gründung der
ersten Nachkriegszeit und in vielerlei Beziehung von ihrer Entstehungszeit
geprägt worden. Sie steht neben den nationalen „Gesellschaften für die
Vereinten Nationen", neben der idealistischen Europabewegung und den
verschiedenen bilateralen Jugendwerken. Die Ziele waren direkt und
unmittelbar geprägt von der Erfahrung des Krieges und der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das „Nie Wieder" reichte zunächst
als Zielbestimmung aus, eine Zielbestimmung, die vor allem ethisch und
moralisch motiviert und in der praktischen Umsetzung eher unpolitisch war.
Das soll nun
nicht als fundamentale Kritik verstanden werden; der moralische Anspruch war
damals so richtig und wichtig, wie er es heute noch ist. Doch stießen diese
aus den frühen fünfziger Jahren herrührenden internationalen politischen
Initiativen schnell an die Grenzen ihrer Wirksamkeit; „Kalter Krieg" und
imperiale Großmachtpolitik drängten die idealistischen Ansprüche bald an den
Rand des öffentlichen Interesses und der öffentlichen Wirksamkeit. Eine
politisch wirksame Massenbewegung wurde die UNESCO-Schularbeit nie, konnte
sie nie werden, und zwar gerade durch das seit der Gründung bestehende
Defizit an politischem Gehalt und politischer Institutionalisierung.
Die heutige
Generation von Lehrern und Schülern in den jetzt bestehenden UNESCO-Schulen
kann kaum noch an unmittelbare Erfahrung und Augenzeugenschaft der Kriegs-
und ersten Nachkriegszeit anknüpfen. Sie muß sich den heutigen
gesellschaftlichen und politischen Bedingungen und Problemlagen stellen, muß
eine zeitgenössische UNESCO-Arbeit betreiben und Ziele und Inhalte dieser
Arbeit neu überdenken.
Die erstaunlichen
politischen Umwälzungen der letzten Jahre, die Bewegung, die in das
Ost-West-Verhältnis gekommen ist, das wieder wachsende internationale
Ansehen der Krisenlösungsbemühungen der Vereinten Nationen in Namibia,
Nahost, Angola oder in Südost-Asien erleichtern es, den UNESCO-Gedanken neu
und nun auch politisch zu fassen. Es ist ein günstiger Moment,
UNESCO-Schulen zu Erprobungsstätten einer neu überdachten politischen
Bildung, zu Multiplikatoren für die Erfahrungen mit interkulturellem Lernen
zu machen. Der Bericht über die praktischen Erfahrungen mit der
UNESCO-Schularbeit am konkreten Beispiel der Bismarckschule Hannover – mit
Blick über die Schulmauern hinaus auf Initiativen und Erfahrungen anderer
UNESCO-Schulen – soll ein wohlüberlegter Schritt in die Öffentlichkeit sein,
um die genannte Multiplikatorenfunktion der UNESCO-Schulen noch deutlicher
zu betonen, um im Sinne der interkulturellen Ziele der UNESCO politisch in
unserer eigenen Gesellschaft wirksam zu werden.
Die UNESCO ist
eine Sonderorganisation der UN, und die Abkürzung steht für „United Nations
Educational, Scientific and Cultural Organization". Der Sitz dieser
internationalen Organisation ist Paris; sie hatte im Jahr 1984 bereits 161
Mitgliedsstaaten. Die UNESCO ist 1945 zum Zwecke der internationalen
Zusammenarbeit auf den Gebieten der Erziehung, der Wissenschaft und Kultur
gegründet wurde. Innerhalb dieser Organisation haben sich nun Schulen zu
sogenannten „UNESCO-Schulen" zusammengeschlossen.
An dem
Modellprogramm der UNESCO sind über 1500 Schulen in über 80 Ländern
beteiligt. UNESCO-Schulen sind Schulen, die sich in besonderem Maße dem
Erziehungsziel der internationalen Zusammenarbeit und Verständigung
verpflichtet fühlen. Das Engagement einer UNESCO-Schule realisiert sich
durch eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen und
Problemstellungen im Unterricht sowie durch zusätzliche Schulaktivitäten wie
z.B. Ausstellungen, internationale Veranstaltungen, Studienfahrten,
Austauschprogramme, Partnerschaften und ähnliche Aktionen. Darüber hinaus
zeichnet sich die Arbeit der UNESCO-Schulen dadurch aus, daß sie meist
einmal jährlich ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen, in
dem ein ausgewähltes internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet wird.
Über diese Projekte werden Dokumentationen angefertigt, die anderen Lehrern
als Anregung für eigene Projekte dienen sollen. Mit der Erarbeitung
derartiger Unterrichtsprojekte wollen die UNESCO-Schulen, bewußt abhebend
von einer zu theoretischen Curriculumentwicklung, einen praxisnahen Beitrag
zur Behandlung internationaler Problemstellungen in der Schule leisten. In
den letzten Jahren waren dies beispielsweise die Themen „Ausländer in
unserer Stadt", „Kinder unserer Welt", „Wie wir morgen leben wollen",
„Dritte Welt", „Islam", „Gastarbeiter" und „Jahr des Friedens".
An den genannten
Schwerpunktthemen ist zu erkennen, wie stark UNESCO-Arbeit jetzt auch in
aktuelle innen- und gesellschaftspolitische Themen eingreifen muß, wenn sie
sich weiter ihren internationalen Zielen verpflichtet fühlen will. Die
positive Auseinandersetzung mit den heute innergesellschaftlich zum Problem
gewordenen Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Nationalität und
kultureller Herkunft in einer Gesellschaft, mit den Ansprüchen auf
kulturelle Identität von Minderheiten, mit dem Erkennen und Anerkennen von
erworbenen Wohn- und Heimatrechten ohne Rekurs auf traditionelle
Staatsangehörigkeiten, mit dem Begreifen von Akkulturationsproblemen und
Integrationsvorstellungen bestimmt nun die dominanten Inhalte, da
internationale Konflikte zumindest in Europa weniger auf dem
außenpolitischen Felde denn als innergesellschaftliche Problemlagen zu
verstehen sind. Das alte UNO-Konzept einer „Weltinnenpolitik" erlangt
dadurch problematische neue Aktualität, der sich die UNESCO-Schulen stellen
müssen.
Die – für Europa
so überaus positiven – internationalen Veränderungen sind eine Chance,
direkt und mit politischer Kraft die Jugendprobleme der heutigen
Gesellschaft zu bewältigen zu versuchen. Den Zusammenhang zwischen der
individuellen Sozialerfahrung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu
erkennen und pädagogisch umzusetzen, ist eine Forderung, der sich das
traditionelle Schulwesen mit seinem bürgerlich-individualistischen
Pädagogikverständnis noch viel zu wenig geöffnet hat. Schulpolitisch
relevant wird so die auf diesem Kontext basierende UNESCO-Schularbeit, da
sie modischen konservativen Trends der Schulpolitik widerspricht.
2.
Realisierung der Arbeitsschwerpunkte
Praktische
UNESCO-Schularbeit ist immer nur ein Kompromiß mit den
schulorganisatorischen Möglichkeiten, mit den verschiedenen innerschulischen
Auffassungen und Interessen, zwischen den heterogenen Impulsen und Angeboten
der UNESCO-Arbeit selbst, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben.
Der
Erprobungscharakter von UNESCO-Projekten sollte dabei ganz deutlich in den
Vordergrund gestellt werden. Es wäre vermessen zu fordern, die
UNESCO-Schulen sollten „völlig andere", vielleicht sogar „bessere" oder gar
„neue" Schulen sein. Das ist weder vom Ansatz her noch im gegebenen Rahmen
der Realisierung möglich. UNESCO-Schulen haben die gleichen Probleme wie
andere Schulen der entsprechenden Schulformen: Konflikte zwischen Schülern
und Lehrern, Auseinandersetzungen um pädagogische Konzepte, Leistungsdruck
und Schulangst, Einschränkungen durch Schulverwaltung und Schulaufsicht,
viele große Enttäuschungen und Mißerfolge bei einigen kleinen Erfolgen, die
die Schule erst rechtfertigen. UNESCO-Arbeit ist eine zusätzliche Aufgabe,
die aber die Chance beinhaltet, in den Unterrichtsalltag auszustrahlen,
neues Interesse an schulischen Inhalten zu wecken und Ansätze einer sozialen
Integration der Schule zu sein. Kein einzelnes UNESCO-Projekt kann nur an
einer UNESCO-Schule durchgeführt werden; im Gegenteil, die auf öffentliche
Wirkung angelegte UNESCO-Schularbeit lebt ja gerade aus der Hoffnung,
Anstöße vermitteln zu können, die auch an anderen Schulen Wirkungen zeigen,
vielleicht sogar einmal zum allgemeinen Bestand von Schule zu werden. Das
wichtigste Charakteristikum einer UNESCO-Schule ist, daß sie sich Gedanken
über die UNESCO-Arbeit macht, daß sie die vielfältigen möglichen Initiativen
und Projekte als Schule diskutiert, verantwortet und auch in der
Öffentlichkeit vertritt.
Ehe wir zur
Beschreibung einzelner UNESCO-Projekte kommen, wie sie die Autoren an der
eigenen Schule, der Bismarckschule Hannover, erfahren haben, sollte hier
noch einmal hervorgehoben werden, was uns in der heutigen politischen
Situation tatsächlich als Kernbestand einer aktuellen UNESCO-Arbeit
erscheint: die Auseinandersetzung mit den vielfach noch wenig erprobten und
diskutierten Möglichkeiten des interkulturellen Lernens und einer auf dieser
Grundlage aufbauenden Ausländerpädagogik.
Wir sehen mit
Sorge, daß auf die schulpolitische Ausgrenzung des Politikunterrichtes und
seine Fesselung in einer konservativen Staatsdidaktik eine Krise des
Selbstverständnisses der Politikdidaktik gefolgt ist. An den Schulen findet
eine politikdidaktisch verantwortete Gestaltung von „Politischer Bildung"
nicht mehr statt. Die Folgen des Verdrängens eines kritischen
Politikunterrichtes aus den Schulen, vor denen schon vor einem Jahrzehnt
eindringlich in der Öffentlichkeit gewarnt worden ist, sind nun in
bestürzendem Maße eingetreten: sogenannte „Republikaner" und Neonazis,
Ausländerhatz und Verlust an Liberalität und Rechtsstaatlichkeit gehören zum
Alltag unserer „politischen Unkultur". Hier Einhalt zu gebieten, Umkehr zu
fordern und zu einer positiven Neubewertung der politischen Bildung als
Grundlage von Demokratie und sozialem Rechtsstaat zu gelangen, sollte zu den
vordringlichsten Zielen der UNESCO-Schularbeit und dabei vor allem einer
inhaltlich neu überdachten und bestimmten interkulturellen Erziehung sein.
Politische
Bildung und Politikdidaktik müssen sich in der konkreten gesellschaftlichen
Situation und an den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten bewähren und
beweisen, daß sie dazu beitragen, den Schülern in der Gesellschaft die
notwendige Orientierung und rationale Konfliktfähigkeit zu vermitteln und
sie politisch handlungsfähig zu machen. Zum Prüfstein unserer „politischen
Kultur" wird in zunehmendem Maße unsere gesellschaftliche Fähigkeit, die
sogenannte „Ausländerproblematik" als unsere eigene „deutsche Problematik"
des Umgangs mit Vorurteilen, Stereotypen und sozialen Problemlagen zu
begreifen.
-
„Ausländerpädagogik" bekommt aus der Sicht der Politikdidaktik
unterschiedliche Dimensionen, deren Kontext erkannt und unterrichtspraktisch
umgesetzt werden muß:
-
„Ausländerpädagogik" konfrontiert mit den sozialen Bedürfnissen und den Akkulturationsproblemen ausländischer Schüler in der Schule, wobei das
Kriterium „Ausländer" nicht als staatsrechtliches, sondern als
sozialpsychologisches Agens zu werten ist. In dieser Dimension wird der
fundamentale Perspektivunterschied deutlich zwischen
individualpsychologisch orientierter Pädagogik, die Probleme vor allem als
individuell bedingt definiert und auf dieser Basis lösen will, und den
sozial-kollektiv argumentierenden Politik- und
Gesellschaftswissenschaften.
-
„Ausländerpädagogik" ist aber gleichermaßen Bestandteil einer
umfassenderen „interkulturellen Erziehung", die sich an alle Schüler
unabhängig von ihrer Herkunft wendet und den interkulturellen Kontakt
selbst unterrichtlich thematisiert.
Der UNESCO-Club
Hannover und der Verband der Politiklehrer veranstalteten in der
Bismarckschule Hannover am 15. -16. März 1988 mit Gästen aus dem
Kultusministerium, dem Verein zur pädagogischen Förderung ausländischer
Kinder in Osnabrück, den beiden Lehrerverbänden und engagierten Lehrern aus
der Schulpraxis unterschiedlicher Schulformen ein Symposium zum Thema
Ausländerpädagogik, das im Zusammenhang mit den Perspektiven der
UNESCO-Schularbeit recht interessante Ergebnisse erbrachte. Es wurde – um
hier die realen sozialen Voraussetzungen zugrunde zu legen – festgestellt,
daß die Schulpolitik und die schulische Realität heute zwar als Zielsetzung
akzeptieren, für Ausländerkinder eine integrationsorientierte Grundbildung
bereitzustellen, daß aber die Teilhabe an weiterführenden Bildungsgängen, an
denen Ausländerkinder immer noch deutlich unterrepräsentiert sind, explizit
oder durch strukturelle Hürden behindert wird. Diese Benachteiligung wurde
auch durch die Zahlen deutlich, die vom Niedersächsischen Kultusministerium
vorlegt wurden. Zwar ist eine steigende Tendenz des Realschul- und
Gymnasialbesuches festzustellen – die Gesamtzahl läßt eine Beschäftigung mit
dieser Schülergruppe durchaus dringlich erscheinen! –, doch die Hürden sind
noch hoch.
Es fällt dabei
auf, daß Türken gegenüber anderen Ausländergruppen noch deutlich
benachteiligt sind. Das hat vor allem zwei Ursachen:
-
Das
Verhalten der deutschen Gesellschaft gegenüber ihrer türkischen Minderheit
ist stärker diskriminierend als gegenüber anderen Ausländergruppen; das
oft zu beobachtende „Sich-Absondern" türkischer Familien ist auch eine
unmittelbare Reaktion auf das „Abgesondert – Werden" durch die deutsche
Mehrheit; dies beeinträchtigt in doppelter Weise die Teilhabe z.B. an den
Bildungsangeboten des Schulwesens.
-
Kinder aus
Familien Asiens oder Afrikas, die bei uns politisches Asyl gefunden haben,
stammen, im Gegensatz zur Mehrzahl der bei uns lebenden türkischen
Familien, überwiegend aus den Oberschichten ihrer Heimatländer. Sie haben
oft schon in ihrer alten Heimat trotz aller politischen Bedrohung und
Repression das Selbstbewußtsein kultureller Eliten verinnerlicht und
verfügen damit über die international schon recht nivellierten Symbole und
Verhaltensweisen einer Bildungsschicht, durch die eine Integration in
unser bürgerliches Gymnasium trotz aller Sprachanpassungsprobleme
erheblich erleichtert wird.
Von der
Häufigkeit ihres Auftretens wie von der Gewichtigkeit der Problemlage her
konzentriert sich unser Thema daher schwerpunktmäßig auf folgende Aspekte:
-
Wie kann die Anzahl türkischer Jugendlicher am Gymnasium erhöht werden, um
unter anderem auch diese „Bildungsreserve" auszuschöpfen und um dabei
fruchtbare Ansätze kultureller Erziehung zu finden, die auch das Gymnasium
selbst inhaltlich positiv verändern könnten?
-
Wie ist der
türkischen Minderheit ein gleicher Anteil an Bildungschancen, wie sie von
deutschen Kindern selbstverständlich in Anspruch genommen werden, zu
sichern?
-
Wie können
die innerschulischen strukturellen Barrieren überwunden werden, die sich
vor allem im Vorhandensein typischer „Hürdenfächer" am Gymnasium
ausdrücken?
-
Wie können
Vorurteilshaltungen bei Lehrern wie bei Mitschülern abgebaut werden, und
wie kann ein fruchtbarer interkultureller Austausch, als Bereicherung des
Schullebens, in die Institution Gymnasium fest integriert werden?
Ausländische
Schüler am Gymnasium sollten nicht in erster Linie als Problem, sondern als
Chance und Selbstverständlichkeit verstanden werden!
In einem späteren
Abschnitt werden wir noch einmal auf konkrete Folgerungen aus diesen
Problemstellungen für die Arbeit einer UNESCO-Schule eingehen, aber auch auf
die Widerstände, die sich, sogar in einer UNESCO-Schule, gegen eine solche
Betonung der Ausländerpädagogik aufbauen, wenn sie tatsächlich in die
gewohnte Unterrichtsroutine eingreift oder das traditionelle
Selbstverständnis der Schulform, in unserem Falle eines Gymnasiums,
tangiert. Zunächst jedoch noch einige kurze Anmerkungen zur Praxis der
UNESCO-Schularbeit.
3. Die
Realisierung von UNESCO-Projekten
Den Anstoß zu
konkreten UNESCO-Projekten sollten nach der Idee der UNESCO-Schulen die
jährlichen Tagungen auf Bundesebene geben. Darüber hinaus bieten diese
Treffen von Vertretern möglichst aller bundesdeutscher UNESCO-Schule die
Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und zur Weiterentwicklung des
UNESCO-Gedankens. In den letzten Jahren wurde vor allem versucht, über die
traditionellen Fachbezüge der politischen Bildung hinaus, die zunächst
einmal vorrangiger Träger der UNESCO-Arbeit ist und war, andere, in ihrem
Selbstverständnis nicht so ohne weiteres angesprochene Fachbereiche wie die
künstlerischen und besonders die mathematisch-naturwissenschaftlichen
Aufgabenfelder enger in die UNESCO-Arbeit mit einzubeziehen, um den
einheitlichen ganzheitlichen pädagogischen Anspruch stärker zu betonen.
Wie nimmt die
einzelne Schule die Anstöße auf, die von der UNESCO-Schul-Organisation
ausgehen? Feste Regeln existieren nicht. Projektveranstaltungen und
Projekttage müssen von der Gesamtkonferenz beschlossen und strukturiert
werden. Die inhaltliche Umsetzung fordert dann aber sicher delegierte Arbeit
von einzelnen Kolleginnen und Kollegen in ihren Fachgruppen oder in
Projektausschüssen. Besonders wichtig ist es, schon hier Schüler und Eltern
in die inhaltliche Konzeption mit einzubeziehen, denn es ist eine
verbreitete Erfahrung, daß es Schülern aus deren gesellschaftlichem
Hintergrund heraus an unmittelbarer Affinität zur UNESCO-Arbeit oft mangelt.
Das ist kein Widerspruch zum schülerorientierten Anspruch der UNESCO-Arbeit,
sondern nur Zeichen für die Bedeutung des Erziehungszieles „interkulturelles
Lernen"; wenn dies bei Schülerinnen und Schülern ohnehin
selbstverständliches Verhalten und positive Einstellung wäre, würde eine
aktive UNESCO-Schul-Arbeit „offene Türen einrennen" und eher eine attraktive
„Verzierung" eines ohnehin in internationalen und interkulturellen
Perspektiven sich ausdrückenden Unterrichtsalltages sein. Daß dem so nicht
ist, dürfte jedem Kenner der innerschulischen Situation und jedem, der sich
mit Haltungen und Vorurteilen Jugendlicher in den letzten Jahren beschäftigt
hat, klar sein.
Häufigster
aktueller Konfliktpunkt mit Schülern ist die Planung von
Projektveranstaltungen mit UNESCO-Zielsetzungen, denen von Schülerseite her
die Forderung nach einer thematisch „freien" Projektarbeit entgegengehalten
wird. Hier liegt oft ein Mißverständnis über den Stellenwert von
Projekttagen und Projektwochen im Schulalltag zugrunde, das auch von
Lehrerseite häufig durch unernste Haltung gegenüber jeglicher Projektarbeit
gefördert wird: Projektwochen wären bestenfalls geruhsame Zusätze zum
eigentlich wichtigen Schulalltag und Fachunterricht. Dem ist aber
entgegenzuhalten: Projektveranstaltungen sind kein „außerschulischer"
Zeitraum in der Schule, sondern pädagogisch von der Schule zu verantwortende
Veranstaltung von mindestens gleichem Rang wie der „normale" Unterricht. Ein
Herangehen an Projekte in der üblichen Konsumhaltung – „jetzt bietet uns die
Schule einmal Spaß und Spiel an, und wir machen, was wir wollen (vielleicht
auch gar nichts)" – ist unvertretbar. Auch „freie Handlungsformen" müssen
pädagogisch reflektiert werden und den Zielen der Schule auch im Sinne des
sozialen Lernens oder der Selbsterfahrung dienen. Daher kann und soll die
Schule auch über die regelmäßige thematische Bindung von Projektzeiträumen
nachdenken und diese Bindung den Schülern verständlich machen. Für
UNESCO-Schulen sind Projektthemen aus den jeweiligen Schwerpunktthemen der
UNESCO-Schul-Organisation, die ja international ausgeschrieben werden,
vorrangige Arbeitsmöglichkeiten, die Schüleraktivitäten breiten Raum lassen.
-
Die Vorbereitung
und Durchführung von Projektveranstaltungen detaillierter zu schildern, ist
hier nicht der Ort. Die Autoren beabsichtigen, dieses Thema an anderer
Stelle noch einmal schwerpunktmäßig zu bearbeiten und zu publizieren. So
sollen an dieser Stelle nur die wichtigsten Kriterien genannt werden, die
eine pädagogisch und inhaltlich erfolgreiche Projektveranstaltung einer
UNESCO-Schule auszeichnen:
-
Projektveranstaltungen werden fächerübergreifend von den Gremien der
Schule vorbereitet und strukturiert; Sinn und Gehalt des gewählten
Rahmenthemas sind schon hier zu reflektieren; eventuell ist vorbereitendes
schriftliches Informationsmaterial bereitzustellen bzw. ein
Einführungsreferat eines externen Referenten in der Konferenz zu hören.
-
Lehrer, Eltern und Schüler sind an der inhaltlichen wie organisatorischen
Vorbereitung der Projektveranstaltung zu beteiligen; neben der Beteiligung
der formalen Gremien sind freie, informelle Mitwirkungsmöglichkeiten zu
eröffnen.
-
Das
Veranstaltungsprogramm soll nicht nach Fächern strukturiert werden;
dagegen steht eine problem-, aufgaben- und tätigkeitsbezogene
Programmgestalt.
-
Projektarbeit bedeutet ergebnisorientiertes Arbeiten. Nicht der
Nachvollzug vorgedachter und vorerprobter Lernprogramme mit planerisch
definierten Freiheitsspielräumen ist für die Projektarbeit typisch, sie
erhält ihren pädagogischen Wert dadurch, daß die Überlegung, auf welchem
Wege eine Aufgabe zu lösen ist, im Mittelpunkt der Arbeit steht [was auch
das Risiko des Scheiterns beinhaltet].
-
Ergebnisorientiertes Arbeiten bedeutet auch, daß von Anfang an die
Ergebnissicherung und Ergebnisvermittlung mit bedacht werden muß. Hier
können materielle Produkte (Kunstgegenstände, Plakate, Gerätschaften),
Ausstellungen und Berichthefte (Publikationen) erstellt werden. Dies
geschieht zunächst schulintern; aus der Multiplikatorenfunktion der
UNESCO-Arbeit heraus sollte aber auch eine breitere Öffentlichkeit z.B.
durch Einbeziehung der lokalen Medien (Zeitung, Funk) informiert werden.
-
Der letzte
Schritt in der UNESCO-Arbeit ist dann die Gesamtdokumentation der Arbeiten
zum gewählten UNESCO-Thema, was eine kritische Reflexion der gewählten
Veranstaltungsform wie der erzielten Ergebnisse mit einschließt. Diese
Dokumentation dient dem Erfahrungsaustausch mit anderen UNESCO-Schulen
ebenso wie schließlich einer möglichen Wirkung auf schul- und
bildungspolitische Veränderungen und Entscheidungen.
Projektorientiertes Arbeiten, erfahrungsorientierte Pädagogik,
handlungszentriertes Lernen, interkulturelle Erfahrungsmöglichkeiten sind
pädagogische Paradigmen der UNESCO-Schularbeit. Schule wird hier als
öffentlicher Handlungsraum verstanden, der sich in seinen Arbeitsformen,
Zielen und Ergebnissen öffentlich zu verantworten hat und so auch öffentlich
wirksam werden kann. Die Schule ist angesichts der bedrückenden Problemlagen
der heutigen politischen Kultur stärker als bisher wieder in die
Gesellschaft zu integrieren; das Konzept einer gesellschafts- und
politikfreien Schule halten wir nicht nur für gescheitert, sondern den
pädagogischen Zielen einer heutigen, weltoffenen Schule geradezu
entgegengesetzt.
Die Anzahl der
UNESCO-Schulen ist begrenzt und wird begrenzt bleiben. Um so stärker wird
dadurch die Aufgabe sichtbar, exemplarisch zu wirken. Dafür gibt es, in den
einzelnen Bundesländern unterschiedliche, Vorteile, die eine UNESCO-Schule
nutzen kann und nutzen sollte. In erster Linie können zusätzliche
Stundenkontingente für die UNESCO-Schularbeit abgerufen werden. Darüber
hinaus sind experimentelle Projektveranstaltungen, Studienfahrten und
Schulpartnerschaften für eine UNESCO-Schule leichter zu begründen und damit
häufiger genehmigungsfähig. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, als
UNESCO-Schule zusätzliche Informationen und Kommunikationsbeziehungen zu
nutzen und eigene Erfahrungen z.B. bei Entscheidungen im Kultusministerium
mit einzubringen. Die Bismarckschule Hannover hat, um nur ein Beispiel zu
nennen, ihre Türkei-Beziehungen in eine entsprechenden Türkei-Arbeitsgruppe
beim niedersächsischen Kultusministerium einbringen können.
Doch immer wieder
stoßen sich weiterreichende UNESCO-Projekte mit den gegebenen
organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen einer staatlichen Schule
mit ihrem Dienststellencharakter. Das betrifft Veranstaltungen, die in die
Ferienzeit hineinreichen oder die in Zusammenarbeit mit anderen Trägern
interkulturellen Lernens außerhalb des Schulgebäudes, z.B. in städtischen
Freizeitheimen, stattfinden sollen, ebenso wie Vorhaben, die über den
offiziellen Schuletat hinaus eine eigene finanzielle Abrechnung erforderlich
machen. Die Organisation der UNESCO-Schulen in Deutschland schlug deshalb
nach positiven Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen vor, von der Schule
unabhängige Träger der UNESCO-Arbeit als eingetragene gemeinnützige Vereine
zu gründen, die im Sinne der schulischen Zielsetzungen, kontrolliert von den
jeweiligen Schulen, aber in eigener vereinsrechtlicher Verantwortung, die
Arbeitsmöglichkeiten einer UNESCO-Schule erweitern. Auch an der hier immer
wieder als Beispiel herangezogenen Bismarckschule Hannover wurde ein solcher
Verein gegründet.
Am 29. Oktober
1986 fand in der Bismarckschule Hannover die Gründungsversammlung des
UNESCO-Clubs statt. Heute zählt der UNESCO-Club 58 Mitglieder, von denen 25
Schüler und 10 Lehrer der Bismarckschule sind. Die übrigen 23 Mitglieder
sind entweder ehemalige Bismarckschüler oder fühlen sich auf irgendeine
Weise mit der Schule und/oder dem Club verbunden. Neben diesen offiziellen
Mitgliedern gibt es noch ca. 50 Personen, die, ohne Mitglied zu sein, dem
Club sehr nahe stehen, sich für seine Arbeit interessieren und an der einen
oder anderen Veranstaltung teilnehmen.
Der Club ist in
das Vereinsregister des Amtsgerichts unter der Nummer 5575 eingetragen. Der
Verein dient ausschließlich und unmittelbar gemeinnützigen Zwecken im Sinne
des Abschnitts „Steuerbegünstigte Zwecke" der Abgabenordnung. Der
UNESCO-Club ist selbstlos tätig; er verfolgt nicht in erster Linie
eigenwirtschaftliche Zwecke. Laut vorläufiger Bescheinigung des Finanzamtes
Hannover-Nord vom 09.02.88 dient die Körperschaft UNESCO-Club für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., nach der
eingereichten Satzung ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigten
gemeinnützigen Zwecken im Sinne der §§ 51 ff. Abgabenordnung.
Wir haben hier
diese vollständige „bürokratische" Darstellung der Gründung des UNESCO-Clubs
gewählt, um zum einen zu zeigen, daß eine solche Gründung durchaus einen
eigenen neuen Rechtszustand begründet, mit dem die Schule erst umzugehen
lernen muß, daß aber zum andern einiges an bürokratischem Schriftwechsel, an
Notarbesuchen und an rechtlicher Akribie notwendig ist, um eine solche neue
Organisation in Gang zu bringen.
Doch zeigen die
bisherigen Erfahrungen, wie wichtig und richtig es war, diesen Club zu
gründen, vor allem in Phasen, in denen aus verschiedenen Anlässen die
UNESCO-Arbeit in der Schule in die Krise geriet und vor allem bei den
Schülern sehr umstritten war – einige Gründe haben wir ja schon weiter oben
angedeutet. Vor allem die aktive Einbeziehung ehemaliger Schüler ist hier
ein kaum zu unterschätzender Aktivposten, der sich derzeit sogar darin
äußert, daß alle drei Vorstandsmitglieder ehemalige Schüler sind. Ein Auszug
aus dem Rechenschaftsbericht des UNESCO-Clubs der Bismarckschule Hannover
zeigt die Spannweite der Vereinsaktivitäten:
„Die drei
Hauptziele des UNESCO-Clubs als Organ der Intentionen und Aktivitäten der
Bismarckschule Hannover im Bereich der internationalen Kontakte sind:
-
Fortführung der Schulpartnerschaften zu Polen, Finnland und der Türkei;
-
Verknüpfung dieser Kontakte, um letztlich einen multilateralen Meinungs-
und Informationsaustausch zumindest in Ansätzen erreichen zu können;
-
Umsetzung der
Erfahrungen im Schüleraustausch und in den Schulpartnerschaften in
innerschulische Aktionen und unterrichtliche Schwerpunkte.
-
Wir halten im Vorfeld der Umsetzung der genannten Ziele folgende
Voraussetzungen innerhalb der Schule für notwendig und bitten um
Unterstützung, sie zu verwirklichen:
-
Information der Gesamtkonferenz über die UNESCO-Aktivitäten;
-
stärkere Einbeziehung und Information der Elternschaft;
-
Beschlußfassung über ein längerfristiges Programm;
-
bessere materielle Ausstattung bei Veranstaltungen;
-
mehr Aktivität der Kollegen bei der Unterstützung dieser Arbeit!
Schwerpunktveranstaltungen im Berichtszeitraum
1987 bis 1989:
Osterferien 1987:
Studienreise nach Polen: Posen, Danzig, Warschau, Krakau; politische
Gespräche, Besichtigungen, zeitgeschichtliche Informationen; im Zusammenhang
mit dem Besuch einer polnischen Schülergruppe in der Bismarckschule ein
Berichtabend über die Polenkontakte und Herausgabe eines Reiseberichtes in
der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs.
Sommerferien
1987: Studienreise in die Türkei, nach Syrien,
Jordanien, Ägypten und Israel; anschließend Berichtabend in der Schule und
Herausgabe eines umfangreichen Reiseberichtes in der Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs.
Die Herausgabe
eines Reiseberichtes einer schulischen Studienfahrt nach Ungarn im Herbst
1987 wird ebenfalls vom UNESCO-Club übernommen.
Herbst/Winter
1988: Beginn der Arbeit der neuen TÜRKEI-AG.
Januar 1989:
Finnlandreise; anschließend Berichtabend mit
finnischem Imbiß
Im Mai 1989
findet aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens in Hannover die
Deutsch-Polnische Woche 1989 der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. statt, der sich die intensiven Polenkontakte der
Bismarckschule Hannover eng verbunden wissen. Auch personell besteht eine
Verflechtung zwischen Bismarckschule Hannover, Deutsch-Polnischer
Gesellschaft und UNESCO-Club, die positive Anregungen für diesen Teil der
UNESCO-Aktivitäten gewährt. Daher ist es selbstverständlich, daß sich die
Bismarckschule Hannover auch an den Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen
Woche aktiv beteiligt und daß der UNESCO-Club ein Informations- und
Ratgeberheft für Schulpartnerschaften mit Polen und für Polenreisen mit
Schülern herausgeben wird.
Im Juni 1989
betreut die Bismarckschule Hannover mit Unterstützung des UNESCO-Clubs
drei Gruppen ausländischer Schüler, die jeweils für zehn Tage im Rahmen
bestehender Schulpartnerschaften nach Hannover gekommen sind und neben einem
umfangreichen Reise- und Informationsprogramm in Hannover und Umgebung die
Schule kennenlernen, zeitweilig am Unterricht teilnehmen und vor allem im
Rahmen der privaten Unterbringung Kontakt zu unseren Bismarckschülern und
-schülerinnen knüpfen konnten.
Schließlich plant
die Türkei-AG der Bismarckschule Hannover und des UNESCO-Clubs für den
Herbst 1989 eine Studienreise in die Türkei, in deren Mittelpunkt ein
Besuch bei der türkischen Partnerschule, der Istanbul Lisesi, stehen wird.
Dies institutionalisiert einen Kontakt, der seit 1984 besteht, 1985 von
unserer Seite zu einem ersten Besuch der Türkei führte, mit der Orientreise
1987 und mehreren privaten Kontakten fortgeführt wurde und im Juni, wie
schon erwähnt, einer türkischen Schülergruppe den Besuch in der
Bismarckschule Hannover ermöglichte.
In einem
Rechenschaftsbericht über Clubaktivitäten ist jedoch auch der Rahmen, in dem
diese Veranstaltungen stattfinden können, genauer zu kennzeichnen: „Der
UNESCO-Club der Bismarckschule ist ein selbständig rechtsfähiger Verein und
verfügt demgemäß über eine eigene Satzung, in der die Ziele der Arbeit des
Clubs festgelegt sind. Danach fördert und initiiert der UNESCO-Club
pädagogische Veranstaltungen, die den völkerverbindenden und
friedenserhaltenden Zielen der UNESCO und der Organisation der
UNESCO-Schulen in Deutschland, insbesondere der Bismarckschule Hannover
dienen.
Der UNESCO-Club
ist nicht dafür gegründet worden, damit er für die Bismarckschule die
UNESCO-Arbeit übernimmt und sie sich UNESCO-Schule nennen darf. Der
UNESCO-Club ist ein selbständiger Verein, der von dem oben beschriebenen
UNESCO-Gedanken bestimmt wird. Da der Club ein Teil der Bismarckschule ist
und bleiben will, wird er versuchen, den UNESCO-Gedanken in die Schule zu
tragen, um Interesse bei den jungen Schülern zu wecken. Der Club wird alle
diejenigen Lehrer der Bismarckschule, für die die Arbeit der UNESCO wichtig
ist und sie deshalb in ihren Unterricht einfließen lassen wollen, tatkräftig
unterstützen.
Der UNESCO-Club
ist kein Aushängeschild der Bismarckschule. Er wird sich dafür einsetzen,
daß im Sinne der UNESCO etwas bewegt wird. Die Unterstützung von
völkerverbindenden Maßnahmen und die damit einhergehende Friedenssicherung
sind dem Club sehr wichtig, und er wird bei seiner Arbeit versuchen, dieses
Bewußtsein gerade bei den Schülern zu wecken. Gerade in der heutigen Zeit
müssen bei jungen Menschen Interessen geweckt werden, die über das bloße
Konsumdenken hinaus gehen."
4.
Schwierigkeiten und Hindernisse der UNESCO-Arbeit
Solange
UNESCO-Arbeit als abstraktes Konzept vorgetragen wird, solange die Ziele von
Ausländerpädagogik und interkulturellem Lernen ganz allgemein vertreten
werden, ist die Akzeptanz in den Schulen wie in der Öffentlichkeit groß,
wenn man einmal von bedauerlichen negativen Besetzungen jeder positiven
internationalen Arbeit am rechten Rand des politischen Spektrums der
Bundesrepublik in der letzten Zeit absieht, wo jeder interkulturelle
Anspruch als angeblicher Vorläufer einer „multikulturellen Gesellschaft"
(die ja in der BRD tatsächlich schon seit langem existiert) abgelehnt und
verteufelt wird. Doch sind diese Stimmungen (noch?) nicht mehrheitsfähig,
und die UNESCO-Schul-Arbeit steht dafür, innerhalb der Pädagogik, der
Schulpolitik und der politischen Bildung dafür zu sorgen, daß diese
verderblichen politischen Tendenzen niemals mehrheitsfähig werden können.
Die Widerstände
gegen die UNESCO-Arbeit entstehen somit nicht in erster Linie in der
allgemeinen politischen Öffentlichkeit, sondern sie entzünden sich an
konkreten Projekten und Arbeitsvorhaben zunächst einmal in den Schulen
selbst, um dann ggf. in Teilen der Öffentlichkeit aufgegriffen und politisch
benutzt zu werden.
In unserem
Kontext erscheint es uns wichtig, einige Haupteinwände gegen konkrete
UNESCO-Schul-Projekte anzuführen und zur Diskussion zu stellen, da es nicht
genügt, schlicht zu behaupten, daß diese Einwände vor dem Hintergrund der
allgemeinen positiven Ziele der UNESCO-Arbeit irrelevant wären, sondern daß
die realen, oft durchaus nachvollziehbaren Motive der Ablehnung und Kritik
ernst genommen und in der UNESCO-Arbeit selbst thematisiert werden sollten.
Die umfassendste
Form von Widerständen gegen die UNESCO-Arbeit ist als Auswirkung aktueller
internationaler Spannungen zu beobachten, die als Ursachen nicht schulintern
beseitigt, sondern bestenfalls in ihren Auswirkungen berücksichtigt und
aufgearbeitet werden können. In den letzten Jahren schlug sich die
internationale Auseinandersetzung um die Schwerpunktprogramme und die
Führung der UNESCO selbst, die zum Austritt der Vereinigten Staaten und
Großbritanniens aus dieser Sonderorganisation der Vereinten Nationen
führten, auch zu einer spürbaren Belastung der basisnäheren
UNESCO-Aktivitäten. Da sich die Bundesrepublik der Absonderungspolitik ihrer
Verbündeten nicht anschloß und durch den zwischenzeitlichen Wechsel an der
Spitze der UNESCO der Konflikt einiges von seiner aktuellen Brisanz verloren
hat, kann dieser Bereich potentieller Widerstände gegen
UNESCO-Schul-Projekte heute wohl vernachlässigt werden. Nicht vernachlässigt
werden darf jedoch die politische Auseinandersetzung um Zulässigkeit und
Opportunität politischer Kontakte – und als solche werden auch persönlich
begründete UNESCO-Schulpartnerschaften in der Öffentlichkeit definiert – zu
konkreten „Kontakt- oder Partnerländern", deren innenpolitische Situation
nicht den politischen Maßstäben oder demokratischen Idealen der
Bundesrepublik Deutschland entspricht. Die Berührungsängste oder
Einwirkungshoffnungen sind dabei in hohem Maße parteipolitisch besetzt und
daher für die öffentliche politische Auseinandersetzung hervorragend
geeignet, was für eine Schule, deren Bildungsauftrag Distanz zu
parteipolitischen Stellungnahmen verlangt, erhebliche Behinderungen der
konkreten UNESCO-Arbeit bedeuten kann.
Das wird leicht
verständlich, wenn einige solche konkreten Fälle benannt werden: positiv
fördernde UNESCO-Kontakte zu Nicaragua treffen sehr schnell auf die
Ausgrenzungs- und Destabilisierungspolitik gegen die Sandinistas, der sich
die USA verschrieben haben und die in konservativen Kreisen der BRD durchaus
als sinnvolle politische Strategie verstanden wird. Auch humanitäre
Hilfsmaßnahmen und Basiskontakte zu Schulen laufen dieser Abgrenzungspolitik
zuwider. Hier muß schulintern und in der lokalen Öffentlichkeit deutlich
gemacht werden, daß UNESCO-Arbeit nicht „Anerkennung" politischer
Herrschaftsverhältnisse heißt (die einer Schule naturgemäß nicht zusteht),
sondern das Beharren auf dem Menschenrecht auf Bildung, Kultur und
Kommunikation für die jeweiligen Bevölkerungen, auch wenn staatliche
Rahmenbedingungen bis zu dem Grade hingenommen werden müssen, wie es die
Herstellung und Institutionalisierung von Basiskontakten erforderlich macht.
Mit umgekehrten
politischen Vorzeichen gilt das in gleicher Weise für zwei Kontakte, die die
Bismarckschule Hannover pflegt, nämlich die Schulpartnerschaft zu Schulen in
der Türkei und die im Aufbau befindliche Schulpatenschaft zu einer
Farmschule in Namibia. In beiden Fällen lassen sich durchaus kritische
Einschätzungen der politisch-gesellschaftlichen Situation in den
Kontaktländern vermitteln, die bei der Einleitung und Institutionalisierung
dieser Kontakte im Bewußtsein gehalten werden müssen. Doch auch in diesen
Fällen läßt sich die UNESCO-Arbeit von der Überzeugung leiten, daß das
genannte Menschenrecht auf Bildung, Kultur und Kommunikation durch
internationale Kontakte zwischen den Menschen, zwischen den Schulen nur
gefördert werden kann und daß eine Förderung und Unterstützung der
Menschenrechte, auch wenn die Schule nicht auf der eigentlich
politisch-staatlichen Ebene wirksam werden kann, immer auf längere Sicht
positive Auswirkungen auch auf die politisch-staatlichen Rahmenbedingungen
haben kann.
Widerstände auf
dieser Ebene ergeben sich mit noch viel brisanterer persönlicher
Emotionalisierung bei – geschichtlich, politisch und geographisch – „näher"
liegenden Kontakten zum mitteleuropäischen Nachbarland Polen, zu dem die
Bismarckschule Hannover ihren wichtigsten und intensivst gepflegten Kontakt
hergestellt und institutionalisiert hat. Wie stark hier Einwände auf der
einen Seite durch die bundesdeutschen „Vertriebenenorganisationen" zu
berücksichtigen waren und wie stark auch auf der anderen Seite die „Abgrenzugspolitiker"
in Polen offizielle Kontakte zwischen Schulen und Schülern behinderten, soll
andeutungsweise in einem folgenden Kapitel noch angesprochen werden. Die
Partnerschaft zum V. Liceum in Pozna½ (Posen) ist dann doch eine der ersten
offiziell beschlossenen und auf Dauer angelegten Schulpartnerschaften
zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik Deutschland
geworden, eingebettet in die Städtepartnerschaft zwischen den beiden
Messestädten Posen und Hannover. Doch die persönlichen Sperren und
Widerstände sind damit, wie bei jedem heutigen Polenkontakt, nicht endgültig
ausgeräumt, da zu viele sehr persönliche belastende Lebenserfahrungen die
Einstellungen prägen und zum Teil unveränderlich gemacht haben. Es ist daher
Aufgabe einer positiv und auch innergesellschaftlich wirkend verstandenen
UNESCO-Arbeit, bei aller Sensibilität gegenüber den persönlichen Schicksalen
auf beiden Seiten in der heutigen Situation verhindern zu helfen, daß das
empfindliche mitteleuropäische Gleichgewicht durch parteipolitisches Kalkül
und eine unreflektierte Politik aus den tagespolitischen Stimmungen heraus
gestört werden könnte. Je dichter das Netz der menschlichen Kontakte und
Begegnungen, der Partnerschaften und Besuche wird, zu denen
UNESCO-Schul-Arbeit ihren Beitrag leistet, desto stabiler gegenüber
tagespolitischen Irritationen wird auch das Verhältnis zwischen den Völkern
in Mitteleuropa.
-
Die
gravierendsten Widerstände gegen die forcierten UNESCO-Aktivitäten einer
Schule liegen jedoch in der Schule selbst und sind vor allem durch folgende
Stichpunkte zu umreißen, die anschließend noch diskutiert werden sollen:
-
UNESCO-Arbeit ist ein Lernbereich und keine autonome Schüleraktivität
-
Projektarbeit verlangt ungewöhnliche Qualifikationen
-
UNESCO-Arbeit geht über den Unterrichtsvollzug hinaus
-
UNESCO-Arbeit ist arbeitsaufwendig
-
Einzelne
Projekte sind meist an bestimmte Personen gebunden
-
UNESCO-Arbeit verlangt Einstellungs- und Verhaltensänderungen
-
UNESCO-Arbeit berührt das institutionelle Selbstverständnis
-
interkulturelles Lernen fordert Distanz und Konfliktfähigkeit.
Auseinandersetzungen um die UNESCO-Arbeit können daher an jeder Stelle der
Institution Schule auftreten, sowohl gegenüber Schulleitung und
Aufsichtsbehörde, Eltern- und Schülervertretungen, als auch in der
Schülerschaft und im Lehrerkollegium selbst, wobei die oft persönlich
gefärbten Konflikte zwischen kontroversen Gruppen in der Lehrerschaft die
quälendsten und am schwersten zu überwindenden Hindernisse einer
erfolgreichen UNESCO-Arbeit sind.
Zum ersten
angesprochenen Punkt, daß UNESCO-Aktivitäten ein Lernbereich und keine
autonome Schüleraktivität sind, wurde schon weiter oben einiges gesagt.
Dieser Umstand hat einige gravierende Folgen, was die spontane Motivation
und Beteiligung an UNESCO-Projekten betrifft, die genauso sorgfältig von
Schul- und Lehrerseite her geplant und eingeführt werden müssen wie sonstige
Unterrichtsveranstaltungen, mit dem Unterschied, daß das „vereinfachte
Verfahren" des Zensierungsdruckes hier wegfällt und Einsicht und Verständnis
beim Schüler angesprochen werden müssen. Hauptsächliche Argumente von
Schülern gegen dominierende UNESCO-Schul-Aktivitäten sind z.B.: „Wir haben
ohnehin schon genug zu tun und wollen nicht noch mehr Zeit für die Schule
opfern", „Zunächst einmal sollte die Schule sich mit ihren eigenen Problemen
und Defiziten beschäftigen, ehe sie übertriebene weltweite Projekte
betreibt, die nur zu Lasten eines vernünftigen Unterrichtes gehen" und „Was
nützt mir die ganze UNESCO-Arbeit, wenn ich meine Leistungen in den
Hauptfächern nicht verbessere". Diese Argumente haben aus der subjektiven
Sicht heraus durchaus einige Berechtigung und müssen ernst genommen werden.
Wichtig ist es dann, den engen inneren Zusammenhang zwischen den
Lernmöglichkeiten in der UNESCO-Arbeit und den Bildungszielen der Schule
herauszustellen, die bis hin in die individuelle Leistungsqualifikation in
einer Wechselbeziehung stehen, von der die Schüler selbst auch in Hinblick
auf die spätere Berufseignung nur profitieren können. Das wird nicht leicht
sein, wie die gleicherweise argumentierende politische Bildung seit langem
immer wieder erfahren hat: soziale Qualifikationen gelten in unserer
Gesellschaft noch allzu wenig, so wichtig sie für den Fortbestand unserer
demokratischen Gesellschaftsform auch sind.
Der zweite Punkt,
neue Qualifikationen für die Vorbereitung und Durchführung von Projekten
oder allgemeiner für die Einführung der Projektarbeit, Voraussetzung einer
aktiven UNESCO-Arbeit, ruft zwar zunächst einen gewichtigen Einwand hervor,
der auch Ängste in der Lehrerschaft auslösen kann; doch auf längere Sicht
hin profitiert Schule von dieser zusätzlichen pädagogischen Qualifikation so
ungemein viel, daß die Mühe des Qualifikationserwerbs, das Risiko des
anfänglichen Scheiterns und die Langwierigkeit des Experimentierens mit dem
neuen methodischen Instrumentarium des Lernens durch Projekte dadurch
aufgewogen wird. Einer Mehrzahl von Kollegen wird dieses Argument wohl
plausibel gemacht werden können; hilft es doch der besseren und
vielseitigeren Planung und Durchführung auch des eigenen Unterrichtes. Wenn
auch in der wissenschaftlichen Pädagogik schon lange gute und anwendbare
Arbeiten und Unterrichtsversuche zur Projektarbeit greifbar sind, so sind
diese doch noch längst nicht in ausreichendem Maße in der Schule rezipiert
worden. Das spricht für eine verbesserte, vielleicht sogar
institutionalisierte Rückkoppelung von Forschung und Praxis, auch wenn von
Seiten der Schulverwaltung diesbezügliche Versuche und Einrichtungen
beendet, behindert oder aufgelöst worden sind. Die Universität Oldenburg hat
damit ja leidvolle Erfahrungen machen können. So bleibt sicher vieles dabei
der persönlichen Initiative überlassen – und der Hoffnung auf vielleicht
zukünftig veränderte politische Rahmenbedingungen. In Niedersachsen sollte
die Lehrerfortbildung des „NLI" verstärkt methodische Themen aus dem Feld
Projektarbeit und handlungsorientiertes Lernen anbieten, ebenso wie hier
eine Institution vorhanden ist, die bei entsprechendem politischen Willen
interkulturelles Lernen, Ausländerpädagogik und UNESCO-Arbeit zu einem
selbst vorangetriebenen Arbeitsschwerpunkt machen könnte.
UNESCO-Arbeit
verlangt persönlichen Einsatz über den üblichen Unterrichtsvollzug hinaus.
Hier können die grundlegend verschiedenen Einstellungen zum Lehrerberuf in
der Lehrerschaft selbst zu unlösbaren Konflikten führen. Der „Idealismus"-Vorwurf
(was ist an diesem „Vorwurf" eigentlich so negativ?) ist nur die
freundlichste Reaktion auf die Zumutung, den eigenen Unterricht einzubinden
in unterrichtsübergreifende Zusammenhänge, von den Fachlernzielen
überzuleiten auf allgemeine Aufgaben- und Zielbestimmungen für die Schule.
Wer die Aufgaben des Lehrers gleichsetzt mit der Vermittlung von
Fachqualifikationen im jeweils eigenen wissenschaftlichen Fach, wird für
UNESCO-Arbeit schwerlich zu interessieren sein. Hier müßte eine öffentliche
Diskussion über das Berufsbild des Lehrers einsetzen. Ein erster Ansatz wäre
vielleicht durch einen Konsens darüber zu schaffen, daß mitbürgerliches
Leben und Berufstätigkeit in der Öffentlichkeit, d.h. auch: im öffentlichen
Dienst, ganz allgemeine Pflichten beinhaltet, zu denen auch
gesellschaftliche Verantwortung, Verantwortung für die politischen und
interkulturellen Probleme unserer Existenz gehören. Erst recht gilt das für
Lehrer, die mit Jugendlichen und Kindern in ihrer prägsamsten Altersstufe zu
tun haben! Doch wäre viel allgemeiner zu überlegen, ob das Berufsverständnis
und die „Arbeitsplatzbeschreibung" des Lehrers nicht grundsätzlich verändert
und von dem Bild des Fachwissenvermittlers abgelöst werden müßte, ohne dabei
in eine romantische, vorrationale „Gesamtpädagogik" zurückzufallen. Die sehr
konkreten Paradigmen der fächerübergreifenden interkulturellen Lernziele
können dabei ebenso eine Hilfe sein wie die Methodik des Projektlernens.
Die daraus
erwachsende Arbeitsbelastung des Lehrers macht die virulente Frage nach den
Arbeitszeiten und der anstehenden Arbeitszeitverkürzung nur noch
dringlicher. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann forcierte UNESCO-Arbeit
durchaus mit gewerkschaftlichen Strategien zur Durchsetzung notwendiger
Arbeitszeitverkürzungen kollidieren. Behutsames aufeinander Eingehen ist in
einem solchen Falle notwendig, da die Motive und die politische Bewertung
der UNESCO-Arbeit, des interkulturellen Lernens und der Ausländerpädagogik
nicht nur nicht im Widerspruch zu gewerkschaftlichen Zielen und Traditionen
stehen, sondern im Gegenteil als ureigenster Bestandteil gewerkschaftlicher
Solidarität und gewerkschaftlichen Selbstverständnisses gelten können. Neben
dem Bewußtsein dieser Interessenidentität ist aber auch von den
Lehrerverbänden und Gewerkschaften zu verlangen, ihre Handlungsperspektiven
nicht so auf die aktuellen Kampfziele zu verengen, daß dadurch den
inhaltlichen Perspektiven die Luft genommen wird. „Schlechte Schule" als
Druckmittel gegenüber dem öffentlichen Arbeitgeber kann doch wohl als
Kampfstrategie nicht nur nicht hinreichend sein, sondern ist wohl eine
Perversion des kulturellen Anspruches der Gewerkschaftsbewegung, die eine
bessere Gesellschaft will. Diese Argumente sind in der Auseinandersetzung
mit gewerkschaftlichen und personalrätlichen Einwänden zu betonen in der
Absicht, Grundlagen für gegenseitiges Verständnis und Gemeinsamkeit in der
Zielsetzung einer Veränderung von Schule herzustellen. In diesem Sinne kann
das Argument, UNESCO-Arbeit ist unbezahlte Mehrarbeit, nicht akzeptiert
werden (abgesehen davon, daß in der Schule im konkreten Falle Entlastungen
gewährt werden können), da hier nicht nur im engeren Sinne berufliche
Pflicht sondern auch Verpflichtung zum politischen Handeln eine Rolle
spielt.
Jede Aktivität,
das zeigt die Erfahrung, ist als Initiative oder als kontinuierliche
Programmgestalt an das individuelle Engagement gebunden. Daß öffentliche
Aktivitäten, wie sie UNESCO-Schul-Aktivitäten nun einmal sind, sich in der
Öffentlichkeit auch mit bestimmten Personen verbinden, ist
selbstverständlich und unvermeidlich. Daß sich die Öffentlichkeit, wie sie
sich in den Medien nun einmal repräsentiert, auf der anderen Seite sehr
wenig für die, als selbstverständlich vorausgesetzte „Normalität" von Schule
und Unterricht interessiert, ist notwendigerweise hinzunehmen, auch wenn
sich Kollegen, die [wie sie glauben] einen besonders guten und engagierten
„normalen" Unterricht geben und sich dafür vielleicht sogar bis an die
Grenzen ihrer Belastbarkeit einsetzen, von der Öffentlichkeit nicht
besonders wahrgenommen werden, sondern „nur" zum guten Ruf einer Schule
allgemein beitragen. Hier können böse persönliche Rivalitäten und
Gehässigkeiten entstehen, deren Ursache jedoch, bei der Beibehaltung der
geschilderten Rollenverteilung in der UNESCO-Arbeit, nicht zu beheben ist.
Hier müssen Anerkennung und Gratifikation im Kollegium selbst, im Kontakt
mit den Schülern und Eltern gewährt werden, wobei auch die Schulleitung eine
nicht zu unterschätzende Rolle spielen kann. Doch im Sinne einer „neuen
Bescheidenheit" zu verlangen, sinnvolle und wertvolle Aktivitäten zu
unterlassen, weil sie einzelnen Kollegen größere öffentliche Resonanz und
Wirkungsmöglichkeit eröffnen, bedeutet letztlich: Verzicht auf jede positive
Veränderung, jeden Fortschritt und Verzicht auf Schule als öffentlich zu
verantwortende Institution.
Die Forderung
nach Verhaltens- und Einstellungsänderungen trifft immer auf Widerstände.
Doch ist dies ein allgemein politisches und pädagogisches Problem, mit dem
sich die Lehrerschaft nur allzu selten konfrontiert gesehen hat. Die Ziele
dieser Einstellungsänderungen sind von uns an anderer Stelle erörtert worden
und werden im Zusammenhang mit den Anmerkungen zu den konkreten Kontakten
mit Polen und der Türkei noch beispielhaft erläutert.
Ähnlich ist es
mit dem Selbstverständnis der Schule und der Pädagogik, das durch die
UNESCO-Arbeit berührt werden kann. Vor allem die individualistische
Perspektive der Gymnasialpädagogik wird von den Ansätzen des
gesellschaftlichen, interkulturellen Lernens und einer erneuerten,
gesellschaftspolitisch verantworteten Ausländerpädagogik berührt. Hier soll
eine Zusammenstellung von Thesen und Fragestellungen zitiert werden, die
diesen Zusammenhang verdeutlicht. Diskutiert wurden diese Thesen auf einem
Symposium, das der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., am 15./16.3.1988 in der Bismarckschule
Hannover zum Thema „Probleme der weiterführenden Allgemeinbildung für
Ausländer" veranstaltet hat.
„Das Gymnasium
hat sich um Ausländerprobleme bislang wenig gekümmert, weil es zahlenmäßig
weniger als andere Schulformen betroffen ist und es bislang vor allem mit
ausländischen Schülern aus den jeweiligen Mittel- und Oberschichten zu tun
hatte.
-
Schulerfolg
und gesellschaftliche Integration sind nicht identisch. Auch das Gymnasium
hat die erzieherische Aufgabe, sich über die Lerninhalte hinaus um die
Probleme des sozialen Lernens und der persönlichen Sozialentwicklung der
Schüler zu kümmern.
-
Das Gymnasium
tendiert dazu, Problemlagen zu individualisieren und ihrer
gesellschaftlichen Dimension zu berauben. Das führt zu Problemlösungswegen
allein auf individueller Ebene, wenn eigentlich das soziale Umfeld zu
betrachten wäre.
-
Negative
Folge der Individualisierung von Problemlagen ist, daß „unlösbare"
Probleme mit Mitteln der Leistungsbewertung zur Klassifizierung in
„geeignete" und „ungeeignete" Schüler führt.
-
Soziale
Probleme sind erst dann lösbar, wenn sie als solche erkannt werden.
-
Integration
heißt nicht „Umsozialisierung" oder affirmative Anpassung.
-
Wo können
deutsche Schüler von der Anwesenheit ausländischer Schüler in den
Lerngruppen profitieren?
-
Die
Schulfächer mit eigenen Symbolsprachen sollten ihre Chance nutzen, die
Verbalisierungsprobleme derjenigen Schüler, die in einer Fremdsprache
(Deutsch) lernen müssen, durch Erfolgserlebnisse überwinden zu helfen.
Mathematik und Naturwissenschaften sollten dadurch leichter erlernbare
Fächer für nichtdeutschsprachliche Schüler werden
-
Der
Förderunterricht sollte seine fachorientierte Rolle überdenken.
Als
Fragestellungen ergeben sich daraus: Sind differenzierte Bewertungsmodi
im Verbalisierungsbereich praktikabel? Sollte der muttersprachliche
Unterricht auch im Gymnasium ermöglicht werden? Können feste Lerngruppen für
spezifische Lerndefizite auch über den Förderunterricht hinaus eingerichtet
werden? Welche Binnendifferenzierungsmodelle der Unterrichtsmethoden sind im
Gymnasium erprobt worden? Können nonverbale Arbeitsformen in der Benotung
eine stärkere Betonung erlangen? Wie können Unterrichtsinhalte aus dem
Erfahrungsbereich der ausländischen Schüler in den Gymnasialunterricht
integriert werden?"
Auf diese Fragen
kann im Zusammenhang unserer Darstellung keine Antwort gegeben werden; doch
legen die erläuterten Zielsetzungen der UNESCO-Schularbeit durchaus
Diskussionsrichtungen nahe, die über den Anlaß hinaus fruchtbare
Auseinandersetzungen und schulische Veränderungen initiieren könnten.
Zum Abschluß
dieses Kapitels über Widerstände und Probleme der konkreten
UNESCO-Schul-Arbeit soll noch verallgemeinernd eine Zielsetzung angedeutet
werden, die sehr schwer zu erfüllen ist, die aber dem interkulturellen
Ansatz erst seinen allgemeingültigen Wert gibt: Interkulturelles Lernen
steht in der Tradition der Aufklärung; Rationalität der Auseinandersetzung
und Distanz der Beobachtung und Begutachtung sind die Grundlagen dessen, was
aus dem interkulturellen Ansatz der eigenen Situation gegenüber als
Reflexionsbereitschaft und Ideologiekritik entwickelt werden kann. Unsere
Auffassung ist, daß nur diese Distanz zu gesellschaftlicher Kreativität
führt, daß gesellschaftliche Verantwortung und Veränderungsbereitschaft, die
wir für den gültigen Kernbestand der politischen Bildung halten, nur durch
Rationalität und Kritikfähigkeit gesichert werden können.
5.
Patenschaften: UNESCO-Schule und „Dritte-Welt-Didaktik"
Die Aufgaben und
Ziele der UNESCO sind eng mit den Problemen der Dritten Welt verbunden.
UNESCO-Arbeit an einer Schule in einem der reichsten Industrieländer der
Welt muß sich daher die Frage gefallen lassen, wie sie die „ferne" und doch
so brennend aktuelle Problematik der Dritten Welt mit einbezieht, im
Bewußtsein erhält. Durch Reisen und Schüleraustausch bei traditionellen
Schulpartnerschaften ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen. Ehe wir, näher
in unserem geographischen Bereich bleibend, uns mit zwei Beispielen für
solche Schulpartnerschaften beschäftigen – mit einer Schule in Polen und
einer Schule in der Türkei – wollen wir uns in einem Exkurs mit Chancen und
Problemen einer Aktionsform der UNESCO-Schul-Arbeit beschäftigen, die in
letzter Zeit stärker als Lern- und Handlungsmöglichkeit ins Bewußtsein
getreten ist: mit der Patenschaft zu Schulen und Bildungseinrichtungen in
Ländern der Dritten Welt. Die ist gleichzeitig der Anlaß, neben einigen
konkreten Aktionshinweisen die grundlegende Problematik einer aktuellen
Dritte-Welt-Didaktik anzureißen, auch um Interesse für eine vertiefte
Beschäftigung mit diesem brisanten Thema in anderen
Diskussionszusammenhängen anzuregen. Zunächst ein kurzer Abriß der
Überlegungen, die in der Bismarckschule Hannover mit Unterstützung des
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., seit 1988 zum Aufbau von zwei Patenschaften geführt haben.
UNESCO-Modellschulen unterscheiden sich laut Definition von anderen Schulen
dadurch, daß sie zwar wie sie Projekte, Patenschaften und Austauschprogramme
machen, daß diese aber bei uns umfassender und stärker schulintegriert sind
als sonst. Mit den bestehenden Schüleraustauschprogrammen mit Polen und
Finnland und den angebahnten bzw. geplanten mit der Türkei und den USA hat,
wie es scheint, die Bismarckschule die Grenzen von Austauschprogrammen
erreicht, weil die Zahl der Schüler weitere kaum noch zulassen wird. Selbst
wenn weitere Programme (z.B. mit Frankreich) begonnen werden könnten, würden
jedenfalls Länder der „Dritten Welt" fehlen müssen: die Entfernungen und
damit die Reisekosten sind zu hoch, die potentiellen Gastgeber nicht in der
Lage, uns aufzunehmen oder gar einen Besuch zu erwidern. Bei Kontakten von
deutschen UNESCO-Schulen mit Einrichtungen der „Dritten Welt" hat sich
deshalb immer ergeben, daß es entweder ausgesprochene Hilfsprogramme im
schulischen Bereich sind oder ein Besuch über viele Jahre hinweg geplant und
angespart wird, um dann womöglich nicht stattzufinden.
Der UNESCO-Club
der Bismarckschule hat deshalb die Unterstützung von zwei Projekten in der
„Dritten Welt" beschlossen:
-
Namibia: im
Auftrage der Niedersächsischen Landesregierung besuchte eine Delegation
von Lehrern unseres Landes Namibia, um die Probleme des Schulunterrichtes
von Farbigen kennenzulernen. Sie bestehen vor allem auf dem Lande, wo in
Einzelfällen Farmer Schulen für die Kinder ihrer Landarbeiter eingerichtet
haben; zum anderen für Mädchen, die später einen Beruf ergreifen wollen
und nicht die Tradition der frühen Heirat ohne vorherige Ausbildung
fortsetzen wollen. Wir wollen eine Schule für Mädchen in der Hauptstadt
Windhuk unterstützen; das können wir selbständig oder durch Mitarbeit bei
einem schon bestehenden Projekt der Robert-Bosch-Gesamtschule in
Hildesheim tun.
-
Bolivien: Cochabamba, die zweitgrößte Stadt Boliviens, ist ein wichtiges
Schulzentrum mit mehreren Internatsschulen, deren oft sehr arme Schüler
durch Patenschaften (z.B. Kindernothilfe) unterstützt werden.
Übergreifende Hilfen, u.a. eine jährliche ärztliche Untersuchung aller
Kinder, fallen in zunehmendem Maße der Inflation zum Opfer. Wir wollen
deshalb das Schulzentrum Cochabamba in diesem Bereich [innerhalb dessen
aber mit freier Verfügung über die Summe] unterstützen. Als Vermittler für
die Überweisung des Geldes stehen „el Puente" in Hildesheim
(„Dritte-Welt-Laden") oder die Kindernothilfe in Duisburg bereit. Der
UNESCO-Club bürgt mit seinem Vermögen für Spenden von je 100.-- DM pro
Projekt und Jahr. Wir hoffen aber, diese Summe – und mehr! – durch Spenden
zu bekommen. Bei einem wesentlich höheren Spendeneingang könnten wir die
beiden Projekte um so besser ausstatten oder ggf. noch weitere in Angriff
nehmen. Wir hoffen sehr, daß das Überweisen des Geldes nur der Auslöser
von brieflichen und anderen Kontakten sein wird. Diese müßten von
Einzelschülern oder ganzen Klassen übernommen werden.
Dieser konkrete
Anlaß führt uns zu einigen allgemeineren Reflexionen über die
Dritte-Welt-Didaktik, welche die Grundlage eines Unterrichts sein kann, der
das Patenschaftsprojekt vorbereitet und pädagogisch umsetzt. Daß dem Thema
„Dritte Welt" ein im einzelnen wie auch immer anzusetzender hoher
Stellenwert im schulischen Curriculum einzuräumen ist, darüber besteht –
zumindest in den letzten Jahren – bei den meisten Fachdidaktikern kaum
Dissens. So finden wir das Thema in nahezu allen Richtlinien und
Schulbüchern der Fächer Erdkunde, Politik und Geschichte. Wie sich diese
Bedeutung in das Alltagsleben des einzelnen übersetzen läßt, darüber finden
sich, wie noch nachzuweisen sein wird, kaum Aussagen. Unterhalb der ganz
abstrakten Ebene der Anerkennung einer „existentiellen Bedeutung" wird der
angebliche Konsens schon brüchig. Die Zuordnung des Themas „Dritte Welt" zu
allgemeinen Problemkreisen ist unsicher.
-
Ist
der „Nord-Süd-Konflikt" als Funktion der „Ost-West-Auseinandersetzung"
anzusehen?
-
Sind Entwicklungsländerprobleme vor allem „Schwachstellen" in der
internationalen Arbeitsteilung, die unsere eigene ökonomische Zukunft
berühren? – Ist das Schicksal der armen Länder vor allem ein ethisch zu
bewertendes Sozialproblem, das unser Gewissen belastet und unser Mitgefühl
anspricht? – Sind die lokalen Konflikte in der „Dritten Welt" Teil einer
internationalen Friedensbedrohung?
Schon die in der
Pädagogik wie in der Öffentlichkeit angeführten Ziele der
„Dritte-Welt-Didaktik" sind heterogen und teilweise widersprüchlich. Eine
Auseinandersetzung mit den dominierenden Begründungszusammenhängen ist auch
innerhalb der UNESCO-Schul-Arbeit notwendig. Nur in Kenntnis der gängigen
Begründungen, die stereotypen bzw. ideologischen Charakter zeigen, läßt sich
der Grad der Akzeptanz dieses Unterrichtes bei Schülern und in der
Öffentlichkeit abschätzen und lassen sich Motivationshemmnisse erkennen und
didaktisch aufarbeiten. Folgende Begründungszusammenhänge treten meist in
den Vordergrund:
-
Die
Zielsetzung allgemeinbildender Weltläufigkeit zeichnet sich durch
Maßstabslosigkeit aus; ein Kriterium für die Rangfolge „wichtiger Inhalte"
läßt sich in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr finden, es sei
denn, man setzt sich dem Vorwurf manipulativer, herrschaftssichernder
Bildungsideologien aus.
-
Humanitäre
Zuwendung ist prinzipiell positiv zu beurteilen; als Basis für
Lernprozesse ist sie jedoch nicht tragfähig. Man beobachte nur, wie
schnell Mitleid und Mitempfinden je nach (oft fragwürdiger) Information
„umkippt" und wie zufällig und z.T. manipuliert dieses Interesse sich über
die Krisengebiete der Welt verteilt. Die inhumane Asylantenhetze ist nur
ein widerliches Beispiel dafür.
-
Ausgehen von
eigenen Interessen ist eine Grundforderung der heutigen Pädagogik. Aber
welche Naivität verbirgt sich hinter der Anschauung, ökonomische und
politische Interessen des Staates wären ohne weiteres als Interessen des
einzelnen Schülers wahrzunehmen; oftmals sind sie nur Gruppen- und
Herrschaftsinteressen. Die demokratisch wünschenswerte Interessenidentität müßte sich zunächst einmal legitimieren.
Die Schüler,
ihrer Altersstufe jeweils entsprechend, legen an das Thema „Dritte Welt" noch
andere Maßstäbe und Erwartungen an, die es zu kennen und zu berücksichtigen
gilt.
Das
Schülerinteresse ist mit den Schlagworten „Exotik" und „Abenteuer" zu
umreißen. Die psychischen Hintergründe dieser Interessen, besonders in der
Pubertät, sollen hier nicht näher aufgerollt werden, es genügt der Hinweis,
daß sich in der Zuwendung zur Exotik Verdrängungsprozesse eigener
unbewältigter Konflikte manifestieren, daß – hier auch ideengeschichtlich –
in der Figur des „guten Wilden" eine Projektion eigener tabuisierter
Bedürfnisse und in der Figur des „Barbaren" oder „Unterentwickelten" die
uneingestandene Angst vor der Verletztlichkeit der eigenen Person und
Identität ausdrückt. Diese Schülerbedürfnisse unreflektiert zu befriedigen
und sie als „Sachmotivation" zu verkennen hieße, der Schule die Rolle eines
Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen.
Das Interesse des
Lehrers (von verdrängten oder uneingestandenen Exotikbedürfnissen einmal
abgesehen: es ist interessant zu untersuchen, welche verdeckten Motive z.B.
zur Berufswahl des Geographielehrers oder des Entwicklungshelfers führen!)
äußert sich völlig anders. Er denkt in gesellschaftlichen oder ethischen
Kategorien, betont mitmenschliche, humanitäre Verpflichtungen und fordert
Solidarität mit den Armen ein (wenn er sich überhaupt engagiert auf den
Themenbereich Dritte Welt einläßt – siehe das schon erläuterte viel weiter
reichende Begründungsspektrum). Der pädagogische Leitbegriff der
„Betroffenheit" wird dann zur Grundlage der didaktischen Reflexion.
Ist Betroffenheit
nun mit „Solidarität" mit der Dritten Welt zu umschreiben? Theo Rauch
schreibt dazu (in: Geographie als politische Bildung", 1978, S.251): „Die
Realität zeigt auch, daß Lernprozesse und gesellschaftliches Handeln auch
ohne die Grundlage eigener Erfahrung, allein basierend auf
Solidaritätsgefühlen, zustande kommen können. Deutliches Beispiel hierfür
scheint mir der Vietnamkrieg zu sein... Grundlage des Solidaritätsempfindens
ist hier weniger die gemeinsame Interessenlage, sondern der Widerspruch
zwischen gesellschaftlichen Normen und Realität, die aus der Erfahrung
solcher Widersprüche resultierende Empörung über Unrecht." Dies Zitat zeigt
jedoch deutlich, daß die Maßstäbe, nach denen das Empörungspotential
gemessen wird, daß die Anlässe, an denen sich Empörung entzündet,
gesellschaftlichen Voraussetzungen und der Aufbereitung in den Medien
unterliegt; es zeigt gleichermaßen, daß hier vor allem die informierte
Mittel- und Oberschicht, Träger der studentischen Protestbewegung der
60er-Jahre, angesprochen wurde und wird. Als allgemeine
Unterrichtsvoraussetzung dürfte diese „Solidarität" wohl kaum in Frage
kommen. Um die Einsichten einer schulischen Beschäftigung mit der
Dritte-Welt-Thematik kurz zu umreißen, sollen nachfolgend einige Thesen zum
Lernbereich Dritte Welt vorgestellt werden, ehe auf die praktischen Probleme
von Schulpatenschaften eingegangen wird:
-
Das Thema
„Dritte Welt" ist dadurch gekennzeichnet, daß es sich weitgehend den
persönlichen Erfahrungen von Lehrern und Schülern entzieht; eine
unmittelbare Betroffenheit ist daher in der Regel nicht festzustellen.
-
Vorhandenes
subjektives Interesse unreflektiert als Basis der didaktischen
Strukturierung anzunehmen, greift zu kurz und verliert sich in manipulativem Gebrauch vorhandener Exotik- und Abenteuerbedürfnisse.
-
Der Schule
die Rolle als allwissender Richter über zukünftige Lebensbedürfnisse
zuzuerkennen bedeutet, den Schüler in eine rezeptive Haltung des Nicht-Akzeptiert-Seins zu drängen. Eine tragfähige Motivation ist darauf
nicht aufzubauen.
-
Das Bild der
„Dritten Welt", verstellt von einer Vielzahl interessengeleiteter
Vorurteile, Fehldeutungen und Wertungen, ist Bestandteil der eigenen
politischen Kultur und als solches sowohl repräsentativ für die Struktur
des politischen Bewußtseins insgesamt als auch selbst politische
Handlungen und Wertungen induzierend.
Der Aufbau von
konkreten Schulpatenschaften und „Dritte-Welt-Projekten" verlangt
sorgfältige Vorüberlegungen bezüglich der Einbindung in die allgemeine
UNESCO-Schul-Arbeit (bei anderen Schulen in ein entsprechend
auszudifferenzierendes Arbeitsfeld der Schule insgesamt) und in Hinblick auf
die Einbeziehung der damit angesprochenen Probleme und Erfahrungen in den
Unterricht. Da Dritte-Welt-Projekte in der Schule kaum von Schülerseite
spontan initiiert werden dürften, muß von Anfang an deutlich gemacht werden,
daß die Schule beim Aufbau einer solchen Patenschaft nicht als
Interessenverwalter externer Organisationen oder politischer Gruppen ihren
Schülern gegenübertritt, sondern daß Dritte-Welt-Projekte und
Schulpatenschaften Bestandteil und Konsequenz des schulischen
Bildungsauftrages sind und an diesen Bildungszielen gemessen und geprüft
werden müssen. Dabei ist auf die Zielbestimmung des Schulgesetzes im Rahmen
übergreifender grundgesetzlicher Rechte und Verpflichtungen ebenso zu
rekurrieren, wie die jeweilige Erlaß- und Verordnungslage zu berücksichtigen
ist. Vor allem kann es Schwierigkeiten und Einsprüche geben, wenn die Schule
(durchaus aus ehrenwerten Motiven) mit dem allgemeinen Sammlungsverbot an
Schulen, mit dem Sammlungsgesetz (das bei öffentlich genehmigten Sammlungen
die Einrichtung eines staatlichen Sammlungskontos oder vergleichbare
finanzielle Kontrollen verlangt) oder mit der Verpflichtung zur
Unabhängigkeit von außerschulischen ökonomischen oder politischen Interessen
kollidiert oder wenn schließlich mit geltendem Haushaltsrecht Probleme
entstehen. Die Zusammenarbeit mit einer kontrollierten gemeinnützigen
Organisation ist somit empfehlenswert, doch darf diese nicht im eigenen
Interesse in der Schule wirksam werden.
Es ist somit
ersichtlich, daß zunächst die pädagogische Begründung und Verankerung des
Dritte-Welt-Projektes, der Schulpatenschaft oder der humanitären Hilfe
erfolgen und von den schulischen Gremien abgesegnet werden muß. Die
Begründung von solchen Aktionsformen sind vielschichtig und geben einen
guten Überblick über pädagogische Möglichkeiten der Schule, die im laufenden
Fachcurriculum meist vernachlässigt werden müssen, nichtsdestoweniger aber
zu den ureigensten Zielen schulischer Arbeit gehören:
Schulpatenschaften und sonstige humanitäre Kontakte zu Schulen und Schülern
in der Dritten Welt eröffnen den deutschen Schülerinnen und Schülern sonst
verschlossene direkte Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die bei
aller Exemplarik und Zufälligkeit eine Chance bieten, sich dem Thema nicht
nur durch die Vermittlung von Medien zu nähern. Der unmittelbare Kontakt,
auch wenn er zunächst einseitig als Patenschaftsangebot formuliert wird,
weckt Zuwendung, Aufmerksamkeit und Interesse, das vom Unterricht begleitend
und auswertend aufgegriffen werden kann und muß. Für die beteiligten
Schülerinnen und Schüler ergibt sich mehr als beim medienbegründeten
kognitiv gewichteten Unterricht die Notwendigkeit, das Verhältnis von
Handeln und Realität zu beachten, kritisch zu überprüfen (soweit das in
einem solchen schwierigen Themenfeld überhaupt möglich ist) und zu
verantworten. In einem sonst diesem pädagogischen Ansatz aus praktischen
Gründen meist verschlossenen Themenbereich ergeben sich so erste Ansätze zum
handlungsorientierten Lernen.
Die Schule findet
in sorgfältig ausgewählten Patenschaftsprojekten Identifikations- und
Zentrierungsangebote, die die schulischen Aktivitäten dauerhafter machen,
über die Schülergenerationen hinaus verknüpfen; von diesen zentralen Themen
können dann viele Fächer profitieren und im positiven Falle Ansätze zu
fächerübergreifenden Aktivitäten und Unterrichtsvorhaben finden.
Durch die Arbeit
an Dritte-Welt-Projekten und Patenschaften findet die Schule Zugang zu
Personen und Institutionen, die sich in der BRD mit den jeweiligen Regionen
und Problemfeldern beschäftigen; das eröffnet neue Informations- und
Gesprächsmöglichkeiten, die in ihrer Unmittelbarkeit und ihrem Engagement
für die Schülerschaft äußerst anregend sein können.
Diese allgemeinen
Zielbestimmungen sind dann projekt- und schulbezogen zu konkretisieren und
vorab in den schulischen Gremien zu diskutieren. Erst wenn die
angesprochenen Themen schulische oder unterrichtliche Umsetzung erfahren
haben (z.B. durch Ausstellungen in der Schule bzw. in den Klassen,
Informationsveranstaltungen, Filmabende etc.) und wenn eine umfassende
Projektbeschreibung als schriftliche Information z.B. für das Kollegium und
die Elternschaft vorliegt, stellt sich im Gespräch in den Klassen von ganz
alleine die Frage, inwieweit die Schülerinnen und Schüler sich selbst aktiv
an der Realisierung des Patenschaftsprojektes beteiligen können und wollen.
In der Spannweite der möglichen eigenen Beiträge – Hilfe bei Veranstaltungen
und Ausstellungen, Kontakte zu lokalen Informationsträgern, Anfertigung von
Berichten, Kontakte mit den Medien, Leserbriefe, Briefe an die Patenschule –
hat dann auch die finanzielle Spende ihren Platz und wird gleichwie die
anderen Aktionsformen auf ihre Einsatzmöglichkeit, ihren Nutzen und ihre
Wirksamkeit hin diskutiert und verantwortet werden müssen.
Die Patenschulen
oder anderen Adressaten von Dritte-Welt-Aktivitäten sollen in diesem
pädagogischen Prozeß von Objekten humanitärer Zuwendung und Hilfe zu
Subjekten und Partnern werden, die letztlich über ihre Zukunft und die Wege
aus ihren materiellen Problemsituationen selbst entscheiden müssen, auch bei
der Annahme und Verwendung von Hilfe. Die Patenschaftsprojekte sollen dazu
dienen, verbreitete Überlegenheitslegenden der eigenen politischen Kultur
abbauen zu helfen; sie sollen bewußt machen, daß Hilfe nicht nur aus der
Sicht des positiv motivierten Gebers zu sehen ist, sondern auch aus der
Sicht des Hilfsbedürftigen, der durch Hilfsannahme auch in die Gefahr der
Abhängigkeit und Unselbständigkeit kommt, eine Situation, die u. U. seine
Hilfsbedürftigkeit erst perpetuiert. Humanitärer Impetus, gefühlsmäßige
Zuwendung und kritische Abwägung der gesellschaftlichen und politischen
Folgen der Hilfe, auch ihrer möglichen negativen Auswirkungen, müssen
unterrichtlich – jedoch sicher altersstufendifferenziert! – aufgearbeitet
und diskutiert werden, um das Patenschaftsprojekt zu einer Grundlage
selbstverantwortlichen politischen Lernens und Handelns zu machen.
Lothar Nettelmann:
II. Die Partnerschaft zwischen dem V. Liceum in Posen/Poznań und der
Bismarckschule Hannover
Die Partnerschaft
der Bismarckschule und des V. Liceum ist mehr als ein Schüleraustausch
zwischen deutschen und polnischen Schülern.
Sie ist
einbezogen in die Städtepartnerschaft der beiden Messestädte Hannover und
Poznań . Übrigens ist diese Städtepartnerschaft entstanden aus dem Kontakt
hannoverscher Besucher (Aussteller, Vertreter der Stadtverwaltung und des
Rates sowie insbesondere des Oberbürgermeisters) in Posen und der
entsprechenden polnischen Gäste in Hannover. Aus geschäftlichen wurden
freundschaftliche Kontakte. Der Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970
wurde damit durch Bürger der Städte Hannover und Poznań umgesetzt und ein
wichtiges Stück Aussöhnung und Normalisierung praktiziert.
Die Idee, eine
Städtepartnerschaft zu vereinbaren, wurde schon Anfang der siebziger Jahre
entwickelt. Sie reifte – oder besser: es galt, eine ungeheure Zahl von
kleinen Fragen und großen Problemen zu klären und zu bewältigen. Im Jahre
1979 konnte dann der Vertrag unterzeichnet werden. Gleichzeitig wurde in
Hannover eine Deutsch-Polnische Gesellschaft gegründet, der auch wir eng
verbunden sind. Auch sie setzte sich die Aufgabe, zur Aussöhnung und
Verständigung mit Polen beizutragen.
Die
Schulpartnerschaft ist nun nicht durch eine konsequente Planung
zustandegekommen. Sie ist vielmehr die logische Entwicklung, die 1975 in
gewisser Weise zufällig begann.
Für einen
Leistungskurs bot sich die Gelegenheit einer Studienfahrt nach Polen. Für
alle Beteiligten war es die erste Begegnung mit Polen. Aus dieser
erfolgreichen Reise mit ihren überwältigenden Eindrücken entstand sofort der
Wunsch, für das Jahr 1976 wieder eine Reise mit einem Leistungskurs zu
planen. Inzwischen hatte sich aber aufgrund der Ölpreiskrise und des
überraschenden Regierungswechsels in Niedersachsen eine neue Situation
ergeben. Die Landesregierung genehmigte keine Studienfahrten ins Ausland
mehr – ausgenommen nach Rom oder Griechenland für die Altsprachler. Es
entsprach dem pädagogischen Selbstverständnis des Fachlehrers, auch einer
gewissen Oppositionshaltung gegenüber schulbürokratischen Hemmnissen, nach
Ersatzlösungen zu suchen. Wir knüpfen dabei an die Praxis der Fahrten in die
USA oder die Niederlande zu unseren damaligen Partnerschulen an. In diese
Reisen wurden jeweils die Osterferien einbezogen. Diese Reisen in die Länder
USA, Niederlande, England und Frankreich waren schon in den fünfziger Jahren
Ausdruck des Selbstverständnisses dieser UNESCO-Schule am Maschsee, der
Bismarckschule. In diesem Zusammenhang wurde eine für 1976 geplante und
abgesagte Reise dann im März/April 1977 während der Osterferien
durchgeführt. Diese weder durch die Schulbehörde noch durch die Schulgremien
genehmigungspflichtige Reise – sie war rechtlich eine Privatreise unter der
Leitung und der Verantwortung des Lehrers – stand unter der ausdrücklichen
Unterstützung der Schulleitung und fand positive Resonanz im Kollegium. Im
nachhinein kann festgestellt werden, daß hierbei der Charakter als
UNESCO-Schule deutlich wurde, ohne daß das damals besonders reflektiert oder
auch nur hervorgehoben wurde.
Aufgrund dieser
zunächst gegebenen organisatorischen Rahmenbedingungen wurde eine Konzeption
entwickelt. Sie gilt bis heute für unsere nach wie vor in den Ferien – z.T.
unter Einbeziehung von Unterrichtstagen – durchgeführten Studienreisen nach
Polen und in die Türkei. Aus beiden haben sich dann die
Austauschkonzeptionen entwickelt. An den Reisen sollen Schüler und
Schülerinnen der gesamten Oberstufe und eventuell ab Klasse 10 sowie einige
Lehrer und Lehrerinnen teilnehmen können. In einer besonderen Arbeitsgruppe
werden die Reisen organisatorisch und inhaltlich vor- und nachbereitet; wenn
möglich wird eine Reisedokumentation angefertigt. Der fehlende Bezug zu
einer Kursthematik und den entsprechenden Lernzielen wird ersetzt durch eine
eindeutig starke Motivation während der Teilnahme, eine individuelle Öffnung
für andere Wahrnehmungen. Dieses Prinzip, das im hohem Maße auch
außerschulisches Lernen bedeutet, wird beim Schüleraustausch noch verstärkt
und soll bei diesem Thema dann besprochen werden.
Die Reise 1977
verlief so erfolgreich, daß auch für 1978 sofort eine weitere Reise geplant
wurde, die dann aber bis 1979 verschoben werden mußte. Bei dieser Reise kam
durch die Vermittlung des polnischen Jugendreisebüros JUVENTUR ein Kontakt
mit unserer späteren Partnerschule zustande. Die Schule empfing uns sehr
herzlich, und spontan wurde beiderseits die Frage eines Schüleraustausches
erörtert. Zunächst war es wohl mehr ein Wunsch, ohne die Realisierbarkeit
überhaupt abschätzen zu können.
Zum
entscheidenden Faktor wurde dann der Abschluß des Partnerschaftsvertrages
zwischen Hannover und Pozna½ sowie auch die Gründung der Deutsch-Polnischen
Gesellschaft Hannover, der mehrere Kollegen und Kolleginnen der
Bismarckschule angehören. Es ist jetzt müßig, all die Bemühungen und Ansätze
nachzuzeichnen, die dann zum Abschluß des Partnerschaftsvertrages der beiden
Schulen führten. Wesentlich aber war – und dies ist ein immer wieder zu
beobachtender Faktor in der Zusammenarbeit mit einem sozialistischen und in
hohem Maße bürokratisierten Land – ein außergewöhnliches Maß an
Durchsetzungsvermögen und Hartnäckigkeit unsererseits. Glücklicherweise ist
die Situation im Jahre 1989 sehr stark erleichtert; einige wichtige
Problemebenen sollen aber skizziert werden:
Die bestehenden
Hemmnisse sind im wesentlichen politischer Art. Es waren sowohl innen- als
auch außenpolitische Gründe, die die polnischen Behörden bewegten, äußerst
zurückhaltend in Fragen eines Schüleraustausches zu sein. In den siebziger
Jahren hatte es bereits einige wenige Ansätze gegeben, daß auch polnische
Schülergruppen die Bundesrepublik besucht hatten. Zumeist handelte es sich
aber um einmalige Angelegenheiten. In einem Falle wurde die Polenreise einer
Hamburger Schule, die an sich sehr erfolgreich war, von einer begleitenden
Journalistin nachträglich aber in einer Illustrierten völlig instinktlos,
unqualifiziert und sogar mit – möglicherweise ungewolltem – revanchistischem
Unterton beschrieben. Der Bericht wurde uns in Polen gezeigt, und es wurde
uns klar gemacht, daß man sich das keinesfalls bieten lassen könne. Diese
Ereignisse hatten zum Abbruch des Schüleraustausches geführt. Die Warschauer
Behörden erteilten unter diesen Umständen keine Genehmigungen mehr.
Ein weiteres
Hindernis war der offenkundige Druck auf das polnische
Volksbildungsministerium sowie das Außenministerium, der durch die DDR
ausgeübt wurde. Es gab in den siebziger Jahren umfangreiche
Austauschprogramme zwischen Polen und der DDR auf vielen Ebenen. Der DDR
waren die sich anbahnenden Kontakte mit uns ein Dorn im Auge, und sie
versuchte mit allen Mitteln, diese zu hintertreiben.
In der polnischen
Staats- und Parteiführung dominierten damals noch die sogenannten
„Betonköpfe", die keinerlei Interesse an den Kontakten Jugendlicher mit der
Bundesrepublik hatten. Sie fürchteten sicherlich um ihren Einfluß, ja
Machterhalt; die Bestätigungen haben sich dafür ja in den vergangenen Jahren
ergeben. Die Denkkategorien des „Kalten Krieges" dominierten noch.
Andererseits gab
es in Polen Kräfte, die, als Fachleute hochqualifiziert, aus
unterschiedlichen Motiven heraus eine Hinwendung zum Westen als notwendig
erachteten. Es waren Technologen, Ökonomen, Geisteswissenschaftler,
Journalisten – vor allem diejenigen, die an Reformentwürfen arbeiteten. Sie
hatten die Reformdiskussionen in der Bundesrepublik studiert und erkannt,
daß nur durch qualitative Reformen eine positive Entwicklung möglich wäre.
Der persönliche Kontakt zu diesen Fachleuten, die an wichtigen
Entscheidungsprozessen mitwirkten, entwickelte sich sehr kollegial und zum
Teil auch privat sehr herzlich. Gleiches ist zum Beispiel auch von den
Teilnehmern der Schulbuchkonferenzen zu sagen.
Da sämtliche uns
betreffenden Entscheidungen aber auf höchster Ebene fielen, das heißt im
Politbüro und der Parteispitze, konnten sich die zuständigen Fachleute in
den Ministerien und weiteren nachgeordneten Behörden der Schulbürokratie
nicht durchsetzen.
Es war für uns
ein glücklicher Umstand, daß 1979 nach Abschluß des Partnerschaftsvertrages
Hannover-Poznań ein Austausch- und gemeinsames Arbeitsprogramm der beiden
Städte beschlossen wurde. In dieses erste Programm wurde nun der
Schüleraustausch der Bismarckschule mit dem V. Liceum einbezogen. Dies
geschah durch die besondere Unterstützung von Oberbürgermeister Schmalstieg
(Hannover) und Stadtpräsident Sleboda (Poznań ). Vorausgegangen waren
direkte Gespräche des Schulleiters der Bismarckschule Hannover mit dem
Leiter der Partnerschule und dem dortigen Kurator (Oberschulrat) sowie mit
dem Vizepräsidenten der Stadtverwaltung in Poznań .
-
Ein gravierendes
Problem war die Unterbringung. Es wurde vereinbart, daß die Gruppen jeweils
in einer Jugendherberge oder einem Jugendheim wohnen sollten. Dies war
damals unumgänglich, da die Unterbringung der deutschen Schüler von der
polnischen Seite aufgrund der oft zu kleinen Wohnungen als schwierig
angesehen wurde. Der eigentliche Grund waren aber die starken
grundsätzlichen Vorbehalte einiger politischer Kreise in Polen, die durch
die Unterbringung im Jugendheim beschwichtigt wurden. Unser Ziel war aber
von Anfang an der echte Austausch, das heißt: auch das Wohnen in den
Familien der gastgebenden Schule.
-
Da dies vorerst
nicht möglich war, reservierten wir in Hannover in einem Jugendheim, in dem
auch eine Beköstigung erfolgen konnte, die entsprechende Anzahl Zimmer für
den vorgesehenen Zeitraum im Juni 1981. Ein Plan für den zwölftägigen
Aufenthalt wurde erstellt. Wir gingen dabei von folgenden Gesichtspunkten
aus:
-
Die
polnischen Schüler sollten so oft wie möglich am Unterricht in der
Bismarckschule teilnehmen. Diese Schüler, die Deutsch als zweite
Fremdsprache mit sechs Wochenstunden erlernen, sollten natürlich in erster
Linie Deutsch sprechen und hören. Dies war der primäre Wunsch der
polnischen Lehrer. Diesem Wunsch konnte aber nur durch die Teilnahme auch
an allen Fächern der Aufgabenfelder B und C entsprochen werden. Gerade die sogenannten Sachfächer eignen sich aufgrund ihrer im hohem Maße
beschreibenden Sprache sowie der Verwendung der – bekannten –
Symbolsprachen sehr gut. Da in Polen Russisch erste Pflichtfremdsprache
ist und diese Fremdsprache auch an der Bismarckschule als zweite
Pflichtfremdsprache unterrichtet wird, wurde auch dieser Unterricht [und
teilweise auch der Englischunterricht] besucht. Die polnischen Schüler
nahmen dann auch an fast allen Unterrichtsfächern teil.
-
Es sollte
ein Programm erstellt werden, um nach landeskundlichen Kriterien Hannover
und seine Umgebung kennenzulernen. Wir entschieden uns für eine
Besichtigung eines Industriebetriebes (VW-Werk), den Besuch einiger
Stadtteile sowie einen Ausflug in die Nachbarstadt Hildesheim. Ein Empfang
beim Oberbürgermeister und ein Gespräch über die Kommunalpolitik wurden
ebenfalls eingeplant.
-
In weiteren
Veranstaltungsbesuchen sollten die Gäste Hannovers vielfältiges
Kulturprogramm kennenlernen.
-
Es sollte –
trotz der organisatorischen Hemmnisse – ein intensiver Kontakt der Gäste
mit den Schülern und Schülerinnen der Bismarckschule und ihren Familien
möglich sein. Zu diesem Zweck erklärten sich interessierte Schülerinnen
und Schüler der Bismarckschule bereit, die Betreuung von jeweils einem
polnischen Schüler oder einer Schülerin zu übernehmen. Dies bedeutete, daß
alle außerschulischen Aktivitäten und Programmpunkte mit der polnischen
Gruppe und einigen hannoverschen Schülern gemeinsam abliefen. Daneben gab
es ausreichend Freizeit, bei der die Schülerinnen und Schüler nach eigenem
Ermessen ein Programm erstellten, die Stadt besuchten oder die Gäste
einzeln oder in kleinen Gruppen privat einluden.
Letztere Aussagen
beziehen sich aber noch nicht auf das Jahr 1981. Nachdem nämlich im April
1981 bei einem Besuch in Poznań noch zugesichert worden war, daß die Gruppe
im Juni kommen könne, erfolgte wenige Wochen vor dem vereinbarten Termin die
Absage. Die Krise hatte sich in Polen verschärft, und die mündlich
zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau zurückgezogen.
An diesem und dem
folgenden Beispiel wird die Einbeziehung der innerpolnischen Problematik wie
auch der deutsch-polnischen Konfliktbereiche deutlich.
Die Ausrufung des
Kriegszustandes am 13. Dezember 1981 hieß für uns zunächst einmal, die
Hoffnung aufzugeben, in absehbarer Zeit den Schüleraustausch zustande zu
bringen. Nach wenigen Monaten ergaben sich aber schon wieder einige
Kontakte. Die Drähte zwischen den beiden Stadtverwaltungen waren ohnehin
nicht abgerissen und nur durch das Kappen der Telefonleitungen erschwert.
Auch der Kontakt zur Polnischen Botschaft in Köln war für die Hannoveraner
weiterhin sehr gut. Es sei an dieser Stelle die sehr kollegiale
Zusammenarbeit mit der Botschaft der Volksrepublik Polen hervorgehoben. Man
bemühte sich dort in außerordentlicher Weise, den eingeschlagenen Weg der
Normalisierung fortzuführen und tat für uns alles, was im Rahmen der
Situation möglich war.
Im April 1982
bekamen wir bereits die Nachricht, daß der 1981 um ein Jahr verschobene
Schüleraustausch auch im Juni 1982 stattfinden könne. Die polnischen
Schülerinnen und Schüler würden kommen. Trotz gewisser Skepsis liefen alle
Vorbereitungen an. Leider erfolgte wieder eine Absage, deren Begründung mit
den Schwierigkeiten der gegebenen Situation von uns nachvollzogen werden
konnte.
Während die
Bedingungen des Kriegszustandes nach und nach gelockert wurden – bis zur
endgültigen Suspendierung am 22. Juli 1983 – und nun polnischerseits die
Voraussetzungen wieder gegeben waren, verschlechterten sich jedoch die
deutsch-polnischen Beziehungen im Laufe des Jahres 1983. Die Kontakte der
beiden Partnerstädte und der beiden Partnerschulen blieben davon unberührt.
In mehreren Gesprächen wurde ein Vertrag zwischen den beiden Schulen
abgeschlossen. Der Vertrag sieht einen Austausch von Schülern und Lehrern,
aber auch die kontinuierliche Förderung des Deutschunterrichts in Poznań
durch Lehrmittel und Medien vor, die aus einem Spezialfond des Fördervereins
der Elternschaft der Bismarckschule finanziert werden. Außerdem sollte die
Lehrerausbildung an beiden Schulen mit einbezogen werden.
Auch der Kontakt
der Lehrer und Lehrerinnen von Hannover und Poznań hat sich als sehr
fruchtbar erwiesen.
Zunächst waren
die Deutschlehrerinnen aus Poznań beteiligt, dann aber auch die
Fachlehrerinnen für die Fremdsprachen Russisch, Englisch und Französisch. In
diesen Fachbereichen – wie überhaupt überwiegend in Polen – unterrichten an
unserer Partnerschule nur Frauen. Den Fremdsprachlerinnen ging es vor allem
um die modernen Methodiken im Unterricht der deutschen Schulen. Aber auch
andere Fachlehrer aus Poznań haben von der Begegnung mit der Bismarckschule
profitiert. Andererseits haben gleich viele Kolleginnen und Kollegen der
Bismarckschule das V. Liceum besucht und ihrerseits vom Meinungsaustausch
hohen Gewinn gehabt. Zur Zeit lehrt erstmals an einer polnischen Schule eine
Lehrerin aus der BRD durch unsere Vermittlung an unserer Partnerschule in
Poznań für mindestens zwei Jahre als „Assistent Teacher" das Fach Deutsch.
Auch diese Seite der UNESCO-Arbeit ist wesentlich und muß hervorgehoben
werden.
Eine weitere
Ergänzung erfuhr die Schulpartnerschaft zwischen dem Seminar für Deutsche
Literatur und Sprache der Universität Hannover und dem Institut für
Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) in Pozna½ .
Dies war vor allem für die polnischen Partner wichtig, da die
Lehrerausbildung dort in der zweiten Phase im Kontakt zwischen der
Ausbildungsschule und der Universität erfolgt.
Beim
Zustandekommen des Austausches 1983 waren die Germanisten der UAM sehr
behilflich. Insbesondere der damalige Institutsdirektor, Professor Orłowski,
hat sich in entscheidender Weise eingesetzt und organisatorisch geholfen.
Im September 1983
reiste nun eine Schülergruppe für zwölf Tage nach Poznań . Die Unterbringung
erfolgte im Studentenheim, die Beköstigung aber in der Schule. Alles war
kompliziert und für unsere Verhältnisse mühevoll. Teilweise wurde es mit
Humor, teilweise aber auch mit Beklemmung aufgenommen – lernten wir doch, in
Ansätzen zumindest, den polnischen Alltag kennen.
Die Zielsetzungen
der polnischen Kollegen waren nicht deckungsgleich mit unseren. Beides stand
aber in gewisser Beziehung zueinander! Die polnischen Gastgeber stellten uns
eine gut funktionierende Schule vor. Daß der Schulbesuch dort in der Regel
in zwei Schichten abläuft, sei nur am Rande erwähnt. Schulraumknappheit
wegen des starken Bevölkerungswachstums erzwingt dies.
Wie üblich wurde
uns die ganze Schule gezeigt, auch das Zahnarztzimmer, um dessen Tür die
polnischen Schülerinnen und Schüler immer einen großen Bogen machten. Die
Schule ist für polnische Verhältnisse modern ausgestattet und bietet auch
für die Freizeitgestaltung sehr viel. Uns wurde nichts vorenthalten, und wir
nahmen jeweils in kleinen Gruppen am Unterricht teil. Nachmittags war dann
ein umfangreiches Besuchsprogramm vorgesehen, das aber auch bei bester
physischer Konstitution nicht durchgehalten werden konnte. Hinzu kamen
nämlich die Einladungen am Abend. Die Gastgeber rissen sich geradezu darum,
die deutschen Gäste, jeweils in kleinen Gruppen, privat einzuladen. Auch in
diesem Zusammenhang ergaben sich eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen.
Näheres dazu ist einer gesonderten Darstellung vorbehalten. Posen wurde uns
als Stadt der Kultur dargestellt und als eine Stätte, die zusammen mit
Gnesen bis zu den historischen Wurzeln des polnischen Staates zurückzuführen
ist. Der gesamte Aufenthalt war einschließlich seiner Vor- und Nachbereitung
für Schüler und Lehrer die praktische Umsetzung und Erfüllung des
UNESCO-Gedankens.
Zur Problematik und Auswertung des Austausches
Es lassen sich
verschiedene Problemebenen herausarbeiten und zum Teil weiter untergliedern.
Da sind zunächst einmal die politischen Rahmenbedingungen, die bis dato eine
wesentliche Rolle spielten und deshalb auch zu Beginn der Skizzierung des
Zustandekommens dieser Partnerschaft erwähnt wurden. Für uns war es dabei
ein wesentliches Ziel, die Schüler zur Wahrnehmung solcher politischer
Zusammenhänge und ihrer sozialen Auswirkungen zu sensibilisieren.
Ansatzpunkte ergaben sich genügend und sind mit Sicherheit auch in der
Zukunft zu erwarten, wenn auch mit gewissen Verlagerungen. Es ergibt sich
die Konfrontierung mit der DDR, da sie im Transit mit der Eisenbahn
durchfahren werden muß. Die sich ergebenden Fragen können aber nur skizziert
werden. Gleichwohl war und ist es Aufgabe des Lehrers, dann beim Geschehen
sozusagen vor Ort Erklärungen zu geben oder Problematisierungen vorzunehmen.
Grenzkontrollen,
Visa, die Spannungen angesichts der „Kontrollorgane der DDR", die damals
zwar korrekt auftraten, aber noch unangenehm wirkten. Man kann davon
ausgehen, daß die Transitreisenden alle schon diese Erfahrungen gemacht
haben. Interessant waren trotzdem die Fragen der „Kontrollorgane", warum man
denn nach Polen führe. Im Tonfall schwang unverkennbar eine gewisse
Herablassung mit. Durchfahrt durch Berlin mit langem Warten und Blick auf
die Mauer und die weiteren Grenzanlagen. Dann in Frankfurt/Oder wieder die
bewachte Grenze seitens der DDR.
In Polen ergaben
sich Berührungspunkte zur Politik in geringerem Maße. Man muß aber sagen,
daß in diesem Zusammenhang die Sensibilisierung eine wesentliche Rolle
spielt.
Die polnischen
Schüler informierten uns natürlich über die damals verbotene SolidarnoÑ ƒ
und den wenige Monate zuvor erfolgten Papstbesuch: ein Politikum ersten
Ranges – gewollt und auch verstanden.
Die
Versorgungsmängel ergaben zwangsläufig Diskussionen über die Wirtschaft
beider Länder. Die oft neidlose Anerkennung und Bewunderung durch junge
Polen kann Beklemmungen hervorrufen und muß in intensiven Gesprächen durch
den Lehrer aufgefangen werden.
Der politische
oder sozio-ökonomische Gesichtspunkt sollte auf keinen Fall in der Erwartung
des Lehrers überbewertet werden. Bei allen Begegnungen stellt sich nämlich
heraus, daß es sich bei den Schülern und Schülerinnen dieser beiden Länder
um Jugendliche handelt, die völlig identische Probleme, Wünsche, Sorgen und
Wertvorstellungen haben. Dieser Gesichtspunkt aber, bei dem am Ende der
Begegnung die Erkenntnis der „Normalität" und der individuellen Sympathie
oder auch Antipathie steht, ist doch das, was wir mit dem UNESCO-Gedanken
als allererstes erreichen wollen. Der Versuch, politisch zu diskutieren,
sollte vom begleitenden Lehrer sehr behutsam und zurückhaltend umgesetzt
werden. Auf der anderen Seite ergeben sich nämlich eine Fülle von
Individualerfahrungen, die ihrerseits durchaus gesellschaftspolitisch
interpretiert werden können. Es genügt dabei, die Summe der
Schülererfahrungen zu sammeln und in Ruhe zu besprechen.
Ein Beispiel:
Einer unserer Schüler wollte gern eine „Prawda" haben. Am Kiosk konnte er
keine bekommen. Er bat also seinen am Abend zuvor gewonnenen Freund, ihm
eine bei einem Kiosk zu besorgen. Der polnische Schüler reagierte eisig und
wollte um keinen Preis diesen kleinen Dienst leisten. Nach massiven Bitten
tat er es doch. Eine Verkäuferin am Kiosk kramte dann den Stapel der
druckfrischen „Prawda" hervor; man erkannte, daß offensichtlich monatelang
kein Exemplar verkauft worden war und die Zeitungspakete ungeöffnet dem
Altpapier zugeführt worden waren. Unser Schüler klemmte sich die „Prawda"
unter den Arm und schritt fröhlich von dannen. Mehrere Passanten haben ihn
angerempelt und beschimpft. Die polnischen Schüler, die ihn begleiteten,
haben nicht alle polnischen Schimpfworte übersetzen wollen oder können.
Eine Episode am
Rande, aber doch typisch. Die polnischen Schüler diskutierten nicht über die
Sowjetunion. Auf dieses brisante Thema ging man nur mit abfälligen Witzen
und aggressiven Bemerkungen ein oder man schwieg bewußt.
Über die
innerpolnischen Probleme wurden aber ungeniert die Meinungen ausgetauscht,
und man erzählte ohne jegliche Hemmungen. Ein Politikum erfuhren unsere
Schüler über das Verhältnis der polnischen Jugend zur Kirche. Eine Reflexion
würde jetzt den Rahmen sprengen. Es ist aber völlig anders als das
oberflächliche oder kritisch-distanzierte Verhältnis der großen Mehrheit
unserer Schüler zu den Kirchen.
Ein wichtiges
Politikum ist die Begegnung mit der Geschichte, und zwar mit der eigenen
deutsch-polnischen Vergangenheit.
Es sind zwei
Epochen der gemeinsamen Geschichte, die von wesentlicher Bedeutung sind: Die
Zeit der Teilungen, also der Nichtexistenz des polnischen Staates von 1795
bis 1919, und die Zeit der Okkupation von 1939 bis 1945. Beide stehen in
einem inneren Zusammenhang, bedeuteten sie doch den Abwehrkampf der Polen um
die Existenz ihres Staates und ihrer Nation. Es ist nun unbedingt nötig, in
einer Vorbereitungsphase die Rolle und Praxis der preußisch-deutschen
Politik, vor allem nach der Reichsgründung 1871, zu klären. Es sei hier
erinnert an die Germanisierungspolitik unter Bismarck, die Ansiedlung und
Privilegierung von Deutschen und die Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den
Polen in ihrer eigenen Heimat.
All diese Dinge
sind den polnischen Schülern sehr wohl bekannt. Sie reagieren mit völligem
Unverständnis, wenn sich in Gesprächen auch historische Bezüge im
Spannungsfeld zwischen Polen und Deutschen ergeben und manche unserer
Schüler kaum wissen, wer Friedrich der Große war, oder wenn sie die
ehemaligen preußischen Provinzen mangels ausreichender Kenntnisse nicht
bezüglich dieses deutsch-polnischen Problems sehen.
Zeugen des
Abwehrkampfes des polnischen Bürgertums gegenüber Preußen kann man in Posen
ausreichend finden: Das kleine, damals polnische Theater in der Nähe des
größeren, ehemals deutschen Theaters; die Raczynski-Bibliothek, ein schöner,
im klassizistischen Stil errichteter Bau; dann die Cegielski-Werke, die von
dem damaligen Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein Cegielski als
Konkurrenz zu den deutschen und jüdischen Firmen gegründet wurden; ferner
das frühere Palais des Kronprinzen und dann die vielen Villen und zum Teil
protzigen Häuser aus der preußischen Zeit.
Neben diesem
Abwehrkampf, der zur Jahreswende 1918/19 zum sogenannten „Großpolnischen
Aufstand" führte, ist es dann der Widerstandskampf während der
Okkupationszeit. Es war ein Kampf gegen die physische und psychische
Vernichtung des polnischen Volkes. Leider sind die Kenntnisse unserer
Schüler über den begonnenen polnischen „Holocaust" zumeist sehr gering. Da
im Schulunterricht bezüglich des Zweiten Weltkrieges im Rahmenthema
Nationalsozialismus in der Regel andere Akzente gesetzt werden, ist das
Wissen der Schüler oft Anekdotenwissen der Eltern und Großeltern und
manchmal gar die unverfälschte Reproduktion der Vorurteile, die einmal von
der Nazipropaganda geprägt worden sind.
Es ist nötig,
auch diese Dinge anzusprechen, denn in jeder polnischen Stadt gibt es Zeugen
dieser Zeit, mit denen die Schülerinnen und Schüler konfrontiert werden.
Ich nenne nur die
wenigsten: in Warschau das Pawiak-(Gestapo-)Gefängnis, das Ghettodenkmal und
den Wiederaufbau der systematisch zerstörten Altstadt, in Danzig die
Westerplatte, in Łódź die Gedenkstätte des „Kinder-KZ" und das
Gestapo-Gefängnis „Radegast", in Lublin das KZ Majdanek; und die anderen KZ
mit ihren Gedenkstätten: Stutthof auf dem Gebiet des ehemaligen Freistaates
Danzig, Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor und Belzec, Kulmhof, an der
Europastraße zwischen Warschau und Posen gelegen, und Groß Rosen östlich von
Breslau.
In jeder Stadt
gibt es Gedenktafeln für ermordete Bürger und Widerstandskämpfer. Man muß
die Schüler unbedingt auf diese Dinge vorbereiten. Sie müssen vorher Zeit
haben, über die Begriffe Schuld, Verantwortung und Versöhnung nachzudenken
und zu sprechen. Die gesamte Problematik kann ihnen erst bewußt werden, wenn
sie dann in Posen auf dem Gelände der ehemaligen Festung stehen, von den
Tausenden Gefallenen erfahren und die Grabreihen sehen.
Diese
schockartige Konfrontation mit der Geschichte ist zugleich, so makaber es
klingt, ein didaktisch sinnvoller Ansatz, über die Problematik der
Geschichte und auch über Geschichtsbewußtsein zu sprechen. Zusammen mit der
Nachbereitung ergeben sich dann erst die tiefgehenden Eindrücke und der
Lernerfolg.
Wir haben
bezüglich der Begegnung mit der Geschichte die günstige Möglichkeit, weite
Bereiche der deutschen und polnischen Geschichte deutlich zu machen.
Gleichzeitig ergibt sich aber auch die zwingende Notwendigkeit zur
intensiven Vor- und Nachbereitung.
Es wären nicht
nur vertane Chancen: es wäre eine Brüskierung von Gastgebern, mit
unvorbereiteten Jugendgruppen nach Polen zu reisen. Solche Reisegruppen, die
aus vielen Ländern anzutreffen sind, gewinnen leider zu oft falsche und für
uns peinliche Eindrücke und nehmen dann leicht diese falschverstandenen
Erkenntnisse mit nach Hause. Bei diesen Jugendlichen spielt das „Ghetto" des
billigen Luxushotels [da es einfach zu wenige einfache
Unterkunftsmöglichkeiten für die vielen Jugendreisegruppen gibt] und der
billig zu erwerbende Alkohol eine Rolle.
Gerade in den
Berührungspunkten zur Geschichte wird deutlich, daß die UNESCO ja nach dem
Kriege gegründet wurde, um im internationalen Erziehungsprozeß der Jugend
mit Hilfe von Begegnungen die Probleme der Völkervernichtung und des Hasses
zu bewältigen und die Weichen für die Zukunft eines friedlichen Miteinanders
zu stellen. Diesem zentralen Anliegen der UNESCO kann in Polen vor allem
auch für uns Deutsche wie kaum in einem anderen Lande, vielleicht mit
Ausnahme noch von Israel und der Sowjetunion, Rechnung getragen werden.
Die pädagogische
Situation in polnischen Schulen
Die pädagogischen
Probleme, die im Bereich einer polnischen Schule sichtbar werden, sollen nur
kurz angesprochen werden. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist eher als
traditionell anzusehen. Direktor, Lehrer und Lehrerinnen gelten als
Respektspersonen und werden auch mit „Herr Direktor" oder „Frau Professor"
angeredet. Der Unterricht läuft in hohem Maße als Frontalunterricht ab.
Ansätze zu einer Mitbeteiligung der Schüler an der Unterrichtsplanung und
-gestaltung gibt es kaum. Die Reformdiskussion der sechziger und siebziger
Jahre in Westeuropa ist an der Schulwirklichkeit in Polen spurlos
vorübergegangen, und es hat keine Versuche zu einer entsprechenden Reform
gegeben. Gleichwohl wurden alle Reformen von Expertengremien beobachtet und
ausgewertet. Das Problem der Nichtumsetzung lag in der Starrheit des
bürokratischen Systems, des politischen Dogmatismus bzw. der eindeutigen
Reformunfähigkeit des realen Sozialismus. Alle wesentlichen politischen und
sozialen Reformen in Polen mußten ertrotzt werden, und das gelang nur in
Schwächephasen des Staates.
Andererseits muß
man die ungeheuer schwierigen Aufbauphasen nach dem Kriege sehen. Polen
hatte das Problem, überhaupt ein leistungsfähiges Bildungssystem zu
entwickeln, und das ist im wesentlichen gelungen! Die Frage nach Reformen
wird denn auch nicht als so gravierend angesehen.
Hinzu kommt, daß
die einzige wesentliche oppositionelle Kraft, die katholische Kirche, in
ihrem Wesen als stockkonservativ gilt und unter allen katholischen Kirchen
in Europa wohl eher als reformfeindlich einzustufen ist. Aber auch dieses
hat wiederum Gründe, die aus der spezifischen Geschichte des Landes
abzuleiten sind.
Bei aller
berechtigten Kritik muß man in Polen sehr vorsichtig sein mit Werturteilen,
die westliche Maßstäbe zum Vergleich anlegen! Aber auch dies gehört zu den
Erfahrungen, die in Polen gemacht werden. Das bedeutet bei Schülerreisen
nach Polen für den begleitenden Lehrer ein hohes Maß an Aufnahmebereitschaft
und sehr viel Geschick, die Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren.
Man sollte das
intensive Gespräch mit den polnischen Kollegen und Kolleginnen suchen.
Übrigens unterrichten kaum Männer in den Schulen. Bei den Gesprächen sind
die gegenseitigen Erwartungen und Wünsche nicht deckungsgleich. Für die
polnischen Lehrerinnen und Lehrer steht die Information im Vordergrund. Sie
möchten von der moderneren Methodik und den Erfahrungen in unseren Schulen
profitieren. Dem sollte man unbedingt durch Bücher über Didaktik und
Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer als mitzubringende Geschenke
Rechnung tragen. Für uns bundesdeutsche Lehrer steht dann oft die Diskussion
über eine bestimmte uns sichtbare Problematik im Vordergrund. Dieser Ansatz
zu einer kritischen Reflexion hat aber in der Ausbildung und Praxis des
Lehrerberufes in Polen nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns. Konkret:
Über die Anweisung des Herrn Direktors wird eben nicht diskutiert, sondern
im Lehrerzimmer geschimpft. Einen Personalrat gibt es natürlich auch nicht.
In den Jahren
1980/81 hatte die Solidarność-Gruppe einer Schule eine gewisse
Kontrollfunktion wahrgenommen. Nach Zerschlagung dieser unabhängigen
Gewerkschaft blieb alles wieder beim Alten. Es ist ungeheuerlich, welche
Chancen das kommunistische System stalinistischer Prägung in diesem
Zusammenhang nicht nur vertan, sondern sogar zerschlagen hat. Diese
Zerstörung einer politischen Kultur, die in der Zeit der Aufklärung begann
und neu in den sozialen und politischen Bewegungen des 19. und 20.
Jahrhunderts weiterentwickelt wurde, wird erst jetzt wieder durch
Basisbewegungen reaktiviert. Die Chancen, die der reale Sozialismus gehabt
hat, sind auf Generationen vertan.
Dies muß man
wissen, um Reaktionen von Lehrern und Schülern, Meinungsäußerungen etc.
richtig verstehen zu können. In diesem Zusammenhang steht auch die geradezu
verklärte Betrachtung des Westens und die totale Verdammung alles Eigenen.
Jahrelange, zum Teil primitive Propaganda hat das genaue Gegenteil dessen
bewirkt, was sie eigentlich erreichen wollte. Dies führte aber nicht nur zu
einer Nichtreflexion, sondern sogar zu einer emotionalen Ablehnung all
dessen, was irgendwie mit dem Staat und dem politischen System
zusammenhängt. Das hat zur Konsequenz, daß auch unbestritten positive
Leistungen, die Aufbauleistungen in diesem am schwersten durch den Krieg
betroffenen Land, von den Bürgern nicht mehr wahrgenommen oder gar „in Grund
und Boden verdammt" werden. All diese Irrationalitäten sind Ausdruck und
Mitverursacher der Sozialpathologie. Die Verfahrenheit der gesamten
Situation, die nach ökonomischen Kriterien totale Hoffnungslosigkeit und
andererseits die gegenwärtige völlig irrationale Euphorie machen dieses Land
immer wieder interessant.
Es ist zu
empfehlen, in Auswertungsgesprächen die Schüler längere Phasen erzählen zu
lassen. Nicht nur, um manche Sachverhalte zu klären, sondern auch, um den
Hang unserer Schüler zur Überheblichkeit – ein seit Jahren sich
entwickelndes bundesdeutsches Phänomen – einzudämmen. Die Überheblichkeit
aufgrund der westdeutschen ökonomischen Stärke erscheint uns zusammen mit
der neuen Reproduktion klassischer deutscher Vorurteile das entscheidende
Problem der gegenwärtigen jungen Generation im Zusammenhang mit den
östlichen Nachbarländern der BRD, vor allem in Bezug auf Polen, zu sein.
Übrigens gibt es bei Jugendlichen aus der DDR gegenüber Polen ähnliche
Erscheinungen. Wir können jedoch aufgrund unserer langjährigen Erfahrung in
diesen skizzierten Problembereichen von positiven Ergebnissen sprechen –
aber: die Problematik muß uns Lehrern bewußt sein.
Der Gegenbesuch der polnischen Schüler
Nun zum
Gegenbesuch der polnischen Schüler: Vorab müssen wir feststellen, daß uns
ein riesengroßer Stein vom Herzen fiel, als wir hannoverschen Kollegen die
polnischen Schüler und Lehrer und den Herrn Direktor am Bahnhof in Helmstedt
im Empfang nahmen, um gemeinsam mit dem Bus nach Hannover zu fahren.
Die polnischen
Gäste konnten nämlich nicht, wie geplant und abgesprochen, ein Jahr später –
im September 1984 – nach Hannover kommen! Zunächst schlug die sogenannte
„Wende" in Bonn aufgrund gewisser Sonntagsreden, die wohl die
Dauermobilisierung des Potentials der Vertriebenenverbände zum Ziel hatten,
voll durch. Die politischen Fronten verhärteten sich, obgleich die
innenpolitischen Voraussetzungen in Polen durch den zunehmenden
Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozeß an sich sehr positiv waren für
unsere gemeinsame UNESCO-Arbeit.
Die vorläufig
zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau zurückgezogen, obwohl das
Volksbildungsministerium sich für die Fahrt ausgesprochen hatte; dort saßen
viele Reformer, die die gemeinsame Arbeit weiterhin selbstverständlich
unterstützen wollten. Im Außenministerium gab es eine positiv eingestellte,
starke Fraktion, vor allem im Bereich der Westexperten. Verhindert hat dann
die Fortführung des Schüleraustausches das sogenannte
Administrationsministerium, das während des Kriegszustandes gebildet worden
war und in dem die „Betonfraktion" dominierte. Inwieweit Druck aus der DDR
zur Verhinderung unserer Kontakte erfolgte, ist von dieser Stelle aus nicht
zu beurteilen. Man muß aber davon ausgehen, daß dieser permanent erfolgt,
wenngleich alle relevanten politischen Kräfte in Polen den Weg der
Unabhängigkeit von der Sowjetunion und der DDR in bezug auf die Westpolitik
beschritten und beschreiten.
Ab 1985 haben
dann alle am Zustandekommen Beteiligten politisch gekämpft, um diesen
Schüleraustausch nicht durch das dumme und unverantwortliche Gerede gewisser
Sonntagspolitiker in der Bundesrepublik und der Betonfraktion in Warschau
kaputt gehen zu lassen.
Politische Amts-
und Funktionsträger, vor allem in der Sozialdemokratischen Partei und der
F.D.P., setzten sich für uns ein. Auf polnischer Seite verdanken wir eine
wichtige Unterstützung dem damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten
Rakówski. Der Oberbürgermeister von Hannover und der Stadtpräsident von
Poznań setzten sich ebenfalls nachdrücklich ein. Die Botschaft der
Volksrepublik Polen hat unser Bemühen ebenfalls sehr wohlwollend
unterstützt. Den entscheidenden Durchbruch hat dann aber eine Intervention
des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik als Vorsitzender des
interfraktionellen Polenausschusses im Bundestag beim ZK-Sekretär für
Auswärtiges im Politbüro im Dezember 1985 während der Brandt-Reise nach
Warschau zu unseren Gunsten verursacht.
Mit zwei Jahren
Verspätung – das deutsch-polnische Verhältnis hatte sich nach der Rede des
Bundespräsidenten zum Gedenktag des 8. Mai 1945 und dank der Bemühungen des
deutschen Außenministers und jetzt auch aller im Bundestag vertretenen
Parteien merklich entspannt – konnten wir die polnischen Gäste im September
1986 empfangen. Kleinere Pannen bei der Vorbereitung gehören zum polnischen
Alltag und sollen nicht extra erwähnt werden.
Die politische
Hintergrundproblematik wurde aber skizziert, um deutlich zu machen, daß
fruchtbare UNESCO-Arbeit in diesem europäischen Entspannungsprozeß mit
deutschen und polnischen Jugendlichen nur innerhalb der gegebenen
Rahmenbedingungen ablaufen kann. Leider ist ein Hemmschuh, der aufgrund
bundesdeutscher Kulturquerelen entstandene Kompromißbeschluß der
Kultusministerkonferenz von 1982, die „Perlenkette", d.h. die sogenannte
Grenze von 1937, auch auf physischen Landkarten für den Schulgebrauch zu
verzeichnen, noch immer nicht beseitigt. Die auch jetzt, 1989, am Vorabend
zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsbeginnes wieder hochgespielte unselige
Grenzdiskussion hat zur Folge, daß das Kulturabkommen mit Polen nach wie vor
auf Eis liegt und der Wunsch des Bundeskanzlers, noch zu seiner Amtszeit ein
Deutsch-Polnisches Jugendwerk zu gründen, als etwas zu optimistisch
einzustufen ist. Wir müssen akzeptieren, daß Polen seine Prinzipien hat und
diese trotz wirtschaftlicher Depression beibehält. Die Selbstachtung der
Polen läßt es nicht zu, daß sie sich verkaufen!
Also auch in
diesem Bereich spüren wir die Grenzen der UNESCO-Arbeit! Das bedeutet aber
nun nicht, daß die Arbeit behindert wird. Man muß sagen, daß alle
anstehenden Probleme einvernehmlich in sinnvollen Kompromissen geklärt
werden konnten.
Der
Schüleraustausch von 1986 kann kurz skizziert werden: An mehreren Tagen
erfolgte vormittags gemeinsamer Unterricht in der Bismarckschule. Daneben
wurde ein gemeinsames Besichtigungsprogramm abgewickelt. Zum offiziellen
Teil gehörte auch ein Empfang beim Oberbürgermeister, der unsere gemeinsame
Arbeit würdigte. Die Kultur kam ebenfalls nicht zu kurz, und außerdem gab es
intensive persönliche Kontakte. Am Abschluß der zwölf Tage waren alle
Beteiligten erschöpft aber glücklich. Wir hatten die Hoffnung, 1987 ohne
Probleme den Besuch erwidern zu können. Plötzlich kam aber von polnischer
Seite der Vorschlag, aus dem Schüleraustausch eine gemeinsame Ferienaktion
deutscher und polnischer Schüler an der Ostsee zu machen. Offensichtlich
hatten die gemeinsamen Gegner in der polnischen Politik wieder einen Versuch
gestartet, uns aus der Schule herauszudrängen und damit die langjährige
Arbeit zu blockieren. Wir sahen es so! Gemeinsam mit den polnischen Partnern
fanden wir einen sinnvollen Kompromiß: Wir vereinbarten, daß der
Schüleraustausch fortan themenorientiert ablaufen sollte, und zwar beim
Besuch und Gegenbesuch. Dies bedeutete, daß im September 1987 die
hannoversche Gruppe zunächst vier Tage gemeinsam mit den polnischen Schülern
an einem See bei Posen (im Warthe-Netze-Bereich) einen Segelkurs machen und
auch im Zeltlager gemeinsam wohnen sollte. Der enge Kontakt und die bewußt
primitive Unterbringung am See wurden als sehr positiv aufgenommen.
Anschließend fuhr man nach Poznań zum ersten Schultag nach den polnischen
Sommerferien. Dort liefen Unterrichts- und Begleitprogramm entsprechend ab.
Unsere Schüler erlebten noch eine sehr schöne Jubiläumsfeier in den
gemeinsamen Tagen. Die Unterbringung erfolgte dort in der Jugendherberge.
Beim Gegenbesuch
1988 fand zunächst – im Rahmenthema Sport – ein gemeinsames Zeltlager am
Steinhuder Meer statt, bei dem man Surfen und Segeln lernen konnte.
Anschließend kamen die Schüler in die Bismarckschule. Das etwas verkürzte
Programm entsprach dem vorhergehenden. Die Unterbringung erfolgte in der
Jugendherberge am Maschsee, so daß die polnischen Schüler zu Fuß die
Bismarckschule erreichen konnten. Das Maschseefest bildete einen Höhepunkt.
Für die Lehrer und Schüler an der Bismarckschule war der Schüleraustausch
mit Polen zu einem Stück Normalität und Routine geworden. Die Anstrengungen
und Belastungen hatten sich gelohnt.
Die für die Jahre
1989 und 1990 geplanten Fahrten stehen unter dem thematischen Aspekt
Geographie. Dies bedeutet, daß innerhalb der vorgesehenen zwölf Tage ein
gemeinsamer viertägiger Besuch der „Dreistadt" Gdańsk-Sopot-Gdynia
stattfindet. Dort sollen gemeinsam Studien unter stadtgeographischen,
ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten erfolgen. Wissenschaftler der
Universität Danzig haben sich gern zur Hilfestellung bereit erklärt.
Die restliche
Zeit wird wieder gemeinsam in Poznań verbracht. Novum ist, daß nun endlich
die Unterbringung in den Gastfamilien erfolgt. Damit ist in diesem
Zusammenhang unser Ziel erreicht und auch hier ein Stück Normalität unter
Freunden hergestellt.
Die Details des
Gegenbesuches sind noch nicht konzipiert. An dieser Stelle sei auch die hohe
Unterstützung durch die Stadt Hannover erwähnt, ohne die unter den gegebenen
Umständen der Schüleraustausch nicht hätte durchgeführt werden können. Dank
gebührt insbesondere dem Oberbürgermeister und den Kollegen im Kulturamt der
Stadt Hannover, das für die Kontakte mit Poznań zuständig ist.
Außerdem haben
wir wesentliche Hilfe und Unterstützung vom Deutschen Polen-Institut in
Darmstadt erhalten: Herr Dedecius hat sich persönlich dafür eingesetzt, daß
wir aus dem Fond des Herrn Bundespräsidenten von Weizsäcker erhebliche
Mittel für Ausflüge, Konzerte und Lehrmaterial als Starthilfe zur Verfügung
gestellt bekamen.
Nachbemerkungen für begleitende Lehrkräfte
Man sollte
möglichst jede nach Polen reisende Jugendgruppe gut vorbereiten; für
Schüleraustauschgruppen ist dies aber unabdingbar. Nähere Ausführungen dazu
sind in einem Aufsatz von meiner Kollegin Eva Helms und mir enthalten.
Wesentliche Punkte sind die Sensibilisierung für das Alltägliche sowie die
Bewußtmachung des „bei uns" Selbstverständlichen. Es ist wichtig, bekanntes
Wissen über Polen aus dem Geschichts- und Erdkundeunterricht zu wiederholen.
Weiterhin muß vorher und hinterher über die Problematik des
vorurteilsbesetzten Wissens gesprochen werden. Da in Polen „alles anders ist
als in der DDR", sollte man versuchen, die Schüler zur Aufnahme des Neuen
aufzuschließen bzw. spontane Schüleräußerungen während des Aufenthalts zu
sammeln und möglichst darüber zu sprechen.
Ein delikates
Problem sind die Fragen nach den Gastgeschenken. Schüler weigern sich oft,
Schokolade und Kaffee mitzunehmen, da sie nicht „Weihnachtsmann" spielen
wollen.
Man muß ihnen
dann sagen, daß jemand sich riesig und auch wirklich echt über ein solches
Mitbringsel freut, weil er es sich gegen Landeswährung nicht kaufen kann und
gegen US-Dollar nur zu horrenden Preisen! Wenn demnächst alle Waren,
abgesehen von den allernötigsten Grundnahrungsmitteln, nicht mehr
subventioniert werden und der Verkauf auch in Landeswährung möglich ist,
dann werden mit Sicherheit alle Preise über dem bundesdeutschen Niveau
liegen. Auch an diesen Beispielen kann man die Bitternis des völlig
abgesunkenen Lebensstandards deutlich machen.
Beim Besuch
polnischer Jugendlicher sollte man versuchen, z.B. im Rahmen einer
alternativen Stadtführung wie in Hannover, bei der auch die Stätten der KZ
und die Gräber ermordeter polnischer und russischer Zwangsarbeiter besucht
werden, oder auch durch eine gemeinsame Fahrt zur Gedenkstätte
Bergen-Belsen, eine spezifische Form der Betroffenheit angesichts der
Teilnahme von Angehörigen der Opfernation zu erreichen. Wir haben z.B. 1986
zusammen mit den polnischen Austauschschülern und gleichzeitig anwesenden
amerikanischen Austauschschülern Bergen-Belsen besucht; eine vollständige
Darstellung und Auswertung kann jetzt nicht vorgenommen werden. Nur eines:
Wir waren am Ende des Rundganges, als wir uns vor der Gedenkstätte trafen,
völlig unfähig, Worte für die Eindrücke und Gedanken zu finden. Wir haben
geschwiegen. Hier mußte dann der Lehrer das Schweigen angemessen durch
wenige Sätze beenden. Ich muß sagen, daß ich selten unter einer solchen
Spannung schweigend verharrt habe.
Ein
Anfangsproblem sollte noch erwähnt werden: Für die polnischen Schüler
bedeutet es eine sehr hohe Auszeichnung, in die Bundesrepublik fahren zu
dürfen. Die Auswahl stellt in der Regel eine Belohnung für sehr gute
Leistungen dar. Alle Schülerinnen und Schüler werden aber vorher
eindrücklich ermahnt, ihre Schule, ihre Stadt und ihr Land würdevoll zu
vertreten. Die polnischen Lehrerinnen legen dann – zumindest solange man
sich noch nicht so gut kennt – sehr viel Wert auf vorbildliches und
diszipliniertes Verhalten ihrer „Zöglinge". Man sollte also bei gemeinsamen
Veranstaltungen, bei denen es darum geht, gemeinsame Regeln aufzustellen und
einzuhalten oder auch das Ende einer abendlichen Veranstaltung festzulegen,
recht behutsam vorgehen. Wir hannoverschen Lehrer haben in solchen Fällen
vorgelebt, wie wir kollegiale Entscheidungsprozesse, auch zusammen mit dem
Schulleiter, durchführen und umsetzen. Hier hat sich aber inzwischen ein
völlig problemloses kollegiales Miteinander und Lernen voneinander ergeben.
Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist der Konsens im eigenen Kollegium. Ein
Schüleraustausch, vor allem in diesem sensiblen Bereich, ist nur möglich,
wenn er von einer breiten Mehrheit des Kollegiums und auch der Elternschaft
getragen wird. Außerdem gibt es an der Bismarckschule den Konsens, den
Schüleraustausch auf möglichst viele „Schultern" zu verteilen. Bisher sind
jeweils andere Kolleginnen und ein anderer Kollege zur Begleitung
mitgefahren. Gleiches gilt für den parallel ablaufenden Lehreraustausch, bei
dem pro Jahr eine kleinere Delegation von Lehrern und Lehrerinnen fährt oder
bei uns zu Gast ist. Diese wenige Tage dauernden Besuche dienen außerdem
jeweils der Vorbereitung des dann folgenden Besuches mit der Schülergruppe.
Wir erkennen inzwischen, daß vor allem im Zusammenhang mit den sinkenden
Schülerzahlen und den dadurch kleiner werdenden Schulen die Belastung
steigt. Dies hat zur Folge, daß wir die „Ermüdungen" spüren. Die Frage, ob
und inwieweit man alle Aktivitäten im vollen Umfange aufrecht erhalten kann,
ist nicht grundsätzlich zu klären. Neben Stundenentlastungen für besonders
belastete Kollegen und Kolleginnen bietet sich auf anderer Ebene eine
Kooperation mit einer anderen Schule an, die vielleicht noch keinen
Austausch praktiziert.
Bezüglich unseres
Türkeiaustausches kooperieren wir z.B. mit dem Gymnasium Bad Nenndorf.
Solche Regelungen sind gegebenenfalls zu erörtern. Auf keinen Fall aber
sollte man angesichts der für die Zukunft zu erwartenden sozialen Spannungen
in Europa und des Wachsens von Vorurteilspotentialen in der Bevölkerung von
einer sinkenden Bedeutung der UNESCO-Arbeit ausgehen. Noch ein Hinweis: In
der Bismarckschule wird gegenwärtig erwogen, Erfahrungsberichte über alle
Ansätze der UNESCO-Arbeit und auch über die frühere Arbeit seit den
fünfziger Jahren zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Zu nennen wären
Aktivitäten bezüglich japanischer und afrikanischer Gruppen, ein Austausch
mit den USA sowie ein amerikanisch-europäisches UN-Projekt in Den Haag (THIMUN),
der laufende Finnlandaustausch und die Englanderfahrungen.
Gerhard Voigt:
III. Die
Türkei-Partnerschaft der Bismarckschule Hannover
1. Die Aufgaben der
TÜRKEI-AG im UNESCO-Club
Die aktuellen
Probleme, die eine ganze Generation in der Türkei prägen werden und die
damit auch für uns Deutsche Bedeutung erlangen werden, lassen es um so
wichtiger erscheinen, den ständigen Kontakt zwischen beiden Völkern und
Kulturen auch auf der unteren Ebene der persönlichen Bekanntschaft nicht
abreißen zu lassen, im Gegenteil: zu fördern und auszubauen. Hier fühlen
sich auch die UNESCO-Schulen angesprochen. Auch das türkische
Erziehungsministerium hat den Wert solcher Kontakte erkannt und unterstützt
Schulpartnerschaften mit deutschen Schulen. Gerade kürzlich hat das
türkische Ministerium mit dem niedersächsischen Kultusminister ein
Schwerpunktprogramm für Schulpartnerschaften vereinbart, in das sich die
Aktivitäten der Bismarckschule einpassen lassen. Von unserer Seite her
besteht auch der Wunsch, noch zu einem weiteren türkischen Gymnasium
Beziehungen aufzunehmen. Dabei würden wir ein weniger elitäres Gymnasium als
unsere jetzige Partnerschule, die Istanbul Lisesi, möglichst im ländlichen
Raum bevorzugen, um dadurch die Spannweite des türkischen Bildungswesens
erfahren zu können und eventuell auch konkretere Partnerschaftshilfe zu
betreiben, als es gegenüber einem gut ausgerüsteten Gymnasium in Istanbul,
das mit an der Spitze der jährlich ermittelten „Leistungsrangliste" der
türkischen Schulen steht, möglich und notwendig ist.
Die TÜRKEI-AG im
UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover versucht, sich mit den Möglichkeiten
und Problemen von Schulpartnerschaften auseinanderzusetzen, und will die
Thematik „Türkeikontakte" einer breiteren Schulöffentlichkeit vermitteln. In
Arbeit mit Medien und Materialien werden die Grundzüge der Geschichte und
Landeskunde der Türkei erarbeitet. Darüber hinaus bietet die TÜRKEI-AG ihren
Mitgliedern die Möglichkeit, sich intensiv mit selbst gewählten
Schwerpunktthemen aus Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft oder Zeitgeschichte
zu beschäftigen, um daraus z.B. Berichte, Teile von Ausstellungen, Beiträge
zu Informationsveranstaltungen oder Erkundungsthemen für Türkeireisen
abzuleiten. Damit sind wir auch schon beim derzeitigen Hauptthema, um das
sich die Arbeit der TÜRKEI-AG dreht: um die inhaltliche und organisatorische
Vorbereitung einer etwa vierzehntägigen Studienreise in die Türkei vor und
in den Herbstferien 1989. Im Mittelpunkt wird der Besuch in unserer
Partnerschule, der Istanbul Lisesi, stehen. Das Erziehungsministerium in
Ankara wird zu einem Informationsgespräch aufgesucht werden. Begleitet wird
dieses Informationsprogramm durch eine Fülle privater Kontakte und einer
informativen Rundreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die westliche
Türkei. Damit folgen wir den Spuren einer ersten Türkei-Reise der
Bismarckschule Hannover vom Herbst 1985, über die noch zu berichten sein
wird. Vorher, noch im Juni dieses Jahres, hatten wir aber die Freude, zum
ersten Male eine Schülergruppe aus Istanbul bei uns begrüßen zu dürfen. Seit
wir bei unserem letzten Besuch im Herbst 1985 – ein weiterer geplanter
Kontakt während unserer Orientfahrt 1987 kam wegen der türkischen
Sommerferien nicht zustande – unsere Einladung übermittelt hatten, laufen
zögernd aber zielstrebig die Vorbereitungen für diesen Besuch. Nach einem
durch den Wechsel der an der Istanbul Lisesi unterrichtenden deutschen
Lehrer erschwerten Korrespondenz brachte der persönliche Besuch unserer
stellvertretenden Clubvorsitzenden Sehnaz Çelik im Herbst 1988 den
entscheidenden Durchbruch. Ihr bescheidenes aber zielstrebiges und
höflich-konsequentes Auftreten in Istanbul, ihrer alten Heimat, bis sie zum
Ende ihrer Schulzeit an unserer Schule die deutsche Staatsbürgerschaft
annehmen konnte, hat nach allen Berichten aus der Istanbul Lisesi dort einen
ganz großen und für unsere Schule und den UNESCO-Club äußerst bedeutsamen
Eindruck gemacht.
2. Die Türkeifahrt
der Bismarckschule Hannover 1985:
Auftakt der Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi
Ende Oktober 1985
wurde von der Bismarckschule Hannover eine erste Studienfahrt in die Türkei
durchgeführt. Diese Studienfahrt trug einen ganz besonderen Charakter
dadurch, daß sie nicht als Unterrichtsveranstaltung eines Leistungskurses in
einem fachlich definierten Zusammenhang durchgeführt wurde, sondern von
einer speziell für den neuen Arbeitsschwerpunkt gegründeten
Türkei-Arbeitsgemeinschaft von der Gesamtkonferenz mit einem
Erkundungsauftrag versehen wurde, der durch vorbereitende Aktivitäten wie
durch die Fahrt selbst erfüllt werden sollte. Vierzehn Schüler und
Schülerinnen der 12. und 13. Klasse und die Lehrer Hans Gütte, Ulrike Schulz
und Gerhard Voigt übernahmen diesen Auftrag.
Die
Bismarckschule Hannover versteht sich als UNESCO-Schule und hat sich der
Arbeitsgemeinschaft der UNESCO-Schulen in Deutschland schon vor über dreißig
Jahren angeschlossen. Dieser Akt ist eine Selbstverpflichtung dazu, den
Geist der UNESCO sowohl in Unterrichtsveranstaltungen wie in
außerunterrichtlichen Projekten und Aktivitäten wirksam werden zu lassen und
dem Schüler nahezubringen. Geist der UNESCO, das heißt für uns: eine
weltoffene Schule, lebendig, nicht erstarrt in Routine und fachlicher
Verengung. UNESCO-Geist, das heißt auch: Völkerverständigung, Kontakte über
die Grenzen hinweg, Abbau verengender Nationalismen, Abbau von trennenden
Vorurteilen und ein sensiblerer Umgang mit dem Mitmenschen. UNESCO-Geist
bedeutet aber auch, mehr zu tun als nur das, was verlangt wird, eigene
Phantasie zu entwickeln und bereit zu sein zur ständigen Erneuerung des
eigenen Engagements: der Schule einen neuen Sinn geben!
Auf ihrem Weg als
UNESCO-Schule hat die Bismarckschule viele Stationen hinter sich gebracht.
Zufrieden sind wir damit noch nicht. In den letzten Jahren wurden vor allem
Schülerkontakte und Austauschprogramme gefördert. Über Jahre hinweg verband
die Bismarckschule eine Partnerschaft mit einer Schule in Livonia in den
USA. Nach dem Auslaufen dieses Austausches ist nun die Partnerschaft mit
einer anderen amerikanischen Schule im Aufbau. Unter schwierigen politischen
Rahmenbedingungen suchen, wir auch den Kontakt mit dem V. Liceum in Pozna½
/Posen in der Volksrepublik Polen aufrecht zu erhalten. Darüber wird an
anderer Stelle berichtet. Die Verhärtungen im deutsch-polnischen Verhältnis
verlangen immer neue Anläufe, um die Beziehungen auf der menschlichen Ebene
herzustellen und zu sichern. Wir hoffen, mit diesen Kontakten nach West und
Ost ein klein wenig aktive Friedenspolitik zu leisten.
Doch fehlt im
Weltmaßstab, dem sich die UNESCO verpflichtet fühlt, eine weitere Dimension,
die ungleich schwerere praktische Probleme aufwirft: der Blick über Europa
und die „westliche" Industriewelt hinaus in die Region der Armen, in die
Dritte Welt. Nur vorsichtig können wir uns in die Probleme dieser Länder
einleben, ohne in den Verdacht neokolonialer Einmischung zu geraten.
Unbefangenheit ist hier noch schwerer zu erreichen als in den Beziehungen zu
Polen. Ein erster Versuch zum Kontakt mit dieser Region ist die Aufnahme von
Schulpatenschaften mit Schulen in Cochabamba/ Bolivien und bei
Windhuk/Namibia, wobei die Bismarckschule Hannover unmittelbare finanzielle
Hilfe sowohl für die Gesundheitsfürsorge für die Schülerinnen und Schüler
als auch für die Beschaffung von Lernmitteln leisten will. Doch ein
persönlicher Kontakt zu diesen Schulen wird über den Schriftwechsel hinaus
nicht stattfinden können. Daher wollen wir zunächst einmal Kontakte zu einem
Land aufnehmen, das zwar einerseits als Brücke zur Dritten Welt und auch zur
islamischen Kultur dienen kann, andererseits aber in vielfacher Weise noch
mit der deutschen Geschichte und Gegenwart verbunden ist: der Türkei.
In der
Erkenntnis, daß die Türkei ungeachtet aller inneren politischen und sozialen
Probleme zu einem wichtigen Partner Deutschlands und Mitteleuropas geworden
ist – der beantragte und verhandelte EG-Beitritt der Türkei bestätigt das
ebenso wie die Verbindungen durch Arbeitsmigration und Tourismus – und in
der Beobachtung vielfältiger Vorurteile und Ressentiments in der deutschen
Bevölkerung, die es zu bekämpfen gilt, ist es unser Ziel, durch dauerhafte
Kontakte und Partnerschaften zumindest im Rahmen der Schulöffentlichkeit
aufklärerisch und emotional entspannend zu wirken.
Konkret sollte
während dieser ersten Studienfahrt in die Türkei erkundet werden, ob trotz
organisatorischer Probleme Studienfahrten und Informationsreisen in dieses
Land risikolos durchgeführt werden können, ob sich in der Türkei
Informationsmöglichkeiten und Gesprächskontakte in unserem Sinne herstellen
lassen, ob dauerhafte Kontakte zu unterschiedlichen Kreisen in der Türkei
hergestellt werden können, auf die bei späteren Reisen zurückgegriffen
werden kann, und ob schließlich eine konkrete Schulpartnerschaft, ggf. mit
Schüleraustauschangeboten, mit einer Schule in der Türkei eingeleitet werden
kann. Das Résumé vorweg: Alle Fragen konnten in hohem Maße und mehr als
erwartet positiv beantwortet werden.
3. Zu den Inhalten
einer Türkeifahrt
Die Beschäftigung
mit der Türkei ist in der derzeitigen Situation für deutsche Schüler in
mehrfacher Hinsicht wichtig und interessant. Ganz abgesehen von den
historischen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der
Türkei – die gleichwohl immer etwas einseitig blieben –, auf die
zurückzugreifen jedoch eine gute Grundlage für gegenseitiges Verständnis
schaffen könnte, sind heute einige Probleme aufgetaucht, die einen
gesellschaftlichen und politischen „Handlungsbedarf" wecken, der sicher
anders aussehen muß, als einige politische Kreise in der BRD es sich heute
vorstellen, und sicher anders, als es die primitive Behandlung des
„Ausländerthemas" in Teilen der Öffentlichkeit nahe legt.
Die große Anzahl
bei uns lebender Menschen türkischer Staatsangehörigkeit oder türkischer
Herkunft ist eine Folge zweier korrespondierender Probleme –
unkontrolliertes Wirtschaftswachstum in der BRD mit seinem temporären
Arbeitskräftebedarf auf der einen, die sozialen Probleme eines sogenannten
„Schwellenlandes" auf der anderen Seite –, die zusammen zu der für die
betroffenen Menschen überaus belastenden Arbeitsmigration führten. Diese
nach längerer Zeit in keinem der beiden Länder mehr voll integrierten,
entwurzelten Menschen sind die eigentlichen Opfer des ökonomischen
Fortschrittes. Ihre unverschuldeten Probleme sind eine humane, soziale und
politische Aufgabe und Verpflichtung für die Nutznießer jahrzehntelangen
Wirtschaftswachstumes, der sich die deutsche Gesellschaft nicht durch
Hinweis auf international verschlechterte wirtschaftliche Rahmenbedingungen
(und die Unfähigkeit der deutschen Politik, mit den sozialen Folgen der
Wirtschaftsentwicklung fertig zu werden) entledigen kann; auch die Türkei
ist von diesen Wirtschaftsproblemen, viel härter noch als die BRD,
betroffen, was sich im letzten Jahrzehnt mehrfach zu krisenhaften
politischen Entwicklungen verdichtete, die die Situation des Landes bis
heute problematisch erscheinen lassen.
Wir gehen davon
aus, daß diese tief verwurzelte Problematik nur durch Informationen und enge
Kontakte bewältigt werden kann und daß jede Ausgrenzungs- und
Abgrenzungspolitik nur zu Deformationen des Bewußtseins führt, deren
negative, oft aggressive Folgen letztlich auf uns selbst zurückfallen. Ziel
der Beschäftigung mit dem Thema „Türkei" ist es daher, tieferes Verständnis
für die türkischen Menschen, ihre historische und kulturelle Herkunft, ihre
Traditionen und Wertvorstellungen, ihre soziale und politische Einbindung in
den türkischen Staat und die türkische Gesellschaft bei den deutschen
Jugendlichen zu wecken, was auch den Prozeß der Selbstreflexion und der
Selbstfindung im Kontakt mit der sozialen Umwelt fördern soll.
Das wird durch
die aktuellen Bemühungen der türkischen Republik um Aufnahme in die EG noch
dringender, da damit der politische und kulturelle Kontakt zu diesem Land
enger und alltäglicher wird und Mißverständnisse und Vorurteile zu
politischem Sprengstoff werden können, die die friedenserhaltenden
Integrationsbemühungen der europäischen Bewegung, von ökonomischen und
politischen Rivalitäten ohnehin schon recht belastet, zunichte machen
könnten. Hier sich auf die völkerverbindenden Grundsätze der Vereinten
Nationen und der UNESCO zu beziehen, kann dem zunächst ökonomisch
motivierten europäischen Zusammenschluß die dringend benötigte politische
und kulturelle Dimension zurückgewinnen.
Die üblichen
Studienfahrten greifen in ihrer Konzeption zu kurz, um das anspruchsvolle
Arbeitsprogramm des Arbeitsschwerpunktes „Türkei" an der Bismarckschule
Hannover zu erfüllen; eine längerfristige Einbindung in vielfältige
Aktionen, Projekte und Unterrichtsveranstaltungen ist ebenso notwendig wie
die Perspektive eines dauerhaften Kontaktes zu Personen und Schulen in der
Türkei, der längerfristig eine echte Schulpartnerschaft entwächst.
Die Gründung der
„Türkei-Arbeitsgemeinschaft" an der Bismarckschule Hannover ist nur ein
erster Schritt in diese Richtung. Um den hohen Anspruch an dieses
integrative Arbeitsprojekt zu dokumentieren, wurde eine erste
Studienfahrtplanung für eine Reise in die Türkei im Herbst 1985 auch aus der
sonst üblichen organisatorischen Einbindung der Studienfahrten herausgelöst
und der Türkei-AG zugewiesen, die damit Koordinations- und
Organisationsaufgaben zwischen den inhaltlichen Beiträgen der verschiedenen
Fächer übernimmt: eine deutliche Verpflichtung zur ernsthaften und
kontinuierlichen Arbeit der Arbeitsgemeinschaft, die im Jahr 1986/87 als „Orient-AG"
(in der Vorbereitung einer Sommerreise in die Türkei und in den Nahen Osten)
weitergeführt und 1988/89 erneut als „Türkei-AG" wiederaufgenommen wurde,
jetzt mit zwei neuen aktuellen Vorhaben, und zwar der Vorbereitung eines
Besuches von Schülern der türkischen Partnerschule in Istanbul (Istanbul
Lisesi) in Hannover im Juni 1989 und der Vorbereitung einer weiteren
Türkeifahrt im Herbst des gleichen Jahres, die sich an den Konzeptionen und
Erfahrungen der Reise 1985 orientiert.
Die erste
geplante Studienfahrt, die von den Mitgliedern der Türkei-AG durchgeführt
wurde, hatte damit Pilotfunktion für die Schule, wobei vor allem die
möglichen Fortsetzungen und Vertiefungen der Kontakte und der
Informationsmöglichkeiten geprüft werden sollten. Schon die erste Konzeption
dieser Reise, wie sie von der Gesamtkonferenz und später von der
Bezirksregierung genehmigt worden ist, sieht einen Programmschwerpunkt im
Besuch der Partnerschule in Istanbul und in zusätzlichen Informationen über
das Bildungswesen in der Türkei, u.a. durch einen Besuch im Ministerium für
Nationale Erziehung in Ankara.
Durch Gespräche
mit Schülern und Jugendlichen, nicht nur aus unserer Partnerschule, sollte
ein Eindruck von der sozialen und ökonomischen Situation des Landes und den
dadurch geformten Lebensbedingungen der türkischen Jugendlichen vermittelt
werden. Daß bei diesem notwendigerweise auf zentrale Themenbereiche
konzentrierten Programm auch der Kontakt mit der reichen Kultur und
Geschichte der Türkei nicht fehlen darf, versteht sich, nach den
einleitenden Ausführungen, von selbst.
Dies kann und
darf aber nicht zum touristischen Selbstzweck werden, sondern soll die Basis
zum Verständnis der heutigen Situation des Landes sein. Um beide
inhaltlichen Aspekte gleichermaßen intensiv bearbeiten zu können, wurde die
Reise in mehrere Abschnitte unterteilt, die jeweils ein eigenes inhaltliches
Profil gewannen. Istanbul vermittelte zunächst den grundlegenden ersten
Eindruck der Vielfältigkeit der türkischen Lebensverhältnisse und ihrer
tiefen historischen Verankerung, geleitet durch die unmittelbaren Eindrücke
des Besuchs in der Istanbul Lisesi.
Ankara führte,
auch durch das Gespräch im Ministerium, in die Aktualität des türkischen
Staatswesens ein; der Schatten des Republikgründers Atatürk wird hier
besonders mächtig. Konya ist demgegenüber eine Art Gegenpol: islamische
Tradition und Kultur werden als auch heute wirksame Werte und
bewundernswerte Kulturleistungen erkennbar. Der letzte Teil der Reise
entsprach dann eher üblichen Türkeirundreisen – jetzt aber auf einer
gefestigten Informationsbasis –, indem bemerkenswerte Landschaften –
Kappadokien, Pamukkale, Ägäisküste – und weltberühmte historische Stätten,
die durchaus auch für sich genommen eine Studienreise wert sind – Pergamon,
Troja –, in den Vordergrund rückten. Als stärker erlebnisbetonte Phase,
gleichzeitig mit deutlich erholsamerem Ablauf, rundete dieser letzte Teil
die Türkeireise zu einem harmonischen Ganzen, das den Schülern wichtige und
wertvolle Eindrücke und Einsichten vermitteln konnte.
In späteren
Reisen könnten über den Eindruck der räumlichen Disparitäten dieses großen
Landes hinaus eventuell auch stärker die Probleme der ländlichen Räume der
Problemgebiete Ostanatoliens in den Planungsmittelpunkt treten. Doch bei der
zweiten Türkeireise wird zunächst das bewährte Grundprogramm wiederholt mit
einige Verbesserungen und Abrundungen, die Ergebnis der Erfahrungen der
ersten Reise sind.
4. Organisatorische
Erfahrungen und Tips
Türkeireisen
werden von Schulen heute schon häufiger organisiert. Die Aktualität dieses
Themas und Reiseziels wird erfreulich oft erkannt und richtig eingeschätzt.
Besonders interessant sind dann natürlich Veranstaltungen von Schulen mit
hohem Anteil türkischer Schüler, die im Rahmen einer solchen Studienfahrt
den deutschen Mitschülern ihre Heimat vorstellen können. Aber auch für
Schulen des weiterführenden Schulwesens, auch für Gymnasien, in denen der
Ausländeranteil relativ gering ist, bietet der Kontakt mit der Türkei, wenn
er entsprechend sorgfältig vorbereitet und inhaltlich aufgefangen wird,
wichtige Lernanstöße; ist doch die sogenannte „Ausländerproblematik", die
oft explizit Türkenfeindlichkeit hervorruft, ein gesamtgesellschaftliches
Phänomen, das weitgehend unabhängig von der tatsächlichen Kontakthäufigkeit
zwischen den Nationalitätengruppen ist. Dies Thema muß an anderer Stelle
intensiver und umfassender ausgeführt und verbreitert werden; die
gesellschaftswissenschaftlichen Grundeinsichten, die bei der Konzeption
unserer Türkei-Kontakte eine Rolle gespielt haben, müssen hier vorausgesetzt
werden. Dies gilt auch für die vielfältigen kritischen Ansätze über
Rezeptionsweisen bei Fernreisen, die das Thema Auslandsstudienfahrten doch
noch schwieriger und differenzierter erscheinen lassen, als es der auf die
Individualpädagogik verengte Lehrerblick gerne wahrhaben will. Nur so viel:
Reisen allein beseitigt noch keine Vorurteile, bekräftigt sie sogar oft.
Eine sinnvolle Studienreise bedarf der intensiven pädagogischen und
sachinformativen Einbettung, Vorbereitung und Auswertung!
Einige scheinbar
recht banale Anmerkungen über das Alltagsverhalten in der Türkei können den
Schülern schon eine wertvolle Hilfe sein, sich innerlich auf den
Türkei-Besuch einzustimmen. Einige solche Bemerkungen, die im konkreten
Falle der Studienfahrtvorbereitung der Bismarckschule Hannover mit den
Schülern intensiv diskutiert wurden, sollen hier kurz aufgeführt werden:
Grundsätzlich ist zu sagen, daß die Türkei sich, zunehmend stärker, den uns
bekannten „westlichen" Verhaltens- und Umgangsformen anpaßt, so daß eine
Reise kaum problematisch ist; das wird unterstützt durch die immer
häufigeren Kontakte mit Touristen, auch uninformierten Reisenden aus
Mitteleuropa, überall in der Türkei. Doch gibt es doch noch einige
Besonderheiten, auf die aufmerksam gemacht werden soll, wenn wir nicht als
Touristen, sondern als Gäste begrüßt werden wollen.
Wichtig ist vor
allem die formbetonte Höflichkeit des zwischenmenschlichen Umgangs, die
Höflichkeitsfloskeln, Zurückhaltung, Verzicht auf drängende Eile und
Nötigung und Respekt mit einschließt. Mit Höflichkeit können auch unbekannte
Situationen gemeistert werden. Zwiespältig sind die Verkehrsformen im
Handel. Während bei Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs
Handeln um den Preis unüblich, bei geringwertigen Gegenständen ungehörig
ist, sollte mit steigendem Wert der angebotenen Ware zunehmend intensiver
auch über den Preis verhandelt werden. Feilschen um des Feilschens willen
ist jedoch nicht angebracht; es ist auch nicht angebracht, um minimale
Preisdifferenzen übermäßig lange zu verhandeln. Preisverhandlungen dienen
der gegenseitigen Information über die derzeitigen Marktbedingungen, der
Information über die Ware und der Vertrauensbildung zwischen Käufer und
Verkäufer. Wer gar nicht ernsthaft kaufen will, sollte mit dem Handeln erst
gar nicht anfangen, um nicht in ernsthaften moralischen Kaufzwang zu
geraten.
Zur Höflichkeit
gehört auch das Respektieren bestimmter Kleidungsgewohnheiten. Dabei sind in
der Türkei zwischen Stadt und Land heute auffallende Unterschiede zu
beobachten. Die etwas besser situierten Kreise der Großstadt kleiden sich
modisch und elegant, z.T. auffällig vornehm. Die traditionelle Kleidung ist
schlicht, verhüllend und Körperformen eher kaschierend. Für den Besucher
ergeben sich so nur einige Grundregeln: den „üblichen Grad" der
Körperbedeckung auch bei Hitze einhalten (nicht in Badehose etc. durch die
Straßen laufen!), in ländlichen Gebieten besser auch Oberarme und
Oberschenkel bedeckt halten (keine Bermudashorts oder Miniröcke). Verstärkt
gilt das beim Besuch von Dienststellen, Behörden, Ministerien, Schulen etc.
und ohne Ausnahme natürlich bei der Besichtigung von Moscheen, bei denen
Frauen Kopfbedeckung tragen sollten. In Privatwohnungen zieht man übrigens
seine Straßenschuhe aus.
Der Umgang
zwischen Mann und Frau ist in der Öffentlichkeit traditioneller und
distanzierter als bei uns. „Knutschereien" in der Öffentlichkeit sind z.B.
strikt verpönt. Es ist in der Türkei oft noch unüblich, daß Frauen allein
ausgehen oder in Restaurants gehen. Das kann u.U. zu Mißverständnissen
unangenehmer Art oder zu Gefährdungen führen, so daß wir empfehlen, zum
einen grundsätzlich auch in der Freizeit nur in Gruppen unterwegs zu sein
und zweitens „gemischte" Gruppen zu bilden. Die Reiseteilnehmer sollten
gegenseitig aufeinander achten und gegenseitiges Verantwortungsgefühl
zeigen: dann sind ernsthafte Risiken nicht zu erwarten. Man spricht übrigens
auf der Straße Personen des jeweils anderen Geschlechts nicht an.
Abschließend noch
ein paar praktische Hinweise, wie wir mit Erfolg unsere Studienreisen
organisiert haben: Zunächst haben wir ein Reisebüro nur für eine Flugbuchung
nach Istanbul und zurück in Anspruch genommen. Unsere Programm- und
Routenwünsche sind ohne Schwierigkeiten und wesentlich billiger selbst zu
organisieren, wenn kein allzu großer Wert auf Unterbringungskomfort gelegt
wird und die Bereitschaft besteht, im Lande selbst zu improvisieren und
Programmänderungen zu akzeptieren. Mir scheint das eine für die Türkei
angemessene, landesnahe Form des Reisens zu sein. Wege im Lande selbst sind
ohne Probleme mit den Linienbussen zurückzulegen.
Am „Otogar" jeder
Großstadt ist das Gruppenticket einen Tag vor der Weiterreise zu sehr
günstigen Preisen zu erhalten (z.B. Istanbul-Ankara pro Person ca. 12.-- DM
umgerechnet). Ausflüge können auch mit Mietbussen (Kleinbusse der „Dolmuw-"
d.h. Sammeltaxen-Betriebe) unternommen werden. Für eine Tagestour mit zwei
Kleinbussen ist etwa mit Kosten von insgesamt 300.-- DM zu rechnen.
Hilfreich ist es,
wenn man sich von Ort zu Ort durch persönliche Empfehlungen weiterleiten
läßt; das hilft über viele Unsicherheiten und Mißverständnisse hinweg. So
können auch Hotelbuchungen an Ort und Stelle durch Bekannte vorgenommen
werden. Für uns ist das besonders leicht, da wir zunächst unsere
Partnerschule in Istanbul besuchen, wo wir jetzt schon viele Bekannte und
Freunde antreffen werden. Sehr hilfreich ist es – und bei offiziellen
Schulkontakten ebenso wie bei Informationswünschen an Ministerien und
Dienststellen in der Türkei rechtlich sogar notwendig –, rechtzeitig etwa
ein halbes Jahr vor Reiseantritt Kontakt beim Erziehungsattaché des
zuständigen türkischen Generalkonsulats zu suchen und mit ihm die
Reiseplanung durchzusprechen. Er veranlaßt dann die notwendigen
Genehmigungen in der Türkei und gibt der Gruppe ein offizielles
Empfehlungsschreiben mit, das bei allen Behördenkontakten in der Türkei, bis
hin beim Besuch von Museen und Gedenkstätten, sehr hilfreich ist.
Schulstudienfahrten müssen, das sei hier nur am Rande erwähnt, natürlich
auch von den deutschen Dienststellen (in Niedersachsen bei der zuständigen
Bezirksregierung) genehmigt werden, was bei den recht teuren Türkeireisen
einen sehr eingehenden Begründungsaufwand verlangt. Hier ist der Status
einer UNESCO-Schule sehr hilfreich. Wer eine solche Reise zum ersten Male
beantragt, sollte sich bei Schulen mit Türkei-Erfahrungen näher über das
Procedere und über die inhaltlichen Begründungen informieren. Auch die
Ausführungen zu den Gründen der Türkei-Kontakte im vorliegenden Text können
dabei hilfreich sein.
Die Kosten sind
zwar absolut gesehen relativ hoch, im Verhältnis zu den Leistungen jedoch
sehr günstig. Flugreisen nach Istanbul werden von Hannover aus derzeit bei
türkischen Reisebüros wie z.B. Öger-Tours oder Türk-Tur für ca. 450.- bis
550.- DM angeboten. Für den Aufenthalt im Lande einschließlich Busfahrten,
(einheimischer) Verpflegung und Programmkosten sind dann noch einmal bei
einer Gesamtreisedauer von zwei Wochen ca. 500.- bis 600.- DM
hinzuzurechnen. Wer natürlich Sonderwünsche in Bezug auf Unterkunft und
Verpflegung hat und z.B. Kebab und Brot als Grundnahrungsmittel nicht
akzeptieren will, muß sehr schnell erheblich mehr ausgeben. Ein
ausreichender Versicherungsschutz – Reiseausfallversicherung für die
Flugbuchung, Kranken- und Unfallversicherung [besonders wichtig, seitdem die
gesetzlichen Krankenversicherungen für Krankenkosten in der Türkei i.d.R.
nicht mehr zahlen], für Begleitpersonen auch Haftpflichtversicherung –
sollte in jedem Falle gewährleistet sein.
5. Résumé
Die
Türkeikontakte sind für die Bismarckschule Hannover und den UNESCO-Club für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., zu einem
zentralen Arbeitsbereich geworden, in dem sehr interessante und für den
Bildungsauftrag einer UNESCO-Schule wichtige Ergebnisse erzielt werden
konnten. Der persönliche Kontakt mit diesem vielfältigen wie zwiespältigen
Land zwischen Europa und Asien am Schnittpunkt der Kulturen ist nicht nur
für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die begleitenden Lehrer
faszinierend und fruchtbar. Durch die Einbindung in die vielfältige
UNESCO-Schularbeit, durch die Bereitschaft zur inhaltlichen Reflexion und
durch den möglichen Vergleich mit anderen Partnerländern und -schulen in
Polen, in Finnland und den USA wird eine sinnvolle Beobachtungsdistanz
geschaffen, die auch kritische Distanz zur eigenen Kultur ermöglicht und
damit Änderungen denkbar werden läßt.
Hier endet aber
die Möglichkeit einer Überprüfung der Ergebnisse durch die Beschränkungen
der innerschulischen Organisationsformen. Es wäre sinnvoll und
wünschenswert, wenn sich hier ein Kontakt zur wissenschaftlichen Begleitung
durch die Hochschule, durch Pädagogik, Politikdidaktik und Sozialpsychologie
herstellen ließe, um aufbauend auf die jetzt schon sehr fundierten
praktischen Erfahrungen und ersten Reflexionsansätze zu verallgemeinerbaren
Ergebnissen zu kommen, die der UNESCO-Arbeit im Bereich der internationalen
Schulpartnerschaften und Begegnungen neue Impulse vermitteln könnten.
6. Zur
Textgestalt und den verwendeten Quellen:
Der vorliegende
Text ist eine erweiterte Fassung eines Vortrages für die
„Pädagogische Woche `89" der Universität Oldenburg, Zentrum für pädagogische
Berufspraxis (ZpB), am Mittwoch, 4. Oktober 1989. Veröffentlicht in der
Reihe "Oldenburger Vor-Drucke" des Zentrums für pädagogische Berufspraxis (ZpB).
Die drei
Textteile sollen in überarbeiteten Fassungen weiter verwendet werden, und
zwar:
-
in einer
Informationsschrift über die UNESCO-Schul-Arbeit der Bismarckschule
Hannover und, gekürzt, als Einleitung zum Bericht über das Symposium
„Ausländerpädagogik" (Bismarckschule Hannover, März 1988) [UNESCO-Club und
Verband der Politiklehrer, Ende 1990],
-
in einem
Heft über Polenreisen und Polen-Schulpartnerschaften als Ergebnis eines
Symposiums über Polenkontakte hannoverscher Schulen im Rahmen der
Deutsch-Polnischen Woche `89 zum zehnjährigen Bestehen der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. im Mai 1989 [UNESCO-Club und
Deutsch-Polnische Gesellschaft, Mitte 1990] und
-
als
Einleitung zum vorgesehenen Reisebericht über die Türkeireise der
Bismarckschule Hannover im Herbst 1989 [TÜRKEI-AG des UNESCO-Clubs, Febr.
1990].
Verwendete Texte
im einzelnen:
Der Text im
Abschnitt I (UNESCO-Arbeit) verarbeitet teilweise Materialien und
Textauszüge, die schon vorher in der UNESCO-Arbeit der Bismarckschule
Hannover verwendet und publiziert worden sind. Die wichtigsten Quellen
werden in den Fußnoten nachgewiesen. Es handelt sich um folgende
Vorveröffentlichungen:
J. Dallwig,
Internes aus dem Club; UNESCO-Club Rundbrief I/89, S. 1 f.
E. Kalthoff,
Patenschaften. In: UNESCO-Club Rundbrief II/88 und I/89
H.-W. Risson,
Arbeitsberichte aus dem Modellschulprogramm der UNESCO, Bonn, 1982
G. Voigt,
Arbeitsschwerpunkt Ausländerpädagogik; Politik Unterricht Aktuell, Juni
1989, Verband der Politiklehrer. S. 9
G. Voigt,
Chancen interkultureller Erziehung? Politik Unterricht Aktuell, Juli 1988,
Verband der Politiklehrer. S. 6
G. Voigt:
Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V. Hannover 1989
G. Voigt,
Motivation und affektive Lernhindernisse zum Thema „Dritte Welt" und ihre
Bedeutung für das geographische Curriculum. Vortrag im Rahmen einer Tagung
des Verbandes Deutscher Schulgeographen in Berlin, Nov. 1982 (Skript)
Der Abschnitt II.
(Polen, von Lothar Nettelmann) stützt sich auf mehrere kürzere Berichte über
die Polenkontakte der Bismarckschule Hannover, ist sonst aber für ein
Colloquium über Polen-Kontakte hannoverscher Schulen im Mai 1989 [DPG und
Bismarckschule Hannover] und für die vorliegende Publikation verfaßt worden.
Verwendet wurde
neben den schon genannten Quellen:
Lothar
Nettelmann und Eva Helms: Schüleraustausch Poznań -Hannover. In: Arnoldsheimer Texte, Band 23, „Dialog mit Polen". Frankfurt 1984
Der Abschnitt
III. (Türkei) stützt sich in überarbeiteter Form auf:
UNESCO-Club für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e. V.: Türkei `85.
Hg. von G. Voigt. Hannover 1985.
Gerhard Voigt:
Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Hannover 1989.
Das
Literaturverzeichnis ist leicht gekürzt übernommen worden aus:
[Interkulturelle Erziehung] aus: Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch?
Erlebnisse im Nahen Osten. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. Hannover 1989
[Ausländerpädagogik] aus: G. Voigt, Chancen interkultureller Erziehung?
Politik Unterricht Aktuell, Juli 1988, Verband der Politiklehrer. S. 6
[Dritte-Welt-Didaktik] aus: G. Voigt, Motivation und affektive
Lernhindernisse zum Thema „Dritte Welt" und ihre Bedeutung für das
geographische Curriculum. Vortrag im Rahmen einer Tagung des Verbandes
Deutscher Schulgeographen in Berlin, Nov. 1982 (Skript)
[Türkei] aus:
Gerhard Voigt, Tradition oder Umbruch? a.a.O.
Gerhard Voigt:
Krise an der Peripherie Europas?
Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei
Das Thema Türkei
kann historisch-gesellschaftswissenschaftlich aus drei verschiedenen
Frageperspektiven bearbeitet werden:
-
unter der
Fragestellung nach den Besonderheiten der der türkischen Sozial-
und Staatsgeschichte, die die heutige problematische und konfliktbeladene
Situation erhellen und verständlich machen kann;
-
unter der
Fragestellung der Türkei im Weltsystem und den daraus abzuleitenden
Kategorisierungen und Verallgemeinerungen;
-
unter der
Fragestellung nach dem Stellenwert des Themas ›Türkei‹ in den allgemeinen
gesellschaftlich-politischen oder auch wissenschaftlichen Diskursen,
die unabhängig von der Sonderheit Türkei geführt werden.
Sich mit der
Türkei differenzierend und erklärend zu beschäftigen, mutet eine Reflexion
des Erklärungsinteresses zu, wenn es von der Sicht eines Landes außerhalb
der Türkei selbst erfolgt.
Abgesehen von den
subjektiven Motivationen, die im Kontext dieser Überlegungen wenig
Aufschlußreiches beitragen, verweist gerade diese Fragestellung auf den
inneren systemischen Kontext der aufgezeigten Frageperspektiven.
Diese
Interdependenzen lassen zwar eine analytische Trennung, aber keine
grundsätzliche Separation der Frageperspektiven zu. Das wird sofort
verständlich, wenn bei einer politikwissenschaftlichen Fragestellung nach
den europapolitischen und ökonomischen Integrationsproblemen der Türkei eine
Antwort ohne Kenntnis der türkischen Sonderheit zu grundsätzlichen
Fehleinschätzungen der Handlungsspielräume und der mobilisierbaren
gesellschaftlichen und politischen Potentiale in der Türkei führt.
Andererseits ist
der Rekurs auf das Beispiel Türkei in den aktuellen Diskursen z.B. über
Menschenrechts- und Minderheitsfragen oder über das ›Modethema‹
islamischer Fundamentalismus in seinen gesellschaftliche-politischen
Auswirkungen verhängnisvoll und stereotypverstärkend, wenn nicht der Kontext
im Weltsystem ebenso hinterfragt wird wie die historisch-gesellschaftliche
Problem- und Konfliktgenese.
Wesentliche
Verklammerungen der Analyseebenen wie der Frageansätze ergeben sich gerade
aus der unmittelbar erlebbaren – und damit emotionalisierbaren – Aktualität
der mit der Türkei zusammenhängenden Fragestellungen durch die öffentlichen
Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland über Migrationsfolgen und die
innergesellschaftliche Fremdenfeindlichkeit. Orte dieses Diskurses finden
sich mit typischen Modifikationen und unterschiedlicher affektiver Besetzung
in allen Lebensbereichen, von der öffentlichen Kommunikation, den
gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Ämter, Kirchen, am Arbeitsplatz
wie im semiöffentlichen Bereich der Freizeitorganisation.
Dies in seinem
Zusammenspiel zu erörtern, ist hier nicht der Ort; wesentliche Arbeiten
könnten sowohl aus der politologischen wie der soziologischen Literatur
angeführt werden (Luhmann, Beck, Wouters, Engler u.a.). Vieles von diesen
allgemeinen gesellschaftswissenschaftlichen Ansätzen, die für die eigene
Türkei-Rezeption relevant sind, wird auch bei der
historisch-gesellschaftlichen Analyse der Türkei selbst aufzugreifen zu
sein.
Thesen
zur Problematik der heutigen Staatsgesellschaft in der Türkei
So sollte der
Beginn unserer Überlegungen zur Türkei mit einigen Thesen zur
Charakterisierung der Türkei als Besonderheit im
historisch-gesellschaftlichen Rahmen fundiert werden, die anschließend noch
genauer erläutert werden sollen:
-
Gegenüber
Mitteleuropa findet in der Türkei eine verspätete und defizitäre
Herausbildung einer Staatsgesellschaft statt unter direkter Übernahme
westeuropäischer Modelle und unter politisch-ökonomischem Einfluß der
europäischen Mächte.
-
Dabei tritt
die Türkei seit dem 17. Jahrhundert – dem Ende der osmanischen
Expansionsphase – in ein zunehmendes Dependenzverhältnis zu den
westeuropäischen Hegemonialmächten ein, das sich in Peripheralisierungsprozessen ausdrückt.
-
Die Türkei
bildet seit dem 18. Jahrhundert die charakteristischen
politisch-ökonomischen Strukturen eines semiperipheren Landes aus.
-
Im Kontext
der Peripheralisierung findet eine bis heute andauernde politisch-soziale
und ökonomisch-regionale Desintegration statt, die in den inneren
Peripherien Marginalisierungsprozesse hervorruft, die heute Grundlage z.B.
des Südostanatolienkonfliktes sind.
-
Die
Unbedingtheit der nationalstaatlichen Homogenisierungspolitik in der
Türkischen Republik als Teil des „nation building" steht im ursächlichen
und interdependenten Zusammenhang mit der mangelhaften sozialen und
regionalen Integration und den damit verbundenen Legitimationsdefiziten.
-
Labile
soziale Machtbalancen in der heutigen Türkei unterlaufen und retardieren
vom Staat oder von den westlich orientierten ökonomisch-technischen Eliten
(z.B. die Intelligenzia) intendierte Modernisierungsschübe, denen
unkontrollierte kulturelle und soziale Desintegrationspotentiale
innewohnen.
Schon diese
wenigen Charakterisierungen zeigen, wie überaus schwierig und labil die
derzeitige Entwicklungssituation in der Türkei ist, wie stark sie einerseits
in die zentral-peripheren Dependenzen Europas und des „Weltsystems"
eingebunden ist, andererseits aber selbst in ursächlicher Dependenz mit
dieser Einbindung in überregionale Strukturen und Disparitäten durch die
Binnenperipheralisierung weder einer einheitlichen Entwicklungsprognose
zugeordnet werden kann noch als homogene Entität zu charakterisieren und zu
kategorisieren ist: Widersprüchlichkeit und Offenheit der prozessualen
Tendenzen sich die dominanten Merkmale einer wissenschaftlichen Beschreibung
der Türkei.
Der Verlust der
Grundlagen des Imperiums im 16./17. Jahrhundert
Die erste
Reformphase im Osmanisches Reich im 19. Jahrhundert ist mit dem Namen von
Sultan Mahmud II. (‚der Reformer‘, 1808-1839, gest. 1840) verbunden.
Wie konnte oder mußte es aber zu dieser Phase erster Reformen ‚von Oben‘
kommen? Historische Überlegungen sollen hier nach den Gründen fragen, vor
allem die Veränderungen der innergesellschaftlichen Machtbalancen im Kontext
der Peripheralisierungsprozesse im neuzeitlichen Europa nachzeichnen und
damit deutlich machen, warum die Türkei gegenüber West- und
Mitteleuropa deutlich abweichende Modernisierungsschübe erlebte, die dazu in
völlig anderer Form sozial verortet waren und zu einer nur partiellen
gesellschaftlichen Homogenisierung und zu einer unvollständigen
Herausbildung einer Staatsgesellschaft führten.
Das Sultanat war
vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in eine tiefe Macht- und Legitimationskrise
geraten. Nach dem Höhepunkt von Macht und höfischer Kultur zum Zeitpunkt der
größten Ausdehnung des Osmanischen Reiches unter der Regierung von Sultan
Süleyman I. (‚der Prächtige‘, 1520-1566) türkisch zutreffender
bezeichnet als: Kanunî (‚der Gesetzgeber‘), sind deutliche
Verschiebungen der Macht in der höfischen Hierarchie zu beobachten, die mit
Richard Peters in seiner schon ›klassischen‹ Geschichte der Türken zu
charakterisieren und zu periodizieren sind in drei aufeinanderfolgende
Ausprägungen, die jeweils auf Kosten der ursprünglichen personalen Macht des
Sultans gingen: 1595-1687, Haremswirtschaft, Dominanz von Sultaninnen und
Sultansmüttern; 1687-1757, Regierungsmach bei Großweziren der Familie der
Köprülü; 1754-1808, wechselnde Machtursupation durch Eunuchen und
Janitscharen.
Wie ist zu dieser
Machtverschiebung im Sultanat gekommen? Der äußere Anlaß der Krise ist
offensichtlich und wurde schon angedeutet: Die territoriale Expansion des
Osmanischen Reiches war an ihre äußersten Grenzen gestoßen, die Armee
verfing sich in kostenaufwendigen, wenig ›ertragreichen‹
Grenzsicherungskämpfen, die kaum zu für den Erhalt des Hofes so notwendiger
›Beute‹ führten, kurzum: der Krieg ernährte sich nicht mehr selbst.
Doch soll hier
keine umfassende welthistorische Analyse durchgeführt werden, sondern nur im
Anriß einiger interessanter Fragen das Problem des Wandels der Machtbalancen
im Osmanischen Reich, die letztlich zu den Tanzimat-Reformen Mitte
des 19. Jahrhunderts führten, verdeutlicht werden. Auch Kürwat-Ahlers betont
die genannten Machtverschiebung und sieht in ihr auch eine der Wurzeln einer
späteren sozialen Spaltung und Segmentierung der Oberschicht, indem die
traditionellen vor allem niederen ulema vom gesellschaftlichen
Einfluß bei Hofe zunehmend ausgeschlossen werden zugunsten der weltlichen
Regierungsbeamten, und dadurch ein virulentes antimodernistisches
Potential bilden. Mit diesem Ansatz öffnet sich eine andere, soziologische
Darstellungsperspektive, die noch weiter verfolgt werden sollte.
Ein noch wenig
beachteter Fragenkreis in den Untersuchungen zur türkischen Geschichte, der
jedoch Aufschluß über die konkrete Umsetzung der äußeren Machtveränderungen
in die inneren Machtbalancen der osmanisch-höfischen Gesellschaft geben
könnte, liegt in einer genaueren und konkreten Betrachtung der
Zivilisationsprozesse und -entwicklungsphasen, die vom Hof ausgehend in
ihrer gesellschaftlichen Normierungskraft sowie in Hinblick auf die Wege und
Reichweite dieses ‚Absinkens‘ durch die sozialen Schichten und regionalen
Subsysteme des Reiches darzustellen wären: eine faszinierende Aufgabe für
die Gesellschaftswissenschaften und vor allem für die
historisch-vergleichende Soziologie.
Mit Elçin
Kürwat-Ahlers sind für die Expansionsphase des Osmanischen Reiches die
kulturellen und zivilisatorischen Kontexte zu den früheren Staatenbildungen
nomadischer Turkvölker in Mittelasien aufzuzeigen. Sicher gehören typische
Elemente der frühosmanischen Kultur in diesen Zusammenhang: so die
ökonomische Fundamentierung auf Beutekriegen, der notwendige Drang nach
territorialer Expansion, die territoriale Mobilität – noch Sultan Bayazid
I. Yxldxrxm (‚der Blitz‘, 1389-1402) trägt seinen ehrenden Beinamen
wegen seiner Fähigkeit, mit seinem Heer »wie ein Blitz« auf den
verschiedenen Schlachtfeldern an weit entfernten Grenzen seines damals schon
großen Reiches zu erscheinen – ebenso wie die ungezügelte Kriegslust und der
Siegestriumph. Das prägte den Lebensstil und das Selbstverständnis der
militärischen Oberschicht, die gleichermaßen im Kriege asketisch und
selbstaufopfernd dem Tapferkeitsideal folgte, um dann den Frieden als
verdienten Genuß des Sieges wahrzunehmen, allen materiellen Reichtum und
Luxus um sich versammelnd. Die Parallele zu den Ausführungen von Norbert
Elias zu den Wandlungen der Angriffslust in der höfischen Oberschicht des
Abendlandes und seiner Darstellung des Weltbildes eines Ritters im
europäischen Mittelalter, werden nur zu deutlich:
„Als
Ausnahmeerscheinung, als ‚krankhafte‘ Entartung, mögen solche
Affektentladungen auch noch in späteren Phasen der gesellschaftlichen
Entwicklung auftreten. Aber hier gab es keine strafende, gesellschaftliche
Gewalt. Die einzige Bedrohung, die einzige Gefahr, die Angst machen
konnte, war die, im Kampf von einem Stärkeren überwältigt zu werden.
Abgesehen von einer kleinen Elite, gehörte, wie Luchaire, der Historiker
der französischen Gesellschaft des 13. Jahrhunderts feststellt, Rauben,
Plündern, Morden durchaus zum Standard der Kriegergesellschaft dieser
Zeit, und es spricht kaum etwas dafür, daß sieh das in anderen Ländern
oder in den folgenden Jahrhunderten anders damit verhielt. Die
Grausamkeitsentladung schloß nicht vom gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie
war nicht gesellschaftlich verfemt. Die Freude am Quälen und Töten anderer
war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Bis zu einem
gewissen Grade drängte sogar der gesellschaftliche Aufbau in diese
Richtung und machte es notwendig, ließ es als zweckmäßig erscheinen, sich
so zu verhalten. ...
Der Sieger von
heute war morgen durch irgendeinen Zufall besiegt, gefangen und aufs
äußerste gefährdet. Inmitten dieses fortwährenden Auf und Ab, dieses
Wechsels zwischen Menschenjagden, nämlich Kriegszeiten, und Tierjagden
oder Turnieren, den Vergnügungen der ‚Friedenszeit‘, war wenig
vorausberechenbar, die Zukunft fast immer, selbst für die aus der ‚Welt‘
Entflohenen, relativ ungewiß, Gott und die Treue von ein paar Menschen,
die zusammenhielten, das einzig feste. Überall war Furcht; der Augenblick
galt dreifach. Und unvermittelt also, wie die wirklichen Schicksale,
schlug Lust in Angst um und die Angst löste sich oft ebenso unvermittelt
in der Hingabe an eine neue Lust."
Doch wird eine
detaillierte Untersuchung auch die Stilunterschiede herausarbeiten müssen:
die durchaus unterschiedlich erlebte religiöse Bindung; die im Sultanat
deutlich wirksamere Gottesreichsidee mit ihrer gesellschaftlichen
Geborgenheit und einem Weltbild des Gerechtfertigtseins und der
‚Überlegenheit‘ – Elementen, jeder das christliche Abendland phasenweise
durchaus kannte, die aber von der Tradition der Kriegergesellschaften und
den ‚pessimistischen‘ Elementen der christlichen Buß- und Reue-Vorstellungen
und der prinzipielle theologischen Trennung von ‚weltlicher‘ und
‚geistlicher Macht‘ überlagert waren – sowie schließlich die größere
kulturelle Weltläufigkeit und Integrationsfähigkeit, die ein
Erbe der arabisch-islamischen Hochkultur ist und durch die Lehre von der
umma muhamadja in allen islamischen Regionen eine hohe Prägekraft
besitzt.
So bildete sich
eine typische höfische und imperiale Kultur des Sultanats erst in Bursa und
dann in Istanbul heraus, die fest in der sozialen Hierarchie des Militärs
verwurzelt war und weitgehend von Krieg und Eroberungen lebte. Die folgende
zivilisatorische Bruchlinie ist schon aufgezeigt worden: Die vergeblichen
Versuchen einer Expansion über die ungarische Tiefebene hinaus markierten
den Zeitpunkt der größten territorialen Ausdehnung des Reiches, die jedoch
nicht mit einer politischen und militärischen Satuierung verbunden war. Die
Versorgung der höfischen Zentren mit Nahrung, Luxusgütern und Menschen, d.h.
vor allem: Soldaten, mußten nun – da Eroberungen ausblieben – aus den
eigenen Provinzen heraus erfolgen; die drückende Abgabenlast führte zu
phasenweisen Veränderungen der Herrschaftsstruktur und -durchsetzung in den
randlichen Bereichen, deren Folgen noch zu erörtern sein werden.
Am Hofe selbst,
militärischer Erfolge zunehmend entwöhnt, verschob sich das Verhaltensideal
zunehmend auf die zivilen Elemente des zivilisatorischen Codex, auf
staatliche Herrschafts- und Machtausübung und materielle Privilegierung –
und das bei knapper werdenden materiellen Ressourcen. Zum einen ist das
sicherlich im Sinne einer höfischen Zivilisationsentwicklung ein
Modernisierungsschub, der aber zunächst noch erkauft wurde mit einem
persönlichen Machtverlust des Sultans bei Hofe, der aus seinem partiellen
Funktionsverlust herrührte, bei dem das Zurücktreten der militärischen
Aufgaben und der Machtressource als Kriegsführer und Sieger, der damit die
Verteilung der Beute kontrollieren und die militärische Oberschicht in
materieller Abhängigkeit halten konnte, als persönliche Schwäche
wahrgenommen werden konnte. Mit dem Ausbleiben der Kriegsgewinne mußte sich
der Sultan zwangsläufig immer weiter einbinden lassen in ein soziales
Geflecht ökonomischer Abhängigkeiten und sozialer Loyalitäten als Grundlage
des Machterhalts, d.h. in feudale ‚do ut des‘ – Beziehungen.
Letztlich
erfolgte erst jetzt, im mitteleuropäischen Sprachgebrauch, die
Feudalisierung des bisherigen Expansions- und Beuteimperiums, in einer
Zeit, als in Mittel- und Westeuropa weitere Modernisierungsschübe
grundlegende sozio-ökonomische Umwandlungen einleiteten und das »Weltsystem«
grundlegend änderten – was bald zu einer bedrohlichen äußeren
Rahmenbedingung für die weitere Entwicklung des Osmanischen Reiches
wurde.
Staatskrise und soziale Desintegration
„Das Osmanische Reich war
insgesamt ein militär-bürokratisch organisierter Feudalstaat. Einziger
Feudalherr war der Staat; ihm gehörte formal der Boden, mit dem er die
Sipahi (Ritter), auf die sich das osmanische Heer anfänglich stützte,
belehnte. Als Gegenleistung hatten die Sipahi Lehnstruppen für die
kriegerischen Unternehmungen des Reiches zu stellen. Mit der Zeit
verselbständigten sich die Sipahi."
Bassam Tibi
charakterisiert hier aus der Sicht der Militärhierarchie die Veränderung der
Machtbalance, die Thema der Untersuchung der Krise des Osmanischen Reiches
sein wird. Er charakterisiert die ökonomische Fundierung des Osmanischen
Militärs mit einem Zitat von Kurt Steinhaus: „Die türkischen Oberschichten –
die Spitzen des Militärs, der militarisierten Bürokratie und der Ulema –
reproduzierten sich größtenteils über den Bezug von Grundrenten und damit
letzten Endes über gewaltsame Landnahme... Der Krieg nährt den Krieg – auf
keinen Staat trifft dieses Wort so zu wie auf den des Sultan-Kalifen. Und
nicht nur das: hier nährte der Krieg sogar das politisch-soziale
Gesamtsystem. Indem die materiellen Erträge der äußeren Expansion für die
Erhaltung und die Verbesserung des territorialen status quo unentbehrlich
waren, bildete die militärische Überlegenheit wiederum die Voraussetzung für
die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in
seiner bestehenden Form." Tibi schlußfolgert daraus: „Indem Europa seit dem
18. Jahrhundert auf der Basis der Errungenschaften der bürgerlichen
Revolutionen eine dem Osmanischen Reich überlegene Macht darstellte und
somit dem osmanischen militaristischen Expansionismus Grenzen setzte, wurde
das Osmanische Reich empfindlich getroffen. Die als Kompensation zur
verhinderten Expansion eingeführte Steuerpacht hat, da sie die regionalen
Herrschaftsinstanzen festigte, die Desintegration des Osmanischen Reiches
begünstigt, anstatt das Reich zu sanieren.".
Damit sind die
wesentlichen Elemente der inneren Machtverschiebungen deutlich benannt: Das
Sultanat in seiner bisherigen materiellen und legitimatorischen Fundierung
war mit dem Ende der Expansionsphase in eine gefährliche Staatskrise geraten
und der Sultan selbst mußte empfindliche persönliche Machtverluste
hinnehmen.
Ein Ausweg wurde
in der Sicherung der materiellen Ressourcen des Hofes durch Veränderungen in
der materiellen Ausbeutung der Provinzen, durch Delegation regionaler
Machtentfaltung, durch die Einführung des Systems der Steuerpacht und damit
durch die Hinnahme gesellschaftlich-ökonomischer Desintegration gefunden.
Der Hof und das Sultanat mußten gleichermaßen neue Wege der Legitimierung
der Herrschaftsansprüche gehen, um ein funktionierendes Herrschaftssystem
aufbauen zu können. Das geschah vor allem durch die Vergabe von Privilegien
und durch die ideologische und religiöse Überhöhung des Sultanats zum
‚Gottesreich‘ und durch die Förderung Osmanischer Überlegenheitsideen vor
allem gegenüber dem erstarkenden Westen. Der Herrschaftserhalt verband sich
mit der Entwicklung der Reichsidee, gleichzeitig leitete die ökonomische
Desintegration die Binnenperipheralisierung des Reiches ein.
Die Veränderungen
im Herrschaftssystem des Osmanischen Reiches seit dem 17. Jh. können daher
auch als – bewußt nicht wahrgenommener – politischer Paradigmenwechsel und
als Eintritt in den permanenten Diskurs über den Reichserhalt
darstellen. ‚In Sorge um den Staat sein‘ ist bis heute eine
verbreitete Phrase politischer Legitimierung und der Beschreibung
nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. Doch leitete
dieser auf das Sultanat zielende neue Diskurs keineswegs schon den Prozeß
eines ›nation building‹ im modernen Sinne oder der Genese des
Nationalstaates ein, sondern war auf eine integrierte weltlich-religiöse
Reichsidee bezogen, in der Osmanentum durchaus nicht mit Türkentum
gleichzusetzen ist.
Die
historische Situation: Das Aufkommen der Einsicht in die
Modernisierungsnotwendigkeiten.
Das Osmanische
Reich in seiner Früh- und Blütezeit lebte ökonomisch und sozial von der
kriegerisch durchgesetzen territorialen Expansion. Es ist sicherlich nicht
ganz falsch, die sozioökonomische Grundlage dieses wachsenden Imperiums als
feudalen Raubstaat zu charakterisieren, der in den Herrschaftstraditionen
der zentralasiatischen Nomadenreiche der Turkmenen stand und dort zu
vergleichen ist mit den ebenso mächtigen und (beute-)reichen
Imperiumsgründungen z.B. unter Dschingis Khan oder Timur Leng
– beides Konkurrenten der türkeitürkischen Vergesellschaftungen und
Staatsbildungen, die auch zu kriegerischen Verwicklungen führten (Ende des
Seldschukenreiches von Konya; Schlacht von Ankara 1402).
Gesellschaftliche
Charakteristiken dieses jungen Osmanischen Reiches waren die Dominanz einer
sich ausweitenden Militärkaste, die die Hauptlast der gesellschaftlichen und
staatlichen Integration zu tragen hatte und dies durch ihren unbändigen
Bedarf an Soldaten auch effektiv erfüllen konnte – die sogenannte
„Knabenlese" und die Bildung der Janitscharenarmee sind historische
Konkretisierungen dieses Charakterzuges –, die Versorgung und Entwicklung
der Zentren des Reiches durch die Ausbeutung der neu eroberten Gebiete und
Provinzen, was vor allem dem Sultanshofes mit seiner immer größeren Zahl von
Höflingen zugute kam, aber auch der wachsenden Zahl ziviler
Oberschichtangehörigen, den ehemaligen Militärs, die sich in Istanbul zur
Ruhe gesetzt hatten und den höheren und niedrigeren Ulema, die die
geistliche Legitimation des Sultanats zu erfüllen hatte – wesentliches
Element waren dabei die traditionellen Derwischorden, vor allem der
Bektaw-Orden und die Mêwlêwi und Çelebi –, alles im Sinne einer ökonomischen
Modernisierung unproduktive und immobile Schichten, und schließlich die
Entwicklung einer höfischen Luxuskultur mit großem materiellen und
stilistischen Integrationsvermögen gegenüber fremden Einflüssen, die aber
vollständig eingeschmolzen wurden in das osmanische Herrschaftskonzept des
Sultanats als unbestreitbarer weltlicher und geistiger Spitze und Führung.
Dem ersten großen
gesellschaftlichen Umbruch, gekennzeichnet durch eine Verschiebung der
höfischen Machtbalance vom Sultan auf eine höfische Oberschicht – Wesire,
Harem, pensionierte Generäle und die zentralen und regionalen Würdenträger
der Staatsverwaltung –, durch zunehmende gesellschaftliche Desintegration
und gleichzeitige imperiale Verklärung der überlegenen weltlichen und
geistigen Kultur der Reichsidee des Sultanats als Legitimationsgrundlage
der Herrschaft, folgte eine lange Zeit krisenhafter Entwicklungen, die mit
internationalen und binnengesellschaftlichen Peripheralisierungsprozessen zu
beschreiben ist.
Die lokale
Sozialorganisation in ihrer hochdifferenzierten Vernetzung von
vorstaatlichen, personalen Sozialbeziehungen wird zunächst dadurch gestärkt,
daß sich die Regionen als Überlebenseinheiten in der Phase des
Machtverfalls des Zentralstaates verstehen und ausdifferenzieren mußten. E.
Neubauer erwähnt – in einer Arbeit über Iran, die aber in diesem Aspekt für
die orientalischen Gesellschaften und das Osmanische Reich in dieser
Zeitphase durchaus zu verallgemeinern ist – drei Möglichkeiten der Bildung
solcher lokaler Loyalitäts- und
Interaktionsbeziehungen:
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die Zugehörigkeit zu einer Moschee und damit zu einer bestimmten
Nachbarschaftsgruppe;
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die
religiöse Gefolgschaft (taqlid), zu der jeder shi'itische Laie einem
Mojtahed (einem Geistlichen, der in religiösen Fällen eine Entscheidung
treffen kann) gegenüber verpflichtet ist und die durch Akhunds bzw.
Mollas vermittelt wird;
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die
Zugehörigkeit zu einer Klientelgruppe. Zu diesen
drei Elementen, die die Organisation der Aufzüge bestimmen, kommen dann
noch
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die
Verwandtschaft, die viel zu selbstverständlich ist, als daß sie
besonders betont werden müßte, und schließlich
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die
Handwerkskorporationen, die wohl vor allem die Masse der Teilnehmer
gestellt haben."
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Parallel zu
dieser innergesellschaftlichen und territorialen Desintegration findet eine
deutliche Schwächung der außenpolitischen Macht und Konkurrenzfähigkeit
statt. Das Ende der Expansion wird zum Beginn einer unabsehbaren Folge von
Grenzsicherungskriegen und der Abwehr äußerer Angriffe, die das Reich in
eine immer tiefere materielle Krise stürzen. Anstelle einer inneren
Entwicklung des Landes, die das Osmanische Reich im „europäischen Konzert
der Mächte" politisch und ökonomisch konkurrenz- und durchsetzungsfähig
gemacht hätte, konzentrierte sich das Sultanat auf die traditionellen
militärischen Tugenden und das Primat des Abwehrkampfes, immer noch
durchdrungen von der Vorstellung einer unbesiegbaren kulturellen und
imperialen Überlegenheit. Genau damit traf es auf ein anderes Reich in
der Krise, mit ähnlichen Struktur- und Entwicklungsproblemen: das
zaristische Rußland.
Rußland und das
Osmanische Reich konkurrieren um die knapper werdenden territorialen,
materiellen und humanen Ressourcen in Südosteuropa und schließlich um
territoriale Eroberungen aus dem jeweiligen Herrschaftsgebiet des Nachbarn.
Die vielen Kriege, die das Osmanische Reich an seinen Grenzen im 18. und 19.
Jahrhundert geführt hat, sind somit auch ein Surrogat einer eigentlich
notwendigen innergesellschaftlichen Modernisierung, für die sich erst zu
spät eine soziale Trägerschaft in der Hof- und Militärhierarchie selbst
gefunden hat. Diese soziale Verortung einer verordneten „Modernisierung" von
oben, die die Türkei bis heute prägt, führt zu sozialen und
legitimatorischen Problemen, die noch erörtert werden müssen.
Die
Auseinandersetzungen zwischen den beiden spätfeudalen Militärmonarchien
Rußlands und des Osmanischen Reiches führten nicht, wie gehofft, zur
Herausbildung siegreicher moderner Nationen, die mit den westeuropäischen
Hegemonialstaaten konkurrieren könnten, sondern führten direkt in die
Dependenzen der Semiperipherien und in die innenpolitische Desintegration.
Diese
Desintegration und die materielle und politische Schwächung in der Folge der
ständigen Kriege, während deren die westlichen Großmächte England und
Frankreich (als „lachende Dritte") ihre Macht vergrößern und ihren Einfluß
in den nahöstlichen Gebieten des Osmanischen Reiches und auch auf die
Politik des Reiches selbst begründen und ausbauen konnten, waren schließlich
die gesellschaftlichen Grundlagen der politischen Revolution, die weder in
der Form des Oktoberrevolution in Rußland, noch in der Form der
Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reicht tatsächlich die bestehende
gesellschaftliche Desintegration überwinden und eine mit einem erfolgreichen
gesamtgesellschaftlichen Homogenisierungsprozeß verbundene Modernisierung
einleiten konnte.
In beiden Fällen
blieb zur Herrschaftssicherung die militärische Gewalt dominant und die
ideologische Indoktrinierung von seiten des Staates mit Tendenz einer
ethnisch wahrgenommenen Herrschaftsmonopolisierung hier der Russen, dort der
Türken zur Herrschaftssicherung notwendig. Bei den grundlegenden
ideologischen Unterschieden beider Staaten ist die verblüffende
Übereinstimmung der Problemstrukturen ein Zeichen dafür, daß die
Problemlagen in typischer Weise aus den Entwicklungen der disperaten
Strukturen des Weltsystems entstanden und damit zumindestens teilweise
exogen induziert worden sind.
Tanzimat: Die
›Reform von Oben‹ und der Beginn des türkischen Nationalismus
Sollte dieser,
von Dezentralisation und Desintegration gekennzeichnete Staat, dessen
zentrales Regierungssystem sich in einer permanenten Macht- und
Legitimationskrise befand, der sich zudem immer weniger im
Überlebenskampf mit den in Hegemonial- und Einflußzonenkonflikten
verstrickten Westmächten und dem benachbarten Zarenreich behaupten konnte,
erhalten bleiben, mußten spätestens von der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach
einer langen Folge regionaler Konflikte und Kriege, die immer öfter mit
türkischen Niederlagen endeten, was letztlich immer stärker zur Verarmung
und Marginalisierung der peripheren Regionen beitrug (Westeuropa sprach vom
Osmanischen Reich als »kranken Mann am Bosporus«!), mußten grundlegende
Reformen und eine Modernisierung der Staatsverwaltung erfolgen.
Immer drängender
wurde dieser Modernisierungsdruck auch durch die aus Armut und mangelnder
politischer Partizipation erwachsenden nationalistischen Separatismen, wobei
durch erfolgreiche Unabhängigkeitsbewegungen, wie im 19. Jh. in
Griechenland, oder durch nur oberflächlich als nationaler Separatismus
verbrämte und legitimierte territoriale Verluste an das Habsburgerreich auf
dem Balkan, an Frankreich (Maghreb), Italien (Libyen) und Großbritannien
(Ägypten), die grundlegende Idee von der überlegenen Reichseinheit
immer mehr in Frage gestellt wurde.
Die Notwendigkeit
tiefgreifender Modernisierungseinschnitte wurde immer deutlicher. Wenn sich
diese Reformimpulse aber in den peripheren Räumen selbst äußerten, verbanden
sie sich mit separatistischen Zielsetzungen – einem Trauma, das auch heute
noch die Politik der Türkischen Republik belastet. Das Reich wurde damit
immer stärker auch von außen unter Druck gesetzt.
Eine
Schlüsselrolle in dieser Entwicklung hatte 1831 der Aufstand Mohammed
Alis in Ägypten, der in seinem Kampf gegen die Oberhoheit des
Osmanischen Reiches – getragen von der Begeisterung der arabischen
Bevölkerung – bis nach Südanatolien vorstieß, vor allem aber in seinem
Einflußbereich das Bewußtsein weckte, daß sich die traditionellen
Machtstrukturen ändern ließen und das der gemeinsame politische
Freiheitskampf – eine sehr effektive Form gesellschaftlicher
Homogenisierung! – zu selbstbestimmter Modernisierung führen könne.
Dieser
Reformimpuls aus der Peripherie hatte zwei unmittelbare Konsequenzen, die
auch vom Sultanat nicht länger negiert werden konnten: die Einsicht, einmal,
daß eine notwendige Modernisierung des Staates zu seinem Erhalt notwendig
sei und nur verbunden mit einer gesellschaftlichen Homogenisierung und
staatlichen Zentralisierung gelingen kann, und zweitens, daß die weiter oben
dargestellten lokalen und regionalen soziale Loyalitätsnetze und
partikularen Machtzentren überwunden werden müssen, um einen notwendigen
ökonomischen und sozialen Fortschritt erreichen zu können, was letztlich nur
durch die Übernahme westlicher Nationalstaatmodelle und der Anstöße zur
Entwicklung einer Staatsgesellschaft realisierbar erschien..
Die Neugliederung
der Staatsverwaltung, in der stärkere Zentralisierung einherging mit der
dargestellten Gewährung religiöser Selbstverwaltungsrechte war geprägt durch
das Bemühen um die Auflösung alter feudaler Loyalitäts-Klientel-Systeme in
den einzelnen Regionen, deren Stellung durch das Steuerpachtsystem, das ein
Krisensymptom der Zentralmacht zum Ende der Expansionszeit gewesen ist, und
die „Gouverneurs"-Verwaltung der einzelnen wilayets, in die zunehmend
schon aus fiskalischen Gründen die einheimischen Oberschichten einbezogen
werden mußten. Die Anerkennung religiöser Großgruppen (Christen, Schiiten
etc.) forderte von diesen eine Verstärkung ihrer zentralen Repräsentanz –
was auch gefördert wurde durch die den Staatsanspruch des Osmanischen
Reiches diskriminierende und desavouierende „Schutzmachtpolitik"
europäischer Hegemonialmächte (Frankreich für die Katholiken, Rußland für
die orthodoxen Christen und, wenn auch weniger deutlich, Großbritannien und
später die USA (siehe die Amerikanische Universität in Beirut) für die
Protestanten) – und damit eine potentielle Lösung aus dem integrale
örtlichen Sozialsystem, das religiöse und „weltliche" Macht- und
Loyalitätsbeziehungen nicht trennen konnte.
Die daraus
folgende soziale „Verweltlichung" der regionalen und lokalen Gruppen,
einhergehend mit dem deutlicher zutage tretenden Widerspruch zu
zentralstaatlichen Herrschaftsansprüchen, war ein wesentlicher Beitrag zur
Ethnogenese der regionalen und partikularen Minderheiten im Osmanischen
Reich.
Mit dem Wegfall
der primär religiösen Selbstverständnisse und dem durch die
Tanzimat-Reformen angegriffenen lokalen Sozialgefügen einer zugemuteten
gesellschaftlich-staatlichen Modernisierung mußten neue soziale
Kategorisierungen und Legitimationen gefunden werden. Hier war dann das
schon entwickelte zentral-periphere Gefälle von ausschlaggebender Bedeutung.
Während in den – sich urbanisierenden und ökonomisch weiter entwickelnden –
Zentren wie vor allem in der Hauptstadt Istanbul die Tendenz zur
Herausbildung vertikaler sozialer Stratigraphien zu erkennen war, wo sich
z.B. neue westlich orientierte zivile und militärische Mittelschichten und
eine wachsende Intelligenzschicht, die Träger von
Intellektualisierungsprozessen in der weiteren Oberschicht des Sultanats
wurde, ausgliederten, ging die Tendenz in den Peripherien, verständlich
unter dem Aspekt der ökonomischen Rückständigkeit und zunehmenden Verarmung
und Marginalisierung, zur Herausbildung horizontaler, regionaler
Differenzierungen und Abschließungen, die sich unter Beibehaltung der
traditionalen dichotomen feudalen Gesellschaftshierarchie zunehmend
ethnisch-national definierten und legitimierten.
In diesen
Peripherien wirkte dann vor allem der westliche Einfluß in der Übernahme und
für die eigenen sozialen und politischen Interessen funktionalisierten
nationalstaatlicher Befreiungsideen, die machtpolitisch von den Westmächten
gefördert wurden, um damit begrenzenden und zeitweilig auch
destabilisierenden Einfluß auf das Osmanische Reich nehmen zu können.
Die
Nationalstaatsidee wurde somit in der Endphase des Osmanischen Reiches auf
zwei zueinander im historischen Widerspruch stehenden Wegen aus dem Westen
implantiert: einmal als Mittel eines von Teilen der staatlichen und
ökonomischen Ober- und neuen Mittelschichten als notwendig gesehenen
gesellschaftlichen Modernisierungs- und Homogenisierungsschubes, letztlich
zum Erhalt des Reiches und seiner Herrschaftsordnung, was nur durch eine
systematische Etatisierung und Nationalisierung, d.h. aber auch:
Verwestlichung, möglich zu sein schien, zum Anderen als Legitimation
partikularistischer sozialer und ökonomischer Interessen in den Provinzen
und bei den Minderheiten, bei denen die Nationalstaatsidee zum
Spannungsverhältnis einer gruppeninternen Homogenisierung – die nur
teilweise auch als Modernisierung intendiert und wahrgenommen wurde und sich
auch mit reaktionären Legitimationsideologien verbinden konnte – und eines
separatistischen Kampfes gegen den Zentralstaat beitrug. Beide
Funktionalisierungen der Nationalstaatsidee brachten gegenläufige, dichotome
und sich damit gegenseitig legitimierende und verstärkende gesellschaftliche
Prozesse in Gang, die letztlich zum Auseinanderfall des Osmanischen Reiches
im Ersten Weltkrieg und zu den heute die Struktur der Türkischen Republik
prägenden sozialen, regionalen und politischen Disparitäten und sich
antagonisierenden Konflikten führten.
Kontroverse
Auffassungen zur geschichtlichen Bedeutung der ›Tanzimat‹ – Reformen
Die
Tanzimat-Reformen waren Grundlage und Voraussetzung der ein halbes
Jahrhundert darauf folgenden Jungtürkischen Revolution, die wiederum Wurzel
der Türkischen Republik – der Abschaffung des Sultanats nach dem 1.
Weltkrieg und der Reformen Atatürks – waren, Einschnitten also, die an Tiefe
und revolutionärer Umgestaltung die eher zaghaften ›Tanzimat‹-Ansätze weit
übertrafen, die aber die Vermutung einer reformatorischen Kontinuität in der
Türkei zumindest nahe legt. Gerade ältere historische Darstellungen der
türkischen Geschichte, dem reformatorischen Selbstverständnis der jungen
Türkischen Republik verpflichtet, betonen eine solche Kontinuität, während
spätere Arbeiten die Brüche und Verwerfungen in der neueren türkischen
Geschichte hervorheben, den Blick geschärft gerade auch durch die
Widersprüche und Konflikte in der heutigen Türkei.
So wird auch die
Übernahme des westlichen Nationalismusmodells mit seinen potentiellen
ethnizistischen Implikationen früher eher beiläufig als notwendig und
‚selbstverständlich‘ charakterisiert, während gerade in dieser Frage heute
ein zentrales Problem für die weitere Entwicklung der Türkei gesehen wird.
Eine typische
historische Darstellung der Reformansätze Mahmud II und der ›Tanzimat‹-Epoche
in der älteren Form, durchaus differenzierend und um ausgewogene, sachlich
gut begründete Urteile bemüht, findet sich bei Peters, Geschichte der
Türken. Er sieht den Eintritt in eine Phase der Reformen als beinahe
historisch zwangsläufig und im Grunde als eine ungebrochene Modernisierung
und Liberalisierung im Sinne der westlichen Nationalstaaten an. Dieser noch
ungebrochene Glaube an die historische Vernunft der Modernisierung drückt
sich z.B. in folgender Aussage aus:
„Sultan Mahmud II. hat die
eigentlichen Früchte seines Werkes nicht erlebt, aber er hat einen
Grundstein gelegt, auf dem weitergebaut werden konnte... Er hatte eine
Umgestaltung seines Landes durchgeführt, die nicht wieder rückgängig
gemacht werden, auf der nur weitergebaut werden konnte. Der Geist des
neunzehnten Jahrhunderts hatte auch im Sultansreiche eine Heimat gefunden.
Das erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der türkischen Geschichte
war mit der Niederwerfung der Reaktion und einem Siege des liberalen
Gedankens ausgefüllt, der trotz größter innerer und äußerer
Schwierigkeiten errungen wurde... Während des Orientalischen Krieges wurde
zum ersten Male das Parlament einberufen, das aber unter dem Zwange der
äußeren Ereignisse nicht an einen weiteren Ausbau des Parlamentarismus,
sondern nur an die nationale Aufgabe der Landesverteidigung denken
konnte... Obwohl ein Parlament existierte, war das System Abdul Hamids II.
in höchstem Grade reaktionär. Dadurch wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts
die jungtürkische Revolution ausgelöst. Das 19. Jahrhundert endete zwar
mit einem Siege der Reaktion, jedoch war sie nicht stark genug, um das
begonnene Verfassungswerk wieder aufzuheben. Der Gedanke der Reform und
des Freiheitsideales hatte wichtige Positionen errungen, wie im übrigen
Europa, zu dem sich ja die Türkei zählte. Er war stark genug, im folgenden
Jahrhundert mit neuer Kraft den Kampf wiederaufzunehmen. Der Kampf für die
liberalen Ideen fand seine eigenen Kräfte im türkischen Volke. Er wurde
durch die westeuropäische Politik gefördert..."
In gewisser Weise
findet sich, der Zeit entsprechend, noch eine deutliche ‚eurozentrische‘
Urteilsperspektive in diesem Zitat, das in sofern den tatsächlichen
historischen Antriebskräften nicht ganz gerecht werden kann; deutlich wird
aber andererseits die große persönliche Identifikation des Autors mit seinem
Gegenstand.
Erscheint so das
Bild einer Türkei, in der sich ganz allgemein Freiheitsideale gegen
reaktionäre Herrscherpersönlichkeiten durchsetzen, in der die Annäherung an
den Westen auch zu einer zunehmenden Übereinstimmung der Interessen
mit den westeuropäischen Ländern führt, stellt sich die Reformphase in der
Darstellung von Bassam Tibi doch deutlich anders dar. Abgesehen davon, daß
sein Blick vor allem aus der Perspektive des Entstehens des arabischen
Nationalismus und Separatismus auf die Ereignisse in der Osmanischen
Zentrale gelenkt wird, betont er vor allem die sozialen Verschiebungen in
den Osmanischen Oberschichten, vor allem die langsame Segregation neuer
Intelligenz- und Mittelschichten zunächst noch aus dem institutionellen
Umfeld des Militärs heraus.
„So entstand in der
Tanzimat-Periode eine verwestlichte Offiziersschicht kleinbürgerlicher
Herkunft, die mit der Militärkaste der alten osmanischen Armee nichts
gemein hatte und die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine
entscheidende politische Rolle übernahm. Aus dieser Offiziersschicht
gingen sowohl die Jungtürken hervor als später auch die Kemalisten, die
das Osmanische Reich auflösten. Ebenso entstammen ihr die
arabisch-nationalgesinnten Offiziere, die in der arabischen
Nationalbewegung eine zentrale Position einnahmen."
Doch wäre hier
noch genauer zu fragen nach den sozialen Kontexten und Brüchen zwischen
Sultan, »Pforte«, alter Militärkaste und jungen, (militärtechnisch-)
westlich orientierten Offizieren. Tibi beschreibt den Ablauf der
Tanzimat-Reformen ja auch auf den Sultan und seine Interessen bezogen und
sieht sich erst in einem zweiten Schritt genötigt, wie dargestellt, die
besondere Rolle des Militärs hervorzuheben:
„Ein Jahr vor dem Abzug der
ägyptischen Truppen aus Syrien beginnt im Osmanischen Reich eine Phase
umfassender Umstrukturierung, die als Tanzimat-Periode bekannt ist. Die
Tanzimat (= wohlwollende Anordnungen) werden 1839 mit dem Dekret Hatt-i
Werif von Gülhane eingeleitet, in dem die Notwendigkeit artikuliert wird,
»das alte Regime von Grund aus (zu) reformieren und neu (zu) gestalten«.
Dieses Dekret wurde 17 Jahre später, 1856, durch den kaiserlichen Erlaß
Hatt-i Humayun ergänzt, der soweit geht, die Diffusion bedeutender
Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft mit denen des Osmanischen
Reiches anzukündigen.... Bürgerliche Gesetzbücher wurden eingeführt;
Studenten wurden zum Studium nach Europa geschickt und – bedeutsamer noch:
die Offiziere der osmanischen Armee wurden fortan in Europa oder aber im
Osmanischen Reich von europäischen Instrukteuren ausgebildet."
Tibi fügt dem
zustimmend ein Zitat von Steinhaus bei, welches das Geschehen
charakterisiert als „das rapide Fortschreiten der Zentralisation der
Staatsmacht. Die lokale politische Macht der quasi-feudalen Assoziation von
Pawas und Steuerpächtern früherer Zeiten wurde nach und nach gebrochen ...
Parallel zur Zentralisierung und Modernisierung der Verwaltung vollzog sich
auch der Prozeß der Säkularisierung." Diesen Aspekt hatten wir ja schon
weiter oben betont, müssen ihn jetzt aber ergänzen um die Analyse der
sozialen Segregation neuer westlich-technisch orientierter Schichten, die
vom Militär ausgeht.
Dies wird auch
betont und noch stärker differenziert von Elçin Kürwat-Ahlers, die das
Eindringen der Reformideen in Phasen seit dem 17. Jahrhundert darstellt.
Zwar ist – im materiellen Sinne – seit dem 18. Jahrhundert Europa das
Vorbild, doch wird das zögerliche Annehmen von Reformideen verstanden und
wahrgenommen vor allem in traditionellen Kreisen als ›Rückkehr zu
Osmanischen Vorbildern‹, da die ›absolute Überlegenheit der eigenen
Tradition‹ noch immer unabdingbarer Glaubenssatz war.
Schon im 18.
Jahrhundert fand die erste Modernisierung der Armee unter Anleitung
französischer Offiziere unter hemmte Çelebi statt; 1730 wurde die
Militärakademie gegründet. Die Niederlage gegen Rußland 1774 macht der
Militärführung die Notwendigkeit einer noch konsequenteren Militärreform und
der Einführung europäischer Waffentechnik – was mit der Einbeziehung
westlicher Instrukteure verbunden war – deutlich.
Kürwat-Ahlers betont aber besonders
die gesellschaftlichen Widerstände, die sich gegen die ›westliche Herkunft‹
der Reformideen der Militärs richten, was mit der ›Osmanischen
Überlegenheitslegende‹ zu begründen wäre. Interessanter als diese
ideologische Legitimation des antiwestlichen Widerstandes ist jedoch die
Interpretation der politischen Konflikte als Ausdruck gesellschaftlicher
Aufstiegs- und Abstiegsprozesse. Vor allem die niederen ulema, deren
Teilhabe an einem bisherigen Bildungs- und geistlich-kulturellen
Definitionsmonopol durch die Gründung weltlicher Oberschichtschulen (mit
Unterricht in westlichen Fremdsprachen!), Kadettenanstalten und zunehmendes
Auslandsstudium aufgehoben wird, sind vom sozialen Abstieg bedroht und
orientieren sich zunehmend an einem sozialen Widerstandspotential der
Unterschichten und der ländlichen Bevölkerung, die an den Vorteilen von
Modernisierungsschüben, die von Militär und Oberschicht ausgehen, keineswegs
beteiligt sind, weder in materieller Hinsicht – Verelendung und
Peripheralisierung schreiten ungehindert weiter voran – noch in Hinblick auf
eine verbesserte soziale Teilhabe und politische Partizipation:
Modernisierung des Osmanischen Reiches bedeutete eben oft das Gegenteil von
Demokratisierung, es bedeutete effektivere Herrschaftsdurchsetzung und
politische-kulturelle Homogenisierungsbemühungen.
Diese Prozesse
sind einzubinden in eine allgemeinere Erörterungen der Bedingungen und
Folgen einer Änderung der Intellektualisierungsprozesse, wie sie Peter R.
Gleichmann in einem Vortrag zum Thema „Gesellschaftliche
Intellektualisierungsprozesse und Prävention ‚ethnischer Gewalt‘: Aktive
Zivilisierung im ethnisch-kulturell heterogenen Umfeld" dargestellt hat,
wobei das ethnisch-kulturell heterogene Umfeld sowohl auf die Situation von
türkischen Arbeitsmigranten in Deutschland als auch auf die Situation der
neuen Intellektuellenschicht im Osmanischen Reich bezogen werden kann..
Gleichmann betont in seinem Vortrag, daß die Schicht der Intellektuellen mit
den staatlichen Machtzentren verbunden und von diesen ökonomisch abhängig
ist. Das verstärkt sich mit der Trennung von Religion und Staat und der
Herausbildung einer zivilen Bürokratie, wie es im 19. Jahrhundert in der
Türkei dominierender staatlich-gesellschaftlicher Prozeß ist. Die
Entwicklung der Staatsgesellschaft Wust auf der Durchsetzung des staatlichen
Gewaltmonopols. Neben der unmittelbaren Gewaltanwendung, die in einer
funktionierende Staatsgesellschaft ‚hinter die Kulissen‘ zurücktreten wird,
wird der staatliche Anspruch vor allem durch seine symbolische Macht,
und das heißt auch durch seine Macht über die Symbole durchgesetzt.
Zentrales Element des Verfügens über die Symbole ist das Verfügen über die
Sprache und die Kommunikationsstrukturen. Die Bedeutung der
Entwicklung von Intellektuellenschichten wird hier unmittelbar einsichtig;
im weiteren Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung differenziert sich
die Sprachintelligenz immer weiter in funktional differenzierte
Teilsysteme auf: in die technische ›Intelligenz, die
kaufmännisch-ökonomische Intelligenz als Vorbedingung der Entwicklung
von Welthandelsintegration und industriellem Wachstum, die kulturelle
Intelligenz, die unmittelbaren Zugang zur staatlichen Symbolik und
Herrschaftslegitimation hat und um so größeren Loyalitätzumutungen
ausgesetzt ist.
Auch in der Armee
selbst organisierte sich die ›Widerstandsformation‹ in denjenigen Gruppen,
die den geschilderten Integrations- und Intellektualisierungsprozessen
entzogen bleiben. Vor allem die Janitscharen als unmittelbar an der
Herrschaftsausübung der ›Pforte‹ beteiligte Elitetruppe mußte um den Verlust
ihrer Privilegien fürchten und orientierte sich zunehmend gegen jegliche
Militärreform. Die Lösung dieses Machtkampfes durch das Massaker auf dem
Hippodrom in Istanbul 1826 ist bekannt. Auch Teile des älteren
traditionsorientierten Offizierskorps (pawa) stehen der angestrebten
Militärreform und den darauf aufbauenden Modernisierungsbestrebungen in
Staat und Gesellschaft feindlich gegenüber.
Kürşat-Ahlers charakterisiert die
Maßnahmen der Reformperiode zusammengefaßt durch folgende Punkte: a)
Entmachtung der ulema (sozialer Abstieg), b) Vernichtung der
regionalen Machtzentren (Zentralverwaltung), c) Privilegierung der
Staatsbeamten (sozialer Aufstieg), d) Vergrößerung der Zahl der
Beamtenstellen (Schaffung loyaler Hilfsorgane der Macht), e)
Gleichbehandlung der Regionen und der religiösen Gruppen (als Schritt zu
Laizismus, Zentralismus und instutionalisierter Staatsverwaltung. Folgen
davon waren aber die Antagonisierung der Bevölkerung: Kürwat-Ahlers sieht es
als generelles Problem zentral gesteuerter Modernisierungsphasen an, daß die
Verbreitung des notwendigen gesellschaftlichen Orientierungswissens –
auch als Grundlage von Akzeptanz und Legitimität des sozialen Wandels – der
Institutionalisierung der Modernisierungsschübe – und der Etablierung
neuer Eliten – hinterherhinkt.
Die aktuellen
Konsequenzen der dargestellten unterschiedlichen Sichtweisen auf die
Tanzimat-Epoche der Türkei wird sehr deutlich. Die wesentlichen Bruchlinien
in der türkischen Gesellschaft öffnen sich schon in der Reformphase in der
Mitte des 19. Jahrhunderts und sing gerade aus den gesellschaftlichen
Verhältnissen dieser Zeit besser zu verstehen als bei einer Verkürzung der
Reformgeschichte auf die Jungtürkische Revolution und die späteren
Atatürkschen Reformen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die
antimodernistischen Potentiale in der Gesellschaft bildeten sich schon
damals heraus und sind z.T. bis heute virulent oder zumindest wieder
funktionalisierbar als Teil des ›gesellschaftlichen Gedächtnisses‹ der
türkischen Kultur (z.B. in den Re-Islamisierungsbestrebungen, die ja
vor allem auch soziale Bewegungen sind), die Verlierer der Modernisierung
bestimmte dieser Prozeß auch schon in der Tanzimat-Epoche: vor allem die
ländlichen Gebiete und die Regionen außerhalb der Hauptstadtbereiche, der
Peripheralisierung unterworfen, unter ökonomischen und
Partizipationsdefiziten leidend, von der Marginalisierung bedroht und
zunehmend vom den im Modernisierungsprozeß sich entwickelnden Zentralstaat
legitimierenden türkischen Nationalismus unterworfen, der als kulturelles
Oktroy verstanden und durch separatistische Nationalismen bekämpft wird.
Noch stärker geht
Taner Akçam in seinem Referat über „Verwestlichungsprobleme des Osmanischen
Reiches" auf die Inhalte des Zivilisationsprozesses ein, der von
Kürwat-Ahlers als sozialer Prozeß des Auf- und Abstiegs und der sich
verändernden Machtbalancen geschildert wurde. Akçam stellt den Einschnitt,
den die Tanzimat-Reformen in der türkischen Gesellschaft bewirkte in einen
größeren Zusammenhang historischer Erfahrungen, die letztlich ein
spezifisches Selbstbild des Türkischseins bestätigten. Damit wird ein
Bogen von den Tanzimat-Reformen zurück zu den Ursprüngen des Osmanischen
Reiches und vorwärts zur Gegenwart der Türkischen Republik geschlagen, der
den Transformationsprozeß als Wechsel der Zivilisation erlebbar gemacht hat
und der damit in seinen Inhalten bist heute umstritten geblieben ist.
Als Schicksal des
Türken in der Selbstwahrnehmung der türkischen Gesellschaft wird
primär erlebt das Anderssein gegenüber einer oft als feindlich
wahrgenommenen Umwelt und die damit verbundenen historische Zumutung,
deswegen selbst anders werden zu müssen. Das ist schon zumindest als
historische Projektion zutreffend für die Zeit der türkischen
Völkerwanderung nach Westen, die die Türken zur Aufgabe des Nomadismus und
zur Annahme des islamischen Glaubens veranlaßte. Das ist – historische
Zwischenstufen hier ausblendend – auch für die Zeit der Tanzimat-Reformen
zutreffend wie für die türkische Gegenwart, die die Option einer
europäischen Integration zumutet oder zumindest als Konzept denkbar werden
läßt. Der Ferman, der die Tanzimat-Reformen einleitet, bedeutet einen
Wechsel der Zivilisation oder er bedeutet in anderer Wahrnehmung das
‚Erreichen eines zeitgemäßen gesellschaftlichen Standards‘. Diese
unterschiedliche Auffassung hängt mit dem jeweiligen Bild vom Westen
zusammen, dessen Einflüsse in den Reformbestrebungen gesehen werden. Ist
‚der Westen‘ die bedrohliche fremde Kultur, die der türkische oktroyiert
werden soll oder zeigt er den Standard dessen, was gesellschaftlich wie
technisch-ökonomisch auch für die Türkei erreichbar sein kann – aus eigener
Kraft.
Der Westen ist
zeit der gemeinsamen Geschichte das Andere, zu dem ein
widersprüchliches und problematisches Verhältnis besteht. Bis zum 18.
Jahrhundert, d.h. bis zu Sultan Selim II., galten die christlichen
Länder als kulturell minderwertig. Mit ihnen waren keine Verträge auf
der Basis der Gleichheit und Gleichberechtigung zu schließen. Dabei gab es
zeitweilig durchaus ‚bewundernde Imitationen‘, die mit der gleichzeitigen
europäischen ‚Turkomania‘ („Die Entführung aus dem Serail") korrespondiert,
jeweils vom Reiz des exotischen getragen, aber nicht um echtes Verständnis
bemüht. Im 18. Jahrhundert begann dann aber langsam die Übernahme
technischen Wissens, die begleitet wurde von ‚Minderwertigkeitskomplexen‘,
deren gesellschaftliche Verdrängung und Tabuisierung emotionale Wurzel des
späteren Antimodernismus wurde. Die Modernisten im 19.
Jahrhundert anerkannten zunehmend – oft getragen von aufrichtiger
Bewunderung – die Überlegenheit des Westens; Sympathien waren für die
westliche Kultur damit jedoch nicht verbunden. Der Gegenschlag dazu war das
Anwachsen nostalgischer Stimmungen auch unter den Intellektuellen und
Kulturträgern, die einem fiktiven ›goldenen Zeitalter‹ – das oft mit Sultan
Süleyman Kanunî verbunden wurde – nachtrauerten und eine
›Reproduktion der Vergangenheit‹ als türkische Renaissance
anstrebten.
Dieser
Modernisierungsprozeß im Osmanischen Reich unterscheidet sich nach Akçam
ganz deutlich von der Verbürgerlichung des Westens, in dem eine
Machtablösung des Adels stattfand und sich für die Gesellschaft langsam eine
neue ökonomische Basis – der Industrialismus – entwickelt. Im Osmanischen
Reich geht die Modernisierung von Oben aus – über die Gründe dafür wurde
schon einiges ausgeführt. Die Inhalte des damit verbundenen
Zivilisationsprozesses im Westen orientieren sich an den Bedürfnissen der
neuen bürgerlichen Gesellschaft; die zentralistisch-höfische Kultur wird
abgelöst und Individualisierungs- und Partizipationsprozesse dominieren die
weitere Entwicklung.
Akçam beschreibt
diese Entwicklung nun nicht primär als sozialstrukturellen Vorgang, sondern
als eine Entwicklung und Veränderung des öffentlichen Diskurses.
Bezeichnend ist es ja, daß für die Tanzimat-Reformen seitens der politisch
Handelnden keinerlei inhaltliche Begründungen oder ideologische
Legitimierungen angeboten wurden. Das politische Handeln entsprang
unmittelbar der interessengeleiteten Einsicht und Entscheidung des
Herrschers. So mußte sich der öffentliche Diskurs über die Reformen
ebenfalls auf die Funktion der Reformen für den Staat konzentrieren.
Im Kontext mit der traditionellen Selbstwahrnehmung der permanenten
Zumutung des Anderswerdenmüssens konzentrierte sich der Diskurs sehr
bald auf die Frage nach der anzustrebenden neuen kollektiven Identität.
Dies geschah unter der eher banal erscheinenden Frage „Wie kann man den
Staat retten?", denn daß er grundsätzlich und immer in seiner Existenz
bedroht und von Feinden eingekreist sei, gehört zu dem schon erörterten
türkischen Selbstbild.
Da die
Massenbasis für die Aufnahme der Modernisierungsimpulse fehlte, mußte die
die Modernisierung ermöglichende gesellschaftliche Homogenisierung durch
staatliche Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden. Im Gegensatz zum Westen, wo
die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols – so problematisch seine
Realisierung auch erscheint, betrachte man nur die ›Waffenlobby‹ in den USA!
– vor allem der Befriedung der Gesellschaft diente und das staatliche Recht
die privaten Fehden, Rachezüge und Ehrenhändel ersetzte und überflüssig
machte (oder besser: machen sollte), führte der Homogenisierungsdruck im
Osmanischen Reich zu einer Unterdrückung der Peripherien und zu einem
verstärkten zentralen Herrschaftsdruck, damit auch zunehmend zur
Ausschließung aus den Diskursen über die Modernisierung. Das Interesse bei
der Beurteilung der Modernisierung konzentrierte sich im Zentrum folglich
auf den Staat, in den Peripherien auf die Bewahrung der Eigenheit;
der Diskurs der kollektiven Identität bezieht sich im Zentrum auf den
Staat, seine Zentralgewalt und letztlich, wie es auch den Zielen dieser
Modernisierung entsprach, auf die Durchsetzung einer Staatsgesellschaft.
In den Peripherien entwickeln sich dazu Alternative Diskurse des
Widerstandes, des Traditionalismus und des separatistischen Nationalismus.
Dies verbindet
sich mit dem nachfolgenden Diskurs der Fortschrittlichkeit, wobei
wiederum Staatsverwaltung und später die Wirtschaft gemeint war. Diese
Konzentration auf den Staat und die staatliche Herrschaft – die die
mangelnde Ausbildung einer tatsächlich staatstragenden Staatsgesellschaft
kaschierte – führte zu einer inhaltlichen Füllung der vom Zentrum
angestrebten neuen kollektiven Identität, die sich auf die
Gruppenidentität – als Türke oder als Staatsbürger – stützt, sich
vorzugsweise mit dem Staat nach außen abgrenzt, und vernachlässigt die
Entwicklung der Individualrechte, der Menschenrechte und der Demokratie, die
im Zentrum der westlichen bürgerlichen Gesellschaftsideologie stehen.
Von der
›Tanzimat‹-Periode zur Jungtürkischen Revolution
Die
Modernisierungsschübe und die politischen Kämpfe um die Modernisierung und
Verwestlichung, die das Bild des Osmanischen Reiches im 19. und beginnenden
20. Jahrhundert prägten, sind gerade auch in Hinblick auf die am Ende
stehende Herausbildung einer autoritär-zentralistischen Herrschaftsordnung
in der Türkischen Republik mit offensichtlichen politischen Partizipations-
und Liberalitätsdefiziten in Bezug auf ihren immanenten Prozeß- und
Konfliktcharakter in sich verschiebenden Machtbalancen etwas genauer zu
untersuchen.
W. Braune
beschreibt die Wende von einem intendierten westlich-liberalen
Modernisierungsschub als Grundlage der Jungtürkischen Revolution 1908 zu
einer zentralistisch-autoritären Staatsideologie seit 1909 – nach der
gescheiterten Konterrevolution von Sultan Abdülhamid II, der dann
unter Hausarrest gesetzt wurde – wie folgt: „Unter dem Druck der modernen
Ideen im Balkan waren sie (d.h. die jungtürkischen Offiziere und Rebellen,
Anm. G.V.) gezwungen, ihre modernen liberalen Prinzipien schnell aufzugeben,
und die unglücklichen Kriege mit dem Verlust von Tripoli an Italien und
nahezu des ganzen europäischen Besitzes trieben sie in einen autoritären
türkischen Nationalismus."
Bassam Tibi
weist, W. Braune folgend, auch darauf hin, daß die abstrusen Ideen des „Panturanismus",
die zunehmend – wohl als ex-post-Legitimierungen zu verstehen – die
Jungtürkische Ideologie prägten, wiederum eine Übernahme westlicher
Ideologeme war und den rassistischen Vorstellungen des französischen
Historikers Léon Calum folgten, die parallel zu lesen sind mit den
gleichzeitigen Ausbildungen eines naiv-biologistischen Rassismus im 19.
Jahrhundert, der sich in Europa mit nationalstaatlichen
Legitimierungsideologien zum Pangermanismus, Panslawismus oder aber im
Osmanischen Reich zum Panturanismus und weiter südlich zum Panarabismus
verband.
In diesen
Ideologemen des 19. Jahrhunderts sind bis heute noch – beliebig
funktionalisierbare – Ressourcen des ethnifizierten Nationbegriffes und der
ethnischen Kultur- und Abstammungsideologien zu finden, die z.B. das
deutsche Staatsbürgerschaftsrecht (begründet auf das ›jus sanguinis‹) ebenso
prägen wie verbreitete völkische Ideologien in fast allen europäischen
Nationen – zunehmend eben auch in der Türkei seit der Jungtürkischen
Revolution.
In mehrfacher
Hinsicht ist damit auch die jungtürkische Modernisierungspolitik als
typische soziale Bewegung der Semiperipherie zu verstehen, bei der
inadäquate – in der Ausprägung oft die kontextuellen sozialen und
politisch-kulturellen Akzente und Verständnisse verschiebende – Übernahmen
von Modernisierungsstrategien und Legitimationsmustern zu beobachten sind,
die dadurch von außen gesehen oft „aufgesetzt", wenn nicht anachronistisch
wirken, weil sie nicht den autochthonen, in die Krise geratenen
Gesellschaftsstrukturen, sondern den Bedingungen der Dependenzstrukturen des
Weltsystems gehorchen, dabei zu den sozialen und politischen
Teilhabeansprüchen der Bevölkerung, die sich mit der Modernisierungshoffnung
verbinden könnten, in Widerspruch geraten, und daher in dem Maße, in dem sie
sich von sich segmentierende Sozialgruppen als Oktroy wahrgenommen werden,
zu immer stärker zentralistischen Herrschaftsdurchsetzungen und zu immer
autoritär-konservativeren Legitimierungsideologien gezwungen werden: die
Modernisierungsprozesse schaffen sich ihre antimodernistische Opposition
selbst.
Die Parallele zur
heutigen Situation in der Türkischen Republik mit ihrem
Südostanatolienkonflikt drängt sich auf; diese geht noch weiter, als es der
erste Blick vermuten läßt, wenn man den Zusammenhang der Jungtürkischen
Modernisierungs- und Zentralisierungspolitik mit dem gleichzeitigen
Armenienkrieg – der mit Massakern und Massendeportationen bis nach Deir
es-Zaur am Euphrat im heutigen Syrien die einheimische armenische
Bevölkerung dezimierte und der erste Völkermord dieses Jahrhunderts gewesen
ist (mit wohlwollender technischer Beratung und Hilfe des Deutschen Reiches
unter Wilhelm II, wie kürzlich aufgefundene Dokumente aus dem
Auswärtigen Amt erweisen) – untersucht.
Ohne hier ins
Einzelne gehen zu können, sollte doch auch hier die Aufmerksamkeit auf die
unlösbare Interdependenz zwischen den Verschiebungen der weltpolitischen
Machtbalancen und den Deformationen der staatlichen Binnenstrukturen in den
peripheralisierten Regionen gelenkt werden. Im Falle Armeniens ist die
weltpolitische „intervenierende Variable" der andauernde Macht- und
Einflußzonenkonflikt des Osmanischen Reiches mit dem zaristischen Rußland.
Eine besondere
Eigenheit dieses Konfliktes ist es, daß er zwischen zwei Ländern
stattfinden, die mit dem ökonomisch-politischen Aufstieg der
westeuropäischen Mächte in gleicher Weise einem sich verstärkenden
Peripheralisierungsdruck ausgesetzt sind, dem mit den überkommenen
imperialen, vorstaatlichen Strukturen nicht erfolgreich zu begegnen ist, und
der in immer drängenderer Weise eine innergesellschaftliche Modernisierung
erforderlich macht.
Solange aber – in
beiden Ländern – keine soziale Trägerschaft für die notwendige
Modernisierung entstanden ist, muß Herrschaftserhalt in traditioneller Weise
entweder durch außenpolitische Machtgewinne, und das heißt in dieser Zeit:
durch gewonnene Kriege und durch territoriale Ausweitung, oder durch
verstärkte innere Oppression und ökonomische Ausbeutung erfolgen, die
schnell an objektive Grenzen gelangen wird und in schon geschilderter Weise
die Binnenperipheralisierung und die Marginalisierung der Rand- und
ehemaligen Ressourcengebiete einleitet.
Fassen wir die
Ergebnisse unserer Überlegungen zur Modernisierung des Osmanischen Reiches
zusammen, ergeben sich fünf Thesen:
-
Die
Notwendigkeit einer Modernisierung wurde nicht von einer breiteren
Bevölkerung erkannt und getragen, sondern von Teilen der Oberschicht in
einer temporären Interessenkoinzidenz zwischen dem Sultan [Selim III.,
1789-1807; Mahmud II. (‚der Reformer‘), 1808-1839; Abdulmecid, 1839-1861,
1838 Tanzimat-Reformen, 1856 Hati Humayun; Murad V., 1876] und Teilen des
Militärs – der eine in der Einsicht des drohenden Staats- und
Herrschaftserhaltes und der Notwendigkeit, sich zumindest partiell den
höfischen Loyalitäten und Intrigen zu entziehen, die anderen in der
Erfahrung der militärischen Unterlegenheit des Osmanischen Reiches in den
zurückliegenden Kriegen –; nur langsam kam eine zivile Mittelschicht bzw.
untere Oberschicht hinzu, die sich vor allem aus im Ausland ausgebildeten
jungen Männern, die für die erweiterte staatliche Zentralverwaltung
vorgesehen waren, rekrutierte.
-
Mahmud II.
versuchte dies, ohne ausdrücklich eine zivilisatorisch-politische
Überlegenheit der westeuropäischen Länder anzuerkennen – er hielt im
Gegenteil die Bevölkerung zur strikten Einhaltung der koranischen Regeln
an –, wurde aber trotzdem von einer entstehenden antimodernistischen
Opposition als vom Westen abhängiger gâvur, Giaur, Ketzer
gebrandmarkt. Damit wird eine ideologisch legitimierte, aber
sozialstrukturell begründete gesellschaftliche Segregation bis hin zum
Entstehen antagonistischer konkurrierender Eliten eingeleitet; die
Legitimierung der Modernisierung – mit dem mehr oder weniger zögerlich
anerkannten – Ziel der Transformation des Osmanischen Reiches in einen
Nationalstaat und der Homogenisierung der Gesellschaft zu einer
Staatsgesellschaft erfolgte durch die Implantation des türkischen
Nationalismus, der noch zunächst als – contradictio in reo –
›Osmanischer Nationalismus‹ erschien, mit der Konfrontation der
gleichermaßen nationalistisch legitimierten regionalen Separatismen und
Befreiungsbewegungen zu einem auf ein noch zu schaffendes türkisches
Staatsvolk Nationalismus transformierte.
-
Dieser
nationalstaatliche Kern der Modernisierungsakte, der in einer späteren
Reformphase von der Jungtürkischen Revolution aufgegriffen und zum Primat
der Politikbegründung gemacht wurde, legitimierte einerseits die
zentralstaatlich motivierte gewaltsame Homogenisierung der regional
außerordentlich differenzierten Bevölkerung des Osmanischen Reiches,
provozierte damit aber gerade auch die separatistischen
Gegen-Nationalismen – griechische Befreiungsbewegung, serbischer
Nationalismus, Panslawismus unter der Führung Rußlands, arabischer
Nationalismus uns Separatismus – und legte damit die Grundlage für die bis
heute politisch und sozial virulenten Konflikte, Ethnizismen und
Bürgerkriege im Nahen Osten wie auf dem Balkan.
-
Innergesellschaftlich sind die Modernisierungesschübe fundiert in
Veränderungen der Machtbalancen und in sozialen Auf- und
Abstiegsprozessen. Die Veränderungen der sozialen Chancen in der
Gesellschaft bedingen die ideologische Legitimierung und Identifikation
der Antimodernisten, die sich vor allem aus den niederen ulema,
den Angehörigen der traditionalen Oberschicht und den ländlichen Aäas
rekrutieren, der Modernisten, die sich vor allem in der mittleren
Heereshierarchie und in der wachsenden Beamtenschaft finden lassen, der
Staatsspitze um Sultan und ›Pforte‹, die je nach temporärer
Interessenkoinzidenz der einen oder anderen Seite zuneigen und damit ›das
Zünglein an der Waage‹ für die Chancen einer Durchsetzung von
Modernisierungszielen sein konnten, sowie schließlich die breiten
städtischen und ländlichen Unterschichten, in die zu der Zeit der
Modernisierungsimpuls einer zivilisatorischen Veränderung in Richtung auf
die Herausbildung einer Staatsgesellschaft noch nicht
›durchgesickert‹ ist und um deren Einbeziehung Modernisten wie
Antimodernisten mit den Mitteln der Ideologie – nationalistische
Integration gegen die Rückbesinnung auf die überstaatliche umma
muhamadja – und der Anwendung einerseits staatlicher Gewalt –
Einbeziehung in zentralstaatliche Gesetzes- und Verwaltungsordnungen –
andererseits der Mobilisierung traditioneller lokaler und religiöser
Loyalitätsgeflechte konkurrieren.
-
Damit war
der Keim für einen labilen Wechsel von Reformphasen und
‚konterrevolutionären Politik- und Staatskonzepten‘ [Sultan Mustafa IV.;
Sultan Abdulaziz; Sultan Abdülhamid II.] bis in den erste Weltkrieg hinein
gelegt. Ein konsistentes, widerspruchsfrei umsetzbares Modernisierungs-
und Homogenisierungskonzept hat die Türkei auch nach den viel tiefer
einschneidenden Atatürkschen Reformen, die eher als Revolution zu
charakterisieren sind, bis heute nicht entwickeln können, kann dies wohl
auch nicht unter den Bedingungen eines Staates der Semiperipherie und vor
dem Hintergrund der in der Zeit des Osmanischen Reiches entstandenen
sozialen und regionalen Desintegration und Binnenperipheralisierung.
Weiterführende Fragestellungen
Wie jede
historisch-gesellschaftswissenschaftliche Darstellung endet auch diese
zeitlich und regional offen und mit einigen nicht beantworteten
Problemstellungen. Für die wissenschaftliche Bearbeitung des Themas der
Modernisierungsschübe im Osmanischen Reich des 18. bis zum beginnenden 20.
Jahrhunderts scheint es mir – auch als Ergebnis der vorgelegten Überlegungen
– von ausschlaggebender Bedeutung zu sein, daß eine reine Fakten- und
Staatsgeschichte die komplexe und widersprüchliche Entwicklung nicht
hinreichend erklären und verständlich machen kann.
Andererseits
scheint auch eine reiner materielle Sozialgeschichte, die entweder die
generelle sozioökonomische Situation einer vorindustriellen,
›orientalischen‹ Gesellschaft betonen wird oder sich auf die Herausbildung
der sozialen Hierarchien vor allem im städtischen Bereich mit dem Augenmerk
auf die langsame Ausdifferenzierung neuer Mittelschichten konzentrieren
kann, in der Gefahr sein, einfach ›westliche‹ Schichtvorstellungen und
sozioökonomische Periodizierungen auf die Türkei zu übertragen, ohne die
sozialen Antriebe adäquat fassen zu können.
So scheint mir
ein im Prinzip dialektischer Ansatz, wie er hinter den Überlegungen dieses
Aufsatzes steht, weiter zu führen: einerseits die äußere Einbindung der
Türkei, des Osmanischen Reiches, in die Strukturen eines ›Weltsystems‹ zu
untersuchen, um dabei zu einer prozessualen Perspektive zu gelangen, die die
Peripheralisierung und die Entwicklung der europäischen Semiperipherien in
den Vordergrund stellen wird, andererseits die innere Entwicklung des Landes
als Teil eines spezifischen Zivilisationsprozesses zu verstehen, der durch
labile Machtbalancen, soziale Auf- und Abstiegsprozesse und im konkreten
Falle durch eine zunehmende soziale und regionale Desintegration zu
kennzeichnen ist.
In diesem
analytischen Rahmen wird die Bedeutung der implantierten westlichen
Modernisierungsmuster einschließlich des Nationalismus und der
Nationalstaatsidee erkennbar und auch in den typischen Unterschieden zur
mittel- und westeuropäischen Entwicklung erklärbar.
An dieser Stelle
sollte die zunehmende Ethnifizierung des Nationalstaatsgedankens, über deren
Wurzeln und Rahmenbedingungen schon einiges gesagt worden ist, an Hand der
Quellen genauer untersucht und inhaltlich differenziert werden; unser Bild
war hier zugegebenermaßen stark vereinfacht und eher ‚holzschnittartig‘. Vor
dem Hintergrund der Bedeutung des derzeitigen ›Revivals‹ ethnizistischer
Ideologien und Politiklegitimationen ist eine differenzierendere
Untersuchung der sozialen und historischen Rahmenbedingungen für den
gefährlichen Kontext zwischen Nationalstaatsidee und Ethnizismus notwendig
und könnte am Beispiel der Türkei genauer ausgeführt werden.
Vor allem aber
muß an anderer Stelle die Brücke zur türkischen Moderne geschlagen werden,
deren Ansatzpunkte im Text exkursorisch skizziert worden sind, die aber
gerade in Hinblick auf die krisenhaften Entwicklungen der türkischen
Nachkriegsgeschichte seit 1945 von großer Bedeutung ist, auch mit dem Ziel,
die Limitationen und Potentiale politischen Handelns in der heutigen Türkei
genauer beurteilen zu können. Folgende Themenkreise lassen sich aus den
dargestellten historisch-soziologischen Zusammenhängen für die Gegenwart
bearbeiten:
-
Die Rolle des Militärs als ‚Hüter des Kemalismus‘ in Staat und
Gesellschaft und die zeitgeschichtliche Einordnung der
Politikinterventionen des Militärs nach 1945.
-
Die Marginalisierungsprozesse und die
Binnenmigration; Probleme der ländlichen Bevölkerung und der städtischen
Elendsgebiete (Gecekondus).
-
Die Minderheitenprobleme und die regionalen
Separatismen (Südostanatolienkonflikt, PKK).
-
Die Funktion der europäischen Semiperipherien und die
Perspektive einer Integration der Türkei in die Europäische Gemeinschaft.
-
Die Chancen und Risiken des westlichen
Demokratiemodells in der heutigen Türkei.
-
Die Türkei und ihre islamische Nachbarn:
innergesellschaftliche und regional-nahöstliche Einflußfaktoren auf die
Tendenzen zur Re-Islamisierung in der Türkei und die politischen Chancen
der REFA-Partei.
Es wird deutlich,
daß die historisch-soziologische wie auch die politologische Arbeit am Thema
Türkei noch viele Fragen offen läßt, daß dies aber angesichts der schnellen
Veränderungen in der Türkei selbst, deren Entwicklungsdynamik umgekehrt
proportional zur politischen Steuerungsfähigkeit der gesellschaftlichen
Prozesse steht, zu immer neuen Fragen und Problemen führt.
Kurzer Abriß der Geschichte der Türkei
I. Geschichtstabelle:
Übersicht
vor unserer Zeitrechnung:
Altorientalische Zeit
10.000: Erste
Besiedlung in Anatolien
5000-3000:
Chalkolithikum (›Kupferzeit‹)
ab 3000:
Frühbronzezeit, Rad, Handel mit Mesopotamien
2500-2000: Hattische
Fürstentümer
2200: Hethitische und
archaische Wanderungen
1950-1750: Assyrische
Händlerkolonien, Schrift in Anatolien
1750: Altes
Hethitisches Reich
1450: Hethitisches
Großreich
1200-1100: Dorische
Wanderungen
1194-1184: Antike
Datierung des Trojanischen Krieges
1150: Seevölker
zerstören Hethiterreich
900-580: Reich von
Urartu um den Van-See, an den Küsten griechische Siedlungen
695: Kimmerier ziehen
durch Kleinasien, zerstören Phrygerreich
609-560: Alyattes,
König der Lyder, vertreibt die Kelten/Galater. Erfindung der Münze
Griechische Antike
550: Artemistempel in
Ephesos. Kyros gründet Perserreich
546: Perser zerstören
Lyderreich. Ende der Herrschaft des Kroisos
540: Perser haben
lonischen Bund unterworfen
544-483: Heraklit,
Philosoph aus Ephesos
499-494: Ionischer
Aufstand gegen Perser
478: 2. Sieg der
Athener über Perser. Attischer Seebund mit Einfluß in Ionieri
353: Tod Mausolos’,
des Statthalters von Karien (danach ›Mausoleum‹)
Hellenismus und römisches Imperium
336-323: Alexander der
Große
334/333: Eroberung
Kleinasiens durch Alexander
323-280:
Diadochenkämpfe
230: Attalos I. von
Pergamon vertreibt Galater (Kelten) aus seinem Reich
202: Gründung der
Bibliothek von Pergamon/Bergama
190: Beginn römischen
Einflusses
180: Zeusaltar in
Pergamon
146: Römer zerstören
Karthago, üben über griechische Welt mit Hilfe Pergamons Hegemonie aus
133: Attalos III.
vererbt Reich von Pergamon an Rom
88: Mithridates VI.
von Pontus läßt 80.000 Römer ermorden
64: Pompeius besiegt
Mithridates
27: Beginn römischer
Kaiserzeit. In Ostanatolien Partherkriege, armenische Pufferstaaten
nach Beginn unserer Zeitrechnung:
55-58: Paulus in
Ephesos
98-117: Kaiser Trajan,
größte Ausdehnung des Römischen Reiches
258-310: Finanzkrise
und Hungersnöte im Römischen Reich
323-337:
Alleinherrschaft Konstantins des Großen
324: Gold-Solidus neue
Münze, jahrhundertelang stabile Währung
325: Konzil von Nicaea/Iznik
Byzanz,
Konstantinopel, Ostrom, Islam
330: Byzanz neue
Reichshauptstadt
375: Hunneneinfall
nach Europa. Beginn der Völkerwanderung
391: Christentum
Staatsreligion
395: Letzte Teilung
des Römischen Reiches in Ost- und Westreich
457-518: Thrakische
Dynastie in Byzanz
476: Ende des
Westreichs von Rom
527-565: Justinian I.
Kaiser (Apostata, der ›Abtrünnige‹)
529: Schließung der
Akademie in Athen. Codex Iustinianus
532: Nika-Aufstand
537: Vollendung der
Hagia Sophia
610-641: Herakleios I.
Kaiser
622/3: Hiğra. Beginn
der islamische Zeitrechnung
638: Jerusalem
arabisch-islamisch
646: Ägypten von
Muslimen erobert
674-678: Erste
muslimische Belagerung Konstantinopels
716-820: Syrische
Dynastie in Byzanz
717-718: Zweite
muslimische Belagerung Konstantinopels
730-787: Erster
Ikonoklastenstreit (Bilderverbot in der christlichen Kunst)
800: Karl der Große in
Rom zum Kaiser gekrönt. Ende des Einen Reiches
802-813:
Auseinandersetzungen mit den Bulgaren
813-843: Zweiter
Bilderstreit
866-1056: Makedonische
Dynastie in Byzanz (mit einigen Zwischenkaisern)
1048: Pedenegische
Türken dringen in europäischen Reichsteil ein
16.7.1054: Schisma
zwischen römisch-katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche
1071: Schlacht von
Manzikert/Malazgirt. Türken siedeln in Anatolien
Selçuken, Zeit der Kreuzzüge
1075: Iznik/Nicaea
selçukische Hauptstadt
1081 -1118: Kaiser
Alexios I., Beginn der Komnenen-Dynastie in Byzanz (bis 1185)
1092-1107: Kılıç
Arslan I., rum-selçukischer Sultan
1097: 1. Kreuzzug,
Eroberung von Nicaea/Iznik,
1099: Eroberung von
Jerusalem
1146: 2. Kreuzzug
scheitert bei Dorylaion/Eskişehir
1155-1192: Izzeddin
Kılıç Arslan II., rum-selçukischer Sultan
1178: Ende des
Danığmendiden-Beyliks, Beginn selçukischer Blüte
1185-1204:
Angeloi-Dynastie in Byzanz
1190: Deutscher Kaiser
Friedrich Barbarossa ertrinkt während des 3. Kreuzzugs im Silifke Çayı [griech.
Saleph, heute Gök Su]
1204: 4. Kreuzzug.
Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, gründen dort Lateinisches Kaiserreich (bis
1261). Bildung byzantinischer Reiche in Nicaea/Iznik (bis 1261) und Trapezunt/Trabzon
(bis 1461)
1211-1220: Izzeddin
Keykavus I., rum-selçukischer Sultan
1220-1237: Alaeddin
Keykubad, I., rum-selçukischer Sultan
1237-1246: Gxyaseddin
Keyhüsrev, II., rum-selçukischer Sultan, erste Zeichen des Niedergangs (Baba-Ishak-Aufstand
1240)
1243: Schlacht am
Kösedağı
1261: Byzantiner
erobern Konstantinopel zurück. Palaiologendynastie (bis 1453)
1281 -1324: Osman
Herrscher eines kleinen Territoriums in Nordwestanatolien
1318: Mongole Timurtaw
setzt letzten Selçuken-Herrscher ab
Osmanen
1324-1362: Orhan Bey
Herrscher der Osmanen
1326: Bursa von
Osmanen erobert, wird Hauptstadt
1335: Ende des
Ilhan-Reiches in Persien
1362-1389: Murad I.
Sultan der Osmanen
1363: Edirne/Adrianopel
wird von den Osmanen erobert, wird Hauptstadt. Byzanz zahlt den Osmanen Tribut
1389-1402: Bayazid I.
Sultan der Osmanen
1391: Zum 1. Mal wird
Konstantinopel von den Osmanen belagert (danach 1395, 1396 und 1400)
1402: Mongolenheer
Timurs besiegt Osmanen bei Ankara. Wiederaufleben der kleineren türkischen
Fürstentümer und osmanischer Thronstreit
1413-1421: Mehmed I.
Sultan der Osmanen
1421-1451: Sultan
Murad II.
1451-1481: Sultan
Mehmed II.
29.5.1453: Osmanen
erobern Konstantinopel, machen es zu ihrer Hauptstadt. Ende von Byzanz
1481-1512: Sultanat
Bayazid II.
1512-1520: Sultanat
Selims I.
1517: Osmanen erobern
Rest Ostanatoliens und Ägypten
1520-1566: Sultanat
Süleymans 1. des Prächtigen
1529: 1. Belagerung
Wiens durch die Osmanen
1538: Seeschlacht von
Preveza: Osmanen gewinnen Seeherrschaft im Mittelmeer
1566-1574: Sultanat
Selims II.
1571: Seeschlacht von
Lepanto: Osmanen verlieren Seeherrschaft wieder
1574-1595: Sultanat
Murads III.
1595-1603: Sultanat
Mehmeds III.
1603-1617: Sultan
Ahmed I.
1617-1618: Erstes
Sultanat Mustafas I.
1618-1622: Sultan
Osman II.
1622-1623: Zweites
Sultanat Mustafas I.
1623-1640: Sultan
Murad IV. (* 1612)
1640-1648: Sultan
Ibrahim
1648-1687: Sultan
Mehmed IV. (gest. 1692)
1656-1715: Wesire der
Köprülü-Familie bemühen sich um Restauration osmanischer Macht
1683: 2. Belagerung
Wiens
1687-1691: Sultan
Süleyman II.
1691-1695: Sultan
Ahmed II.
1695-1703: Sultan
Mustafa II.
1699: Frieden von
Karlowitz: Osmanen verlieren Ungarn und Siebenbürgen
1703-1730: Sultan
Ahmed III. (gest. 1736)
1727: Erste türkische
Druckerei im Osmanischen Reich
1730-1754: Sultan
Mahmud I.
1754-1757: Sultan
Osman III.
1757-1773: Sultan
Mustafa III.
1773-1789: Sultan
Abdülhamid I.
1774: Frieden von
Küçük Kaynarca: Rußland erreicht das Schwarze Meer
1789-1807: Sultan
Selim III. (gest. 1808)
1807-1808: Sultan
Mustafa IV.
1808-1839: Sultan
Mahmud II.
1826: Abschaffung des
Janitscharenkorps (Massaker auf dem Hippodrom in Istanbul)
1829: Griechenland
unabhängig
1831: Erste türkische
Zeitung im Osmanischen Reich
1839-1861: Sultan
Abdülmecid I.
1839-1876:
Tanzimat-Periode, Reformen im Osmanischen Reich
1861-1876: Sultan
Abdülaziz
1868: Mecelle,
Bürgerliches Gesetzbuch des Islamischen Rechts
1870: Universität
Istanbul gegründet
1876: Sultan Murad V.
(gest. 1904)
1876-1909: Sultan
Abdülhamid II. (gest. 1918)
1876: Erste osmanische
Verfassung (wird 1877-1908 außer Kraft gesetzt)
1881:
Schuldenverwaltung der Großmächte (Düyun-ı umumiye) erhält Zugriff zu
wichtigsten osmanischen Staatseinnahmen
1889: 1. Besuch
Wilhelms II. in Istanbul (der 2. Besuch folgt 1898)
1908: Jungtürkische
Revolution, Wiedereinsetzung der Verfassung, Wahlen
1909-1918: Sultan
Mehmed V.
1912/13: Osmanen
verlieren letzte europäische Gebiete bis Edirne
1914-1918: im 1.
Weltkrieg kämpft das osmanische Reich auf Seiten der Mittelmächte. Nach dem
Waffenstillstand von Mondros werden Teile der Türkei besetzt
1918-1922: Sultan
Mehmed VI. (gest. 1926)
Atatürk und die Türkische Republik
1919 Besetzung
Anatolien von Italienern (Antalya bis Konya) und Franzosen (Kiliken, Adana)
15.5.1919 Landung
griechischer Truppen in Smyrna (Izmir)
19.5.1919 Mustafa
Kemal Paşa
geht in Samsun an Land: Marsch auf Ankara
1919: Kongresse von
Erzurum und Sivas, Beginn des Widerstandes gegen die alliierten Besetzungen
unter Mustafa Kemal (Atatürk)
1919 – 1922
Rückeroberung der besetzten Gebiete durch Mustafa Kemal Paşa
Vertreibung der
Griechen aus Westanatolien durch Ismet Inönü
16. März 1920
Besetzung Istanbuls durch Alliierte Truppen
23. 4.1920: »Große
Türkische Nationalversammlung« in Ankara
10.8.1920
Friedensvertrag von Sèvres, Aufteilung der Türkei. Vertrag von Sèvres sieht
Gebietsabtretungen der Türkei und Zugeständnisse an die Alliierten vor
1921: Einigung
zwischen der UdSSR und Mustafa Kemal über türkische Ostgrenze
9.9.1922: Heer Mustafa
Kemals befreit Izmir von griechischer Besetzung
1922 Endgültige
Absetzung des Sultans, Abschaffung des Sultanats
1923: Vertrag von
Lausanne, Anerkennung der kemalistischen Türkei
13.9.1923 Ankara wird
zur Hauptstadt der Türkei proklamiert
29.10.1923: Türkei
wird Republik
3.3.1924: Aufhebung
des Kalifats
1923-1938: Reformen
Atatürks
1925 Bekleidungsreform
1926 Rechtsreform,
Code Civil
1928 Lateinische
Schrift, Gesetz über den Laizismus
1930/34 Schrittweise
Einführung des Wahlrechts für Frauen
1932 Sprachreform,
Einführung des ‚Türkei-Türkisch‘
1933 Kulturinitiative
(Musik, Oper, Künste nach westlichem Vorbild)
1935 Familien- und
Namensrecht
10.11.1938: Tod
Atatürks (* 1881)
1938-1950 Ismet Inönü
Präsident. Vorsitzender der unter Atatürk gegründeten Republikanischen Partei
bis 1945 Neutralität
im 2. Weltkrieg, Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten 1945.
1945 Aufnahme in die
UNO
1946: Übergang zum
Mehrparteien-System durch Gründung der Demokratischen Partei (DP/Democratic
Partisi)
1950: Die konservative
›Demokratische Partei‹ gewinnt Parlamentswahlen. Abkehr von ›linken‹ Reformen
Atatürks
1950-1960
Staatspräsident Celal Bayar, Ministerpräsident Adnan Menderes
1952: Türkei wird
NATO-Mitglied
1955: Bagdad-Pakt (CENTO)
mit USA, Iraq und Iran.
ab 1955: Zunehmend
diktatorische Regierungsform: Parteienverbote, Einschränkung der Bürgerrechte
etc. Konzentration auf die Landwirtschaft, wirtschaftliche Stagnation,
Zypernkrise, terroristischer Widerstand nimmt zu
27. 5.1960:
Militärputsch zur ›Rettung der Demokratie‹ und des Kemalismus unter General
Cemal Gürsel
1961: Hinrichtung des
gestürzten Ministerpräsidenten Menderes, die Türkei erhält eine neue,
demokratische Verfassung.
1961-1965: Wahlen
erbringen eine Koalitionsregierung zwischen der Republikanischen Partei (CHP)
und der Gerechtigkeitspartei (AP/Adalet Partisi); Staatspräsident Cemal Gürsel,
Ministerpräsident Ismet Inönü; instabile Mehrheiten, mehrfache Regierungs- und
Koalitionswechsel
1964:
Assoziationsabkommen mit der EWG
1965-1961:
Ministerpräsident Süleyman Demirel (AP, 1965 und 1969 absolute Mehrheiten),
rechtskonservative Regierungspolitik. Sozialistische und kommunistische
Widerstandsbewegungen, Unruhen, Terror und Straßenschlachten. Oppositionelle
Parteiengründungen: Türkische Arbeiterpartei (TIP/Türkei Isçi Partisi,
linksradikal), Republikanische Vertrauenspartei (CGP/Cumhuriyetçi Güven Partisi,
konservativ), Partei der Nationalistischen Aktion (MHP/Milliyetçi Hareket
Partisi, rechtsextrem; paramilitärische Jugendorganisation Bozkurt / ›Graue
Wölfe‹)
12.3.1971: 2.
Militärputsch zur Minderung der innenpolitischen Spannungen
1971-1975:
Konservative Staatsführung unter Nihat Erim. Autotitäre Unterdrückung der
Opposition und der Unruhen.
1974: Intervention auf
Zypern, Ausrufung der Türkischen Republik Nordzypern
1975-1977: Koalition
der Rechtsparteien MSP, AP, MHP unter Demirel. Chaotische innenpolitische
Zustände. Terror der ›Grauen Wölfe‹. Kriegsrecht über die Großstädte und die
Ostanatolischen Provinzen verhängt
1977: Wahlsieg der
Republikanischen Volkspartei/CHP, Ministerpräsident Bülent Ecevit.
›Staatsbankrott‹
1979:
Minderheitsregierung der AP, MSP, MHP unter Demirel
Januar 1980: Europarat
rügt Menschenrechtssituation in der Türkei
12.9.1980: 3.
Militärputsch wegen bürgerkriegsartiger Unruhen in der Türkei, Auflösung aller
Parteien, Gewerkschaften und der Großen Türkischen Nationalversammlung.
Einsetzung eines Nationalen Sicherheitsrates unter General Kenan Evren, der
später Staatspräsident wurde. Betätigungsverbote und Inhaftierungen von Teilen
der bisherigen politischen Eliten, Razzien, Sicherstellung von Schußwaffen etc.
Nach dem Verfassungsbericht von 1981 werden 45.000 Personen inhaftiert, 13.000
Personen unter Anklage gestellt und 16 Todesurteile ausgesprochen.
31.8.1982:
Internationale Juristenkommission in Genf (ILC) rügt Menschenrechtsverletzungen
und Folterpraktiken in türkischen Gefängnissen
7.11.1982: Referendum
akzeptiert neue Verfassung. Wahl Kenan Evrens, des Haupts der putschenden
Militärs, zum Präsidenten. Langsamer Übergang zur Demokratie
1983: Neuzulassung von
politischen Parteien, darunter: Nationalistisch-Demokratische Partei (MDP/Millyetçi
Demokraçi Partisi) unter Turgut Sunalp, Mutterlandspartei (ANAP/Anavatan Partisi)
unter Turgut Özal, Populistische Partei (HP/Halçi Partisi) unter Necdet Calp.
6.11.1983:
Parlamentswahlen. Sieger die rechtsdemokratische Partei ANAP Turgut Özals (wird
1987 in vorgezogener Neuwahl bestätigt). Wirtschaftlich am Liberalismus
orientiert.
Dez. 1987:
Vorgezogene Neuwahlen. – Im Parteienspektrum etablieren sich seit 1987:
RP (Refah Partisi)*
[Wohlfahrtspartei], Vorsitzender: Necmettin Erbakan. –
ANAP (Anavatan Partisi)** [Mutterlandspartei], Vorsitzender: Turgut Özal,
später Mesut Yxlmaz. –
DYP (Doäru Yol Partisi) [Partei des Rechten Weges], Vorsitzende: Süleyman
Demirel, später Tansu Çiller. –
SHP (Halçi Partisi) [Sozialdemokratische Volkspartei], Vorsitzender:
Erdal Inönü. –
DSP (Demokratik Sol Parti) [Demokratische Linke Partei], Vorsitzender:
Bülent Ecevit. –
CHP (Cumhuriyet Halk Partisi) [Republikanische Volkspartei], Vorsitzender: Deniz Baykal. –
MHP (Milliyetçi Hareket Partisi) [Nationalistische Aktionspartei],
Vorsitzender: Alparslan Türkew. –
HADEP (Halkxn Demokrasi Partisi) [Demokratische Partei des Volkes],
Vorsitzender: Murat Bozlak. –
YDH (Yeni Demokrasi Hareketi) [Neue Demokratische Bewegung], Vorsitzender: Cem Boyner.
* Fusion mit den Parteimitgliedern
der DP (Demokratische Partei).
** Fusion mit den Parteimitgliedern der BBP (Große Einheitspartei).
Ergebnis der letzten Parlamentswahlen (›Große
Nationalversammlung‹) 1987, 1991, 1995
|
Partei |
|
Stimmen
1995 |
Sitze
1995 |
Stimmen
1991 |
Sitze
1991 |
Stimmen 1987 |
Sitze
1987 |
|
Partei des rechten Weges |
(DYP) |
19,2 % |
135 |
27,1 % |
178 |
20% |
59 |
|
Mutterlandspartei |
(ANAP) |
19,7 % |
132 |
24,0 % |
115 |
36% |
275 |
|
Sozialdemokratische Volkspartei |
(SHP) |
10,7 % |
75 |
20,8 % |
88 |
24% |
99 |
|
Islam.-fundam. Wohlfahrtspartei
(1991 mit Nationale Arbeiterpartei* ) |
(RP/MCP) |
21,3 % |
158 |
16,8 % |
62 |
7% |
- |
|
Demokratische Linkspartei |
(DSP) |
14,6 % |
75 |
10,7 % |
7 |
8% |
- |
|
*1991 Wahlbündnis.
Derzeit (1995) mehrere der 450 Sitze durch Parteienverbot und Ausschluß
von Abgeordneten vakant. |
|
Neue Presse (Hannover), Nr. 299,
Freitag, 22. Dezember 1995, S. 3, und Hannoversche Allgemeine Zeitung,
Nr. 301, Mittwoch, 27. September 1995, S. 3 (Kompilation) |
Ergänzung (2009): Die
letzte Parlamentswahl in der Türkei
Das amtliche Wahlergebnis wurde am 30. Juli 2007 bekannt gegeben. Am 27.
Juli 2007 bekam Recep Tayyip Erdoğan vom Staatspräsidenten Sezer den
Auftrag der Regierungsbildung. Das neue Parlament trat zum ersten Mal am
4. August zusammen.
Parteien, die ins Parlament eingezogen sind:
| Partei
|
Vorsitzender |
Stimmen |
% |
Sitze |
|
Adalet ve Kalkınma Partisi |
Recep Tayyip Erdoğan |
16.327.291 |
46,58 |
341 |
|
Cumhuriyet Halk Partisi |
Deniz Baykal |
7.317.808 |
20,88 |
112 |
|
Milliyetçi Hareket Partisi |
Devlet Bahçeli |
5.001.869 |
14,27 |
70² |
|
Unabhängige Kandidaten |
|
1.835.486 |
5,24 |
26 |
Übrige Parteien :
|
Aydınlık Türkiye Partisi |
Oktay Öztürk |
100.982 |
0,29 |
0 |
|
Bağımsız Türkiye Partisi |
Haydar Baş |
182.095 |
0,52 |
0 |
|
Demokrat Parti |
Mehmet Ağar |
1.898.873 |
5,42 |
0 |
|
Emek Partisi |
Levent Tüzel |
26.292 |
0,08 |
0 |
|
Genç Parti |
Cem Uzan |
1.064.871 |
3,04 |
0 |
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Parlamentswahlen_in_der_T%C3%BCrkei_2007
II. Tabellen zur Geschichte des Sultanats
A. Dynastie der Seldschuken (Selçuk)
Herkunft der
Seldschuken aus dem nordwest-iranischen Bereich des turksprachigen
Azerbaidjan (halbnomadische Stämme, ›Kara Koyunlu‹, ›Aq Koyunlu‹ u.a.).
Erste Staatsbildungen in Azerbaidjan, Hauptstadt Tabriz (›Persisches
Seldschukenreich‹).
|
Selçuk |
gest. 1030 |
|
|
Togrul Beg |
1030-1063 |
‚Schutzherren‘ der Kalifen von
Baghdad. |
|
Alp Aslan |
1063-1072 |
Schlägt den byzantinischen
Kaiser Romanos IV. Diogenes bei Mantzikert am Van-See; Anatolien wird
erobert. |
Eroberung von
Armenien, Georgien und Phrygien.
Aus dem Osten folgen turkmenische Völker nach: Oghusen und Mongolen.
|
Sultan
Süleyman |
gest. 1086 |
gründet Seldschukenreich von
›Rom‹
(= Byzanz) in Iconium / Konya. |
|
Sultan Kxlxç Arslan |
|
|
|
Sultan Kotb
Eddin |
|
Verteidigung von Konya gegen
Barbarossa |
|
Sultan
Alâeddin Khaikobad |
1220-1237 |
Kulturelle
und politische Blütezeit.
1207-1273
Mêvlâna Djellaleddin Rûmî. |
|
Sultan
Alâedin III |
gest. 1307 |
fällt im Kampf gegen die
Mongolen. |
Eroberungen der
turkmenischen Mongolen aus Zentralasien unter Dschingis Khan.
Aufteilung des mongolischen Großreiches in des russische Reich der ›Goldenen
Horde‹
(›ordu‹ = türkisch ›Armee‹), die chinesische Mongolendynastie, das
vorderasiatische Mongolenreich der ›Il Khane‹ (›il‹ = türkisch ›Provinz‹)
und das zentralasiatische Mutterland
um Ulan Bator.
In Anatolien
lösen die Dynastien Karamanli (1275-1466) im Süden und die Dynastie der
Osmanen im Norden sukzessive die Seldschuken ab.
B. Dynastie der Osmanen
Herkunft der
Osmanen von wandernden, nomadischen Turkmenenstämmen aus dem Gebiet von
Chorrassan / Nordostiran und Turkmenistan.
|
Süleyman |
Anfang 13. Jh. |
Einwanderungszeit. |
|
Ertogrul |
1231-1288 |
Eroberungen in
Nordwestanatolien. |
|
Sultan Osman ‚Gazi‘ (‚der Siegreiche‘) |
1288-1326 |
Gründer der
Osmanischen Dynastie; Hauptstadt Eskiwehir, ab 1300 Afyon Karahisar;
1326 Kapitulation von Bursa. |
|
Sultan Orkhan |
1326-1359 |
Ausbau der Residenzstadt Bursa;
1354 Überquerung der Dardanellen bei Gallipoli (Gelibolu). |
|
Sultan Murat I. |
1359-1389 |
Ausweitung des Reiches in Anatolien;
Eroberungskriege auf dem Balkan:
1363 Edirne (Adrianopel) / Maritza
1375
Niš
1382 Sofia
1389 Schlacht von Kossovo Polje (Amselfeld), Sieg
über den serbischen Fürsten Lazar, der hingerichtet wird; Murat wird von
einem serbischen Gefangenen ermordet. |
|
Sultan
Bayazid I. Yildirim (der Blitz) |
1389-1402 |
Viele
Kriegszüge an allen Grenzen (‚wie ein Blitz‘); 1396 Schlacht von
Nikopolis an der Donau;
erste
Belagerung von Konstantinopel; der byzantinische Kaiser wird dem Sultan
tributpflichtig.
1402 Schlacht
von Ankara; der Sultan fällt im Kampf gegen Timur Leng. |
Die turkmenischen
›Mongolenheere‹ von Timur Leng (›der Lahme‹) erobern von Buchara und
Samarkand in Mittelasien ausgehend Persien, Mesopotamien und Anatolien. Sie
besiegen in der Schlacht von Ankara das Osmanische Heer, ziehen dann aber
wieder nach Mittelasien ab.
Das Osmanische Reich zerfällt vorübergehend in ein Machtvakuum und
konkurrierende Stämme.
|
Sultan
Süleyman I. |
1403-1411 |
|
|
Sultan Musa |
1411-1413 |
|
|
Sultan Mehmet
I. |
1413-1421 |
Erneute Einigung und Festigung
des Reiches (‚der Erneuere‘). |
|
Sultan Mehmet
II. Fatih (‚Eroberer‘) |
1451-1401 |
1453 Eroberung von
Konstantinopel.
Istanbul wird Hauptstadt des
Reiches. |
|
Sultan
Bayazid II. (‚der Fromme‘) |
1481-1512 |
Kampf gegen
die Mamluken in Ägypten;
Eroberungszüge in Polen, Österreich (Villach) und Italien (Friaul) |
|
Sultan Selim
I. (‚der Grausame‘)
|
1512-1520 |
Eroberungen
in Syrien, Palästina (Jerusalem), Ägypten, Mekka;
Annahme des
Kalifen- und Scherifentitels (‚Hüter der Heiligen Städte‘) |
|
Sultan
Süleyman I. (‚der Prächtige‘)
türkisch:
Kanunî (‚der Gesetzgeber‘) |
1520-1566 |
1529 Erste
Belagerung von Wien. –
Politischer
und kultureller Höhepunkt des Osmanischen Reiches. –
Tod bei
Szigetvár beim Zweiten Feldzug gegen Wien. |
Niedergang der
Sultansmacht, Machtgewinn des Hofes, des Militärs und der Notablen parallel
zum militärischen Machtverlust im Äußeren und zum Ende der Expansionsphase;
zunehmend verlustreiche Kriege gegen das aufsteigende und expansive
Zarenreich und Einbeziehung in die europäischen Hegomonialkriege zunächst
noch unter Einschluß des Habsburger Reiches, später vor allem von England
und Frankreich in wechselnden Bündnissen und Koalitionen.
1595-1687
Haremswirtschaft, Dominanz von Sultaninnen und Sultansmüttern.
1687-1757
Regierungsmach bei Großweziren der Familie der Köprülü.
1754-1808
Wechselnde Machtursupation durch Eunuchen und Janitscharen.
|
Sultan Selim
II (‚der Säufer‘) |
1566-1574 |
1571 Seeschlacht von Lepanto |
Verschiebung der
internationalen Machtbalance zwischen Habsburg, Zarenreich und Osmanischem
Reich zu Lasten des Letzteren; Einmischung von England und Frankreich.
|
Sultan Ahmet I. |
1603-1617
Bau eines Gartenhauses im Dolmabahçe-Garten |
|
|
Sultan Mehmet II. |
1649-1687 |
1683 Belagerung
von Wien, Niederlage. |
|
Sultan Süleyman II. |
1687-1691 |
Verlust von
Belgrad |
|
Sultan Ahmet II. |
1691-1703 |
1698 Frieden von
Karlowitz |
|
Sultan Ahmet III. |
1703-1730 |
1700 Frieden von Konstantinopel.
1710-1711 Sieg über Rußland.
1713 Frieden von Adrianopel (Edirne)
1716 Krieg gegen Habsburg und Venetien.
1718 Frieden von Passarowitz. |
|
Sultan Mahmud I. |
1730-1754 |
1736 Russisch-türkischer Krieg.
1739 Rückeroberung von Belgrad;
Frieden von Belgrad. |
|
Sultan Mustafa III. |
1757-1774 |
1768 Russisch-türkischer Krieg.
1770 Seeschlacht von Çeçme; Verlust der Flotte;
Niederlage an der Donau. |
|
Sultan Abdülhamid I. |
1774-1789 |
1774 Friede von
Küçük Kainarce (Bulgarien): Sonderrechte für Rußland, ‚Schutzmacht für
die orthodoxen Christen‘; 1786 Kriegserklärung an Rußland. |
|
Sultan Selim III.
Dominierender Einfluß des Hofes;
Ansätze zu inneren Reformen. |
1789-1807 |
1791 Frieden von Sistow mit Rußland;
Flottenaufbau durch Campbell (‚Inglizi Mustafa‘).
Janitscharenverschwörung; Selim wird gefangen gesetzt. |
|
Sultan Mustafa IV. |
1807-1808 |
Ermordet Selim
III. am 28.7.1808 und wird dann von Aufständischen gefangen gesetzt. |
|
Sultan Mahmud II. (‚der Reformer‘)
Innenpolitische Reformen; Heeresreform;
1826 Vernichtung der Janitscharen;
Verbot des den Janitscharen verbundenen
Bektaw-Ordens. |
1808-1839
gest. 1840 |
1809 Frieden mit England.
1812 Frieden von Bukarest mit Rußland.
1821 Befreiungskrieg Griechenlands.
1828 Russische Kriegserklärung.
1829 Türk.-russ. Frieden von Adrianopel.
1831 Aufstand Mohammed Alis in Ägypten. |
|
Sultan Abdulmecid
1839 Tanzimat-Reformen;
1856 Hati Humayun. |
1839-1861
1850 Bau des
ersten Kiosk des Yıldız Sarayı;
Ausbau 1894.
1853 Bau des
Dolmabahçe Sarayı |
1853-1856 Krimkrieg.
1856 Garantie der territorialen Integrität der
Türkei durch die Westmächte. |
|
Sultan Abdulaziz
Reaktionäre Innenpolitik.
1875 unter dem Druck des Auslandes
Verfassungsentwurf begonnen. |
1861-1876
1863-67 Bau des
Çirağan Sarayı (1910 abgebrannt)
1865 Bau des
Beylerbeylı Sarayı |
|
|
Sultan Murad V.
Reformpolitische Ziele;
Verfassung wird verkündet.
Wegen (erblicher) Geisteskrankheit abgesetzt. |
1876 |
|
|
Sultan Abdülhamid II.
Restauratives politisches Konzept.
März/April 1877 Eröffnung des ersten türkischen
Parlaments;
Mai 1877 Auflösung des Parlaments.
Verfassungsbruch, Rückkehr zur Despotie, Folter und Hinrichtungen.
1908 Jungtürkische Revolution |
1876-1908/9
Lebt in Verfolgungswahn abgeschieden im Yıldız Sarayı.
Ab 1908 unter Hausarrest im Beylerbeylı Sarayı. |
1876-1878
Orientalischer Krieg |
|
Sultan Mehmet V. Rewan
Regierung des Jungtürkischen Triumvirats Enver Bey,
Talaat Bey und Cemal Bey
1912 Gegenrevolution der ‚Liga für militärische
Einheit‘, anschließend Rückkehr der Jungtürkischen Regierung |
1908-1918 |
1911 Türkisch-Italienischer Krieg um Tripolis,
Abtretung Libyens.
1912 Frieden von Lausanne.
1912 Erster Balkankrieg.
1913 Frieden von London.
1913 Zweiter Balkankrieg, Vertrag von Bukarest;
Türkisch-Bulgarischer Frieden.
Bündnis mit dem Deutschen Reich.
1914-1918 Erster Weltkrieg, die Türkei kämpft an
der Seite der Achsenmächte. |
|
Sultan Mehmet VI. |
1918-1922/4 |
1918 Türkischer
Waffenstillstand. |
Quelle: Richard Peters:
Geschichte der Türken. Stuttgart 1966 (2. verb. Aufl.; 1961. Urban
Bücher 54. Kohlhammer Verlag) – u.a.
Zur Organisation der Türkeireise 1996
1. Zu unserer Partnerschule
Istanbul Lisesi
Türk Ocaäx Sok. No. 4 Tel.
0090-212-5141570
TR 34440 Istanbul / Türkei FAX
0090-212-5208183
Deutsche Abteilung: Almanca Bölüm Bawkani
Die Istanbul Lisesi ist 1996 – ausweislich der Liste
der Universitätszugangsprüfungen in der Türkei – die erfolgreichste Schule
des Landes. Sie setzt sich für ein international orientiertes moderneres
Schulwesen in der Türkei und für am deutschen Schulsystem orientierte
Schulreformen ein. Privater Kindergarten, Grundschule und – noch in der
Planungsphase: – eine »Deutsch-Türkische Universität« bilden den Rahmen für
ein »Deutsch-Türkisches Bildungssystem« in dessen Zentrum die – noch
staatliche, aber unter Sonderbedingungen arbeitende – traditionsreiche
Istanbul Lisesi steht, die als sogenanntes »Anatolisches Gymnasium« (Anadolu
Lisesi) bilingual konzipiert ist, d.h. Mathematik und naturwissenschaftliche
Fächer in deutscher Sprache, zum größten Teil durch deutsche Lehrer
unterrichtet.
Die Schule besitzt ein Internat für Jungen (sie war bis
vor zehn Jahren als »Istanbul Erkek Lisesi« eine reine Jungenschule), in dem
auch bei unseren Besuchen in Istanbul unsere Lehrkräfte und Begleiter
untergebracht werden.
Der Schüleraustausch ist Angelegenheit der türkischen
Schulleitung unter dem Schulleiter Mahir Yeämen und seinem Stellvertreter
Hamit Alkır, der selbst schon zwei Gruppen nach Hannover begleitet hat. Die
eigentliche Organisation der Besuche leistet die Koordinatorin und
Deutschlehrerin Kadriye Ardiç zusammen jeweils mit den wechselnden
Begleitern der türkischen Schülerinnen und Schüler bei ihren
Hannover-Besuchen. Die »Deutsche Abteilung«, der die deutschen Fachkollegen
zugeordnet sind, leistet bei Bedarf Kommunikations- und Informationshilfe,
ist aber an der eigentlichen Organisation der vielfältigen
Schulpartnerschaften der Istanbul Lisesi und ihrer Entwicklung zur
UNESCO-Projekt-Schule nicht selbst beteiligt.
Eine große Rolle für die fortschrittliche Entwicklung
der Schule und ihrer Finanzierung spielt eine sehr wohlhabende gemeinnützige
Stiftung (Istanbul Erkek Lisleri Vakfı), der sowohl Eltern der gegenwärtigen
Schülerinnen und Schüler, vor allem aber ehemalige Schüler, die sich heute
in führenden Positionen in Staat – bis hin zur Regierung – und Wirtschaft
der Türkei befinden und die »Deutsch-Türkischen Bildungsprojekte« auch über
die eigentliche Istanbul Lisesi hinaus sehr großzügig fördern.
2. Informationen und Übersichten zur Reise 1996
Die Türkei-Reise und der Besuch bei unserer
Partnerschule, der Istanbul Lisesi, wurde mit den Teilnehmerinnen und
Teilnehmer der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule seit dem Beginn
des Schuljahres 1995/96 in regelmäßigen AG-Treffen vorbereitet. Die
Reisebegleitung übernahmen:
Voigt, Gerhard OStR, Lehrer der
Bismarckschule
Fuchs, Günter RL, Lehrer der
Bismarckschule
Gusky, Rainer, Begleiter aus der
Elternschaft
Die Reise ist Teil der seit zehn Jahren existierenden
Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi mit regelmäßigen gegenseitigen
Besuchen von Schülergruppen im wechselseitigen Jahresrhythmus. Im 40. Jahr
der Teilnahme der Bismarckschule Hannover am internationalen Programm der
UNESCO-Projekt-Schulen kam diesem Besuch eine besondere
»Jubiläums-Bedeutung« zu.
Zu den Grundlagen dieses Schulpartnerschaftsprogrammes
gehört es, daß einmal die Schülerinnen und Schüler gegenseitig in
Gastfamilien untergebracht werden und damit den Alltag in den Familien des
besuchten Landes kennen lernen können, daß andererseits versucht wird, durch
ein Informationsprogramm einiges über Geschichte und Gegenwart dieses Landes
kennen lernen zu können. Unseren türkischen Gästen bereiten wir ein Programm
in Hannover vor, daß durch Fahrten z.B. nach Bremen und in den Harz (mit
Hilfe unserer gastgebenden Elternfamilien) erweitert und vertieft wird; die
türkische Schule bereitet uns in Istanbul ein Besichtigungs- und
Informationsprogramm vor, daß durch Unternehmungen mit den dortigen
Gastfamilien ergänzt wird. Über diese Programme werden unsere
Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem umfangreicheren Reisebericht, der in
Kürze veröffentlicht werden soll, berichten.
In eigener Initiative schließen wir in der Regel an den
einwöchigen Istanbul-Aufenthalt noch eine Busrundfahrt durch den westlichen
Teil der Türkei an. Unsere Partnerschule ist uns bei der Vorbereitung und
der Anmietung eines Busses behilflich. Auch diesmal konnten wir einen
»Midi«-Bus haben, der sonst als Schulbus für die Schule fährt. Wir hatten
dabei den gleichen Fahrer wie beim letzten mal, der durch seine fahrerische
Kompetenz und ständige zurückhaltende und freundliche Hilfsbereitschaft als
wahrer Glücksfall zum Gelingen der Reise beitrug.
Die Reise wurde, nach dem vorgeschriebenen
Genehmigungsverfahren durch Schule und Bezirksregierung als offizielle
Schulveranstaltung durchgeführt. Dazu gehörte auch, daß die Flugbuchung nach
einer Ausschreibung bei mehreren türkischen Reisebüros in Hannover erfolgte
und die Gruppe durch eine Gruppen-Reise-Versicherung gegen Krankeits-,
Reiserücktritts-, Haftungs- und Unfallrisiken abgesichert wurde.
Erfreulicherweise brauchten diese Absicherungen nicht in Anspruch genommen
werden, da – im Rahmen der üblichen Reise-Maßstäbe, die kleinere
Unpäßlichkeiten nicht allzu ernst nehmen – auf der Reise [bis auf
Seeigel-Stacheln im Fuß von Iris] keine Krankheiten und Unfälle vorgekommen
sind.
Die Reisekosten schöpften den Voranschlag von 1100,--
DM pro Person nicht aus, vor allem da die Flugbuchung sehr günstig erfolgen
konnte. Die Buskosten waren teurer als veranschlagt (durch höhere
Treibstoffkosten in der Türkei), während Übernachtung und Verpflegung etwa
im verausgesehenen Rahmen blieben. So konnten Restbeträge wieder
zurückgezahlt werden.
Informationen über das Programm, die Teilnehmer und die
Abrechnung, wie ein Hinweis auf den bevorstehenden nächsten Besuch aus der
Türkei finden sich in den folgende Notizen.
3. Flugdaten für den Hinflug und Programm in der Türkei:
Treffen Flughafen Hannover-Langenhagen, Abflughalle:
Sa., 11.05.96, 9.30 Uhr
Abflug um 11.30 Uhr, Ankunft in Istanbul gegen 15.30
Uhr Ortszeit
Flug: Istanbul Air IL 302, Veranstalter: ÖGER TÜRK-TUR
Reisebüro Akinçi, Goethestraße 12, 30169 Hannover, Tel.
0511-1318951, Herr I. Mikyas
|
11. Mai |
Samstag, |
Treffen am Flughafen (Dış Hatlar), |
|
|
15.00 Uhr |
Empfangen der Gäste, Ankunft 15.30 Uhr |
|
|
|
(Istanbul Airlines) |
|
12. Mai |
Sonntag |
Bei den Familien |
|
13. Mai |
Montag, |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule, Unterrichtsbesuche |
|
|
10.00 Uhr |
Empfang der Gäste durch den türkischen Schulleiter Mahir
Yeğmen |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen in der Schule |
|
|
12.30 Uhr |
Besuch der Zisterne »Yerebatan Sarayı« und des Topkapı
Serails |
|
|
15.00 Uhr |
Rückkehr zur Schule |
|
14. Mai |
Dienstag, |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Besuch berühmter
Sehenswürdigkeiten
Soğukçeşme Straße, Hagia Sophia,
Sultanahmet Platz, Sultanahmet Moschee etc. |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen in der Schule |
|
|
13.45 Uhr |
Unterrichtsbesuche |
|
15. Mai |
Mittwoch |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Stadtrundfahrt, Picknick (Lunchpakete mitbringen!) |
|
|
15.00 Uhr |
Rückkehr zur Schule |
|
16. Mai |
Donnerstag |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Besuch des Großen Bazars und des Ägyptischen Bazars |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen in der Schule |
|
|
nachmittags |
zur freien Verfügung |
|
17. Mai |
Freitag |
Beginn der Fahrt nach Anatolien. – Abfahrt mit Bus nach
Ankara; Übernachtung im Hotel Hitit. |
|
18. Mai |
Samstag |
Ankara: Julian-Säule, Haci Bayram, Hethiter-Museum, Burg
(Kale), Anıt Kebir (Atatürk-Mausoleum) |
|
19. Mai |
Sonntag |
Boğazköy (Hattuşa, Ausgrabungen); dann bis Kappadokien;
Übernachtung im Hotel Gülşehir |
|
20. Mai |
Montag |
Rundfahrt durch Kappadokien: Unterirdische Stadt Özkonak,
Avanos, Zelve, Göreme, Uçhisar, Gülşehir |
|
21. Mai |
Dienstag |
Weiterfahrt nach Konya über Aksaray und Sultanhanx (Kervanseray);
Übernachtung im Hotel Tur |
|
22. Mai |
Mittwoch |
Konya, Stadtrundgang: Mêvlana (Tekke der »Tanzenden
Derwische« und Grab von Cellaleddin Rûmî); Altstadt, Bazar; Burgberg mit
Alaeddin Kaykobad Camii; Ince Minaresi Medrese; Karatay Medrese |
|
23. Mai |
Donnerstag |
Weiterfahrt über Pamukkale, Hierapolis nach Denizli;
Übernachtung im Hotel Wirin Çinar, Denizli |
|
24. Mai |
Freitag |
Weiterfahrt nach Selçuk über Aphrodisias; Übernachtung
im Hotel Viktoria in Selçuk; Abends frei (Bad in der Ägäis) |
|
25. Mai |
Samstag |
Ephesus; nachmittags frei (Bad in der Ägäis) |
|
26. Mai |
Sonntag |
Weiterfahrt über Izmir nach Pergamon (Bergama): Kızıl
Avla, Akropolis, Asklepeion; Übernachtung in Çanakkale, Ozan Motel
(Strandhotel); Abends frei (Bad in den Dardanellen) |
|
27. Mai |
Montag |
Morgens Besuch von Troja; Rückfahrt über Çanakkale nach
Istanbul; Übernachtung bei den Familien unserer Gastgeber |
|
28. Mai |
Dienstag |
Flugdaten für den Rückflug: |
|
|
16.00 Uhr |
Treffen auf dem Atatürk-Flughafen Istanbul, Abflughalle |
|
|
18.00 Uhr |
Flug: Istanbul Air
IL 301, Veranstalter: ÖGER TUR
Ankunft in
Hannover gegen 20 Uhr Ortszeit |
Die Ankunft in Hannover erfolgte planmäßig und am
nächsten Tag, dem ersten Tag nach den kurzen »Pfingstferien«, begann der
normale Schulalltag – für die beiden Lehrer gleich mit zwei Nachmittagen mit
mündlichen Abiturprüfungen in den Fächern Erdkunde und Gemeinschaftskunde.
4. Abrechnung 1996: Ein Finanzierungsmodell
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1. Flug, Versicherung, Flughafengebühr |
350,00 |
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2. Busanmietung mit Nebenkosten |
230,00 |
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3. Zehn Übernachtungen im Hotel mit Frühstück |
190,00 |
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4. Verpflegung, eine warme Mahlzeit pro Tag |
150,00 |
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5. Eintritte, Programmkosten, Porti, Telefon etc.
(pauschalisiert) |
40,00 |
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6. Rückbehalt für Reisebericht |
20,00 |
Anmerkungen
zur Abrechnung:
1. Entsprechend den Vereinbarungen in den
»Reisebedingungen« kann keine in allen Einzelpositionen gegliederte
detaillierte Abrechnung erfolgen. Alle verfügbaren Belege sind bei mir
verwahrt.
2. Wechselnde Umtauschkurse, Zahlungen ohne
Belege (in der Türkei häufig) und Rundungen bzw. Trinkgelder bedingen
eine plausibilisierte Schätzung der Ausgaben.
3. Die Abrechnung wurde mit den tatsächlich
vorhandenen Bargeldbeträgen verglichen.
4. Flugkosten, Versicherungen etc. wurden von
allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in gleicher Höhe gezahlt.
5. In Konsens von Herrn Fuchs und Herrn Voigt
wurden die unermüdlichen und freiwilligen Hilfs-, Betreuungs- und
Übersetzungsleistungen von Herrn Gusky als geldwerte Leistungen
gewertet und als Kostenbeitrag für Hotel/Bus/Verpflegung angerechnet.
6. Für die übrigen Teilnehmer und Teilnehmerinnen
wurden Hotelkosten, Verpflegung etc. in gleicher Höhe pauschalisiert
berechnet. Kleinere individuelle Unterschiede in der Inanspruchnahme
konnten nicht berücksichtigt werden.
7. Rein dienstliche, studienfahrtbedingte Kosten
(Busfahrt, Eintritte, Porti, Kopier- und Nebenkosten) wurden für die
beiden begleitenden Lehrer entsprechend den Reisebüroregelungen mit
Freiplätzen bei üblichen Klassenfahrten nicht berechnet.
8. Individuelle Zusatzkosten wurden an Ort und
Stelle verrechnet und sind nicht in die Gesamtabrechnung einbezogen.
5. Die Reisegruppe und ihre Gastgeber
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Gäste: |
Gastgeber:
NAME |
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Bode, Iris |
Koray ÖZDIL |
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Cögür,
Dennis |
Deniz ZORLU |
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Fedorchenko,
Andre |
Erdem GÖKÇE |
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Fuchs,
Renate |
Emre GÜL |
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Hergert,
Andreas |
İhsan
ENGINDENIZ |
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Klar,
Matthias |
Engin
KEHALE |
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Lecher,
Daniel |
Onur AKYOL |
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Leute,
Philip |
Haluk
ULUŞAN |
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Müller,
Julia |
Berksu
KARAIBRAHIMOĞLU
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Pohlmann,
Beate |
Ali Şirvan
YÜKSEL |
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Sann,
Henning |
Arif Emre
KELEŞ |
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Schulze,
Christine |
Ece AYDAN |
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Tonscheidt,
Anne |
Tolga ERÇEL |
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Wasilewski,
Patrizia |
Mehmet
KALAYCOĞLU |
6. Gegenbesuch der türkischen Schülerinnen- und
Schüler
Der Auftaktbesuch unserer türkischen Freunde für die
nächste Besuchsrunde ist nun im Herbst 1996 auch schon wieder erfolgt,
was wir zunächst nicht erwartet hatten, so daß wird für unseren
Besuchsturnus verschieben und im Herbst 1997 in die Türkei fahren werden.
Bei der Terminierung hatte es Absprache-Defizite
gegeben, mit denen ich zu Beginn unseres Aufenthaltes in Istanbul durch
unsere Ansprechpartnerin in der Istanbul Lisesi, Frau Kadriye Ardiç,
konfrontiert wurde, die aber in der Ursache nachvollziehbar waren.
Im vergangenen Jahr hatten wir, nach mündlicher
Vorankündigung schon 1994, die Partnerschule eingeladen, sich an der damals
für Herbst 1996 geplanten trinationalen Jugendbegegnung in Kreisau
zu beteiligen. Obwohl wir in Hannover keine positive Reaktion aus Istanbul
erhielten, erfahre ich, daß durchaus konkrete Teilnahmevorbereitungen
stattgefunden hatten und eine Gruppe für 1996 zusammengestellt worden ist.
Als die – immer noch in der Realisierbarkeit unsichere – Verlegung auf 1997
mitgeteilt wurde, hat die Schule kurzerhand die schon weit gediehenen
Reisevorbereitungen für 1996 „umfunktioniert" in die Vorbereitung des
nächsten „einfachen" Hannover-Besuchs im Rahmen des Schüleraustausches, vor
allem da relativ viele Schülerinnen und Schüler konkret interessiert und
durch ihre Eltern auf die Reise vorbereitet waren. Ich wurde also mit der
Bitte konfrontiert, einen möglichen Besuchstermin für die nächste
Reisegruppe nach Beginn
unseres Schuljahres und gleichzeitig noch in den letzten Tagen
der türkischen Sommerferien zu nennen, denn eine
offene Buchung des Fluges
war schon erfolgt!
Sicher haben wir auf unsere eigenen Schwierigkeiten
hingewiesen – auch in Bezug auf die Kürze der Zeit, bis zu den Sommerferien
genügend Gasteltern zu finden –, konnten aber in Anbetracht der überaus
herzlichen und aufwendigen Aufnahme unserer Gruppe in Istanbul und in der
Perspektive, daß der grundsätzliche Zweijahresrhythmus dadurch nicht in
Frage gestellt, aber eine türkische Teilnahme am Kreisau-Projekt, wenn es
nun 1997 realisierbar werden sollte, ermöglicht werden sollte, keine
Ablehnung des türkischen Besuchswunsches äußern, sondern haben versprochen,
in Zusammenarbeit mit unserer Schulleitung und der Elternvertretung der
Bismarckschule Hannover unser Bestes zu tun, den gewünschten Besuch zu
ermöglichen. 19 Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi wurde uns mit
sorgfältigen „Vorstellungsbriefen" mit Bild und Eigencharakteristik schon in
Istanbul als Gäste für den Herbst 1996 benannt.
Auf der nächsten Seite füge ich noch die Liste der
Schülerinnen und Schüler aus Istanbul bei, die im August/September 1996 nach
Hannover gekommen sind.
Istanbul
Lisesi: Besuch einer Schülergruppe in der Bismarckschule Hannover im Herbst
1996 (UNESCO Schulpartnerschaft / Türkei-Arbeitsgemeinschaft)
Die Namen
unserer Gäste
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Ekin Tırman
Tuna Tahsildaroğlu
Zeynep Gürler
Berrak Dinçtürk
Ozan Baran Aslan
Gökçe Kırca
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Ufuk Doğan
Serkan Güven
Cana Ulutaş
Benan Seraslan
Tolga Özgen
Deniz Ural
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Cankut Aydın
Çağatay Özer
Ömer Tarkan
Uğur Sennaroğlu
Sinan Birinci
Erhan Coplugil
Mert Özdemir |
7. Literaturauswahl
Literaturempfehlung für die Türkei-Reise
Ackermann, Irmgard, Hg.: Als Fremder in
Deutschland. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München 1983
[dtv].
Die umgekehrte Perspektive. Eröffnet einen
Blick auf uns und sensibilisiert für interkulturelle und soziale Spannungen.
Atanasiu, N.: Wandlungen und
Wandlungsmöglichkeiten der türkischen Agrarstruktur. Geographische Rundschau
1970. Heft 1. S. 19-22
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