Ein
Rückblick: Persönliche
Reminiszenzen an die Türkei-Reisen. Ein essayistisches Feuilleton
Es ist eine reizvolle,
wenn auch nicht immer einfache Aufgabe, zu jedem der bisher fünf Reiseberichte
von Reisen in die Türkei im Rahmen der Schulpartnerschaft der Bismarckschule
Hannover mit der Istanbul Lisesi ein neues, gehaltvolles, informatives und doch
originelles Vorwort zu schreiben, das sich nicht auf eine reine Wiederholung
bisheriger Aufsätze beschränkt. Vor dieser Aufgabe stehe ich nun wieder. Durch
die lange Verzögerung, mit der die einzelnen Berichte unserer Teilnehmerinnen
und Teilnehmer zur redaktionellen Zusammenstellung bei mir eingingen – die Reise
fand ja schon in über Himmelfahrt und Pfingsten des nun zur Neige gehenden
Jahres 1996 statt – wird dieses Bemühen um eine „Vorwort“ eher zu einer allgemeineren Reflexion
und Rechenschaft über das vergangene Jahr und über die Kontinuitäten der
Reisen und der Begegnungen mit dem Fremden, der Fremde, die im Laufe der Zeit
zur heimatlichen Nähe wird, damit auch zu einem Angebot zum gemeinsamen
Erinnern und Nachdenken an die, die diesen Weg begleitet haben, ihre Hoffnungen
auf ein neues Verhältnis zur Welt gesetzt und aktiv an den vielen Vorhaben der
vergangenen Jahre beteiligt waren – schlicht gesagt: an unsere Freunde und
„Mitstreiter“, und natürlich auch an die Reisegruppe selbst, der die
Erinnerung an gemeinsames Erleben noch frisch und unmittelbar gegenwärtig ist
– in der Hoffnung, daß vieles vor dem Lauf der eigenen Biographien Bestand
und Wert haben möge.
Das ist diesmal noch wichtiger und schwieriger, da mit
dem Besuch in Istanbul
1996 das zweite Jahrzehnt unserer
Partnerschaft und der Türkeiarbeit unserer Schule begann und es die Aufgabe
dieses Heftes sein soll, nicht nur über diese eine Reise zu berichten, sondern
ein erstes Résumé der Türkeikontakte und der Schulpartnerschaft im Rahmen der
Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule herzustellen, zu fragen, wie es begann,
welche Ziele und Überlegungen am Beginn dieser Arbeit standen – zu diesem
Zweck werden wir einen lange vergriffenen Text von 1990, der damals eine erste
Zwischenbilanz der Schulpartnerschaften und der ›Arbeit einer UNESCO-Schule‹
zog, nachfolgend wieder abdrucken – und zu fragen, was denn bisher tatsächlich
geschafft und bewegt worden ist: um Fixpunkte für die Ziele der zukünftigen
interkulturellen Arbeit unserer Schule zu stecken.
Der erste Blick auf die heutige Situation ist zwiespältig,
eher pessimistisch. Während sich in der Istanbul Lisesi vieles seit 1985 bewegt
hat, die Schulpartnerschaften einen zunehmend wichtigeren Stellenwert einnehmen
und immer deutlicher auf die Bildungsziele der Schule ausstrahlen – durchaus
bewußt als Gegenbewegung zu retardierenden Momenten der türkischen
Bildungspolitik und der problematischen Entwicklungen in der Türkei –, ist an
der Bismarckschule Hannover eher Rückschritt zu verzeichnen. Vom Aufbruch zu
neuen Bildungskonzeptionen, wie sie bei Colloquien und Veranstaltungen in der
Schule in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aufschienen, als der UNESCO-Club für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., gegründet und
interkulturelle Projektveranstaltungen mehrfach mit großem Erfolg durchgeführt
worden waren, ist wenig übrig geblieben; Resignation bei vielen Kolleginnen und
Kollegen greift um sich, wenn im Kollegium, wie zunehmend in der Schüler- und
Elternschaft der Interkulturellen Bildung zuwider laufende Stimmungen und
Einstellungen dominieren, die unterschwellig sogar fremdenfeindliche Haltungen
und Motive erkennen lassen, die einer UNESCO-Projekt-Schule nicht würdig sind.
Vor diesem Hintergrund stehe ich vor einer schwierigen
Aufgabe. Wieder könnte und sollte ich von den Zielen und Aufgaben der
UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der Bismarckschule berichten, die längst noch nicht
im Bewußtsein der Schulöffentlichkeit von Schülerinnen und Schülern,
Kolleginnen und Kollegen und der Elternschaft die Bedeutung, Bekanntheit und den
Rang einnimmt, den sie haben sollte – gerade in der gesellschaftlichen
Umbruchsituation hin zur Globalisierung und Universalisierung von Politik, Sozioökonomie
und Alltagskultur mit allen ihren den Einzelnen zutiefst betreffenden Folgen...
Wieder könnte und sollte ich von den besonderen
Probleme der Türkei und den deutsch-türkischen Verhältnissen sprechen, deren
aktuelle Auswirkungen und Risiken ständiges Thema der tagesaktuellen Medien wie
aller an Friedenspolitik und Menschenrechten interessierten Demokraten ist.
Vor allem auch, weil ich mich selbst in den vergangenen
Jahren vertieft mit der Soziologie und Geschichte der türkischen Gesellschaft
wissenschaftlich befaßt habe und dieses Thema – auch in Hinblick auf das
verallgemeinernde Thema der Problematik der Entwicklung von Staatsgesellschaften
im Kontext mit dem ›nation building‹
und der Ethnogenese in den Ländern
der ›Semiperipherien‹, was übliche,
am mitteleuropäischen Modell orientierte »Selbstverständlichkeiten« und Überzeugungen
über die Zusammenhänge von Staat und Gesellschaft fragwürdig werden läßt
– immer faszinierender finde und es auch in einigen kleinen Aufsätzen
zusammengefaßt habe...
In den
Semiperipherien
entscheidet sich mittelfristig die Zukunft des heutigen Weltmodelles, die
Chancen für Frieden oder das Überborden regionaler Konflikte, die ökonomische
Entwicklung im Rahmen der Globalisierung wie der Möglichkeit der
Universalisierung sozialer Mindeststandards und der Menschenrechte: als
letztlich auch unsere eigene Zukunft!
Länder der
Semiperipherien
erproben eine Vielzahl von Entwicklungsmodellen
und Überlebensstrategien. Die
osteuropäischen Länder wie Polen und
Ungarn sind auf dem Weg zur
Integration in die ökonomisch-politischen Zentren, konkret in den Verbund von
NATO und EU, die südostasiatische Tigerländer
versuchen die rein ökonomische Entwicklung mit der Integration in die
globalisierte Weltwirtschaft aber der geschlossenen politisch-gesellschaftlichen
Entwicklung, Länder in Südamerika versuchen die Balance zu halten zwischen ökonomischem
Wachstum, politischer Anlehnung an die industriellen Zentren und einem eher
improvisierten Umgang mit den sich abzeichnenden sozialen und ökologischen
Katastrophen, die arabischen Länder
und Iran schwanken zwischen ökonomischer
Integration in den Weltmarkt und politisch-kultureller Zugehörigkeit zu einer
»Ablehnungsfront«, während die Türkei den traditionellen europäischen
Nationalismus und Laizismus übernommen hat, damit aber nur vordergründig ein
›westliches
Staatsmodell‹ entwickeln konnte, das durch typische Prozesse der
Ethnogenese
und Nationenbildung konfliktreich überlagert
wird. In allen Fällen sind jedoch auf der einen Seite global relevante ökonomische
Potentiale, auf der anderen Seite überregional bedrohliche Konfliktpotentiale
in den semiperipheren Regionen verortet, auf die die europäischen Länder, auf
die wir selbst eine Antwort finden müssen.
Einen kleinen Einblick in die Arbeit an diesem Thema,
dessen historische Dimension besonders aufschlußreich ist, möchte ich auch den
Lesern und Leserinnen dieses Reiseberichtes mit dem Abdruck eines kleinen
Aufsatzes über die Geschichte der Reformbewegungen in der Türkei, vor allem in
der Zeit des Osmanischen Reiches in der ›Tanzimat‹-Epoche des 19.
Jahrhunderts geben. Diese Zeit wart Wurzel und Ausgangspunkt der Reformen der
›Jungtürken‹ zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die wiederum Fundament der türkischen
Republik unter Kemal Atatürk nach dem Ende des Sultanats im Ersten Weltkrieg
waren.
Zurück zur Einleitung dieses Heftes. Zu leicht vergißt
man ja, daß in einer langen Folge von Reiseberichten ja immer wieder andere
Reiseteilnehmer, immer wieder andere Leserinnen und Leser auch der Berichte in
die Türkei-Arbeit der Bismarckschule Hannover integriert wurden. Schon in der
Gestaltung der Reiseprogramme ist darauf zu achten, daß ein Grundbestand an
Erfahrungen, Erlebnissen und Besichtigungen für diejenigen, die zum ersten Male
die Türkei besuchen, notwendiger Bestandteil der Planung sein muß, auch wenn
er in jeder Reise wieder auftaucht. Für die jeweilige Reisegruppe sind diese
Erfahrungen neu, einprägsam und notwendig. Für die Leserinnen und Leser der
Reiseberichte kann daher auch nicht auf die notwendigen Grundinformationen
verzichtet werden, müssen die Fragen beantwortet werden, die jedes Mal auf’s
Neue gestellt werden...
Es ist dies ein Grundproblem der Lehrerexistenz, vor
allem, wenn Lehrersein nicht nur als Abspulen immer der gleichen Lehrprogramme
und Unterrichtsstoffe verstanden wird, sondern die einmalige Lern- und
Kommunikationssituation mit den Schülerinnen und Schüler im Vordergrund stehen
soll, in der sich eigene Langeweile
sehr schnell auf die Lernmotivation
der ganzen Lerngruppe überträgt – was letztlich auch auf der x-ten
Wiederholung einer standardisierten Türkeireise passieren könnte! Jahrelang in
immer den gleichen Fächern und Klassenstufen zu unterrichten, führt zu einer
»Professionalisierung«, die von Erfolgen und Mißerfolgen gelernt hat und dazu
verführt, beim »Bewährten« stehen zu bleiben und die, in früheren Zeiten
zwangsläufigen, suchenden und erprobenden, riskanteren Unterrichtsabenteuer,
die erst das Lernen interessant und motivierend machen können, zu meiden: nicht
aus Faulheit und Risikoscheu – wenn es das sicherlich auch geben sollte –,
sondern aus der gut gemeinten Überzeugung,
das
Falsche nicht zu tun!
Damit verliert der Beruf selbst seinen Reiz und die
Chance, selbst weiter zu lernen – und wer nicht lernt, ist geistig tot.
Vielleicht hängt davon, unbewußt, auch der Eindruck vieler älteren
Kolleginnen und Kollegen zusammen, daß die Schülerinnen und Schüler von
Jahrgang zu Jahrgang weniger leistungsfähig
oder sogar ›dümmer‹ würden; in
Wirklichkeit wächst nur die Diskrepanz zwischen Schülerinnen und Schülern in
immer wieder gleichen Alters- und Entwicklungsstufen und dem eigenen Alter, der
eigenen Erfahrung und »Professionalität« – ...habe ich das nicht schon
so
oft gesagt, und sie haben es immer
noch nicht gelernt... Nein das waren vergangene Jahrgänge, mit denen ich
das immer gleiche Problem bearbeitet hatte...
Manchmal mag es auch subjektiv schmerzhaft sein, wenn
die eigene Freude am Neuen immer weiter zurück liegt und wenn ich dabei die
Freude und die Überraschung der Jüngeren beobachte, die alles nun zum ersten
Mal erleben.
So geht es auch bei unseren Türkeireisen. Wie viele es
bis heute waren, müßte ich erst einmal nachzählen, wobei eigene Reisen ohne
Schülerinnen und Schüler noch dazu kommen: zumindestens waren es fünf Reisen
im Rahmen unserer Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi, die jeweils mit einem Aufenthalt in
Istanbul
begannen und dann eine Rundfahrt durch die Mittel- und Westtürkei, Ankara,
Konya und Kappadokien, anschlossen.
Sehr deutlich wurde mir dieser Wiederholungscharakter
fast schlagartig, als wir bei unserer letzten Reise zum Empfang bei
Mahir
bey, dem Direktor der Istanbul Lisesi, waren; die Schülerinnen und Schüler etwas beeindruckt vom großen,
repräsentativen Amtszimmer – fast im klassischen Sinne des Amtes als
Autorität und Ehre –, auch etwas distanziert und gelangweilt,
weil die deutsche Alltagskultur gerade auch der Jugend diese Form der Amtsrepräsentanz
mit wachsender Distanz und emotionaler Ablehnung wahrnimmt – übrigens, wie
wir beobachten konnten, ähnlich und zunehmend auch bei den türkischen Schülerinnen
und Schülern zumindest in unserer Partnerschule: sehr zum Kummer der türkischen
Bildungsideologie –, daneben wiederum andere jüngere türkische Kolleginnen
und Kollegen, die bei unserem letzten Besuch noch nicht dabei waren, aber gerade
auch für die Übersetzungen gebraucht wurden, dazu Frau
Kadriye
Ardiç, die als Subdirektorin und Deutschlehrerin für die
Schulpartnerschaft zuständig ist: Mahir
bey und ich in einem jetzt schon
erprobten
Ritual der Begrüßung und des gegenseitigen Dankes gegenüberstehend bzw.
‑sitzend – wobei beides sehr ernst gemeint und herzlich ausgesprochen
wurde und als notwendig für die Kontinuität der Partnerschaft zu werten war.
Es überkam mich wie ein Déjà-vu-Erlebnis und blockierte dann die Flüssigkeit der ewig
wiederholten Floskeln; ich mußte mich selbst
herausnehmen, Istanbul
war ja für mich nicht mehr fremd und neu, es war ein fast vertrautes
Wiedersehen,
bei dem zunehmend auch kleinere Veränderungen und Entwicklungen wahrgenommen
und registriert, Stimmungen und Hoffnungen erfüllt werden, es war eher eine
Rückkehr.
Und damit wird dieser Ort zu einem Teil auch so etwas
wie eine Heimat. Zweierlei wurde bei
diesem Aufenthalt in Istanbul
und in der Türkei deutlich: die Erkenntnis, so vieles noch nicht zu wissen,
noch nicht gesehen und noch nicht verstanden zu haben – die Neugier wurde
konkreter, zielgerichteter, die Fragen präziser – und andererseits – auf
der spontan bewußt gewordenen oberflächlichen Ebene –: ich habe auf meinen Gängen
durch das Zentrum von Istanbul
keinen Stadtplan mehr bei mir gehabt und auf unserer Rundreise durch
Westanatolien brauchte ich kaum je eine Autokarte, die bei früheren Reisen tägliches
Instrument der Routenplanung und der Orientierung war, um unserem Busfahrer den
Weg zu unserem nächsten Ziel zu weisen.
Nun, vielleicht ist dies jedoch etwas übertrieben:
Meine ursprünglichen Besichtigungswünsche waren, wenn auch gleich mit etwas
Skepsis formuliert, nicht ganz so zu realisieren. In der zur Verfügung
stehenden Zeit war ein eigentlich gewünschter Abstecher zur Schwarzmeerküste,
der mit Paßfahrten verbunden wäre, nicht möglich. Das zeigte noch in Istanbul
intensiveres gemeinsames Kartenstudium. Aber bis zur berühmten Ausgrabungsstätte
der Hethiterhauptstadt Hattuwa (Bogazköy), die ich bislang noch nicht besucht hatte, konnten wir unsere
Rundreise auf dem Weg von Ankara nach Kappadokien doch ausdehnen.
Solche kleinen Modifikationen eines an sich bewährten
Reiseprogramms, nur möglich durch die fast unübersehbare Fülle der
geschichtlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten der Türkei, deren
kulturelle Wurzeln gut acht Jahrtausende zurückreichen und für die
Mitteleuropa ein junger Kontinent ist – geschweige den
die historische ›Eintagsfliege‹ Nordamerika –, und unter Berücksichtigung
der berechtigten Ansprüche der Reisegruppe, zu den wirklich zentralen
Erlebnisorten in Istanbul,
in Kappadokien und an der Ägäisküste geführt zu werden, sind keine
selbstsüchtigen
Wünsche, auch etwas Neues zu
erleben, sondern ein ›Medikament‹
gegen die Erstarrung in professioneller Routine, Reiseleitermentalität oder das
Erstreben eigenen Engagements und der eigen Neugier.
Ein weiterer solcher Ort war diesmal das von mir
erstmals besuchte römisch-hellenistische
Aphrodisias
westlich von Denizli in der Nähe des zuvor besuchten
Pamukkale. Das fügte sich fachlich-inhaltlich für die Begleiter
sehr gut, da wir in Istanbul
die große Chance und Freude hatten, durch Herrn
Türkoälu,
den Mann der Kollegin der Istanbul Lisesi, die unseren Aufenthalt betreute und die vorangegangene türkische
Reisegruppe nach Hannover begleitet hatte,
einen fachlich überaus kompetenten Gesprächspartner gefunden zu haben, der im
Laufe der Zeit nacheinander Museumsdirektor in
Ephesus, in der Hagia Sophia
und im Topkapx
Sarayx gewesen und jetzt ›Gründungsdirektor‹ des neu der Öffentlichkeit
zugänglich gemachten Yxldxz
Sarayx aus
dem 19. Jahrhundert geworden ist. Mit ihm konnten wir mehrere Museen besichtigen
und, vor allem im Archäologischen Museum am
Gülhane
Park eine interessante ›Privatführung‹ durch die Antikensammlung
erleben, während der wir auch mit der künstlerischen und historischen
Bedeutung der Bildhauerschule von Aphrodisias konfrontiert wurden. Der besondere
lachsrote und lebendig gemaserte Marmor in Aphrodisias machte die Statuen aus
diesem Ort im ganzen römischen Imperium bekannt. Eine Art
Serienfertigung konnte nachgewiesen werden, in der
Standardstatuen
ohne Kopf z.B. nach Rom transportiert wurden, um dort mit nachträglich
gefertigten Porträtköpfen der Senatoren und Aristokraten, Militärs und
Konsuln versehen zu werden. In Kleinasien löste die
Aphrodisias-Mode
die führende Rolle von Ephesus und
anderen lokalen Bildhauertraditionen ab.
So komme ich doch wider auf meine Eingangsüberlegungen
zurück. Ich kann nach einem Vierteljahrhundert Türkeierfahrungen nicht mehr
die gleiche Unbefangenheit und naive Überraschung bei einer neuen Türkeireise
beschreiben, die für unsere Schülerinnen und Schülern wesentliches Element
des Erlebens sind. Dazu ist die Türkei bei aller differenzierten Kenntnis zu
sehr Teil des eigenen Lebensentwurfes, das heißt auch in gewisser Weise: Heimat
geworden. Manchmal träume ich davon, ob nicht nach meiner Pensionierung, die in
etwas über einem Jahrzehnt ja schon recht unübersehbar näher kommt, ein
kleines Häuschen auf der asiatischen Seite des Bosporus nicht eine verlockende
Perspektive für den Lebensabend wäre, mit der Möglichkeit ruhigen
literarischen und wissenschaftlichen Arbeitens, unterbrochen vor Reisen durch
den Nahen Osten, mit meinen türkischen Freunden... Aber ob wohl meine Frau
dabei mitmacht? Aber träumen ist erlaubt...
Ich denke jetzt daran, wie ich selbst zum ersten Mal die
Türkei bereist habe, 1970, auf der Durchreise nach Iran. In meinem
Geographiestudium hatten vielerlei Zufälle, die man auch als Schicksal,
zumindest als in den Auswirkungen persönlich prägendes Schicksal, bewerten könnte,
früh zu einer besonderen Beziehung und zu besonderem Interesse am Nahen Osten
als geographischem Raum und der islamisch-arabischen Kultur als Geschichtsraum
geführt. Der wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkt des geographischen Instituts
der Technischen Hochschule Hannover – so hieß die Universität zu meinem
Studienbeginn noch, um dann sehr bald zur Technischen Universität umzufirmieren
– lag zu jener Zeit bei der »Afrika-Abteilung«, von der aus eine intensive
Untersuchung und Kartierung des Maghrebs – Marokko, Algerien, Tunesien –
betrieben wurde und auch Sahara-Durchquerungen erfolgten. So bot sich mir nach
dem zweiten Studiensemester die einmalige Gelegenheit, zusammen mit dem
damaligen Dozenten Dr. Achenbach, heute Ordinarius in Kiel, mich 1967 zwei
Monate an Kartierungsarbeiten im algerischen Saharaatlas, Aurés und Djebel
Nemencha, zu beteiligen. Das geschah im Rahmen eines Programms der DFG zur
Erstellung des »Afrika-Kartenwerkes«. Vierzehn Jahre später habe ich dann mit
Schülern in einer Ferienreise den Maghreb wieder besuchen können.
Anders als das zunächst naturgeographische Interesse,
das auch noch meine Teilnahme an den Nordafrikaforschungen der Tradition des
Instituts entsprechend bestimmte, orientierte ich mich bald darüber
hinausgehend vor allem auch an den historischen und kulturellen Traditionen des
arabisch-islamischen Raumes. Das wurde noch gestützt durch Freundschaften mit
in Hannover lebenden Persern. Die soziale und politische Situation im Nahen
Osten wurde für mich seither zum zentralen Frage-Gegenstand. Das ist durchaus
kein Zufall, da das zweite
Studienfach Politologie mit soziologischem Schwerpunkt und das persönliche
politische Engagement in der Sozialdemokratie und der Gewerkschaft wesentlicher
Bestandteil eigener Identität geworden war. In der politische Arbeit der
Jungsozialisten Anfang der Siebziger Jahre konzentrierte ich mich konsequenter
Weise auch auf die Fragen der Ausländerpolitik und der interkulturellen
politischen Kontakte – mit einer Konsequenz, die mich schnell auch in
innerparteiliche Konflikte trieb.
Vor diesem Hintergrund lag es für mich nahe, meine
Examensvorbereitungen 1970 auch auf Themen aus dem Nahen Osten zu konzentrieren.
Eine Einladung in den Iran durch meine persischen Freunde gab dann den
Ausschlag, ein Untersuchungsprojekt in Zentraliran, in der Provinz Fârs um
Shiraz in Angriff zu nehmen. Mein Freund Djalil Mostafawi, Student der
Tiermedizin in Hannover, den ich bei Ferienjobs bei der Straßenbahn Hannover
kennen gelernt hatte, und der als politischer Flüchtling vor dem Šah-Regime
schon ein Jahrzehnt in Hannover verbracht hatte, knüpfte für mich Kontakte in
Eghlid, einer ländlichen Kleinstadt zwischen Esfahan und Shiraz, zu seiner
Familie, die bei der Arbeit in Iran sehr hilfreich wurden.
Sein Schicksal ist bezeichnend für die politischen Tragödien
im Nahen Osten unserer Zeit. Als Anfangssemester an der Universität geriet er
in die damaligen Anti-Šah-Demonstrationen, gelangte auf die Schwarze Liste der
SAVAK und floh mit Unterstützung seiner Familie nach Deutschland, wo er, fast
ohne Kontakt mit der Heimat, finanziell und familiär ganz auf sich gestellt
war. Elf Jahre wagte er nicht, Iran zu besuchen, und schickte mich als eine Art
›Kundschafter‹ zu seiner Familie, um vertraulich das eventuell noch
bestehende Risiko einer Rückkehr zu erfragen.
Nachdem ich 1970 und 1974 zwei Mal in Iran gewesen bin,
wagte er die Heimkehr und kam, nach der Habilitation in Hannover, schnell zu
einer angesehen Professur zur Geburtshilfe
des Rindes in Tehran. Nach Heirat und Familiennachwuchs kam 1978/79 die
Islamische Revolution in Iran, von ihm wie von vielen Liberalen und Linken gewünscht
und mit getragen, die sich eine westlich-demokratische Orientierung erhofften.
Die politische Entwicklung ist bekannt. Mit Khomeini kam eine islamistische
Grundorientierung der Bigotterie und Intoleranz, die eine weitere politische und
akademisch-berufliche Arbeit in Iran für Demokraten wieder unmöglich machte.
Mein Freund mußt das Land mit seiner Familie wieder verlassen und hatte noch
das große Glück, aus vorangegangener Zeit über einen in den USA
naturalisierten Vetter ein Anrecht auf eine ›greencard‹, d.h. auf eine
Aufenthaltsberechtigung mit der Möglichkeit der späteren Naturalisierung, zu
besitzen. Denn Deutschland hätte ihn nicht wieder aufgenommen, trotz seiner
jahrelangen Verwurzelung in diesem Lande. Auf der Durchreise mußte er dennoch
in der Bundesrepublik Deutschland Station machen, um im amerikanischen
Generalkonsulat in Frankfurt am Main die notwendigen Reisepapiere zu erhalten,
da er mit fingierten getrennten Einladungen von seiner Familie getrennt reisen
mußte, um überhaupt in Tehran einen Paß bekommen zu können. Das war dann
auch das letzte Mal, daß ich mit ihm persönlich zusammengekommen bin... In den
USA fand er dann wechselnde tierärztliche Jobs in San Diego und im Mittleren
Westen, weit unterhalb seiner eigentlichen wissenschaftlichen Qualifikation und
Reputation. Wir leben in einem Jahrhundert der Flüchtlinge, der abgebrochenen
Biographien und der Flüchtlingstragödien. Es nutzt nichts, vorübergehend
davor die Augen verschließen zu wollen, das Land abzuschotten und eine
Wagenburg Europa errichten zu wollen, Schuld, Verantwortung und Not werden uns
wieder erreichen und uns unerbittlich mit der eigenen ethischen Norm
konfrontieren.
Zurück zur eigenen, privilegierten Biographie und der
Verantwortung, die eine solche aufbürdet. Es bot sich also 1970 an, die
schriftliche Examensarbeit im Fach Geographie mit einer Reise und einem, privat
organisierten und finanzierten Forschungsaufenthalt in Iran zu verbinden, vom
Institut erfreut begrüßt und ideell unterstützt. Das Forschungsthema war eine
Untersuchung der naturgeographischen Voraussetzungen des Lebensraumes in Südwest-Persien,
etwa zwischen Esfahan und der Küste des Persischen Golfes. Ein befreundeter
Kommilitone, Wilfried Eilers, heute Lehrer in Salzgitter, vervollständigte das
Zweierteam. Er übernahm dann für seine eigene Staatsexamensarbeit die
wirtschaftsgeographische Untersuchung des gleichen Raumes. Eine solche
vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit ist eine Erfahrung, die
›wissenschaftliche Einzelkämpfer‹ unbedingt machen sollten, auch um die
grundsätzliche Beschränktheit nicht-dialogischen Arbeitens zu erkennen. Die
Erfahrung der integrativen Zusammenarbeit
legt damit auch die Fundamente für eine
diskursorientierte
Lern- und Unterrichtskonzeption.
So versuchten wir, eine möglichst umfassende Kenntnis
des Raumes und der Orte Südwestpersiens zu erarbeiten oder zu
erfahren – im wörtlichen Sinne mit einem alten VW-Variant –,
und wir genossen in vielen Städten die herzliche Freundschaft der vielen
Bekannten und Verwandten von Djalil. Doch diese Reise wäre Thema eines eigenen
Buches und Erlebnisberichtes. Hier sollen diese Reminiszenzen nur einen persönlicheren
Zugang zu unserer Türkei-Arbeit, zu unserem Arbeitsschwerpunkt Naher Osten eröffnen,
um auch zu zeigen, daß Themen- und Arbeitsschwerpunkte auch im schulischen
Zusammenhang mehr sind als Rahmenrichtlinien-Vollzug und nüchternes
pädagogisches
Kalkül, sondern in biographische Kontexte eingebunden sind. Dieser betonte
Erfahrungs- und Erlebnischarakter der Themenvermittlung ist nun nichts
anstößiges, sondern soll
Bildungsprozesse
anstoßen, die die Persönlichkeit berühren und nicht nur
Wissen
vermitteln. Hier liegt auch ein Wesenszug der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit,
dem sich die Bismarckschule verpflichtet weiß.
Kaum zu beschreiben ist der tiefe und unvergeßliche
Eindruck der ersten Ankunft in Iran. Die Grenze liegt auf einem einsamen
Gebirgspaß, in einer kahlen, schroffen und dunklen Hochgebirgssteppe zwischen Doäubayazit
auf der türkischen und Maku auf der iranischen Seite. Linkerhand wird diese
Hochfläche überragt von dem gewaltigen, noch im Sommer schneekappenbedeckten
Doppelgipfel des Ararat, der sich bei
unserer Ankunft in Wolken verhüllte. Religiöse Schauer hat der Reisende jedoch
nicht zu befürchten, jedenfalls nicht in der biblischen Tradition, da die
Zuweisung der biblischen Geschichte von der
Sintflut
und der Strandung der Arche auf dem
Ararat auf einem Übersetzungsmißverständnis beruht. Die biblische Geschichte
meint einen im Namen ähnlich lautenden Hügelzug in Mesopotamien, während das
Araratmassiv seinen Namen von dem altorientalischen Reich Urartu der
Urartäer
bekommen hat.
Die Grenzabfertigung war – und wird es wohl auch heute
noch sein – von orientalischer Umständlichkeit und Bürokratie, natürlich in
jedem Land getrennt vorgenommen. Das große Rechteck des Hofes der gemeinsamen
Grenzgebäude ist durch eine Mauer in zwei ›U‹-förmige Teile getrennt,
durch die nur eine mit einer Kette gesicherte und militärisch bewachte
Durchfahrt unter den Flaggen der Türkei und Irans den Fahrzeugen in beiden
Richtungen einzeln den Durchlaß gewährt.
Ich will aber hier nicht von den Grenzabfertigungen
berichten; in den Jahrzehnten meiner Reisen in den Narren Osten habe ich wohl
zusammen gezählt Wochen an Grenzen
verbracht. Es geht hier nur darum, daß dann,
endlich, nach den Anstrengungen eines halben an der Grenze
verbrachten Tages mit all seinen Befürchtungen und Risiken, zudem
ermüdet von einer über eine Woche dauernden Autofahrt durch den
Balkan und durch Anatolien – selbst schon erlebnisreich und voller überraschender
und überwältigender Eindrücke und erster Berührungen mit einer fremden,
damals noch viel ›orientalischeren‹ Welt wie heute, zumindest will es die
Erinnerung so –, und angespannt durch eine beschwerliche Anfahrt durch die
trostlosen aber auch abweisend-großartigen Gebirgssteppen Ostanatoliens von
Erzurum zum Grenzpaß empor, endlich
die Befürchtungen und Belastungen schlagartig abfallen und eine ganz tiefe
Erleichterung
eintritt, die unvergeßlich bleibt. Nach wenigen Kilometern, entfernt vom
eigentlichen Grenzkontrollbereich, öffnet sich zwischen den dunkel-vulkanischen
Massiven und Felswänden der erste Ausblick auf die grünen Ausläufer der
Hochebene von Azerbeidjan; die Wolken bleiben über den Berggipfeln hängen und
in einem unwirklich türkisgrünen Himmel brechen sich glitzernd und flimmernd,
die Konturen des Landes auflösend, die warmen nachmittäglichen Sonnenstrahlen
im Kontrast zu den dunklen Schatten der Berge ringsum. »Blau, tiefblau atmen
die Schatten, und die Nacht verzögert so sehr« (Benn).
Iran liegt vor uns, Anatolien ist durchquert, wir sind
da. Wir halten an und setzen uns eine halbe Stunde lang auf Steine am Straßenrand,
unfähig etwas zu sagen, in unsere eigenen Gedanken und Gefühle vertieft. Nie
wieder werden wir diese Erfahrung des
zum ersten Mal angekommen zu sein haben können. In der Einsamkeit
des Gebirges sind wir plötzlich so etwas wie die ersten Menschen auf einem
fremden Planeten in einer noch leeren Welt, oder, um ein nahöstliches Gleichnis
zu verwenden, wie die Kinder Israels vor dem Gelobten Land. Viele im Alltag
banalisierte Sprachfloskeln und Bilder, die uns unsere Kultur zu Verfügung
stellt, füllen sich plötzlich mit einem unmittelbaren Erlebniswert, werden
emotional sinnfällig und decken damit die realen historischen Wurzeln ihrer
Entstehung auf.
In dieser
Gefühlsebene
des Erlebens stehen zu bleiben, würde jedoch
Mystizismus, Irrationalismus hervorrufen. Die Kontrolle der
Erfahrung durch die ordnende Analyse, das Einordnen in rationale Sinn- und Erklärungszusammenhänge
ist der notwendige zweite Schritt. Doch entsteht jetzt eine große Offenheit, da
die Subjektbeziehungen und Erkenntnisinteressen mit thematisiert werden können
und müssen. Nur in der Möglichkeit, existentielle Bindungen zum Gegenstand
seines Lernens und Arbeitens aufbauen zu können, liegt die Chance eines
dauerhaften verantwortlichen Umgangs mit den auftretenden Problemen und
Konflikten. So wie wir uns dann mit neuer Kraft in das Abenteuer
Staatsexamensarbeit stürzten, eine bis heute unvergeßliche Erinnerung, so
sollte auch Schülerinnen und Schüler die Chance gegeben werden, eine
unmittelbare und überraschende Beziehung zum Gegenstand des Lernens aufbauen zu
können, die Chance zu erleben, daß das, was gesehen, erlebt, erfahren und
gelernt werden kann und soll, eine persönliche, auch emotionale Beziehung zur
eigenen Person entwickeln kann und zum Bestandteil der eigenen unverwechselbaren
Biographie wird.
Auf dem Hin- wie auf dem Rückweg nach Iran durchquerten
wir die Türkei sehr bewußt und neugierig und wählten dabei auch verschiedene
Wege. Istanbul,
Ankara und Kappadokien waren schon auf der Hinfahrt Orte, die uns länger als
nur für die Durchfahrt notwendig aufhielten – was wohl selbstverständlich
ist –; erste Eindrücke von Südostanatolien erwarben wir bei der Fahrt über
Kayseri – mit einem Abstecher zu den Hethiterausgrabungen von Kültepe – und
Malatya, noch vor Beginn der Bauarbeiten zum ›Südostanatolienprojekt‹ (GAP,
Atatürk-Staudamm am Euphrat); daß neben die Besichtigungen auch die ersten
Erfahrungen mit Kakerlaken in billigen Hotels traten, ist Quelle für viele
heutige, leicht übertreibende, Horroerzählungen. Für die Rückfahrt wählten
wir dann den Weg an der Schwarzmeerküste und konnten damit unser erstes, noch
rudimentäres Türkeibild ergänzen.
Vier Jahre später fuhr ich mit einer Schülergruppe und
zwei VW-Bussen noch einmal nach Iran und konnte dabei die in der Türkei
besuchten Regionen z.B. um Konya und die zentralanatolischen Gebiete um Sivas
ergänzen. Daß diese Reise unter keinem guten Stern stand, sei nur am Rande erwähnt,
um auch die Risiken eines solchen investigativen
pädagogischen Konzeptes anzusprechen; ein VW-Bus, der schon auf der
Hinfahrt in Deutschland einen Kuppelungsschaden hatte, mußte mit Getriebebruch
von Ostiran nach Tehran geschleppt und dort zollamtlich verschrottet werden. Die
eine Hälfte der Reisegruppe fuhr daraufhin mit dem Linienbus nach Istanbul
und von dort aus weiter mit der Eisenbahn nach Hannover zurück – sicher auch
ein aufregendes und wichtiges Erlebnis, aber doch das bedauerliche
Auseinanderbrechen der Reisegruppe. Der zweite VW-Bus hatte dann auf der Rückfahrt
auf der Strecke zwischen der türkischen Schwarzmeerküste und Ankara einen
›Kolbenfresser‹, der ein Weiterkommen aus eigener Kraft unmöglich
machte. Erst eine Motorreparatur in Ankara machte uns wieder flott für die
Heimfahrt. Außerdem war die Schülergruppe nicht einheitlich genug, um wirklich
solidarisch und gemeinsam die Reise durchzustehen – ein aus meiner Sicht
bedauerliches Ergebnis, was den eigentlichen Erlebniswert der Reise aber nicht
minderte.
In diesem Kontext steht nun die Türkei in immuner
eigenen Biographie. Zunächst nur als Weg zu unserem Ziel ›hinter der Türkei‹
erfahren, wurde sie immer mehr zum notwendigen und bald selbst geliebten Teil
eines Erfahrungsweges, in dem der Weg selbst zum Ziel wird. Die inhaltliche und
wissenschaftliche Arbeit zum Iran wie zu den arabischen Ländern des Nahen
Ostens und des Maghreb geht weiter, doch die Türkei ist zum Zentrum der Reisen
und der eigenen Beschäftigung geworden. 1987 wurde dann
noch einmal in den Sommerferien eine große ›Orientreise‹ angeboten,
an der sich unter Mitwirkung der Kollegen Büthe und Stünkel zwanzig
Teilnehmerinnen und Teilnehmer in vier VW-Bussen zusammenfanden.
Abgesehen davon, daß diese Gruppe eigentlich zu groß
war und daß die Teilnahme mehrerer Lehrer und meiner eigenen Familie
gruppendynamische Probleme hervorrief – heute würde ich eher dafür plädieren,
eine solche Gruppe in zwei oder drei Teilgruppen aufzuteilen, die mit eigenen
Programm- und Routenvorgaben losfahren, um sich bestenfalls ab und zu ›im Gelände‹
zu treffen, wobei doch immer noch genügen Nähe für Notfälle oder schwerere
technische Pannen erhalten bleibt, was ja ein sinnvolles Motiv für das Reisen
mit mehreren Fahrzeugen bleibt –, war die gewählte Reiseroute in gewisser
Weise einmalig, einmal abgesehen von den seither aufgetretenen politischen
Krisen, die eine Wiederholung derzeit fast unmöglich machen würden: Hinfahrt
durch Jugoslawien (unmittelbar vor Ausbruch der zum Bürgerkrieg führenden
Staatskrise, aber schon durch Inflation und wirtschaftliche Not arg betroffen),
die Türkei, wobei die Fahrt an der Mittelmeerküste bis zum Grenzübergang nach
Aleppo in Syrien noch einmal einen neuen landeskundlichen Aspekt zu meinem Türkeibild
hinzufügen konnte, einer Rundfahrt durch Syrien von Aleppo, über das
Euphrattal, Palmyra bis Damaskus, und dann die Weiterfahrt nach Jordanien.
In einem umfangreichen Reisebericht, der 1988 ebenfalls
in der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs
erschienen ist, werden die Reisestationen ausführlich dargestellt und auch
historisch und aktuell problematisiert. Die drei Determinanten einer
inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Nahen Osten werden auch auf dieser Reise
immer klarer: einmal der Aspekt der kulturellen und historischen Traditionen als
›Quelle der Hochkulturen‹, wie sie uns in altorientalischer Form im ägyptischen
Museum in Kairo oder in den Pyramiden von Giza, die wir dann nach einer Überfahrt
über den Golf von Aqaba, einer Durchquerung des Sinai und des Nildeltas und des
Besuches von Alexandria und Kairo entgegentritt, oder in der antiken Form, die
uns auf dem ganzen Weg von Anatolien über Palmyra oder der Felsenstadt Petra in
Jordanien begleitet, zum anderen die religiöse Dimension, die uns in Zeugnissen
der drei nahöstlichen großen Religionen entgegentritt, wobei vor allem die
Begegnung mit Kultur und Geschichte des Islam für unauslöschliche Eindrücke
und Erfahrungen z.B. im Felsendom in Jerusalem,
der Omayyadenmoschee in Damaskus oder der Ibn Tûlûn Moschee in Kairo, im
zivilisatorischen Bereich aber auch in den Wüstenschlössern Jordaniens und in
den Altstädten und Bazaren Aleppos oder Kairos sorgt. Die Fülle der
Erlebnisangebote ist so groß, daß jeder Mitreisende seine eigenen Schwerpunkte
der Erinnerung setzt.
Daneben aber wird von der Schule ausgehend, konsequent
die Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi aufgebaut, die zum Träger unserer Türkei-Arbei geworden ist und neben
der engen Kontakte zu Polen, die auch seit den frühen achtziger Jahren
bestehen, zum zweiten Schwerpunkt der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der
Bismarckschule Hannover wurde.
Wie alle solche Projekte gründet sie auch auf Zufälle,
hier nämlich dem zufälligen Zusammentreffen mit einem deutschen Kollegen, der
an der Istanbul
Lisesi unterrichtet hatte und vorschlug, einmal von Deutschland aus den Kontakt
zu suchen und eine Kooperation oder Partnerschaft vorzuschlagen. Hintergrund
dieses Wunsches ist die schulpolitische Situation in der Türkei, in einem Land,
das große Schwierigkeiten bei seinem seit Atatürk vorgezeichneten Weg in eine
moderne, europäische Zukunft zu überwinden hat.
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Istan bul
Lisesi
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Nachdem ich also an die ›deutsche Abteilung‹ der
Istanbul
Lisesi geschrieben hatte, hatte ich bald darauf erste schriftliche und
telefonische Kontakte, die 1985 zu unserer ersten Türkei-Reise führten, in der
wir, letztmalig, auch unseren Aufenthalt in Istanbul
noch selbst organisierten und in einem
Hotel übernachteten. Später wurden dann unsere Schülerinnen und Schüler
regelmäßig in Gastgeberfamilien durch die Istanbul
Lisesi untergebracht, was den Erfahrungs- und Erlebniswert natürlich sehr
steigerte. Unsere Partnerschule ist eine anspruchsvolle Traditionsschule mit
deutschsprachigem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, in der
im »bilingualem Unterricht« Fächer wie Mathematik oder Naturwissenschaften
von deutschen Kolleginnen und Kollegen in deutscher Sprache erteilt werden. Das
entspricht dem türkischen Schultyp eines »Anatolischen Gymnasiums« (Anadolu
Lise).
Der Andrang zu dieser Schule ist groß, so daß jedes
Jahr durch Aufnahmeprüfungen die besten Bewerber ausgesucht werden. Dafür
steht die Istanbul
Lisesi seit Jahren auf der Rangliste im Wettbewerb der türkischen Gymnasien bei
den Universitäts-Aufnahmeprüfungen mit an erster Stelle. 1996 war sie dann die
›beste Schule der Türkei‹, was einen erheblichen Medienrummel nach sich
zog; wir waren gerade zu der Zeit in Istanbul
und konnten einiges von der Freude und dem Stolz in der Schule mitbekommen.
Die Schülerinnen und Schüler dieser Schule werden später
zu denjenigen Führungskräften in der Türkei gehören, die mit den heutigen
politischen und sozialen Problemen des Landes fertig werden müssen und die Türkei
weiter an Europa und an demokratisch-rechtstaatliche Strukturen heranführen
sollen. Um dieses Ausbildungsziel zu erreichen, pflegt die Istanbul
Lisesi eine ganze Reihe von Schulpartnerschaften in Deutschland aber auch mit
den Deutschen Schulen in Athen und Moskau, bei denen die Kontakte mit der
Bismarckschule Hannover besonders gepflegt werden.
Bei den regelmäßigen Besuchen türkischer Schülerinnen
und Schüler in Hannover wollen wir daher unseren Gästen nicht nur die
Attraktionen unserer Region, das Leben in deutschen Familien und einen Einblick
in den Alltag unseres Schulunterrichts vorstellen, sondern ihnen auch einen
ersten, natürlich den Möglichkeiten Jugendlicher angepaßten anschaulichen
Eindruck unserer demokratischen politischen Kultur, unserer Technik und
Wirtschaft und unseres Rechts zu kritischem und selbstkritischem Denken
vermitteln — also jene Ziele ansteuern, die auch die Ziele der
UNESCO-Projekt-Schularbeit sind.
Dazu gehört sowohl von Seiten unserer Schule und der
beteiligten Lehrerinnen und Lehrer, als auch von Seiten der Eltern- und Schülerschaft
einiges Engagement, das nur aufgebracht werden kann, wenn sich die Beteiligten
der Chance und Risiken dieser Interkulturellen Bildung, ebenso wie ihrer eigenen
Motive und Dispositionen bewußt sind und darüber Rechenschaft ablegen können.
Ich habe das mit einigen essayistischen Schlaglichtern
auf eigene biographische Prägungen für mich in den vorangegangenen Abschnitten
zu leisten versucht und hoffe auch, damit deutlich gemacht zu haben, welchen
hohen Rang ich persönlich unserer Türkei-Arbeit, aber darüber hinaus
insgesamt auch der Interkulturellen Bildung zumesse. Daher denke ich auch,
berechtigt zu sein, hier noch einmal ganz deutlich hervorheben zu dürfen, daß
UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit – das einzige wirklich zukunftsträchtige
»Profil«,
das die Bismarckschule Hannover in der Öffentlichkeit heute aufzuweisen und zu
pflegen hat – nicht nur in Freizeitbeschäftigungen
und Studienfahrtangeboten erschöpft
sein kann, sondern daß sie ganzheitlich
gesehen werden muß, mit allen Konsequenzen für den Umgang miteinander, vor
allem auch mit den Schülerinnen und Schüler unserer Schule selbst, die
biographische durch Kultursprünge, soziale Diskriminierung und
Akkulturationsprobleme belastet sind. Es geht also nicht nur um die Türkei als
Land, Erfahrungs- und Erlebnisraum, sondern um eine Veränderung unseres eigenen
Verhaltens gegenüber dem ›Fremden‹, ›Befremdlichen‹ und eventuell sogar
›Ängstigenden‹. Und hier haben wir auch als Lehrerinnen und Lehrer, aber
auch in der Eltern- und Schülerschaft
ganz erhebliche Defizite aufzuarbeiten! Man kann nicht nur ›mal so eben‹ an einer
Schulpartnerschaft teilnehmen, in die Türkei oder nach Polen fahren, aber im
Unterrichtsalltag gegenüber Mitschülerinnen und -schülern keine Konsequenzen
ziehen.
zu den allgemeinen Aufgaben der
Interkulturellen Bildung und der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule
insbesondere vgl. folgende Aufsätze und Aufsatzsammlungen, die unmittelbar
aus dem Zusammenhang der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der Bismarckschule
Hannover hervorgegangen sind (dort finden sich auch weiterführende
Literaturhinweise): Gerhard Voigt
/ Lothar Nettelmann, Die Arbeit
einer UNESCO-Schule: z.B. Schulpartnerschaften mit Polen und der Türkei.
Oldenburger
Vor-Drucke, Heft 98/90. Universität Oldenburg. Zentrum für pädagogische
Berufspraxis. Oldenburg 1990. – Gerhard Voigt
/ Lothar Nettelmann, Hrsg.,
Internationale Herausforderungen. Die Bismarckschule Hannover stellt ihre
UNESCO-Arbeit vor. Schriftenreihe des
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 2, Hannover 1992. – Gerhard Voigt,
Zur Analyse der aktuellen Krisen in Osteuropa und in der Dritten Welt – Möglichkeiten
und Grenzen geographischer und politologischer Entwicklungsmodelle (Vortrag
im Geographischen Institut der ELTE Universität Budapest).
Oldenburger Vor-Drucke, Heft 167/92. Universität Oldenburg. Zentrum
für pädagogische Berufspraxis. Oldenburg 1992. – Gerhard Voigt,
Hrsg., Interkulturelles Lernen. Eine Antwort der Didaktik der
Gesellschaftswissenschaften auf den Realitätsverlust der politischen Kultur
Mitteleuropas. Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5, Hannover 1993. – Lothar Nettelmann
und Gerhard Voigt, Hrsg., Junge
Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Schülerreisen.
Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 4, Hannover 1993. – Gerhard Voigt,
Interkultureller Erziehung im Geographieunterricht und in der politischen
Bildung. Zeitschrift für der
Erdkundeunterricht. 45. Jg., Juli/August 1993, S. 254-259. – Gerhard Voigt,
Schülerreisen und interkulturelle Erziehung. Konzeptionen und Erfahrungen
aus der Arbeit einer UNESCO-Schule.
Praxis
Geographie, Juli-August 1993, S. 30-32.
vgl. Gerhard Voigt,
Zur Geschichte des türkischen Schulsystems.
politik
unterricht aktuell Heft 1/1994, S. 1-31, Hannover (Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover); auszugsweise nachgedruckt in: Zu Besuch in
der Türkei. Die vierte Studienfahrt der Bismarckschule Hannover zu ihrer
Partnerschule in Istanbul 1994. Schriftenreihe
des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 6, S. 37-85. – Gerhard Voigt,
Südostanatolien als internationaler Konfliktherd – Ursachen und
Perspektiven. politik unterricht
aktuell Heft 1/1995, S. 14-27, Hannover (Verband der Politiklehrer e.V.,
Hannover). – Gerhard Voigt,
Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisierung an der Peripherie
Europas. politik unterricht aktuell,
Heft 1-2/1996, S. 39-62, Hannover (Verband der Politiklehrer e.V.,
Hannover). – Eine parallele Studie über andere Regionen des Nahen Ostens
soll künftig noch folgen.
Anmerkungen
übernommen aus: Gerhard Voigt,
Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisierung an der Peripherie
Europas. politik unterricht aktuell,
Heft 1-2/1996, S. 39-62, Hannover (Verband der Politiklehrer e.V.,
Hannover).
vgl. den Bericht von Rainer Gusky über
seinen Aufenthalt in der Familie Türkoğlu weiter hinten in diesem
Heft.
Gerhard Voigt,
Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine
Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im
Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Hannover im Rahmen der Arbeit
des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V.. Schriftenreihe des
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Hannover 1988. (182 S.).
Quelle /
Impressum dieser Seite:
Voigt, Gerhard (Hrsg.): Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft.
Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul
Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule Mit dem
Reisebericht der Türkei-Studienfahrt der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der
Bismarckschule im Frühjahr 1996. Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover], 1997 (Schriftenreihe
des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 9) ISBN 3-930307-08-1]
Das
genannte Heft ist im Volltext publiziert!