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politik
unterricht aktuell,
Heft
1 - 1994
Zur Geschichte des türkischen
Schulsystems
Zur Geschichte des türkischen Schulsystems Die gesellschaftliche Situation vor dem Ersten Weltkrieg
Atatürk
und die Revolutionierung der türkischen Gesellschaft:
Die Beziehungen zwischen dem türkischen Erziehungssystem
und den Berufsstufen
Die
Bildung in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs Anmerkungen zur heutigen Situation der türkischen Schulen Stundentafel für das Technische Gymnasium (Bau-Abteilung) Rückblick auf die Geschichte unserer Türkei-Kontakte: Ein kurzfristiges Intermezzo: Die Türkei-Reise 1992
Eindrücke und Erfahrungen von unserer vierten
Türkeireis Die Türkei-Arbeit im Rahmen des UNESCO-Projektschul-Programmes
Die gesellschaftliche Situation vor dem Ersten Weltkrieg Nachdem nach dem Ersten Weltkrieg durch den General und Volkshelden Mustafa Kemal Pascha, dem Sieger von Gallipoli (türkisch Gelibolu, an den Dardanellen), dem späteren Staatschef "Atatürk", die Türkische Republik ausgerufen wurde und in einem blutigen Befreiungskrieg gegen die Siegermächte des Weltkrieges, England, Frankreich und Italien, besonders aber gegen Griechenland, das nicht nur für Gebietszuwachs in Westanatolien, sondern auch für Schutz und Unabhängigkeit der griechischen Bevölkerung in ihren westanatolischen Siedlungsgebieten kämpfte, territorial und staatlich konsolidiert werden konnte, mussten eine Reihe von Grundsatzentscheidungen über den Charakter der neuen Republik und damit auch über ein künftiges staatlich-türkisches Bildungswesen getroffen werden.
Dieses richtig einschätzen zu können, verlangt, einen
detaillierten Blick auf die Bildungssituation und damit die gesellschaftlichen
Strukturen des ausgehenden osmanischen Sultanats zu werfen, das in nahezu allen
Grundstrukturen das Gegenteil der Staatsziele der neu gegründeten Türkischen
Republik war .
Für die neue Türkische Republik ergab sich nun die beinahe
unlösbare Aufgabe, den sozialen Sprengstoff und die Zerfallstendenzen in dieser
Gesellschaft zu entschärfen, traditionalistische und reaktionäre Hierarchien
abzulösen und durch eine moderne, westliche Bildung ein neues europäisches Volk
und eine türkische Nation zu schaffen. Das war umso problematischer, als auch
die Ausgangspositionen dieses Modernisierungskonzeptes, wie wir aufgezeigt
haben, keineswegs widerspruchsfrei und von tatsächlicher innerer Modernität
war. Viele Fehlentwicklungen der europäischen Nationalstaatsentwicklung musste
daher die Türkei wieder durchlaufen - ein Prozess, der heute noch nicht
abgeschlossen ist und dessen Ende und dessen Risiken noch nicht absehbar sind.
Risiken und Chancen sind aber erst vor dem Hintergrund der historischen
Situation am Ende des Osmanischen Reiches und in dem Verständnis der Herkunft
der Türkischen Republik und Atatürks - der so tatsächlich zum "Vater der
Türken", besser zum Schöpfer der türkischen Nation wurde - aus der
jungtürkischen Revolution und der damit verbundenen unkritischen Übernahme des
europäischen Nationalstaatkonzeptes abzuschätzen und in Hinblick auf eine
zukünftige weitere Modernisierungsphase in einer Annäherung der Türkei an die
europäische Staatengemeinschaft zu bewerten.
Atatürk und die Revolutionierung der türkischen Gesellschaft: Die Entwicklung eines westlichen Schulsystems
Wie schon an anderer Stelle ausgeführt, galt im Osmanischen
Sultanat, vor allem in der Zeit von
Sultan Abdülhamid
mit seinem universalistisch-islamischen Selbstverständnis der Begriff
"Türke" als Schimpfwort und schuf die jungtürkische Bewegung, schuf
vor allem Atatürk ein neues Selbstbild des Türken. 1. Das Ziel der nationalen Integration, die mit den nationalistischen Lerninhalten wie mit dem Grundbildungsprinzip der allgemeinen Schulpflicht erreicht werden soll, und 2. das Ziel des nationalen Fortschritts, der die Türkei nach Europa führen und durch die Ausbildung einer technisch-wissenschaftlichen Elite international konkurrenzfähig machen soll. 1. Vierjährige (zunächst teilweise dreijährige) Grundschule mit allgemeiner Schulpflicht 2. Vierjährige (teilweise nur dreijährige) Mittelschule (Orta) mit allgemeiner Schulpflicht - in ländlichen Gegenden wechseln die Jungen zunächst noch mit elf oder zwölf, später (teilweise heute noch) mit vierzehn Jahren in die Berufstätigkeit. Trotz offiziell weiterreichender Schulpflicht fehlt neben den weiterführenden allgemeinbildenden Schulen bis heute noch eine leistungsfähige Berufsschulinfrastruktur - 3. Drei- bis (für spezialisierte Schulformen) vierjährige Oberschule (Lise), die zur Universitätsaufnahmeprüfung führt. 1. Klassische Gymnasien, z.T. selbständig, z.T. mit einer Mittelschule (Orta) verbunden. Einige dieser Schulen unterhalten ein Internat für Schüler oder Schülerinnen aus dem ländlichen Raum. Besonders begabten Schülern aus armen Familien kann durch staatliche Stipendien Schulbesuch bzw. Internatsaufenthalt ermöglicht werden. 2. Moderne Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasien. 3. Naturwissenschaftliche Gymnasien. 4. Spezialisierte Oberschulen:
a. Anatolische
Gymnasien und Anatolische Handelsgymnasien (s.o.).
-
b. Berufliche
Gymnasien für Sekretär- und Hotelwesen mit Unterricht in einer Fremdsprache. -
Diese Schulen (a. und b.) sind mit einer Mittelstufe (Orta) verbunden und
verlangen einen vorgeschalteten einjährigen Einführungskurs in der betreffenden
Fremdsprache (sind also nicht für Gastarbeiter-Rückkehrerkinder gedacht).
c.
Handelsgymnasien.
d. Technische
Gymnasien (mit fachlichen Spezialisierungen).
e. Gewerbliche
Gymnasien (auch speziell für Mädchen). - Die Schultypen 4.b. bis 4.e. sind z.T.
in Gesamtgymnasien (Typ 5.) integriert. 5. Gesamtgymnasien. Versuchsschulen mit differenzierten Angeboten für die berufliche Bildung. 6. Lehrergymnasien, die auf den Besuch der Pädagogischen Hochschulen vorbereiten. Diese Schulen sind hervorgegangen aus den verkürzten Lehrerkursen für die Grundschullehrer in der Anfangszeit der Türkischen Republik. 7. Private Gymnasien, die den oben genannten Typen entsprechen oder parallel dazu den Erwerb ausländischer Qualifikationen ermöglichen (Botschaftsschulen etc.). Dazu gehört auch der offiziell vorgesehene Type von Gymnasien für Minderheiten.
Der Staat war in dieser Zeit dazu bereit, einen recht großen und
wachsenden Anteil seines Haushaltes für die Bildung einzusetzen, was folgende
Übersicht aus der ersten Hälfte der achtziger Jahre belegt:
Investitionshaushalt:
Diese anteiligen Werte wurden nur noch einige Jahre in etwa gehalten,
sanken dann aber mit der Wirtschaftskrise und insbesondere mit der neoliberalen
Wirtschaftspolitik der derzeitigen Regierung deutlich ab.
Die Privatisierungspolitik macht auch vor dem Bildungswesen
nicht halt - ganz im Widerspruch zu den Verfassungsprinzipien Atatürks, welche
die Staatsverantwortung in den Mittelpunkt stellen -; nur die Privatschulen
machen derzeit noch positive Entwicklungen durch und staatliche Elitegymnasien
versuchen sich selbst zu privatisieren und aus dem Kontext des staatlichen
Schulwesens "auszukaufen".
Die Beziehungen zwischen dem türkischen Erziehungssystem und den Berufsstufen (Grafik derzeit nur in dér Druckausgabe) Quelle: Ministerium für Nationale Erziehung, Jugend und Sport, Das Türkische Nationale Bildungswesen, Ankara 1985
Die
Bildung in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs
Anmerkungen
zur heutigen Situation der türkischen Schulen
Das türkische Schulwesen ist in einer tiefgreifenden Struktur-
und Orientierungskrise.
gesetzgeberische Bemühungen der letzten Jahre, das
Bildungssystem nach mitteleuropäischen Standards zu modernisieren, sind
entweder an den tatsächlichen und materiellen Voraussetzungen gescheitert oder
im Konflikt um den Einfluss der konkurrierenden politisch-gesellschaftlichen
Grundorientierungen auch im Ministerium für Nationale Erziehung in Ankara
selbst konterkariert worden. Vor allem der sich ständig verstärkende Einfluss
des religiösen Fundamentalismus in den Schlüsselministerien, zu denen das
Erziehungsministerium sicherlich zu zählen ist, macht die Durchsetzung einer der
türkischen Verfassung entsprechenden laizistischen, eben auch an
naturwissenschaftlichen Weltbildern orientierten Bildung illusorisch. Schon 1987 wurde das Gesetz zur Einführung der einheitlichen achtjährigen Grundschule erlassen. Dies sollte generell die bisherige gegliederte Schulform von vier Jahren Grundschule, drei bis vier Jahren Mittelschule ("Orta") und drei Jahren fakultative Oberschule ("Lise" von "Lyceum") ersetzen. Der tatsächliche Standard des Schulbesuchs in der Türkei war jedoch schlechter, als es die gesetzlichen Regelungen vermuten lassen. In den Großstädten wie Istanbul, Ankara oder Izmir war zwar das Schulwesen besser als im ländlichen Raum ausgebaut und der Schulbesuch über sieben bis acht Jahre weitgehend durchgesetzt. Die Oberschulen vereinigten in der Regel Orta und Lise zu einer Schule, so dass eine eigenständige mittlere Qualifikationsebene letztlich nicht angeboten wurde und auch heute nicht realisiert ist. Dadurch ist eine sehr deutliche Trennung in eine stark reduzierte, wenig anspruchsvolle Grundbildung für alle und eine betont exklusive Elitebildung, für die insbesondere auch der spezielle Schultyp des "Anadolu Lisesi" gehört, in dem ein Teil der Fächer - vor allem Mathematik und Naturwissenschaften - in einer europäischen Fremdsprache, Englisch, Französisch oder Deutsch, z.T. auch von "native speakers" erteilt wird. Dies verlangt von den Schülern exzellente Fremdsprachenkenntnisse, die in der Regel durch einen Intensivkurs in einem zusätzlichen Einführungsjahr vor Eintritt in die Orta, die erst nach einer harten Eingangsprüfung erfolgen kann, erworben werden. Durch diese Grundstruktur des türkischen Schulwesens, die durch die Konkurrenz widersprüchlicher gesellschaftlicher Ziele - einerseits gesellschaftliche Integration durch Breiten- und Grundbildung, andererseits wissenschaftlich-ökonomischen Anschluß an Westeuropa durch Ausbildung einer naturwissenschaftlich und sprachlich hochqualifizierten Elite - geprägt ist, wurde die Konzeption der allgemeinen achtjährigen Grundschule schon im Ansatz verzögert, wenn nicht verhindert. Die Oberschulen, vor allem die "Anatolischen Gymnasien", die auf die Integration von Vorstufe und Orta angewiesen sind, mussten aus der neuen Strukturkonzeption ausgegliedert werden, so dass die neue Grundschule von Beginn an den Charakter einer "Restschule" trug, von der aus gehobenere Bildungsgänge nicht zu erreichen waren. Da sich zudem, wie schon angedeutet, die zeitweise in den sechziger und siebziger Jahren geplanten eigenständigen Mittelschulen (Orta okul) nicht haben durchsetzen können und dort, wo sie versuchsweise eingeführt worden waren, teilweise wieder aufgegeben oder in vorhandene Oberstufen eingegliedert wurden, fehlt hier ein eigentlich notwendiges Zwischenglied im Bildungssystem. Materielle Gründe für das bisherige Scheitern der Bildungsreform liegen vor allem in den ländlichen Bereich an einem extremen Lehrermangel bei steigenden Schülerzahlen - ländliche Grundschulen mit über 100 Schülern und Schülerinnen pro Lehrkraft sind keine Seltenheit und auch in städtischen Schulen sind solche Klassengrößen anzutreffen und Klassen von 40 bis 50 Schülerinnen und Schüler sind durchaus noch Standard! - und gleichzeitig auch erheblichem Schulraummangel, der in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation in der Türkei und der hohen Staatsverschuldung auf kürzere Sicht kaum zu beheben sein wird. Das führt zu einer Beleuchtung der Situation des Schulwesens außerhalb der Großstädte. Ähnlich wie bei den ökonomischen Kenndaten, die aus der Sicht der Türkei ein "Modernisierungsgefälle" kennzeichnen, sind auch bei der Situation im Schulwesen - in Hinblick auf Dauer des Schulbesuchs, Ausstattung mit Schulräumen und Lehrern wie auch Qualität und Effizienz der schulischen Ausbildung - überlagernd von den Großstädten ausgehende zentral-periphere wie bezogen auf das ganze Land extreme west-östliche, z.T. auch nordwest-südöstliche Gefälle zu vermerken. Im ländlichen Raum Ostanatoliens ist ein vollständiger Schulbesuch, vor allem auch der Mädchen, durchaus noch nicht durchgesetzt, der durchschnittliche Schulbesuch dauert kaum mehr als vier Jahre - was in der Gesamttürkei Anfang der zwanziger Jahre Ausgangsposition der anspruchsvollen Bildungsreformen Atatürks Standard gewesen war! - und in den wenigen Gymnasien sind die Bildungsvoraussetzungen und -chancen so gering, dass von jedem Abschlussjahrgang nur zwei bis vier Prozent der Schüler - Schülerinnen sind hier noch extrem selten - die Eingangsprüfungen der Universitäten bestehen. Zum Vergleich: in dem "Anatolischen Gymnasium" mit deutscher Unterrichtssprache, der Istanbul Lisesi, sind dies etwa 90 bis 95%! Dies ist dann aber auch eine der "besten", d.h. in bezug auf die erwartete Universitätsorientierung erfolgreichste Schulen in der Türkei. Diese Fixierung auf die akademische Ausbildung kennzeichnet die starke soziale Hierarchisierung und Klassendifferenzierung der türkischen Gesellschaft, bei der der wirtschaftliche Fortschritt, der sich in den ökonomischen Globaldaten vom Industrialisierungsgrad bis zum erwirtschafteten Sozialprodukt nachweisen lässt, deutlich "Gewinner" und "Verlierer" voneinander trennt und sehr unterschiedliche Lebens- und Zukunftsperspektiven in den einzelnen sozialen Schichten evoziert. Diese sozialen Trennlinien sind heute immer deutlicher Konfliktlinien und auch Linien kontroverser politischer Orientierungen. Die sich ausbreitende Kritik an "westlichen Errungenschaften" und Lebensformen, die Rückbesinnung auf traditionelle, auch religiöse Werte und Lebenskonzepte, ist eine verständliche Reaktion auf die sozialen und kulturellen Kosten des Modernisierungsprozesses, die nicht gerecht verteilt sind, sondern vor allem von den ökonomisch benachteiligten, absteigenden oder im ländlichen Raum zunehmend marginalisierten Schichten zu tragen sind. Zunehmend speist sich das Reservoire dieser Unterschichten auch aus deklassierten traditionellen ländlichen und handwerklich orientierten kleinstädtischen Mittelschichten, die von den neuen industriell orientierten oder im Dienstleistungsbereich wirtschaftenden "neuen" Mittelschichten "abgehängt" worden sind. Deren Lebensformen wird zunehmend als arrogant, korrupt und provozierend antisozial erlebt und durch eine bewusste Rückwendung zu traditionell religiösen Lebensformen bekämpft. Dieser Grundkonflikt prägt nun auch das türkische Schulwesen als Teil einer konfliktreichen Gesellschaft im Umbruch. Dass sich, wie schon gesagt, im ministerialen Bereich verstärkt fundamentalistische Orientierungen finden, beweist erneut die machtpolitische Funktionalisierbarkeit von Wertkonflikten in der Gesellschaft. Natürlich sind diese ministerialen "Fundamentalisten" von ihrer sozialen Verwurzelung her nicht vergleichbar mit den eben genannten marginalisierten und deklassierten Unterschichten, sondern sie stammen aus dem modernen Akademikertum. Doch findet diese politische Bewegung, die um die Macht im Staate kämpft, ihren Rückhalt in eben diesen unzufriedenen, sich traditionell orientierenden Schichten. Ein weiterer struktureller Bruch im türkischen Schul- und Bildungssystem liegt seit Beginn der türkischen Republik in der starken Vernachlässigung der beruflichen Bildung. Hier zeigt sich der traditionelle soziale Bruch in der türkischen Gesellschaft noch immer recht deutlich: auf der einen Seite eine bildungsorientierte Ober- und heute auch obere Mittelschicht mit ökonomischen, unternehmerischen, ggf. auch technisch-wissenschaftlichen Interessen und Lebenszielen, aus der die politische und administrative Elite des Landes rekurriert und die wenig Interesse an praktischer Berufstätigkeit und Arbeit zeigt (eine "white collar"-Mentalität, die historisch schon in der osmanischen Feudalgesellschaft angelegt ist und die Wertorientierungen der heutigen politischen Alltagskultur noch immer entscheidend prägt), und auf der anderen Seite die Massen der Unter- und vielleicht heute auch unteren Mittelschicht, deren Qualifikation über die recht beschränkte staatliche Grundbildung hinaus in der eigenen Berufspraxis entwickelt wird und denen eine schulische weiterführende Qualifizierung nicht zugebilligt und nicht zugetraut wird. Nur wenige soziale Brücken existieren zwischen diesen sozialen Formationen, was auf eine Schwäche oder auch auf ein partielles Scheitern der atatürkschen Modernisierungskonzeption hindeutet. Zwar ist sich der Staat dieser Defizite bewusst und bemüht sich seit längerem um eine Verbesserung der beruflichen Bildung, doch bleibt vieles dabei Kosmetik, da weder die gesellschaftliche Akzeptanz vorhanden ist, weiterführende Bildungsgänge, die nicht in die Universität führen, zu besuchen bzw. zu finanzieren, noch die personellen und materielle Voraussetzungen gegeben sind, über die schon charakterisierte Grundbildung hinaus neue Schulcurricula einzuführen. Die berufsorientierten Gymnasien sind zwar ein Versuch zu einer solchen Umorientierung, doch beabsichtigen die erfolgreichen Absolventen wie an den allgemeinen Gymnasien, schließlich doch die Universität zu besuchen. Das spiegelt sich in den Stundentafeln dieser Schulen, bei denen zwar die Fächer- und Stundenzahlen noch einmal vergrößert und weiter zersplittert worden sind, echte praxisorientierte Ausbildungsanteile aber weiterhin fehlen. Das Erziehungsministerium legte z.B. folgende Stundentafel für ein Berufliches Gymnasium fest (mit dem Stand vor den Gesetzen zur Einführung des Kurssystems, das in den Berufsschulen nirgendwo verwirklicht ist; das Technische Gymnasium [Bau-Abteilun] hat dabei eine noch recht praxisbezogene, wenn auch überzogen ausdifferenzierte Stundentafel) [siehe nächste Seite]. Ein interessantes Projekt zum Ausbau der beruflichen Bildung läuft seit 1986/87 mit Unterstützung des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg, das sich seit langem besonders um fördernde Kontakte zur Türkei bemüht und Bildungseinrichtungen materiell und personell unterstützt. Eine türkische Berufsschule mit dem Schwerpunkt Meß- und Regeltechnik soll einen mittleren Bildungsabschluß mit einer qualifizierten technischen Ausbildung garantieren und gleichzeitig im Sinne einer Doppelqualifikation einen höheren Gymnasialabschluß ermöglichen. Doch hat dieses Projekt zumindest bislang noch nicht ganz die erwarteten reformatorischen Anstöße geben können, da einerseits auch hier das eigentliche Bildungsziel der Schüler der Hochschulzugang über die Lise bleibt und zum anderen Multiplikatoreneffekte über die konkrete Schule hinaus ausgeblieben sind. Stundentafel für das Technische Gymnasium (Bau-Abteilung)
Berufliche Fächer
Quelle: Ministerium für Nationale Erziehung: Das Türkische
Nationale Bildungswesen. Ankara, April 1985
Es zeigt sich sehr deutlich, dass die berufliche Bildung im türkischen
Bildungssystem und der türkischen Gesellschaft nicht wirklich verankert ist.
Bleibt schließlich noch der kritische Blick auf die curricularen
Reformen innerhalb des allgemeinbildenden Gymnasiums. Die fachliche
Zersplitterung und zeitliche Überfrachtung der Schule lässt eine solche Reform
dringend nötig erscheinen. Der relativ geringe didaktisch-methodische Standard
in den türkischen Schulen ist nicht allein Folge konventionellen
Selbstverständnisses und kurzer Ausbildungszeiten der türkischen Lehrkräfte,
die oft durchaus stark pädagogisch motiviert sind, sondern ebenso Folge der
Schulstruktur und der inhaltlichen curricularen Vorgaben mit ihrer
ausschließlichen Betonung kognitiven und repetiven Lernens, was durch externe
standardisierte Prüfungen wie z.B. zum Hochschulzugang nur noch unterstützt
wird. Der typische türkische Pädagoge mit nur einer Fachfakultas und vielleicht
zwei Wochenstunden pro Lerngruppe bei Wochenarbeitszeiten von ca. 30 Stunden
und Schülerwochenstundenzahlen, die größtenteils bei 34-38 liegen, kann sicher
keine kontinuierlichen Lernprozesse in Gang setzen oder gar kontinuierlichen
Arbeitsunterricht durchführen. Die geplante Oberstufenreform, die zwar schon
vor Jahren angekündigt, dann aber immer wieder verzögert wurde und letztlich
durch mangelnde Ausführungsrichtlinien schon im Ansatz problematisch war,
schwenkte nun von dem einen pädagogischen Extrem in das andere und scheiterte
damit in der Praxis, wenn auch das Reformgesetz heute gültiges Recht ist.
Grundlage für die letzten
Schuljahrgänge des Gymnasiums (Lise) soll ein Kursangebot nach dem
amerikanischen "credits"-System sein, in dem sich die Schüler ihr
Abschlussprofil selbst zusammenstellen. Eine weitergehende Bildungskonzeption
(Pflichtauflagen, die über Sport,
Kemalismus und türkische Sprache hinausgehen und z.B. Mathematik,
Naturwissenschaften und Fremdsprachen betreffen, Wahlprofile etc.) wird nicht
erkennbar. Sinnlos wird dieses Konzept aber vor allem dadurch, dass die
pädagogischen Voraussetzungen in der Mittelstufe (Orta) nicht verändert und auf
eine sinnvolle Weiterführung in einem Wahlkurssystem angelegt wurden, noch dass
sich die stark formalisierten Regeln für den Universitätszugang mit seiner
Eingangsprüfung an den differenzierten Ausbildungsprofilen der Absolventen
anpassen.
So bleibt es für Schule und Schüler nur übrig, entweder über das
- damit bedeutungslos werdende - schulische Kursangebot hinaus private
Universitätszugangskurse zu belegen (was mit erheblichen Kosten verbunden ist,
aber jetzt schon vor allem bei den aufstiegsorientierten neuen Mittelschichten
zur üblichen Förderung des eigene Nachwuchses gehört!), oder sich über die
möglichen Wahlfreiheiten in den schulischen Angeboten hinwegzusetzen und
weiterhin ein strikt abschlussorientiertes Ausbildungsprofil anzubieten. Die
Mehrzahl der Gymnasien hat sich, im Interesse der gewünschten
Abschlussorientierungen ihrer Schüler, für das zweite Vorgehen entschieden und
unterläuft die Reform durch eine restriktive Einschränkung des Angebotes. In
vielen Fällen wird gerade bei "Eliteschulen" noch nicht einmal mehr
der äußere Anschein erweckt, das Kurssystem umgesetzt zu haben. Erleichtert wird dieses "Ausklinken" aus den staatlich vorgeschriebenen Regeln (was in der Türkei durchaus nicht als unüblich oder gar anstößig empfunden wird) durch die Einsicht in die strukturellen Schwächen des Gesetzgebungswerkes, das z.B. pädagogischen Nonsens ermöglicht wie das zeitlich parallele Belegen eines Wiederholungskurses bei Nichtbestehen des ersten Kurses mit dem darauf aufbauenden Folgekurs, oder auch das "Ansammeln" aller nichtbestandener Kurse aus verschiedenen Fächern, die dann en bloc in einem bis zu 1 ó Jahre dauernden Block von "Nachholsemestern" nach den sechs Semestern des regulären Kurssystems nachgearbeitet werden.
Schulpartnerschaften mit der Türkei
Über den "richtigen" Umgang mit der Türkei sind die
Auffassungen - verständlicherweise - gespalten. Aus jahrelangen Kontakten und
der Betreuung von Schüleraustauschprogrammen und Studienfahrten in die Türkei
optiere ich eindeutig für eine enge Kooperation mit türkischen Schulen, ohne
dabei kritische Punkte in der gegenseitigen Wahrnehmung auszuklammern.
Schulpartnerschaften, so meine Erfahrung, helfen den türkischen
Schulen, Mut und Rückhalt für didaktische und curriculare Experimente und
Umorientierungen zu entwickeln und die Hoffnung auf eine verbesserte Politische
Bildung in der jungen Generation auch als Hoffnung für positive
Entwicklungsperspektiven in der türkischen Gesellschaft zu wecken.
Die personellen Ressourcen für einen reflektierten Umgang mit
der eigenen Politik und Geschichte sind in der Türkei vorhanden; sie gilt es in
Schulpartnerschaftsprojekten zu stützen und zu ermutigen. Das bezieht sich auch
auf die andere Seite unserer Beziehungen zur Türkei: unseren Umgang mit
Menschen türkischer Herkunft in unserer eigenen deutschen gesellschaftlichen
Umgebung, die Entwicklung von gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten
und das Eintreten für eine positive
Veränderung unserer eigenen deutschen Alltagszivilisation.
Es erscheint sinnvoll, diese Möglichkeiten am konkreten Beispiel
vorzustellen und dabei auch die Potentiale und Perspektiven der internationalen
Organisation der UNESCO-Projekt-Schulen hervorzuheben. Eine Schulpartnerschaft
im Rahmen dieser UNESCO-Projektschularbeit ist die Schulpartnerschaft der
Bismarckschule mit der Istanbul Lisesi. Konkreter Bezug für die folgenden
Ausführungen ist ein kurzer Bericht von einer Studienfahrt in die Türkei
Pfingsten 1984 mit Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule Hannover unter
der Leitung des Verfassers.
"Können wir nicht länger hier bleiben?" Diese - doch
immer wieder unerfüllbare - Frage wurde immer wieder gestellt während unserer
Reise durch die Türkei. Was könnte es denn auch eine bessere Bestätigung für eine
Reiseplanung geben, die schließlich über ein Jahr individuelle und gemeinsame
Bemühungen und viel Arbeitszeit gekostet hatte, als diese spontane Freude und
Zustimmung.
Das begann schon mit einige Abschiedstränen bei unserem Aufbruch
auf dem Schulhof unserer Partnerschule, der Istanbul Lisesi, nach einer Woche
Aufenthalt in den türkischen Familien mit der Verabschiedung von den
Gasteltern, den gastgebenden Schülerinnen und Schülern, die zum Teil schon ein
Jahr zuvor bei uns zu Gast in Hannover gewesen waren, und von all den Freunden
und Kollegen, die uns diesen Aufenthalt erst ermöglicht hatten.
Aber dann trat die Faszination des vielfältigen, aufregenden und
oft exotisch schönen Landes an die Stelle der intensiven
Freundschaftserfahrungen in Istanbul: die Kletterpartien in den Höhlen
Kappadokiens bei Zelve oder Göreme, der Marsch über den blendend weißen Salzsee
Tuz Gölü zwischen Ankara und Konya, die Sinterterrassen von Pamukkale - überall
war schließlich die Zeit zu kurz. Das ersehnte Baden am türkischen Strand der
Ägäis konnte dann auch erst am letzten Tag unseres Aufenthaltes stattfinden...
Doch hat diese Reise, wie wir im Folgenden noch ausführen
wollen, eine wichtige Bedeutung auch über den Tag hinaus. "Die
Schulpartnerschaften werden für die Istanbul Lisesi in einer Zeit der
schulpolitischen Auseinandersetzungen in der Türkei und bei den weitreichenden
Plänen der Schule für die Zukunft - Überführung der Trägerschaft in die Hände
der Stiftung Istanbul Erkek Lisesi, Grundsteinlegung einer eigenen vorgeschalteten
Grundschule mit Kindergarten und Gründung einer Deutsch-Türkischen Universität
- eine wachsende Bedeutung haben und intensiviert werden", sagte uns der
Leiter der Deutschen Abteilung dieses Elitegymnasiums, einer Anadolu Lisesi mit
deutscher Unterrichtssprache in Mathematik und den naturwissenschaftlichen
Fächern, mit der wir seit einem Jahrzehnt eine funktionierende
Schulpartnerschaft unterhalten.
Rückblick auf die Geschichte unserer Türkei-Kontakte:
Der Beginn
1985
Die vierte Studienfahrt einer Schülergruppe der Bismarckschule
Hannover - UNESCO-Projekt-Schule - ist eingebunden in eine kontinuierliche
Folge schulischer wie auch privat organisierter Veranstaltungen und Kontakte an
deren Anfang die Reise einer Schülergruppe der Bismarckschule Hannover in die
Türkei im Herbst 1985 stand. Ein umfangreicher Erfahrungsbericht über diese
Studienfahrt wurde veröffentlicht. Bei dieser Gelegenheit wurden die Grundlagen
der Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi gelegt.
In den folgenden Jahren stand zunächst der schriftliche Kontakt
im Vordergrund verbunden mit der Bemühung um die offizielle Anerkennung der
Schulpartnerschaft durch die türkischen Dienststellen. Im Sommer 1987 konnte
eine Schülergruppe unter der Leitung von Herrn Voigt die schulischen Türkei-
und Vorderasienkenntnisse vertiefen durch eine private Ferienfahrt durch die
Türkei und weiter nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel. Auch über diese
Erfahrungen wurde ein schriftlicher Bericht veröffentlicht, was den
Zielsetzungen der UNESCO-Schulen, in Multiplikatorfunktion innovativ und
anregend in die Öffentlichkeit zu wirken, entspricht. 1989, 1990 und zuletzt
1993 besuchten türkische Schülergruppen aus unserer Partnerschule die
Bismarckschule Hannover. Im Herbst 1989 und im Herbst 1992 fanden weitere
Besuche von Schülergruppen aus der Bismarckschule in Istanbul - verbunden
jeweils mit Studienrundfahrten durch die westliche Türkei - statt.
Die Gegenseitigkeit ist auch deshalb wichtig, weil die
Schülerinnen und Schüler jeweils in Familien im Gastland untergebracht werden
sollen. Doch unterschieden sich die Fahrten in wesentlichen Punkten und in
Einzelheiten ihres Programms, so dass jetzt, nach unserem vierten Besuch,
vielfältige Erfahrungen gesammelt werden konnten.
So wurde die Rundreise 1985 mit Linienbussen (Istanbul - Ankara,
weiter nach Konya, Izmir, Canakkale und zurück zum Flughafen Istanbul) mit
einem Tagesausflug von Konya nach Sultanhani und Göreme in gemieteten
Kleinbussen durchgeführt; die Unterbringung in Istanbul erfolgte wie anschließend
in den besuchten Städten in einem Hotel der unteren Preiskategorie ("Yeni
Istanbul" in Sishane). Bei dieser ersten Reise verließen wir uns noch auf
Empfehlungen aus unserem Bekanntenkreis über mögliche Hotels und haben vorher
von Deutschland aus mit ihnen korrespondiert bzw. haben Buchungen über die
Tourismusbüros in den Großstädten vorgenommen. Die Buchung der Bustickets haben
wir dann jedoch an Ort und Stelle, oft mit Hilfe des Hotels vorgenommen. Wir
sahen jedoch, dass diese Vorbuchungen in dieser Kategorie nicht unbedingt
notwendig waren, z.T. auch nicht funktioniert hatten (z.B. in Canakkale) und
haben in den folgenden Reise immer mehr darauf verzichtet. Die Hotels in
Ankara, Konya und Izmir haben wir bei der nächsten Reise dennoch wieder angeschrieben
und besucht, fanden aber, dass Ankara (Dewan Otel) und Izmir (Saray Otel) sich
im Standard und in der Qualität eindeutig auf dem Abstieg befanden. Nur das
kleine, zentral gelegene und sehr persönlich geführte Otel Tur in Konya
überraschte uns bei jeder Reise wieder durch Sauberkeit und persönliche
freundschaftliche Betreuung und empfahl sich natürlich auch durch seine
zentrale Lage direkt neben der Tekke des MevlÈnÈ. So haben wir dieses Hotel bei
allen unseren vier Reisen aufgesucht, 1994 sogar ohne Voranmeldung. Der Flug
musste damals, da uns sogenannte "Gastarbeiterflüge" vom Reisebüro
Türk-Tours mit Hinweis auf gesetzliche Regelungen nicht vermittelt wurden, von
Berlin-Tegel aus mit der britischen Gesellschaft Dan-Air erfolgen; da das
Flugzeug zum geplanten Abflugtermin nicht aus Berlin eingetroffen war,
verzögerte sich der Abflug (nach Wartezeit auf dem Flughafen bis 3 Uhr nachts
und einem kurzen Hotelaufenthalt auf Kosten der Fluggesellschaft) um mehr als
vierundzwanzig Stunden.
Die zweite Türkei-Reise
1989
Unsere zweite im Rahmen unseres Schulpartnerschaftsprogrammes
durchgeführte Reise 1989 - bei der "Orient-Reise" im Sommer 1997
waren wegen der Sommerferien Kontakte zur Istanbul Lisesi nicht zustande
gekommen; die Übernachtungen während des Aufenthaltes in Istanbul fanden auf
einem Campingplatz an der Londra-Straße im Westen der Stadt statt - ermöglichte
erstmals die Unterbringung der Schülerinnen und Schülern in Gastfamilien
unserer Partnerschule. Der Kontakt konnte dabei menschlich und inhaltlich so
vertieft werden, dass seither die Schulpartnerschaft zum festen Bestandteil
beider Schulen gehört und auch Besuche türkischer Gruppen in Hannover
regelmäßig stattfinden konnten. Die anschließende Informationsreise erfolgte
erstmals mit einem in Istanbul mit Hilfe der Istanbul Lisesi angemieteten
Reisebus und führte uns über Ankara, Kappadokien und Konya wieder zu den
antiken Stätten an der Ägäis-Küste. Vor unserem Abflug lag noch eine
zusätzliche Übernachtung im Internat der Schule in Istanbul. Der Flug konnte
diesmal von Hannover aus mit Öger-Tours in Maschinen der Istanbul Airlines
durchgeführt werden.
Die dritte Reise folgte weitgehend der gleichen Grundkonzeption,
stand aber unter ungünstigeren äußeren Bedingungen. Eigentlich für den Herbst
1991 geplant - 1990 hatte uns zum zweiten Male eine Türkische Gruppe wieder
unter der Leitung unseres Freundes und stellvertretenden Schulleiters, Hamit
bey, besucht -, scheiterte die Planung an schulinternen Problemen. Die
Arbeitsbelastung der begleitenden Lehrer hatte sich unvorhergesehen durch
ungünstige Stundenpläne und Stundenverteilungen ohne Rücksicht auf die
Türkei-Belastungen erheblich erhöht; zudem waren innerschulische, oft recht
persönlich geführte Konflikte im Kollegium - die leider bis heute die
UNESCO-Arbeit belasten und behindern - der Türkei-Arbeit nicht förderlich. Dass
gleichzeitig der Elternförderverein im Gegensatz zur bisherigen Praxis
beschloss, Austauschreisen im Schulpartnerschaftsprogramm anders als
Studienfahrten der Kurse und Klassen nicht mehr zu fördern - eine mir bis heute
nicht nachvollziehbare Entscheidung in einer UNESCO-Schule - machte die
Reisekalkulation zunichte und rückte ebenfalls stärker ins Bewusstsein, welche
außergewöhnliche finanzielle Belastungen auch von den begleitenden Lehrern -
die die gesamten Reisekosten von ca. 1000,-- DM - wegen des vom Dienstherrn
erzwungenen Reisekostenerstattungsverzichtes privat getragen werden müssen. Das
zeigt nur zu deutlich, dass entgegen der schönen Sonntagsreden praktisches
interkulturelles Arbeiten unter dem Diktat der leeren Kassen zur bloßen
Proklamation oder zum "Hobby" idealistischer Pädagogen verkommt. Doch
Verweigerung hilft hier langfristig nichts und erzeugt auch nicht den
notwendigen öffentlichen Druck. Notwendig ist vielmehr, gezielter und wirksamer
die unbestreitbaren Erfolge von interkultureller Arbeit,
UNESCO-Projekt-Schulprogrammen, Schulpartnerschaften und Studienreisen in der
Öffentlichkeit vorzustellen und zu proklamieren. Wir müssen unsere eigene Lobby
und Selbstdarsteller des Erfolges unserer Arbeit für den pädagogischen Nutzen
bei den Schülerinnen und Schülern und für die positive Veränderung des
politischen Klimas in unserem Land (nicht zu reden von den wichtigen positiven
Signalwirkungen im Ausland!) sein!
So entschlossen wir uns dann nach weiteren brieflichen und
telefonischen Kontakten mit Istanbul, nach weiteren, dringlich gemachten
Einladungen aus unserer Partnerschule angesichts der bedenklichen Entwicklungen
in Deutschland gerade in Bezug auf das Verhältnis zu Türken und in der Einsicht
der Vordringlichkeit interkultureller Aktivitäten, persönliche Animositäten und
Gekränktheiten zurückzustellen und für den Herbst die aufgeschobene Türkeireise
zu planen. Doch waren wir mit der Vorbereitung, für die wie sonst ein gutes
Jahr ansetzen, zeitlich zurück, als wir im Frühjahr 1992 eine neue
Schülergruppe zusammenstellten - nicht alle Interessenten von 1991 konnten zu
diesem neuen Termin teilnehmen -. Auch die Vorbereitungen in unserer
Partnerschule, unterbrochen von den Sommerferien, fanden unter Zeitdruck statt,
so dass wir mit einer kleineren Gruppe und etwas verkürzter Reisezeit in
Istanbul im Internat der Schule untergebracht wurden. Doch die Betreuung und das
vorbereitete Programm war liebevoll und erlebnisreich und auch in der Schule
kamen wichtige persönliche Kontakte unserer Reisegruppe zustande. Die
anschließende Rundreise erfolgte wieder mit einem angemieteten Reisebus. In
unserem Abschlußbericht haben wir erzählt, welchen täglichen Kleinkrieg wir mit
den sehr eigenwilligen (und profitorientierten) Fahrern um jedes Reiseziel und
jeden gefahrenen Kilometer, um jede Provisionsmöglichkeit in Hotels und
Restaurant und schließlich um die Endabrechnung der Fahrt führen mussten. Die
Reise führte uns wieder über Ankara, Kappadokien und Konya, um dann erstmals
mit Antalya auch die Südküste der Türkei einzubeziehen, von der es über
Pamukkale nach Selcuk weiter ging. Der Rückflug - gebucht bei UMUT-Reisen in
Hannover, und durchgeführt durch ÖGER-Tours mit Birgen Hava Yollari - fand dann
von Izmir aus statt. In Ankara verkürzten wir unseren Hotelaufenthalt, da wir
einmal kein Informationsprogramm außer Stadtrundfahrt, Besichtigungen und dem
Besuch des Hethiter-Museums vorbereitet hatten, und zum anderen das Dewan-Hotel
nun in einem erbarmungswürdigen Erhaltungszustand erschien, und fuhren nach nur
einer Übernachtung in Ankara weiter nach Kappadokien, Ortahisar, wobei eine
vorbereitete Hotelreservierung in Göreme nicht zu realisieren war.
In Konya übernachteten wir anschließend wieder - angemeldet - im
Otel Tur, und fanden bestätigt, dass es zum Verständnis der Vielfalt der
türkischen Kultur und Geschichte und für den notwendigen intensiveren Blick
auch auf die islamischen Traditionen, sehr sinnvoll, aus meiner Sicht sogar
notwendig ist, Konya in eine inhaltlich ausgewogen strukturiertes
Besuchsprogramm einzubeziehen. Dagegen fanden wir an der Mittelmeerküste in der
Region Antalya - hier und in Selcuk verließen wir uns bei der Hotelbuchung auf
Improvisation, was sich positiv auszahlte - zwar interessante Orte wie Aspendos
und Side, touristisch "attraktive" Strände bei Antalya selbst und
Kuriositäten wie den Wasserfall von Manavgad, doch - trotz einer diesmal bedenklich
oberflächlich-touristischen Interessenorientierung eines Teiles der Gruppe, was
wir ansonsten in dieser Form nie erlebt haben - eigentlich nicht ein lohnendes
Reisegebiet zum Kennenlernen des Landes. Heute könnte man vielleicht ein
Programm projektieren, das gerade die negativen Seiten und Risiken der starken
Tourismusbindung einer ganzen Region in den Vordergrund stellt, was in den
Katastrophensommern des türkischen Tourismus 1993 und 1994 in der Folge der
Kurdenkonflikte und des (wenn auch eher dilettantischen und mit IRA oder ETA
gottseidank nicht zu vergleichenden) Terrors der PKK und der hysterischen
Reaktionen der deutschen Urlauber ein besonders aktuelles und brisantes Thema
wäre. Den Reiseabschluss bildete wieder die griechische Antike mit dem ausführlichen
Besuch von Ephesus und Priene, aber auch ein angenehm entspannter letzter Abend
in Selcuk.
Eine bewährte Konzeption: Die Türkei-Reise
1994
Doch das zentrale Anliegen ist nicht die erlebnisorientierte
Reiseerfahrung - so wichtig diese auch aus pädagogischen Gründen für eine
schulische Projektveranstaltung auch ist, sondern der unmittelbare menschliche
Kontakt in der Türkei mit Schülerinnen und Schülern der Istanbul Lisesi, mit
den türkischen Lehrerinnen und Lehrern und während der Reise mit einer Vielzahl
von Gesprächspartnern, die den Schülern damit einen unmittelbaren und
persönlichen Einblick in das Leben in diesem Lande eröffnen. Gerade in dieser
Beziehung ist unsere Türkeiarbeit, wie ich meine, sehr erfolgreich und auch
diese vierte Reise hat einiges dazu beitragen können. Über die Reise
hinausreichende briefliche und persönliche Kontakte beweisen das; die
Gegenseitigkeit der Familienunterbringung verstärkt diese Konzeption in
erfreulicher Weise.
Im Mittelpunkt der Studienfahrt stand der Besuch in unserer
Partnerschule, der Istanbul Lisesi. Das geplante und vorbereitete
Informationsgespräch im Erziehungsministerium in Ankara konnte nicht
stattfinden, da sich kein Ansprechpartner fand. Die möglichen Gründe dieser
ungewohnten Abschottung des Erziehungsministeriums, von dem wir uns aktuellere
offizielle Informationen über die Perspektiven einer Schulreform erhofften,
muss an anderer Stelle ausführlicher diskutiert werden, hängt aber sicherlich
mit der problematischen innenpolitischen Situation des Landes zusammen, in die
die Grundlagen und Paradigmen der Erziehung und der Schulpolitik sowie die
mögliche Revision des nationalistisch-laizistischen Erziehungsmodells Atatürks
in kontroverser Form hineingezogen werden, wobei Stellungnahmen gegenüber
ausländischen Besuchern nicht unbedingt gewünscht werden.
An die Stelle dieses Besuches trat ein Empfang beim für die
Gymnasium zuständigen Schulamtsdirektor in Ankara, der als Freund des Direktors
der Istanbul Lisesi, Mahir bey, freundlicherweise zu einem solchen Termin mit
der ganzen Gruppe bereit war. Doch blieb es auch hier bei dem freundlichen
Empfang und einem eher unverbindlichen small talk, vielleicht vor allem wegen
Sprachproblemen, da in dem Amt kein kompetenter Übersetzer greifbar war, sicher
aber auch wegen inhaltlicher Kommunikationsschwierigkeiten, da es uns nicht
gelang unser Informationsbedürfnis und unsere auf das türkische Schulsystem
bezogenen Fragen verständlich zu machen. Doch war auch diese Erfahrung wichtig,
um zu erkennen, wie unterschiedlich Verwaltungen funktionieren und inhaltliche
schulpolitische Entscheidungen personell zu verorten sind. Über die Probleme
des türkischen Schulwesens heute werden wir in einem eigenen Kapitel berichten.
Informationsquellen waren dabei Gespräche in unserer Partnerschule und weitere
Informationen aus der Journalistik und der aufbereiteten Fachliteratur. Die
Schwierigkeit mit "amtlichen" Gewährsträgern in der Schulpolitik
deutete sich Anfang des Jahres schon in der Vorbereitung in Hannover an, als
uns auch das für die Schulkontakte zuständige türkische Generalkonsulat in
Hannover bedauernd darauf verweisen musste, dass offizielle Informationen z.B.
über die Oberstufenreform in der Türkei und die tatsächliche Einführung der
seit sechs Jahren projektierten achtjährigen Grundschule noch immer nicht
verfügbar wären.
Begleitet wurde dieses Informationsprogramm durch eine Fülle
privater Kontakte und einer informativen Rundreise mit einem angemieteten
Kleinbus über Kappadokien, Ankara, Konya, hin zur Ägäisküste mit Izmir, Ephesus,
Pergamon und Troja, so dass neben der heutigen Situation auch Geschichte und
Kulturgeschichte dieses vielfältigen und oft überraschenden Landes ausreichend
zur Geltung kommt. Der Flug Hannover-Istanbul und zurück wurde wieder vom
gleichen Reisebüro wie 1992, das jetzt unter dem Namen "Travel Fun"
firmiert, über ÖGER-Tours mit Istanbul Airlines bzw. auf dem Rückflug Birgen
Air gebucht. Der angemietete Bus war aus Kostengründen diesmal ein
fünfundzwanzigsitziger Kleinbus - zwar nicht sehr bequem, aber preiswert - der
üblicherweise als Schulbus für die Istanbul Lisesi fährt. Fahrzeuge und
Treibstoffe sind die Kostenfaktoren, die in der Türkei in den letzten Jahren in
der Folge des Golfkrieges und des Boykotts gegen den Iraq überdurchschnittlich
verteuert wurden. Der sonstige touristische Sektor, Hotels und Restaurant sowie
Eintritte etc., sind auf dem Stand der letzten Jahre geblieben; das ist eine
Folge der ungünstigen Nachfrageentwicklung durch die Krise im Tourismus. Es ist
schwer für die in diesem Bereich tätigen Unternehmen, trotz der starken
Preissteigerungen in anderen Bereichen, die die Betriebskosten stark erhöhen,
ohne die Möglichkeit eigener Preisanpassungen wirtschaftlich noch über die
Runden zu kommen. So konnten wir in unserer Reisezeit außerhalb der Hauptsaison
sogar noch erhebliche Gruppenrabatte erhalten. Da außerdem der DM-Kurs
spekulativ überhöht war (mit bis zu 20.000 TL für 1,-- DM), war für uns die
Reise zwar sehr billig, vermittelte uns aber auch Eindrücke von einer
Wirtschaft in einer akuten Krise.
Mit unserem Bus hatten wir in anderer Hinsicht im Gegensatz zur
letzten Reise sehr viel Glück, da wir mit einem (Schul-) Busfahrer fuhren -
einem älteren, ruhigen und im Stadtverkehr routinierten Mann aus Ostanatolien
(Elazig), für den dieses touristische Programm jedoch wohl auch ein novum war
-, der uns trotz begrenzter sprachlicher Verständigungsmöglichkeiten durch
Zuverlässigkeit, unermüdliche Bereitschaft, unsere Wünsche zu erfüllen, so dass
wir oft versuchten, für ihn bei der Begrenzung seiner Fahrzeiten mitzuplanen,
und spontaner und kompetenter Hilfsbereitschaft, z.B. was das improvisierte
Finden geeigneter Hotels und Restaurants oder auch spezieller Einkaufs- oder
Telefoniermöglichkeiten anging, bald ans Herz gewachsen war. Dass unsere Reise
durchweg angenehm und problemlos verlief, haben wir in großem Maße auch ihm zu
verdanken.
In Istanbul betreuten uns die beiden Kollegen, Filiz hanim und
Aslan bey, die auch die Reisegruppe ihrer Schule bei ihrem Besuch 1993 in
Hannover begleitet hatten. Aslan bey, Sportlehrer und "Aktivist" der
Schule und designierter Schulleiter einer Grundschule in Istanbul, war das
erste Mal schon 1990 mit in Hannover gewesen. Die Unterbringung der
Schülerinnen und Schüler bei Gastfamilien über eine ganze Woche war ein großer
Erfolg, besonders da die meisten in einem tatsächlichen gegenseitigen Austausch
schon selbst 1993 Gastgeber der türkischen Schülerinnen und Schüler in Hannover
gewesen waren.
Die Reisegruppe bestand aus 12 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen
9, 11 und 12. Die große Altersstreuung hat keinerlei Probleme verursacht; sehr
erfreut war ich über die gute Atmosphäre in der Gruppe, das Interesse an den
unterschiedlichen Aspekten des Landes und die Bereitschaft, auch die
Anstrengungen des Programms auf sich zu nehmen. Ich denke daher, dass die
Mitreisenden wirklich von dieser Reise profitiert haben und dass die
Familienkontakte zu bleibenden Eindrücken und Erinnerungen führen werden.
Leider konnte diesmal kein zweiter Lehrer mitfahren; unterstützt wurde ich aber
in freundschaftlicher und kompetenter Weise von Herrn Rainer Gusky, der als
Stiefvater eines der mitreisenden Schüler, André, schon zum zweiten Male bereit
war, eine Reise in die Türkei zu begleiten. Sehr hilfreich war es, dass er, angeregt
durch Reisen in die Türkei und sein großes Interesse an Land und Leuten, seit
einigen Jahren bemüht ist, die türkische Sprache zu erlernen und jetzt schon in
der Lage ist, sehr flüssig Unterhaltungen zu führen, in allen alltäglichen
Situationen zu übersetzen und gleichzeitig uns sprachlich weniger begabten (und
durch vielfältige Kontakte zu verschiedenen sehr unterschiedlichen Reiseländern
wie Polen, Ungarn und dem arabischen Nahen Osten sprachlich
"verwirrten" und überforderten) Teilnehmern interessante Einblicke in
die faszinierende Beziehungen zwischen Semantik und türkischer Kultur zu
vermitteln. Ich hoffe, dass noch weitere solche gemeinsamen Türkeireisen mit
Herrn Gusky möglich sein werden.
Schulinterne Probleme und
Konflikte
Diese Situation der mangelnden Bereitschaft von Kolleginnen und
Kollegen, sich für den Schüleraustausch durch aktive Beteiligung zu engagieren
(ich nehme die Kolleginnen und Kollegen, die ich hier ausdrücklich als Freunde
ansprechen möchte, die in der UNESCO-Arbeit seit Jahren in Polen-, USA- und
anderen Kontakten und Schüleraustauschprogrammen ihr Bestes geben, die im
UNESCO-Club und im "Dritte-Welt-Laden" Engagement und Arbeitszeit
investieren, und die selbstverständlich nicht immer wieder auch noch die Türkei-Arbeit
mit tragen können, aus diesen kritischen Bemerkungen selbstverständlich aus;
doch es handelt sich hier um eine Minderheit im Kollegium), ist ein
bedenkliches Zeichen für den Ernst der UNESCO-Zielsetzungen unserer Schule.
Zwar profitieren wir in der Öffentlichkeit von unseren Aktivitäten als
UNESCO-Schule, haben sogar im Ausland, vor allem in Polen und in der Türkei,
einen Ruf als Vorreiter der schulischen Völkerverständigung und der Konzepte
interkultureller Bildung zu verteidigen, sind aber oft nicht bereit, diese über
den Alltag hinausweisende Perspektive unserer Arbeit, die doch gerade so viele
auch sehr persönliche Erfolgserlebnisse und Sinngebungen unserer pädagogischen
Arbeit vermitteln kann, als selbstverständlichen Teil unserer pädagogischen
Aufgaben, unseres Alltages als Lehrer und als Staatsbürger zu akzeptieren, ohne
es in das kleinliche Aufrechnen von ohnehin nicht exakt quantifizierbaren
Arbeitsstunden und in die Funktionalisierung tagespolitischer Kampf- und
Erpressungsstrategien hineinzuziehen. Dem - ohnehin unsicheren - kurzfristigen
persönlichen Nutzen steht ein gesellschaftlicher Schaden durch dieses
kleinkarierte Verhalten gegenüber, vor dem mir Angst und Bange wird, wenn ich
an die Verfallserscheinungen in unserer eigenen Politischen Kultur denke. Ich
glaube nicht, dass an unserer Schule ein gemeinsamer pädagogischer und
gesellschaftlicher Grundkonsens aufzufinden ist und noch weniger, dass hier
jemals wieder ein "Kollegium" zu gemeinsamen pädagogischen Projekten
zusammenfinden wird. UNESCO-Projektschul-Arbeit wird somit, wenn sie nicht von
der sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung ausklinkenden Mehrheit
ohnehin verhindert und unmöglich gemacht wird, weiterhin die Aktivität einer
Minderheit bleiben, die zunehmend ihre Wirkung und ihren Kommunikationskontext
in der außerschulischen Arbeit, in Publikationen, Lehrerfortbildungen oder in
der außerschulischen politischen Bildung suchen wird. Ein gewisser
Hoffnungsschimmer in unserer Schule ist aber auch mit der Person unseres
Direktors, Ulrich Bauermeister, verbunden, der im Gegensatz zu vielen seiner
bürokratischen Amtskollegen selbst aktiv für die Entwicklung pädagogischer
Perspektiven eintritt, UNESCO-Projekte innerhalb der Schule stützt und fördert
und sich bei vorgesetzten Behörden mutig und erfolgreich für die notwendigen
Freiräume für sinnvolles interkulturelles Arbeiten im Rahmen der
UNESCO-Projektschul-Programmatik einsetzt! Aber, trotz dieser pessimistischen
Perspektiven mit nur einigen hoffnungsvollen Lichtschimmern in der täglichen Praxis
an unserer Schule, zurück zu den erfreulichen Erfahrungen, die wir auf unserer
Reise in die Türkei machen konnten und die uns doch wieder etwas Mut machen,
unsere pädagogische Arbeit nicht nur als ewige Sisyphusarbeit zu erleben.
Eindrücke und Erfahrungen von unserer
vierten Türkeireis In Konya und Selcuk übernachteten wir wieder in den Hotels, die wir von der letzten Reise her kannten und in guter Erinnerung behalten hatten. So wurden wir auch trotz fehlender Anmeldung nicht nur wiedererkannt, sondern auch freundschaftlich begrüßt und zuvorkommend behandelt. Ich erwähnte schon die Bedeutung, die Konya für unsere Reisekonzeption hat. Der Kontakt zur islamischen Mystik des "Ordens der tanzenden Derwische", wie die Anhänger des Mystikers und religiösen Dichters Djellâl ed-Dîn Rûmî aus dem 13. Jahrhundert, dessen Grabstätte ("Tekke") hier in Konya wichtigster kultureller Schatz ist, vermittelt eine historische und kulturell-philosophische Perspektive, die zum Verständnis der Entwicklung der türkisch-islamischen Kultur notwendig ist. Konya ist heute Zentrum des islamischen Fundamentalismus, aber auch die wohl modernste (auch im städtebaulichen Sinne: westlichste) und sauberste Stadt der Türkei; das Selbstbewusstsein der Bewohner Konyas legt gerade auf diese Vorbildlichkeit und Modernität Wert - "Hier ist das wahre Anatolien!" - und verweist, zu Recht, auf geringe Kriminalität, öffentliche Sicherheit und zivilisierte Umgangsformen auch im Geschäftsleben (das in der Innenstadt vor allem durch die Teppichhändler geprägt wird). Diese scheinbare Widersprüchlichkeit, die mit unserem oft diffamatorischen Islambild nicht leicht zu vereinen ist, das aber auch die Ambivalenzen der gesellschaftlichen Ursachen der islamischen Renaissance in der Türkei deutlicher zu Tage treten lässt, muss ein wichtiges Thema einer ernsthaften Beschäftigung mit der heutigen Situation in der Türkei sein. Dass sich gerade in Konya leicht und freundschaftlich-zugewandt interessierte Gesprächspartner zu diesen Themen finden, zeigt ebenso deutlich, dass hier in Konya islamische Renaissance nicht dumpfer Rückfall in ein unzivilisiertes Mittelalter ist (wie es westliche Beobachter gerne darstellen), sondern in einer kulturellen Tradition steht, die Modernität durchaus nicht ablehnt, aber bestimmten westlichen Einflüssen in der Türkei kritisch gegenüber steht. Über die weiteren historischen, geographischen und aktuellen Themenschwerpunkte, die sich bei der Beschäftigung mit der Türkei anbieten, braucht an dieser Stelle nichts eigens gesagt zu werden; es genügt zu betonen, dass die Vorbereitung durch Information, Gespräch und Literaturarbeit die vielfältigen Erkenntnismöglichkeiten berücksichtigt und einen interdisziplinären Charakter in den Vordergrund stellt, von dem die inhaltliche Arbeit der Schüler in den verschiedenen Fächern profitieren kann.
Die Türkei-Arbeit im Rahmen des
UNESCO-Projektschul-Programmes Die aktuellen Probleme, die eine ganze Generation in der Türkei prägen werden und die damit auch für uns Deutsche Bedeutung erlangen werden, lassen es umso wichtiger erscheinen, den ständigen Kontakt zwischen beiden Völkern und Kulturen auch auf der unteren Ebene der persönlichen Bekanntschaft nicht abreißen zu lassen, im Gegenteil: zu fördern und auszubauen. Hier fühlen sich auch die UNESCO - Schulen angesprochen. Auch das türkische Erziehungsministerium hat den Wert solcher Kontakte erkannt und unterstützt Schulpartnerschaften mit deutschen Schulen. Die TÜRKEI - Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule Hannover versucht, sich mit den Möglichkeiten und Problemen von Schulpartnerschaften auseinanderzusetzen und will die Thematik "Türkeikontakte" einer breiteren Schulöffentlichkeit vermitteln. In Arbeit mit Medien und Materialien werden in der Vorbereitung der Türkeifahrten und Austauschprogramme die Grundzüge der Geschichte und Landeskunde der Türkei erarbeitet. Darüber hinaus bietet die TÜRKEI-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule ihren Mitgliedern die Möglichkeit, sich intensiv mit selbst gewählten Schwerpunktthemen aus Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft oder Zeitgeschichte zu beschäftigen, um daraus z.B. Berichte, Teile von Ausstellungen, Beiträge zu Informationsveranstaltungen oder Erkundungsthemen für Türkeireisen abzuleiten. Aber der Anspruch dieses Arbeitsschwerpunktes "Türkei" reicht über die unmittelbare Vor- und Nachbereitung der Türkeifahrten weit hinaus. Zum einen soll das Thema Türkei in einem breiteren Konzept des interkulturellen Lernens auch in die schulischen Fachcurricula getragen werden, die dringend einer grundsätzlichen Revision bedürfen, was durch neue Rahmenrichtlinien und Erlasse, die der Interkulturellen Bildung stärkere Priorität einräumen, und durch die Veränderungen in der kulturellen Zusammensetzung der Lerngruppen auch in unserer eher bürgerlich-konservativen Schule erleichtert und evoziert werden kann. Darüber hinaus werden die Ergebnisse der Türkei-Arbeit in Form von Reiseberichten, aber auch in Aufsätzen in den Fachzeitschriften publiziert und in geeigneter Weise über den institutionellen Rahmen der Schule hinaus in Lehrerfortbildung und außerschulischer Politischer Bildung öffentlich zur Diskussion gestellt. Diese breitere gesellschaftliche und politische Wirkung ist intendiert und bei den Programmen der Türkei-Arbeitsgemeinschaft immer mitbedacht - was übrigens, korrespondierend damit, in gleicher Weise von unserer Partnerschule in Istanbul gewollt und in der Türkei realisiert wird, wo Multiplikatoreneffekte in Richtung auf eine curriculare und methodische Curriculum- und Schulreform besonders notwendig erscheinen. Die Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule und die Reisegruppen setzen daher auch einen Arbeits- und Informationsschwerpunkt auf das Kennenlernen der Schulsituation und der Entwicklung des türkischen Schulwesens. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass in unserer Intention auch die offizielle Unterrichtung durch das Ministerium für Nationale Erziehung in Ankara sinnvoll und notwendig ist - was ja nicht bedeutet, dass wird der türkischen Schulpolitik unkritisch-affirmativ gegenüberstehen müssten -, dass dieser Wunsch zumindest bei der letzten Reise nicht zu realisieren war. So waren wir vor allem auf Informationen und Gespräche im Rahmen unserer Kontakte mit unserer Partnerschule angewiesen, was uns eine sehr kritische Perspektive der derzeitigen schulpolitischen Situation in der Türkei vermittelte. Die Istanbul Lisesi plant deshalb, wie wir an anderer Stelle ausführlicher darstellen werden, einen schulpolitischen Sonderweg, der auch die institutionelle Privatisierung der Schule und den über das Gymnasium hinausreichenden Aufbau eines "Deutsch-Türkischen Bildungswesens" beinhaltet, wie es, in kleinerem Projektrahmen, im letzten Jahr das zweite Istanbuler Traditionsgymnasium "Galatasaray Lisesi" als Französisch-Türkisches Bildungsinstitut auf der Grundlage eines türkisch-französischen Staatsvertrages vorexerziert hat. _ber die türkischen Informationen hinaus spielen natürlich auch die Informationsveranstaltungen und -schwerpunkte in der Vorbereitungszeit, d.h. in der regelmäßigen Arbeit der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule eine wichtige Rolle. Aktuelle Zeitungsberichte und Auszüge aus der Fachliteratur sind, z.T. nach Interessenschwerpunkten arbeitsteilig aufgearbeitet und besprochen worden. Dazu traf sich die Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule seit dem Sommer 1993 regelmäßig zu mehrstündigen nachmittäglichen Besprechungen. Die inhaltliche Arbeit der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule begann mit einer etwas anderen personellen Zusammensetzung aber schon zum Halbjahreswechsel 1991/92 in der Vorbereitung des Besuches der Gruppe aus der Türkei kurz nach den Sommerferien 1993. Für die nächste "Runde" des Austausches und Kontaktes werden derzeit schon konkrete Pläne geschmiedet, die auch in der Türkei schon besprochen und bei den zuständigen Stellen in Hannover geprüft und entwickelt werden.
Insbesondere reizt es uns, nach jeweils gut einem Jahrzehnt
erfolgreicher Schulpartnerschaften sowohl mit der Türkei als auch mit Polen,
d.h. dem V. Liceum in Poznan (Posen), diese beiden Kontakte im Sinne echter
interkultureller Kontakte zumindest zeitweilig zusammenzuführen. Durch einen
Kontakt und Besuch im Rahmen einer Lehrerfortbildungsveranstaltung der
Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung entstand gegen Ostern
1994 der Plan, den nächsten Besuch einer türkischen Gruppe im Herbst 1995
bei einem gemeinsamen Besuch bei unsere
Partnerschule in Poznan in einem etwa einwöchigen interkulturellen Seminar in
der durch deutsch-polnischen Vertrag gerade eben neu eröffneten Jugendbegegnungstätte
Kreisau - dem Gut der Grafen von Moltke bei Breslau/Wroclaw und Ort der Treffen
des "Kreisauer Kreises" im Widerstand gegen Hitler - zu einer
trinationalen Gruppe zu vereinen.
Internetausgabe, Netzpublikation 1.11.02 /
P194_TR.htm -
Überarbeitung: 03.08.2004 / Übernommen auf www.tuerkei-didaktik.de 2008 /
Letzte Revision: 5.11.2009
politik
unterricht aktuell,
Heft
1 - 1994 pua 1/04 - ISSN 0945-1544 Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Pettenkoferstraße 13, D 30880 Laatzen eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de http://www.voigt-bismarckschule.de
Zur Textgestaltung
und zur rechtlichen Distanzierung Alle Rechte Vorbehalten
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KompetenzFokus Interkulturelle
Kommunikation:
Stand: 20.03.2010 - bismarckschule.voigt@gmx.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, Oberstudienrat i.R. Versitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover
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