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Verband der Politiklehrer
Hannover
Dursun Tan:
Das Menschenbild
im Koran (Islam)[1]
Vorbemerkungen
„Menschen sind Gestalten in Zeit und Raum und
können jederzeit entsprechend ihrer Stellung in diesen Dimensionen
lokalisiert und datiert werden. Aber das genügt nicht. Als fünfte
Koordinate tritt bei Menschen in allem, was sie erleben und tun, die
Bestimmung ihres Durchganges durch das symbolische Universum hinzu, in
dem Menschen miteinander leben. Ein offensichtlicher Repräsentant
dieser Dimension ist die Sprache, also umfassende, komplexe,
menschengeschaffenen Symbole, die von Gesellschaft zu Gesellschaft
verschieden sein können und die zugleich der Kommunikation unter
Menschen wie ihrer Orientierung dienen. Aber Symbolgehalte, so etwa
Begriffe oder etwa das, was wir den „Sinn“ von Kommunikationen nennen –
kurzum alles, was im Verkehr der Menschen durch ihr „Bewusstsein“
hindurchgeht und gestaltet wird –, gehören zu dieser Dimension, aber
ganz gewiss auch die gegenwärtige Bedeutung der Begriffe „Raum und
Zeit“. Diese (...) sind nicht einfach da – ein für allemal. Sie sind
immer in Fluss, immer geworden, was sie sind, und immer im Werden. Sie
entwickeln sich in der einen oder anderen Richtung, sei es zu größerer
Realitätsnähe und Objektadäquanz, sei es zu einer Verstärkung ihres
Charakters als Ausdruck menschlicher Affekte und Phantasien, oder etwa
auch im Sinne einer sich ausweitenden oder schrumpfenden Synthese“
(Elias: Über die Zeit II, in Merkur, 10/1982: 1014).
Zu den menschengeschaffenen Symbolen gehören auch
die Glaubensvorstellungen und in ihrer systematisierten Form die
Religionen[2], vielleicht
tiefer und sinnstiftender als alles andere. Aber auch die religiösen
Symbole und Praktiken sind nicht statisch für immer und ewig festgelegt,
auch wenn sie das für sich beanspruchen. Ein Blick in die europäische
Religionsgeschichte würde sofort vor Augen führen, wie im Laufe der Zeit
sich das Verständnis von Religion und der Symbolgehalt derselben
Religion verändert haben. Der islamischen Religion wird ihre
Historizität häufig abgesprochen. Jede Religion ist aber als
historisches Produkt den Gesetzen der Entwicklung unterworfen und ist
vielfältigen Einflüssen ausgesetzt. Jede Religion muß durch die
jeweilige Zeit, den Raum und die vorgefundene Kultur hindurch gehen,
bevor sie überhaupt verstanden wird. Daher spiegelt ihre jeweilige
Lesart immer den geistigen Horizont einer bestimmten Zeit, eines
bestimmten geographischen Ortes und einer bestimmten Kultur wider. Der
geistige Horizont des Koran in seiner Entstehungsphase ist die arabische
Halbinsel des 7. Jahrhunderts, der geistige Horizont des Islam, wie er
heute existiert, ist die globale Weltgesellschaft des ausgehenden 20.
Jahrhunderts. Der Koran ist zwar das heilige Buch des Islam, aber die
islamische Kultur der Gegenwart ist weitaus vielfältiger und komplexer,
als die islamische Buchreligion. Für die islamische Orthodoxie besitzen
auch Hadithen (Kommentare/Sprüche/Lebenspraxis des Propheten) ebenso
Normkraft, allerdings schwächer als der Koran. Während die Gebote im
Koran als „farz“ (Pflicht) gelten, haben die Hadithen
Empfehlungscharakter (sunna). Weil die Mehrzahl der Muslime die Sunna
als bindend akzeptiert, werden sie „Sunniten“ genannt. Wenn im
folgenden vom Menschenbild im Islam die Rede ist, dann ist damit nur
das Menschenbild, wie sie sich im Koran findet, gemeint, exakter, das
Menschenbild im Koran (als Text) aus der heutigen Perspektive im Kontext
der europäischen Kultur. Es handelt sich in den folgenden Ausführungen
um eine in erster Linie streng am Text orientierte textanalytische
Auslegung einzelner koranischer Verse (in der deutschen Übersetzung),
die das Menschenbild konstituieren. Sowohl die Hadithen als auch
spezifische Interpretationen durch die Rechtsschulen, Strömungen,
Brüderschaften und Sekten sowie länderspezifische Varianten müssen hier
aus Raumgründen unberücksichtigt bleiben. Die Auswahl der koranischen
Texte und der erörterten Themen ist mit Blick auf gegenwärtige Fragen,
insbesondere mit Blick auf ihr Potential für ein tolerantes
Zusammenleben verschiedener Menschengruppen, im „globalen Dorf
Bundesrepublik Deutschland“ getroffen worden. dass das hier Vorgetragene
über die Evidenz der angegebenen Quellen und qua Kraft des Arguments
hinaus keine Repräsentanz und Geltung beansprucht und dass der Autor
nicht für den Islam als Ganzes (schon gar im Namen aller Muslime)
sprechen kann, bedarf keiner besonderen Erläuterung. Die getroffene
Auswahl und die Interpretationen können je nach Autor auch anders
ausfallen. Wie der in Hannover lehrende Religionswissenschaftler Peter
Antes einmal zutreffend formuliert hat, ist der Koran kein
systematisches und logisch konsistentes Buch. Im Gegensatz zu
logisch-geschlossenen Büchern sichert ihm dies immer wieder von neuem
seine Aktualität, weil er dadurch immer wieder neue und
unterschiedliche Interpretation ermöglicht.
1. Die Erschaffung von Himmel
und Erde
Nach islamischem Glauben hat Gott in 6 Tagen Himmel
und Erde, Pflanzen und Tiere, Engel und Geister erschaffen und sich dann
auf seinem Thron niedergelassen (Koran in der Übersetzung von Friedrich
Rückert; 25, 59).
2. Die Erschaffung von Adam (Adem)[3]
„Für den Koran ist der Mensch, dessen Prototyp Adam
ist, das Geschöpf, das Gott vor allen anderen ausgezeichnet und
bevorzugt hat (17,70). Himmel, Erde und Luftraum sowie die
Himmelskörper wurden von Gott in den Dienst des Menschen gestellt“
(7,54; 55, 1-10; 6,97; 20, 53-55 usw.; Islam-Lexikon: 38). Adam wurde
als erster Mensch, als höchstes und schönstes Geschöpf Gottes aus Lehm
geformt und ins Leben gerufen und gegen die Bedenken der Engel als
Statthalter Gottes auf Erden eingesetzt. Die Tatsache, dass Gott ihm
von seinem Geiste einhaucht, macht Adam – dass heißt den Menschen – auch
nach islamischer Auffassung zum Träger göttlicher Eigenschaften. Er ist
damit aus Materie (Lehm) und Geist (Hauch). dass dem Menschen nach
islamischer Auffassung ein hoher Stellenwert beigemessen wird, kommt
auch darin zum Ausdruck, dass Gott Adam über die Engel stellt. Die
folgende Sure bringt das besonders deutlich zum Ausdruck:
(28) Als nun dein Herr sprach zu den Engeln:
Ich will erschaffen einen Menschen
Aus einer Masse von geformtem Lehm;
(29) Wenn ich ihn nun gebildet habe,
Und eingehauchet ihm von meinem Geiste,
So fallet vor ihm hin, euch niederwerfend!
(30) Da beteten die Engel allesamt;
(31) Nur nicht Iblis, der weigert sich,
Zu sein mit denen, die sich niederwerfen.
(Der Koran, nach der Übersetzung von Friedrich
Rückert: 15, 28-31)
Nachdem Gott Adam erschaffen hat, bittet er die
Engel, sich vor Adam niederzuwerfen. Bis auf Iblis, der zu stolz ist und
sich weigert, erkennen alle Engel die Überlegenheit des Menschen an,
obgleich sie voraussehen, dass er Verderben anrichten und Blut vergießen
wird (Henning: 2, 28-31; auch Rückert: 38, 71-76; ähnlich Henning: 15,
26-35). Der folgende Dialog Gottes mit Iblis verdeutlicht in besonderer
Weise die Auserwähltheit des Menschen durch Gott:
(75) Gott sprach:
was, Iblis, hielt dich ab, niederzufallen,
vor dem, was ich erschuf mit meiner Hand?
bist du zu stolz wohl oder zu erhaben?
(76) Er sprach: Besser bin ich als er;
Du schufest mich aus Feuer,
doch ihn schufst du aus Lehm.
(Der Koran, in der Übersetzung von Rückert: 38,
75-76)
Warum stellt Gott Adam dennoch über die Engel?
Aus der Sure 2, 28-32 (Henning-Übersetzung) lässt
sich eine Antwort ableiten.
(28) Und als dein Herr zu den Engeln sprach:
„Siehe, ich will auf der Erde einen Nachfolger (chalif) einsetzen“, da
sprachen sie: „Willst du auf ihr einen einsetzen, der auf ihr Verderben
anstiftet und Blut vergießt? Und wir verkünden dein Lob und heiligen
dich.“ Er sprach: „Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisset.“
(29) Und er lehrte Adam aller Dinge Namen; dann
zeigte er sie den Engeln und sprach: „Verkündet mir die Namen dieser
Dinge, so ihr wahrhaft seid.“
(30) Sie sprachen: „Preis dir, wir haben nur Wissen
von dem, was du uns lehrtest; sieh, du bist der Wissende, der Weise.“
(31) Er sprach: „O Adam, verkünde ihnen ihre
Namen.“ Und als er ihnen ihre Namen verkündet hatte, sprach er: „Sprach
ich nicht zu euch: Ich weiß das Verborgene der Himmel und der Erde, und
ich weiß, was ihr offenkund tut und was ihr verberget?“
Es ist demnach das Mehr an Wissen, also das
Bewusstsein, womit Gott Adam zusätzlich ausgestattet hat und weshalb
er ihn über die Engel stellt.
3. Die Erschaffung von Eva (Havva)[4]
Zur Erschaffung der Frau enthält der Koran keine
klaren Angaben. Aus vielen Suren, insbesondere Sure 4,1 oder 39,6,
geht hervor, dass Eva, als Prototyp der Frau, aus Adam erschaffen wurde.
Aus diesen Prototypen gingen dann viele andere Männer und Frauen hervor
und breiteten sich aus:
„O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch aus
einem einzigen Wesen erschuf, aus ihm seine Gattin erschuf und aus ihnen
beiden viele Männer und Frauen entstehen und sich ausbreiten ließ“ (4,
1). Ähnlich auch Sure 39, 6: „Er hat euch aus einem einzigen Wesen
erschaffen, dann machte Er aus ihm seine Gattin...“
4. Erbsünde (Ursünde)
und die Unvollkommenheit des Menschen[5]
Adam und Eva wohnten bis zu ihrer Ursünde im
Paradies Gottes, der ihnen erlaubte, mit Ausnahme des einen Baumes von
allem zu essen. Aber sie wurden vom Satan verführt, das Verbot Gottes
zu übertreten. Daraufhin werden beide aus dem Paradies vertrieben (2,
32-36, auch 7, 19-25). Doch Adam (Adem) und Eva (Havva) zeigten Reue,
und Gott vergab ihnen. Allerdings ist die Vergebung an Auflagen
geknüpft. Sie müssen sich für eine Zeit auf der Erde einer Prüfung
unterziehen, bevor sie wieder in das Paradies aufgenommen werden (2,
35-37). Eine Lehre der Erbsünde gibt es im Islam deshalb nicht. Der
Mensch wird nicht mit der Erbsünde geboren, die er dann abzutragen hat,
wie das im Christentum der Fall ist, sondern wird erst „Sünder“ im
Verlaufe seines Lebens.[6]
(7, 19) „O Adam, bewohne, du und deine Gattin, das
Paradies. Esst, wo ihr wollt, und nähert euch nicht diesem Baum, sonst
gehört ihr zu denen, die Unrecht tun.“
(20) Der Satan flüsterte ihnen ein, um ihnen zu
zeigen, was ihnen von ihrer Blöße verborgen geblieben war. Und er
sagte: „Nur deswegen hat euch euer Herr diesen Baum verboten, damit ihr
nicht zu Engeln werdet oder zu denen gehöret, die ewig leben.“
(21) Und er schwor ihnen: „ Ich bin zu euch einer
von denen, die (euch) gut raten.“
(22) Er ließ sie durch Betörung abfallen. Und als
sie dann von dem Baum gekostet hatten, wurde ihnen ihre Blöße offenbar,
und sie begannen, Blätter des Paradieses über sich zusammenzuheften. und
ihr Herr rief ihnen zu: „Habe ich euch nicht jenen Baum verboten und
euch gesagt: Der Satan ist euch ein offenkundiger Feind?
(23) Sie sagten: „Unser Herr, wir haben uns selbst
Unrecht getan. Und wenn Du uns nicht vergibst und dich unser erbarmst,
werden wir bestimmt zu den Verlierern gehören.“
(24) Er sprach: „Geht hinunter. Die einen von euch
sind Feinde der anderen. Ihr habt auf der Erde Aufenthalt und
Nutznießung auf eine Weile.“
(25) Er sprach: „Auf ihr werdet ihr leben, und auf
ihr werdet ihr sterben, und aus ihr werdet ihr hervorgebracht werden.“
Gott ist gnädig und allverzeihend, doch Adam ist
nach islamischer Auffassung aus sich heraus nicht immer in der Lage, das
Rechte zu tun. Gott hatte seine Gnade mit bestimmten Auflagen versehen,
die Adam nicht einhalten konnte. Dennoch wird Adam auserwählt, Träger
der Offenbarung Gottes und der erste Prophet zu sein.
Die Unvollkommenheit des Menschen kommt noch einmal
in den Geschichten über Kain und Abel sowie über die Sintflut zum
Ausdruck. Von den beiden Söhnen Adams, Kain und Abel, ist in Sure 5,
27-32 die Rede. Der, dessen Opfer von Gott nicht angenommen wird, tötet
seinen Bruder. Immer wieder wird über die große Flut und über Noah
erzählt, der nach Adam der erste Gesandte und Prophet Gottes ist: Er
ruft, allerdings vergeblich, zur Abkehr von falschen Göttern d.h.
Götzen auf (Sure 71; 11, 36 ff.).
Eine islamische Überlieferung erzählt von der
Himmelfahrt Mohammeds, durch die die Unvollkommenheit des Menschen
besonders gut zum Ausdruck kommt. Auf dem Rückweg von der Himmelfahrt
trifft er Moses, dem er erzählt, was ihm Gott aufgetragen hat, nämlich
dass sein Volk 50 mal täglich das Gebet zu verrichten habe. Moses findet
das zu viel für die Menschen. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass sie eine
so hohe Bürde zu tragen nicht in der Lage wären. Daher empfiehlt er
Mohammed, noch einmal zu Gott zurückzukehren und um Reduzierung der
auferlegten Gebete zu bitten. Nach langem Bitten gelingt es Mohammed,
die Anzahl der täglich zu verrichtenden Gebete auf maximal 5
herunterzuhandeln. Selbst das findet Moses noch zuviel. Aus seiner
Menschenkenntnis und Weisheit heraus weiß er, dass die Menschen zu
schwach sind, um hohe göttliche Erwartungen zu erfüllen. Als Moses
Mohammed erneut zu Gott zurückschicken will, damit er die Anzahl der
Gebete noch weiter herunterhandelt, weist Mohammed dies mit dem
Argument zurück, dass er sich schäme, noch einmal vor Gott zu treten
(Kurt Kusenberg 1960:102).[7]
Der Mensch ist nicht nur unvollkommen, sondern auch
unentschlossen, vergeßlich und leicht ablenkbar. In der Sure 6.74-79
(Rückert) wird Abrahams Zweifel thematisiert:
(74) Wie Abraham zu seinem Vater sprach:
O nimmst du Bilder an zu Göttern?
Ich seh’ dich und dein Volk in offener Irre.
(75) So zeigen wir dem Abraham
Das Reich der Himmel und der Erde,
dass er erkennen möge das Gewisse.
(76) Als über ihn nun einbrach
Die Nacht, erblickt’ er einen Stern,
Und sprach: Das ist mein Herr. Doch als er
unterging,
Sprach er: Ich liebe nicht die Untergehenden.
(77) Als er nun sah den Mond vorbrechen,
Sprach er: Das ist mein Herr. Doch als er
unterging,
Sprach er: Wenn nicht mein Herr mich leitet,
So werd’ ich seyn bei den Verirrten.
Abraham braucht mehrere Gottesbezeugnisse und
Machtbeweise, bis er sich endgültig überzeugen lässt. Denn erst als die
Sonne, mächtiger als Stern und Mond, erscheint, ist er einsichtig.
(78) Als er nun sah die Sonn’ aufbrechen,
Sprach er: Das ist mein Herr, das ist ein größrer.
Doch als sie untergieng, sprach er:
Mein Volk, ich habe keinen Theil
An eurer Gottgesellung.
(79) Mein Angesicht hab’ ich gerichtet
Zu dem, der Himmel schuf und Erd’, andächtig,
Und bin nicht von den Gottgesellern.
Der Mensch ist nach dem Islam somit ein
ambivalentes Wesen. Einerseits trägt er den Geist Gottes und damit
etwas Göttliches in sich, andererseits ist er in gewisser Weise
infantil, lässt sich fehlleiten und verführen, weiß nicht immer zwischen
Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das stellt die eigentliche Prüfung
für den Muslim dar: dass er es schafft, so wenig wie möglich zu
sündigen. Während im Christentum der Mensch das ganze Leben hindurch
damit beschäftigt ist, die Erbsünde wieder gut zu machen, ist der
orthodoxe Muslim fortwährend damit beschäftigt, sich so zu verhalten,
dass er möglichst wenig sündigt. Die klaren Regeln in Form von direkten
Handlungsanweisungen helfen ihm dabei, die Gemeinde unterstützt bei
individueller Schwäche das Einhalten der Regeln durch soziale Kontrolle
und Sanktion.
5. Implikationen des
Menschenbildes für Gesellschaft und Lebenswelt
Eine vermittelnde Instanz zwischen Gott und
Gläubigem, wie z.B. eine Kirche, konnte sich im Islam nicht
herausbilden. Im Schiitentum bekommen die Imame und im Sunnitentum die
rechtgeleiteten Kalifen zwar eine vermittelnde Funktion, sie sind
jedoch prinzipiell fehlbar. Die Gemeinde hat jederzeit die Möglichkeit,
sich von den Imamen abzuwenden, wenn sie feststellt, dass diese den
Glauben verfälschen oder für ihre Zwecke instrumentalisieren. Daher
fällt der Gemeinde in der islamischen Welt eine zentrale Rolle zu.
Allerdings birgt dies das Problem, dass in der Binnenstruktur eine
starke soziale Kontrolle auf die Individuen ausgeübt wird und dem
Individualismus nur wenig Raum bleibt[8].
Gegenüber Nichtmuslimen ist der Islam tolerant oder indifferent, sofern
es sich bei diesen um Buchreligionen handelt und diese den Islam nicht
verächtlich machen oder bekämpfen.
6. Toleranz
Die Toleranz wird in verschiedenen Suren
thematisiert. In Sure 2. 257 heißt es in Bezug auf Glaubensfreiheit:
„Es sei kein Zwang im Glauben.“ Allerdings finden sich im Koran mehrere
Verständnisse von Toleranz. Diese widersprechen sich aber nicht,
sondern komplementieren einander. In dem hier zitierten Vers kommt eine
selbstgewisse und aus der Überlegenheit resultierende Vorstellung von
Toleranz, die als gewährende Großmut verstanden werden kann, zum
Ausdruck. Der zweite Satz des Verses lautet weiter: „Klar ist nunmehr
unterschieden das Rechte vom Irrtum“. Daher bedarf es keines Streites
mehr über das Rechte. Auch eine indifferente Version von Toleranz ist
im Koran enthalten. Die Sure 109 ist eigens den „Ungläubigen“ gewidmet
und klärt das Verhältnis zu diesen. Dort heißt es wörtlich:
(1) Sprich: O ihr Ungläubigen,
(2) ich diene nicht dem, dem ihr dienet,
(3) und ihr seid nicht Diener dessen, dem ich
diene.
(4) Und ich bin nicht Diener dessen, dem ihr
dientet,
(5) und ihr seid nicht Diener dessen, dem ich
diene.
(6) Euch eure Religion und mir meine Religion.
(Der Koran, in der Übersetzung vom Max Henning)[9]
Eine eher im Sinne von akzeptierender Toleranz
verstandene Auffassung von Toleranz, die sich auf die Angehörigen der
Buchreligionen bezieht und die sehr stark an die Lessingsche Ringparabel
erinnert, findet sich in Sure 5, 52-53:
(52) Und wir sandten hinab zu dir das Buch mit der
Wahrheit, bestätigend, was ihm an Schriften vorausging, und Amen darüber
sprechend. Drum richte zwischen ihnen nach dem, was Allah hinabsandte,
und folge nicht ihren Gelüsten, (abweichend) von der Wahrheit, die zu
dir gekommen. Jedem von euch gaben wir eine Norm und eine Heerstraße.
(53) Und so Allah es wollte, wahrlich, er machte
euch zu einer einzigen Gemeinde; doch will er euch prüfen in dem, was er
euch gegeben. Wetteifert darum im Guten. Zu Allah ist eure Heimkehr
allzumal, und er wird euch aufklären, worüber ihr uneins seid.
7. Pluralisierung
Diese Sure bestätigt zudem die Akzeptanz von
Pluralität, die in der islamischen Religion und Kultur strukturell
angelegt ist. Gleichwohl bezieht sich die Pluralität auf Kollektive,
im Sinne von unterschiedlichen Religionsgemeinschaften (Judentum,
Christentum). Allerdings sagt ein Hadith (Wort des Propheten): „Die
Meinungsverschiedenheit in meiner Gemeinde ist ein Zeichen göttlicher
Barmherzigkeit“ (Schimmel: 1990: 53) und weitet das Toleranzgebot auf
die Binnenstruktur der islamischen Gemeinde aus und bewertet
Meinungsvielfalt positiv. Die fehlende zentrale Instanz im Islam hat
zur Pluralisierung der islamischen Religion und Praktiken geführt, so
dass der Islam in seinen kulturellen Ausdrucksformen sehr stark von
den vorgefundenen Bedingungen geprägt wurde (vier bzw. fünf
Rechtsschulen, Spaltung in Sunniten und Schiiten, arabischer Islam,
vorderasiatischer Islam, afrikanischer Islam, südostasiatischer
Islam, amerikanischer Islam, europäischer Islam etc.). Auch konnten
sich trotz der gemeinschaftlichen Orientierung des Islam aufgrund der
fehlenden Zentralinstanz individuelle Formen des Glaubens ausbilden,
die das Individuum wieder aus der Verfügungsgewalt der Gruppe
zurückholen. Als Beispiele wären zu nennen die starken mystischen und
spirituellen Praktiken im Volksislam, die Marabuts in Afrika, Aleviten
in der Türkei, Bektaşis auf dem Balkan und sonstige unzählige Orden
wie die Mevlevis, die Naksibendis u.a. In all diesen Fällen gilt, dass
sie dem Credo folgen, dass es viele individuelle Wege gibt, zu Gott zu
gelangen oder Gott zu erfahren und dass jeder seinen eigenen Weg
finden muß.
Ein Beispiel für diese Auffassung vom Islam:
„...
Wenn ihr den Tempel Gottes sucht,
In eurem Herzen tragt ihr den.
Wohl dem, der bei sich selb kehrt ein,
Statt pilgernd Wüsten durch zu gehn.“
(Rumi: 1988, S. 46)
8. Schlusswort
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass
der Mensch im Islam – trotz der Geringschätzung von Individualität –
eine hohe Wertschätzung genießt. Seine Würde leitet sich nicht nur
davon ab, dass er Gottes Geschöpf ist – und nur dieser über ihn
urteilen kann – sondern auch, dass er mit dem von Gott eingehauchten
Geiste auch Träger göttlicher Eigenschaften ist. Wobei kritisch
anzumerken ist, dass im Koran der Mensch in erster Linie als Mann
auftritt, die Frau, Eva, ist, weil als Teil aus ihm hervorgegangen,
dem Mann zugeordnet. Entgegen der auch in Deutschland
weitverbreiteten Auffassung, dass der Islam im religiösen Kern nicht
mit Demokratie, Pluralismus, Individualismus und Toleranz vereinbar
ist, sprechen die Belege eher dafür, dass die religiöse Botschaft
des Islam diesen Entwicklungen durchaus nicht im Wege steht. Das
westliche Demokratieverständnis, als Produkt der Antike und
Aufklärung, darf jedoch nicht mit dem Verständnis, das der
islamischen Religion immanent ist, gleichgesetzt werden. Das
unmittelbar aus der islamischen Offenbarung resultierende und in der
islamischen Kultur historisch verankerte Verständnis von Demokratie
definiert seine Grenzen anders. Die Grenzen der Wahlfreiheit werden
durch den Glauben gesetzt. Daher hat Saribay (1994: 198 ff.) dieses
Verständnis zu Recht als „Theodemokratie“, seine Rechtsgrundlage
als „Theonomos“ bezeichnet. Sie ist theokratisch, weil sie Gottes
Gebote zur Handlungsgrundlage eines jeden Muslim erklärt, und
demokratisch, weil sie jedem Muslim in der Gemeinde den Status
verleiht, Gottes Willen zu verwirklichen und hierfür ein ständiges
Entscheidungsgremium die Voraussetzung ist (vgl. ebd.: 214).
Wahlfreiheit bezieht sich demzufolge dann immer auf die Freiheiten
innerhalb dieses Weltverständnisses. Dennoch, die Tendenz zur
Demokratie und Pluralismus ist unverkennbar. Um Erscheinungen wie den
islamischen Fundamentalismus oder totalitäre Entwicklungen im Islam
angemessen erklären und beurteilen zu können, bedarf es nicht nur
des Blickes in den „Text“, sondern auch eines in den „Kontext“. Das
aber ist primär keine philologische oder religionswissenschaftliche
Aufgabe, sondern eine soziologische.
Literatur
Bobzin, H.: Der Koran. Eine Einführung. München;
C.H.Beck-Verlag, 1999.
Der Koran, in der Übersetzung von Friedrich
Rückert. Hrsg. von Hartmut Bobzin. Würzburg, 1995.
Der Koran, in der Übersetzung von Max Henning.
Wiesbaden (o.J.): VMA-Verlag,
Elias, N.: Über die Zeit II., in Merkur, 10/1982.
Grunebaum von, G.E.: Der Islam im Mittelalter.
Zürich und Stuttgart: Artemis Verlag, 1963.
Khoury, A.T./Hagemann, L./Heine, P.:
Islam-Lexikon. Band I-III. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1991.
Kusenberg, K. (Hg.): Mohammed. In
Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt-Monographien, Reinbek bei
Hamburg, 1960.
Mewlana Dschelaleddin Rumi: Das Meer des Herzens
geht in tausend Wogen. Ghaselen. Übersetzt von Friedrich Rückert, neu
herausgegeben von Yildirim Dagyeli. Frankfurt am Main, 1988.
Saribay, Y.A.: Postmodernite, Sivil Toplum ve
Islam (Postmoderne, Zivilgesellschaft und Islam). Istanbul und Ankara:
Iletisim 1994.
Schimmel, A.: Der Islam. Eine Einführung. Reclam.
Stuttgart, 1990.
Anmerkungen:
[1]
Überarbeitete Fassung eines Vortrags im Rahmen der Veranstaltung des
Arbeitskreises „Abrahams Runder Tisch“ zum Expo-Motto
Mensch-Natur-Technik am 13.6.1999 im Serbisch-orthodoxen Zentrum in
Hildesheim-Himmelsthür.
[2]
Nach orthodox-islamischer Auffassung ist der Koran buchstäblich Gottes
Wort, wie es vom Erzengel Gabriel dem Gesandten und Propheten Mohammed
als Auszug aus dem bei Gott verwahrten Buch offenbart wurde. Aber
auch wenn man der Auffassung der Orthodoxie folgte, dass es sich um
die Offenbarung Gottes handelt, muß diese Offenbarung durch
menschengeschaffene Symbole, wie Sprache und der Schrift, wie sie
jeweils existierten, hindurch gehen, um von den Menschen verstanden zu
werden. Mag das Wort auch göttlich sein, die Interpretation bleibt
menschlich. „Es ist dem Menschen nicht möglich, dass Gott zu ihm
spricht, es sei denn durch Eingebung (wahy) oder hinter einem Vorhang
(higab)“ (Sure 42, 51). Auch dann also sind die Religionen
menschengeschaffene Symbolsysteme. Wenn auch die Offenbarung Gottes
Wort ist, erreicht das Wort den Menschen erst durch „Eingebung“, und
zwischen ihm und dem Wort ist ein „Vorhang“. Sonst wäre es ja auch
nicht möglich gewesen, dass die Offenbarung Gottes später verfälscht
wurde, wie der Koran dem Alten und Neuen Testament vorwirft (Sure 2,
75; 4, 46; 5, 13). Im Koran selbst finden sich mehrere Hinweise
darauf, dass Gott den Koran den Arabern in arabischer Sprache
offenbart habe, damit sie ihn auch verstehen könnten (Sure 20,113;
noch deutlicher 26, 192-199). „(192) Und dieses ist die Offenbarung/
Vom Herrn der Welten,/ (193) Geoffenbaret vom betrauten Geiste/ (194)
In deinen Busen, dass du seist ein Mahner,/ (195) in klarer Zung’,
arabischer (Hervorhebung durch den Verfasser) (...) (198) Und hätten
wir es offenbart/ An einen der Fremdredenden,/ (199) Und hätt’ er es
gelesen ihnen,/ So hätten sie daran nicht glauben mögen“
(Rückert-Übersetzung). Verglichen mit der Orthodoxie der Gegenwart
scheint der Frühislam sich dem Wandel von Symbolen bewußter gewesen zu
sein, wenn der 5. Kalilf Mu‘awija (661-680) sagt: „Was heute gebilligt
wird, ward gestern getadelt; was heute verurteilt wird, wird in
künftigen Tagen gebilligt werden“ (zitiert nach Grunebaum 1963:38).
Eine kritisch-historische Erforschung und Interpretation der
islamischen Offenbarung sowie seiner Religionsgeschichte von
islamischer Seite steht weitgehend noch aus. Die islamische Kultur und
Zivilisation hat den Gang durch das Zeitalter der Aufklärung nicht
mitvollzogen, ihr fehlt daher eine nachaufklärerische,
vernunftgeleitete Gottesvorstellung, die kritische Reflexion und
skeptische Befragung aller dies- und jenseitigen Phänomene – selbst
die Existenz Gottes – ermöglicht, ohne dass dies als Apostasie
gewertet würde.
[3]
Der erste Mensch, Adam, ist in dieser Phase weder Mann noch Frau,
sondern ein Mann-Weib, insofern aus ihm sein weibliches Wesen, Eva,
erschaffen wird. Der Mensch besteht zunächst aus einem Wesen und wird
dann von Gott in weiblich und männlich dividiert. Die Ereignisse
während des Sündenfalls, insbesondere der Fall des Engels Iblis liest
sich wie eine Eifersuchtsgeschichte. Iblis ist eifersüchtig auf Gott,
weil er ein neues Wesen schafft und es mehr schätzt als die
Erstdagewesenen, die Engel. Die Legende spiegelt gewissermaßen die
Eifersuchtsgeschichte des Erstkindes bei der Geburt des Geschwisters
wider.
[4]
Eva, als Prototyp der Frau, ist nach islamischer Auffassung erst nach
Adam und aus ihm erschaffen. Sie steht, wenn man das hier einmal
kritisch anmerken darf, nicht vollständig für sich allein, sondern
tritt als Teil von Adam in die Schöpfung, sie ist Fleisch aus seinem
Fleische. Die islamische Schöpfungsgeschichte – und ihr Frauenbild –
folgt ganz der Traditionslinie der 1. und 2. Schöpfungsgeschichte des
Alten Testaments.
[5]
Die Verführung wird beiden zugeschrieben und nicht wie in der
christlichen Lesart Eva allein. Nach islamischer Auffassung sind
beide, Mann und Frau, nicht fähig, den Verführungen Iblis zu
widerstehen. Daraus leitet sich in Teilen der islamischen Kultur auch
heute noch die Verhaltensmaxime ab, dass beide Geschlechter zu schwach
sind, um unkontrolliert in Zweisamkeit gelassen werden zu dürfen.
[6]
Ähnlichkeiten zum Menschenbild von J. Jacques Rousseau sind an dieser
Stelle unübersehbar.
[7]
Aus dem Koran selbst geht die Anzahl der täglich zu verrichteten
Gebete nicht eindeutig hervor. In Sure 11, 114 ist von dreimal die
Rede. So auch in Sure 17, 78. In Sure 24, 58 ist jedoch nur von
zweimal die Rede, vom Morgen- und Abendgebet.
[8]
Tatsächlich erwächst die dem Islam typische Spannung zwischen
Individuum und Gemeinschaft nicht so sehr zwischen den „zwei Seelen in
einer Brust“ wie bei den Christen. Daher ließe sich auch die These
aufstellen, dass das Problem mit den Menschenrechten im westlichen
Sinne nicht aus der Geringschätzung der menschlichen Würde
resultiert, sondern aus der Geringschätzung von Individualität. So
ist der orthodoxe Islam zwar human, aber er hat kein humanistisches
Menschenideal als Voraussetzung „individueller Menschenrechte“
hervorbringen können. So stellt Grunebaum treffend fest, dass „(d)er
mystische Lehrer, der Prophet, der König und der Dichter, und selbst
der Bettler – alle (nicht) wichtig darum sind, was sie als
Einzelmenschen darstellen; allein ihre Stellung in der Ordnung des
Seins gibt ihnen Bedeutung (ebd.: 286). Als Folge davon konstatiert
Grunebaum für das „Selbstideal“, dass sich die Entfaltungskraft des
Individuums in Anpassung des individuellen Ich an vorgeprägte Typen
erschöpfte. Grunebaum wörtlich: „Die sittliche Bildung setzt sich
daher weder die Entfaltung des Selbst und die größtmögliche
Realisierung seines Potentials zum Ziel, noch auch seine
fortschreitende Heilung auf dem Wege einer auswahlweisen
Selbstverwirklichung; worauf sie abzielt, ist schlechthin Anpassung
des individuellen Ich an den vorgeprägten Typus“ (ebd.: 284).
Dokument Information
Buchpublikation in:
"politik unterricht aktuell" Vertane
Chancen – Paradigmenwechsel in der Politischen Bildung? Hannover,
1999. 94 S., A 5, kart. [ISBN 3-9804023-8-X] Datei-Version 19.05.02
Internetpublikation auf
http://pu-aktuell.de/pua1999/P1999_inx.htm Fassung: 24.10.02, letzte
Fassung: 13.11.2011
Publikation auf http://www.unesco-club-hannover.de 01.01.2002. Letzte
Fassung: 03.12.2011
übernommen aus der Homepage
http://www.politiklehrerverband.org
des Verbandes der Politiklehrer e.V.,
Hannover / Internetseite / politik
unterricht aktuell 1-2/1999 / Dursun Tan:
Das Menschenbild im Koran. 19.05.02,
Version 6 / Netzpublikation 24.10.02 /
P199-N1.DOC. Letzte Durchsicht auf
tuerkei-didaktik.de am 27.01.2011 |
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