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Corrina Gomani:
Multikulturalismus, Arbeitsmigration und
Globalisierung
Bericht über die Konferenz der
Deutsch‑Türkischen Vereinigung zum Sozial- und Geisteswissenschaftlichen
Austausch (DTA) in Mersin/Türkei
Als am Abend des 28.
Oktober vergangenen Jahres eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern und Studenten
aus Deutschland in Mersin, einer Stadt im südöstlichen Teil der Türkei ankam,
waren die Häuser und Straßen anläßlich des anstehenden 74. Gründungstages der
Republik mit deren roten Fahnen geschmückt. Der Tag der Republik war jedoch für
die Wissenschaftler und Studenten nicht der eigentliche Anlaß ihrer weiten
Reise, sondern die Einladung zum Symposium Multikulturalismus, Arbeitsmigration
und Globalisierung der Deutsch‑türkischen Vereinigung zum sozial‑ und
geisteswissenschaftlichen Austausch (DTA).
In Zusammenarbeit mit dem
Institut für Soziologie der Mersin Üniversitesi war ein dreitägiges
Tagungsprogramm zusammengestellt worden, in dessen Zentrum die Frage stand, ob
die Multikulturalismus‑Konzepte als Gesellschaftsmodelle mögliche Antworten auf
die Herausforderungen des Globalisierungsprozesses und der Wanderungsbewegungen
leisten können. Da mehrere DTA‑Mitglieder entweder an der Mersin Ünversitesi
oder an der Universität Hannover tätig sind, konnte für die Realisierung des
Symposiums auf ein bestehendes transnationales Netzwerk zurückgegriffen werden.
Deutsch‑türkische Geschäftsleute aus Hannover, die niedersächsische
Ausländerbeauftragte, das Wissenschaftsministerium und die Hannoversche
Hochschulgemeinschaft haben diese erste Veranstaltung der DTA finanziell
unterstützt.
Die Mersin Üniversitesi
bot in vieler Hinsicht den passenden Rahmen für das Symposium. Die Stadt Mersin
ist von den kurdischen Binnenmigranten und Flüchtlingen aus dem Südosten stark
betroffen. So führte der Weg vom Hotel zur Universität, die auf der Grünen Wiese
einer Hochebene errichtet worden ist, durch eine Gebiet, das durch die
Zuwanderer eine dörfliche Prägung erfahren hat.
Zudem wurde der
Entscheidung für die Mersiner Universität als Veranstaltungsort noch
unvorhergesehen ein hochschulpolitisches Gewicht verliehen, da der Rektor der
Universität einige Tage zuvor vom Vorsitzenden des türkischen zentralen
Hochschulrats offen angefeindet worden war. Der Vorwurf mangelnder Loyalität und
Subversivität hatte den Rektor hart getroffen, auch wenn er fast zeitgleich vom
Rotary‑Club für seinen Einsatz ausgezeichnet worden ist. Die liberale und
sozialdemokratisch ausgerichtete Universität ist den auf "Staatstreue" bedachten
politischen Führungseliten der Türkei ein Dom im Auge. Fast ohne Ausnahme
unterschrieben die türkischen und deutschen Teilnehmer der Tagung deshalb
Solidarisierungsbekundungen, für die sich der Rektor beim abendlichen Empfang
bei seinen Gästen persönlich bedankte.
Solche politische Brisanz
von Hochschultätigkeit ist den Akademikern aus Deutschland nicht vertraut. Durch
diese direkte Erfahrung mit der türkischen politischen Kultur wurde den
Teilnehmern gleich zu Beginn der Tagung die zukünftige wissenschaftspolitische
Stellung der DTA deutlich gemacht.
Das im Vordergrund
stehende Ziel der Vereinigung, den geistes‑ und sozialwissenschaftlichen
Austausch und Wissenstransfer zwischen Deutschland und der Türkei zu
unterstützen beziehungsweise überhaupt erst in die Wege zu leiten, steht den
aktuellen Tendenzen des Wissenschaftsbereichs beider Länder entgegen. Denn die
Bundesrepublik Deutschland und die Türkische Republik kommen sich auf der
akademischen Ebene kaum näher, sondern entfernen sich eher voneinander. Die
akademische Wahrnehmung und Themenbehandlung internationaler und besonders
europäischer Belange richtet sich auf der deutschen Seite immer mehr an der
bevorstehenden Osterweiterung der Europäischen Union aus. Unter anderem sinkt
dadurch das Interesse an der Türkei. Auch werden immer weniger Forschungsmittel
für diesen Bereich bereitgestellt.
Auf der türkischen Seite
ist zu beobachten, daß sich der Hochschulbereich immer stärker an den
Vereinigten Staaten und immer weniger an Europa orientiert. Für türkische
Akademiker und Studenten verlieren deshalb deutsche Universitäten und
Hochschulen zunehmend an Attraktivität, was deutlich im Widerspruch steht zu den
ökonomischen und zwischengesellschaftlichen Realitäten und Relevanzen der beiden
Länder. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die deutsche
Teilbevölkerung türkischer Einwanderer, die mit über zwei Millionen Menschen
zugleich die größte Einwanderergruppe Deutschlands ist, die Remigranten sowie
die strittige EU‑Vollmitgliedschaft der Türkei deuten zumindest darauf hin, daß
sich Sozial‑ und Geisteswissenschaftler stärker um den Dialog zwischen den
beiden Staatsgesellschaften bemühen müssen. Das Engagement der DTA einen solchen
Dialog fern der offiziellen Politik und ökonomischen Belange zu
institutionalisieren, hierfür die notwendigen Netzwerke aufzubauen, ist nicht
nur den gesellschaftlichen Realitäten und den daraus folgenden
wissenschaftlichen Erfordernissen angemessen, sondern längst überfällig.
Angesichts der Tatsache,
daß die seit Jahren geplante deutsch‑türkische Universität in Istanbul aufgrund
der Finanzierungsfrage bisher nur auf dem Papier steht und der Jugend‑ und
Studentenaustausch zwischen den Ländern von wirklichkeitsfremden administrativen
Hürden verstellt wird, die vornehmlich aus der deutschen Angst vor Zuwanderung
resultieren, wird die Bedeutung einer Vereinigung, die den Dialog zu befördern
beabsichtigt, noch um so einsichtiger.
Während der Tagung wurden
entsprechende inhaltlichen Akzente gesetzt, die den Anspruch und die
Orientierungspunkte des zukünftigen Dialogs anzeigen. Der Vortragssaal faßte
mehr als 100 Teilnehmer. Die binationale Kommunikation wurde durch eine
professionelle Simultanübersetzung ermöglicht. Nicht nur graduierte
Wissenschaftler trugen mit Vorträgen zum Austausch bei, sondern auch Studenten.
Die Veranstalter, die ausschließlich ein Forum bereitstellen wollten, lieferten
deshalb keine eigenen inhaltlichen Beiträge. Um so mehr wurde den Teilnehmem
ermöglicht, fern der spärlichen medialen Berichterstattung Einblicke zu bekommen
und die verschiedenen Wahrnehmungsperspektiven und Wissenschaftsstile direkt 2u
erfahren. Für die Koordination, Organisation und die Tagungsassistenz hatten
sich D. Tan, D. Güven, C. Gomani, Z. Kilic, A. Aral, A. Azman, A Özer und Y.
Erjim eingesetzt.
Die Beiträge und
Diskussionen sprachen sehr breit gefächert den derzeitigen Stand der
Sozialwissenschaften im Themenbereich der Globalisierung und des
Multikulturalismus an. Auf den ersten Blick wurden sehr unterschiedliche Themen
angesprochen: So zum Beispiel von Taner Akçam die Konstruktion des Begriffs
"Fremd" im Vergleich zwischen Orient und Okzident, von Günter Behrendt die
türkischen Vereine in Hannover, von Angela More die Adoleszenskonflikte
türkischer Mädchen in Deutschland und von Lutz Hieber die Bilder im
interkulturellen Austausch. die Schwerpunkte für die Ausrichtung des zukünftigen
Dialogs leuchteten in fast allen Beiträgen auf: Das Prinzip nationalstaatlicher
Organisation von Gesellschaften sowie die selbstbezogene nationale und
eigenkulturelle Perspektive muß überdacht werden, wenn Multikulturalität der
gesellschaftlichen Entwicklung dienstbar gemacht werden und in
sozialwissenschaftliche Gesellschaftsmodelle eingehen soll.
Onur Bilge Kula, Dekan der
Fakultät und Vizepräsident der DTA und Elçin Kürşat‑Ahlers, Vorstandsvorsitzende
der DTA eröffnete die Konferenz. Dabei hoben sie besonders die allgemeine
Bedeutung des sozialwissenschaftlichen Dialogs zwischen Ländern hervor, die alle
aufgrund des beschleunigten Globalisierungsprozesses vor spezifischen Problemen
stehen. Aufgrund sprachlicher Barrieren und nationorientierter Wissensproduktion
hinken die Sozial‑ und Geisteswissenschaften in ihrer Entwicklung und
Schwerpunktset2ung dem GlobalisierungsprozeB hinterher.
Dementsprechend stand
anfangs das Schlagwort der Globalisierung im Mittelpunkt. Der zunehmenden
sozialen Polarisierung, die von der Politik und den Experten bevorzugte
ökonomische Perspektive, die provokant klingende Frage "Ist Globalisierung
Imperialismus?" (Başikin Orhan) und die Sozialwissenschaften selbst, die die
Frage nach der Macht und Herrschaft immer mehr ausblenden, wurden dabei
besonders berücksichtigt. Auch die zunehmende Vernetzung der Welt, die Chancen
der neuen Kommunikationstechnologien für die Bildung transnationaler und
interkultureller Netzwerke blieben bei der Begriffsklärung nicht
unberücksichtigt. Doch die Risiken der verschiedenen Entwicklungsprozesse, die
sich vorwiegend aus der geringen Lernfahigkeit politischer und sozialer
Institutionen ergeben und daraus, daß sich die nationalen Politiken und
Wissenschaften überwiegend selbstbezogen auf die stetig vorauseilende
wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren ‑ wobei ausschließlich den Sachzwängen
Vorschub geleistet wird ‑ standen deutlich im Vordergrund.
Anschließend wurden die
Konzepte des Nationalstaates und des Multikulturalismus im Hinblick auf die
negativen und positiven Effekte der Globalisierung für die multikulturellen
Gesellschaften diskutiert. "Multikulturalität in einer globalisierten Welt:
Schmelztiegel oder Salatschüssel?" (Ahmet Özer). Bei einem Salat käme es auf das
Dressing an (Ingolf Ahlers). Angeregt wurde über die verschiedenen politischen
Konzepte der kulturellen Vielfalt im Rahmen der Nationalstaaten diskutiert.
Derzeit werden im
sozialwissenschaftlichen Diskurs hauptsächlich die Risiken der kulturellen
Vielfalt vor dem negativen Hintergrund der These von Samuel P. Huntington, dem
vermeintlichen "Kampf der Kulturen", besprochen. Diesbezüglich gelangte die
Mersiner Veranstaltung zum Kosymposium, wobei es sich durch eine gegensätzliche
Schwerpunktsetzung auszeichnete. Auf Zypern, das von Mersin aus mit dem Schiff
schnell zu erreichen ist, trafen sich zur gleichen Zeit rund 40 Wissenschaftler
mit Huntington. Seiner international viel beachteten These entsprechend, wurden
die kulturellen Konflikte in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt. In Mersin
wurde jedoch die kulturelle Vielfalt als die eigentliche "Antriebswelle"
gesellschaftlicher Entwicklung angesehen und die kulturellen Konflikte nicht nur
auf der gesellschaftlichen Ebene, sondern im Kontext bestehender politischer
Rahmenbedingungen sowie mit den sozioökonomischen Verhältnissen zusammen
betrachtet. Der sozioökonomische Aspekt wird bei der geopolitischen
"Kultur‑Konflikt‑These" Huntingtons weniger berücksichtigt, weshalb diese These
von ihren Kritikern auch als eine Kulturalisierung der sozioökonomischen
Konflikte und globalen Verteilungsfragen aufgefaßt wird.
Nicht die kulturellen
Unterschiede, sondern der Konkurrenz‑ und Modernisierungsdruck, der weltweit
immer mehr Verlierer schafft, wurde in Mersin als das eigentliche Problem
multikultureller Gesellschaften herausgestellt. Genauso wie bei dem ökonomischen
Globalisierungsprozeß handelt es sich hierbei nicht um neue Phänomene. Relativ
neu im ausgehenden 20. Jahrhundert ist aber, daß im Zuge der Globalisierung der
Nationalstaat als gesellschaftliche Organisationsform immer mehr an Funktionen
und Zuständigkeitsbereichen verliert. Die nach wie vor bestehenden ethnischen
und kulturellen Homogenisierungstendenzen und der der kulturellen Autonomie
entgegenstehende Assimilationsdruck von Nationalstaaten, sowie die zunehmende
Partikularisierung und soziale Segregation lassen erkennen, daß im Zeitalter der
Globalisierung überkommene Herrschaftsformen und Machtstrukturen weiterhin
wirksam bleiben. Nur die Vorzeichen mögen sich verändert haben. Auch die
vorherrschenden Prinzipien der Grenzziehungen zwischen den Staaten lassen einen
Nachhinkeeffekt politischer und gesellschaftlicher Organisation und
Institutionen erkennen. Die Menschen, Staatsgesellschaften und Kulturen werden
dadurch selektiert und separiert. Zudem resultiert internationale Politik heute
viel zu sehr aus utilitaristischem und selbstbezogenem Denken. Dementsprechend
wird beispielsweise die Mittelmeerpolitik der Europäischen Union auch
hauptsächlich zum Zweck des eigenen Nutzen betrieben (Dietrich Haensch) oder, um
ein anderes Beispiel zu nennen, die Türkei nur insoweit integriert, als es den
europäischen Interessen entgegenkommt. Folglich geht es bei den
Konfliktpotentialen zwischen den Staatsgesellschaften und innerhalb derselben
mehr um ökonomische und politische Machtungleichheiten als um kulturelle
Unterschiede.
Am Beispiel der
Entwicklung des Osmanischen Vielvölkerreichs zur türkischen Republik sowie an
der Bildung des deutschen Nationalstaates wurde während der Tagung auch
aufgezeigt, wie sich die Staatseliten bei ihren Modernisierungsstrategien die
kulturelle und ethnische Heterogenität der Bevölkerungen schon immer zunutze
gemacht haben (Helmut Bley). Dabei dient die Heterogenität den Staatspolitiken
zur Legitimation von Herrschaftspraktiken. Denn Bevölkerungsteile können über
ethnische oder kulturelle Zuschreibungen vermittelt integriert und spezifischen
Funktionen zugewiesen werden. Anhand des deutschen Staatsbürgerrechts und des
Begriffs vorn Staatsvolk (Detlev Claussen) wurde exemplarisch aufgezeigt, wie
solche Mechanismen und Legitimationsweisen wirken: Das Abstammungsprinzip
entscheidet über den Status der Gesellschaftsmitglieder. Uli Bielefeld verlieh
diesem Problem eine treffende Überschrift: "Exklusive Gesellschaft und inklusive
Demokratie". Das sogenannte Kurdenproblem der Türkei wurde in diesem
Zusammenhalt auffällig zurückhaltend angesprochen.
Ohne eine fundamentale
Kritik am Gesellschaftsmodell des Nationalstaates und den vorherrschenden
sozioökonomischen Verteilungsprinzipien kann kein Modell entstehen, das der
Zukunft weniger inner‑ und zwischengesellschaftliche Konflikte verspricht.
Ferner sollten nicht die kulturellen Unterschiede, sondern die interkulturellen
Chancen ins Zentrum des sozialwissenschaftlichen Diskurses gestellt werden. Dies
war bei der Tagung letztlich der kleinste gemeinsame und doch zugleich größte
Nenner. In Zukunft sind entsprechende Arbeitsgruppen vorgesehen, die die
Problemfelder der Staatsgesellschafter in Mikro‑ und Makrokosmos intensiv
behandeln wollen. Für 1998 hat die DTA eine weitere Tagung geplant, die
voraussichtlich im Dezember zum Thema Türkei und Europa an der Universität
Hannover stattfinden wird.
Impressum für diese Seite:
Zeitschrift für
Türkeistudien, 11.
Jg.
1998, Heft 1, S 125-129.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin wiedergegeben. -
Internet-Veröffentlichung am 1.11.2003 unter
http://www.dta-uni-hannover.de/ -
Neuveröffentlichung / Revision auf dieser WebSite
tuerkei-didaktik.de: 3.11.2009
/ Arbeitsgemeinschaft Deutsch‑Türkische Vereinigung zum Sozial- und
Geisteswissenschaftlichen Austausch
(DTA)
im
Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. Neu
durchgesehen 01.03.2011
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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