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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 2

> Inhaltsverzeichnis

Zur Konzeption der Türkeifahrt

Vorbereitungen

Der Rahmen, in dem die Türkeifahrt stattfand, wird schon abgesteckt durch die Begründung, die den offiziellen Genehmigungsantrag begleitete:

Die Beschäftigung mit der Türkei ist in der derzeitigen Situation für deutsche Schüler in mehrfacher Hinsicht wichtig und Interessant. Ganz abgesehen von den historischen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die eine gute Grundlage für gegenseitiges Verständnis abgeben sollten, sind heute einige Probleme aufgetaucht, die einen gesellschaftlichen und politischen »Handlungsbedarf« wecken, der sicher anders aussehen muß, als einige politische Kreise in der BRD es sich heute vorstellen und sicher anders, als es die primitive Behandlung des „Ausländerthemas“ in Teilen der Öffentlichkeit annehmen. Die große Anzahl bei uns lebender Menschen türkischer Staatsangehörigkeit ist eine Folge zweier korrespondierender Probleme – unkontrolliertes Wirtschaftswachstum in der BRD mit seinem Arbeitskräftebedarf auf der einen, die sozialen Probleme eines sogenannten „Schwellenlandes“ auf dem Weg zu einer industrialisierten Wirtschaftsform auf der anderen Seite die zusammen zu der für die Betroffenen Menschen überaus belastenden Arbeitsmigration führte. Diese nach längerer Zeit in keinem der beiden Länder mehr voll Integrierten, entwurzelten Menschen sind die eigentlichen Opfer des ökonomischen Fortschrittes. Ihre unverschuldeten Probleme sind eine humane, soziale und politische Aufgabe und Verpflichtung für die Nutznießer jahrzehntelangen Wirtschaftswachstum, derer sich die deutsche Gesellschaft nicht durch Hinweis auf International verschlechterte wirt­schaftliche Rahmenbedingungen (und die Unfähigkeit der deutschen Politik, mit der Wirtschaftsproblematik fertig zu werden) entledigen kann; auch die Türkei ist von diesen Wirtschaftsproblemen, oft härter noch als die BRD, betroffen, was sich im letzten Jahrzehnt mehrfach zu krisenhaften politi­schen Entwicklungen verdichtete, die die Situation des Landes bis heute problematisch erscheinen lassen.

Wir gehen davon aus, daß diese tief verwurzelte Problematik nur durch Informationen und enge Kontakte bewältigt werden können und daß jede Ausgrenzungs‑ und Abgrenzungspolitik nur zu bewußtseinsmäßigen Deformatio­nen führt, die letztlich auf' uns selbst zurückfallen. Ziel der Beschäfti­gung mit dem Thema „Türkei“ ist es daher, tieferes Verständnis für die türkischen Menschen, ihre kulturelle und historische Herkunft, ihre Tra­ditionen und Wertvorstellungen, ihre soziale und politische Einbindung in den türkischen Staat und die türkische Gesellschaft bei den deutschen Jugendlichen zu wecken, was auch zu einem Prozeß der Selbstreflexion und der Selbstfindung Im Kontakt mit der sozialen Umwelt führen soll. Das wird durch die aktuellen Bemühungen der Türkischen Republik um Auf­nahme in die EG noch dringender, da damit der politische und kulturelle Kontakt zu diesem Land enger und alltäglicher wird und Mißverständnisse und Vorurteile zu politischem Sprengstoff werden können, die die friedens‑, erhaltenden Integrationsbemühungen der europäischen Bewegung zunichte machen könnten. Hier sich auf die völkerverbindenden Grundsätze der Ver­einten Nationen und der UNESCO zu beziehen, kann dem zunächst ökonomisch motivierten europäischen Zusammenschluß die dringend benötigte politische und kulturelle Dimension zurück gewinnen.

Die üblichen Studienfahrten greifen in ihrer Konzeption zu kurz, um das anspruchsvolle Arbeitsprogramm des Arbeitsschwerpunktes »Türkei« an der Bismarckschule zu erfüllen; eine längerfristige Einbindung in vielfältige Aktionen, Projekte und Unterrichtsveranstaltungen ist ebenso notwendig ,wie die Perspektive eines dauerhafteren Kontaktes zu Personen und Schulen in der Türkei, der längerfristig, wenn es die politischen Rahmenbeding­ungen erlauben, zu einem offiziellen Schüleraustauschprogramm ausgeweitet werden könnte, an dem sich auf deutscher Seite auch andere Schulen betei­ligen sollten.

Die Gründung der „Türkei-AG“ ist nur ein erster Schritt in diese Richtung., Um den hohen Anspruch an dieses integrative Arbeitsprojekt zu dokumen­tieren, wurde eine erste Studienfahrtplanung für eine Reise in die Türkei im Herbst 1985 auch aus den sonst üblichen organisatorischen Einbindungen herausgelöst und der Türkei-AG zugewiesen, die damit Koordinations‑ und Organisationsaufgaben zwischen den inhaltlichen Beiträgen der verschiede­nen Fächer übernimmt: eine deutliche Verpflichtung zur ernsthaften und kontinuierlichen Arbeit der Arbeitsgemeinschaft.

Die erste geplante Studienfahrt, die von den Mitgliedern der Türkei-AG durchgeführt werden soll, hat damit Pilotfunktion für die Schule, wobei vor allem die möglichen Fortsetzungen und Vertiefungen der Kontakte und der Informationsmöglichkeiten geprüft werden sollen. Die erste Konzeption einer solchen Reise, wie sie von der Gesamtkonferenz genehmigt worden ist, liegt für die Zeit etwa vom 24.10. bis zum 7.11.85 schon vor (siehe beiliegendes Programm). Im Mittelpunkt steht der beantragte Besuch türkischer Bildungseinrichtungen Im gymnasialen und berufsbil­denden Bereich, darüber mit Betriebsbesichtigungen und Informationsge­sprächen aber auch ein Einblick in die soziale und ökonomische Realität des Landes.

Daß bei diesem, notwendigerweise auf zentrale Themenbereiche konzentrier­ten Programm, auch der Kontakt mit der reichen Kultur und Geschichte der Türkei nicht fehlen darf, versteht sich, nach den einleitenden Ausführungen von selbst. Dies kann und darf aber nicht zum touristischen Selbstzweck werden sondern soll die Basis zum Verständnis der heutigen Situation des Landes sein. Um beide inhaltliche Aspekte gleichermaßen intensiv bearbei­ten zu können, konzentriert sich die Reiseplanung auf die drei Großstädte İstanbul, Ankara und İzmir, von wo aus kleinere Abstecher in die Umgebung zumindest in Ansätzen etwas von den regionalen Disparitäten der Türkei erleben lassen können. In späteren Reisen können dann eventuell auch die speziellen Probleme des ländlichen Gebietes oder der Problemregion Ost-­Türkei in den Mittelpunkt gestellt werden.

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Die Vorbereitung der Türkeifahrt hat etwa ein Jahr in Anspruch genommen. Abgesehen vom Genehmigungsverfahren durch Schulleitung, Konferenz und Bezirksregierung wurde eine während der letzten Projektwoche gegründete „Türkei‑Arbeitsgemeinschaft“ zum Träger der Vorbereitungen und zum Teilnehmerkreis der Reise gewählt. Die organisatorischen Vorbereitungen wurden arbeitsteilig auch von den Schülern wahrgenommen. Kontakte zu Türken in Hannover, zum türkischen Generalkonsulat und zu Türkei‑erfahrenen Kollegen waren für die Strukturierung der Fahrt äußerst wichtig, da außer dem Leiter der Fahrt, Voigt, keiner der weiteren Fahrtteilnehmer bisher schon in der Türkei gewesen war.

Das Generalkonsulat hat uns durch die Vermittlung von Besuchsgenehmigungen bei der Türkischen Regierung, den Besuch in der Schule wie ein Informationsgespräch im Ministeri­um für nationale Erziehung in Ankara, durch eine weiteres allgemeines, für uns äußerst hilfreiches Empfehlungsschreiben, in dem die Förderungswürdigkeit unseres Vorhabens bestätigt wurde, wie durch einen Vortrag über das türkische Erziehungswesen durch Herrn Erziehungsrat Yücesoy in dankenswerter Weise die Fahrt erleichtert und uns Gesprächskontakte ermöglicht.

Inhaltliche Vorbereitungsschwerpunkte waren die geschichtlichen und länderkundlichen Grundinformationen, die in kurzen (Lichtbild‑) Vorträgen behandelt wurden; ergänzt wurde dies durch einen Textsatz mit aktuellen Materialien und eingehende Literatur­empfehlungen. Kontakte mit Türkei‑Kennern wurden teils mit der ganzen Gruppe, teils arbeitsteilig aufgenommen und gepflegt.

Daneben wurde schon auf eine gewisse schulische Breitenwirkung geachtet, indem z.B. parallel zur Türkei-AG Unterrichtsangebote zum Thema in der Oberstufe laufen, die z.T. auch von den Teilnehmern der Türkei‑Fahrt besucht werden konnten, so ein Erdkundekurs „Türkei“ und ein Gemeinschaftskundekurs „Naher Osten“ in der Klassenstufe 13 und ein „Werte und Normen“‑Kurs „Islam“ in der Klassenstufe 12. Der mitreisende Kollege Herr Gütte arbeitete sich derweil in die Fachthematik „türkische Musik“ ein.

Die gewählte Organisationsform der Reise war schließlich folgende:
  • Flugreise Berlin/Tegel–İstanbul; gebucht durch das hannoversche Reisebüro „Türk Tur“ als Vertragsreisebüro von „Öncü Tur“ Berlin, welche von Berlin aus regelmäßige Bedarfsflugverkehre in die Türkei mit Dan‑Air, London, durchführen.

  • Anfahrt nach Berlin mit OB/DR; Jugendgruppentarif der Bahn.

  • Fahrten in der Türkei mit Linienbussen; die Fahrscheine wurden jeweils am Vortage des gewünschten Reisetermins bei den Busunternehmen erworben.

  • Exkursionen und Ausflüge im Lande mit gecharterten Minibussen.

  • Hotelunterkunft: In İstanbul lagen Hotelempfehlungen und –anfragen vor, von denen bei Ankunft nach telefonischer Rücksprache die nach Lage der Dinge günstigste Unterbrin­gung gewählt wurde. Für Ankara wurde eine Hotelbuchung ad hoc durch Vermittlung des Hotels in İstanbul akzeptiert. Für Konya, İzmir und Çanakkale lagen Hotelreservierun­gen durch die örtlichen Touristenbüros vor, wobei die genauen Aufenthaltsdaten jeweils telefonisch von der vorausgehenden Station aus abgeklärt wurden. Nur in Çanakkale mußte eine Veränderung der Buchung vorgenommen werden, da die vermittelte Pension besetzt war. Die Unterkünfte gehörten der unteren Preiskategorie an (um 10.‑ DM pro Person und Nacht); Standard und Service waren unterschiedlich und nicht unbedingt am Preis abzusehen; allgemein war die Unterbringung aber akzeptabel.

  • Verpflegung: Der gemeinsame Verpflegungsaufwand wurde bewußt gering gehalten. Grund­sätzlich sollte eine Mahlzeit pro Tag gemeinsam eingenommen werden. Mehrmals wurde Frühstück und warmes Abendessen geboten, dafür wurde zweimal bei sehr später Ankunft am Zielort auf das Abendessen verzichtet. da für eine Gruppe in angemessener Zeit kein Restaurantessen mehr zu organisieren war. Die restriktiv‑sparsame Haltung in der Verpflegungsfrage wurde möglich und vertretbar, da erstens individuelle Verpflegung sowohl den geschmacklichen Sonderwünschen wie den unterschiedlichen Gesundheitszustän­den der Gruppenteilnehmer besser angepaßt war und zweitens die Essenkosten in der Türkei so niedrig sind, daß keine unzumutbare Belastung der Taschengeldvorräte zu be­fürchten war.

  • Die Besichtigungs‑ und Besuchsprogramme wurden grundsätzlich gemeinsam unternommen; regelmäßig wurde aber auch umfängliche Freizeit geboten, die zum Einkaufsbummel, zu persönlichen Kontakten oder auch zum Besuch des türkischen Bades (hamam) genutzt werden konnte.

  • •      Versicherungen wurden im Kernbestand gemeinsam abgeschlossen, was günstige Gruppen­tarife ermöglichte, dem Einzelnen wurden dabei Möglichkeiten zur Bestimmung des Umfanges des individuellen Schutzes offen gelassen. In der Reiseabrechnung wurde daher die Versicherungsprämie aus der gemeinsamen Reisekasse herausgerechnet.

Insgesamt hat sich die gewählte Organisationsform bewährt, wenn auch die letzten Tage der Reise eventuell etwas zu hektisch und zeitlich gedrängt verlaufen sind.

Die Reise dauerte durch einen Flugzeugausfall in der Nacht vom 8. auf 9.11. in İstanbul bei der Dan‑Air einen Tag länger als geplant. Dieser Tag wurde auf Kosten der Flugge­sellschaft in einem flughafennahen Hotel am Strand des Marmarameeres verbracht, so daß der tatsächliche Abflug erst am Sonntag, 10.11., 5.30 Uhr, erfolgen konnte. Gravierende Probleme sind dadurch jedoch nicht entstanden.

Ergebnisse der Reise

Im Zentrum steht das Angebot der Istanbul Lisesi (Istanbul Gymnasium), eine Schulpart­nerschaft mit der Bismarckschule einzugehen. Nach Gesprächen mit Schülern, deutschen und türkischen Lehrern an dieser Schule und dem Direktor dieses Gymnasiums halten wir diesen Vorschlag, der unserem Reiseauftrag durch die Konferenz der Bismarckschule geradezu ent­spricht, für annehmenswert, vor allem, da sich die Perspektive eines Schüleraustausches konkret ergibt. Einzelheiten über die Schule werden in einer kommenden Konferenz mitge­teilt werden.

Die Information über das türkische Schulwesen wurde durch ein Gespräch im Ministerium für nationale Erziehung in Ankara vertieft und durch Gespräche mit türkischen Schülern in mehreren Städten erweitert, so daß jetzt ein differenzierteres Bild über die Situa­tion der Jugendlichen in der Türkei, einschließlich der Rückkehrerproblematik, vermit­telt werden kann.

Der zweite Schwerpunkt der Reise war das Kennenlernen der türkischen Kultur und Ge­schichte, die dem deutschen Schüler doch weitgehend fremd sind. Daß hier überraschende Perspektivverschiebungen eingetreten sind, ist selbstverständlich, wenn auch dieser Schwerpunkt eher dem traditionellen Konzept der Bildungsreise entsprach und entsprechen mußte. Die Antike wurde in Troja, Pergamon und den römischen Ausgrabungen in Ankara wie durch den Besuch des sehenswerten Museums für anatolische Kulturen (Ankara Museum der Archäologie) angesprochen; die Seldschukenzeit und ihr islamisch‑religiöser Hinter­grund (Mêvlâna, Sufismus) war Schwerpunkt des Besuches in Konya; aber auch Byzanz und das Christentum in seiner Auseinandersetzung mit dem Osten wurde erfahrbar sowohl in Istanbul (Hagia Sophia, Hagia Eirene) als auch in den Höhlenklöstern Kappadokiens (Göreme, Ürgüp). – Die osmanische Vergangenheit setzte in Istanbul den ersten Akzent mit den großartigen Moscheen des 17. und 18. Jahrhunderts und mit dem Topkapi Saray.

Der dritte Schwerpunkt, der für uns sehr fruchtbar geworden ist, war jedoch der unmit­telbare Kontakt zu den Menschen in der heutigen Türkei. Das ambivalente Verhältnis zu Deutschland, getragen von Millionen von Rückkehrern aus der BRD, die sich jetzt in der Türkei oft in großer Not eine neue Existenzgrundlage schaffen müssen; die sozialen Pro­bleme des Landes; die Bedeutung des Kemalismus im Alltag und die auffällige Präsenz des Militärs in der Gesellschaft geben Denkanstöße, die an anderer Stelle ausführlich zu diskutieren sein werden.

Wichtige Erfahrungen für uns waren es, daß die Mehrzahl unserer häufigen und oft inten­siven Kontakte in der Türkei von Freundschaft und Hilfsbereitschaft geprägt waren und daß die Motive unserer Reise begrüßt wurden. Oft wurde auf eine Verstärkung des Kontak­tes zwischen den Ländern auch auf der Ebene häufigerer Besuchsreisen gedrängt; ein ver­ständnisvoller Besuch aus Deutschland gibt auch den Menschen in wirtschaftlichen Pro­blemsituationen Mut und Perspektive, daß sie mit ihren Sorgen nicht alleine gelassen werden. Das Interesse an gegenseitigen Beziehungen ist ausgesprochen groß, so daß wir unsere Reise jetzt doch als einen wichtigen ersten Schritt zu weiteren Initiativen und Besuchen sehen.

Dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, daß unsere Schülergruppe auffallend loyal und interessiert, kontaktfreudig und aktiv aufgetreten ist. Wir sind mit der Zusammen­setzung unserer Reisegruppe ausgesprochen zufrieden.

Tagebuchblatt vom

Freitag, 25.10.85

Aufbruch. Die langen Vorbereitungen haben ein Ende gefunden. Sorgen, Zweifel, Hoffnungen – jetzt sind die Entscheidungen endgültig gefallen. Ein kleines Geständnis soll an dieser Stelle auftreten: lange, sehr lange glaubte ich nicht daran, daß diese Reise, mit all ihrem offiziellen und offiziösen Rahmenwerk, überhaupt stattfinden würde. Zunächst also in der Planung ein gewisser Unernst, ein Spiel mit Spekulationen und Utopien.

Und als dann tatsächlich Ernst wurde: ein sorgenvolles Überlegen – wie komme ich aus diesem Unternehmen heile wieder heraus? Überall wird mir Ver­trauen entgegengebracht als „Orient­‑ und Türkeispezialist“; wenn ich nur einmal selbst so viel Vertrauen zu mir gehabt hätte. Es war eher ein trotziges: ich kann doch nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren; denke doch daran, daß du andere ris­kante Reisen in den Iran oder nach Nordafrika auch mit Schülern einiger­maßen erfolgreich über die Bühne ge­bracht hast. Aber ein flaues Gefühl im Magen blieb doch (ich glaube aber, man hat es mir nicht angesehen).

Jetzt, nachdem die Reise so überaus problemlos gelaufen Ist, denkt man an Zweifel und Skepsis nur lächelnd zu­rück und denkt eher an neue, viel­leicht noch aufwendigere Reisepläne?

Die Reisegruppe steigt In Hannover am Nachmittag in den Zug und dreieinhalb Stunden später bringt uns der Flug­hafenbus vom Bahnhof Zoo nach Tegel. Erste Panne – ein böses Omen? –: kurz vor der Flughafeneinfahrt stößt der Bus mit einem entgegenkommenden PKW zusammen und muß an der Unfall­stelle stehen bleiben; wir machen uns auf zu einem zehnminütigen Eilfuß­marsch mit all unserem Gepäck zum Schalter der DAN‑AIR.

Im nachhinein: damit war unser Unfall­pensum Gott sei dank abgegolten, wenn wir von der Rückflugverzögerung ein­mal absehen. Und das Gepäckschleppen: darin werden wir in der Türkei noch einige Erfahrungen sammeln können.

Der Flug nach Istanbul war pünktlich und ohne besondere Vorkommnisse, wenn wir von der Konfusion bei der Platzreservierung absehen, da unvor­hergesehener Weise viele Familien mit Kleinkindern zusammenhängende Sitzplatzgruppen beanspruchten und die Reservierungen damit durcheinan­der brachten. Doch alle kamen mit und fanden einen Platz.

Morgens früh auf dem Flughafen von İstanbul‑Yeşiköy: Warten in der Ankunftshalle bis zum Morgen. Interes­sante Fotos für die Gruppe sind da­bei entstanden: schlafende Gestalten auf dem Fußboden und in den Sitz­gruppen. Von der Flughafenpolizei gut bewacht aber manchmal auch etwas mißtrauisch beäugt. Erst mit Tages­anbruch konnten dann die notwendigen Telefongespräche geführt werden, mit denen wir die noch offene Hotelfrage klären wollten. Zwei Empfehlungen: wer erwartet uns, wie kommen wir dort­hin? Schließlich, obwohl die Verstän­digung recht schwierig war, wählen wir das Hotel, das am Endpunkt des Flughafenbusses leicht zu erreichen ist: in Şişhane auf dem Galata-Hügel. Gegen ½ 9 Uhr fährt dann der erste öffentliche Bus in Richtung Stadt.

Tagebuchblatt vom

Samstag, 26.10.85

Zur Ankunft in unserer Unterkunft ist noch etwas nachzutragen: unser erstes türkisches Rätsel. Uns war in Hannover das Hotel „Dünya“ in der Meşrutiyet Straße empfohlen worden. Dorthin war auch eine Voranfrage gegangen. Heute sind wir aber in einem anderen Hotel in der gleichen Straße gelandet. Wie kamen wir dorthin? Orientierung im Straßengewirr von Galata zu finden, als wir den Flughafenbus an seiner Endstation verlassen hatten, war gar nicht so einfach: Straßenschilder und Hausnummern fehlen meist, der Stadt­plan ist eher phantasievoll als exakt und die Erklärungen von Passanten, immer freundlich und hilfsbereit, sind weit ausholend und für uns, wohl durch mangelnde Sprachkenntnisse, nicht allzu eindeutig... Schließlich hatten wir aber die Telephonnummer des Hotelbesitzers; in einem kleinen An­tiquitätenladen ließen wir anrufen und ein Hotelbote wurde uns entgegen­geschickt. Aber er führte uns nicht zum „Dünya“ sondern gleich schräg ge­genüber von unserem gegenwärtigen Warteposten zum Hotel „Yeni Istanbul“, Meşrutiyet Cad. 273, Şişhane. Ein altes, achtstöckiges, schmales Ge­bäude, ehedem wohl ein Wohnhaus aus den zwanziger Jahren mit grauer, wie bei allen Nachbarhäusern bröckelnder Fassade: nicht gerade was der Name „Neues Istanbul“ erwarten läßt... Konditionen und Preis sind die glei­chen, wie vom „Dünya“ erfahren, wir scheinen sogar erwartet zu sein, aber wieso?

Nun die Vermutungen und Verdächti­gungen (in der Erinnerung ein Spaß für sich): Hat uns der Antiquitäten­händler dreist an einen eigenen Freund weitervermittelt? Ist uns in Hannover eine falsche Adresse gegeben worden?

Auch wenn es sich hier sicher nicht um weltbewegende Probleme handelt, geben sie Gesprächsstoff in einer Gruppe und sind gerade die unvorhergesehenen Erlebnisse, um die herum sich so et­was wie ein gemeinsames Gruppenbe­wußtsein entwickelt. Es kam sogar noch etwas „geheimnisvoller“: Am Abend be­grüßte uns im „Foyer“ des Hotels, d.h. in dem kleinen Tee‑ und Fernsehraum im Erdgeschoß, der den Hotelgästen als ständiger Aufenthalts‑ und Warte‑, für unsere Gruppe als Treff‑ und Kommunikationsort diente, ein eleganter Junger Mann (der sich der Hilfe eng­lisch und deutsch sprechender Hotel­angestellter oder anderer solcher Per­sonen bediente, deren Beziehungen und Identitäten uns erst langsam klar wurden – ein Thema für sich) und frag­te nach unserem Wohlergehen und nach der Unterbringung. Er stellte sich als Besitzer des Hotels „Dünya“ und als Freund unseres hannoverschen Be­kannten vor!?! Das Rätsel löste sich, recht banal, erst später, als er uns zum nächsten Abend in sein Büro im achten Stock des „Yeni İstanbul“ (mit herrlichem Blick über Haliç und die Altstadt) zu Raki und Salat einlud. Er war der Besitzer beider Hotels; ein junger Bauingenieur, der dazu einige ältere Hotels aufgekauft hatte und uns kurzerhand, vielleicht auch aus Platzgründen, in das uns nächst­gelegene Hotel dirigiert hatte... Einige interessante Gespräche mit ihm und Bekannten und Freunden aus dem Umkreis dieses Hotels waren recht aufschlußreich für gesellschaftliche Prozesse in der heutigen Türkei. Darauf soll in anderem Zusammenhang zurück­gegriffen werden.

Das Wichtigste dieses Tages, das was auf unserem Reiseprogramm an erster Stelle steht, kommt, wie ich sehe, in meinen Notizen zu kurz, da es sich um ein typisches touristisches Programm handelt, das eher dem subjektiven Er­leben als dem Mitteilungsbedürfnis zugute kommt: Der Weg über das Goldene Horn (Haliç) auf der Galatabrücke (in einem unvorstellbaren Fußgängergewühl) zum Stadtteil Eminönü, der Altstadt, mit dem gedeckten Basar (Kapalı Çarşı) und der Süleymaniye Camii, dem unbe­streitbaren Meisterwerk Sinans aus dem 17. Jahrhundert. Wortwörtlich der Höhepunkt des Tages war zum Abschluß die Besteigung eines Minaretts mit Blick über die dunstverhangene Stadt...

Tagebuchblatt vom

Sonntag, 27.10.85

Auf engem Raum konzentrieren sich in Istanbul die drei Hauptsehenswürdig­keiten, die jeder Besucher dieser alten, geschichtsbeladenen Stadt aufsuchen wird: die Hagia Sophia, als alte Hauptkirche Konstantinopels geistiges Zentrum des byzantinischen Reiches und als großartiger Kuppel­bau des 6. Jahrhunderts n.Chr. An­sporn und Maßstab der türkischen Architekten für ihre neue Architek­turaufgabe, die ihnen dann Weltruhm einbrachte: die osmanische Kuppelmo­schee; die Sultan-Achmet-Moschee als Komplementärbau von einem Schüler des großen Sinan Im 17./18. Jh. der Hagia Sophia gegenüber errichtet – dazwischen dann, schon auf dem alten Gelände des antiken Hippodrom, das Doppelbad (Hamam) des Sinan und etwas abseits die Stiege zu den an­tiken Wasserreservoirs im Untergrund ­und schließlich hinter der Hagia Sophie der Sultanspalast der 09 man en, Topkapi Saray, der Palast der Hohen Pforte, schon mit Blick über Bospo­rus und Haliç, dem Goldenen Horn, und die Altstadt mit ihren Minaretten und Kuppeln, von denen die Süleymaniye Camii, im Zentrum des Bildes, das städtische Gegenstück zum Sultans­areal am Bosporus bildet.

Zwei Gebäudeschnitte und Grundrisse aus dem Buch von Henri Stierlin, „Islamische Architektur“ sollen die Entwicklung des Kuppelbaus von der Hagia Sophia bis zur Süleymaniye des Sinan verdeutlichen und damit auch die geistige Spannweite, mit der diese Stadt zu leben hat, andeu­ten. Höhepunkt christlichen wie islamischen Geistes zu sein, ihn nebeneinander in Bauformen gegossen zu haben, prägt den einmaligen Reiz der Stadt. Es fällt schwer, über die Reproduktion von Aussagen aus den Reiseführern oder aus stadt‑ und architekturgeschichtlichen Werken, in denen das Wesentliche schon seinen gültigen Ausdruck gefunden hat, noch subjektive Eindrücke zu vermitteln. Allein auf die unmittelbare Anrührung durch die Moscheen soll hier hinge­wiesen werden, die Ruhe, Geborgenheit und Frieden vermitteln, notwendige Voraussetzung für das Gebet; so ganz anders als der eher psychisch überwäl­tigende Eindruck, den gleichgroße Kirchen, auch die dunkle Basilika Hagia Sophia, vermitteln. Das Raumkon­zept spiegelt ein Glaubenskonzept und ein Lebensgefühl.

Der Palast, Topkapi Saray, gibt weite­re Anhaltspunkte für ein Lebensgefühl, das andere Gewichte setzte als die heutige Zeit. Droht noch nach außen die Serail‑Mauer als Festungsbauwerk jedem Eindringling die harte Hand der Macht des Sultans, so gelangen wir von Hof zu Hof in immer verfei­nerte, leichte und lockere Gärten, Kioske und Pavillons. Licht, Wasser und Blumen waren wichtiger als die unermeßlichen Schätze des Sultanats, die heute einen besonderen Reiz der Museumsausstellung machen: der Thron des Nadir Schah, von tausenden von Perlen und Edelsteinen umsäumt, der Topkapi‑Diamant mit seinem überirdi­schen Strahlen und Funkeln, Prunkge­wänder und verspielte Goldgeräte, edle Waffen und eine der Öffentlichkeit nicht zugängliche Sammlung wert­vollster mittelalterlicher Hand­schriften – Koranprunkexemplare, theologische Schriften und frühe wissenschaftliche Werke. Um den Palast herum befin­det sich eine Parkanlage, in die man durch das Bab-i Hümayun, das Kaisertor eintritt und in der sich die älteste Kirche der Stadt, die Hagia Eirene, befindet. In den zwei­ten Hof gelangt man durch das Mitteltor (Ortakapi oder Bab‑üs­ Salam, das „Friedens­tor“ oder „Begrüßungs­tor“). Grazil wirkt das dritte, hölzerne Tor, das in den dem Sultan und seiner Fami­lie vorbehaltenen dritten Hof rührt, das Bab‑üs‑Saadet („Tor der Glück­seligkeit“).

Die Süleymaniye oder Moschee des Süleyman in Istanbul, von Sinan 1550 erbaut. Querschnitt, Längsschnitt und Grundriss.

Die Hagia Sophia, eine byzantinische Kirche, zwischen 532 und 537 von den Architekten Anthemios von Tralles und Isidor von Milet für Kaiser Justinian erbaut. Längsschnitt, Querschnitt und Grundriss.

Gesamtplan des Topkapi Saray in Istanbul, zwischen 1475 und dem 18. Jahrhunder erbaut.

1. Erstes Tor (Ortokapi)

2. Küchen (von Sinan)

3. Ratssal (Regierungsgebäude)

4. Haremsflügek

5. Zweites Tor (Bab-üs-Saadet)

6. Audienzsaal

7. Bibliothek

8.-10. Vergnügungskioske

11. Bagdad-Kiosk

Tagebuchblatt vom

Montag, 28.10.85

Ein wesentlicher Punkt unserer Erkun­dungen in der Türkei betraf den Kon­takt zur türkischen Schule. Schon im vorangegangenen Briefwechsel hatten wir den jetzt bevorstehenden Besuchs­termin am 28.10., 8.30 Uhr, im İstan­bul Lisesi vereinbart. Bemerkenswert an diesem Termin war die bevorstehende Feier zum „Tag der Republik“ am da­rauf folgenden Dienstag, durch die wir über den Unterrichtsalltag hinaus auch Eindrücke von der Einbindung des Schulwesens in das staatliche Selbst­verständnis der Türkei gewinnen soll­ten. Ansonsten waren Gespräche mit den Schülern, den Kollegen und dem Direktor der Schule ebenso vorgesehen wie Unterrichtsbesuche. Zur bildungs­politischen Einbindung dieser Schule wird in einem allgemeineren Aufsatz noch einiges zu sagen sein.

Durch den Direktor wurde uns der offi­zielle Wunsch der Schule nach einer Schulpartnerschaft mit der Bismarck­schule vorgetragen. Soweit es in unse­ren Kräften steht, werden wir in Han­nover alles Notwendige tun, daß dieser Wunsch realisiert wird. Damit wurde eine Überlegung, die schon in unserer Vorbereitung eine große Rolle spiel­te, von der Istanbul Lisesi vorwegge­nommen.

Interessant ist auch das Gebäude, in dem die Schule untergebracht ist: ein osmanisches Verwaltungspalais, hoch und elegant, weitgehend in Holzbau­weise (sehr unpraktisch im Winter!), in dem vor dem ersten Weltkrieg die osmanische Schuldenverwaltung unterge­bracht war! Hoffentlich kann heute eine Schule mehr sein, als Schulden­verwaltung! Dazu sollen unsere Kontakte auch beitragen.

Celia Fischer hat ihre Eindrücke vom Besuch des İstanbul Lisesi in einem kleinen Aufsatz zusammengefaßt, der die kurzen Bemerkungen des Tagebuchblattes ergänzen soll:

Wir wollten den türkischen Schulalltag und türkische Schüler erleben und kennen­lernen. Besonders wichtig war uns die Einleitung einer Schulpartnerschaft.

Unser Besuch begann mit der Begrüßung durch eine türkische Deutschlehrerin, wäh­rend alle Schüler mit Schulkleidung in Reih und Glied vor der Schule die Natio­nalhymne sangen.

Danach wurden wir von dem Leiter der Deutschabteilung, Herrn Seisser, in Emp­fang genommen und in das Lehrerzimmer geführt. Natürlich bekamen wir auch hier nach guter landesüblicher Sitte Cay (Tee) von einem „Schulkellner“ gereicht, der wohl auch noch andere Aufgaben hatte.

Während unseres Gesprächs im Lehrerzimmer kam unter anderem heraus, daß es Pro­bleme in Bezug auf pädagogische Grundsätze zwischen türkischen und deutschen Leh­rern gibt. Türkische Lehrer verlangen mehr Disziplin von den Schülern. Die vorgeschriebene Unterrichtsart fordert meistens ein ständiges und umfangreiches Auswendiglernen und Vortragen des gelernten Stoffes. Dieser Eindruck wurde beson­ders beim Unterrichtsbesuch in der 6. Klasse deutlich, die Schüler trugen enthu­siastisch ihre Deutschkenntnisse vor.

Ein Junge machte den Eindruck, als ob er während des Meldens jeden Moment aus der Bank fallen würde, so sehr bemühte er sich, den Lehrer auf sich aufmerksam zu machen.

In der 6. Klasse haben die Schüler ca. 25 Stunden Deutsch in der Woche, damit sie die Mathematik und die Naturwissenschaften, die ab der 7. Klasse in Deutsch unterrichtet werden, ausreichend verstehen können.

Nach dem Unterrichtsbesuch machten wir einen Gang durch die Schule. In der Sport­halle waren nur Jungen. Mädchen und Jungen haben getrennt Sport. Die Mädchen machen hauptsächlich Gymnastik, die Jungen machen Ballspiele.

Während unseres Rundganges begann die große Pause. Schüler lächelten uns freund­lich an und fragten, ob wir aus Deutschland kämen. Viele sahen uns interessiert an.

Ein Gespräch mit dem Direktor – bei einem Glas Cay – folgte. Dem Direktor gefie­len unsere Vorstellungen und Absichten, er war einverstanden mit einer Schulpart­nerschaft, sowie einem Austauschprogramm.

Unser Ziel und die Aufgaben als UNESCO‑Modellschule waren erfüllt.

Nun folgte ein weiterer Unterrichtsbesuch in einer 8. Klasse mit vier Jungen, die aus Deutschland in die Türkei zurückgekehrt waren.

Herr Seisser machte keinen Unterricht, sondern begann ein Gespräch über die Si­tuation der Rückkehrer in der Klasse.

Es gibt Konflikte zwischen Ihnen und den übrigen Schülern. Einer der Rückkehrer sagte: „Als wir in die Klasse kamen, waren wir wie Außerirdische, wir wurden komisch angeschaut.“

Die Rückkehrer sprachen selbstbewußt über sich und distanziert über Ihre Mit­schüler. Zum Beispiel folgendermaßen: „Die lernen immer nur alles auswendig, auch wenn sie es nicht verstanden haben. In Deutschland wurde Interesse geweckt und man sollte erst alles verstehen, bevor man es lernen mußte.“ Ihre Mitschüler verteidigten sich natürlich auch. Ihr Deutsch war dabei beachtenswert und das mit durchschnittlich dreizehn Jahren. Sie waren bei dem Gespräch etwas benach­teiligt, weil sie in Deutsch Ihre Gedanken und Gefühle nicht so gut ausdrücken konnten, wie die Rückkehrer. denen man anmerkte, wie gut es ihnen tat, sich über Ihre Probleme auszulassen. Auf die Frage. ob sie trotzdem genug Verständnis für­einander hätten, antwortete einer der Rückkehrer: „Nur in kleinen Dingen, sonst noch nicht.“

Nach dem Ende des gesamten Unterrichts schauten wir beim erneuten Singen der Nationalhymne zu und verabschiedeten uns.

Ein Artikel aus einer Hannoverschen Tageszeitung:

Partnerschaft mit türkischem Gymnasium geplant

Schüler im „Istanbul Lisesi“: ­Kritik ist hier nicht erwünscht

14 Mädchen und Jungen der Bismarckschule lernten die Türkei kennen

In Istanbul wartet Gerhard Seisser auf einen Brief aus Hannover. Der deutsche Lehrer unterrichtet  am „Istanbul Lisesi“, das nach den Gymnasien in Livonia/USA und Posen die dritte Partnerschule der Südstädter Bismarckschule werden möchte. Zwar muß die Gesamtkonferenz des Gymnasiums am Maschsee noch zustimmen, doch erste Kontakte hat jetzt eine Gruppe von vierzehn Bismarckschülern während einer Studienfahrt in das Land am Bosporus bereits geknüpft.

Zwei Wochen lang dauerte die Tour durch die Türkei, Aber nur eine Panne registriert der Rechenschaftsbericht in dieser Zeit: Die Pennäler der Bismarck­schule trafen einen Tag später als ursprünglich geplant wieder in der heimatlichen Leinemetropole ein, weil der ge­buchte Rückflug wegen eines technischen Defektes ausfiel. So genossen die Schüler einen zusätzlichen Tag am Strand des Marmarameeres.

Die Studienfahrt bat Ihren Zweck erfüllt, meint Studienrat Gerhard Voigt zufrieden. „Ziel der Reise war es, einen ei­genen Eindruck von einem Land zu ge­winnen, das auch für Deutschland eine immer größere politische und menschliche Bedeutung gewinnt, eigene Vorurteile abzubauen und Kontakte zu schließen, die die eigentliche Reise überdauern“, erläu­tert Gerhard Voigt den Sinn des Projektes. Zusammen mit seinen Kollegen Hans Gütte und Ulrike Schulz betreute er vier Mädchen und zehn Jungen während der Tour durch die türkische Republik.

Die einzelnen Programmpunkte der Studienfahrt – Sehenswürdigkeiten wie die Burg Rumeli Hisari am östlichen Bo­sporus oder das „Anit Kabir“, das Mauso­leum des Staatsgründers Kemal Atatürk  –wurden mit normalen Linienbussen an­gesteuert. Die schmale Reisekasse er­laubte auch keine luxuriöse Unterkunft. Schüler und Lehrer schliefen in Hotels der billigsten Preisklasse. Trotzdem sind die Jungen und Mädchen von ihrer Reise rundum begeistert. „Mich hat beein­druckt, daß man in eine ganz andere Kul­tur hineingerät“, resümiert der 17jährige Magnus Betting. Störend wirkte aber, so Hans Gütte, daß überall Polizei und Mili­tär zu sehen war. „Das war mir etwas unheimlich.“ Kritik mußte auch der Speisezettel einstecken. Kleine Mettbällchen, Köfte genannt, und Fleischspieße mit Salat und Weißbrot sollte die Reisegruppe stärken. „Das war das 1andesübliche Essen“, verteidigte Gerhard Voigt die ange­botenen Mahlzeiten, und den Einwand „Nach deutschen Verhältnissen war es aber verdammt wenig Fleisch“ konterte er mit dem Hinweis: „Auch das ist landesüblich.“

Ein ganzes Jahr lang haben sich die Bismarckschüler Im Rahmen einer Ar­beitsgemeinschaft auf diese Studienfahrt vorbereitet. Daten und Fakten über die Geschichte und die heutige Türkei ge­sammelt, mit türkischen Mitbürgerin Ge­spräche geführt und auch das türkische Generalkonsulat an der Goseriede um Unterstützung gebeten. Den Anstoß zu dem Unternehmen gab eine Unterrichtseinheit zum Thema „Islam“, die die Bis­marckschule im Rahmen ihrer Arbeit als Unesco-Modellschule durchführte. Seit 1963 ist das Südstädter Gymnasium eine von rund zwanzig dieser Modellschulen in der Bundesrepublik und bemüht ich durch besondere Unterrichtsprojekte, Verständnis für fremde Völker und Län­der zu wecken.

Zu den Aufgaben einer Unesco-Modell­schule gehört auch die Information über Schulformen in anderen Staaten. Deshalb wollte die hannoversche Gruppe neben den touristischen Attraktionen vor allem du türkische Schulsystem kennenlernen. Durch Unterrichtsbesuche und Gespräche mit Lehrern und Schülern des „Istanbul Lisesi“, einem Gymnasium, in dem Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer in deutscher Sprache unterrichtet werden, bekamen die Bismarckschüler einen Einblick in den Schulalltag türkischer Jugendlicher. Für persönliche Freundschaften zwischen den türkischen und deutschen Schülern reichte aber die Zeit nicht aus. „Als wir auf dem Schulhof standen, wurden wir zwar nach unseren Adressen gefragt“, erzählt Marion Strzod, geschrieben habe aber noch niemand. Doch da hofft Gerhard Voigt auf die zukünftige Partnerschaft mit der türkischen Schule und auf den damit verbundenen Schüleraustausch.

Kritik von Schülern ist an türkischen Lehranstalten nicht erwünscht, mußten die Bismarckschüler feststellen. „Es gibt noch nicht einmal eine Schülervertre­tung, beklagt Holger Dietrich die dorti­gen Verhältnisse. Mit den ungewohnt autoritären Verhältnissen haben besonders die Kinder von zurückgekehrten Gastarbeitern zu kämpfen. „Türken haben eben eine ganz andere Mentalität“, erklärte ein etwa 13jähriger, in der Bundesrepublik aufgewachsener Knabe den deutschen Besuchern etwas resigniert. [is/Hannoversche Allgemeine Zeitung]

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: XII/1985 / 25.12.2008 / 06.12.2009

Letzte Bearbeitung: 26.02.2011

   
   

 

     
   

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