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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit
Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 4
> Inhaltsverzeichnis
von Hans Gütte
Rumeli Hisare – der schönste und
bedeutendste Punkt am Bosporus. Vom Taksim‑Platz, dem zentralen Platz
Beyoğlus, sind wir eben mit dem Linienbus eingetroffen. Noch beherrscht die
Millionenstadt den Traum, den wir uns gerade anschickten, zu träumen.
Istanbul, ein „Höllentiegel“, in dem Leben zu Lärm kocht, die Sonne fast so
„schön“ wie in Ankara hinter Smog blinkt und jede zweite Straße in einen
Basar mündet. Wir tragen unsere Fototaschen über eine Straße, auf welcher
der Autoverkehr das Chaos probt, Hupen die Vorfahrt regeln, Ampeln
unbeachtet ihre Signale setzen und bahnsteighohe Bordkanten verhindern, daß
der Verkehr auf die Bürgersteige schwappt. Doch hier am Bosporus soll uns
auf der Festung eine Überraschung besonderer Art erwarten: ein
Folklore‑Festival. Das Wetter ist noch fast sommerlich, die Sonne liefert
über den Türmen der Festung und dem Bosporus im Hintergrund eine pittoreske
Kulisse. Seltsame Töne dringen an unsere Ohren. Ein türkisches
Musiker‑Ensemble geht ohne Vorwarnung, nur gemildert durch den Anblick einer
in bunte Gewänder gekleideten Tanzgruppe, zum Angriff auf unsere
Gehörzentren vor. Es ist nicht die Lautstärke, es ist der für europäische
Ohren seltsam eintönige Melodieablauf der Zurna, der türkischen Oboe. Bei
uns in Deutschland unbekannt, in der Türkei aber außerordentlich beliebt und
verbreitet – besonders beim Tanz – ist das Zusammenspiel von Trommel und
Oboe, „Davul – Zurna“, das nun für nahezu drei Stunden überwiegend zu hören
ist. Diese Kombination ist übrigens bei allen islamischen Völkern
verbreitet. Auch auf dem Balkan wird ähnlich musiziert. Kein Wunder, denn
die Türken sind ja in vergangenen Jahrhunderten sogar bis Wien vorgedrungen!
Vermutlich stammt diese Praxis aus Indien, von wo Zigeuner sie in die
Türkei mitbrachten. Noch heute werden Trommel und Oboe, „Davul“ und „Zurna“,
fast immer von Zigeunern gespielt. Sie sind Berufsmusiker, und ein
Spielerpaar betreut meist mehrere Dörfer. So wird – bei Hochzeiten drei Tage
lang – viele Stunden am Tag gespielt, wobei sich Tanz an Tanz reiht. Die
türkische Oboe ist das Vorbild für unsere moderne europäische Oboe gewesen.
In der Türkei nimmt der Oboe‑Spieler aber das gesamte Mundstück in den Mund
atmet durch die Nase und spielt, ohne abzusetzen. Zu den türkischen
Militär-Kapellen gehören übrigens mehrere solcher Oboe‑Spieler. Die große
Türken‑Trommel „Davul“ wird vom Spieler umgehängt und mit zwei Schlägeln
geschlagen. Sie fand, ebenso wie die Oboe, Eingang in unser europäisches
Orchester. Unsere beiden musikalischen Hauptakteure werden von mehreren
türkischen Lauten begleitet. Man sieht von unseren amphitheatralischen
Sitzplätzen aus sehr gut, daß ein solcher „Tanbur“ einen sehr langen Hals
hat. Auch Santuren werden jetzt eingesetzt, das sind Instrumente, die zur
Klasse der Zithern gehören und einen trapezförmigen Korpus mit Drahtsaiten
besitzen. Im Gegensatz zum gezupften „Kanun“ wird der „Santur“ wie ein
Hackbrett mit Klöppeln angeschlagen.
Im weiteren Verlauf der
Veranstaltung wird auch deutlich, daß die türkische Volksmusik zwei
grundsätzlich voneinander verschiedene Arten kennt: zur ersten gehören
solche Lieder und Instrumentalstücke, die rhythmisch sehr frei musiziert
werden, sogenannte „uzun hava“, das heißt etwa „lange Melodie“. Diese „uzun
hava“ gelten als die angesehensten Volksweisen. Sie ähneln den Gebetsrufen
der Mohammedaner und zeichnen sich durch eine Fülle von Ornamenten aus.
Eine zweite, ganz andere Art von Melodien stellt unser Ensemble ebenfalls
vor. Es sind die sogenannten „kirik hava“, das heißt soviel wie „zerbrochene
Melodie“. Bei Liedern dieser Art wird auf jede Silbe ein Ton gesungen, ganz
im Gegensatz zu den weitschweifigen „uzun hava“, wo häufig zu einer Silbe
sehr viele Töne gehören. Solche „kirik hava“ sind rhythmisch straff und fast
immer klar symmetrisch gegliedert. Und so verwundert es denn auch nicht,
daß wir sie besonders oft beim Tanzen erklingen hören, wo ein klarer
Rhythmus, nach dem man sich richten kann, benötigt wird.
Die Gedanken wandern zurück zu den
Gesprächen mit den Lehrern der İstanbul Lisesi. Ich erinnere mich, daß
erwähnt wurde, die Türkei gehöre zu den Ländern des Vorderen Orients, die
westlicher Musik gegenüber besonders aufgeschlossen sind. Bereits in den
Volksschulen lernen die Kinder europäische Musik und Notenschrift kennen.
Der Einfluß von Rundfunk und Fernsehen hat besonders in den Städten
zugenommen. Ähnlich wie bei uns bestehen etwa 90 % der türkischen
Musikprogramme in Rundfunk und Fernsehen aus Unterhaltungsmusik, die zum
Teil ein Gemisch aus türkischer Volksmusik und westlicher, das heißt
europäischer oder amerikanischer Unterhaltungsmusik ist. Erinnern wir uns,
daß umgekehrt auch Europa von der türkischen Musik nicht unbeeinflußt blieb!
Noch heute ist die Musik des Balkan stark mit türkischen Elementen
durchsetzt, und die Janitscharenmusik hat nach den Türkenkriegen die
europäische Marschmusik sehr stark beeinflußt. Und in der Klassik waren
„türkische Märsche“ sehr beliebt.
95 % aller Türken sind Mohammedaner.
Der Islam war früher sehr musikfeindlich. Lediglich Gebetsrufe und das
Vorsingen aus dem Koran waren zunächst erlaubt. Die strenggläubigen
Mohammedaner waren der Auffassung, Musik reize den Menschen auf und übe
einen schlechten Einfluß auf ihn aus. Das Spielen auf Musikinstrumenten war
zunächst verboten. Später allerdings wurden auch Instrumente zugelassen. Es
fällt auf, daß die Instrumente in der Türkei vornehmlich von Männern
gespielt werden. Der Eindruck scheint nicht abwegig, daß Frauen von der
aktiven Musikausübung in der Öffentlichkeit auch heute noch weitgehend
ausgeschlossen seien.
Ein besonders lebhaftes Musikstück
reißt mich aus meinen Überlegungen und führt mich in die musikalische
Wirklichkeit zurück. Dem vorherrschenden Eindruck der Fremdartigkeit dieser
Musik kann ich mich nicht entziehen, aber ihre unmittelbare Ausdrucks‑ und
Bewegungsintensität springen auf mich über. Eine letzte Aufnahme von den
Solisten, schon im Licht der untergehenden Sonne, dann heißt es zurück ins
Hotel zum Abendessen.
Leider wird uns in Konya wohl kaum
das Glück zuteil, die Derwische des 1925 verbotenen Mêvläna‑Ordens zu sehen.
„Derwisch“ bedeutet soviel wie „Bettler“ oder „frommer Mann“. Es gibt aber
heute noch Mêvlêvî außerhalb der Türkei, wo jedoch jährlich vom 10. – 17.12.
in Konya Aufführungen mit Musik und Tanz veranstaltet werden. Was ich heute
noch nicht ahnen kann: wir machen später in Konya die Bekanntschaft von
Mevlüt, einem perfekt deutschsprechenden jungen Türken. Er berichtet uns,
daß Musik und Tanz bei den geistigen Übungen und Zeremonien der Mêvlêvî
einen wichtigen Platz einnehmen. Das Hauptmerkmal der heiligen Tänze ist
dabei eine Kreisbewegung, die der Tänzer vollführt, während er sich in
dauerndem Wirbel dreht. Die Zeremonie ist eine Versinnbildlichung des
Himmels, wobei die wirbelnden Drehungen der Derwische die Bewegungen der
Himmelskörper darstellen. Eine solche Zeremonie besteht aus folgenden
Teilen: Sologesang, Flötensolo, Vorspiel einer Instrumentengruppe, vier
Begrüßungen, Instrumentalstück, schneller Tanz, solo für Flöte oder Tanbur.
Die etwa 75 cm lange Rohrflöte, die im Türkischen als Ney bezeichnet wird,
hat einen eigentümlichen Klang und ist sehr schwer zu spielen. Die „Ney“
('Schilfrohr') ist eine Längsflöte, deren oberes offenes Ende zur
Erleichterung des Anblasens in einen ringsherum zugespitzten Ring aus
Ebenholz oder Elfenbein ausläuft. Man hält sie genauso wie die
volkstümliche Flöte, aus der sie sich vermutlich entwickelt hat und die als
Hirteninstrument „kaval“ heute noch in der Türkei begegnet, schräg nach
links oder bläst sie mit einem seitlich zwischen den Lippen heraustretenden
Luftstrom an. Ihr Umfang beträgt fast drei Oktaven, innerhalb derer zahllose
Zwischentöne erzeugt werden können. Ebenso flexibel, bezüglich Stärke und
Farbe, ist auch der meist volle und ansprechende Klang des Instruments, der
oftmals als mystisch bezeichnet wurde. Vielleicht ist dies der Grund, warum
die „Ney“ neben dem kleinen Paukenpaar zum wichtigsten musikalischen
Requisit der Mêvlêvî geworden ist. Alle früheren Derwische mußten während
ihrer Klosterzeit eines der beiden Instrumente erlernen.
Nun habe ich aber genug erzählt.
Schluß jetzt, sonst verpasse ich noch den SÜPERMAN nach Ankara! Wer der
ist?? Das lassen Sie sich am besten von einem andern Teilnehmer der Türkei –
Studienreisen, von denen wir noch e i n i g e durchführen wollen, erzählen.
Hoşca kalen ...
Tagebuchblätter vom
Die Nachtfahrt mit dem Bus erspart
uns eine Hotelübernachtung. Die Liegesitze sind bequem und die meisten von
uns haben gut geschlafen. Über die Annehmlichkeiten türkischer Busreisen
wird an anderer Stelle berichtet. Im Hotel in İstanbul wurden wir vom
Service gegen 92 11 Uhr abgeholt. Der Minibus war zu klein für unser ganzes
Gepäck (später auf unserer Reise hätten wir diese Meinung sicher revidiert),
so daß er gegen Zuzahlung noch eine zweite Tour zum Otogar fuhr.
Nachtfahrt auf der belebtesten
Strecke der Türkei. Lichter, die vorbeihuschen und kleine Dörfer in der
Dunkelheit; kaum ist es im Bus zu merken, daß wir immer wieder andere
Fahrzeuge überholen; vor İzmit spiegeln sich rechts neben unserer Strecke
Mond und Sterne in dem dunklen Spiegel der Meeresbucht und der Seenkette.
Hier habe ich auf einem Hügel über dem Wasser vor fünfzehn Jahren mein
erstes Frühstück in Asien eingenommen...
Eindösen, kurzer oder längerer
Schlaf; dann eine Veränderung der Fahrgeräusche: häufigeres Schalten,
tieferes Brummen des Motors – jetzt geht es auf die Hochfläche hoch, die
berühmte kilometerlange Steigung bei Bolu. Noch in der monderleuchteten
Nacht öffnen sich die weiten Ausblicke in die Täler, die mir von früheren
Reisen so fest in die Erinnerung eingeschrieben sind. Und noch eine
langausgezogene Serpentine, ein neuer Blick; Mond und Sterne in ungewohnter
Helligkeit und Klarheit, Klarheit des Frostwetters, wie bald zu bemerken
ist, denn nun kommen wir in den Bereich verschneiter Hügelzüge. Der Winter
hat hier schon seinen Einzug genommen. Erst in dem smogerwärmten Kessel von
Ankara ist von der Jahreszeit nicht mehr viel zu entdecken...
Ankunft in Ankara gegen ½ 7 Uhr
morgens; das Chaos am Otogar ist unbeschreiblich; hunderte von Bussen aus
allen Teilen des Landes drängen sich über die Zufahrtsstraße zu den
spärlichen freien Plätzen, um ihre Fahrgäste und ihr Gepäck los zu werden,
schnell, schnell, der nächste Bus steht schon dahinter und hupt. Dann Warten
in eisiger Morgenluft. Eigentlich war vereinbart worden, daß sich das Hotel
in Ankara um die Abholung kümmern sollte. Wir haben keine genaue Adresse. So
bleibt uns ein eigener Vorstoß nicht erspart: Ulrike Schulz und Hans Gütte
nehmen sich, nach angemessener Wartezeit, ein Taxi zum Hotel (das mit
einigen preistreibenden Umwegen erreicht wird), kommen mit einem
Hotelangestellten zurück und holen die frierende, müde Reisegruppe ab. Ein
Servicebus der Busfirma erledigt dann den Transport zu einem angemessenen
Preis. In der Zwischenzeit hatten wir ein Schauspiel genossen: die
Abfertigung der Taxis, die die Busfahrgäste am Straßenrand übernehmen. Nach
welchen Kriterien hier den Wagen Fahrgäste zugewiesen oder verweigert
werden, welche Taxen ohne weiteres wieder vorbei gewinkt werden, in all
dieser Hektik ist für uns kein System sichtbar; dazwischen Streit und
Rennen, Polizei und Parkwächter fahren dazwischen; eine latente Aggression
liegt über der Szene, in der sich keiner um die ruhig Warten den kümmert;
ein Vorgeschmack auf die allgemeine Stimmung in dieser Stadt, die uns bald
etwas unheimlich, angsteinflößend erscheinen wird.
Im Hotel Devran, Opera (İtfaiye)
Meydanı, Tavus Sk. No. 8 im Altstadt-Viertel Ulus nahe der Hauptstraße
Atatürk Bv., ruhen wir uns erst einmal von der Nachtfahrt aus, ehe wir dann
am Nachmittag zu unserer ersten Erkundung aufbrechen – zum Mausoleum des
Gründers der türkischen Republik, Kemal Atatürk, dem „Anit Kabir“
genannten monumentalen Staatsdenkmal auf dem sonst unbebauten Hügel von
Maltepe, gut abgeschirmt und bewacht vom Militär, das auch nur Fußgänger
auf die Straße zur Ehrenhalle läßt. Taschen und Gepäck sind schon vorher
abzugeben. In einem eigenen Aufsatz soll noch etwas zur Situation des
Kemalismus in der Türkei gesagt werden.

Zwischenmahlzeiten waren wie üblich
die Sesamkringel, die es fast an jeder Straßenecke zu kaufen gibt, heiße
Fleisch‑ und Käse-Baguette vom Imbißstand und der ubiquitäre Çay, der Tee.
Erst abends fanden wir uns zum Şiş‑Kebab in einer Kebabstube ein.
Hammelfleisch in verschiedenen Zubereitungen gebraten oder gekocht und mit
verschiedenen Zutaten verfeinert – Reis, Pommes frites, Fladenbrot, Joghurt
(Çaçik) und dazu Tomaten‑ und Gurken-Salat, pikant zubereitet –, manchmal
auch mit Auberginen zubereitet oder als Mettklöße (Köfte), ist das
preiswerte Alltagsessen in der Türkei, in hunderten von kleinen Kebabläden
ebenso wie in größeren Restaurants erhältlich, was für die Qualität im
Grunde keine Bedeutung hat. So war es auch unser Basisessen, sicherlich
gesünder und abwechslungsreicher als eine entsprechende Schlichtverpflegung
im Land der Currywurst‑, „Fritten-“ und Hamburgerbuden. Deshalb war ich doch
etwas schockiert, als schon am dritten Tag in Istanbul einige über angeblich
zu wenig abwechslungsreiche Verpflegung murrten. Keiner aus der Gruppe kam
in die Verlegenheit, wenn er es nicht selber wünschte, mehr als zweimal
während der ganzen Reise das gleiche Gericht zu sich zu nehmen. Meistens
standen eine größere Anzahl unterschiedlicher Zubereitungen zur freien
Auswahl zur Verfügung. Aber Grundbedingung war hier natürlich immer, daß
äußerste Sparsamkeit die Wahl aller Restaurants ebenso bestimmt hat, wie
die Wahl der Hotels und sonstiger Serviceleistungen. Das waren wir unserer
schmalen Reisekasse schuldig.
Manche türkische kulinarische
Spezialität konnten wir so auch nicht kennenlernen, wie gegrillte
Hammelhoden und Kaldaunen, Meeresfrüchte und manche aus Honig zubereitete
Süßspeisenspezialität, für die das Land berühmt ist. Ob dieses Angebot aber
die Zustimmung aller Teilnehmer gefunden hätte? Vor allem bei viel höheren
Preisen? In die Gefilde der großbürgerlichen Kreise haben wir uns dann doch
nicht begeben.
>Weiter im Reisebericht...
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