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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 9

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Zum weiteren Programm

Abends bei Raki und Wein

„Ist denn Alles so ganz anders als wir dachten?“

Mit einer Schülergruppe in die Türkei fahren: etwas bang war es uns doch, als wir in Berlin in das Flugzeug nach İstanbul stiegen. Fehlte uns doch noch ein Großteil der Hotelbestätigungen für die geplanten vierzehn Übernachtungen; wie sich die Busfahrten im Lande organisieren ließen, war ebenso unklar; die Reisekasse war äußerst knapp kalkuliert und schließlich – wie die Stimmung im Lande sein wird? Man hört doch einiges über die politischen Krisen in der Türkei ... und wir erwarten einige ver­ständliche Reaktionen auf die Türkenfeindlichkeit, die sich bei uns im Lande breit gemacht hat...

Und dann kam vieles doch ganz anders. Sicherlich, wir hatten uns vorbereitet, wir hatten Gespräche geführt und Vorträge besucht, Zeitungsberichte gelesen und Reise­führer gewälzt. Wir Lehrer hatten ein Übriges getan und uns in die wissenschaftliche Literatur aus unseren Fächern eingelesen: Politik, Geographie, Islamkunde, Geschichte, auch Kultur und Musik. Meine letzte Reise in die Türkei und in den Iran liegt immerhin ein Jahrzehnt zurück; ob sich meine damaligen Eindrücke noch bestätigen lassen? Finde ich Bekanntes wieder? Was hat denn die Erinnerung behalten über die lange Zwischen­zeit? Auch sind die Ansprüche etwas anders; wurden damals zwei längere Reisen mit geographisch‑wissenschaftlichem Anspruch durchgeführt, so steht heute das unmittelbare Erleben der sozialen Realität im Vordergrund, die Vermittlung von Einsichten für die Schüler und das Aufbauen persönlicher Kontakte, die die Reise überdauern sollen.

Vielleicht bemühten wir uns, die Vorbereitungen etwas nüchterner und intensiver, illusionsloser zu gestalten, als es den Assoziationen des durchschnittlichen Deutschen zu den Begriffen „Türkei“ und „Orient“ entspricht. Nicht umsonst lag ein Schwerpunkt der Vorbereitungen des Türkeiprojektes im Bereich der politischen Bildung. Was wollten wir erreichen? Türkeibilder zu vermitteln, die dem alten Vorurteilskomplex des Orientalismus, mit 1001‑Nacht, Sultan und Haremesfreuden, entgegenstehen; aber auch nicht zurückfallen in das Gegenteil, den sauren Kitsch: Reisebilder, die im Elend schwelgen, die Sensationsgier und gefühliges Mitleid mit politischer Solidarität ver­wechseln und an Ort und Stelle das eigene Berichtsinteresse den Rechten auf Distanz und Wahrung der Intimität der Betroffenen voranstellen.

Was wir wollten: Zeigen, daß die Türkei ein Land voller Widersprüche, voller faszinie­render Realitäten ist, in dem tiefe soziale Konflikte ebenso kennzeichnend sind wie Menschlichkeit und Solidarität auf der privaten Ebene. Die äußeren Realitäten in der Türkei sind den unseren zunächst einmal gar nicht so fremd. Das Großstadtleben, das uns nach unserer Ankunft umfängt, ist laut. hektisch, modern, aber äußerst normal. Auf dieser ersten Betrachtungsebene sind die Reflexionen erst einmal recht banal: Warum klappt hier die Verkehrsregelung nicht so reibungslos wie in, sagen wir einmal: Berlin? aber: hier wird ja schon wieder eine neue Straßenüberführung gebaut, die Anstrengungen der Kommune, das Problem in den Griff zu bekommen, sind unübersehbar; warum sind die Häuser am Goldenen Horn, dem Haliç, der „Schokoladenseite“ der Stadt İstanbul, so ungepflegt, zerfallen, alt? Aber, seht doch: fast überall werden gerade diese Häuser am Ufer, oft alte Gewerbebetriebe und Lagerhäuser, abgerissen, um einem breiten Grün­gürtel entlang dem Ufer Platz zu machen; und schon tritt ja fast so etwas wie Wehmut nach dem „alten“ Istanbul auf. Normalität. Stadtsanierung und städtische Probleme wie in vielen Großstädten der Welt, besonders verschärft dort, wo, wie in der Türkei auch, die Landflucht anhält und die Städte ins Unermeßliche wachsen; jedes Jahr werden sie um eine Mittelstadt größer.

Korrektur am – negativen – üblichen Türkeibild: Schmutz und Schlendrian finden wir in den Großstädten nicht, ganz im Gegenteil: Schon auf dem neuen Atatürk‑Flughafen von Istanbul, vor elf Monaten gerade eröffnet, dominieren Polizei, Militär und: Reini­gungskolonnen, vierundzwanzig Stunden am Tag Straßenreinigung, Gebäudereinigung, sogar die Busabstellplätze am Otogar werden gefegt, aber auch Schuhputzer an allen Ecken: zwiespältig bleibt dieses Bild, das auch ein bezeichnendes Bild auf den türki­schen Arbeitsmarkt wirft, auf dem unterbezahlte Dienstleistungen oft die einzige Erwerbschance darstellen. Auch der Eindruck der Kleidung der Bevölkerung ist bemer­kenswert und für die türkische Gesellschaft bezeichnend: Natürlich gibt es viel Armut; in manchen ärmeren städtischen Regionen dominieren, mehr noch als vor einem Jahrzehnt die ländlichen Trachten: Anatolien dringt in die Städte vor.

Auffällig ist aber auch hier das Bemühen um ein korrektes, sauberes Erscheinungsbild. In der Mittelschicht verstärkt sich dieser Eindruck: Modisch korrekte westliche Kleidung; bei den Frauen meist eine erstaunliche Elegance und Distinktät; bei den Männern geschäftsmäßig gedeckte, dunkle Anzüge; Krawatten und Acessoires. Der Ein­druck von bewußter gesellschaftlicher und persönlicher Distanz, durch die Kleidung symbolisiert, verstärkt sich. Europäische Reisegruppen, auch wenn sie nicht sommer­lich‑leger auftreten, fallen in ihrer Alltagskleidung durch modische Nachlässigkeit geradezu auf. Lehrer ohne Krawatte (wie der Verfasser, der ein entschiedener Krawatten­gegner ist) wären in der Türkei, in der schon bei den Schülern dunkle Anzüge mit Kra­watte als Schuluniform selbst der sechsjährigen verlangt werden, geradezu undenkbar.

Diese ersten Eindrücke passen nicht gerade in das Bild, das sich der Reisende von der Türkei gemacht hatte; es stellt sich ganz anders dar: die türkische Mittelklasse westlicher als Westeuropa selbst? Oder sehen wir unser eigenes Bild, einige Jahr­zehnte zurück, von Atatürk verordnet und von seinen Nachfolgern festgeschrieben? Wie lauten nun Fragen, die über den spontanen Eindruck hinaus führen?

Daß unsere Eindrücke in die Extreme führen, sollte als Krisensymptom der türkischen Gesellschaft gewertet werden. Ebenso extrem sind auch die Urteile über die Lage in der Türkei, die uns im privaten Gespräch beim abendlichen Essen in gelösterer Stimmung, bei Raki oder Wein, vermittelt werden. „Wie ist denn die Rolle der Frau in der Türkei heute? Wir hörten von einer Bekannten, daß ihr ihr Ehemann jeden Kontakt mit uns verboten hat, bis sie ihr erstes Kind geboren hat?“ fragt eine Deutsche einen Ange­hörigen der aufstrebenden Mittelschicht. „Das ist doch nur noch auf dem Lande so, dort ist man noch rückständig“, war die Antwort. Einwand: „Nein, das ist in İzmir.“ – „Dann kommt die Familie des Mannes sicher vom Lande. Schauen Sie sich doch die Frauen in der Stadt an, modisch, schön, selbstbewußt. Sie können überall hin gehen, alles tun, was auch die Männer dürfen.“ Warum sehen wir aber abends auf den Straßen keine Frauen, erst recht nicht in Teehäusern und Gaststätten, auch nicht in durchaus ruhigen und bürgerlichen Gegenden? Nur wegen des persönlichen Risikos? Kaum anzunehmen. Eine Antwort in İzmir: „Die Frauen haben eben keinen Spaß daran, in Gaststätten zu gehen. Unter all den Männern fänden sie sicher keine angenehme Umgebung. Aber keiner hindert sie daran.“ Und warum werden unsere weiblichen Teilnehmerinnen, wenn wir alle gemeinsam zum Essen gehen, doch immer wieder bestaunt und begafft? Es muß doch etwas Ungewöhnliches dabei sein ... Extreme. Die türkische, männliche Gesellschaft will nicht wahrhaben, was sie täglich selbst praktiziert. Das Verhalten noch an den Normen der geschlossenen Gesellschaft orientiert, in der die Geschlechterrollen fest definiert waren und Geschlechtertrennung oberstes Gebot sein sollte, das eigene, zugestandene Selbstverständnis aber an bürgerlich‑westlicher Liberalität und Rollenauflösung ge­schult. Noch läßt sich die Weiterentwicklung dieses Widerspruchs nicht voraussehen.

Themenwechsel: Soziale Bedingungen. Frage: „Welche soziale Sicherheit gibt der türki­sche Staat dem Arbeitslosen? Bei einer Arbeitslosigkeit von 30 bis 50 %, denn die offizielle Statistik gibt keine genaue Auskunft!“ – „Der Staat gibt keine Hilfe. Keine Arbeitslosenunterstützung. Keine Sozialhilfe.“ – „Was macht der Arbeitslose?“ – „Er lebt bei seiner Familie.“ – „Und wenn er keine Familie hat, wenn die Familie selbst kein Einkommen hat?“ – „Ja – irgendwie will er überleben...“

Eine anderes Gespräch zum gleichen Thema: „Die Wirtschaftslage hat sich gebessert; jeder, der sich bemüht, kann jetzt auch einen guten Lebensunterhalt finden.“ – „Und die vielen Arbeitslosen?“ – „So schlimm ist das Problem nicht. Die meisten sind doch Leute vom Lande, die vorübergehend arbeitslos sind, wenn sie, freiwillig in die Städte ziehen; ihren Lebensunterhalt beziehen sie solange von ihrer Familie auf dem Lande.“ – „Und wie ist es mit denen, die keine Familie haben?“ – „Die ziehen doch nicht in die Stadt; die haben auf dem Lande ihr Auskommen.“ – Frage: „Welche Pläne haben Sie selbst für die Zukunft? Ist die Situation für Sie günstig?“ Antwort des Bauingenieurs: „Selbstverständlich bessert sich die Lage zusehends. Ich werde noch viele Baustellen betreuen und auch Häuser kaufen. Die Städte wachsen und das Bau­geschäft ist dabei ein besonders wichtiger Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung.“

Zwei Perspektiven, unterschiedliche Einschätzungen, unterschiedliche Hoffnungen. Diese zwiespältige Erfahrung werden wir in der Türkei immer wieder machen. Schon weniger offen sind die Reaktionen auf Fragen nach der politischen Situation, nach den Möglichkeiten gewerkschaftlicher Betätigung. Meist hört man nur: „Ich interessiere mich nicht für Politik“; aber auch die Bitte um Themenwechsel ist zu hören. Besonders schwer haben es dabei Rückkehrer aus der BRD, die hier gewerkschaftliches und politi­sches Engagement als Selbstverständlichkeit kennen gelernt haben.

Zum weiteren Programm:

Der Arbeitsschwerpunkt Türkei wird weiter verfolgt. Ideen, Kontakte, Initiativen bitte an die Schulleitung oder an den Herausgeber dieses Reiseberichtes.

Nächste Reiseprojekte im UNESCO‑Programm (Ferienreisen; Anmeldung bei G. Voigt):

Osterferien 1987: POLEN, 11 Tage, Krakau‑Warschau‑Danzig­-Posen; Busreise, Hotelunterbringung, Verpflegung; ca. 600.‑ DM

Sommerferien 1987: ORIENT: Türkei‑Syrien‑Jordanien und ggf. weiter (je nach politischer Lage); selbstorganisierte Fahrt mit VW‑Bussen und Zeltübernachtung. Ein Erlebnis­programm für eine kleinere Gruppe wirklicher Interessenten. Intensive Vorbereitung. Kosten für 6 Wochen ca. 2000.‑ DM (Bitte frühzeitig voranmelden)

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Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: XII/1985 / 25.12.2008 / 06.12.2009

Letzte Bearbeitung: 26.02.2011

   
   

 

     
   

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