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Gerhard Voigt

Einige Gedanken zu unserer Türkei-Reise 1996

Ein Rückblick

1. Erlebnisse, Kontinuitäten...

Könnt Ihr Euch vorstellen, in ein Hotel zu kommen und als Freunde empfangen zu werden? So erging es uns im „Otel Tur“ in Konya. Nachdem unser Bus auf dem Hinterhof-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Mevlâna einrangiert hat, folgt eine herzliche Begrüßung durch den Hotelbesitzer mit Umarmungen und – in Englisch – dem Austausch der Neuigkeiten seit dem letzten Besuch vor zwei Jahren.

Die Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die insgesamt nur zwölf Zimmer des Hotels geschieht schnell und wir haben das Hotel fast für uns alleine. Aber bis ich selbst zu meinem Zimmer komme, vergehen noch zwei Stunden in der Eingangshalle bei Tee und Gesprächen mit Mustafa Akseki, dem Hotelier, und den nach und nach vorbeischauenden Bekannten aus der Straße, die uns begrüßen wollen.

Zwei Jahre zuvor hatten wir uns wegen Terminproblemen nicht vorher in Konya anmelden können und fuhren auf gut Glück zum Otel Tur, das ich von mehreren Reisen schon gut kannte – wie wir ja auch sonst meistens auf unser Glück vertrauen und mit dem Bus einfach vor einem Hotel vorfahren und mit dem Manager über den Preis für die Gruppe verhandeln, was uns diesmal z.B. in Gülsehir (der „Rosenstadt“) in Kappadokien zu einer besonders preiswerten und komfortablen Unterkunft führte, während wir in Ankara und Selçuk einfach wieder in früheren Reisen spontan gefundene und nun bewährte Hotels ansteuerten, ggf. mit einem kurzen Anruf vorab. Aber auch 1994 bei unserem Überraschungsbesuch in Konya ermöglichte es unser Hotelier-Freund sofort, in dem Hotel für einen äußerst günstigen Preis – jeweils um 10,-- bis 12,-- DM pro Person mit Frühstück – unterzukommen, und der Fahrer, für den kein Einzelzimmer mehr vorhanden war, wurde kurzerhand im Nachbarhotel untergebracht.

Zum sechsten Mal übernachten wir 1996 im Otel Tur, um von dort aus die geschichtlich und religiös faszinierende Stadt Konya, deren zentrale Moscheen als Welterbe der Menschheit unter dem besonderen Schutz der UNESCO stehen, für uns zu erobern. Konya gehört zu den zentralen Programmpunkten unserer Türkeireisen. Diese Halbmillionenstadt ist nicht nur kulturell interessant, sondern zeigt ganz besonders die Widersprüchlichkeiten der heutigen Türkei. Keine türkische Stadt ist baulich so modern, europäisch und durch eine effiziente Stadtverwaltung sauber und geordnet – aber dadurch auch kaum noch wie noch vor zwanzig Jahren „orientalisch“ wirkend – wie Konya mit seiner sanierten Innenstadt und dem Ring moderner, durchaus höherwertigerer Wohnblöcke, die fast vollständig durch Sonnenkollektoren auf den Dächern modernen ökologischen Standards entsprechen.

Konya ist aber auch das geistige Zentrum vielfältiger islamischer Bewegungen, unter denen an zentraler Stelle der Derwisch-Orden des großen Mystikers und Philosophen Celâleddin Rûmî aus dem 13. Jahrhundert, der Herrschaftszeit der Selçukensultane, die hier in Konya, dem antiken Iconium, ihre Hauptstadt hatten, zu nennen ist. Rûmî schrieb das „große Buch“ Masnavi – gleichzeitig ein zentrales Werk der Weltliteratur –, in dem er die mystische Lehre von der Allgegenwart der Liebe zu Gott und die daraus folgende Liebe zu allen Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft und Volk, lehrte. Seine Schüler, die bis heute in Konya eine wichtige geistige Rolle spielen, obwohl der Orden in der Türkischen Republik offiziell aus politischen Gründen seit Atatürk verboten ist, versuchen durch hochritualisierte meditative Tänze eine emotionale Annäherung an die ersehnte Gottesgegenwärtigkeit zu erreichen – Tänze, die heute in typisch türkischem Kompromiß, äußerlich unter der Ägide des Tourismusministeriums als „Volkstänze“ gepflegt und dargeboten werden, ohne ihre innerliche religiöse Bedeutung für die Tanzenden Derwische dabei je verloren zu haben. Das Grabmal Rûmîs (des „Römers“, der aus dem islamischen Zentralasien stammte, aber nach Westen in den Einfußbereich von Byzanz, dem östlichen Rom, an den Hof der Selçukensultane zog und dort der religiöse verehrte Meister und Lehrer, der Mevlâna, wurde) ist in dem traditionellen Kloster („tekke“) in Konya zu finden, einem sehr meditativen und ruhevollen Ort – trotz der vielen Touristen und Pilger –, das heute offiziell staatliches Museum ist, aber für die Besucher zu einem Ort geistiger Kontemplation werden kann.

Der Sakophag Rûmîs steht zusammen mit den Begräbnisstätten seiner Nachfolger im Orden, den Celebi, in einem reich mit goldenen Schriftbändern verzierten hohen Kuppelraum, den die sehnsuchtsvoll-monotone Musik der Ney-Flöte, die im Masnavi als Symbol der Sehnsucht nach der Heimkehr zu Gott eine zentrale Rolle spielt, leise klagend erfüllt und jedes eigene laute Wort verbietet.

Zwei weitere Kuppelräume quadratischen Grundrisses waren früher der Tanzraum und der Gebetsraum der Derwische; heute dienen sie als Ausstellungsräume für wertvolle Handschriften – Qor’an- und Masnavi-Bände seit dem 14. Jahrhundert –, Musikinstrumente und Gebrauchsgegenstände aus dem Ordensleben.

Neben der islamischen Mystik ist Konya aber auch ein Zentrum der gebildeten islamisch-sunnitischen Theologie, die ihre Heimat heute an der Universität hat. Aus der Selçuk-Zeit stammen zwei großartige Baudenkmäler, die „Ince Minare Camii“ (die Moschee „mit dem schlanken Minarett“, das leider Anfang des Jahrhunderts vom Blitzschlag gefällt wurde) und „Büyük Karatay Medresesi“ (Eine heute als Museum dienende Koranschule, die nach dem Philosophen und Wissenschaftler Wesir Karatay genannt ist), die beide in den letzten Jahren grundlegend restauriert und wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind.

Zentrales Gebäude in Konya ist aber die auf dem in der Stadtmitte liegenden (wahrscheinlich schon frühgeschichtlich-anthropogenen) Burghügel liegende Sultansfestung, von der nur einige Mauern und Grabmäler („türbe“) übrig geblieben sind, und die riesige Alaeddin Camii, die von Sultan Alaeddin Kaykobat I. um 1220 als „fromme Stiftung“ („vaqf“) errichtete Sultansmoschee, deren Gebetshalle seit Jahrzehnten unzugänglich war, da die hölzerne Dachkonstruktion über dem Wald steinerner Säulen – mit ihrem ornamentalen und stilistischen Reichtum – eingestürzt war. Es war schon seit vielen Jahren mein Wunsch, diese Moschee einmal besichtigen zu dürfen, aber ich hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als ich dieses Jahr von ihrer Wiedereröffnung erfuhr...

Zurück zum islamistischen Zentrum Konya! In der berühmten islamischen theologischen Fakultät der Universität werden heute die führenden Theologen ausgebildet, von denen die islamische Renaissance und damit auch die Kritik am weltlichen Staat der Türkischen Republik ausgeht; Kritiker meinen, daß damit auch eine Abkehr von der Moderne beabsichtigt sei. Konya war dann auch die erste Großstadt der Türkei, in der die islamistische Refah-Partei die kommunalpolitische Mehrheit errang. Heute beherrscht sie die meisten Großstädte wie Istanbul und Ankara und ist mit ihrem Vorsitzenden Erbakan in der Koalition mit der „Partei des rechten Weges“ (DYP) von Frau Çiller an der Staatsregierung beteiligt.

Der widersprüchliche Eindruck dieser Situation entsteht nun gerade dadurch, daß seither die äußere, städtebauliche Modernisierung Konyas zur Leitmaxime der Stadtverwaltung geworden ist und effektiv durchgesetzt wurde. Dieser technologisch-modernistische Zug der „Refah Partisi“ ist aber nicht zufällig, sondern Teil ihres Selbstverständnisses, das die islamische Kultur als moderner und der westlichen Zivilisation überlegen bezeichnet; das wurde uns auch in der Beobachtung des Wahlkampfes in Istanbul deutlich, wo auf großen Plakaten unter dem Signum der Refah junge, fesch-westlich mit weißem Hemd und Krawatte gekleidete Männer, sichtlich »Yuppie-Ingenieure«, sich über Konstruktionszeichnungen oder Baupläne beugen, sichtlich Repräsentanten einer »neuen, sauberen, pragmatischen« Türkei. Über dieses Motiv sprechen die Islamisten das von Korruption und politischer Kungelei abgestoßene türkische Bürgertum an... Was aber die gesellschaftliche Modernität und Liberalität, das tolerante Grundverständnis für eine pluralistische Demokratie, deren Entwicklung und Sicherung der Türkei zu wünschen wäre, angeht, sehen die Antworten der Refah bekanntlich anders aus, enger, konservativer, unduldsamer, an islamischen Großmachtträumen orientiert, aus...

Was hat es nun mit unserem Empfang im Hotel Teuer auf sich, das sollte schließlich erklärt werden. Zum ersten Mal übernachteten wir mit einer Gruppe der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Otel Tur im Jahre 1985 bei unserer ersten Austauschfahrt in die Türkei, die wir noch sehr sorgfältig von Hannover aus organisiert hatten (übrigens hatte ich 1974 bei einer Gruppenfahrt in den Iran schon einmal auf dem Camping-Platz von Konya übernachtet, wo wir auch 1987 bei unserer großen sommerlichen »Orienttour« mit vier VW-Bussen nach Ägypten und Israel unterkamen). Ich hatte die Adresse vom Fremdenverkehrsbüro aus Konya erhalten, die mir sympathisch unprofessionell handschriftlich in holprigem Englisch geantwortet hatten. Das Hotel war funkelnagelneu und sichtlich zum größten Teil in Eigenarbeit von dem stolzen Besitzer und seinen Freunden gebaut und eingerichtet worden. Auch hier wieder das noch familiäre und etwas unprofessionelle Engagement einiger junger Männer, wie es in der Türkei häufig anzutreffen ist und das voll auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens, auch zum Gast, aufbaut. Aber der Überschwang dieser ersten Aufenthaltsdauer war doch noch etwas besonderes. Mustafa Akseki vermittelte uns, da wir dieses eine Mal unsere Rundreise mit Linienbussen durchführten, Kleinbusse zum Besuch von Sultanhani und Kappadokien und legte zunächst auch das Geld dafür vor. In späteren Jahren, wir berichteten in unseren Abschlußheften jeweils darüber, hat er uns in findiger Weise liegen gelassene Gegenstände nach Izmir nachgeschickt und überhaupt ein Maß an Hilfsbereitschaft gezeigt, daß nicht nur für ihn, sondern für Konya und die türkische Kultur insgesamt einnahm. Was wir erst Reisen später erfuhren: Wir waren überhaupt die ersten Gäste nach der Eröffnung des Hotels gewesen. Seither sind wir in diesem Teil von Konya »VIPs«!

2. Das weitere Programm

Wie jetzt schon klar ist, war die Türkei-Reise 1996 nicht unsere erste Begegnung mit diesem interessanten und auch für die europäische Politik wichtigen Land sondern ist Teil der intensiven interkulturellen Partnerschafts- und Austauschprogramme der Bismarckschule Hannover als UNESCO-Projekt-Schule. Seit 1985 haben wir eine enge und gut funktionierende Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi – einer der besten Schulen des Landes – aufgebaut und wechseln uns jährlich alternierend mit unseren gegenseitigen Besuchen ab.

Erleichtert wurde mir persönlich dieses Engagement für die Türkei dadurch, daß ich dieses Land seit meinem Studium der Geographie kenne und erstmalig, nach ersten Geländeerfahrungen in Nordafrika, auf meiner Reise in den Iran 1970 (wo ich für meine Staatsexamensarbeit einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt in der Region Shiraz hatte) von West nach Ost und später auf dem Rückweg noch einmal in entgegengesetzter Richtung mit dem Wagen durchqueren konnte, wobei ich mich schon bemühte, möglichst viele Orte kennenzulernen und zu besuchen. In dem folgenden Vierteljahrhundert bin ich dann aus verschiedenen Anlässen in der Türkei gewesen und konnte dort Kontakte und Freundschaften finden und auch beginnende »Heimatgefühle« für dieses Land, dessen Lebensgefühl mir nicht mehr so fremd ist, entwickeln, von dem ich versuche, etwas meinen Schülerinnen und Schüler in der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule mitzuteilen.

So kann es durchaus vorkommen, mich an einem warmen Frühlingsabend, natürlich wieder, um dem Leitmotiv dieses Berichtes zu folgen, in Konya, auf einem kleinen Teppich am Straßenrand mit einigen Kleinhändlern aus der Straße sitzen zu sehen, Tee trinkend und in endlose Gespräche über Gott und die Welt, über die Heiligkeit des mevlâna oder die Korruption von Frau Çiller und die desolate Wirtschaftslage des Landes verwickelt, während die Schülerinnen und Schüler einige Häuser weiter mit jungen Leuten oder bei Teppichhändlern, die längst wissen, daß unsere Gruppe keine Teppichkäufer bringt, ebenfalls reden und Apfel-Tee trinken...

Unsere Partnerschule in Istanbul ist eine sogenannte „bilinguale Schule“, in der die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in deutscher Sprache – von deutschen Lehrern – erteilt werden. Durch einen ein- bis zweijährigen intensiven Einführungskurs in die deutsche Sprache – es handelt sich bei den Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi ja nicht um „Rückkehrerkinder“, in der Türkei »Deutschländer«  genannt, die schon Deutschkenntnisse mitbringen – sprechen die Kinder schon in der sechsten Klasse, der Eingangsklasse, fließend Deutsch, so daß auch unsere Kontakte und die Unterbringung in Familien in Istanbul keinerlei Schwierigkeiten bereitet.

Türkisches Familienleben und türkische Gastfreundschaft ganz privat erlebt als Auftakt unserer Begegnungen mit der Türkei sind der menschlichste und intensivste Weg, die Schulpartnerschaft nicht nur institutionell zu sichern, sondern mit Leben zu füllen, wie es das Ziel des Interkulturellen Lernens der UNESCO-Projekt-Schulen ist. Auch Freundschaften über die Grenzen hinweg sind auf diesem Wege entstanden. Ich kann mir nur wünschen, daß noch viele unserer Schülerinnen und Schüler diese Erfahrungen machen dürfen und lernen können, das Fremde zu verstehen und zu begreifen, daß wir in einer Welt zusammen leben.

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Impressionen aus dem Reisetagebuch

1. Vorbereitungen

Nach inzwischen mehr als 10 Jahren intensiver Kontakte mit unserer Partnerschule Istanbul Lisesi liefen die Vorbereitungen eigentlich recht reibungslos, nur in den Weihnachtsferien hieß es plötzlich, die Schule dort würde geschlossen, ein Schüler hatte wohl seinen Austauschkameraden falsch verstanden und verbreitete nun mit diesen Schreckensmeldungen einige Unruhe. Meinen Kollegen Voigt konnte man mit derartigen Meldungen jedoch nicht aus der Ruhe bringen, er hatte in den vergangenen Jahren schon manche Meldung erhalten, die sich später als falsch oder zumindest unerheblich erwies. So wartete er mit seiner fast orientalischen Gelassenheit einfach ab und überhörte das aufgeregte Geschwätz einiger besorgter Mütter: völlig zu Recht, wie sich bald herausstellte!

Für die Fahrt hatten wir dank der Feiertage 17 Tage zur Verfügung; Himmelfahrt, Pfingsten und ein zusätzlicher freier Tag ließen diesen langen Zeitraum zu, und in der Schule fielen auf diese Weise nur acht Schultage aus. Damit hatten wir für die geplante Rundtour, die sich an den Aufenthalt in Istanbul anschließen sollte, immerhin 10 Tage Zeit. Die vorgesehenen Ziele waren: Sinop, Samsun, Ankara, Hattuşa, Kappadokien, Konya, Pamukkale, Selçuk, Ephesus, Pergamon, Troja und Çannakale. Leider mußten wir in Istanbul den Abstecher ans Schwarze Meer streichen, die Entfernungen in der Türkei, die Straßenverhältnisse, die Belastbarkeit von Fahrer und Schülern hätten zu einem krassen Mißverhältnis zwischen zeitlichem Aufwand und den Belastungen der stundenlangen Busfahrten und den dafür gewonnenen Eindrücken und Erlebnissen gestanden. Mit einer anderen, belastbareren Gruppe wäre das Unterfangen vielleicht möglich gewesen, mit Schülern der Klassen acht bis elf schien uns letztlich das Risiko eines Mißerfolgs doch zu groß; so mußten Kollege Voigt und ich uns vertrösten auf eine weitere Gelegenheit, die Kontakte in die Türkei werden sicher noch etliche Jahre halten!

Der größte Teil der Vorbereitungen für die Schülergruppe wurde von meinem Kollegen Voigt erledigt, er hat fast alle nötigen Schreiben, Anmeldeformulare und Reiseunterlagen im Computer gespeichert und versteht es hervorragend, die jeweils nötigen Teile schnell herauszuholen und zu drucken. So blieb für mich fast nur die eigene Vorbereitung, also ein recht angenehmer Beginn der Fahrt. Dennoch machte sich am Vorabend der Fahrt einige Unruhe im Hause bemerkbar, letztlich haben Renate und ich wohl doch alle Sachen beisammengehabt, unterwegs hat uns nichts gefehlt ä nur wie so oft hatte ich meinen Koffer wieder einmal zu voll gepackt, einige Sachen habe ich unbenutzt zurückgebracht. Andererseits war ich aber für alle möglichen Fälle, sprich Veranstaltungen gerüstet, denn es war nicht abzusehen, zu welchen gesellschaftlichen Ereignissen wir geladen würden, und in der Türkei legt man sehr wohl, zumindest bei offiziellen Anlässen, Wert auf Etikette.

Günter Fuchs

2. In Istanbul

Ich höre Istanbul

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Zuerst weht ein leichter Wind,

Leicht bewegen sich

Die Blätter in den Bäumen.

In der Ferne, weit in der Ferne.

Pausenlos die Glocke der Wasserverkäufer.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

In der Höhe die Schreie der Vögel,

Die in Scharen fliegen.

Die großen Fischernetze werden eingezogen,

Die Füße einer Frau berühren das Wasser.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Der kühle Basar,

Mahmutpascha mit dem Geschrei der Verkäufer,

Die Höfe voll Tauben.

Das Gehämmer von den Docks her;

Im Frühlingswind der Geruch von Schweiß.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

 

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Im Kopf den Rausch vergangener Feste.

Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern,

Das Sausen der Südwinde legt sich.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ein Dämchen geht auf dem Gehsteig.

Flüche, Lieder, Rufe hinter ihr her.

Sie läßt etwas aus der Hand fallen,

Es muß eine Rose sein.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.

Ein Vogel zappelt an deinen Hängen.

Ich weiß, ob deine Stirn heiß ist oder nicht,

Ich weiß, ob deine Lippen feucht sind oder nicht.

Weiß geht der Mond hinter den Nußbäumen auf,

Ich weiß es von deinem Herzschlag.

Ich höre Istanbul.

Orhan Veli KanIik (1914-1950)[1]

 

Samstag, 11. Mai

Flughafen Istanbul (Dış Hatlar): Empfang durch die Gastgeber Ankunft 15.30 Uhr – (Istanbul Airlines)

Was sind die drei Stunden Flug von Hannover nach Istanbul, wenn Anfahrt, Einschecken, Ankunft, Paßkontrolle, Warten auf das Gepäck und Autofahrt über die Schnellstraßen nach Istanbul das Doppelte dieser Zeit in Anspruch nehmen? Für die Piloten ist diese Route wohl auch nur eine Bagatellstrecken, hin und zurück im täglichen Pendelverkehr.

Mit Istanbul Hava Yollarx sind wir durch Öger Tour nun schon mehrfach geflogen, früher auch mit Birgen Air, die ja nun vom Markt verschwunden sind. So ist vom Flug nichts Besonderes zu vermelden, das Fertigessen alla turca belanglos fad, aber eßbar, der Flug ruhig und Pünktlich, business as usual...

Schön ist aber jedesmal der freudige Empfang durch die ›Gasteltern‹ unserer Schülerinnen und Schüler in der Ankunfthalle des Atatürk-Flughafens. Bis dann alle ihre Familien gefunden, keiner übrig geblieben und das Gepäck regelrecht verteilt ist, vergeht einige Zeit; kurze Verabschiedung bis Montag, in der Schule... dann mit Herrn und Frau Türkoälu, bei denen Rainer Gusky untergebracht ist im Auto zur Istanbul Lisesi, wo die Lehrer, Günter Fuchs und ich, als einzige im Internat der Schule untergebracht werden. Daß zunächst auch Rainer Gusky hier unterkommen mußte, hing an unerwarteten Zwischenfällen, über die er selbst in seinem nachfolgenden Bericht Auskunft geben wird. Frau Türkoälu, Lehrerin an der Istanbul Lisesi, ist diesmal für die Betreuung der Gruppe in Istanbul zuständig, da sie letztes Jahr auch die türkische Schülergruppe bei ihrem Besuch in Hannover begleitet hatte – und bei Rainer Gusky wohnen konnte.

Das Internat für Jungen der Istanbul Lisesi hat im Kellergeschoß eine Reihe von Gastzimmern, in denen, falls einmal eine Familienunterbringung nicht klappen sollte, auch eine ganze Gruppe untergebracht werden könnte. Vor einigen Jahren, als wir kurzfristig einen Besuchstermin verschieben mußten, waren wir dann auch hier untergebracht. So bleiben nur die begleitenden Lehrer in dieser ›minder komfortablen‹ Unterkunft auf unterstem Jugendherbergsniveau mit einer Verpflegung, der man die Finanznöte der Schule doch deutlich herausschmecken kann. Vielleicht kann es sich die Reiseorganisation in kommenden Jahren jedoch leisten, die Begleitpersonen ohne finanzielle Zusatzbelastungen in einem kleinen Hotel in der Altstadt nahe der Schule unterzubringen... Es sei denn, wie die Schule plant, daß das ganze Internat abgerissen und ›luxuriös‹ wieder aufgebaut würde...

Diese Pläne stehen mit weitreichenden Umbaumaßnahmen im Zusammenhang, von denen der Neubau einer zugeordneten privaten Grundschule auf dem Grundstück, hangabwärts auf der anderen Seite des Schulhofes, schon während unseres Besuches Gestalt annahm. Was Ausschachtungsarbeiten und Neubauten in der Istanbuler Altstadt auf historischem Grund und Boden mit einer Vielzahl noch unerkundeter Siedlungshorizonte für Probleme bereitet – statische und denkmalschützerische, die z.B. schon den Bau einer dringend notwendigen Tiefgarage verhinderten –, kann man sich vorstellen.

Den Nachmittag verbrachten wir nun in Gesellschaft von Herrn und Frau Türkoälu, die uns zu einem Spaziergang durch das derzeit in Restauration und Sanierung befindliche alte Stadtviertel von Pera, um den alten Namen hier zu gebrauchen, bis zum Taksimplatz, dem quicklebendigen Einkaufs- und Flanierzentrum des Istanbul der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Und schließlich zum gemeinsamen Abendessen in einem idyllischen Restaurant beim Çiçek-Pazari (›Blumen Bazar‹), von dem Rainer Gusky noch berichten wird...

Zunächst aber noch einige Eindrücke, die mein Kollege Fuchs an diesem ersten Tag der Fahrt gesammelt hat. Er schreibt von der Fahrt zum Flughafen. „Dort begann erst einmal die übliche Warterei, die Eltern gaben ihren Sprößlingen zum wiederholten Male gute Ratschläge mit, wir Lehrer wurden nochmals sorgenvoll befragt, ob es denn in der Türkei wirklich sicher wäre, der Beauftragte des türkischen Reisebüros tauchte auf, die Pässe wurden eingesammelt, und dann wurde es tatsächlich ernst. Unsere kleine Gruppe, bestehend aus 14 Schülern der Klassenstufen acht bis elf, Kollege Voigt und Rainer Gusky, ein vorzeitig in Ruhestand versetzter Beamter mit guten Türkischkenntnissen, reihte sich in die Schlange vor dem Schalter ein, wir schoben unsere Gepäckstücke aufs Förderband und ließen uns letztlich gründlich durchsuchen. Ganz interessiert beobachteten die Schüler auf dem Monitor, was in den einzelnen Reisetaschen verborgen war, es ließ sich erstaunlich gut ausmachen!

Im Warteraum gab es dann die erste Aufregung, ein Schüler suchte verzweifelt nach seiner Bordkarte; innerhalb von nur wenigen Minuten war es ihm gelungen, die Karte so zu verlegen, da sie nicht wieder aufzufinden war. Also zurück durch die Sperre, den Angestellten am Schalter unser Leid geklagt, in äußerst netter Weise dann aber die Beruhigung für Henning, da er auf jeden Fall mitfliegen dürfe, er mußte nur als Letzter einsteigen.

Der Flug verlief sehr angenehm, ich hatte meinen Platz in der ersten Reihe am Gang und saß daher recht bequem, der Himmel war stark bewölkt, so da fast nichts zu sehen war; ständig fuhren die Stewadessen ihre Karren beladen mit Getränken, dem üblichen Hähnchenschenkel mit Beilagen als Imbiß, zollfreien Zigaretten und Alkoholika durch den schmalen Gang. Die Zeit verging daher im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge. Über dem Bosporus riß die Wolkendecke auf und, da wir einige Kurven flogen, genossen wir einen schnellen Blick auf Istanbul.

Die üblichen Formalitäten am Flughafen waren bald abgewickelt und wir wurden herzlich von den Gastgebern begrüßt. Die Schüler kannten ja ihre Gastgeber schon, die nun von ihren Eltern begleitet wurden; wir Begleiter waren schnell vergessen, ein kurzes Winken und wir drei standen mit der türkischen Kollegin Ümran Türkogulu und ihrem Mann alleine da. Ümran kannte ich schon vom letzten Jahr aus Hannover, als sie mit der türkischen Schülergruppe in Deutschland war, und wir gemeinsam in Bremen waren. Außerhalb des Flughafengebäudes empfing uns eine warme Wand, ein krasser Gegensatz zum Wetter in Hannover: wir merkten sofort, da wir weit nach Süden vorgedrungen waren!

Die Fahrt zur Schule zeigte mir schnell einige Veränderungen, es waren neue Viertel entstanden, die eine erhebliche Ausdehnung hatten; das wirkliche, oder besser erschreckende, Ausmaß des immensen Wachstums nahmen wir erst im Lauf der nächsten Tage wahr. Andererseits war der Weg in Richtung Stadt am Ufer des Bosporus entlang auch noch ein wenig vertraut, die schlichte Uferpromenade, die einfach ausgestatteten Spielplätze, die Schiffe auf der Reede, die Stadtmauer, natürlich auch der dichte Verkehr, selbst der Weg durch die Altstadt waren mir noch bekannt. Die Schule hatte allerdings eine neue Pförtnerloge, und der alte Pförtner, den Kollege Voigt seit vielen Jahren kannte, war inzwischen durch eine Garde junger Angestellter abgelöst worden, die uns aber nicht weniger zuvorkommend in den nächsten Tagen ein- und ausließen. Wir bezogen im Internat der Schule unsere Räume, machten uns schnell ein wenig frisch und schon wartete der erste Programmpunkt auf uns.“

Günter Fuchs

Sonntag, 12. Mai

Bei den Familien

Bei Familie Türkoğlu

Bei der diesjährigen Reise sollte ich auch einmal in den Genuß kommen bei einer türkischen Familie unterzukommen, um die dortigen Lebensverhältnisse näher kennenlernen zu können. Normalerweise werden seitens der türkischen Gastgeber Lehrer und Begleitpersonen nicht in Familien, sondern in Gästezimmern des Internats untergebracht. Dennoch habe ich, weil wir im letzten Jahr eine türkische Begleiterin bei uns aufgenommen hatten, und so schon im Vorwege von ihr eine Einladung  bekommen, sie zu besuchen.

In Istanbul angelangt mußte Ümran, meine Gastgeberin, sich bei mir vielmals entschuldigen, da sie mich im Moment nicht aufnehmen könne, weil Handwerker im Hause seien, die nach einem elektrischen Defekt suchen, denn überall im Haus bekäme man an den Wasserleitungen einen elektrischen Schlag. Also ging es erst einmal in das mir wohl vertraute Internat.

Das Wochenende war sehr ausgefüllt, da Ümran und ihr Mann Sabahattin sich sehr um unser Wohlergehen gekümmert haben. Am Samstag wurden wir gleich in ein sehr altes Hotel »entführt«, in dem ein sehr gemütliches Café ist, in dem Ümran gelegentlich auch mit Freundinnen sitzt, um einen Plausch zu halten. Die Suite von Kemal Atatürk, noch im original Erhaltungszustand, ist eine von vielen weiteren Suiten prominenter Leute, die hier ihre festen Zimmer hatten, die wir besichtigen durften. Anschließend machten wir im Stadtteil Taksim einen Stadtbummel und kehrten dann von einer neu eingerichteten Fußgängerzone im Çiçek-Pazari in einer Lokalmeile in ein Restaurant ein, um uns an den vielen leckeren Vorspeisen, frisch zubereitetem Fisch und dem vom Gastgeber verbindlich gereichten Rakı gütlich zu tun. Wie alte Bekannte, die sich längere Zeit nicht gesehen haben wurde uns wie selbstverständlich ein schöner Tagesausklang beschert. Die Verständigung ist in Türkisch und Englisch ganz gut gegangen.

Da Ümran’s Mann gleich für mehrere Jahre in Efes, in der Hagia Sofia, im Topkapı Saray als archäologischer Direktor gearbeitet hatte und derzeit im Yıldız Saray arbeitet, ist es nicht verwunderlich, daß wir gleich am Sonntag ins Archäologische Museum eingeladen wurden. Sabahattin’s Namen konnten wir mit seinem Einverständnis immer wieder als unseren Gastgeber angeben, um in den Dolma Bahçe Palast, ins Kulturmuseum oder in andere Museen kostenlos hineinzugelangen.

Am Mittwochvormittag wurden bei Türkoğlu die Reparaturarbeiten beendet und ich konnte dann nachmittags mit zu ihnen nach Hause fahren. Da sie auf dem Gelände des Yıldız Saray’s eine Dienstwohnung bezogen haben, sind wir erst einmal ins Museum gegangen, wo Gebrauchsgegenstände, Bekleidung, eine Kutsche, Möbel, Gemälde, Waffen und Schmuck der letzten Sultanatszeit ausgestellt wurden. Anschließend schlenderten wir durch den herrlichen Garten des Palastes. Auf dem Weg zur Wohnung, fast am Ende dieser Anlage, mußte Sabahattin noch das dazugehörige Privattheater zeigen. Yıldız bedeutet Stern und so war es nicht verwunderlich, daß die in blau gehaltene Decke mit vielen goldenen Sternen versehen war. Einige Originalkostüme des letzten Jahrhunderts sind neben ersten Fotografien von Schauspielern in einem Nebenraum ausgestellt.

Nun durfte ich tatsächlich die Wohnung meiner Gastgeber kennenlernen. Wie sich das so gehört, werden hier die Schuhe vor der Wohnungstür ausgezogen, denn für Gäste sind immer genügend Hausschuhe vorhanden. Ich durfte das freie Zimmer des Sohnes beziehen, da dieser in Ankara studiert und nur noch gelegentlich zum Wochenende mal nach Hause fährt. Das Mobiliar und die Art der Gestaltung sind dem Stil des Hauses angepaßt und könnten auch irgendwo aus einem westeuropäischen Land stammen. Technische Geräte, sowie sanitäre Einrichtungen kommen einem sehr vertraut vor. Der kleine Unterschied besteht nur darin, daß die Türkoğlus zur türkischen Oberschicht gehören und sich diesen Status nur halten können, weil auch Ümran berufstätig ist.

Mir blieb gerade noch genug Zeit meine Gastgeschenke zu überreichen, mich frisch zu machen und umzuziehen, um dann im asiatischen Teil Istanbuls Ümrans Schwester zu besuchen. Einfluß kann man darauf überhaupt nicht nehmen, da alles schon im Vorwege organisiert wurde. Nach dem Parken in der Hofzufahrt gingen wir durch einen großzügig angelegten Garten zum Haus. Es liegt auf einer Anhöhe mit Blick zum Bosporus.

Das Haus war einmal, so wie es sich später herausstellte, als Doppelhaus im typischen Holzbaustil der Jahrhundertwende errichtet worden. Da das Gebäude sehr verfallen war und daher günstig zu erwerben war, wurden Trennwände herausgenommen und aus zwei ein herrlich restauriertes Stadthaus herausgeputzt.

Man hat uns schon erwartet und tauscht die üblichen Begrüßungsfloskeln: „How geldiniz!“, „How bulduk!“, aus. Die Straßenschuhe wurden im Eingang ausgezogen und Hausschuhe gereicht. Nach dem allgemeinen Erfragen nach dem Wohlbefinden kümmert man sich erst einmal wenig um mich. Ich bin einer der Gäste, werde wie alle behandelt, darf mich frei bewegen und bekomme höflicherweise noch ein Getränk angeboten. Nur die beiden Kinder Ufuk, 9 Jahre alt, und Wafka, 19 Jahre alt, zeigen wahres Interesse. Ufuk, weil er Französisch kann und hofft seine Kenntnisse nun an den Mann bringen zu können, und Wafka, weil sie Englisch studiert, geht es nicht anders. Da ich fast kein Französisch spreche, müssen wir uns wohl in Türkisch oder Englisch unterhalten. Die Eltern sprechen fließend Französisch und Englisch, so daß allgemein eine Unterhaltung in Türkisch und Englisch möglich ist. Während des Essens wird viel erzählt und man merkt erst beim Dessert wieviel Gänge es doch gegeben hat. Ein Mokka bildet den Abschluß der Festtafel, obwohl, so wurde mir gesagt, solch eine Speisenfolge hier in der Familie üblich sei, da Ümrans Schwester, Nazen, leidenschaftlich gerne kocht. Da sich die drei Damen wohl etwas langweilten und obendrein noch gerne spielen, ließen sie Sabahattin Nachrichten schauen, und mich überredete man zum Scrabblespielen – selbstverständlich ein türkisches Spiel. Der Abend wurde lang und kurioserweise wurde ich vor Wafka, die sonst immer gewinnt, mit nur wenigen Punkten Vorsprung Tagessieger.

Am nächsten Tag starteten wir unsere Rundreise, so daß ich dann den letzten Tag in Istanbul, nach unserer Rückkehr, nochmals mit der Familie Türkoğlu verbringen konnte, In der Zwischenzeit war eine Freundin von Ümran aus Wien eingetroffen. Helga, selbst Lehrerin, interessierte sich für die Kulturwoche an der Istanbul Lisesi und hat dafür vier Tage Urlaub genommen. Eine Nacht blieb sie noch. – – Was machen zwei Schwestern, die sich gut verstehen? Sie arrangieren nochmals einen schönen Abend für uns bei Nazen.

Da Helga auch französisch spricht wurde dies ein besonders lustiger Abend, da wir uns nun in vier Sprachen unterhielten. Es wurde wieder Mitternacht und der Abschied fiel uns nun schwer. Man fühlte sich wie ein Familienmitglied, freundlich behandelt, mit eingebunden aber auch nicht pausenlos umsorgt. Inwallah göruwürüz!

Rainer Gusky

Meine türkische Gastfamilie ...

Als wir am 11.5.1996 auf dem Atatürk Flughafen in Istanbul gelandet sind, war ich schon ziemlich aufgeregt, meinen Austauschschüler Mehmet Kalaycioğlu endlich wiederzusehen und seine Eltern und Schwester kennenzulernen.

Dann, als wir mit der Paßkontrolle fertig waren und unsere Koffer abgeholt haben, wurden wir bereits von den türkischen Schülern und deren Eltern erwartet.

Nach der Begrüßung und einigen Fragen über den Flug usw. ging es dann auch gleich nach Hause. Dort angekommen, warteten Mehmets Mutter und Schwester auf uns. Ich wußte nicht recht, wie ich Mehmets Mutter begrüßen sollte, doch sie nahm mich gleich in den Arm und gab mir einen Kuß, was ich sehr nett fand, da sie mich nicht wie eine Fremde behandelte, sondern wie jemanden, der zur Familie gehörte. Danach, hat mir Selin, Mehmets Schwester, ihr Zimmer gezeigt, in dem ich für eine Woche schlafen würde.

Noch am gleichen Tag sind wir alle zusammen, mit Mehmets Onkel und seinen Töchtern essen gegangen. Das Essen dort, war sehr, sehr lecker, vor allem der Nachtisch!!!

Als wir mit dem Essen fertig waren, es war schon Abend, sind wir noch auf einen Hügel gefahren, von wo aus man auf Istanbul gucken konnte und da es schon dunkel war, war es sehr schön, die vielen Lichter zu beobachten.

Danach sind wir dann nach Hause gefahren und ich habe mich gleich schlafen gelegt, denn es war ein anstrengender aber auch sehr schöner Tag gewesen

Was ich auch sehr nett von den Eltern fand, war daß sie mir auch sehr viel über die Türkei erzählt haben; obwohl die Mutter nur Englisch und der Vater nur türkisch konnte, hat uns das keine großen Probleme bereitet und ich war sehr froh, daß ich in eine so nette und liebenswürdige Gastfamilie gekommen bin.

Patrizia Wasilewski, 9a

Familienbericht von Renate

Als ich am Tag unserer Anreise aus dem Flugzeug stieg, hatte ich schon ein komisches Gefühl im Bauch. Es war mein erster Besuch m der Türkei, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Mein Austauschschüler und seine Mutter holten mich vom Flughafen ab. Emre hat schon im August bei mir gewohnt, so daß ich froh war, bei ihm untergekommen zu sein, da er wirklich sehr nett und höflich ist, und wir uns während seiner Zeit in Deutschland gut verstanden haben. In der Wohnung angekommen, wurde ich erst einmal von Emres Haustier, einem Wellensittich, begrüßt.

Ich hatte während der Woche in Istanbul mein eigenes Zimmer, und damit ich nicht immer auf Socken durch die Wohnung laufen mußte, bekam ich ein paar Hausschuhe geschenkt. Nachdem ich mit dem Duschen fertig und Emres Vater von der Arbeit gekommen war, wurde ich zum Essen eingeladen: mit einem der zwei Autos ging es ein paar Minuten durch die Stadt, in der es um 20 Uhr immer noch so voll war, wie in Deutschland zur Rush-Hour. Im Restaurant angekommen, wurde das Essen bestellt. Für mich war es sehr hilfreich, daß jedes Gericht auf einem Foto abgebildet war. Das, was ich aufgetischt bekam, war köstlich, und ich habe sehr viel probiert, auch von Sachen, die mir vorher gänzlich unbekannt waren Wieder zu Hause angekommen, setzte ich mich erst einmal daran, die vielen Eindrücke zu verarbeiten, indem ich einen Brief an eine Freundin schrieb. Wie gut, daß der nächste Tag ein Sonntag war, und ich noch mehr dieser tollen Stadt zu sehen bekam! Der darauffolgende Abend war mindestens genau so schön, da mein Vater zu einem gemütlichen Essen zu Hause eingeladen wurde. Verständigungsprobleme gab es praktisch nicht: beide Elternteile sprachen gut Englisch.

Um meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, fragten sie mich immer nach meinen Wünschen, und ich bin Ihnen für alles sehr dankbar. Ich glaube, daß ich mich noch nirgends so wohl gefühlt habe, wenn ich mal woanders war, als zu Hause.

Einen unbedeutenden Nachteil hatte das Ganze aber: Ich mußte schon um 6 Uhr aufstehen, um pünktlich zur Schule zu kommen. Gemessen an der Zeitverschiebung waren das für mich 2 Stunden früher, aber wenigstens konnte man während der 60 Minuten Busfahrt zur Schule noch mal ausschlafen.

Die Woche dort war leider viel zu schnell vorbei, ich hätte sie am liebsten noch um mindestens eine verlängert. So wie mir ging es noch einigen aus der Gruppe, doch wir konnten es nun mal nicht ändern. Aber wir sollten ja nach 11/2 Wochen Rundreise noch einen Tag, oder besser eine Nacht, in den Familien verbringen. Als ich mich dann endgültig verabschieden mußte, bekam ich noch einige Geschenke von der Mutter, die mich immer wieder gerne an meinen Aufenthalt erinnern ...

Renate Fuchs

Beate berichtet über ihre Gastfamilie

Als wir am Samstag, den 11. Mai, pünktlich um 15.30 Uhr (Ortszeit) auf dem Istanbuler Flughafen landeten, konnte ich immer noch nicht glauben, daß auch ich endlich die wunderbare Türkei, über welche mir schon so viel erzählt wurde, kennenlernen würde. Am meisten war ich natürlich auf meine Gastfamilie gespannt und freute mich riesig meinen Austauschschüler, Ali Wirvan Yüksel, welcher  im letzten Jahr bei meiner Familie zu Gast war, wiederzutreffen.

Mein erster Eindruck von Istanbul auf der  Fahrt vom Flughafen „nach Hause“; nach Beylerbey überwältigte mich schon total, und ich war mir ziemlich sicher, daß mein Aufenthalt in dieser bezaubernden Stadt einfach nur super genial werden würde, was sich schließlich in der folgenden Woche bestätigte.

Wie nicht anders zu erwarten, war natürlich auch die Familie von  Wirvan überaus gastfreundlich, so daß ich mich fast wie zu Hause fühlte. Sie taten wirklich alles, um mir keine Langeweile zu bereiten, so luden sie mich z.B. in luxuriöse Restaurants oder zum Bowlen ein, machten mit mir einen Einkaufsbummel und versuchten mich im Computerspielen zu schlagen (was ihnen zu meinem Bedauern natürlich auch meistens gelang).

Selbstverständlich hatte ich auch gewisse Befürchtungen, z.B. daß mir das türkische Essen nicht bekommen würde, was sich allerdings als völliger Quatsch erwies, denn Frau Yüksel, Hausfrau und Mutter, ist eine ausgezeichnete Köchin und überraschte mich zu jeder Mahlzeit mit ihren türkischen Spezialitäten aufs Neue.

Die Verständigung mit meiner Gastfamilie verlief eigentlich recht gut, wenn man bedenkt, daß Wirvans Vater, Besitzer einer Papierfabrik, weder Deutsch noch Englisch und seine Schwester, Shirin, und seine Mutter (im Gegensatz zu mir) fließend Englisch sprechen.

Dies führte dann des öfteren auch zu äußerst witzigen Mißverständnissen. Aber egal, auf jeden Fall war ich tierisch traurig, als wir am Freitag, den 17. Mai, unsere Rundreise nach Anatolien antraten, und ich hoffe sehr, daß ich meine Gastfamilie auch bald wiedersehen kann.

Beate Pohlmann

Montag, 13. Mai

Treffen in der Schule, Unterrichtsbesuche – Empfang der Gäste durch den türkischen Schulleiter Mahir Yegmen – Mittagessen in der Schule – Besuch der Zisterne »Yerebatan Sarayı« und des Topkapı Serails – Rückkehr zur Schule

TOPKAPI SARAYI: Der große Palast

Das Serail des Großherrn ist das erste, was ein jeder, der nach Constantinopel zur See kommt, erblicket. Das Gebäude ist ganz und gar nicht prächtig, sondern sehr einförmig; aber die daran befindlichen Gärten geben demselben nach der Seeseite einen schönen Prospect. Eigentlich heißt es Serrai, welches türkische Wort einen Pallast bedeutet. Die Franzosen nennen es Serail. Es stehet auf einem Hügel an dem Orte, wo ehemals Byzantium gewesen. Oben sind die Logimenter, und unten gehen die Gärten durch. Es hat drey Meilen im Umfange, und ist triangulair. Zwo Seiten davon sind nach der Seeseite, und von den Mauern der Stadt umschlossen, die dritte Seite aber ist durch eine besondere, mit vielen Thürmen versehene Mauer von der Stadt abgesondert. In diesen Thürmen, dergleichen auch in den Mauern nach der See zu sind, halten die Aadgemogians, welche ausgesuchte, und sehr feine Leute sind, beständig Wache. Auf der Seite des Hafens, gegen Galata über, ist ein erhabener, und von vielen schönen marmornen Säulen unterstützter Pavillon, auf welchem der Großherr oft, frische Luft zu schöpfen, erscheinst. Auf der andere Seeseite ist noch ein Pavillon, wo der Großherr sich auch oft belustigst, und der Ceremonie zusiehet, wie die Griechen am Tage der Verklärung ihre Kranken aus einer hier nahe gelegenen Quelle trinken lassen, und sie bis am Halse im Sande vergraben. Nahe dabey ist auch ein großes Fenster, aus welchem man diejenigen, die des Nachts im Serail erdrosselt worden, in die See wirft, und so viel deren sind, so vielmal wird eine Kanone gelöset. Nach der Wasserseite hat dieser Pallast verschiedene Thüren, welche aber nur für den Großherrn und einige seiner vornehmsten Bedienten sind. Die Hauptthüre, welche die gemeineste ist, ist gegen Santa Sophia über, und wird von Capidgis bewacht. Man kommt durch dieselbe in einen sehr geräumlichen Hof, auf welchen die Kranken des Serails, die gleich rechter Hand ihre eigenen Wohnungen haben, in einem von zween Menschen gezogenen Wagen hingefahren werden. jedermann, und selbst der Großherr, machet diesem Wagen Platz, wenn er ihm begegnet. Linkerhand ist eine Art von Zeughaus. Von hier kommt man auf den zweyten Hof, der an zwey hundert Schritte weit ist, und rund um mit einer Galerie umgeben, hinter welcher rechterhand die Küchen, und linkerhand die Wälle sind. Auf diesen Hof darf außer dem Großherrn niemand kommen, und sein ganzes Gefolge bleibet am Ende des ersten Hofs stehen. In der Mitte dieses zweyten Hofes ist ein mit Cypressen und Feigenbäumen umgebener Brunnen, und ehedem war nahe dabey der Ort, wo die Bassas und andere Großen enthauptet wurden. Zu Ende dieses Hofes ist rechterhand der Saal, worinn der große Divan gehalten wird; und linkerhand gehet man durch eine Thüre in das Serail. Niemand aber kommt in dasselbe hinein, als der dahin gerufen wird. Ein Fremder lernt also dessen innere Beschaffenheit niemals kennen. Die meisten Bedienten des Serails sind Eunuchen. Diese Leute sind nicht bloß castriret, sondern des männlichen Gliedes gänzlich beraubet. Man nimmt sie mehrentheils aus Abyßinien und Aethiopien, in ihrem zarten Alter. Sie haben sowohl über das gesammte Frauenzimmer des Serails, als auch über die Ichthogians, oder Pagen des Großherrn, welche Christenkinder sind, die in der mahometanischen Religion erzogen worden, die Aufsicht, und sonderlich halten sie die Sultaninnen in der strengsten Zucht. Wenn diese in den Gärten spatzieren gehen, so darf kein Schiff, obgleich die Gartenmauern sehr hoch sind, auf 400 Schritte nahe kommen. Die Bostangis oder Gärtner stehen zu der Zeit an der Mauer, und halten große Segel hinter die Sultaninnen, damit diese Unglücklichen, welche selbst bey Gefahr ihres Lebens kein Auge auf die Gärtner werfen dürfen, von niemanden auf dem Meere können gesehen werden. Eine der besten Stellen im ganzen Reiche ist die eines Bostangi Bachi, oder obersten Gärtners. Ihm ist es allein erlaubt einen langen Bart zu tragen. Er ist beständig um den Großherrn auf allen Promenaden, in allen Gärten, und er regieret auch die Galliote, in welcher der Großherr auf dem Meere spatzieren fährt. Er hat in allen Dingen das Ohr bey dem Monarchen, und wenn dieser einen von den Großen will tödten lassen, so schicket er den Bostangi Bachi zu ihm, um seinen Kopf zu holen.

Jean Thevenot (1633-1667)[2]

Der erste Tag

Morgens trafen wir uns auf dem Pausenhof. Dann wurden wir zum Direktor der Schule geführt. Dieser erzählte uns in seinem Büro von der Schule und fragte auch einige, was sie am ersten Tag mit den Familien unternommen haben. Er erklärte unter anderem, daß die Schule jetzt eine Universität und eine Grundschule bauen werde. Die Unterredung dauerte etwa eine Stunde.

Danach gingen wir wieder auf den Pausenhof, wo wir dann von unserem Stadtführer abgeholt wurden und mit der Besichtigung Istanbuls begannen. Als erstes gingen wir zu der Yerebatan Zisterne. Die Zisterne hatte früher die Funktion, die Stadt im Sommer mit Wasser zu versorgen. Im regenreichen Winter wurde das Wasser gespeichert und dann im Sommer verbraucht. Diese Zisterne wurde unter Kaiser Justinian (527-65) angelegt. Die Zisterne war auch in Kriegszeiten für die Versorgung wichtig, wenn die Aquädukte vom Feind zerstört worden waren. Die Zisterne ist 141m lang und 73m breit. Die Decke wird von 336 Säulen getragen. Man wandert durch die Zisterne auf Holzstegen, die eine Rundweg bilden. Heute werden in der Zisterne auch Fische gezüchtet.

Unser nächstes Ziel war der Topkapi-Serail. Der Serail ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Istanbul. Nach der Eroberung Konstantinopels waren die Paläste der byzantinischen Kaiser bereits zerfallen. Mehmet der II. baute deshalb einen Palast. 1462 begann er und 1478 war der Topkapi-Serail fertig. Doch erst unter Süleyman dem Prächtigen (1520-1566) wurde die Palastanlage offizieller Sitz des Sultans. Alle wichtigen Entscheidungen wurden nun hier getroffen. Er war sozusagen der Hauptkoordinationspunkt des Osmanischen Reiches. Süleyman und seine Nachfolger erweiterten den Serail beträchtlich.

Der Serail ist durch eine Mauer von der restlichen Stadt abgetrennt. Der Serail ist in drei Bereiche unterteilt: Den äußeren Serailhof, den mittleren Serailhof und den inneren Serailhof. Das mittlere Tor (Tor des Heils) durfte nur vom Sultan durchritten werden durfte. Neben dem Tor erblickt man den “Henkersbrunnen”. Hier wusch der Scharfrichter nach der Exekution das blutbefleckte Schwert oder Beil. Im mittleren Serailhof befindet sich auch das Küchengebäude, wo früher die Hofküche war. Bis zu 2000 Mahlzeiten am Tag wurden hier zubereitet. Heute befindet sich in der Hofküche die prachtvolle Porzellansammlung der Sultane. Die Sammlung besteht aus über 10.000 wertvollen und seltenen Stücken. Sie wurde im wesentlichen von Selim dem I. und Süleyman dem Prächtigen im 16. Jahrhundert zusammengetragen. Durch ein weiteres Tor gelangt man dann in den inneren Serailhof. Hier stehen zwei Gebäude, der Audienzsaal und die Bibliothek Ahmets des dritten. Der Brunnen vor dem Audienzsaal diente früher dazu, daß draußen Wartende dem Verlauf der Audienz nicht folgen konnten. Die Sammlung in der Bibliothek enthält mehr als 4000 wertvolle alte Handschriften. Im inneren Hof ist auch die Schatzkammer. Diese Schatzkammer ist mit das Bekannteste vom ganzen Serail. Man sieht hier viele wertvolle Stücke u. a. den Thron des Nadir Schah, mehrere sehr wertvolle Diamanten und den goldenen Thron. Der Thron des Nadir Schah, der dem Sultan geschenkt worden war soll angeblich mit über 25000 Perlen besetzt sein. Der goldene Thron ist ebenfalls sehr wertvoll. Er ist mit 954 Topasen geschmückt und das Gold hätte eingeschmolzen ein Gewicht von 250 kg. Der vierte Hof ist an der nördlichen Ecke. Von hier aus hat man einen sehr schönen Blick auf den Bosporus. Hier befinden sich auch noch Gartenanlagen. Von der früheren Schönheit des Tulpengartens ist jedoch nicht viel erhalten. In den Anlagen befinden sich ferner mehrere Pavillons auch Kioske genannt. Wenn man weitergeht kommt man zum Reliquienhaus mit mehreren Reliquien unter anderem von Mohammed. Und zu der Waffensammlung, wo man alte Waffen aller Art sieht. Schließlich kommt man noch zum Harem. Dieser Komplex wurde zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert errichtet. Die Gebäude dienten dem Sultan und seiner Familie als Wohnung und durften nur von ihm und seinen engsten Verwandten betreten werden. Das ist das Ende des Rundgangs. Hiernach gingen wir zurück zu Istanbul Lisesi, wo dann jeder zu seiner Familie zurückfuhr.

Henning Sann

TOPKAPI SARAYI: Ein Labyrinth

Von den vierhundert Zimmern des Harems werden wir etwa fünfzig sehen, aber zuerst müssen wir durch die Quartiere der schwarzen Eunuchen und ihren gemeinsamen Baderaum gehen. Links und rechts der Türen erstreckt sich ein langer, finsterer Korridor. Fast in Deckenhöhe zwei große Querstangen und, an der Wand hängend, ein dicker Knüppel, um die ungehorsamen Sklaven zu züchtigen. Die Neuankömmlinge entgehen ihm nicht, selbst wenn sie nichts getan haben: Willkürliche Vorbestrafung, ohne anderen Grund als den, sie mit dem Ton des Hauses bekanntzumachen. Ich schaue mir lieber die kleinen, blaugekachelten Zimmer an, in denen die Konkubinen des Sultans warteten und warteten, daß er sich in einer zufälligen Sinneslaune an die eine oder andere von ihnen erinnerte. Eine Matratze zum Schlafen auf dem Boden, ein winziger Diwan, das war ihr Platz in dieser hübschen kleinen Hölle, wo die Mädchen unter den zu ewiger Blüte erstarrten zarten blauen Blumen an den Wänden in den Zügen ihrer zahllosen Rivalinnen die ersten Vorzeichen des Welkens zu entdecken suchten. Man kann sich den Klatsch und die Zänkereien vorstellen ... Über Gänge und Korridore, an den Gemächern der Sultaninnen vorbei, gelangen wir endlich zum Herrn und Meister, wo lange Sofas sich den Wänden entlang aneinanderreihen. Das Blaugrün der Keramikfliesen erfreut und erfrischt das Auge. Ein Springbrunnen, dessen Plätschern das vertrauliche Geflüster übertönt – denn der Argwohn ist überall in den orientalischen Palästen zu spüren. Der Schrecken dieser geheimen Welt schlägt einem wie in Schwaden entgegen, während man von Zimmer zu Zimmer geht. Hier, in einem kleinen Speiseraum, sind Früchte an die Wände gemalt, um den übersättigten Appetit des zarter als die anderen besaiteten Sultans anzuregen; dort, die Muscharablen aus Steingut, durch die sich die Fürsten bespähen. Wie soll ich mir das alles notieren? Ich bin es müde, mich mit einem Labyrinth herumzuschlagen, und ziehe es vor, in den Gärten spazierenzugehen, den Himmel wiederzusehen. Kaum habe ich draußen ein paar Schritte getan, da verspüre ich eine Art von Glücksgefühl, fast von Freude, nach der erstickenden Atmosphäre des Harems. (...) Wenn man das Serail verläßt, verlängern sich seine Wege durch vernachläßigte Obstgärten, erstrecken sich über Terrassen und Eukalyptusalleen, in denen der Wind mit einem leisen Knistern durch die harten Blätter fährt, bis zum Bosporus hinab. Ganz unten, wenn man jenseits des Walls ist, sieht man einen runden Mauervorbau, der den Spähern des Sultans gestattete, das Kommen und Gehen gegenüber zu beobachten. Gegenüber beim Großwesir, denn die Hohe Pforte war er, und wenn er auch manchmal im gegenständlichen Sinne den Kopf verlor, so hatte er doch die Ehre, für die Welt das ottomanische Reich zu repräsentieren. Hinter dieser Hohen Pforte mit ihrem extravaganten Rokokoschutzdach im Wiener alla-turca-Stil führen schattige Alleen zu den Ministerien.

Julien Green (geb. 1900)[3]

Der Besuch im Topkapx Sarayx regt an zu Überlegungen über die Gesellschaft, die eine solche Lebens- und Staatsform hervorgebracht hat, so unendlich fremd der heutigen Türkischen Republik auf ihrem Weg zu Integration in die globalisierten Weltmärkte und das überstaatliche Weltsystem der Gegenwart.

Unbeschreiblicher Prunk und Reichtum, doch eine höfische Lebensform hinter Mauern, doch keine Prunkentfaltung nach außen... Manches kommt bekannt vor aus der europäischen Geschichte des Feudalismus und des Absolutismus, manches jedoch fremd. Ähnlich wie die Bildung der ersten nachantiken Staaten in Mittel- und Westeuropa durch eine bis zur Völkerwanderung germanische Kriegerkaste – die Ritter, Grafen und Fürsten der ›Franken‹ – wanderten auch in Anatolien die Türken als Reiter- und Kriegervolk ein und konnten sich zunächst unter dem Supremat des Byzantinischen Reiches, dann des islamisch-arabischen Kalifats ansiedeln und regionale Autonomie erkämpfen.

Das osmanische Sultanat war von Anfang an auf eine Kriegerkaste gebaut. Der Reichtum des Osmanisches Reiches war durch Expansion, Eroberung und Ausbeutung, nicht aber durch eine systematische Entwicklung eigener landwirtschaftlicher oder gewerblicher Ressourcen gesichert, so daß die ökonomisch-soziale Existenzkrise zwangsläufig mit dem Ende der Expansion, das heißt mit der Niederlage vor Wien, mit den Niederlagen gegen Habsburg und dem sukzessiven Verlust von Ungarn und den Balkanstaaten über das Sultanat hereinbrach und es immer weiter in ökonomische und machtpolitische Abhängigkeit von den aufstrebenden westeuropäischen Hegemonialmächten brachte.

Das Osmanische Reich entwickelte sich in Laufe von etwa dreihundert Jahren von einem europäisch-nahöstlichen Machtzentrum, von einem der größten Imperien der europäischen Geschichte zu einem Land der Semiperipherie, während sich das heutige ökonomisch-politische Weltsystem entwickelte.

Doch die Unterschiede liegen im Detail, sind aber nichtsdestoweniger von entscheidender Bedeutung für die zivilisatorische Entwicklung der Türkei. Während in Europa seit dem Spätmittelalter die Entwicklung der Städte und des Fernhandels zur Bildung eines selbstbewußten und sich emanzipierenden Bürgertums führte, blieb im Osmanischen Reich Reichtum und politischer Einfluß allein auf den Sultanshof und eine kleine militärische und geistliche Oberschicht konzentriert: wohl auch, weil die Expansionspolitik viel länger erfolgreich war als in Europa, wo sie vom Kolonialismus in ›überseeische Gebiete‹ abgelöst wurde. So ist es für die Türkei typisch, daß eine strikte kulturelle Zweiteilung stattfand in eine osmanische höfische Kultur, für die das Topkapx Sarayx steht – mit einer eigenen Sprache, dem Osmanli –, und die türkische Volkskultur, die in den übrigen beherrschten Regionen von den jeweiligen Regionalkulturen ersetzt wurden, was ihnen später die Bildung von regionalen Nationalismen und der regionalen gesellschaftlichen Integration erleichterte, wodurch der Begriff ›Türke‹ zu einer schimpflichen Bezeichnung für den unkultivierten, ungebildeten Landbewohner geworden ist.

Im Gegensatz zu Westeuropa ist also die höfische Kultur in der Türkei nicht ›nach unten durchgesickert‹ und zum Bestandteil einer kulturellen Integration geworden. Das bedeutete für die neue Türkische Republik, einen eigenen kulturellen Kontext und ein politisch-gesellschaftliches Integrationsmodell zu finden, das sich nicht aus dem Osmanli, sondern aus einer, oft eher konstruiert wirkenden Volkskultur und dem Rückgriff auf den Nationalismus europäischer Prägung entwickelte: eine schmerzhafte Kulturrevolution, die noch nicht abgeschlossen ist.

Halk Dansları Yarışması Finali

Was verbirgt sich hinter dieser Ankündigung? Am 13. Mai 1996 fand im Atatürk Kültür Merkezi (Kulturzentrum) in Istanbul das Finale der besten türkischen Folkloregruppen statt. Zu dieser Veranstaltung wurden wir drei Begleiter vom Ehemann der Kollegin Ümran Türkoğlu eingeladen, der als Mitglied der Jury sicher über genügend Karten verfügte, darüber hinaus aber auch uns einen besonderen, landestypischen  Leckerbissen anbieten wollte.

Voller Erwartung ließen wir uns per Taxe zum Veranstaltungsort fahren und betrachteten auf dem Vorplatz die illustre Gästeschar – zwangsweise, denn unsere Gastgeber verspäteten sich wegen des selbst 19.30 Uhr noch äußerst dichten Verkehrs. Die Palette der Bekleidung reichte vom normalen Tages-Outfit bis hin zu erstaunlich aufwendigen und auffallenden Roben. Mittendrin immer wieder Polizisten und Wachpersonal, über deren massive Anwesenheit wir zunächst recht erstaunt waren. Dann ging es aber hinein. Ümran Hanim lotste uns am Empfangstisch vorbei, wobei allein ihr Name ausreichte, um uns höflichst hereinzubitten, die zurückgelegten Karten wurden gar nicht erst gesucht! Im Foyer drängte sich eine große Zahl von Besuchern, überall waren Stände aufgebaut, an denen man sich mit verschiedensten Getränken bedienen konnte, die Gläser mit den unterschiedlichsten Säften, Weinen und Longdrinks waren exakt in geometrischen Formen ausgerichtet. Durch die Menge drängten sich Kellner mit großen Tabletts, von denen man sich nach Herzenslust mit Süßigkeiten, gefüllten Teigwaren und vielen anderen Leckereien versorgen konnte.

Endlich schien es loszugehen. Gegen 20.30 suchten wir uns im riesigen Theater im Parkett einen Platz und durften weiterhin auf den Beginn warten! Dann aber hektisches Gelaufe, Blitzlichter, helle Leuchten für Fernsehaufnahmen: der türkische Kultusminister und der reichste Mann und gleichzeitig Hauptsponsor der Veranstaltung, Bay Sabancı, ließen sich in der ersten Reihe nieder. Damit erklärten sich nun auch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen. Als das Blitzlichtgewitter erloschen war, begann tatsächlich die Veranstaltung.

Die einführenden Worte verstanden wir zwar nicht, sie hoben aber sicher die bedeutende Rolle der Folklore hervor, huldigten bestimmt ebenso dem Minister und dem Sponsor des Abends. Dann ließ sich die erste Darbietung nicht mehr länger hinausschieben, das Festival begann.

Zehn Gruppen hatten sich qualifiziert, und es erwartete uns ein äußerst buntes und vielfältiges Programm. Fast alle Darbietungen wurden durch eigene Musikanten begleitet, die meist laut, durch Lautsprecher enorm verstärkt, ihre Instrumente bearbeiteten. Trommeln mit langsamen und schnellen Rhythmen, dumpfen und hellen Schlägen, Geigen und andere traditionelle Streichinstrumente, verschiedene Flöten, einmal auch ein Klavier wurden eingesetzt. Die Melodien reichten von alten türkischen Weisen mit ihrer Verwandtschaft zur orientalischen Musik bis zu stark westlich klingenden Stücken, die an italienische Barockmusik erinnerten. Entsprechend vielfältig zeigten sich auch Tänze und Kostüme. Meist traten gemischte Gruppen auf, bis zu dreißig Personen, die sich auf der großen Bühne präsentierten. Die Kostüme waren alle farbenprächtig und teilweise reich geschmückt, die landestypischen Stilelemente waren für uns natürlich nicht zuzuordnen, dennoch war an einigen Kostümen schon abzulesen, welchen Sinn und Aussage die Tänze haben sollten. Wir genossen daher stärker das farbenfrohe Bild.

Die Tänze selbst, die sich teilweise hervorragend an die Musik anpaßten, ließen oft Deutungen zu. So gab es getanzte Kämpfe, die mit Schwertern bzw. Messern ausgetragen wurden, Liebeswerben mit erhofftem aber auch mit vergeblichem Ausgang, stilisierte Formationen und lebenslustige, sogar akrobatische Vorführungen. Wir hatten große Probleme, für uns eine Wertung vorzunehmen, es fehlten uns letztlich zu viele Kenntnisse über historische und kulturelle Zusammenhänge einzelner Volksgruppen in der Türkei.

Einig waren wir uns über eine Einlage einer Modenschau. Zu teilweise sehr getragenen Klängen wurden Modelle vorgeführt, die nicht unbedingt Begeisterung beim Publikum fanden; es waren teilweise peinliche Imitationen von klassischen Modellen, andere ließen eine elegante Designerhand vermuten. Leider paßten häufig Musik und Auftreten, Haltung und Gestik der Mannequins nicht zueinander, die Aufführung war unnötig lang – der Beifall des ansonsten begeisterungsfähigen Publikums hielt sich denn auch in bescheidenen Grenzen.

Die Beratungszeit der Jury wurde überbrückt durch den Gesang dreier anscheinend recht bekannter Sänger, die, begleitet von einem großen Orchester, moderne folkloristische Lieder vortrugen. Auch sie ernteten reichlich Beifall, sie schienen eine sehr populäre Gruppe zu sein.

Endlich aber das Finale! Der Vorhang hob sich erneut, und alle Akteure saßen bunt gemischt auf Stufen, die die ganze Bühne einnahmen – es war ein farbenfrohes, prächtiges Bild. Nach weiteren Reden wurde schließlich die siegreiche Gruppe vorgestellt und erhielt den Scheck von über 350 Millionen Lira, umgerechnet immerhin 7000 DM. Da die Gruppen nicht selbst den Scheck entgegennahmen, sondern der Manager vortreten durfte, bekamen wir zuerst gar nicht mit, wer denn  nun der Sieger war; erst hinterher ließen wir uns beschreiben, welche Kostüme und Tänze honoriert worden waren. Unsere Favoriten waren nicht dabei, unsere Maßstäbe entsprachen wohl doch nicht den türkischen! Letztlich ist das sicher auch gut so, wird uns auf diese Art doch sehr deutlich, daß es viele andere Kulturen auf der Welt gibt, für die wir bisher wenig Verständnis haben, und die wir nicht so ohne weiteres mit unseren Maßstäben bewerten können. Liegt nicht gerade hierin ein wichtiges Ziel unserer Fahrt, nämlich uns dieses fehlende Verständnis erst einmal bewußt zu machen und dann vorsichtig zu versuchen, ein klein wenig dieser anderen Kultur zu erfassen und zu schätzen?

Günter Fuchs

Dienstag, 14. Mai

Treffen in der Schule – Besuch berühmter Sehenswürdigkeiten

Soğukçeşme Straße, Hagia Sophia, Sultanahmet Platz, Sultanahmet Moschee etc. – Mittagessen in der Schule – Unterrichtsbesuche

Moschee mit sechs Minaretten

Was die hohen und dünnen Türme (Minarets) betrifft, auf welche ein Sänger steigt, um das Gebet anzukündigen, so haben die kaiserlichen Moscheen derselben nie weniger als zween, oft aber auch vier, ja sogar sechse. Die neue Moschee, welche der Sultan Achmet hat bauen lassen, hat derselben sechs. Auf dem Atmeidan, oder dem Rennplatz, so der alte Hippodromus ist, hat ein Minaret dieser Moschee drei Galerien von durchgebrochenen Steinen, nach dem Landesgeschmack. Der Hof derselben ist schön. Derselbe ist ein langes Viereck, und mit einigen Bäumen gezieret. Ehe man in die Moschee kommt, gehet man durch eine freie Säulenstellung (peristyle) die eine Art eines Klosters mit verschiedenen Bogenstellungen ist, die kleine Kuppeln haben, welche mit Blei bedeckt sind, und auf Säulen ruhen. Das Pflaster ist von einem sehr schönen Marmor, so wie auch der in der Mitte stehende sechseckige Springbrunnen, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die aus einem eisernen und vergoldeten Gitter bestehet. Der große Dom, welcher den Hauptteil der Moschee ausmacht, ist mit verschiedenen kleinern Doms umgeben, die auf vier Pfeilern von weißem Marmor stehen, welche sechs Klaftern im Umfange haben, und elf bis zwölf Klaftern hoch sind. Von außen ruhet dieses Gebäude auf vier festen Türmen, welche die Stelle der Säulen vertreten. Diese, und alle andere Moscheen, welche die Muselmänner haben bauen lassen, werden mit weit mehreren Lampen erleuchtet, als die Sophienmoschee, und man hat unter die Lampen der neuen Moschee kristallene Kugeln und Leuchter, Straußeneier und andere dergleichen Dinge gesetzt, um ihnen ein desto schöneres Ansehen zu geben. Man siehet daselbst zwo Kugeln von Glas. In der einem siehet man ein Galeere, die stückweis vermittels eines kleinen Zängleins hinein gebracht, und darinnen zusammen gesetzet worden. In der andern Kugel ist der Plan der Moschee in Basrelief vorgestellet worden, wozu eine bewundernswürdige Geduld erfordert wurde. Das Türbe oder Grabmal des Sultan Achmet stehet hinter der Moschee auf der nördlichen Seite.

Pitton de Tournefort (1656-1708)[4]


Die Blaue Moschee

Da die Schule unserer Gastgeber direkt im Zentrum von Istanbul liegt, hatten wir es auch zu dieser Sehenswürdigkeit nicht weit. Mit unserem Fremdenführer Attila besichtigten wir zuerst die Blaue Moschee, den Obelisk und die Hagia Sophia.

Vor dem Betreten der Moschee mußten wir ersteinmal unsere Schuhe ausziehen und diejenigen aus unserer Gruppe, die nur kurze Hosen anhatten bekamen vor dem Eintreten ein Tuch, das sie sich umbinden mußten.

Die Moschee wurde von Sultan Ahmet in Auftrag gegeben, weshalb sie auch seinen Namen trägt. Gebaut wurde sie von dem Architekten Mehmed Aäa zwischen 1609-1616. Die Blaue Moschee unterscheidet sich von den anderen Moscheen in Istanbul, da sie 6 Minarette hat. Der Vorhof hat fast die gleiche Fläche, wie der Gebetsraum. Schon dort fällt die Eleganz auf. 26 Granitsäulen mit Stalaktitenkapitellen tragen 30 Kuppeln, die wegen der gigantischen, sich mit einer erstaunlichen Harmonie stufenartig herabwölbenden Kuppeln des Gebetsraumes fast übersehen werden. Die Eleganz wird im Innern noch übertroffen. Vier mächtige, frei im Raum stehende Pfeiler tragen vier 1/4-Kuppeln, die wiederum die Hauptkuppel tragen (die einen Durchmesser von 23 m hat). Ihren Namen hat die Moschee durch die blauen Fliesen, auf die durch 260 Fenster das Tageslicht fällt. Auffällig sind die wunderschönen Wandverzierungen, die aus Nelken, Tulpen, Lilien und Rosen bestehen, da weder Menschen noch Tiermotive als Wandschmuck erlaubt sind. Die feine Gebetsnische aus Marmor mit einem Stück des schwarzen Steines der Kaaba-Moschee, sowie die Freitagskanzel aus dem gleichen Marmor und Teppiche am Boden vervollständigen die innere Ausstattung. In der Moschee lag ein etwas unangenehmer Geruch, da sich leider nur die Gläubigen vor Betreten die Füße waschen (im Gegensatz zu den Touristen!).

Hagia Sophia

HAGIA SOPHIA: Sie grüßt von oben die Stadt

So bietet die Kirche den herrlichsten Anblick, überwältigend für den Betrachter, für diejenigen, die nur davon hören, ein Gegenstand ungläubigen Staunens; steigt doch das Gotteshaus fast zu himmlischer Höhe empor und indem es sich wie von den übrigen Bauwerken fortschwebend löst, grüßt es von oben die übrige Stadt. Die Sophienkirche ist deren Schmuck, da sie ihr zugehört, wird aber selbst auch von ihr verschont, weil sie als Teil der Stadt und stolzer Höhepunkt so weit emporragt, daß man diese von hier wie von einer Warte aus überschauen kann. Ihre Breite und Länge sind wohl aufeinander abgestimmt; man wird daher deren riesige Ausmaße nicht als störend bezeichnen können. In unaussprechlicher Schönheit bietet sie sich dar. Denn Glanz und Harmonie der Maße schmecken sie, kein Zuviel und kein Zuwenig ist an ihr festzustellen, da sie prunkvoller als das Gewohnte und zuchtvoller als das Maßlose ist: an Licht und Sonnengefunkel aber hat sie Überfluß. Man könnte nämlich meinen, der Platz werde nicht von außen her durch die Sonne erleuchtet, sondern empfange seine Helligkeit von sich aus, eine solche Lichtfülle ist über das Heiligtum ausgegossen.

Prokop (500-559)[5]

Die heute als Museum dienende Kirche wurde im 6. Jahrhundert von dem römischen Kaiser Konstantin errichtet. Innen befinden sich vier gewaltige Pfeiler, die voneinander 31 m entfernt sind und fast in den Ecken des Hauptschiffes stehen. Sie wurden unterhalb der Kuppel mit vier Bögen miteinander verbunden. Die Kuppel ist 55,60 m hoch und nicht vollständig rund. Sie mißt in West-Ost Richtung 30,88 m und in Nord-West Richtung 31,88 m. Ihre runde Form hat sie 556 bei einem Erdbeben verloren. Die Kuppel war die Erste ihrer Art und stürzte wenig später nach der Erbauung ein, weil die Außenmauern ihr Gewicht nicht halten konnten. Am Nordwesten der Kirche befand sich der Vorhof und das Atrium, das wie üblich mit Säulenhallen umgeben war. Durch fünf Tore gelangte man vom Atrium in die Exonarthex genannte äußere Halle. Das mittlere größere Tor war für den Kaiser und seine Gefolgschaft bestimmt. Vom Exonarthex, in dem der Kaiser Schwert und Krone ablegte, führen jeweils fünf Tore in den 11 m breiten und 60 m langen Narthex, die innere Halle. Hier erfolgte das weitere Zeremoniell für den kaiserlichen Einzug. Unter den Säulen, die eventuell vom Artemistempel aus Ephesus stammen, befindet sich auch die „schwitzende Säule“, so genannt, weil sie als einzige Säule in der Kirche „feucht“ ist. In dieser befindet sich ein Loch, in das man seinen Daumen stecken kann. Dreht man nun seine Hand um 360°, darf man sich etwas wünschen.

Die Moschee wurde im 15. Jahrhundert von einer griechisch orthodoxen Kirche in eine Moschee umgewandelt, nachdem die Osmanen Konstantinopel, das dann Istanbul wurde, erobert hatten. Wie schon erwähnt sind Darstellungen von Menschen im Islam verboten. Bei der Umwandlung von einer Kirche in Moschee wurden die Mosaike (mit Jesusbildern) abgedeckt und für das Museum teilweise wieder freigelegt.

Renate Fuchs & Iris Bode

Im Mittelalter erzählte man sich eine sagenhafte Geschichte vom Bau der Kirche der Hagia Sophia, das heißt: der Heiligen Weisheit, des Wort Gottes, die die fast mystische Verehrung für diesen heiligen Bau der frühen Christenheit ausdrückt:

»Als man daran war, die Bögen der rechten und linken oberen Stockwerke aufzufahren und sie mit schalenförmigen Gewölben zu überdecken, wurde befohlen, das Kleingeld für die Samstaglöhnung aus dem Palast zu holen; es war aber die dritte Stunde des Tages. Und Strategios hieß die Arbeiter und Meister zum Frühstück kommen. Beim Hinabgehen ließ der schon erwähnte Oberwerkmeister Ignatios seinen Sohn oben im rechten Geschoß zurück, um die Werkzeuge der Arbeiter zu bewachen. Der Knabe war etwa vierzehn Jahre alt. Als er nun dasaß, erschien ein weißgekleideter, anscheinend aus dem Palast gesandter Eunuch, schön von Ansehen, und sprach zum Knaben: «Warum vollführen die Arbeiter nicht behender das Werk Gottes und haben es verlassen und sind zum Essen fortgelaufen?» Der Knabe spricht: «Lieber Herr, gleich werden sie zurückkehren.» jener sagt dagegen: «Geh schnell und rufe sie, denn ich will das Werk rasch fertig haben!» Da der Knabe jedoch erwiderte, er könne nicht gehen, damit nicht etwa die Werkzeuge in Verlust kämen, sagte der Eunuch: «Geh schnell und heiße sie sofort kommen. Ich aber schwöre dir, Kind: Bei der heiligen Weisheit (d. 1. Gottes Wort), welche hier jetzt gebaut wird, ich werde nicht von hier weggehen – denn hierher wurde ich vom Wort Gottes geschickt zu arbeiten und zu wachen, bis du wieder zurück bist.» Als der Knabe dies hörte, ging er eilends weg und ließ den Engel des Herrn als Wächter am Bauplatz zurück. Da er herabgekommen war und seinen Vater, den Oberwerkmeister, mit den übrigen fand, erzählte er ihm alles. Der aber nahm seinen Sohn und führte ihn zum Kaiser, der eben in er Kapelle Johannes des Täufers beim «Horologion» frühstückte. Als der die Erzählung des Knaben vernommen, ließ er alle Eunuchen beikommen, zeigte jeden einzelnen dem Knaben, indem er sagte: «Ist’s vielleicht der?» Der aber rief, keiner von ihnen sähe so aus wie jener, den er in der Kirche getroffen. Da ward dem Kaiser deutlich: Ein Engel des Herrn ist es, und klar ist sein Wort und sein Eid! Da der Knabe noch beifügte, daß der zu ihm Redende weiß gekleidet war und seine Wangen Feuer strahlten und sein Aussehen ungewöhnlich war, pries der Kaiser Gott und sprach: -Nun wird mir klar, wie ich die Kirche nennen soll.» Seitdem heißt sie nun «Hagia Sophia», verdolmetscht: «Wort Gottes.» Nach einigem Überlegen meinte der Kaiser, man dürfe den Knaben nicht auf den Bau zurücklassen, damit der Engel nach seinem Eid für immer die Kirche bewachen müsse. Denn wenn der Knabe zurückkehre und im Bau befunden würde, dann würde auch der Engel des Herrn weichen. Nachdem nun der Kaiser mit den Vornehmsten des Senats und den heiligen Hirten Rats gepflogen hatte, sagten sie ihm, man möge den Knaben nicht mehr auf den Bau zurückschicken gegen den Eid des Engels, damit er in Gottes Auftrag bis ans Ende der Welt die Kirche behüte. Der Kaiser beschenkte also den Knaben reich, ehrte ihn und verschickte ihn dann mit Zustimmung seines Vaters auf die kykladischen Inseln. Es geschah aber die Rede des Engels zum Knaben, daß er auf Gottes Befehl Wache halte, auf der rechten Seite des Pfeilers des oberen Schwibbogens, der zur Kuppel hinaufgeht.«

Anonymus[6]

Der ägyptische Obelisk

Diese Säule stammt aus eigentlich aus Karnak, wo ihn Thutmosis der Dritte im 15. Jahrhundert vor Christus bauen lies. Er war ursprünglich dreimal größer, also 75 m hoch und wog 800 Tonnen. Es ist nicht bekannt, wann und wo der untere Teil verloren gegangen ist. Der um 390 nach Christi unter Theodosius dem Großen innerhalb von 32 Tagen im Hippodrom aufgestellte Obelisk steht auf einem 6 m hohen, mit Reliefs ausgeschmücktem Marmorsockel. Auf der Säule sind folgende Motive abgebildet: der Kaiser beim Wettkampf, der Kaiser mit dem Kranz für den Sieger und der Kaiser bei der Huldigung durch die Barbaren.

Renate Fuchs & Iris Bode

Mittwoch, 15. Mai

Treffen in der Schule – Bosporusfahrt mit dem Bus – Rückkehr zur Schule

Ein Tag zum Atemholen nach metropolitanem Trubel, Schule und Kultur... Die Auswahl ist schwer, weil es rund um Istanbul so viele lohnende Ausflugsziele gibt. Die Istanbul Lisesi als Gastgeberschule macht sich immer wieder Gedanken, neu Ziele und Ausflüge anzubieten, diesmal leider beeinträchtigt durch Gewitter und mächtige Regengüsse. Wir fuhren in Richtung Norden entlang des Bosporus nach Rumeli Kavagi, um auf dem Rückweg noch die Festung Rumeli Hissarı zu besichtigen. Das geplante Picknick fand dann in einem Restaurant am Wege statt.

Bei der letzten Reise fuhren wir zu einem beliebten Wäldchen und Picknick-Platz auf der asiatischen Seite der Stadt über dem Bosporus: Kanlica, wo wir unter den Bäumen das mitgebrachte Essen einnehmen konnten

Früher waren wir auch schon mit dem Schiff zu den Prinzeninseln gefahren oder hatten eine eintägige Bootsfahrt auf dem Bosporus auch bis Rumeli Kavagi unternommen.

Donnerstag, 16. Mai

Treffen in der Schule – Besuch des Großen Bazars und des Ägyptischen Bazars – Mittagessen in der Schule – zur freien Verfügung

Heilmittel und Wohlgerüche

Von der Decke herab hängt das Wahrzeichen des Geschäftes. Bald ist es das Bild eines Schiffes, bald das eines Hauses oder einer Schere. Das war von den ältesten Zeiten her so, solange es im Orient Basare gibt, und als die Kultur nach dem Norden wanderte, da bürgerte sich auch diese Sitte der Geschäftssymbole bei uns ein. Alles, was der alte Orient an Heilmitteln und Wohlgerüchen kennt, ist hier zu finden. Die heiligen drei Könige hätten sich hier mit Myrrhen und Weihrauch versorgen können. Auch fehlt nicht das Holz der Aloe und das Harz der Benzoe, von denen schon die Frauengemächer in den Königspalästen des ältesten Orients dufteten. Und dann kommen die Wohlgerüche für den Körper und die Kleider, die schon in den Harems der alten Türkei bekannt und beliebt waren, um die Sinne zu berauschen. In Ninive und Babylon wurden kaum andere verwendet. Der alte Orient, den unsere Archäologen und Gelehrten so mühsam durch Ausgrabungen und Forschungen herstellen; hier dringt seine Seele, seine Poesie durch die Nase an unsere Sinne. Wir träumen von Versen des Hohen Liedes und von den Gaselen des Hafis aus Schiras. Wenn wir gröbere Genüsse verlangen, finden wir hier die Gewürze (beharat), deren sich die orientalische und im besonderen die türkische Küche bedient. Auch aus ihrer Auswahl und Zusammenstellung spricht wohl die Erfahrung von Jahrtausenden. Mit dem Zunehmen der europäischen Kultur nimmt allerdings ihr Gebrauch langsam ab. Aber nicht nur der Erhöhung der Lebensfreude; auch der Heilung der Gebrechen und Leiden dient der Missir Tscharschi. Alle alten Heilmittel, die arabische Ärzte aufgezeichnet und die türkischen «Hekim» aufgenommen haben, sind hier zu finden. Die schädlichen von ihnen – und es gab eine große Menge, die das Leben des Patienten in Gefahr bringen konnten – sind allerdings durch die Gesundheitsbehörde schon längst verbannt. Aber von den harmlosen findet man noch einige. Da hängen neben den Mohnbündeln, von denen man den Kindern gibt, die nicht schlafen können, auch verstaubte Wieselfelle von der Wölbung herab. Diese verwendete man seit uralten Zeiten, um die Wirkung eines plötzlichen Schrecks zu beseitigen. Auch sieht man dort noch die Jerichorose, die im Orient die «Hand der Mutter Maria» genannt wird. Wenn sie sich im Wasser entfaltet, dann wird einem jungen Erdenbürger der Eintritt in diese Welt erleichtert.

Friedrich Schrader (1865 - 1922) [7]

Besuch des „Großen Bazars“ und des „Ägyptischen Bazars“

W

ie üblich trafen wir uns alle auch an diesem Donnerstag Vormittag auf dem Schulhof der Istanbul Lisesi, um uns dann gemeinsam auf den Weg zu machen, die historische Seite Istanbuls zu entdecken.

Unser Ziel war zunächst der „Große Bazar“, welcher nur wenige Minuten zu Fuß von der Schule entfernt liegt.

Dieser Bazar wurde im Jahr 1523 erbaut und ist seitdem mehrere Male abgebrannt, konnte allerdings bis jetzt immer wieder restauriert werden. Er ist in verschiedene Straßen gegliedert, so gibt es z. B. die Goldstraße, auf welcher man in großen Mengen Gold zu niedrigen Preisen erstehen kann. Im Allgemeinen bietet der Große Bazar für Touristen die beste Gelegenheit Souvenirs oder andere Kleinigkeiten zu kaufen.

Unser nächstes und letztes Ziel für diesen Tag war der Ägyptische Bazar, auch Gewürz Bazar genannt.

Dieser ist erheblich kleiner, aber in keinem Fall weniger attraktiv. Wie der Name unschwer erkennen läßt, stehen dort hauptsächlich Gewürze zum Verkauf. Vermutlich haben die anderen und ich an diesem Tag den größten Teil unseres Taschengeldes auf den Kopf gestellt, so wurden z. B. das Haarfärbemittel Henna, türkische Glücksbringer und Schwerter gekauft.

Auf jeden Fall hatten wir auch dort wieder einen unvergeßlichen Eindruck gewonnen.

Beate Pohlmann

Von den Kleinen ein Muster, wie man’s macht

Vor den ineinandergeschachtelten Läden einer stellen Gasse

mit Namen Riza-Pawa standen zwei Jungen,

die stocherten mit ihren nackten Füßen in den rußigen

Platanenblättern und hatten

Kämme Knöpfe Gummiband Nadeln Nähgarn Reißverschlüsse

und anderen Kram zu verkaufen,

beide nebeneinander, beide noch Kinder.

Ein Mann kam näher, zum Kauf entschlossen

– das hat man schon so im Vorgefühl.

Die Jungen riefen beide auf einmal:

        kauf bei mir Onkel

        kauf bei mir Onkel

stießen einander fort und hängten sich an den Mann.

Der Mann kaufte anderthalb Meter Gummiband

für seine Unterhose und ließ das Geld in der Schale

des einen. Der andere pfiffig sprang herüber, haute

seinem Freund eine Ohrfeige und schnappte das Geld

aus der Schale. Dann rief er ohne sich zu schämen:

        weine nicht Kumpel

        nimm anderthalb Meter

        Gummiband

        klar daß du

        verloren hast

        nicht du sondern ich

        hab das Geschäft gemacht

Der andere zog seinen Schleim durch die Nase,

heulte noch eine Weile, dann teilten sie sich

eine halbe Zigarette, ließen freundschaftlich

das Geschehene geschehen sein und stocherten weiter

mit ihren nackten Füßen in den rußigen Platanenblättern.

Aras  Ören (geb. 1939)[8]

3. Rundreise durch Westanatolien

Freitag, 17. Mai

Beginn der Fahrt nach Anatolien. – Abfahrt mit Bus nach Ankara; Übernachtung im Hotel Hitit.

Für unsere Rundreise durch Westanatolien hatten wir wieder das Glück, recht günstige einen Midibus mit etwa 27 Plätzen, der sonst als Schulbus für die Istanbul Lisesi fährt, anmieten zu können. Der Fahrer war wieder derselbe wie schon bei unserer Reise 1994: was auf beidseitigen Wunsch geschah. Wenn er auch über keine Fremdsprachenkernntnisse verfügte, dafür stand uns ja die türkische Sprachkompetenz von Rainer Gusky zur Verfügung, so war er ein Musterbeispiel an Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und überlegener fahrerischer Kompetenz: nie hektisch, nie waghalsig, immer auf Sicherheit und Korrektheit bedacht.

Die erste Fahrstrecke sollte uns dann von Istanbul nach Ankara bringen. Der Abschied auf dem Schulhof der Istanbul Lisesi zog sich natürlich und erwarteterweise wieder viel länger als geplant hin und bescherte rührungsvoll Szenen. Dabei planten wir ja ein Wiedersehen noch an unserem letzten Tag in der Türkei vor dem Abflug.

Die Fahrt nach Ankara führt zunächst über den Bosporus und bis Izmit entlang der Bucht von Izmit durch den Agglomerations- und Wirtschaftsraum von Istanbul. Bei dieser stundenlangen Fahrt wird die megapolitane Größe dieser Konurbation deutlich, der Stadtgeographen heute schon eine Gesamteinwohnerschaft von ca. 20 Millionen zumessen. Doch sind die Zahlen je nach Begrenzung des Raumes und Art der Erhebung – der Census war doch sehr unzuverlässig – sehr unterschiedlich, und, wie zu vermuten ist, in gewisser Weise auch interessenabhängig.

In Städten wie Istanbul zeigt sich, daß die Verstädterungstendenz eine globale Erscheinung und in den sozioökonomischen und politischen ein universelles Problem ist. Der starke Zuzug vom Lande, vor allem auch aus den Krisenregionen in Südostanatolien, wandelt die Bevölkerungsstruktur der Konurbation ebenso wie die Stadtkultur, die, man könnte es fast sagen: verländlicht, was am Erscheinungsbild gerade der ärmeren Bevölkerungsschichten deutlich wird, die konservativer, traditionsgebundener und weniger weltstädtisch erscheinen als es die ›einheimischen Istanbuler‹ sind. Der Wahlsieg der islamistischen REFA-Partei bei den letzten Kommunalwahlen auch in Istanbul ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen.

Die Paßfahrt über das Gebirge zwischen Bolu und Kxzxlçahamam war für unseren kleinen Stadtbus keine ganz leichte Aufgabe. Auf den ›endlosen‹ Serpentine bergauf konnten wir überwältigende Ausblicke auf die nördlichen Randgebirge Anatoliens, tief eingeschnittene Täler und dichte dunkelgrüne Hangwälder bei Schrittempo ausgiebig bewundern, während die übermotorisierten großen Linienbusse auf der Überholspur an uns vorbei zogen.

Ankara liegt in einer Senke zwischen sieben Hügeln, was heute große Probleme für die Luftverschmutzung vor allem durch den überbordenden Autoverkehr in dieser Acht- bis Zwölfmillionenstadt – auch hier sind die Zahlen sehr unzuverlässig – mit sich bringt, im Sommer in unerträglicher, windstiller Hitze versinkend, im Winter verschärft noch durch die Höhenlage mit einer langen Frost- und Schneeperiode, in der gerade in den Armenvierteln mit billigsten Brennstoffen in offenen Öfen geheizt wird, wovon sich oft schon ab September/Oktober eine undurchdringliche, undurchsichtige Smogschicht über die Stadt zieht und viele Atemwegserkankungen verursacht. Die modernen Büro- und Verwaltungsgebäude sind daher auch vollständig klimatisiert.

Auf unserem Programm in Ankara steht einmal mit dem Museum für anatolische Kulturen ein wichtiger Einstieg vor allem in die Thematik der hethitischen Antike, mit dem Besuch des Grabmals von Atatürk, Anxt Kabir, aber vor allem die Thematik: Türkische Republik und die revolutionären Modernisierungen des Landes in diesem Jahrhundert.

Samstag, 18. Mai

Ankara: Julian-Säule, Haci Bayram, Hethiter-Museum, Burg (Kale), Anıt Kabir (Atatürk-Mausoleum)

»Angora liegt auf mehreren Höhen, im Norden und Osten von einer Bergkette umgeben; das Schloß steht auf der Spitze eines hohen Felsens, der an drei Seiten ganz steil ist, auf der Südseite erhebt er sich allmälig; es wird durch eine nahe Anhöhe beherrscht; dieß, so wie die verfallenen Festungswerke, machen jeden Wiederstand unmöglich. Die Häuser bestehen aus Holz und Backsteinen, sie haben meistentheils zwei Stockwercke mit Balkonen, vorspringende Hallen und Dächer, mit Geländern versehen; die Volksmenge beträgt ungefähr 20000 Seelen, von denen ein Drittel Armenische Katholiken sind. Den Handel, der seit einigen Jahren im Verfall ist, treiben diese letzteren: sie führen aus Smyrna Leinewand und Colonialwaaren ein, und versenden dagegen schönen Camelot von verschiedenen Farben, den die Stadtbewohner aus den Haaren einer dieser Provinz eigenthümlichen Ziegenart bereiten, die an Feinheit der Seide gleich kommt. Angora ist auch durch seine Früchte berühmt, vorzüglich durch vortreffliche Birnen, die man in den Gärten zieht, die in der offenen Ebene, nordwestlich von der Stadt liegen. Ein kleiner Fluß, der aus einem im Nordosten der Stadt befindlichen See strömt, bewässert diese Ebenen, und nachdem er den Fuß des Felsens, auf welchem das Schloß liegt, umspült hat, setzt er seinen Lauf fort gegen Südost. Eine hohe Bergkette, die man in der Ferne gegen Nordwesten sieht, hieß ehemals Olympus, und diente zur Gränze zwischen Galatien und Bithynien. Ich bat den Konsul, dem Pascha meinen Firman zu zeigen, und ihn um die Erlaubniß zu bitten, die Stadt, ohne belästigt zu werden, durchwandern zu dürfen; dieser fanatische, heftige Türke gerieth darüber in Wuth, behauptete, ein Engländer, der nach Angora käme, thäte dieß nur in der Absicht, um Erkundigungen einzuziehen, wie man sich des Landes bemächtigen könnte. Er fügte hinzu, daß er mir keine Erlaubniß gebe, die Stadt zu besehen, und daß ich am besten thäte, mich so schnell als möglich zu entfernen. Der Konsul kam zurück, ganz niedergeschlagen über diese Antwort, und wollte mich bereden, mich nicht in den Gassen zu zeigen, als er aber sah, daß ich entschlossen sey, dem Pascha Trotz zu bieten, ward er muthiger, und erklärte, er wollte mich am folgenden Morgen begleiten. Ich zog meine neue Türkische Kleidung an; wir stiegen mit Aufgang der Sonne zu Pferde, und ritten zur Stadt hinaus, durch das Thor von Smyrna, das offenbar ein Werk der Türken ist, allem Anscheine nach aus den Bruchstücken einer Halle oder eines Tempels erbauet. Man sieht in der Mauer Stücke von Bildhauerarbeit, Trümmern von Säulen; die Bogen werden von zwei Marmorblöcken getragen, die ohngefähr acht Fuß hoch sind, und, wie ich glaube, zum Architrav eines Tempels gehörten.

Nicht weit vom Thore ist eine kleine Anhöhe, auf welcher ehemals ein Tempel stand, wie der Konsul mir sagte, und die umherliegenden Ruinen beweisen es. Wir ritten ungefähr eine halbe Meile an der Mauer hin, die theils aus rohen Steinen, theils aus behauenen und mit kleinen Basreliefs gezierten Marmorstücken bestand; dann kommt man zu den unförmlichen Ruinen eines großen Gebäudes, das wahrscheinlich ein Amphitheater war, die hie und da auf einen Hügel, nahe der Ebene hin, zerstreuet lagen. Ein Theil des Grundes und der Mauern steht noch, aber alle Spuren der ehemaligen Größe sind verschwunden. Die Marmorsäulen, die es schmeckten, sind entweder, so lang sie waren, zu den Mauern der Stadt gebraucht, oder in Kalk verwandelt, und die Bewohner von Angora holen hier täglich Steine zu ihren Häusern. Die Gestalt scheint elliptisch gewesen zu seyn; die noch stehenden Mauern sind dreißig Fuß hoch, und bestehen aus Bruchsteinen und Ziegeln, die schichtenweise gelegt sind. Ein gewölbter Durchgang, der ungefähr dreißig bis vierzig Fuß lang ist, scheint mir einer der Haupteingänge des Theaters gewesen zu seyn. Den innern Raum haben die Türken zu einem Begräbnißplatze gemacht, der jetzt voll von Bruchstücken aller Art liegt.«

John Macdonald Kinneir 1813/14[9]

Wir brauchen keinen ›Firman‹, also einen ›Schutzbrief‹ eines Sultans, Gouverneurs oder Landesherrn, wie John Macdonald Kinneir 1813/14, um Ankara zu besichtigen. Aus dem abweisenden, zerfallenden Angora (in der Antike Ankyra) ist die Millionenstadt, die Hauptstadt der Türkischen Republik, Ankara, geworden. Doch noch heute fehlt ihr einiges an Anheimeligkeit und – wie es Urbanistiker und Stadtgeographen heute formulieren würden: – Ablesbarkeit und deutlicher Charakter dieser Stadt, die heute auf der einen Seite Hauptstädtische Weltläufigkeit mit urbaner Unverbindlichkeit verbindet und auf der anderen Seite ein Konglomerat älterer, ärmerer und moderner Wohn- und Geschäftsviertel darstellt.

Die alte Burg, die Kale, ist noch heute ein eigener Wohnbezirk, mit mächtigen Mauern aus der Osmanischen Zeit eingefaßt, auf byzantinischen, römischen und vielleicht auch noch gallischen Festungs- und Siedlungsresten stehend, die noch kein Archäologe ergründen konnte. Doch wäre dies spannen, denn Ankara dürfte die südöstlichste Stadtgründung – Podium – der Galater, der sich um 400 v.u.Z. europaweit ausbreitenden Kelten (›Gallier‹) gewesen sein, von deren Eroberung von Rom ja im Geschichtsunterricht berichtet wird. Dieses rätselhafte Volk, mächtiger und reicher Konkurrent im Norden des aufstrebenden Römischen Reiches und später in einem auch für die damaligen Zeit beispiellos skrupellosen und mörderischen Vernichtungskrieg von Julius Caesar im ›bellum gallicum‹ vernichtet und für lange Zeit dem historischen Vergessen überantwortet. Erst heute können Archäologen und Historiker daran gehen, an Hand neuer Funde und Ausgrabungsstätten das Leben und die Kultur der Kelten neu zu sichten und zu bewerten, wie die Zeitschrift der spiegel gerade in seiner letzten Ausgabe vom 28. Juli 1997 ausführlich darstellt.

Auf der Kale findet sich einmal die restaurierte Ruine der eigentlichen Festung. Ich erinnere mich daran, wie ich 1970 zum ersten mal hier heraufstieg zusammen mit meinem Kommilitonen. Ungebeten wurden wir in dem damaligen Trümmerhaufen von einer Gruppe kleiner Jungen begleitet, die radebrechend mit einigen Brocken Englisch und Französisch Stadtführer spielten. Und dann war der Weg zuende, vor einem mächtigen Eisengitter, der den weiteren Aufstieg zum Turm versperrte. Aber der Ausblick über Ankara war herrlich, die Luft damals noch einigermaßen durchsichtig, der Himmel blau und die sommerliche Temperatur wurde durch die Reflexion des Sonnenlichtes aus Sand, Geröll und Steinen noch erhöht. Unser kleiner Reiseführer hatte auch für diesen Ort einen passenden Namen, hier sie nämlich das „Plateau de Bakschisch“ – na ja, und ein solches erhielte die Kleinen dann auch.

Heute ist der Aufstieg zu Burg ein vielbesuchter Spaziergang für die, in Ankara nicht allzu häufigen, Touristen und Besucher. Die große Treppenanlage am Hang aus dem vergangenen Jahrhundert führte dann auch gerade zu unserem Hotel Hitit im Altstadtviertel Uluw.

Neben der eigentlichen Festung finden sich auf der Kale aber auch noch innerhalb des Mauerbezirks, der eigentlich eher eine Altstadt umfriedet, alte Wohnhäuser. Dies ist der einzige wirklich alte Bereich der Stadt, der heute dementsprechend sorgfältig restauriert wird und einen Einblick in den Städtebau vergangener Jahrhunderte lieferte. Doch zur Zeit von John Macdonald Kinneir war wohl auch dieser Stadtteil am Zerfallen; die Blütezeit des Osmanischen Reiches war längst vorbei und es regierte, wie die daran nicht unschuldigen Hegemonialmächte des Westens es nannten: der ›kranke Mann am Bosporus‹.

Doch zwei Besichtigungen in Ankara gehören zu den Essentials jeder Türkeireise: der Besuch des Museums für anatolische Kulturen, auch Hethiter-Museum genannt, und die Besichtigung des Atatürk-Mausoleums Anxt Kabir.

Damit ist die Spannweite der türkischen Kultur und der türkischen Traditionen gekennzeichnet. Viele tausend Jahre zurück reichen die Ausgrabungsfunde der Archäologen auf türkischem Territorium. Die wohl ältesten stadtähnlichen Siedlungen der Menschheit finden sich schriftlos und rätselvoll, was Herkunft, Kultur und Lebensweise ihrer Bewohner angeht, im Taurusgebirge, der die anatolischen Hochflächen gegenüber dem Mittelmeer und den Nahen Osten abschließenden Hochgebirgszug, der nur von einigen Paßstraßen überquert wird und doch seit Jahrtausenden Einfallstor für Völkerwanderungen in beiden Richtungen gesessen ist, Siedlungsraum und eine der Ursprungsräume der altweltlichen und altorientalischen Hochkulturen. Im Zusammenhang mit den bis zu zehntausend Jahren alten Funden, die im Archäologischen Museum in Ankara ausgestellt sind, stellen sich einige Fragen nach den Ursprüngen der menschlichen Kultur und den Besonderheiten des vorderasiatischen und südanatolischen Lebensraumes des »Fruchtbaren Halbmodes«, der diese Kulturentwicklung möglich gemacht hat. Dazu sollen einige Reflexionen beitragen.

Kultursprünge in den Wüsten des »Fruchtbaren Halbmondes«[10]

Die Wüstenlandschaft provoziert eine Frage: Warum entstand unsere Kultur gerade hier und nicht in den fruchtbareren, klimatisch weniger extremen Breiten? Dazu müssen wir doch etwas tiefer in die Geschichte und Geographie einsteigen. Die Frage „warum hier?“ ist dabei zu trennen von der anderen Frage, warum nicht dort, nämlich in Mitteleuropa? – Letztere Frage ist einfacher zu beantworten: In Mitteleuropa endete vor zehntausend Jahren, als die Kulturentwicklung in Vorderasien schon vehement einsetzte, erst die letzte Eiszeit mit der stufenweise Wiederbesiedlung der Region mit erst spärlichen Buschgehölzen und später dichter werdenden Wäldern. Die Region war feucht, sumpfig, mit undurchdringlichen Auewäldern, Strauchwerken und Unterhölzern überzogen; winters machten Frost und Schnee Vorankommen und Jagd fast unmöglich. Die natürlichen Potentiale reichten gerade für eine spärliche Nutzung durch einige wenige Jäger und Sammler aus, deren Lebenserwartung nur gering war; Unfälle, Frost, Hunger und Krankheiten rafften immer wieder ganze Familien und Gruppen dahin. An ein Seßhaftwerden war bei diesem Nahrungsmangel nicht zu denken. Und woher sollte hier die Idee, die Anregung zum Ackerbau kommen?

Wir sehen, landwirtschaftliche Gunst nach heutigen Maßstäben gibt keinen Aufschluß über die Nutzungspotentiale für ganz andere Gesellschaftsformen in früheren Zeiten. Gunst ist daher geographisch kein festes Attribut einer Landschaft sondern ein Ergebnis der Fähigkeit zur Inwertsetzung des Raumes durch eine konkrete Gesellschaft. So ist auch die heutige scheinbare Ungunst der nahöstlichen Siedlungsräume kein Maßstab für ein Urteil über die Nutzungspotentiale in vor- und frühgeschichtlicher Zeit.

Mehrere raumtypische Faktoren bestimmen die relative Gunst des Nahöstlichen Raumes für die »erste landwirtschaftliche Revolution«, die Erfindung des Ackerbaus, die Kulturpflanzenentwicklung und das Seßhaftwerden. Auch die »zweite landwirtschaftliche Revolution«, die Herausbildung von größeren Gesellschaften, die Entwicklung städtischer Siedlungen, das Entstehen von Grundherrschaft und das Aufkommen erster differenzierter religiöser Systeme und Kulte, findet im Nahen Osten seinen geeigneten Nährboden. Beginnen wir mit den natürlichen Voraussetzungen:

1. Geeignete Pflanzen stehen für die Kulturpflanzenentwicklung zur Verfügung. Gräser sind die Grundlage der Getreideentwicklung (Emmer, Einkorn etc.), Rosazeen bilden, nicht nur im Nahen Osten, die Ausgangspflanzen für Obst und Früchte.

2. Ein optimaler Artenreichtum für die Auswahl von geeigneten Pflanzenstämmen ist daher vorhanden, daß es sich hier um ein sogenanntes „Mannigfaltigkeitszentrum“ (Vavilov 1926) handelt, in dem ein besonders differenzierter Genbestand anzutreffen ist; das hat drei Gründe: zum einen überschneiden sich in Vorderasien die mediterranen, irano-turanischen und saharo-sindischen Florenreiche (Fisher 19716), zweitens hat der eiszeitliche, im Nahen Osten pluviale (feuchtzeitliche) Klimawandel die vorderasiatischen, klimatisch begünstigten Randgebirge (Taurus, nordsyrisches Hügelland, Zagros) zu Rückzugsgebieten weiter im Norden verdrängter Arten gemacht, und drittens ist das klimatisch reich differenzierte Gebiet an der Trockengrenze mit seiner Vielzahl klimatischer und edaphischer Besonderheiten geeignet, eine größere Anzahl regional eng begrenzter „ökologische Nischen“ für evolutionäre Sonderwege bereit zu halten, die auch nicht von einer aggressiv-dominanten dichten Leitvegetation beeinträchtigt werden. Zusammengefaßt also: wir finden hier bei relativ geringer pflanzlicher Individuenzahl ein Maximum an Artenvielfalt und damit beste Voraussetzungen für (in der Frühzeit) eher zufällige oder (in der späteren Zeit) planmäßige Herausbildung geeigneter, ertragreicher Nutzpflanzen.

3. Kurzfristige Klimaschwankungen, klimatische Grenzsituationen und lokal extreme biologische Lebensbedingungen verstärken den evolutionären Selektionsdruck auf die Pflanzenwelt und erhöhen damit die Geschwindigkeit der Artenentwicklung; ein Vorgang der die schon erläuterte Artenvielfalt noch erhöht und die Zuchtvoraussetzungen verbessert. Außerdem liefern diese natürlichen Bedingungen anschauliche Muster für die Auswirkungen von Lebensbedingungen auf das Pflanzenwachstum, die vom frühen Menschen, z.B. bei der »Erfindung« der Bewässerung, leicht imitiert und genutzt werden konnten.

Aber auch von der Seite der menschlichen Lebensbedingungen sind einige wichtige Gunstfaktoren zu nennen, die historisch wirksam geworden sind.

1. Die offenen Landschaften am Rande des späteren »fruchtbaren Halbmondes« (schon dieser Begriff zeigt, daß diese Region sehr lange noch als Gunstgebiet angesehen worden ist!) erhöhten die Mobilität der zunächst noch nicht seßhaften Gruppen, erhöhten die Bereitschaft, sich zu größeren Gruppen zusammenzuschließen. Nach der »ersten landwirtschaftlichen Revolution« konnte schon sehr früh ein erster Warenaustausch entstehen, der dann die »zweite Kulturrevolution« begleitete und prägte.

2. Die Lebenserwartung in diesen Räumen war höher als in den winterkalten mitteleuropäischen Sumpf- und Waldgebieten (Rodungstechniken waren damals ja noch ebensowenig bekannt wie Trockenlegungen von Sumpfländereien).

3. Bevölkerungswachstum führte dann zu dem Zwang, neue, ertragreichere Subsistenzformen zu finden und drängte zur Nutzung der oben genannten landwirtschaftlichen Gunstvoraussetzungen. So finden wir die ersten Spuren seßhafter Bevölkerung mit planmäßigem Pflanzenanbau an den Hängen der vorderasiatischen Randgebirge. Doch schon bald, wohl den Flüssen folgend, nutzen Menschen, vor über zehntausend Jahren, die Steppen und Halbwüsten am Fuße der Berge, indem sie die Bewässerungswirtschaft erfinden und Quellen und Flußwasser, nur wenig später auch selbst gegrabene Brunnen nutzen. Seitdem dreht sich die Lebensvorsorge der frühen Kulturen in erster Linie um das Wasser, seinen Gewinn, seine Speicherung und Nutzung, seine gerechte Verteilung (Grünert 1981)

4. Das ist die Voraussetzung dafür, daß sich, unter dem Zwang wachsender Bevölkerungszahlen und der steigenden Ansprüche an eine planmäßige Daseinsvorsorge, immer größere Menschengruppen zusammenschließen, um die Bewässerungssysteme zu verbessern, Kanäle und Stauanlagen zu bauen, Brunnen anzulegen und Instanzen zu schaffen, die die rechtmäßige Verteilung des knappen und kostbaren Wassers kontrollieren (Meder 1992). Dies ist sicher eine der wesentlichen Wurzeln, daß sich, nach historischen Maßstäben, schon so bald nach der Seßhaftwerdung des Menschen übergeordnete gesellschaftliche Organisationsformen, staatliche Institutionen, Königreiche und Priesterkönigtümer, Militär und hierarchische Verwaltungsformen entwickelten: die altorientalischen Reiche waren geboren, auf deren Kulturerrungenschaften auch unsere Kultur noch letztlich aufbaut. Wittfogel nennt dies, wir haben es in der Einleitung schon erwähnt, die „hydraulische Kultur“.

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Im Archäologischen Museum in Ankara, historisch interessant in einem sorgfältig restaurierten Bedesten, d.h. einem geschlossenen Goldbazar aus dem 17. Jahrhundert am Hang des Burgberges untergebracht – die typische Kuppeldachlandschaft, die türkische Bazare kennzeichnet und die auch im altosmanischen Moscheebau z.B. in Bursa angewandt worden ist – ist ein interessanter Blickfang auch von der Kale aus. Vor dem Museum liegt ein großer Park, in dem größere Fundstücke und Monumente gezeigt werden. Der Rundgang um den zentralen überkuppelten Hof des Museums birgt die chronologische geordnete Ausstellung der wichtigsten Fundorte in Anatolien von der Steinzeit und dem Chalkolithikum bis zur grischisch-römischen Antike, die hier jedoch nur am Rande gezeigt wird, soweit sie altorientalische Traditionen und Kulte aufgreift und weiterführt.

Schwerpunkte der Ausstellung die von einigen Autoren z.B. als „eine der großartigsten Sammlungen zur Frühgeschichte der Menschheit, die überhaupt existieren“ bezeichnet wird[11], sind zunächst die Funde aus Çatal Hüyük bei Konya, das lange Zeit als ›älteste Stadt der Welt‹ galt, bis vor wenigen Jahren bei Baumaßnahmen im Gebiet des Euphrat am Atatürk-Staudamm in Südostanatolien noch gut tausend Jahre ältere, bislang nicht näher einzuordnende quasi städtische Siedlungsreste gefunden wurden.

Große Ausstellungsbereiche widmen sich den Kulturen der Hatti und Hitti (Hethiter), die die ersten staatlichen Organisationsformen in Anatolien entwickelten und im Wechselspiel der Macht im alten Orient zwischen Babylon, Assur und Ägypten eine wichtige Rolle spielten, obwohl sie dann seit der Antike aus dem Blickfeld der Geschichtsschreibung gerieten und fast der Vergessenheit anheim fielen.

Großartig sind die Bronzeskulpturen der Hethiter mit Sonnenrädern und Darstellungen des Heiligen Hirsches. Die berühmteste, etwa 30 cm hohe, filigrane Darstellung ist zum Symbol der türkischen Fremdenverkehrswerbung geworden und steht als Großplastik von ca. 10 m Höhe auf einem zentralen Platz in Ankara, umgeben vom vielspurigen Autoverkehr. Auch das ist Türkei ...

Aus Boäazköy, der hethitischen Hauptstadt Hattuwa, finden sich hier die Funde ebenso wie aus der historisch interessanten Ausgrabung von Kültepe, der antiken Doppelstadt Kanew / Carum bei Kayseri, in der sich eine assyrische Handelskolonie vor den Mauern einer hethitischen Festungsstadt angesiedelt hatte, deren Ausgrabung einige neue Erkenntnisse über den altorientalischen Wirtschafts- und Kulturkontakt im Nahen Osten einbrachte.

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Schließlich das Symbol der modernen Türkei: das Atatürk-Mausoleum Anxt Kabir. Kemal Atatürk, 1923 Staatsgründer der Türkischen Republik und bis zum Tode am 10.11.1938 im Dolmabahçepalast in Istanbul – sein Sterbezimmer kann dort noch besichtigt werden – Staatspräsident der Türkei, wurde 1953 in das ihm zu Ehren von seinem Nachfolger und Kampfgefährten Ismet Inönü errichtete Mausoleum und Staatsdenkmal in der Stadt, die er 1923 zur Hauptstadt der Republik ausgerufen hatte, umgebettet.

Der monumentale Hallenbau mit Ehrentreppe und einem Ehrenhof, der auch für Staatsakte und militärische Ehrenbezeugungen genutzt wird – jeder Staatsbesucher der Türkei legt am Sarkophag Atatürks einen Kranz nieder – wird über eine mit steinernen ›neohethitischen‹ Löwenfiguren gesäumte Prozessionsstraße erreicht, deren grobe Pflasterung schon zu ›würdigem Schreiten‹ zwingt: Die Anlage entspricht dem autoritären Monumentalgeschmack der dreißiger Jahre und mutet heute eher antiquiert an. Gebaut wurde die Anlage nach Plänen des Architekten Emin Onat, der Schüler eines deutschen Architekturprofessors war. Bei allem Respekt vor den Leistungen des Staatsgründers, steht doch der Stil seiner Gedenkstätte demokratischem Empfinden recht fremd entgegen... Doch steht dem gegenüber die beinahe heitere Ausstellung der persönlichen Hinterlassenschaften Atatürk, Orden, Kämme, Toilettenartikel, Uniformen, Bilder und seine Autos... Und in der Wand als Inschrift sein wichtigster Ausspruch als General und Kriegsheld: „Wenn das Volk nicht in Lebensgefahr ist, ist Krieg ein Verbrechen.“

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Ankara war auch eine römische Stadt. Die Ausgrabungen der römischen Thermen – mehr durch Zufall vor einigen Jahrzehnten bei Ausschachtungsarbeiten für den Bau eines Bürohauses entdeckt, konnten wir aus Zeitgründen diesmal nicht besuchen.

Doch an zwei Stellen kamen wir noch kurz mit der römischen Antike in Berührung. Ganz in der Nähe des Hotels im Stadtviertel Uluw steht auf einem abgeschiedenen Platz zwischen imposanten Osmanischen Holzpalästen, Verwaltungsgebäuden der Jahrhundertwende, die im Stil dem Gebäude der Istanbul Lisesi in Istanbul ähneln, eine einsame steinerne Säule mit einem Storchennest. Die spiralförmigen Kannelierungen und der ornamentale Stil läßt die Archäologen vermuten, auch wenn keine Inschrift gefunden wurde, daß es sich um eine Julianssäule handelt.

Kaiser Julian Apostata, d.h.: der Abtrünnige, versuchte noch einmal nach Konstantin das Christentum als Staatsreligion abzuschaffen und die altrömischen Götterkulte wieder einzuführen. Fünf anatolische Städte folgten ihm darin recht bereitwillig, darunter Ankara und Pergamon. Zur Strafe wurden sie dann als die Verdammten Städte in der Apokalypse des Johannes in den kanonischen christlichen Bibeltext aufgenommen: die sogenannten Apokalyptischen Städte.

Noch zur Zeit des Imperators Augustus wurde in Ankara gegenüber der Kale auf dem Hügel, der jetzt das Stadtviertel Altindaä trägt, ein römischer Staatstempel errichtet, der dem vergöttlichten Augustus und der Staatsgöttin Roma geweiht wurde. Augustus ließ, wie in Tempeln im ganzen Imperium, auf einer Steintafel als Abschrift des römischen Originals einen Ehrenbericht über seine Taten als Staatsmann und Feldherr anbringen, die ›gestae‹. Die Tafel in Ankara ist besser als anderswo erhalten und wurde zu einer wichtigen historischen Quelle. Kirchengeschichtler interessiert hier besonders, daß es die einzige dokumentierte Quelle für die biblische Erzählung von der Volkszählung, dem census, ist, derer sich Augustus hier rühmt und die für die Weihnachtserzählung der Christenheit eine so große Rolle spielt.

Sonntag, 19. Mai

Über Boğazköy (Hattuşa, Ausgrabungen) nach Kappadokien Übernachtung im Hotel Gülşehir

Hattşua

„Ihr Götter, die ihr meine Herren seid, die ihr das Blut des Tudhaliyas rächen wollt:

die den Tudhaliyas töteten, die haben die Blutschuld gebüßt,

und auch das Land Hatti hat diese Blutschuld zugrunde gerichtet,

so hat auch das Land Hatti bereits gebüßt.

Weil sie jetzt auch über mich kam,

so will auch ich sie samt meiner Familie durch Ersatz und Sühne ableisten,

und den Göttern, die meine Herren sind, soll sich der Sinn wieder beruhigen.

Seid mir, ihr Götter, die ihr meine Herren seid, wieder wohlgesinnt!

Und vor euch will ich erscheinen.

Und weil ich zu euch bete, so erhöret mich. Weil ich nichts Böses getan habe

und von den damaligen, die fehlten und Böses taten, keiner mehr übrig ist,

weil sie längst tot sind,

weil über mich aber meines Vaters Schuld kam,

siehe, so will ich für das Land wegen der Pest euch, den Göttern,

die ihr meine Herren seid, Sühnegabe geben.

Aus dem Herzen die Pein verjagte mir, aus der Seele aber die Angst nehmet mir.“

Aus den »Pestgebeten« von König Mursilis II, ca. 1300 v.u.Z.

Durch dunkle Gänge schreitet, von der Fackel nur flackernd erhellt, einsam Priester und König zum Heiligtum. Rechts und links begleiten sie überlebensgroße steinerne Reliefs, gewaltig, drohend oder schützend. Die Mächtigen Quader der Mauern schirmen alle Außenwelt ab. Rituelle Waschungen begleiten den Weg der Betenden und Bittenden. Angst ist in ihren Seelen, Hoffnung auf die Gnade der Götter, des obersten Wettergottes, die Griechen nannten ihn Zeus. Das Allerheiligste liegt tief im Tempelkomplex verborgen, ohne Licht von außen, Götterfiguren, Tempel...

Die Riten der Hethiter sind uns heut nicht mehr im Einzelnen bekannt, doch zeigen die »Pestgebete« des Königs Mursilis II. noch etwas von der religiösen Ergriffenheit, der tief religiösen Verwurzelung des Lebens, das in dem mächtigen Tempelbezirk von Hattuwa seine materielle Ausprägung erfuhr.

Der steinerne Gang zum Allerheiligsten ist als Grundmauerwerk noch erhalten; wir betreten die steinernen Platten, auf denen vor bald 1500 Jahren schon Priester und Könige schritten. Doch den steinernen Bau, die Dunkelheit und Stille muß unsere innere Vorstellungskraft hinzutun, wenn  wir die letzten Schritte auf die noch heute im Grundriß erkennbare Doppelkammer des Allerheiligsten zu tun. Viele der steinernen Reliefs Sinn ausgegraben und vom Mauerwerk abgelöst worden. Sie sind im Archäologischen Museum in Ankara zu sehen.

Die Geschichte der Hethiter, die sich uns mit dem Besuch der Ausgrabungen ihrer Hauptstadt Hattuwa beim heutigen Dorf Boäazköy östlich von Ankara in einem Seitental des Kxzxl Irmak, des antiken Halys, in Ansätzen erschließt, ist gewiß rätselhaft. Das Volk der Hethiter gehört zur frühesten indogermanischen Einwanderungswelle, der auch die protodorische Einwanderung in Griechenland zugeordnet wird, der man die mykenische Herrenburgkultur zuschreibt, und die einige bezeichnende gesellschaftliche und kulturelle Übereinstimmungen zeigen, wie der Glaube an einen obersten »Wettergott«, die Verehrung einer Vielzahl regional differenzierter Naturgottheiten, die kriegerische Lebensform, die die Familie als oberstes Sozialordnungsprinzip ansieht und daher jeglichem übergeordneten Königtum, das sich in der Seßhaftigkeit entwickelt, clanähnliche Versammlungs- und Beschlußgremien gegenüberstellt, die die personale Macht einschränken und den Familienprimat sichern. Daher kommt auch eine »Vergöttlichung« des Königtums und des Königs im Gegensatz zu den altorientalischen Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens für die Hethiter nicht in Frage.

Während sich das hethitische Reich von 1700 bis 1200 v.u.Z. entwickelt, ausdehnt und als gleichberechtigter Machtfaktor neben Babylon, Assur und Ägypten steht, und sich hethitische Stadtstaaten noch rund fünfhundert Jahre länger halten können, bleibt seine kulturelle Integration und Prägekraft vergleichsweise gering. Zwar sprachen die Hethiter eine eigene indogermanische Sprache, die sie sowohl in assyrischer Keilschrift wie auch in einer selbst entwickelten Hieroglyphenschrift schrieben – die Entzifferung erst in unserem Jahrhundert gehört zu den aufregendsten wissenschaftsgeschichtlichen Kapiteln[12] –, doch blieb diese wohl auf die Oberschicht beschränkt. Im Bereich der hethitischen Herrschaft sind eine Vielzahl lokaler Sprachen in Inschriften nachgewiesen, selbst in der Hauptstadt Hattuwa sind Inschriften in weiteren sieben Sprachen gefunden worden.

Die Zahl der Einwander scheint also nicht allzu groß gewesen zu sein. Die einheimische Bevölkerung, die den altorientalischen Kulturkreisen zuzurechnen ist, hat teilweise Sprache und kulturelle Eigenheiten beibehalten. Sogar der Name des Reiches leitet sich von dem besiegten Vorgängerstaat, den Hatti ab; die Namen der hethitischen Könige und Götter sind kurioserweise selbst nicht hethitisch! Wie die einwandernden Hethiter sich selbst bezeichneten, ist nicht überliefert. In vielen Schriften wird die eigentlich unsinnige Bezeichnung für die Vorgänger der Hethiter als Hatti oder Chatten, für die Einwanderer als Hitti oder Hethiter beibehalten, mangels besserer Konventionen.

Einige historische Fragestellungen muten uns daher recht aktuell an. Wie findet die Integration von Einwanderungswellen statt, welche gesellschaftlichen Veränderungen und kulturelle Umschichtungen folgen auf Bevölkerungs- und Machtverschiebungen und welche Rolle spielt die Sprache – die gemeinsame Sprache? – für die kulturelle und politische Integration eines Volkes? Die Antike zeigt, gerade am Beispiel der Hethiter, eine Vielzahl von Völkerwanderungen, migrationsbedingter Überschichtungen und das Entstehen breiter kultureller und machtpolitischer Übergangszonen, die weder mit dem heutigen Begriff der Ethnie noch des Staates hinreichend eingeordnet und erklärt werden können.

Sehr deutlich macht gerade die Geschichte Anatoliens, daß es zwar seit altorientalischer Zeit sich entwickelnde, ausbreitende, erobernde und beherrschende Machtzentren gibt, daß Reiche und Imperien entstehen, die aber mangels hinreichener Definition ihrer Grenzen und Mangels innerer politischer, kultureller oder ethnischer Homogenität keinesfalls mit den heutigen Staaten oder gar Nationalstaaten gleichgesetzt werden dürfen. Erst im römischen Imperium finden sich Ansätze der machtpolitischen Verfestigung und Institutionalisierung, die an modernere Staatenbildungen gemahnen, doch zeigt gerade auch die Geschichte des römischen Reiches die Instabilität dieses Staatskonzeptes in einer Zeit, die noch nicht über die hinreichenden sozialen, ökonomischen und technischen Ressourcen eines modernen Staatswesens verfügte.

Das Konzept des homogenisierten Nationalstaates für ein abgeschlossenes Staatsvolk ethnischer und kultureller Einheit ist eine Herrschaftsideologie, die sich erst in der europäischen Neuzeit entwickelte und gegen die soziale und historische Realität der beherrschten Völker durchgesetzt und aufgezwungen wurde, auch mit Hilfe der Abstammungsmythologie, die später direkt in den Rassismus, den Nationalsozialismus und die Verbrechen der »ethnischen Säuberungen« von Auschwitz über Potsdam nach Jugoslawien führte!

 Gerade auch die heutige Türkei, die historisch-sozial viel eher mit dem überschichteten und differenzierten Hethiterreich der alten Vergangenheit als mit einem europäischen Nationalstaat zu vergleichen ist, ringt mit den Widersprüchen zwischen der Nationalstaatsideologie der Einheit und Homogenität und der fraktionierten sozialen und kulturellen Realität – und sucht erstere mit staatlicher Homogenisierungs- und Integrationspolitik durchzusetzen. Damit steht die Türkei in der Tradition der Nationalstaatenbildung Spaniens, Frankreichs bis hin zur USA[13].

Es erscheint durchaus sinnvoll, diese weitgespannten historischen Bögen zu ziehen, um den Blick zu schärfen für die sozialen Prozesse und Machtbalancen, die Geschichte bestimmen und ein wichtiger Teil der conditio humanae sind.

Doch schnell noch zurück nach Hattuwa! Nach der nachdenklich stimmenden Besichtigung der mächtigen Palast- und Tempelfundamente fuhren wir mit unserem Bus auf einer neu angelegten, mehrere Kilometer langen Asphaltstraße entlang der in Bruchstücken freigelegten und zu verfolgenden Stadtmauer, wobei uns die ungeahnten Ausmaße dieser über Jahrhunderte vergessenen und bis heute nur in kleinen Ansätzen erschlossenenen antiken Metropole erst recht deutlich wurden. Hattuwa war in Fläche und Einwohnerzahl in der Hauptstadtzeit deutlich größer als das antike Athen in seiner klassischen Blütezeit!

Besonders interessant ist dann die Besichtigung der recht gut erhaltenen mächtigen steinernen Stadttore, vor allem des Löwentores, wo mächtige steinerne, überlebensgroße Löwenfiguren das Tor bewachen. Der Plastikstil wie die Faktur des Mauerwerk lassen in  ihrer Massivität an das Tor von Mykene erinnern. Daß dies keine zufällige Koinzidenz ist, haben wir in unseren historischen Anmerkungen zur Geschichte der Hethiter schon angedeutet.

So können wir – beeindruckt und von der weiten Ruhe, die über den Ausgrabungen liegt, die noch nicht im Brennpunkt des touristischen Interesses stehen, selbst in eine Stimmung konzentrierter und doch entspannter Kontemplation versetzt – nur noch einmal die Besichtigung von Hattuwa anempfehlen. Für unsere Reise, bei der wir diesen Ort erstmalig besucht hatten, gehörte Hattuwa zu den Höhepunkten.

Montag, 20. Mai

Rundfahrt durch Kappadokien: Unterirdische Stadt Özkonak, Avanos, Zelve, Göreme, Uçhisar, Gülşehir

Noch am Abend nach der Besichtigung von Hatuşa sind wir nach Kappadokien weiter gefahren, um in Gülwehir, der »Rosenstadt« am Rande des touristisch erschlossenen Tuffgebietes Kappadokiens, in einem sehr angenehmen Hotel »Gülşehir« unterzukommen – zu sehr günstigen Preisen. Kappadokia, wie die Provinz um das Vulkanmassiv des Erciyes Dağı, den „kappadokischen Olymp“, schon in klassisch-hellenistischer Zeit hieß, ist zunächst einmal durch seine überwältigende Naturlandschaft, in der sich tausende und abertausende von Tuffkegeln, »Zuckerhüten«, aus den vulkanischen Ablagerungen im Laufe von millionen Jahren herauspräpariert haben, aufregend sehenswert. Aber auch historisch-kulturgeschichtlich hat diese zentralanatolische Provinz viel zu bieten, da sie sich seit der Bronzezeit immer wieder als Siedlungs-, Rückzugs- und Fluchtraum z.B. für religiös oder politisch verfolgte Gruppen anbot, die dann ihre Behausungen, Klöster, Kirchen oder Moscheen in den weichen Tuff hereingruben, entweder in die Tuffkegel selbst, die teilweise durchlöchert sind wie ein schweizer Käse, teilweise aber auch in oft mehreren Etagen in den Tuffuntergrund unter bestehenden Siedlungen: die »unterirdischen Städte«.

Die Besichtigung dieser Sehenswürdigkeiten gehört bei allen unseren Türkeireisen zum Mindestprogramm; die kulturgeschichtlichen Einzelheiten dieses Rückzugsgebietes orthodoxer Mönche und Eremiten in byzantinischer Zeit, oft Anhänger heterodoxer, verfolgter Richtungen, sind in jedem Reiseführer nachzulesen. Aber schon die Naturlandschaft ist ein befremdlicher, unvergeßlicher Eindruck. Überragt von den Vulkankegeln des Hassan Dağ im Westen und des Erciyes Dağı im Osten finden wir hier ein in zehntausende einzelner Tuffkegel aufgelöstes vulkanisches Ablagerungsfeld, auf dem sich, in prärezenter Zeit, zunächst meterhohe Staubschichten, in den Tallagen bis zu vierzig Meter hoch!, ähnlich der Verschüttungen von Pompei, abgelagert haben. diese verfestigten sich dann zu weichen Tuffgesteinen, die als letztes von einer nicht allzu mächtigen Lavaschicht als dünnflüssigem Deckenerguß überströmt wurden. Bei der Abkühlung zerbarst die Lavadecke in eine Unzahl einzelner, polygoner Blöcke und Schollen, zwischen denen Wasser eindringen konnte und so die Erosion des weichen Tuffs begann. Schnell tieften sich Erosionsrinnen und Schluchten bis zum Grunde der Tuffschicht ein, die ihren Abfluß z.B. nach Westen in den tiefer gelegenen Tuz Gölü fanden. Nur dort, wo der Tuff durch einen „Hut“ aus fester Lava geschützt war, blieb ein zuckerhutförmiger, bis zu vierzig Meter hoher Kegel stehen.

Die in den Tuff gefrästen Taleinschnitte sind zwar schwer zugänglich, bilden aber fruchtbare vulkanische Böden, die schon in vorgeschichtlicher Zeit und dann bis heute ununterbrochen vom Menschen zur Anlage von kleinräumigen bewässerten Feldern und Obst- und Gemüsegärten genutzt wurden. So ist es zu erklären, daß sich in dieser unzugänglichen „Mondlandschaft“ heute eine ganze Anzahl prosperierender Dörfer und Siedlungen finden, deren Hauptorte Göreme, Ürgüp, Gülşehir und Nevşehir sind. Im Tal von Göreme besichtigen wir die zentrale Gruppe der christlichen Klosterkirchen, die durch ihre erstaunlich gut erhaltenen Wandmalereien im byzantinischen Stil Weltruf erlangt haben.

Kurios ist es zu beobachten, wie die Mönche, die in langjähriger Handarbeit die Höhlen in den Tuff getrieben haben, dabei byzantinische Architekturelemente in ihren Kirchenräumen imitierten, wie Säulen und Kapitelle, Architrave und Deckenbalken, ohne statisch-funktionale Zusammenhänge, die hier im Tuff ohnehin überflüssig waren, zu berücksichtigen, so daß z.B. Deckenbalken neben den „Scheinsäulen“ in der Felswand verschwinden und den Eindruck der Instabilität erzeugen.

In Zelve besichtigen wir das in drei Täler aufgeteilte Höhlengebiet, das wohl die älteste Besiedlungsspur Kappadokiens anzeigt und deren Höhlenwohnungen auf die Bronzezeit bzw. das Chalkolithikum datiert werden, eventuell aber auch schon in der Jungsteinzeit (Neolithikum) besiedelt war. Die Hitze des Mittags hinderte nicht die »Entdeckungsfahrten« durch das Höhlenlabyrinth, machte anschließend kalte Getränke, Eis und einen kleinen Imbiß unter schattenspendenden Bäumen aber umso angenehmer.

Noch ein letzter Höhepunkt erwartete uns am Rande von Gülşehir an diesem Tage, als wir auf Empfehlung des Hoteliers des »Hotel Gülwehir« eine neu entdeckte Höhlenkirche aus byzantinischer Zeit aufsuchten, die in den gängigen Reiseführern noch gar nicht vermerkt ist und die heute noch nicht vollständig freigelegt und restauriert worden ist. Umso hilfreicher und kontaktfreudiger war der Museumswärter, der uns noch Abends den Zugang ermöglichte und Einzelheiten über die Ausgrabungen zu berichten wußte.

Abends saßen wir dann im Foyer des Hotels, tranken die üblichen Getränke vom Tee bis zum Rakx und unterhielten uns mit dem Hotelbesitzer und einigen seiner jüngeren Angestellten, was wieder unser Bild von der aktuellen Situation in der Türkei abrunden konnte.

Dienstag, 21. Mai

Weiterfahrt nach Konya über Aksaray und Sultanhanı (Kervanseray); Übernachtung im Hotel Tur

Am nächsten Tag – eigentlich viel zu früh, nachdem wir der Faszination Kappadokiens erlegen waren – fuhren wir dann weiter in Richtung Konya. In Aksaray – dem »weißen Schloß«, wie die Übersetzung des Ortsnamens lautet, am Rande der Ebene des großen Salzsees, des Tuz Gölü – machten wir eine kleine Verpflegungs- und Einkaufsrast und konnten dabei eine typische zentralanatolische ländliche Kleinstadt, fernab vom Getriebe des Tourismus erleben. Erstaunlich für unser oft nicht allzu reflektiertes Türkeibild ist die hier zu beobachtende Tatsache eines überaus schnellen und städtebaulich durchgreifenden Modernisierungs- und Wachstumsprozesses. Dominant ist im Zentrum vor allem die Ausbreitung von modernen Büros, privatwirtschaftlichen Dienstleistungsfirmen, Filialen der Banken und Versicherungen und des Handels. Gegenüber stehen sich dabei scheinbar unterkapitalisierte kleine mittelständische Unternehmen – deren Stil ja auch von den privaten Existenzgründungen von in Deutschland lebenden Türken bekannt ist – und die Filialen der Großkonzerne und internationaler Firmen. Diese mit Händen zu greifende sozioökonomische Modernisierung und die Herausbildung eines privatwirtschaftlich orientierten neuen Mittelstandes verändert die türkische Gesellschaft im letzten Jahrzehnt tiefgreifender als je zuvor und setzt neue Maßstäbe und Bedingungen für die staatliche Politik, die zumindest eine radikale Modernisierung des Staatskonzeptes und des Kemalismus einfordern!

In ganz anderem thematischen Kontext steht uns anschließend noch ein interessanter Besichtigungsort bevor. Östlich vom Tuz Gölü führt die alte Handelsstraße von der ägäischen Mittelmeerküste, von Izmir, dem alten Smyrna, entlang des Flußsystems des Menderes, des antiken Mäanders, über Konya, wo das anatolische Hochland erreicht ist, weiter nach Osten, nach Kappadokien, Syrien, Mesopotamien oder Iran. Diese schon in Hethiter- und Perserzeit genutzte und herrschaftlich geschütze Heeres- und Handelsstraße gewann mit der türkischen Herrschaft über Kleinasien neue Bedeutung. In der Zeit der Seldjuken, im 12. bis 14. Jahrhundert, wurde zeitweilig Konya zur Hauptstadt eines mächtigen türkischen Reiches und zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum. Auch benachbarte Städte wie Karaman und Kayseri wurden seldjukische Herrschaftsorte, so daß die gesamte südanatolische Provinz eine Blütezeit erlebte. Es galt, die alten Verkehrswege zu sichern.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begannen seldjukische Sultane, in regelmäßigen Abständen von etwa 30 km, der Tagesreise einer Handelskarawane, Kervansarayen zu errichten, viele nach einem standardisierten, regelmäßigen und äußerst zweckmäßigen Muster. Gleichzeitig waren diese „Häuser des Sultans“, Sultanhanı, genannten Gebäude auch Etappen für das Militär, das die Besatzung und Bewachung stellte. Als herrschaftliche „fromme Stiftungen“, wie sie im islamischen Bereich häufig sind und als fromme Handlungen auf den edlen Stifter zurückweisen, waren sie für alle Reisenden nutzbar und boten Brunnen und Gebetsraum, gedeckte Lager- und Aufenthaltsräume und einen großen Hof ebenso wie eine große überdeckte „Winterhalle“ für die ruhenden Tiere. Die Bauten waren äußerst repräsentativ; die Portalanlagen sind Meisterwerke seldjukischer Steinschneidearbeiten, wie wir sie an den seldjukischen Medresen in Konya wiederfinden werden. Der an den Längsseiten von den Bogenportalen zu den Lager- und Aufenthaltsräumen gesäumte Hof, an dessen hinterer Begrenzung die prächtige, fünfschiffige „Winterhalle“ anschließt und in dessen Mitte zweigeschossig Brunnen und darüber Gebetsraum zu finden sind, besticht durch seine ausgewogene Proportionierung und feine bautechnische Faktur.

Zwischen Nevşehir und Aksaray konnten wir zwei kleinere dieser Sultanhanı in verschiedenem Erhaltungszustand besichtigen. Das Kervansaray Ağzıkarahan bei Aksaray ist in den letzten Jahren restauriert worden und bieten einen guten Eindruck von der Konzeption eines Sultanhanı. Doch es wartet noch ein prächtigeres und größeres auf uns, das dem Dorf, das es umgibt, seinen Namen gegeben hat: Sultanhanı.

Die Winterhalle in den Kervansarayen selbst erinnert eher an sakrale Gebäude, ja an eine fünfschiffige Kirche mit regelmäßigen Säulenreihen, einem apsisartigen hinteren Abschluß und, in der Mitte über dem Mittelschiff, einem als Laterne dienenden Kuppelbau, der außen mit dem typischen, steinernen spitzen Zeltdach überworfen ist, wie es in der türkischen und armenischen Kunst häufig anzutreffen ist. Auch in Konya ist das Grabmal des Celaleddin Rûmî, seine Türbe, mit einem dunkelgrünen Turm mit Zeltdach bekrönt, das im Innenraum eine Kuppelkonstruktion enthält.

Die erstaunliche Baukonzeption dieser „Winterhalle“ in Sultanhanı, die wir an dem am besten erhaltenen und restaurierten Bau dieser Art auf unserem Weg nach Konya bewundern können, führte französische Architekturhistoriker, die fast gleich proportionierte Kirchenräume bei Zisterzienserklöstern in Südfrankreich kannten, zu der Entdeckung, daß beide Baugruppen, zeitlich fast parallel, von reisenden armenischen Bauhütten errichtet worden sind, die trotz verschiedener Auftraggeber und Funktionen auf traditionelle armenische Bauformen zurückgriffen.

Sultanhanı bei Aksaray, wie der von uns besuchte Bau bezeichnet wird, ist umgeben nur von ein paar Häusern des heutigen Dorfes Sultanhanı, das erst in den letzten Jahrzehnten sein Gesicht modernisiert, vielleicht unter dem Einfluß der wachsenden Zahl interessierter und begeisterter Besucher, aber auch, indem die Chance genutzt wird, über die traditionelle Landwirtschaft hinaus Gewerbe wie z.B. Textilherstellung – aus selbst erzeugter Wolle – zu entwickeln, ein Zwang zur ökonomischen Entwicklung, der sich auch die ländlichen Gebiete der Türkei heute scher entziehen können. Sultanhanı macht eine erstaunliche bauliche und ökonomische Entwicklung durch und orientiert sich immer stärker am Tourismus, seit ein Besuch für Busreisende sowohl von Konya aus wie aus Kappadokien zu Regelfall geworden ist. Die Straßen sind nun asphaltiert, die Besichtigung des Kervansaray kostet – durchaus berechtigtermaßen – Eintritt, ein befriedeter großer Platz vor dem Portal sichert einen freien Blick auf die mächtigen Mauern und das mit prunkvollen seldjukischen Steinschnittornamenten geschmückte Liwan-Portal. Zwei neu gebaute Läden und Restaurants wetteifern um die Gunst der Besucher, anstelle des einen, in einer Hütte weitab vom Saray untergebrachten »Tourist Office« früherer Jahre. Doch das eine dieser Restaurants gehört weiterhin der Familie Öztürk und weckt damit alte Erinnerungen.

Lange Zeit, vor der offiziellen Restaurierung des Kervansaray, war Sultanhanı ein gehüteter Geheimtip besonders interessierter Türkeireisender. Schon 1974 konnte ich diesen Ort zum ersten Male besuchen und die Bekanntschaft des Ortsvorstehers, Herrn Öztürk, machen. Er war – und ist zusammen mit seinen im Laufe der Jahre herangewachsenen Söhnen – der gute Geist von Sultanhanı, Freund und aufmerksamer Betreuer der Besucher und Motor der Restaurierung und Instandsetzung des Kervansaray ehe die staatlichen Museumsbehörden die Verwaltung und Instandhaltung übernommen haben. Beim ersten Male war der Bau noch nicht besonders geschützt, noch kein nationales türkisches Monument; doch seine Anmut und seinen Reiz entfaltete er trotz altersbedingter Schäden. Heute sind die meisten Schadstellen repariert, am Eingang werden die amtlichen Eintrittskarten erkauft.

Früher wurden die Besucher von einem Angehörigen der Familie Öztürk begrüßt. Das letzte Mal hatte ich 1987 während unserer »Orientfahrt«[14] Kontakt zur Familie Öztürk und erinnere kurz unsere damalige Begegnung: Eine – unentgeltliche – Tasse Tee im „tourist office“, einer ganz inoffiziellen Einrichtung von Herrn Öztürk, die vorübergehend, beim Ausbau des Tourismus, quasi offiziösen Charakter angenommen hatte, eine Eintragung im Besucherbuch – auf Nachfrage finde ich, begeistert bei der Suche von Herrn Öztürk jr. unterstützt, meine Eintragungen von 1974 und 1985 – damals hatte ich fest versprochen, nicht wieder mit meinem nächsten Besuch elf Jahre zu arten. Ich habe mein Versprechen gehalten und ergänze die Eintragung wiederum durch einige freundliche und dankbare Zeilen. Schließlich Gespräche über Sultanhanı und die Türkei, über die Besucher – deren prominentester vielleicht Richard von Weizsäcker während seiner Zeit als Regierender Bürgermeister von Berlin war – und über uns selbst, unsere Ziele und Eindrücke. Uns wird angeboten, hier in Sultanhanx zu übernachten, denn der Abend naht; doch Eile und unser morgiges Besichtigungsprogramm in Konya lassen die Mehrzahl unserer Reiseteilnehmer diesen Vorschlag nicht als sinnvoll erscheinen. Mit einigem Bedauern und in der Hoffnung auf einen baldigen erneuten Besuch verabschieden wir uns 1987 von der Familie Öztürk. Ich dachte nicht, daß es wiederum neun Jahre bis zu einem erneuten Treffen dauern würde, denn bei den kurzen Stippvisiten mit unseren Reisegruppen in der Zwischenzeit blieb wenig Zeit und Sultanhanx war eine einzige Baustelle, die kaum zum Verweilen reizte. Das alte »Tourist Office« war hinter Bauzäunen verschwunden.

Doch diesmal kam es anders, als ich auf dem Platz von einem jungen Mann auf dem Fahrrad angesprochen wurde, der mich wieder erkannte. Auf Rücksprache ergab es sich, daß es einer der Öztürk-Söhne war, die ich vor Jahren kennen gelernt hatte.

Ich fragte nach dem Vater und erhielt die Mitteilung, daß er sehr alt und krank geworden wäre. Doch nachdem er erfahren hatte, daß ich wieder in Sultanhanı war, ließ er es sich nicht nehmen, uns auf der Dachterrasse seines Restaurants, das nun das alte »Tourist Office« abgelöst hatte und von seinen Söhnen bewirtschaftet wurde, zu einem Glas Tee zu begrüßen und über altze Zeiten zu plaudern. So verzögerte sich unsere Abfahrt nach Konya doch noch um ein Stündchen, das aber von unseren Schülerinnen und Schülern zum Essen, Trinken und zum »shopping« im Laden der Öztürks genutzt werden konnte.

Mittwoch, 22. Mai

Konya, Stadtrundgang: Mêvlana (Tekke der »Tanzenden Derwische« und Grab von Cellaleddin Rûmî); Altstadt, Bazar; Burgberg mit Alaeddin Kaykobad Camii; Ince Minaresi Medrese; Karatay Medrese

Von dort machte ich 24 Meilen gegen Norden zum Westen, und kam um Mittag nach Koni (Iconium). Die Berge von Bedlerin waren nun links gegen 30 Meilen entfernt, aber eine niedrige Bergkette läuft immer parallel mit dem Wege, er wird immer größer, je näher man der Stadt kommt. Die Ebene war in der Ferne mit Yourooks bedeckt, die Pferdezucht treiben, deren Zelte auf kegelförmigen Hügeln stehen, die mit wenigem Grün bedeckt sind, da die übrige Ebene äußerst dürre aussieht. Auf der zwölften Meile fingen die Minarets und die Gärten von Koni an sich allmählig zu zeigen und schienen sich stufenweise zu erheben. Als wir in die Stadt kamen, zogen wir durch eine gar elende Vorstadt, die eine Meile lang seyn mag. Wir gingen zum Pallast des Mutesellim, einem großen Gebäude, das aber unregelmäßig und fast ganz verfallen ist; es liegt am östlichen Ende der Stadt. Er schickte uns zum Griechischen Despoten; der, nach einigen Einwendungen, uns ein ziemlich reines Zimmer gab, in einem unbewohnten Hause, das bei den Ruinen von dem Pallaste des Sultans von Iconium lag, auf einer Anhöhe, wo man eine sehr schöne Aussicht auf die Stadt hat.

Die Zahl der Moscheen in der Stadt, ihre malerische Lage und die übrigen öffentlichen Gebäude geben ihr ein imposantes Ansehen. Diese Gebäude verfallen aber, und die Häuser der Einwohner sind theils klein, aus an der Sonne getrockneten Backsteinen erbauet, theils elend, mit Stroh gedeckte Hütten. Nach Osten und Süden erstreckt sich die Stadt weit in eine Ebene, über die Mauern hinaus, die ungefähr zwei Meilen im Umfang haben; im Norden ist die Bergkette von Fondhal-Baba (Lycadnum coller), gleich an der Stadt, nicht sehr hoch; im Westen liegen Hügel zwischen denen Gärten und schöne Wiesen sind. Ein beträchtlicher Theil von dem Wasser eines kleinen Flusses, der auf der nordwestlichen Seite der Stadt gegen Nordost fließt, wird zum Bewässern der Gärten und Felder gebraucht; das Uebrige bildet einen kleinen See und Sumpf, fünf oder sechs Meilen nördlich von der Stadt. Auf jeder Seite erheben sich schneebedeckte Berge, nur nicht gegen Osten, wo eine unabsehliche Ebene sich ausdehnt. Die Moscheen sind die Hauptzierde der Stadt, sie umfaßt zwölf große und gegen hundert kleine. Die des Sultan Selim und des Cheick-lbrahim, von denen die erste nach dem Muster der heil. Sophie in Konstantinopel gebauet ist, sind große, prächtige Gebäude, die man wegen ihrer Schönheit im Innern bewundert, es ward mir aber nicht erlaubt, sie zu besehen. Madressar oder Klöster giebt es auch viele, ein Theil ist aber verlassen und verfällt. Das einzige bewohnte ist ein großes, neues Gebäude Capan-Madressee genannt. Die Thore von einigen sind ausgezeichnet schön; ganz von Marmor, mit Bildhauerarbeiten bedeckt; das Gesimse, im Maurischen Styl, übertrifft an Feinheit Alles, was ich bisher gesehen.

Die Stadtmauern sollen von den Seldschukischen Sultanen aufgeführt seyn; mir schien es, als ob man Ruinen alter Gebäude dazu benutzt habe; zerbrochene Säulen, Kapitäler, Sokkel, Basreliefs u. dgl. sind darin verbraucht. Die Mauer hat acht viereckige Thore, und sie ist, so wie die meisten Thürme, mit Arabischen Inschriften geziert. Die große Zahl ist trefflich ausgeführt, und die Mauer selbst ist besser gebauet, als sonst bei den Türkischen Städten gewöhnlich ist; sie hat an einigen Stellen Schießscharten, die aus Piedestalen von Säulen bestehen, die aufrecht zwei bis drei Zoll von einander hingestellt sind. Auf einigen fand ich Griechische Buchstaben, aber die Höhe verhinderte sie zu lesen. Ein großer Theil des Giebels an dem Thore von Ladik, in der Nordseite der Mauer, enthält eine Türkische Inschrift; unmittelbar darunter ist in der Mauer ein herrliches Basrelief, und eine kolossale Statue des Herkules.

Über dem Thore von Aiash sah ich ein Basrelief von Marmor, einen liegenden Löwen vorstellend, und in einer nahen Gasse einen marmornen Löwen, dieser steht am Eingang zu einer langen Reihe unterirdischer, gewölbter Zimmer, die wahrscheinlich zu einem alten Gebäude gehörten.

Mitten in der Stadt ist eine kleine Anhöhe, die ungefähr Dreiviertel einer Meile im Umfang hat, vermuthlich war sie ehemals befestigt, und diente zur Burg von lkonium. Oben findet man den gewölbten Grund eines Gebäudes und die Einwohner erzählen, dieß sey das Schloß der Seldschukischen Sultane gewesen.

Die Anzahl der Einwohner soll gegen 30000 Seelen betragen, die meisten sind Türken, Christen giebt es wenige. Die Stadt enthält vier öffentliche Bäder, zwei Kirchen, sieben Khane zur Bequemlichkeit der Kaufleute, aber der Handel ist unbedeutend und das meiste Land umher liegt brach. lkonium war ehemals die Hauptstadt einer großen Statthalterschaft und der Sitz eines mächtigen Pascha, der eine bedeutende Kriegsmacht hatte, um Ruhe und öffentliche Sicherheit zu erhalten und sein Gebiet zu vertheidigen. Jetzt ist das Alles verändert, und das Auge sieht rings umher nichts als Zerstörung und Trümmern.

John Macdonald Kinneir 1813/14[15]

Seit dem ersten Besuch 1985 haben wir hier in Konya immer wieder im Hotel Tur[16], einem schlichten, aber sauberen und neuen und äußerst preisgünstigen Hotel gleich neben der „Tekke“ übernachtet. Doch von dieser später mehr! Immer wieder hatten wir mehrere Tage Zeit, diese interessante Stadt und Zentrum einer mystischen islamischen Kultur zu erkunden und die Gelegenheit, interessante Bekanntschaften zu machen. Besonders anregend war gleich beim ersten Besuch der Kontakt zu einem Oberschüler, Mevlüt Bedii, Sohn – und Partner – eines Teppichhändlers und Verwandter des Hotelbesitzers, der diesen Kontakt ermittelte. Mevlüt hatte Kontakt zu den Anhängern einer mystischen Richtung des Islam, den sogenannten „Tanzenden Derwischen“, die zwar offiziell als praktizierender Orden in der laizistischen Türkei seit Atatürk verboten sind, in ihrem Ursprungsort Konya jedoch nie ihre Anhänger verloren hatten und heute durchaus wieder öffentlich auftreten – vom Tourismusbüro als „Folklore“ umdefiniert und damit legalisiert. Mevlüt begleitete uns im Herbst 1985 durch die „Tekke“, den „Konvent“ des Derwischordens, wo die Grabmäler der Ordensoberen und unter einer reichgeschmückten Kuppel, von außen gekennzeichnet durch eine grüne, mit spitzem Zeltdach ersehene Türbe, die die Kuppeln der Tekke überragt. Hier ist der Kenotaph des Ordensgründers Djellal-ed-Din Rûmî zu finden.

Die Tekke ist der Beginn unseres Rundganges durch die ehemalige Seldjukenhauptstadt, die heute ein konservatives religiöses Zentrum der Türkei und Sitz einer berühmten theologischen Hochschule ist. Die Seldjuken, mit regionalen Reichen und Fürstentümern in Iran und Anatolien, gründeten ein politisch mächtiges, wenn auch wechselnden Großmächten – Byzanz, Kalifat von Baghdad, mongolische Il-Khane – tributpflichtiges Staatswesen in Konya, Karaman und Kayseri. In der Zeit des mächtigsten der Seldjukensultane, Ala-ed-Din Khaikobad (1220-1237), gelangte das Seldjukenreich von „Rum“ (= „Rom“, Byzanz; in Abgrenzung zu den innerasiatischen türkischen Reichen wurden die anatolischen Gebiete so benannt) zu einer kulturellen und religiösen Blüte. Die z.Zt. unter der Obhut der UNESCO als „Erbe der Menschheit“ restaurierte zentrale Ala-ed-Din Moschee, wurde unter Sultan Khaikobad errichtet. Sie liegt wie eine Zitadelle auf einem allseits von einer Ringstraße umgebenen teils natürlichen, teils seit vorgeschichtlicher Zeit durch menschliche Bauten überhöhten Hügel („tepe“). Zu unserer Freude war nun, 1996, die Restauration abgeschlossen und wir konnten erstmalig diese große Hallenmoschee und die in einer Türbe im Hof liegenden Sultansgräber besichtigen.

Zur gleichen Zeit als diese Moschee erbaut wurde, kam auch aus Merw (im heutigen Afghanistan) zusammen mit seinem Vater der persische Philosoph und Dichter Djellal-ed-Din Rûmî (der „Römer“, wie er nach seiner neuen Heimat genannt wurde, 1207-1273) an den Hof von Konya. Hier gründete er den mystischen Orden der Mêvlêvî, die in mystischer Versenkung, ritualisierter Rezitation und von ekstatischen Tänzen begleiteter Musik einen unmittelbaren Zugang zum Göttlichen, zu geistigen Erfahrungen und Erkenntnissen suchten. Rûmî war ein Dichter, dessen Hauptwerk, das Masnavî, über die religiösen und sprachlichen Grenzen hinweg zur Weltliteratur gehört. Es ist gleichermaßen Quelle der Inspiration, moralischer Wegweiser und Anweisung für die mystischen Übungen der Tanzenden Derwische. 1985 erläuterte uns Mevlüt die Legenden des „Großen Buches“, des Masnavî, über den Zusammenhang von Musikhören und Versenkung. Wunderschöne Handschriften des Masnavî finden sich in den Ausstellungsräumen der Tekke, die, in der heutigen Form im 16. Jahrhundert errichtet, lange Zentrum des Ordens, nach dem erbot durch die türkische Regierung aber weltliches Museum war.

Heute ist dieser ruhige und durch seine wertvollen Ausstellungsstücke, unter anderem auch wertvoller alter Musikinstrumente wie der Rohrflöte Ney, hochinteressante Gebäudekomplex zwar immer noch staatliches Museum, aber gleichzeitig auch und verstärkt wieder Sammlungsort für das Gebet, für das Gedenken an den im Volksglauben als heilig bezeichneten Mêvlânâ Rûmî und für die Treffen gleichgesinnter Anhänger des Mevlevî-Ordens.

Im folgenden Kapitel über die Musik der Mystiker wird der ehemalige Kollege H. A. Gütte, selbst bekannter Pianist und Musiker, noch einige hochinteressante Einzelheiten über die religiöse Grundlegung der Musik, wie wir sie hier in der Tekke des Mêvlânâ hören konnten, mitteilen.

Unseren Rundgang setzten wir im Stadtzentrum bei zwei Gebäuden fort, die anders als die Tekke selbst, Meisterwerke seldjukischer Kunst sind. Die Medrese (Koranschule) Ince Menare („mit dem hohen Minarett“, welches durch Blitzschlag Ende des letzten Jahrhunderts bis auf den Sockelschaft verkürzt wurde) zeichnet sich durch ein riesiges in Stein geschnittenes, in fast barockem ornamentalen Überschwang mit Flechtbändern, Bandverschlingungen und arabischen Schriftbändern verziertes Liwan-Portal aus. Auch diesrer Bau gehört zu dem von der UNESCO betreuten und renovierten »Welterbe der Menschheitskultur«. Der Innenraum unter einer großen mit seldjukischem Ziegelornament ausgekleideten Kuppel beherbergt heute ein Museum seldjukischer Steinschneidearbeiten und ornamental verzierter Plastiken.

In die Karatay-Medrese finden wir unter zwei hohen, schlichten Kuppeln, über einem Holzgerüst mit Metallplatten verkleidet, innen eine prächtige, formal überraschende Kuppelauskleidung. Die Hauptkuppel bietet das Musterbeispiel für die sogenannten „Türkischen Dreiecke“, eine ganz spezielle, vor allem in der Seldjukenzeit verwendete Form des Übergangs vom rechtwinkligen, in seiner Gesamtgestalt kubischen Innenraum zur aufgesetzten Kuppel mit dem exakten Durchmesser der Seitenlänge des Innenraumes. Anstelle von Bogen- oder Schalottenkonstruktionen, die die Raumecken überspannen und die Kuppel tragen, tritt ein unter der Kuppel eingesetztes, fast schon den Bogen der unteren Kuppelbegrenzung faktisch nachzeichnendes Polygon, von dessen Seiten jeweils, völlig plan, langgestreckte Dreiecke mit der unteren Spitze zu einem gemeinsamen Punkt in jeweils einer der Ecken des Raumes in etwa dreiviertel der Raumhöhe geführt werden. Die Dreiecke bilden also vier gleichförmige Fächer, die von den Ecken nach oben zur Kuppel streben und den polygonen Grundriß der Kuppelkonstruktion tragen. Dazwischen bleiben oben mit einem flachen Dreieck endende Wandflächen offen, in deren einer sich ein Bogen zu einem weiteren Nebenraum öffnet. Die „Türkischen Dreiecke“ sind ornamental durchgestaltet, in hellblauer Farbe mit dunkelblauen und türkisen Mustern angelegt, so daß der ganze Raum den Charakter eines kühlen, eher abeisenden „Kuppel-Zeltes“ (wenn so etwas vorstellbar erscheint) annimmt.

Der Gründer dieser Medrese, Karatay, ein orthodoxer Theologe, der sich nicht der Mystik des Mevlevî-Ordens angeschlossen hatte, liegt hier in einem Nebenraum begraben. In der frühen Neuzeit hatte die Karatay-Medrese einen guten Ruf auch als Stätte naturwissenschaftlicher und astronomischer Gelehrsamkeit, womit ein anderer wichtiger Zug der islamischen Kultur, dem wir bislang noch nicht in diesem Maße auf unserer Reise begegnet sind, ins Bewußtsein gerückt wird. Liegen doch viele Wurzeln unserer eigenen naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation in der arabisch-islamischen Kultur und Geschichte begründet.[17] Diese Bauwerke sind alleine schon eine Reise Wert!

„Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“[18]

»Die tanzenden Derwische in Konya. Derwische dürfen nicht mehr tanzen: offiziell darf es sie gar nicht mehr geben, denn die Orden wurden 1925 verboten, ihre Konvente geschlossen. Ihr geheimbundgleicher politischer Einfluß sollte der Republik nicht zum Verhängniswerden. Einmal im Jahr dürfen sie aber noch tanzen. Denn die geistige Bedeutung, die der Ordensgründer Celal ed-Din Rumis erlangte, ist auf der ganzen Welt unumstritten. Im Jahre 1207 im zentralasiatischen Balh geboren, lebte er seit 1228 in Konya. Hier sammelte er Schüler um sich, hier schrieb er auf Persisch seine Werke, propagierte die Einheit allen Seins in Gott. Gott zu erreichen, so lehrte er, sei dem Menschen auf dem Wege der Liebe möglich. Mit diesen Thesen hatte Mevlâna, wie er genannt wurde, nicht nur unter den Muslimen Zulauf; selbst viele Christen wurden seine Anhänger, über die Mystik auch Anhänger des Islam. Rumis’ Sohn, Sultan Veled, organisierte dann nach dem Tod seines Vaters den Orden der Mevlevis, der während der ganzen Dauer des Osmanischen Reiches Einfluß auf die Gebildeten, aber auch auf das Heer und damit trotz vergleichsweise kleiner Mitgliederzahl große Bedeutung haben sollte. Neben der Zentrale, die sich in Konya um das Grab Mevlânas und seiner engsten Schüler bildete, gründeten Mitglieder bald überall im Osmanenreich Mevlevihanes, Derwischkonvente. Erleichtert wurde die Ausbreitung dieser Orden schon dadurch, daß man ihnen – anders als den Mönchsorden in Europa – angehören konnte, ohne das bürgerliche Leben aufgeben zu müssen. Aber auch im Abendland gab es bald Anhänger und Konvente in London und Berlin. Die »tanzenden Derwische« wurden zum Urbild des Derwischs; obwohl nur dieser Orden Rumis’ zu meditativer Musik seine eigenartig monoton drehenden Tänze (sema) vollzog. In weißen Gewändern, mit langem, weitem Rock und der hohen Mütze, wie sie auch Mevlâna trug: So tanzen seine Jünger in immer tieferer Versenkung zu der feierlichen Musik von Ney (einer langen Flöte) und Kudûm (einer kleinen Doppeltrommel mit dumpfem Klang). Zwei Mevlevihanes sind besonders berühmt: das eine in Galata, Istanbul), das andere ist eben die Grabstätte und Ordenszentrale, die Wirkungsstätte des Gründers, das Mevlevihane in Konya. Der Besuch lohnt auf jeden Fall, besonders Mitte Dezember, wenn des Todes Mevlanas am 17.12.1273 gedacht wird. Neben wissenschaftlichen Symposien gibt es dann auch Vorführungen des Sema, des rituellen Tanzes. Und was man sonst nicht sehen darf, weil es verbotene Geheimbundsache ist, wird dann vorgeführt: islamische Ordensmystik.«

Ein Reisender traf Madjnun:

Allein saß er in der Mitte der Wüste.

Er nutzte die ebene Fläche des Sandes

als ein Blatt Papier

und seine Finger als Feder:

Er schrieb den Namen seiner Geliebten Leyli

wieder und wieder in den Sand.

Da sprach der Reisende:

O verrückter Madjnun!

Was tust du da?

Wenn du einen Brief schreibst,

wer wird ihn je erhalten?

Und Madjnun antwortete:

Ich lebe den Namen von Leyli –

wenn ich sie selbst nicht erreiche

zur liebenden Vereinigung,

so gebe ich meine Liebe ihrem Namen!

Rûmî: Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha. Auf: Persian Love Songs and Mystic Chants.

Tangent TNGS 108

„Sama“ als Nahrung für die Seele. Einige Anmerkungen zur Musik im Islam

Es ist eines der am weitesten verbreiteten Vorurteile nicht nur im Westen, sondern auch in islamischen Ländern, daß im Islam Malen und Musizieren erboten seien. Indes vermag man in den relevanten Basistexten des Islam – den Offenbarungen Allahs, genannt der Qur'an, und der Praxis des Propheten Mohammed, die z.B. in den überlieferten Verhaltensweisen und örtlichen Äußerungen des Propheten, den sogenannten Hadith, fixiert ist – bei inhaltlicher und nicht örtlicher Interpretation für das eine wie das andere keinen das erbot belegenden Beweis finden. Al Ghazali, der große Reformer und Theologe des Islam (gest. 1111) berichtet so in seinem berühmten Standardwerk „Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften“, daß der Prophet Mohammed Musik nicht als schlecht empfand und zu gewissen Gelegenheiten selbst Musik zu hören pflegte. Andererseits wird uns in den Hadith auch eine Begebenheit mitgeteilt, daß der Prophet sich beim Hören eines Flötenliedes die Finger in die Ohren steckte, um keinen Ton des Satans vernehmen zu müssen. Musik hat im Islam mithin zwei Seiten: sie kann haram (erboten) sein, wenn sie üble Leidenschaften weckt oder Schlechtes intendiert; sie kann empfehlenswert und erlaubt (halal) sein, wenn sie dazu beiträgt, die Empfindungen der Seele zu verfeinern und, wie die Sufis sagen, das Gemüt zur Ekstase, zum Ablegen des Äußerlichen und Entdecken des Göttlichen leitet. Sufis, d. h. islamische Mystiker, auch Derwische oder Fakire genannt, tauchen etwa zu Beginn des zehnten Jahrhunderts als Antwort auf einen Islam auf, der verweltlicht oder auf trockene Rituale beschränkt war. Der Name soll von dem Wort suf (Wolle) stammen, da die Mystiker schlichte, wollene Gewänder im Gegensatz zu der üppigen Seidentracht der reichen Muslime trugen. In der Folge entwickelte sich eine blühende Vielfalt von Orden, die nach dem Namen ihrer Begründer benannt und kulturell wie politisch zu Zentren des Widerstandes gegen einen als unreligiös empfundenen Macht-Islam wurden. In ihren Kreisen wurde auch die Musik gepflegt, und für den, der sich in den mittelalterlichen Beziehungen zischen Orient und Okzident auskennt, ist es nicht verwunderlich, daß die meisten heute im Abendland gebräuchlichen Instrumente ihren Ursprung in den islamischen Vorbildern für Gitarre, Trompete, Violine, Oboe etc. haben. Musik war den Sufis jedoch nicht alltägliches Konsummittel, sie war auch nicht Gegenstand von Gottesdiensten, wenn auch der Ruf des Muezzin (des zum Gebet Rufenden) oder die Rezitation des Qur'ân durch den Imam (Vorbeter) gesanglichen Charakter tragen. Das, was die Sufis zur Reinigung des Herzens und zur Erhöhung der Seele in ihren Tiefen unter dem Vorsitz ihres Meisters praktizierten, wurde als Sama (hören) bezeichnet. Diese spirituelle Musik des Sama war gebunden an vielfältige Bedingungen: die richtige Zeit, der richtige Ort, die richtigen Gefährten, Wahrheitssuche, die Sehnsucht nach Gott, dem Geliebten, und der Vereinigung (Fana) mit Ihm. Die dem Sufismus nahestehenden Gelehrten haben sich in langen Abhandlungen über die Vorzüge und Qualitäten des Sama ausgelassen und es auch nicht versäumt, die Bedeutung und Wirkung der einzelnen Instrumente zu würdigen oder ihre Wichtigkeit abzuwägen. So wurde Leder- und Holzinstrumenten besonderer Vorzug gegeben.

Der durch seinen Orden der Tanzenden Derwische bekannt gewordene bedeutende mystische Dichter Jalal-ud-Din Rûmî (türk. Celaleddin Rûmî, 1197-1273) hat so zum Beispiel in dem einleitenden Gedicht zu seinem Hauptwerk, dem Masnavî, die Rohrflöte (Ney) als Symbol für die an der Trennung von dem/der Geliebten leidenden Seele gepriesen. Das auch heute noch in Konya aufgeführte Zeremoniell dieser Derwische hat als Voraussetzung für die Teilnehmer, daß sie die Anhaftung der Sinne an das Äußere der Klänge überwunden haben und, sozusagen, von Innen her lauschen.

Hör’ auf der Flöte Rohr, was es verkündet,

hör, wie es klagt, von Sehnsuchtsschmerz entzündet:

Als man mich abschnitt am beschilften See,

da einte alle Welt bei meinem Weh.

Ich such’ ein sehnend Herz, in dessen Wunde

ich gieße meines Trennungs-Leides Kunde;

sehnt doch nach des Zusammenweilens Glück

der Heimatferne allzeit sich zurück.

Klagend durchzog ich drum die weite Welt,

und Schlechten bald, bald Guten beigesellt,

galt jedem ich als Freund und als Gefährte, –

und keiner fragte, was mein Herz bescherte.

Und doch – so fern ists meiner Klage nicht,

den Sinnen nur fehlt der Erkenntnis Licht.

So sind auch Seel’ und Leib einander klar,

doch welchem Aug’ stellt’ je ein Geist sich dar? –

Kein Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr entwindet.

Verderben dem, den diese Glut nicht zündet!

Der Liebe Glut ist’s, die im Rohre saust,

der Liebe Seufzen, das im ein aufbraust.

Getrennter Liebenden Gefährtin sie,

zerreißt das Innerste die Melodie.

Als Gift, als Gegengift stets unvergleichlich,

an Mitgefühl und Sehnsucht unerreichlich,

gibt sie vom Pfad im Blute uns Bericht,

von Madschnuns Liebe singt sie manch Gedicht.

Vertraut mit diesem Sinn ist nur der Tor,

gleich wie der Zunge Kundsmann nur das Ohr.

In Leid sind unsre Tage hingeflogen

und mit den Tagen Plagen mitgezogen!

Und ziehn die Tage, laß sie ziehn in Ruh,

wo du der Reinen Reinster, daure du!

Den Fisch nur sättigt nie die Flut, doch lang

sind des Darbenden Tage, lang und bang.

Aber mein Wort sei kurz; ersteht doch nicht

der Rohe, was der Vielgeprüfte spricht!

Rûmî: Einleitung ins Masnavi.

Deutsch aus: G. Rosen, Mesnevi oder Doppelverse des Scheich Mêvlânâ Dschelal-ed-din Rûmî. Leipzig 1849. Zit. nach: R. Jockel, Hg., Islamische Geisteswelt. Wiesbaden 1981

Andere Formen der Sufi-Mystik sind die einst in Indien kreïerten Qaali, Lobgesänge in Raga-ähnlicher Form, die, wie überliefert, von dem Heiligen Môin-ud-Dîn Chisti verwandt wurden, um (im 11. Jahrhundert) der Hindu-Bevölkerung mit einer Predigtweise gegenüberzutreten, die ihren religiösen Vorstellungen nahekam. Die Qaali-Sänger haben ihre Erfahrungen meist in ihren Familien weitergegeben, und so sind traditionelle Spielarten entstanden, die bis in unsere Zeit gepflegt werden.

Ohne instrumentale Begleitung wird eine andere Weise von Musik vorgetragen, das Ghazal, ein gesungenes religiöses Gedicht, als dessen Ursprung Persien angesehen wird. Es ist bemerkenswert, daß sich so, zumal im indischen Subkontinent, innerhalb der Literatur weitgehend das gesungene Gedicht (in Pakistan Nazam genannt) behauptet, das heißt, daß der Poet seine Lyrik nicht spricht, sondern in einem ihm eigenen Tonfall singt oder singen läßt. Im Zuge der Zeit haben sich in diesem Jahrhundert zudem Sufi-Orden entwickelt, die mit dem einstigen Bemühen, nur einen „reinen, friedlichen Islam“ zu leben und zu propagieren, nicht mehr viel gemein haben und synkretistische Religionsvorstellungen pflegen. Vor allem unter dem Mystiker Inayat Khan und dessen Sohn, Pir Wilayat Khan, haben sich so im Westen Zirkel gebildet, in denen Musik eine wesentliche Rolle spielt. Das führte dann unter anderem zu mehr westlich – folkloristische Elemente aufnehmenden Gesängen, die – vor allem in den USA – von Sufi-Chören aufgeführt und, natürlich, in Vinyl gepreßt wurden.

Die ganze Spannbreite der „Musik in der Welt des Islam“ ist auf einer sechs Schallplatten umfassenden Serie der englischen Firma „Tangent“ enthalten, die nicht nur Sufi-Zeremonien (das Dhikr, d.h. „Erinnern und Gedenken Gottes“ durch lautes, rhythmisches wiederholen des Namen Allahs) aufgezeichnet hat, sondern auch Lieder der Bauern, Fischer, Kameltreiber und Hirten, dazu traditionelle Musik, wie sie zu Festlichkeiten wie Hochzeiten oder Begräbnissen üblich waren oder sind. Die Plattenserie unterscheidet: menschliche Stimme, Lauten, Saiteninstrumente, Flöten und Trompeten, Rohrpfeifen und Sackpfeifen, Trommeln und Rhythmusinstrumente. Musik im Islam, vor allem wenn sie das Attribut Sufi-Musik trägt, ist immer an besondere Voraussetzungen gebunden, wenn wir davon absehen, daß sie in unseren Tagen verständlicherweise profanen Ausdruck gewonnen hat, was etwa durch die ungezählten Versionen der schlagerähnlichen Liebeslieder manifestiert wird, die zum Beispiel eine Sängerin wie die Ägypterin Umm Kulthum fast zum Objekt eines Kultes werden ließ. Die zahlreichen auch in Deutschland aktiven Sufi-Gruppen halten indes nicht nur fest an dem Ausspruch Al Ghazalis, daß „Musik Nahrung für die Seele“ sei, sondern auch an seiner Warnung, daß sich das Herz des mit unkontrollierten Sinnen – und sich dem Ziel seiner Sehnsucht nicht bewußten – Zuhörenden in einen Aufruhr ersetzt sehen kann, der schwer reparablen Schaden verursacht. In diesem Sinne ist Sama nicht nur spirituelle Musik mit hohem Anspruch – den Hörer zur Ekstase zu treiben –, sondern auch, der eigenen Vorstellung gemäß, einer Schar vorbehalten, die auf ihrem Weg zu Allah fortgeschritten ist. Kein Wunder also, daß trockene Ritualisten und verweltlichte Zuhörer beim Sama ausgeschlossen sind. 

H. A. Gütte

Donnerstag, 23. Mai

Weiterfahrt über Pamukkale, Hierapolis nach Denizli; Übernachtung im Hotel Wirin Çinar, Denizli

Morgens haben wir unser Hotel in Konya verlassen und sind in Richtung Selçuk gefahren. Am Spätnachmittag erreichen wir unser Etappenziel Denizli und besichtigen die in der Höhe über  der Stadt blendend weiß leuchtenden Kalksinterterrassen und die damit verbundene hellenistische Ruinenstadt Hierapolis.

Von weitem war auch schon ein breites, weißes, etwa 100 m hohes Band am oberen Bergan über der Stadt zu erkennen: die Terrassen, über die das heiße, mineralreiche Heilquewllenwasser zu Tale fließt. Wir sind den Berg hinaufgefahren, durch das Gräberfeld der antiken Stadt Hierapolis bis hin zum Theater der Römerstadt. Der Weg zum Theater wird rechts und links von Marmorquadern, Gebälk- und Giebelteilen begrenzt – die wohl auf den Wiederaufbau des Theaters warten? Man betritt das Theater über einen Durchgang unter der Bühne. Die Bühnenwand vermittelt durch viele Architekturteile aus Marmor eine prachtvolle Wirkung. Wir sind auf die oberen Sitzreihen geklettert, von denen man einen wunderschönen Blick über das Mäandertal hatte.

Der Anlaß für die Besiedlung der Römer hier, waren wohl die Thermalquellen, die später Hierapolis zu einem berühmten Kurort machten, der heute noch gerne besucht wird und wo sich heute moderne Kurhotels und Badeanlagen befinden, die leider so viel Wasser verbrauchen, daß das Themalwasser nur noch spärlich, zu spärlich, über die Sinterterrassen abfließen kann, was das Wachstum und die Erneuerung der Sinterablagerungen ebenso gewhrtet wie die Unmengen von Touristen, die tagtäglich durch das warme Wasser über die Terrassenbecken und -stufen gehen. Die Sinterterrassen sind innerhalb von vielen Jahrtausenden entstanden. Das an den Quellen etwa 70 C heiße, kalkhaltige Wasser kühlt beim Herunterrieseln ab und bildet muschel- und halbkreisförmige Terrassen, die stufenweise übereinander liegen. Wo das Wasser über die Ränder der Becken läuft, lagert sich durch die dort verstärkte Verdunstung an den Außenwänden Kalk ab, wie Wachs an einer Kerze, und es bilden sich Tropfen und Stalaktiten. Leider konnten wir uns hier nur kurze Zeit aufhalten, da es Abend wurde und wir ein Hotel in Denizli suchen mußten. Trotzdem haben wir es uns nicht entgehen lassen in dem Becken, mit dem etwa 40 C warmen Wasser und dem leicht glitschigen Boden, spazierenzugehen und ein Fußbad zu nehmen.[19]

Wir kamen, im Westen von Laodicea, bey einer gemeinen Brücke, über den Lykus, und in ungefähr drey Viertelstunden an den Mäander, über welchen zwey Balken mit Planken lagen, das Waßer tief im Bette fließend, voll Schlamm, wie gewöhnlich, und reißend. Einige Leute, die einen Graben in der Ebene machten, hielten inne, und warteten, bis wir näher kämen. An ihrer Spize war der Khiausch, oder Botschafter eines Aga, der in einem kleinen Dorf im Westen von Pambuuk kommandirte. Er hielt uns an in einem engen Paß und faßte die vordersten Pferde bey dem Zügel. Unser Janitschar sprengte hin, legte sich dazwischen und erfuhr, der Aga bestünde auf ein Bak-Schisch.

Wir ritten weiter auf Pambuuk zu, und, unterdeß unser Zelt aufgeschlagen ward, ging der Janitschar mit dem Firman und einem Geschenke von Kaffee und Zucker zu dem Aga. Dieser nahm ihn höflich auf, bedauerte die üble Begegnung, die wir erfahren müßen, und von der er gehört hatte, klagte, daß eben dieser Aga ihm ein ausschweifendes Lösegeld für ein verirrtes Stück Vieh abgenöthigt, und sezte hinzu, es sey ein Mann von schlechter Gemüthsart, vieler Herrschsucht und, wegen seiner Uebermacht, der Tyrann der Gegend. Er forderte fünf Ok Kaffee für sich, und mit den Forderungen, die seine Bediente noch machten, kam es auf zehn Ok, wofür sie Geld nahmen. Er gab uns die Versicherung, daß wir bey Tage zu Pambuuk keine Gefahr zu besorgen hätten, rieth uns aber, uns Abends nicht zu lang in den Trümmern zu verweilen. Wir genoßen der uns versprochenen Sicherheit schon zum voraus.

Unser Zelt stand auf einer grünen trocknen Stelle nahe der Klippe. Der Anblick vor uns war so wunderbar, daß die Beschreibung, um nur eine schwache Aehnlichkeit zu behalten, romantisch scheinen müste. Mit Erstaunen sahen wir nun den ungeheuren Abhang, den wir in der Ferne für Kreide gehalten hatten. Er glich einem unermeßlichen gefrorenen Waßerfall; die Oberfläche war noch wellig, wie vom Waßer, das auf einmal fixirt, oder in seinem jähen Abschuße plözlich versteinert worden. Rund um uns waren viele hohe, kahle, steinige Bergrücken, und bey unserm Zelt einer mit einer weiten Basis, auf welchem oben ein geringes Bächlein von klarem, sanftem und warmen Wager in einem kleinen Kanal lief. Ein Weib mit einem Kinde auf dem Rücken wusch ihre Leinwand darin, und weiterhin standen Hütten von Turkomannen, einzeln und viel netter, als wir noch welche gesehen. Federvieh lief um jede herum, und vorn waren sie mit einem Zaun von Rohr eingefaßt.

Die heißen Waßer von Hierapolis haben dieses außerordentliche Phänomen, die Klippe, hervorgebracht, die nichts ist als Eine zusammenhängende Inkrustation. Schon vor Alters waren sie wegen dieser Art von Verwandlung berühmt, und man findet angemerkt, es sey so leicht damit zugegangen, daß, als man das Waßer um die Weinberge und Gärten geleitet, die Kanäle zu langen Wällen, jeder aus einem einzigen Stein bestehend, geworden wären. Auch die Rücken bey unserm Zelte haben ihnen ihr Daseyn zu verdanken. Der Weg zu den Ruinen hinauf, der wie eine breite gepflasterte Heerstraße aussieht, ist eine Versteinerung, und übersieht manche grüne Stellen, sonst Weinberge und Gärten, die durch Abtheilungen von eben der Materie von einander getrennt sind. Die Oberfläche der Platte über der Klippe ist uneben von Steinen und in verschiedenen Richtungen auslaufenden Kanälen. Ein großer überfließender Teich nährt nehmlich die zahlreichen Bächlein, von denen einige im Herunterlaufen über den Abhang sich ausbreiten, und dem weißen, steinigen Bett ein feuchtes Ansehn, wie Salz oder Schnee im Schmelzen, geben. Obgleich diese Waßer heiß sind, wurden sie doch beym Feldbaue gebraucht. Der Türkische Namen Pambuuk bedeutet Baumwolle, eine Anspielung, wie man uns sagte, auf die Weiße der Inkrustation.

Am Morgen stiegen wir hinauf zu den Ruinen, die auf einer Fläche liegen, kamen Grabmäler mit Inschriften vorbey und von der östlichen Seite in die Stadt hinein. Bald hatten wir das Theater zur Rechten, und den Teich zwischen uns und der Klippe. Ihm gegenüber, fast am Rande der Klippe, ist der Rest eines erstaunlichen Gebäudes, das einst vielleicht zu Bädern gedient hat, oder, nach unsrer Vermuthung, das Gymnasium war. Die ungeheuren Gewölbe des Daches erfüllten uns mit Schauer, wie wir unten durch ritten. Dahinter steht die armselige Trümmer einer neuern Festung, und weiterhin sieht man maßive Mauern von Gebäuden, von denen einige aus der senkrechten Linie gewichen, und deren Steine so aus der Lage gerückt sind, daß sie jeden Augenblick einzustürzen fertig scheinen; alles Wirkungen und Beweise gewaltiger und wiederholter Erderschütterungen. In einem Winkel des Berges zur Rechten ist der innre Plaz eines Stadium. Darauf folgen wieder Grabmäler, einige fast von der Bergseite begraben, und Eines ein viereckiges Gebäude mit einer Inschrift in großen Buchstaben. Den ganzen Raum, den die Stadt eingenommen, hat man gegen zweihundert Schritte breit und Eine Meile lang gerechnet.

Nach einer Uebersicht des Ganzen kehrten wir zu dem Theater zurück. Wir fanden dieses ein sehr großes, kostbares Gebäude und von allen, die wir gesehen, am wenigsten verdorben. Ein Theil des Proscenium steht noch. In dem Ruinenhaufen, wo alles verwirrt durcheinander liegt, sind viele gut gearbeitete halb erhobne Werke, nebst Stücken von Architraven mit Inschrift, aber aus den Fugen, oder so mit maßiven Marmorstücken bedeckt, daß wir uns nicht daraus belehren konnten. Die Marmorsize sind noch erhalten. Eine niedrige halb zirkelförmige Mauer theilet fast in der Mitte die zahlreiche Reihen von Sizen.

Die Waßer von Hierapolis hatten eine besondre Eigenschaft zum Färben der Wolle, und gaben ihr aus Wurzeln eine Farbe, die dem köstlichsten Purpur nicht wich. Dieß war eine Hauptquelle des Reichthums der Stadt.

Der Teich vor dem Theater ist ein Bad gewesen, und im Grunde des Waßers, das vollkommen durchsichtig und von einem salzigen Geschmack ist, sind noch Marmorfragmente sichtbar. Die Weiber des Aga, nachdem sie sich darin gebadet, kamen, um uns zu sehen, mit verhallten Gesichtern zu dem Theater, wo wir beschäftigt waren. Der Aga mit verschiedenen Bedienten folgte ihnen. Es war ein junger Mann von gutem Anstande und ungewöhnlicher Gesprächigkeit. Er unterhielt sich, die Beine überkreuz geschlagen auf den Ruinen sizend, mit unserm Janitscharen, und rauchte und trank Kaffee dabey. Er bezeugte sein Misvergnügen, daß kein trinkbares Waßer hier zu finden wäre, wünschte, wenn wir aus unsern Büchern Kenntniß davon hätten, daß wir ihm solche mittheilen mögten, und sezte hinzu, es würde eine Wohlthat seyn, für welche alle künftige Reisende Recht auf seine Dankbarkeit haben sollten.

Richard Chandler 1776[20]

Am Donnerstag hatten wir eine eindrucksvolle Fahrt bis zum nächsten Ziel. Von der Ebene mußten wir über Paßstraßen in die nördlichen Ausläufer des Taurusgebirges hinauf. Vorbei an ausgedehnten Seen, die in über 1000 Meter Höhe liegen, durch Schluchten, Mittagspause im Fremdenverkehrsort Ecidir auf einer Terrasse mit Seeblick, dann Weiterfahrt nach Pamukkale und Hierapolis.

Über eine neue Straße wurden wir in einem weiten Bogen auf einem großen Parkplatz geführt, der von einem hypermodernen Gebäude abgeschlossen wird. Die erste Überraschung waren die enorm hohen Parkgebühren, sie schließen jedoch die Besichtigung des gesamten Gebiets mit ein. Hierapolis eroberten wir im Schnelldurchgang, die obligatorische Gruppenaufnahme im Theater mußte aber doch sein, dann lockten die Kalksinterterrassen. Erstaunlich schnell standen die Schüler im Badezeug, und dann stelzten sie vorsichtig in die am Untergrund leicht schlammigen Becken.

Das Wasser ist angenehm warm und fühlt sich ganz anders an als wir es gewohnt sind. Natürlich mußten möglichst viele der Becken ausprobiert werden, dann wieder eine kleine Ruhepause, bei der man das Kinn über die Kante legte und ins Tal hinabschauen konnte. Die Terrassen wachsen in den letzten Jahren nicht mehr, da zu viel Wasser in dem oberhalb gelegenen Hotel abgezogen wird. Inzwischen beginnt man sogar, neue Terrassen künstlich aus Beton anzulegen, in die dann das kalkhaltige Wasser geleitet wird, um so neue Becken zu schaffen. Betrug am Kunden?

Leider mußten wir diesen angenehmen Teil unserer Exkursion bald abbrechen, denn wir hatten noch kein Quartier für diese Nacht. In Denizli irrten wir erst ein wenig umher, standen aber plötzlich mitten im modernen Stadtzentrum vor dem Cinar Otel, also schnell hinein und recherchiert. Wir hatten Glück. Zu günstigen Preisen fanden wir eine sehr angenehme und ordentliche Unterkunft. Gleich in der Nachbarschaft konnten wir im Freien unser Abendessen einnehmen, anschließend wollten wir Begleiter noch in der Hotelbar ein Bier trinken. Das erwies sich als Fehler, die Bar entpuppte sich als Disco, in der es, als wir eintraten, noch recht ruhig zuging, als aber das Bier kam, setzte die Musik ein, und mit der Unterhaltung war es sofort vorbei. Wir sorgten dafür, da die Gläser schnell geleert wurden und besorgten uns in einem kleinen Geschäft gleich gegenüber Dosenbier, das wir dann in wesentlich ruhigerer Umgebung im Zimmer schlürften.

Günter Fuchs

Eindrücke in Pamukkale und Hierapolis

Nach einer langen Tagestour mit einigen wunderschönen Ausblicken im südanatolischen Hochland näherten wir uns am späten Nachmittag Pamukkale. Schon von weitem konnten wir die weißen Front en am Berghang sehen, der Name „Baumwollschlößchen“ ließ sich aus der Ferne sogar nachvollziehen. In einem großen Bogen wird heute die Straße um die Sinterterrassen herumgeführt, auf einem Parkplatz mit hypermodernem Informationspavillon und einigen Andenkenladen (und einer gebührenpflichtigen Toilette) stellten wir den Bus ab und mußten dann ein ganzes Stück laufen, um in den antiken Teil dieses Bereichs vorzudringen. Hierapolis ist schon in griechischer Zeit ein wichtiger Ort gewesen, hier wurden Wolle und Baumwolle gewaschen und gefärbt. Wegen seiner warmen und heilenden Quellen wurde dieser Ort viele Jahrhunderte geschätzt und ständig besucht. Vor allem die Römer bauten diesen Bereich aus. Die heute vorzufindenden Ruinen stammen meist aus der Zeit der Römer, die älteren Gebäude sind durch Erdbeben zerstört worden. Von den vielen Tempeln sind nur noch Ruinen zu finden, am besten erhalten ist das Theater. Wir kamen uns in den gut 10.000 Besucher fassenden Tribünen recht verlassen vor.

Nur wenige Schritte zurück ins Tal erreichten wir die Kalksinterterrassen. Das kalkhaltige Wasser hat hier eine einmalige Landschaft geschaffen, durch die Abkühlung des Quellwassers schlagt sich der Kalk nieder und bildet im Laufe der Zeit Terrassen, auch das über die Kanten laufende Wasser trägt zur Kalkbildung bei, und so ist im Laufe der Jahrhunderte diese in blendendem Weiß strahlende Felsformation entstanden. Wir konnten allerdings bemerken, daß der Mensch bei der Bildung neuer Terrassen kräftig mithilft, mit kleinen Betonbecken versucht man neue Becken zu schaffen, über die sich schnell ein weißer Kalkmantel legt. Wir nutzten die Gelegenheit, uns im heilkräftigen Wasser zu erholen. Ein Teil unserer Aufmerksamkeit wurde aber durch ein Filmteam in Anspruch genommen, die diese malerische Kulisse für einen Werbefilm für eine bekannte Joghurtsorte nutzte.

Iris Bode & Renate Fuchs

Freitag, 24. Mai

Weiterfahrt nach Selçuk über Aphrodisias; Übernachtung im Hotel Victoria in Selçuk; Abends frei (Bad in der Ägäis)

Die Abfahrt aus dem Hotel Wirin Çinar gestaltete sich schwieriger als gedacht, da zwei unserer »Pünktlichkeitsspezialisten« schlicht und einfach verschlafen hatten und trotz mehrfachen Weckens, als unser Bus schon im Halteverbot vor dem Hotel auf’s Einsteigen wartete, noch immer in ihren Betten schnarchten. Ob es am letzten Abend so spät geworden war?

Ein kleines Donnerwetter konnte ebensowenig schaden wie die Aufgabe eines Zusatzprotokolles. Wie dieses Zeilen der »Reiseleitung« aber zeigen, wurde auch dies verschwitzt und vergessen. Ob diese hervorragende Zuverlässigkeit die beste Voraussetzung für das spätere Berufsleben ist?

Aphrodisias war neu in unser diesjähriges Türkei-Programm aufgenommen worden; eine Entscheidung, die sich als gut und ertragreich herausgestellt hat. Schon in Istanbul hatten wir als Begleitpersonen durch Herrn Türkoälu einen ersten Kontakt zur Thematik der hellenistischen Bildhauerschule von Aphrodisias, deren wichtigsten Werke wir uns in der Antikensammlung des Archäologischen Museums ansehen konnten.

Aphrodisias entwickelte in römischer Zeit das Prinzip der Massenproduktion von Kunstwerken zur Vollendung, indem große Stückzahlen gleichartiger Marmorfiguren und Torsi in den beliebtesten Stellungen und Gewandungen in perfekter Bildhauerarbeit hergestellt und im ganzen Imperium vertrieben wurden, insbesondere aber auch nach Rom verschifft worden sind, wo der größte Denkmalsbedarf bestand. Erst am Zielort wurden dann die Empfänger bildhauerisch porträtiert und die Köpfe dann nachträglich auf den Plastiken befestigt (was gegebenenfalls auch eine Kopftransplantation bei einem Amts- oder Herrscherwechsel möglich machte). Vor allem die farbliche Exquisität des Marmors aus Aphrodisias, der zwischen lachsrot, rosa, rötlich-braun bis schneeweiß changiert, läßt die Werke aus Aphrodisias leicht erkennen.

Daneben wurden ebenfalls in genormten Ausführungen und großen Stückzahlen Prunksakophage ebenso wie schlichtere Steinsärge hergestellt und in der ganzen Region verkauft. Einige sehr schöne Werke gehören zu den wichtigsten Ausgrabungsfunden und Museumsstücken im heutigen Aphrodisias.

Vieles an dieser ökonomischen Arbeitsorganisation mutet sehr modern an. Globalisierung und Rationalisierung sind letztlich doch keine Erfindungen unseres Jahrhunderts. Und über Massenkunst und Massengeschmack ließ sich bekanntlich schon in der Antike (nicht) streiten.

Die bildhauerliche Professionalität Aphrodisias zeigt sich dann aber auch in den erhaltenen Bauwerken, die vor allem der griechisch-hellenistischen Tradition folgend Tempel, Bäder und Theater bzw. Stadien umfassen. Zentrales Heiligtum war, wie der Name des Ortes schon zeigt, der Tempel der Liebesgöttin Aphrodite, einem sehr alten Heiligtum und Wallfahrtsort, der schon bestand und die umliegenden Marmorsteinbrüche zum Tempelbau nutzte, ehe das römische Imperium die Massenbildhauerei zur ökonomischen Lebensgrundlage werden ließ.

Anschließend fahren wir durch das breite grüne Tal des Großen Mäander (Büyük Menderes) nach Selçuk, wo wir wie schon zwei Mal zuvor im Hotel Victoria unterkommen, einem Haus, dessen Name die Anglophilie des Besitzers – die sich u.a. im Bilderschmuck des winzigen Foyers zeigt – ausdrückt.

Besonders reizvoll ist der Blick aus den Fenstern an der Rückseite des Hotels, wo eine kleine Gasse von den Resten eines römischen Aquädukts begleitet wird, wischen dessen Pfeilern die Häuser eingebaut sind. Da die Bögen längst zerfallen sind, ragen zwischen den Dächern die Pfeilerköpfe empor, jeweils gekrönt von Storchennestern, wo wir um diese Jahreszeit die noch nicht flüggen Storchenküken in unterschiedlichem Alter und die ständige Fütterzeremonie beobachten und aus unerwarteter Nähe photographieren können.

Diejenigen, die es wollen, können noch mit Herrn Gusky und Herrn Fuchs ein abendliches Bad in der Ägäis nehmen. Das Abendessen nehmen wir dann vor dem Hotel an zusammengestellten Tischen in der Fußgängerzone ein, nur ab und zu gestört von jugendlichen Motorradfahrern und den vielen streunenden Katzen, die Selçuk bevölkern und nach Essensresten gieren.

Günter Fuch berichtet über unsere Ankunft in Selçuk: „In Selçuk fanden wir auf Anhieb unser Hotel Viktoria, in dem Kollege Voigt schon bei seiner letzten Reise untergekommen war. Direkt vor unserem Fenster stand der Rest eines alten Aquädukts, auf ihm befand sich ein Storchennest. Zwei Jungstörche ließen sich hier von ihren Eltern bedienen. Als ich mich zum Fenster hinauslehnte, entdeckte ich eine ganze Storchengalerie; auf den anderen alten Pfeilern und auch auf Dächern und in Bäumen in der Nähe waren die Nester angelegt. In allen waren junge Störche in unterschiedlichem Alter, einige versuchten sich bei ersten Flugübungen, trauten sich aber noch nicht ganz abzuheben, andere trugen noch ihr Flaumkleid. Zu langen Beobachtungen war aber keine Zeit, denn der Busfahrer hatte sich bereiterklärt, die Schüler noch ans Meer zu fahren, und das Bad in der Ägäis lockte doch sehr. Der Strand lag einsam und verlassen, wir konnten mit dem Bus fast bis ans Wasser fahren. Das Wasser war zwar recht kühl, aber durch die leichten Wellen war es sehr angenehm. Die Schüler tobten ganz ausgelassen, in dem Alter ist das letztlich auch nicht anders zu erwarten.“

Samstag, 25. Mai

Ephesus; nachmittags frei (Bad in der Ägäis)

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Bus nach Ephesus. Aus Schülerberichten stellt sich unser Besuch folgendermaßen dar: Ephesus, türkisch heute »Efes« wie das gleichnamige Bier, war eine ursprünglich am Meer gelegene antiken Hafenstadt. Doch von Wasser war für uns weit und breit nichts zu sehen. Vielmehr erwarteten uns überschwenglich ihre Ware anpreisende Händler mit touristischen Produkten vor dem Eingang. Der erste Eindruck von Ephesus mag wohl der von vielen grauen und weißen Ruinen sein, doch bei genauerer Betrachtung und einigen erklärenden Informationen konnten wir uns ein Bild vom Leben in dieser ehemaligen Stadt machen. Die Hafenfunktion wurde durch die die religiöse Tradition der Verehrung der Muttergottheit ergänzt. Artemis stand in der Zeit der Griechen in der Tradition der weiblichen Gottheit, die in Ephesus schon auf eine altorientalische vorgriechische lokale Tradition zurückblicken konnte. Das frühe Christentum hat Teile davon aufgegriffen und den mündlich überlieferten Kult durch die Marienverehrung erweitert. Das »Sterbehaus der Maria« in Ephesus zeigt diese Tradition, die der Volksreligion der Heiligenverehrung entstammt.

In der Antike hatte Ephesus eine wichtige Bedeutung als zentraler Tempel- und Wallfahrtsort der Artemis, die im größten Tempel des Hellenismus, dem Artemision, verehrt wurde, der außerhalb der Stadt auf einer Anhöhe stand und zu den sieben Weltwundern zählte. Berüchtigt wurde der Brandstifter Herostrat, der in der Geburtsnacht von Alexander dem Großen (356 v.u.Z.) den Tempel anzündete, um seinen Namen für die Ewigkeit durch diese ruchlose Art in Erinnerung zu halten. Doch nur sein Verbrechername wurde überliefert. Alexander nahm dieses Ereignis als Zeichen für seine eigene Existenz und ließ später den Tempel wieder aufbauen. Später, durch Erdbeben und den Lauf der Geschichte vollständig zerfallen und vernichtet, wird der Ort des Artemisions heute nur noch durch eine wieder aufgerichtete hellenistische Säule auf einem ansonsten leeren Platz markiert.

Ephesus hatte an Bedeutung seines Hafens verloren, weil die Bucht versandete und es aufgrund der Abholzung an den Berghängen um die Stadt zu Erosionsschäden kam; somit verlor die Stadt ihre ökologische und ökonomische Basis. Zwei Erdbeben trugen ebenfalls zu Verfall und Bedeutungsverlust bei. Die 50.000 Einwohner waren erst unter griechischer und später unter römischer Herrschaft. Die öffentlichen Bekanntmachungen, die auf Marmortafeln überliefert wurden, sind zweisprachig griechisch und lateinisch abgefaßt.

Die Stadt besaß sogar eine unterirdische Trinkwasserversorgung, die von den Bergen her verlegt war. Ein überdachter Weg mit Mosaikpflaster vor Geschäften war besonders wichtig, doch für uns war leider nur noch wenig zu sehen. Für die Religionsausübung gab es viele Tempel, wie z.B. den Hadrianstempel, der im 2. Jh. n.Chr. gebaut wurde.

Ephesus gliedert sich in drei Teile: den Hafenbezirk, der wegen seiner Sumpflage heute nicht zugänglich ist, das Stadtzentrum zwischen Forum und Theater, und die Oberstadt, die sich am Hang emporzieht und durch die Stiegen der Kuretenstraße erschlossen und mit dem Zentrum verbunden wird. Hier finden sich auch die größeren Tempelanlagen, Prunkvillen, Bäder, Brunnen und am Hang die nur teilweise ausgegrabenen Wohnsiedlungen, die meist aus hellenistischen Atriumshäusern bestanden.

Eine der größten Bibliotheken der Antike samt Marktplatz wurde von Celsus gespendet; er selbst liegt dahinter begraben. Das Gebäude gliederte sich mit seinen 15 m Höhe in drei Galerien, auf denen die Bücher (Pergamentrollen) durch Leitern erreicht wurden. Am Hang oberhalb des Zentrums befindet sich das Theater mit Sitzplätzen für 25.000 Zuschauer. Natürlich fehlte damals auch kein Bordell mit verwinkelten Eingängen – mit ein bißchen Phantasie konnten wir uns das Leben dort in gut gepolsterten Nischen ausmalen!

Das Odeon war ein kleines Theater im oberen Teil der aus hellenistischer Zeit stammenden Stadt. Hier wurde mittels Flöte und Gitarre musiziert oder staatliche Dinge wie Feiern abgehalten. Die „Kuretenstraße“ führte uns vom unteren in den oberen Teil der Stadt, vorbei an Fundamenten eines Haupttempels, der aber – wegen finanzieller Engpässe? – erst zu einem Viertel freigelegt worden war. Der Rückmarsch zum Haupteingang wurde wieder einmal verzögert, weil wir einige Teilnehmer, die sich selbständig gemacht und die Vereinbarungen nicht mitbekommen hatten, im Ruinenfeld beinahe schon als Verlust abschreiben wollten.

Nach dem Gang durch die Ruinen versammelten wir uns beim Bus, nicht ohne am Ausgang auch wieder von scharenweise gedrängten Ständen speziell für Touristen zu dementsprechend hohen Preisen zum Kauf gelockt zu werden. Nach einem kurzen Blick auf den heute – bis auf eine wieder errichtete Säule  enttäuschend leeren Platz des Artemision, des antiken Artemis-Tempels, eines der sieben Weltwunder, wieder zurück in Selçuk, hatten wir noch genügend freie Zeit, uns dieses Touristenzentrum und das eher gegensätzlich dazu wirkende Wohngebiet anzuschauen.

Das Abendessen fand nach einigen Stunden nachmittäglicher Freizeit wieder auf der Straße in der Fußgängerzone statt – aber daran stieß sich niemand.“[21]

¨Günter Fuchs resümiert unseren Besuch in Ephesus: „Am Samstag hielten wir auf dem Weg nach Ephesus noch kurz am Artemis-Tempel an, einem der sieben Weltwunder. Nur eine einsame Säule steht in dem großen Areal, das einst von dem riesigen Tempel bedeckt gewesen ist; es fällt schwer, sich ein Bild dieses monumentalen Baus zu machen. Der Tempel soll 115 Meter lang gewesen sein, bei einer Breite von 55 Metern, er hatte eine wechselvolle Geschichte, wurde 356 v. Chr. von Herostratos niedergebrannt, wieder aufgebaut und ist im Laufe der Jahrhunderte dann fast in Vergessenheit geraten.

Ephesus ist eigentlich der Höhepunkt der antiken Stätten an der Westküste. Der Besucherandrang ist inzwischen derart gewaltig geworden, da man nicht mehr in Ruhe und mit Muße die einzelnen Gebäude bzw. Ruinen betrachten, geschweige denn fotografieren kann. Erklärungen kann man bei diesem Sprachengewirr ebenfalls kaum loswerden, wir suchten uns daher eine halbwegs ruhige Ecke und gaben einen kurzen Abriß über die Entwicklung dieser Stadt. Dann durften die Schüler auf eigene Faust die Besichtigung fortsetzen, sie haben das trotz der Hitze erfreulich ausführlich getan.

Am Nachmittag sind wir über den Wochenmarkt von Selçuk geschlendert, auch hier ließen sich typische Merkmale des türkischen Alltagslebens aufzeigen; wenn Selçuk auch ein Fremdenverkehrsort ist, so richtet sich dieser Wochenmarkt fast ausschließlich an die einheimische Bevölkerung. Das ist aus dem Warensortiment zu ersehen, das auf den Alltag ausgerichtet ist und kaum Angebote für die Touristen bereithält. Am Abend nahmen wir noch einmal ein kurzes Bad im Meer und dann speisten wir wieder auf der Straße vor dem Hotel; der Wirt hatte für uns eine lange Tafel aufbauen lassen, und so konnten wir mitten im Fußgängerbereich essen und schauen.“

 

Sonntag, 26. Mai

Weiterfahrt über Izmir nach Pergamon (Bergama): Kızıl Avla, Akropolis, Asklepeion; Übernachtung in Çanakkale, Ozan Motel (Strandhotel); Abends frei (Bad in den Dardanellen)

Pergamos bewahrt in seinen Ruinen noch die Zeugenschaft seiner einstigen Pracht und Herrlichkeit; nicht durch die Schönheit und die Fülle dieser Ruinen, sondern durch ihre Ausdehnung und Anlage. Man bedarf fast einer Stunde, um von der heutigen Stadt die am Fuße des Schloßberges liegt, zum Schlosse aufzusteigen. Dieses gewährt dem Reisenden trefflichen Ausblick. Weithin von Ost nach West streckt sich die reiche Ebene des Kaikus, über eine Stunde in gerader Linie breit und viele Stunden lang.

Überblickt man von den Zinnen über dem Thore, das nach SSO sieht, die Gegend, so hat man die ansehnliche Stadt unter sich ausgebreitet, aus der 13 große Minarets, Moscheen, Kirchen, Cypressen und hohe Ruinen sich heben und in welcher 9 Chans ihre klösterlichen Zellenreihen zeigen. Alt und Neu unter und über einander geworfen und weithin im Felde Trümmer wie zerstreutes Gebein! Das Schloß hat eine bedeutende Ausdehnung und ist sehr verschiedenartigen Baues. Es krönt nicht nur den Gipfel des Berges, sondern es senkt sich nach der Stadt zu, über 2/3 des Abhanges herab.

Wer in der heißen Jahreszeit in den Trümmern vor Pergamos, und hauptsächlich in dem obersten Theile des Schlosses wandelt, setze den Fuß nie sorglos nieder; denn es wimmelt dort von Vipern und anderen Schlangen. Diese Thiere greifen den Menschen nicht an, aber sie fliehen ihn auch nicht. Sie sonnen sich gerne auf dem heißen Stein, oder auf dem verbrannten Grasboden zwischen den Trümmern, und sind bei flüchtigem Blicke kaum davon zu unterscheiden. Sie bekümmerten sich wenig um uns, wenn wir darüber wegstiegen, hoben höchstens das Haupt und sahen mit ihrem Mädchenblicke uns an; erst wenn wir stehen blieben, wanden sie sich in ein nahes Gebüsche.

Die Ruinen auf dem Schloßberge sind so ausgedehnt, daß man, wenn nicht so viele Beweise dagegen sprächen, an der Ausdehnung der Stadt bis in die Ebene überhaupt zweifeln würde. Aber mächtige Ruinen blicken weit verbreitet aus der Ebene empor.

Anton von Prokesch 1831[22]

Pergamon

Die Stadt Pergamon wurde von Alexander dem Großen bei einem seiner zahlreichen Feldzüge erobert. Sie hatte keine besonders weitreichende Bedeutung und erlangte auch in der Folgezeit keine Berühmtheit. Als nach dem Tode Alexanders sein Reich aufgeteilt wurde, fiel die Stadt Pergamon an Lysimachos, den Freund und Kriegskamaraden Alexanders, der u.a. die Kriegskasse verwaltete. Nach vielen Intrigen übernahmen nach dem Tode von Lysimachos Eumenes I. (263-241 v.Chr.) und Attalos I. (241-197 v.Chr.) die Herrschaft in Pergamon und behielten die Kriegskasse, mit der sich die Dynastie der Attaliden, gewissermaßen das Geschlecht des Attalos, für lange Zeit ein mächtiges Reich „zusammenkauften“.

Die Römer unternahmen nie einen Versuch, das Reich der Attaliden zu erobern. Sie waren den Attaliden vielmehr wohlgesonnen, zumal sie wußten, daß ihnen das Reich früher oder später sowieso zufallen würde. Dieses geschah auch: Als der letzte Herrscher des attalidischen Reiches ohne Erben verstarb, vermachte er das Reich der Stadt Rom.

Asklepieion

Als letztes besuchten wir das Asklepieion, ein bedeutendes Sanatorium. Nach der Sage wurde die Heilkunst von Archias, dem Sohn eines pergamesischen Bürgers, nach Pergamon gebracht. Archias war bei der Jagd auf Kos vom Pferd gestürzt und wurde im Asklepieion auf Kos behandelt. Bei seiner Rückkehr nach Pergamon brachte Archias einige Heilkundige mit, die in der Nähe der heiligen Quelle  dem Asklepios einen Tempel errichteten und Kranke behandelten. Hiernach wurde das Asklepieion mehrmals durch Kriege zerstört.

Im Jahre 133 v. Chr. kam das pergamesische Reich unter römische Herrschaft. Aus allen Teilen des römischen Imperiums kamen nun Kranke nach Pergamon,  um sich heilen zu lassen. In Pergamon wurde auch der berühmte Arzt Galen geboren ,der hier später auch arbeitete.

Vom Parkplatz aus geht man zunächst etwa 100 Meter auf einer alten Straße entlang und kommt dann zu den restlichen Teilen der Ausgrabung. Entlang dieser heiligen Straße befanden sich einst Läden für die Pilger und Patienten. Der ganze Komplex war früher durch Galerien jeweils nach Westen, Norden und Süden abgeschlossen. Es läßt sich auch heute noch das gut erhaltene Theater im Nordwesten besichtigen. Dieses bietet gut 4000 Zuschauern Platz.

Natürlich fragt man sich, wodurch hier früher so viele geheilt wurden. Es gab eine „Heilige Quelle“. Aus dieser Quelle kann man heute immer noch trinken. Die Menschen wurden mit Schlamm und Wasserkuren behandelt. Kuren solcher Art werden heute auch noch angewandt. Sie haben früher wie heute heilende Wirkung.

Wir schauten uns natürlich auch noch die restlichen Ruinen an, unter anderem die Bibliothek und den Tempel des Asklepios. Hiernach war unsere Besichtigung beendet, und man konnte sich nun vorstellen, daß Pergamon in der Antike ein wichtiger kultureller Mittelpunkt war.

Am Abend suchten wir kurz vor Çannakale am Ufer der Dardanellen in Kepez ein Hotel. In dem kleinen Ferienort wurden wir direkt am Wasser fündig. Bei der wunderschönen Abendstimmung konnten wir am gegenüberliegenden Ufer das große Mahnmal aus dem 1. Weltkrieg sehen, die Schiffe zogen langsam an uns vorbei, die Sonne versank geruhsam hinter dem Horizont. Es war ein Abend zum Genießen. Die Schüler mußten natürlich noch einmal ins Wasser springen. Leider trat eine Schülerin dabei in einen Seeigel, erst in Hannover wurde sie endgültig von den schmerzenden Stacheln befreit. Das war übrigens der einzige Unfall unterwegs.

Günter Fuchs

Montag, 27. Mai

Morgens Besuch von Troja; Rckfahrt über Çanakkale nach Istanbul; Übernachtung bei den Familien unserer Gastgeber

Troja, ein Mythos ...

Ein Tag vor unserem Heimflug. Nachdem wir am Sonntag von Pergamon kommend Çanakkale erreicht hatten, war es für eine Besichtigung der Ausgrabungsstätte von Troja schon zu spät. Ein idyllischer Badestrand an den Dardanellen hinter dem Hotel war für viele ein krönender Tagesabschluß. Aber ganz auf Troja, von dem ja auch in der Schule so viel gehört worden war, zu verzichten ... ? Da versuchten wir es, trotz Zeitdruck am »Heimfahrttag« nach Istanbul noch früh morgens, mit unserem Bus einen »Umweg« über Truva zu fahren. Lang war der Aufenthalt nicht; wir hatten ja schon vorher »gewarnt«, daß die Ausgrabungsstätte selbst nicht allzu beeindruckend ist, daß der kleine Hügel und die wenigen Mauern und Steine nur dann interessant werden, wenn sie unsere Phantasie mit Tausenden von Jahren der Geschichte bevölkert. Warum der gemeinsame Rundgang doch noch interessant werden konnte, versucht Anne in ihrem Tagesprotokoll zu erklären.  (red.)

M

it dem Wort Troja verbindet sich sofort der Gedanke an Homer und die »Ilias«, der Gedanke an die Götter, die um die Stadt kämpften, das sagenhafte hölzerne Pferd, das am Ende eines zehnjährigen Krieges den Untergang von Troja besiegelte. Weil diese Stadt Troja so sagenumwoben war, kamen schließlich die Forscher und suchten nach der ehemaligen Festungsstadt an den Dardanellen.

Über 6000 Jahre thronte dieser Ort an der türkischen Küste auf dem Hügel Hisarlik über dem Meer. Er wurde belagert, verwüstet und immer wieder besiedelt.

Alle Handelsrouten zwischen Ost, West, Süd und Nord liefen hier zusammen. Der Ort war Umschlagplatz für Waren aus aller Welt und zugleich Dienstleistungszentrum.

Heute ist der Hügel Hisarlik ein Trümmerfeld, überzogen mit Trampelpfaden und labyrinthisch verschachtelten Mauerresten. Die Landschaft ist öde und ausgedörrt. Auf braunen Feldern stehen nur vereinzelt Olivenbäume. Daß sich hier einmal die Weltgeschichte abgespielt hat, ist für Besucher heute nicht zu erkennen, ja noch nicht einmal zu erahnen.

Die Anfänge von Troja reichen in die frühe Bronzezeit zurück. Damals war Troja nur ein kleines ummauertes Dorf. 200 Jahre später war Troja bereits ein Königssitz. Auf einer großen Fläche erhoben sich palastartige Bauten. In den folgenden Jahren wuchs die Stadt immer mehr und dehnte sich weiter aus. Um 1700-2500 vor Christus war die bedeutendste Siedlung, von der man annimmt, das sie der Schauplatz von Homers »Ilias« war.

Diese Siedlung wurde nach dem Untergang noch mehrfach wiederaufgebaut, doch sie erreichte niemals mehr die Größe der Vergangenheit. Insgesamt befinden sich auf dem Hügel von Troja 12 Schichten und 9 verschiedene, übereinandergebaute Städte.

Durch die Beschreibungen in der »Ilias« von Homer stellten sich die Menschen immer wieder die Frage nach der Wahrheit seiner Ausführungen. Heinrich Schliemann, ein deutscher Kaufmann und Homer Verehrer war davon besessen, die Schauplätze der »Ilias« zu entdecken. Seine ersten Grabungen führte er 1871-1873 auf dem Hügel Hisarlik durch. Eine große Anzahl von Hilfskräften half ihm dabei. Weil er unbedingt zum Troja Homers vordringen wollte, zerstörte Schliemann wichtige Erdschichten. Den sagenhaften Schatz von Troja fand er dann auch.

Auch heute noch graben Wissenschaftler mit modernsten Verfahren an der Stätte weiter und kommen zu immer neuen Ergebnissen. Die Sage um Troja ist noch nicht endgültig entschlüsselt. Vielleicht ist Troja deswegen ein stark besuchtes Touristenziel an der türkischen Mittelmeerküste. [Vgl. die Artikel über Troja in »Bild der Wissenschaft«, Heft 12/1997.]

Anne Tonscheidt

Der Tagesablauf

Das Hotel war ruhig und erholsam, das Meer war eine echte Genugtuung für alle Wasserratten. Nach abendlichem und frühmorgendlichem Baden fuhren wir dann morgens nach dem Frühstück weiter nach Troja. Günter Fuchs berichtet darüber: „In Troja mußten wir vor einer Schranke halten und unseren Obulus entrichten, umgerechnet drei Mark sollte der Eintritt kosten, aber wie schon bei einigen anderen Gelegenheiten räumte man uns auch hier einen Sondertarif ein. Vom Parkplatz grüßte unübersehbar das hölzerne Pferd, über die tatsächliche Größe gibt es kaum echte Überlieferungen, es sollen sicher zwanzig Krieger in seinem Bauch Platz gehabt haben. Die Ausgrabungsstätte selbst war für mich diesmal erheblich interessanter. Ich wußte, welche Größenordnung mich erwartete und konnte mich daher besser auf diese bedeutende Ausgrabungsstätte einstellen. Sehr hilfreich waren die vielen Hinweisschilder, die nicht nur Skizzen enthielten, sondern unter anderm auch in deutscher Sprache Informationen weitergaben. Schwer ist es nach wie vor, sich ein konkretes Bild von den einzelnen Schichten zu machen. In dem kleinen angeschlossenen Museum sind auf einer großen Zeichnung Blockbilder zu jeder Schicht abgebildet, leider gab es dieses Bild nicht zu kaufen. Den Schülern war deutlich anzumerken, da ihr Interesse nicht allzugroß war. Einmal liegt das sicher an der insgesamt recht anstrengenden Fahrt, zum anderen darf man sich nicht wundern, wenn für derart klassische Reiseziele das Verständnis fehlt, weil die Schüler teilweise von Homer und der Ilias noch nichts gehört hatten. Es gelingt ihnen ebenfalls kaum, sinnvolle historische und kulturelle Querverbindungen zu den besichtigten Stätten herzustellen. Vielleicht haben wir ein wenig dazu beigetragen, dieses Defizit etwas abzubauen.“

Aus Schülerberichten stammen folgende Erläuterungen zum Thema Troje: „Troja hat neun verschiedene Siedlungsschichten, wovon die älteste wahrscheinlich bis in die Bronzezeit zurückreicht. Die sechste Schicht ist wahrscheinlich der heutige Ausgrabungshügel. Seine Blütezeit erreichte Troja zur Zeit der griechischen Einwanderungen. Durch die Einwanderungszeit wurde die ehemalige Burgkultur umgewandelt. Es folgte der zehnjährige Trojanische Krieg der Griechen gegen die Trojaner um die vom trojanischen Prinzen Paris entführte Helena, wie er von Homer in der »Ilias« und der »Odyssee« geschildert wird. Die Griechen siegten mit einer List: Ich denke, die Legende vom Trojanischen Pferd kennt jeder.

Kern ist offenbar der Kampf um die Dardanellen bzw. den Handelsweg zum Schwarzen Meer gewesen. Das Trojanische Pferd wird auch als Erdbeben gedeutet. Nachdem alle die Besichtigung beendet hatten, fuhren wir dann weiter nach Çanakkale, um dort mit der Autofähre auf die europäische Seite der Türkei überzusetzen. Auf der Fahrt gingen viele wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Schlafen!“

Dienstag, 28. Mai

Flugdaten für den Rückflug: – 16.00 Uhr Treffen auf dem Atatürk-Flughafen Istanbul, Abflughalle – 18.00 Uhr Flug: Istanbul Air IL 301, Veranstalter: ÖGER TÜRK-TUR Ankunft in Hannover gegen 20 Uhr Ortszeit

Die Rückfahrt nach Istanbul verlief ohne Probleme, ich studierte das frisch erworbene Büchlein über Troja und versetzte mich dabei fast mitten unter das Schlachtgetümmel vor den Toren der Stadt. Gut 100 Kilometer vor Istanbul begann der direkte Einflußbereich dieser Metropole. Vor allem am Strand reihte sich ein Ferienhaus ans andere, zwischendurch ganz umfriedete Ferienparksiedlungen, ab und zu Dörfer, die landwirtschaftlich genutzten Flächen im Meeresnähe wurden immer spärlicher. Dann gingen die Siedlungen wieder in geschlossene Hochhausbebauungen über, zwischendurch die typischen langen Reihen von eingeschossigen Fertighallen, in denen Kleingewerbe untergebracht werden soll, was aber längst nicht überall geklappt hat. Dann aber hatte uns der Großstadtverkehr der Stadt endgültig wieder eingefangen. Es ist immer wieder erstaunlich, da man trotz des irrsinnigen Verkehrs eigentlich nie so richtig im Stau steht, es geht meist irgendwie weiter, auch wenn dabei schon einmal auf Verkehrszeichen nicht so genau geachtet wird.

Da meine Vorräte an Getränken und Knabbereien auf wundersame Weise während der Busfahrt stark geschrumpft waren, Renate schmeckten Schweppes und Rosinen mit Nüssen wohl ebenso gut wie mir, waren wir beiden Lehrer auf ein ordentliches Essen angewiesen, Rainer Gusky war für die letzte Nacht noch einmal bei Ümran Hanim untergebracht. Wir gönnten uns daher ein üppiges Abendmenue und zogen erste Bilanz dieser Fahrt. Wir konnten uns getrost versichern, da diese Unternehmung ein großer Erfolg war, sicher auch, weil die Schülergruppe sich als sehr angenehm und pflegeleicht erwiesen hatte. Unter diesen Bedingungen ist man letztlich doch gern bereit, eine derartige Fahrt zu begleiten, auch wenn man von seinem Dienstherren keinerlei Zuschüsse bekommt! Unterwegs wurden wir noch von einem Teppichhändler eingefangen, den wir bisher immer mit Terminnot hatten vertrösten können. Diesmal mußten wir aber doch in den Laden und mit ihm einen Tee trinken. Dieser junge Mann ist in Heidelberg aufgewachsen, spricht daher gut Deutsch und ist nun im Familienbetrieb als Teppichhändler beteiligt. Er wollte nur mit uns sprechen und wir mußten feststellen, da er eine Menge Lebensweisheit verinnerlicht hatte. Einige seiner Sprüche möchte ich hier anfügen:

Am nächsten Morgen liefen Kollege Voigt und ich von der Schule aus noch einmal zum Großen Basar, da wir Geld übrig hatten und dieses nicht mit nach Hannover nehmen wollten. Aber wir ließen uns nicht zu den berühmten Sturzkäufen überreden, sondern konnten das Geld sogar noch zu annehmbarem Kurs zurücktauschen. Dann wurde es aber Zeit, zum Flughafen zu fahren. Für uns Begleiter wurde von der Schule eine Taxe geordert und bezahlt. Wir erwischten einen Fahrer, der uns deutlich vor Augen führte, warum der Verkehr in Istanbul so chaotisch verläuft; er kannte nur Gaspedal und Bremse, beides benutzte er jeweils bis zum Anschlag. Die Spitzengeschwindigkeit im Stadtgebiet betrug immerhin 120 km/h! Unter diesen Bedingungen kamen wir natürlich mehr als pünktlich am Flughafen an. Die Warterei war zwar etwas langweilig, wir konnten uns aber zumindest im Duty-Free-Shop umtun oder sogar noch etwas kaufen, bis wir endlich in die Maschine durften. Der Rückflug verlief ebenfalls ohne Komplikationen und gegen 20.00 Uhr schwebten wir auf dem Flughafen Hannover ein. Aus welchem Grund auch immer, Renate und ich waren die einzigen, die nicht abgeholt wurden, wir durften daher noch eine Busfahrt zum Bahnhof unternehmen, von dort per Bahn nach Mittelfeld, die letzten Meter nach Hause waren dann trotz Gepäck schnell geschafft.

Günter Fuchs

 


[1]      Orhan Veli Kanik: Fremdartig/Garip; Gedichte in zwei Sprachen. Hrsg. und übersetzt von Yüksel Pazarkaya. Frankfurt am Main 1985.

[2]      Jean Thevenot: Reisen in Europa. In: Sammlung der besten und neuesten Reisebeschreibungen... Aus verschiedenen Sprachen zusammengetragen. Dritter Band. Berlin 1779.

[3]      Julien Green: Meine Städte; Ein Reisetagebuch 1920-1984.  München 1986.

[4]      Pitton de Tournefort: Beschreibung einer auf königlichen Befehl unternommenen Reise nach der Levante. Aus dem Französischen. Zweyter Band. Nürnberg 1777.

[5]      Prokop: Bauten. Griechisch-deutsch Hg. von Otto Veh. München 1977.

[6]      Anonymos: Die Hagia Sophia zu Konstantinopel. Hg. von Alfons Maria Schneider. Bilderhefte antiker Kunst, Hg. vom  Archaeologischen Institut des Deutschen Reiches, Heft VI. Berlin 1939.

[7]      Friedrich Schrader: Konstantinopel; Vergangenheit und Gegenwart. Tübingen 1917.
Zur Person von Friedrich Schrader erhielt der Herausgeber im Mai 2004 folgende aufschlussreiche Nachricht, die es im thematischen Zusammenhang wert ist, hier zitiert zu werden: "
Sehr geehrter Herr Voigt, in Ihrem Reisebericht über die Türkei von 1996 auf der Webseite Ihres "UNESCO-Clubs" zitieren Sie einen Auszug aus dem Buch "Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart" meines Urgrossvaters Dr Friedrich Schrader. Leider hat Schrader nicht von 1876-1961 gelebt (ich habe keine Ahnung, woher diese Zahlenangaben kommen, die auch Jale Tükel in ihrem "dtv-Reisehandbuch Istanbul", aus dem Sie vermutlich Ihr Schrader-Zitat entnommen haben, benutzt), sondern ist bereits 1922 im Berliner "Exil" verstorben. Er ist nach seiner Promotion 1889 in Halle im Jahre 1891 nach Istanbul gekommen und arbeitete dort zunächst am amerikanischen "Robert College", später an einem armenischen Lyzeum und an der deutschen Schule. Schrader war einer der ersten Übersetzer moderner Literatur aus dem Türkischen ins Deutsche, und arbeitete seit der Revolution 1908 full-time als Journalist, Auslandskorrespondent und stellvertretender Chefredakteur des deutschsprachigen "Osmanischen Lloyd". Die Aufsätze im Buch "Konstantinopel" (im Kriege 1917 erschienen) waren überwiegend feuilletonistische Beiträge in dieser Zeitung. 1918 verliess Schrader die Redaktion, um sich ganz kunsthistorischen Studien der byzantinischen und islamischen Baudenkmäler zu widmen. 1918/1919 gelangte Schrader nach abenteuerlicher Flucht (beschrieben in seinem Buch "Eine Flüchtlingsreise durch die Ukraine") nach Berlin, wo er leider bereits 1922 verstarb. Schrader hat übrigens auch viele Jahre für den "Vorwärts" und die vom SPD-Vorstand und Karl Kautsky herausgegebene Monatszeitschrift "Die Neue Zeit" geschrieben, vor der Revolution 1908 unter dem Pseudonym "Ischtiraki" (arab. - türk. für "Sozialist"). Dr Jochen Schrader, Heidelberg." Wir danken für diese Korrektur und Ergänzung und hoffen, dass damit die interessante Persönlichkeit von Friedrich Schrader wieder stärker in die öffentliche Erinnerung zurück geführt wird.

[8]      Aras Ören: Deutschland, ein türkisches Märche; Gedichte. Aus dem Türkischen von Gisela Kraft. Düsseldorf 1973.

[9]      John Macdonald Kinneir: Reise durch Klein-Asien, Armenien und Kurdistan, in den Jahren 1813 und 1814. Aus dem Englischen von F.A. Ukert. Weimar 1821. (aus Kapitel 13-16.)

[10]    Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1988, S. 89 f. (redaktionell ergänzt).

[11]    Michael Neumann-Adrian und Christoph Neumann: MERIAN Reiseführer Türkei. München 1989, S. 112.

[12]    Die Geschichte der Entdeckung der Hethiter durch die Archäologie wird anschaulich dargestellt bei C.W. Ceram: Enge Schlucht und Schwarzer Berg. Entdeckung des Hethiter-Reiches. Reinbek ab 1966 in vielen Auflagen (Originalausgabe New York 1955). – Ein aktuellerer Überblick über die Geschichte der Hethiter findet sich bei Friedrich Cornelius: Geschichte der Hethiter. Darmstadt 1973 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).

[13]    Man denke nur an den zum nationalen Mythos empor stilisierten »Bürgerkrieg« zwischen Nord- und Südstaaten, in dem es materiell um den Erhalt und die Durchsetzung einer Herrschaftsordnung und der Dominanz der Modernisierungsoptionen der Gesellschaft, sozialstrukturell aber auch um die Homogenisierung der sozioökonomischen Lebensbedingungen und der Durchsetzung der Sozialideologie der White Anglo-Saxon Protestants ging. Es ist daher historisch zumindest Widersprüchlich, wenn Staaten wie Frankreich oder die USA eine entsprechende Homogenisierungs- und staatliche Integrationspolitik der Türkei als menschenrechtswidrig kritisieren, ehe sie sich selbst mit ihren eigenen Staatskonzepten und Staatsmythen aus der Zeit der Nationalstaatsbildung und den Stufen der regionalen Ethnogenese im eigenen Lande kritisch auseinander gesetzt haben. Daß aus politikwissenschaftlicher Sicht diese Nationalstaatsgenesen historisch als äußerst ambivalent eingestuft werden müssen, obwohl sie möglicherweise notwendige Schritte im Modernisierungsprozeß der Gesellschaft waren, steht außer Frage.

[14]    Damals fuhren wir während der Sommerferien mit drei VW-Bussen und zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch die Türkei und weiter nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel.

[15]    John Macdonald Kinneir: Reise durch Klein-Asien, Armenien und Kurdistan, in den Jahren 1813 und 1814. Aus dem Englischen von F.A. Ukert. Weimar 1821 (aus Kapitel 13-16.).

[16]    Vgl. die essayistischen Anmerkungen zur Aufnahme in diesem Hotel in dem Abschnitt »Einige Gedanken zu unserer Türkei-Reise 1996« im Einleitungsteil dieses Bandes.

[17]    Das Buch von Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland (gl. Bibliographie), mag dazu einige interessante Anregungen und Einsichten vermitteln!

[18]    Dieser interessante Beitrag meines ehemaligen Kollegen  – und Begleiters der ersten Türkei-Reise 1985 – Hans Gütte, bis zu seiner Pensionierung Musiklehrer an der Bismarckschule Hannover, wurde für den Reisebericht zur Orientfahrt 1987 geschrieben und verdient es, durch einen erneuten Abdruck wieder ins Gedächtnis gerufen zu werden. Gruß und Dank an unseren Freund Hans Gütte!

[19]    Unter Verwendung eines Reiseberichts von Sina Waldorf.

[20]    Richard Chandler: Reisen in Klein Asien. Leipzig 1776. (aus Kapitel 7-10.)

[21]    Unter Verwendung einer Reisebeschreibung von Julia Brodersen.

[22]    Anton von Prokesch: Erinnerung aus Aegypten und Kleinasien. Bd. 3. Wien 1831. (Kapitel 6.)

[Quelle: Voigt, Gerhard (Hrsg.): Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft. Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule Mit dem Reisebericht der Türkei-Studienfahrt der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Frühjahr 1996. Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover], 1997 (Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 9) ISBN 3-930307-08-1]

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KompetenzFokus Interkulturelle Kommunikation:
Verband der Politiklehrer e.V., Hannover – UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. – Deutsch-Türkische Vereinigung für Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Austausch, Hannover (Arbeitsgemeinschaft)

 

Stand: 20.03.2010 - bismarckschule.voigt@gmx.de

Verantwortlich: Gerhard Voigt, Oberstudienrat i.R.

Versitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover