| |
|
Editorische Notiz
Gerhard Voigt
Einige Gedanken zu unserer
Türkei-Reise 1996
Vom 11.5. bis 28.5.1996. Gerhard
Voigt: Einige
Gedanken zu unserer Türkei-Reise 1996. Ein Rückblick - İstanbul / Partnerschule
İstanbul Lisesi - Ankara - Boğazköy / Hattuşa - Kappadokien: Gülşehir,
Unterirdische Stadt Özkonak, Avanos, Zelve, Göreme, Uçhisar - Aksaray - Sultanhanı (Kervanseray)
- Konya - Pamukkale - Denizli - Aphrodisias - Selçuk - Ephesus / Efes - Pergamon
/ Bergama - Troja / Truva - Çanakkale - İstanbul (gemieteter Midibus)
1. Erlebnisse, Kontinuitäten...
Könnt Ihr Euch vorstellen, in ein Hotel zu kommen und als
Freunde empfangen zu werden? So erging es uns im
„Otel Tur“ in Konya. Nachdem unser Bus
auf dem Hinterhof-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des
Mevlâna einrangiert hat, folgt eine herzliche Begrüßung durch den
Hotelbesitzer mit Umarmungen und – in Englisch – dem Austausch der Neuigkeiten
seit dem letzten Besuch vor zwei Jahren.
Die Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die
insgesamt nur zwölf Zimmer des Hotels geschieht schnell und wir haben das Hotel
fast für uns alleine. Aber bis ich selbst zu meinem Zimmer komme, vergehen noch
zwei Stunden in der Eingangshalle bei Tee und Gesprächen mit Mustafa Akseki, dem
Hotelier, und den nach und nach vorbeischauenden Bekannten aus der Straße, die
uns begrüßen wollen.
Zwei Jahre zuvor hatten wir uns wegen Terminproblemen nicht
vorher in Konya anmelden können und fuhren auf gut Glück zum
Otel Tur, das ich von mehreren Reisen schon gut kannte – wie wir ja auch
sonst meistens auf unser Glück vertrauen und mit dem Bus einfach vor einem Hotel
vorfahren und mit dem Manager über den Preis für die Gruppe verhandeln, was uns
diesmal z.B. in Gülsehir
(der „Rosenstadt“) in Kappadokien zu einer besonders preiswerten und
komfortablen Unterkunft führte, während wir in
Ankara und Selçuk einfach wieder
in früheren Reisen spontan gefundene und nun bewährte Hotels ansteuerten, ggf.
mit einem kurzen Anruf vorab. Aber auch 1994 bei unserem Überraschungsbesuch in
Konya ermöglichte es unser Hotelier-Freund sofort, in dem Hotel für einen
äußerst günstigen Preis – jeweils um 10,-- bis 12,-- DM pro Person mit Frühstück
– unterzukommen, und der Fahrer, für den kein Einzelzimmer mehr vorhanden war,
wurde kurzerhand im Nachbarhotel untergebracht.
Zum sechsten Mal übernachten wir 1996 im
Otel Tur, um von dort aus die geschichtlich und religiös faszinierende Stadt
Konya, deren zentrale Moscheen als Welterbe der Menschheit unter dem besonderen
Schutz der UNESCO stehen, für uns zu erobern. Konya gehört zu den zentralen
Programmpunkten unserer Türkeireisen. Diese Halbmillionenstadt ist nicht nur
kulturell interessant, sondern zeigt ganz besonders die Widersprüchlichkeiten
der heutigen Türkei. Keine türkische Stadt ist baulich so modern, europäisch und
durch eine effiziente Stadtverwaltung sauber und geordnet – aber dadurch auch
kaum noch wie noch vor zwanzig Jahren „orientalisch“ wirkend – wie Konya mit
seiner sanierten Innenstadt und dem Ring moderner, durchaus höherwertigerer
Wohnblöcke, die fast vollständig durch Sonnenkollektoren auf den Dächern
modernen ökologischen Standards entsprechen.
Konya ist aber auch das geistige Zentrum vielfältiger
islamischer Bewegungen, unter denen an zentraler Stelle der Derwisch-Orden des
großen Mystikers und Philosophen Celâleddin Rûmî aus dem 13. Jahrhundert, der
Herrschaftszeit der Selçukensultane, die hier in Konya, dem antiken Iconium,
ihre Hauptstadt hatten, zu nennen ist. Rûmî schrieb das „große Buch“
Masnavi – gleichzeitig ein zentrales Werk der Weltliteratur –, in dem er die
mystische Lehre von der Allgegenwart der Liebe zu Gott und die daraus folgende
Liebe zu allen Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft und Volk, lehrte.
Seine Schüler, die bis heute in Konya eine wichtige geistige Rolle spielen,
obwohl der Orden in der Türkischen Republik offiziell aus politischen Gründen
seit Atatürk verboten ist, versuchen durch hochritualisierte meditative Tänze
eine emotionale Annäherung an die ersehnte
Gottesgegenwärtigkeit zu erreichen – Tänze, die heute in typisch türkischem
Kompromiß, äußerlich unter der Ägide des Tourismusministeriums als „Volkstänze“
gepflegt und dargeboten werden, ohne ihre innerliche religiöse Bedeutung für die
Tanzenden Derwische dabei je verloren zu haben. Das Grabmal Rûmîs (des
„Römers“, der aus dem islamischen Zentralasien stammte, aber nach Westen in den
Einfußbereich von Byzanz, dem östlichen
Rom, an den Hof der Selçukensultane zog und dort der religiöse verehrte
Meister und Lehrer, der Mevlâna, wurde) ist in dem traditionellen Kloster („tekke“)
in Konya zu finden, einem sehr meditativen und ruhevollen Ort – trotz der vielen
Touristen und Pilger –, das heute offiziell staatliches Museum ist, aber für die
Besucher zu einem Ort geistiger Kontemplation werden kann.
Der Sakophag Rûmîs steht zusammen mit den Begräbnisstätten
seiner Nachfolger im Orden, den Celebi, in einem reich mit goldenen
Schriftbändern verzierten hohen Kuppelraum, den die sehnsuchtsvoll-monotone
Musik der Ney-Flöte, die im Masnavi als Symbol der Sehnsucht nach der Heimkehr zu Gott eine
zentrale Rolle spielt, leise klagend erfüllt und jedes eigene laute Wort
verbietet.
Zwei weitere Kuppelräume quadratischen Grundrisses waren
früher der Tanzraum und der Gebetsraum der Derwische; heute dienen sie als
Ausstellungsräume für wertvolle Handschriften – Qor’an- und Masnavi-Bände seit
dem 14. Jahrhundert –, Musikinstrumente und Gebrauchsgegenstände aus dem
Ordensleben.
Neben der islamischen Mystik ist Konya aber auch ein
Zentrum der gebildeten islamisch-sunnitischen Theologie, die ihre Heimat heute
an der Universität hat. Aus der Selçuk-Zeit stammen zwei großartige
Baudenkmäler, die „Ince Minare Camii“
(die Moschee „mit dem schlanken Minarett“, das leider Anfang des Jahrhunderts
vom Blitzschlag gefällt wurde) und „Büyük Karatay Medresesi“ (Eine heute als Museum dienende
Koranschule, die nach dem Philosophen und Wissenschaftler Wesir Karatay genannt
ist), die beide in den letzten Jahren grundlegend restauriert und wieder der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind.
Zentrales Gebäude in Konya ist aber die auf dem in der
Stadtmitte liegenden (wahrscheinlich schon frühgeschichtlich-anthropogenen)
Burghügel liegende Sultansfestung, von der nur einige Mauern und Grabmäler („türbe“)
übrig geblieben sind, und die riesige
Alaeddin Camii, die von Sultan Alaeddin Kaykobat I. um 1220 als „fromme
Stiftung“ („vaqf“) errichtete
Sultansmoschee, deren Gebetshalle seit Jahrzehnten unzugänglich war, da die
hölzerne Dachkonstruktion über dem Wald steinerner Säulen – mit ihrem
ornamentalen und stilistischen Reichtum – eingestürzt war. Es war schon seit
vielen Jahren mein Wunsch, diese Moschee einmal besichtigen zu dürfen, aber ich
hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als ich dieses Jahr von ihrer
Wiedereröffnung erfuhr...
Zurück zum islamistischen Zentrum Konya! In der berühmten
islamischen theologischen Fakultät der Universität werden heute die führenden
Theologen ausgebildet, von denen die
islamische Renaissance und damit auch die Kritik am weltlichen Staat der
Türkischen Republik ausgeht; Kritiker meinen, daß damit auch eine Abkehr von der
Moderne beabsichtigt sei. Konya war dann auch die erste Großstadt der Türkei, in
der die islamistische Refah-Partei die
kommunalpolitische Mehrheit errang. Heute beherrscht sie die meisten Großstädte
wie Istanbul und Ankara und ist mit ihrem Vorsitzenden
Erbakan in der Koalition mit der „Partei des rechten Weges“ (DYP) von Frau Çiller an
der Staatsregierung beteiligt.
Der widersprüchliche Eindruck dieser Situation entsteht nun
gerade dadurch, daß seither die äußere, städtebauliche Modernisierung Konyas zur
Leitmaxime der Stadtverwaltung geworden ist und effektiv durchgesetzt wurde.
Dieser technologisch-modernistische Zug der „Refah Partisi“ ist aber
nicht zufällig, sondern Teil ihres Selbstverständnisses, das die islamische
Kultur als moderner und
der westlichen Zivilisation überlegen bezeichnet; das wurde uns auch in der
Beobachtung des Wahlkampfes in Istanbul deutlich, wo auf großen Plakaten unter
dem Signum der Refah junge, fesch-westlich mit weißem Hemd und Krawatte
gekleidete Männer, sichtlich »Yuppie-Ingenieure«, sich über
Konstruktionszeichnungen oder Baupläne beugen, sichtlich Repräsentanten einer
»neuen, sauberen, pragmatischen« Türkei. Über dieses Motiv sprechen die
Islamisten das von Korruption und politischer Kungelei abgestoßene türkische
Bürgertum an... Was aber die gesellschaftliche Modernität und Liberalität, das
tolerante Grundverständnis für eine pluralistische Demokratie, deren Entwicklung
und Sicherung der Türkei zu wünschen wäre, angeht, sehen die Antworten der Refah bekanntlich anders aus, enger, konservativer, unduldsamer, an
islamischen Großmachtträumen orientiert, aus...
Was hat es nun mit unserem Empfang im Hotel Teuer auf sich,
das sollte schließlich erklärt werden. Zum ersten Mal übernachteten wir mit
einer Gruppe der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Otel Tur im Jahre 1985 bei unserer ersten Austauschfahrt in die
Türkei, die wir noch sehr sorgfältig von Hannover aus organisiert hatten
(übrigens hatte ich 1974 bei einer Gruppenfahrt in den Iran schon einmal auf dem
Camping-Platz von Konya übernachtet, wo wir auch 1987 bei unserer großen
sommerlichen »Orienttour« mit vier VW-Bussen nach Ägypten und Israel
unterkamen). Ich hatte die Adresse vom Fremdenverkehrsbüro aus Konya erhalten,
die mir sympathisch unprofessionell handschriftlich in holprigem Englisch
geantwortet hatten. Das Hotel war funkelnagelneu und sichtlich zum größten Teil
in Eigenarbeit von dem stolzen Besitzer und seinen Freunden gebaut und
eingerichtet worden. Auch hier wieder das noch familiäre und etwas
unprofessionelle Engagement einiger junger Männer, wie es in der Türkei häufig
anzutreffen ist und das voll auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens, auch
zum Gast, aufbaut. Aber der Überschwang dieser ersten Aufenthaltsdauer war doch
noch etwas besonderes. Mustafa Akseki vermittelte uns, da wir dieses eine Mal
unsere Rundreise mit Linienbussen durchführten, Kleinbusse zum Besuch von
Sultanhani und Kappadokien und legte zunächst auch das Geld dafür vor. In
späteren Jahren, wir berichteten in unseren Abschlußheften jeweils darüber, hat
er uns in findiger Weise liegen gelassene Gegenstände nach Izmir nachgeschickt
und überhaupt ein Maß an Hilfsbereitschaft gezeigt, daß nicht nur für ihn,
sondern für Konya und die türkische Kultur insgesamt einnahm. Was wir erst
Reisen später erfuhren: Wir waren überhaupt die ersten Gäste nach der Eröffnung
des Hotels gewesen. Seither sind wir in diesem Teil von Konya »VIPs«!
2. Das weitere Programm
Wie jetzt schon klar ist, war die Türkei-Reise 1996 nicht
unsere erste Begegnung mit diesem interessanten und auch für die europäische
Politik wichtigen Land sondern ist Teil der intensiven interkulturellen
Partnerschafts- und Austauschprogramme der Bismarckschule Hannover als
UNESCO-Projekt-Schule. Seit 1985 haben wir eine enge und gut funktionierende
Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi – einer der besten Schulen des Landes
– aufgebaut und wechseln uns jährlich alternierend mit unseren gegenseitigen
Besuchen ab.
Erleichtert wurde mir persönlich dieses Engagement für die
Türkei dadurch, daß ich dieses Land seit meinem Studium der Geographie kenne und
erstmalig, nach ersten Geländeerfahrungen in Nordafrika, auf meiner Reise in den
Iran 1970 (wo ich für meine Staatsexamensarbeit einen zweimonatigen
Forschungsaufenthalt in der Region Shiraz hatte) von West nach Ost und später
auf dem Rückweg noch einmal in entgegengesetzter Richtung mit dem Wagen
durchqueren konnte, wobei ich mich schon bemühte, möglichst viele Orte
kennenzulernen und zu besuchen. In dem folgenden Vierteljahrhundert bin ich dann
aus verschiedenen Anlässen in der Türkei gewesen und konnte dort Kontakte und
Freundschaften finden und auch beginnende »Heimatgefühle« für dieses Land,
dessen Lebensgefühl mir nicht mehr so fremd ist, entwickeln, von dem ich
versuche, etwas meinen Schülerinnen und Schüler in der
Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule mitzuteilen.
So kann es durchaus vorkommen, mich an einem warmen
Frühlingsabend, natürlich wieder, um dem Leitmotiv dieses Berichtes zu folgen,
in Konya, auf einem kleinen Teppich am Straßenrand mit einigen Kleinhändlern aus
der Straße sitzen zu sehen, Tee trinkend und in endlose Gespräche über Gott und
die Welt, über die Heiligkeit des mevlâna
oder die Korruption von Frau Çiller und die desolate Wirtschaftslage des Landes
verwickelt, während die Schülerinnen und Schüler einige Häuser weiter mit jungen
Leuten oder bei Teppichhändlern, die längst wissen, daß unsere Gruppe keine
Teppichkäufer bringt, ebenfalls reden und Apfel-Tee trinken...
Unsere Partnerschule in Istanbul ist eine sogenannte
„bilinguale Schule“, in der die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in
deutscher Sprache – von deutschen Lehrern – erteilt werden. Durch einen ein- bis
zweijährigen intensiven Einführungskurs in die deutsche Sprache – es handelt
sich bei den Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi ja nicht um
„Rückkehrerkinder“, in der Türkei »Deutschländer« genannt, die schon Deutschkenntnisse mitbringen – sprechen
die Kinder schon in der sechsten Klasse, der Eingangsklasse, fließend Deutsch,
so daß auch unsere Kontakte und die Unterbringung in Familien in Istanbul
keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
Türkisches Familienleben und türkische
Gastfreundschaft ganz privat erlebt als Auftakt unserer Begegnungen mit der
Türkei sind der menschlichste und intensivste Weg, die Schulpartnerschaft nicht
nur institutionell zu sichern, sondern mit Leben zu füllen, wie es das Ziel des
Interkulturellen Lernens der UNESCO-Projekt-Schulen ist. Auch Freundschaften
über die Grenzen hinweg sind auf diesem Wege entstanden. Ich kann mir nur
wünschen, daß noch viele unserer Schülerinnen und Schüler diese Erfahrungen
machen dürfen und lernen können, das Fremde zu verstehen und zu begreifen, daß
wir in einer Welt zusammen leben.
3. Die Türkeipläne
für 1997
Zu weiteren
Besuchen gibt es bald wieder die nächste Chance. Nachdem unsere türkischen
Gäste aus verschiedenen terminlichen Gründen ihren turnusmäßigen Besuch in
Hannover nicht am Schuljahresende, das heißt im Frühsommer 1997, unternehmen
konnten, sondern schon im Herbst 1996 unserem Besuch in Istanbul Pfingsten
des vergangenen Jahres zeitlich schnell folgten, wäre es für unsere
Gastgeber für einen Gegenbesuch, der sehnlichst erwartet wird, doch zu lang,
bis zum regulären Termin 1998 zu warten. So haben wir uns nun entschlossen,
schon im Herbst 1997, unter Einschluß eines Teiles der Herbstferien, wieder
in die Türkei zu fahren, was auch den Turnus so verschiebt, daß wir, wie
erhofft, unsere türkischen Gäste gerade im Jahr 2000 nach Hannover einladen
können.
Das Programm soll
auch diesmal dem bewährten Muster folgen und nach der Woche in Istanbul eine
Rundfahrt durch Westanatolien einschließen, um das Land, seine Geschichte
und Kultur und das heutige Leben in der Türkei einschließlich seiner
gesellschaftlichen und politischen Probleme besser kennen lernen zu können.
Dabei haben wir vier thematische und regionale Programmschwerpunkte:
¨ An der
Ägäisküste im Westen lernen wir die antike Geschichte in so bekannten
Orten wie Troja, Pergamon und Ephesos kennen – an einer Küste, wo
vielleicht sogar im Oktober noch ein erfrischendes Bad im Meer möglich ist
–,
-
in Konya
werden wir mit der türkisch-islamischen Geschichte konfrontiert und
begegnen der Zeit der Selçuken und der islamischen Mystik des mevlâna,
-
in
Kappadokien geht ein integrativer Blick über die Jahrtausende anatolischer
Geschichte von der Bronzezeit (Tal von Zelve), dem altgeschichtlichen
Großreich der Hethiter (in Hattusa), Byzanz (in den Höhlenkirchen von
Göreme und den »unterirdischen Städten«) bis zur Gegenwart in einer
fruchtbaren türkischen Kulturregion mit Obst- und Weinbau in einer
Landschaft, die geographisch und von ihrem Erlebniswert her atemberaubend
ist (ich will hier nicht zu viel vorweg verraten),
-
in Ankara schließlich begegnen wir in der Hauptstadt
dem Selbstverständnis der modernen Türkischen Republik und besuchen dort
das Grabmal des Staatsgründers Kemal Atatürk.
Daneben hat uns
ja der Besuch in Istanbul schon in metropolitaner Form erste Eindrücke aus
zweitausend Jahren Geschichte seit der frühchristlich-byzantinischen
Basilika Hagia Sophia bis hin zu den heutigen Einkaufszentren
gegeben. Wir sollten daran denken, daß diese Stadt über viele Jahrhunderte
Hauptstadt der Welt – soweit sie damals staatlich organisiert war –
gewesen ist, in der sich das Schicksal von Orient und Okzident entschied:
zuerst als das Neue Rom: Konstantinopel, später noch einmal als
Zentrum des mächtigen Osmanischen Reiches, das das Mittelmeergebiet
im 15. Jahrhundert von Gibraltar bis zum Zagros, von Ungarn bis Mekka
beherrschte und dessen kultureller Einfluß bis weit in die christlichen
Staaten der frühen Neuzeit reichte. Dieses Erbe macht auch heute noch
Urbanität und Dignität dieser Stadt aus.
Das Urbild der
Metropolen wurde dann auch folgerichtig 1996 zum Ort der internationalen
UN-Konferenz Habitat II, in der die weltweiten Probleme der
Verstädterung, die sozialen, ökonomisch-strukturellen und ökologischen
Probleme der rasant wachsenden Agglomerationen verhandelt wurden. Istanbul
ist ein gutes Beispiel dafür. Schon früh in diesem Jahrhundert zur
Millionenstadt geworden, wächst diese Riesenstadt vor allem durch die
innertürkische Landflucht in den Sechziger Jahren auf vier, in den Siebziger
Jahren auf sechs bis sieben und dann bald auf acht bis zehn Millionen
Einwohner an. Offiziell hat, je nach Quelle, die Stadt heute eine
Einwohnerzahl von acht bis zwölf Millionen, der verstädterte Bezirk, der vom
Schwarzen Meer bist an den Golf von šzmit reicht, nach geographischen
Schätzungen etwa vierzehn bis sechzehn Millionen Einwohner und die höchste
Schätzung, die ich gefunden habe, benennt gar zwanzig Millionen für den
Konurbationsraum.
Welche Probleme
mit diesem Wachstum verbunden sind, dürfte klar sein und wird deutlich, wenn
man kilometerweit durch die slumartigen Außenringe der Stadt oder durch die
schnell und oft spekulativ und wenig qualitätsbewußt gebauten
Wohnblockviertel an den Ausfallstraßen fährt, gegen die die berüchtigten
»Plattenbauten« der ehemaligen DDR fast idyllisch anmuten: Es ist kein
Einzelfall, daß Vorortviertel für 200.000 neue Bewohner in einem Zug
hochgezogen werden, auch wenn die Vermietung dann oft jahrelang auf sich
warten läßt – denn für die Slumbewohner sind auch diese Wohnungen zu teuer.
Die illegalen Siedlungen der Landflüchtlinge haben aber in der Türkei eine
lange Tradition und sind sozial stärker integriert als z.B. die favelas
in Südamerika oder gar die Verfalls- und Drogenviertel in den Großstädten
der USA. Die gecekondus, d.h. „die über Nacht gebauten Häuser", die
nach altem Gewohnheitsrecht nicht gewaltsam mehr beseitigt werden dürfen
(woran sich der Staat heute nicht mehr immer hält), sind in der Regel zwar
sozioökonomische und ökologisch-hygienische Elendsgebiete, sozial aber viel
stärker in die Gesellschaft eingebunden als die Randkulturen der westlichen
Industriestaaten. Gerade das noch intakte islamische Wertesystem hilft hier
zur Lebensbewältigung und schützt vor dem Abstieg in Asozialität und
Delinquenz. So sind die Armenviertel der türkischen Großstädte heute ein
sicheres Wählerreservoir für die hier betont religiös-konservativ
auftretenden Islamisten der Refah.
Das sah auch die
islamistische Stadtregierung bei der Veranstaltung von Habitat II,
mit der sich die Stadt, ohne daß dabei publikumswirksame Veranstaltungen
angeboten wurden, in hohem Maße identifizierte; in aller Hektik wurde noch
wenige Wochen vor Tagungsbeginn ein Innenstadt-Umbau eingeleitet, nachdem
das Tagungszentrum am Flughafen völlig erneuert worden war: Die
Nostalgie-Straßenbahn am Taksim-Platz wurde erneuert, neue Fußgängerzonen
eingerichtet und die Fußwege in den Zentrumsbereichen von Caäaloälu (wo
unsere Partnerschule steht), Sultan Ahmed (mit den Touristenzentren) und
Eminönü (zwischen Bahnhof und den Fähranlegern am Goldenen Horn) wurden auf
viele Kilometer mit roten Ziegeln neu gepflastert. Ja sicher, das ist reine
Kosmetik. Aber es zeigt ein Lebensgefühl, das sich mit der Stadt
identifiziert, es zeigt wie überhaupt das Leben in Istanbul: echte
Urbanität.
Impressionen aus dem Reisetagebuch
1. Vorbereitungen
Nach inzwischen mehr als 10 Jahren intensiver Kontakte
mit unserer Partnerschule Istanbul Lisesi liefen die Vorbereitungen eigentlich
recht reibungslos, nur in den Weihnachtsferien hieß es plötzlich, die Schule
dort würde geschlossen, ein Schüler hatte wohl seinen Austauschkameraden
falsch verstanden und verbreitete nun mit diesen Schreckensmeldungen einige
Unruhe. Meinen Kollegen Voigt konnte man mit derartigen Meldungen jedoch nicht
aus der Ruhe bringen, er hatte in den vergangenen Jahren schon manche Meldung
erhalten, die sich später als falsch oder zumindest unerheblich erwies. So
wartete er mit seiner fast orientalischen Gelassenheit einfach ab und
überhörte das aufgeregte Geschwätz einiger besorgter Mütter: völlig zu Recht,
wie sich bald herausstellte!
Für die Fahrt hatten wir dank der Feiertage 17 Tage zur
Verfügung; Himmelfahrt, Pfingsten und ein zusätzlicher freier Tag ließen
diesen langen Zeitraum zu, und in der Schule fielen auf diese Weise nur acht
Schultage aus. Damit hatten wir für die geplante Rundtour, die sich an den
Aufenthalt in Istanbul anschließen sollte, immerhin 10 Tage Zeit. Die
vorgesehenen Ziele waren: Sinop, Samsun, Ankara, Hattuşa, Kappadokien, Konya,
Pamukkale, Selçuk, Ephesus, Pergamon, Troja und Çannakale. Leider mußten wir
in Istanbul den Abstecher ans Schwarze Meer streichen, die Entfernungen in der
Türkei, die Straßenverhältnisse, die Belastbarkeit von Fahrer und Schülern
hätten zu einem krassen Mißverhältnis zwischen zeitlichem Aufwand und den
Belastungen der stundenlangen Busfahrten und den dafür gewonnenen Eindrücken
und Erlebnissen gestanden. Mit einer anderen, belastbareren Gruppe wäre das
Unterfangen vielleicht möglich gewesen, mit Schülern der Klassen acht bis elf
schien uns letztlich das Risiko eines Mißerfolgs doch zu groß; so mußten
Kollege Voigt und ich uns vertrösten auf eine weitere Gelegenheit, die
Kontakte in die Türkei werden sicher noch etliche Jahre halten!
Der größte Teil der Vorbereitungen für die Schülergruppe
wurde von meinem Kollegen Voigt erledigt, er hat fast alle nötigen Schreiben,
Anmeldeformulare und Reiseunterlagen im Computer gespeichert und versteht es
hervorragend, die jeweils nötigen Teile schnell herauszuholen und zu drucken.
So blieb für mich fast nur die eigene Vorbereitung, also ein recht angenehmer
Beginn der Fahrt. Dennoch machte sich am Vorabend der Fahrt einige Unruhe im
Hause bemerkbar, letztlich haben Renate und ich wohl doch alle Sachen
beisammengehabt, unterwegs hat uns nichts gefehlt ä nur wie so oft hatte ich
meinen Koffer wieder einmal zu voll gepackt, einige Sachen habe ich unbenutzt
zurückgebracht. Andererseits war ich aber für alle möglichen Fälle, sprich
Veranstaltungen gerüstet, denn es war nicht abzusehen, zu welchen
gesellschaftlichen Ereignissen wir geladen würden, und in der Türkei legt man
sehr wohl, zumindest bei offiziellen Anlässen, Wert auf Etikette.
Günter Fuchs
2. In Istanbul
Ich höre Istanbul
|
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Zuerst weht ein leichter Wind,
Leicht bewegen sich
Die Blätter in den Bäumen.
In der Ferne, weit in der Ferne.
Pausenlos die Glocke der Wasserverkäufer.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
In der Höhe die Schreie der Vögel,
Die in Scharen fliegen.
Die großen Fischernetze werden eingezogen,
Die Füße einer Frau berühren das Wasser.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Der kühle Basar,
Mahmutpascha mit dem Geschrei der Verkäufer,
Die Höfe voll Tauben.
Das Gehämmer von den Docks her;
Im Frühlingswind der Geruch von Schweiß.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
|
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Im Kopf den Rausch vergangener Feste.
Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern,
Das Sausen der Südwinde legt sich.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ein Dämchen geht auf dem Gehsteig.
Flüche, Lieder, Rufe hinter ihr her.
Sie läßt etwas aus der Hand fallen,
Es muß eine Rose sein.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ein Vogel zappelt an deinen Hängen.
Ich weiß, ob deine Stirn heiß ist oder nicht,
Ich weiß, ob deine Lippen feucht sind oder nicht.
Weiß geht der Mond hinter den Nußbäumen auf,
Ich weiß es von deinem Herzschlag.
Ich höre Istanbul.
Orhan Veli KanIk
(1914-1950)
|
Samstag, 11. Mai
Flughafen Istanbul (Dış Hatlar): Empfang durch
die Gastgeber Ankunft 15.30 Uhr – (Istanbul Airlines)
Was sind die drei Stunden Flug von Hannover nach
Istanbul, wenn Anfahrt, Einschecken, Ankunft, Paßkontrolle, Warten auf das
Gepäck und Autofahrt über die Schnellstraßen nach Istanbul das Doppelte dieser
Zeit in Anspruch nehmen? Für die Piloten ist diese Route wohl auch nur eine
Bagatellstrecken, hin und zurück im täglichen Pendelverkehr.
Mit Istanbul Hava Yollarx sind wir durch Öger Tour nun
schon mehrfach geflogen, früher auch mit Birgen Air, die ja nun vom Markt
verschwunden sind. So ist vom Flug nichts Besonderes zu vermelden, das
Fertigessen alla turca belanglos
fad, aber eßbar, der Flug ruhig und Pünktlich,
business as usual...
Schön ist aber jedesmal der freudige Empfang durch die
›Gasteltern‹ unserer Schülerinnen und Schüler in der Ankunfthalle des
Atatürk-Flughafens. Bis dann alle ihre Familien gefunden, keiner übrig geblieben und das Gepäck
regelrecht verteilt ist, vergeht einige Zeit; kurze Verabschiedung bis Montag,
in der Schule... dann mit Herrn und Frau Türkoälu, bei denen Rainer Gusky
untergebracht ist im Auto zur Istanbul Lisesi, wo die Lehrer, Günter Fuchs und
ich, als einzige im Internat der Schule untergebracht werden. Daß zunächst
auch Rainer Gusky hier unterkommen mußte, hing an unerwarteten Zwischenfällen,
über die er selbst in seinem nachfolgenden Bericht Auskunft geben wird. Frau
Türkoälu, Lehrerin an der Istanbul Lisesi, ist diesmal für die Betreuung der
Gruppe in Istanbul zuständig, da sie letztes Jahr auch die türkische
Schülergruppe bei ihrem Besuch in Hannover begleitet hatte – und bei Rainer
Gusky wohnen konnte.
Das Internat für Jungen der Istanbul Lisesi hat im
Kellergeschoß eine Reihe von Gastzimmern, in denen, falls einmal eine
Familienunterbringung nicht klappen sollte, auch eine ganze Gruppe
untergebracht werden könnte. Vor einigen Jahren, als wir kurzfristig einen
Besuchstermin verschieben mußten, waren wir dann auch hier untergebracht. So
bleiben nur die begleitenden Lehrer in dieser ›minder komfortablen‹ Unterkunft auf unterstem Jugendherbergsniveau
mit einer Verpflegung, der man die Finanznöte der Schule doch deutlich
herausschmecken kann. Vielleicht kann es sich die Reiseorganisation in
kommenden Jahren jedoch leisten, die Begleitpersonen ohne finanzielle
Zusatzbelastungen in einem kleinen Hotel in der Altstadt nahe der Schule
unterzubringen... Es sei denn, wie die Schule plant, daß das ganze Internat
abgerissen und ›luxuriös‹ wieder
aufgebaut würde...
Diese Pläne stehen mit weitreichenden Umbaumaßnahmen im
Zusammenhang, von denen der Neubau einer zugeordneten privaten Grundschule auf
dem Grundstück, hangabwärts auf der anderen Seite des Schulhofes, schon
während unseres Besuches Gestalt annahm. Was Ausschachtungsarbeiten und
Neubauten in der Istanbuler Altstadt auf historischem Grund und Boden mit
einer Vielzahl noch unerkundeter Siedlungshorizonte für Probleme bereitet –
statische und denkmalschützerische, die z.B. schon den Bau einer dringend
notwendigen Tiefgarage verhinderten –, kann man sich vorstellen.
Den Nachmittag verbrachten wir nun in Gesellschaft von
Herrn und Frau Türkoälu, die uns zu einem Spaziergang durch das derzeit in
Restauration und Sanierung befindliche alte Stadtviertel von
Pera, um den alten Namen hier zu gebrauchen, bis zum
Taksimplatz, dem quicklebendigen Einkaufs- und Flanierzentrum des Istanbul
der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Und schließlich zum gemeinsamen
Abendessen in einem idyllischen Restaurant beim Çiçek-Pazari (›Blumen Bazar‹),
von dem Rainer Gusky noch berichten wird...
Zunächst aber noch einige Eindrücke, die mein Kollege
Fuchs an diesem ersten Tag der Fahrt gesammelt hat. Er schreibt von der Fahrt
zum Flughafen. „Dort begann erst einmal die übliche Warterei, die Eltern gaben
ihren Sprößlingen zum wiederholten Male gute Ratschläge mit, wir Lehrer wurden
nochmals sorgenvoll befragt, ob es denn in der Türkei wirklich sicher wäre,
der Beauftragte des türkischen Reisebüros tauchte auf, die Pässe wurden
eingesammelt, und dann wurde es tatsächlich ernst. Unsere kleine Gruppe,
bestehend aus 14 Schülern der Klassenstufen acht bis elf, Kollege Voigt und
Rainer Gusky, ein vorzeitig in Ruhestand versetzter Beamter mit guten
Türkischkenntnissen, reihte sich in die Schlange vor dem Schalter ein, wir
schoben unsere Gepäckstücke aufs Förderband und ließen uns letztlich gründlich
durchsuchen. Ganz interessiert beobachteten die Schüler auf dem Monitor, was
in den einzelnen Reisetaschen verborgen war, es ließ sich erstaunlich gut
ausmachen!
Im Warteraum gab es dann die erste Aufregung, ein Schüler
suchte verzweifelt nach seiner Bordkarte; innerhalb von nur wenigen Minuten
war es ihm gelungen, die Karte so zu verlegen, da sie nicht wieder aufzufinden
war. Also zurück durch die Sperre, den Angestellten am Schalter unser Leid
geklagt, in äußerst netter Weise dann aber die Beruhigung für Henning, da er
auf jeden Fall mitfliegen dürfe, er mußte nur als Letzter einsteigen.
Der Flug verlief sehr angenehm, ich hatte meinen Platz in
der ersten Reihe am Gang und saß daher recht bequem, der Himmel war stark
bewölkt, so da fast nichts zu sehen war; ständig fuhren die Stewadessen ihre
Karren beladen mit Getränken, dem üblichen Hähnchenschenkel mit Beilagen als
Imbiß, zollfreien Zigaretten und Alkoholika durch den schmalen Gang. Die Zeit
verging daher im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge. Über dem Bosporus riß
die Wolkendecke auf und, da wir einige Kurven flogen, genossen wir einen
schnellen Blick auf Istanbul.
Die üblichen Formalitäten am Flughafen waren bald
abgewickelt und wir wurden herzlich von den Gastgebern begrüßt. Die Schüler
kannten ja ihre Gastgeber schon, die nun von ihren Eltern begleitet wurden;
wir Begleiter waren schnell vergessen, ein kurzes Winken und wir drei standen
mit der türkischen Kollegin Ümran Türkogulu und ihrem Mann alleine da. Ümran
kannte ich schon vom letzten Jahr aus Hannover, als sie mit der türkischen
Schülergruppe in Deutschland war, und wir gemeinsam in Bremen waren. Außerhalb
des Flughafengebäudes empfing uns eine warme Wand, ein krasser Gegensatz zum
Wetter in Hannover: wir merkten sofort, da wir weit nach Süden vorgedrungen
waren!
Die Fahrt zur Schule zeigte mir schnell einige
Veränderungen, es waren neue Viertel entstanden, die eine erhebliche
Ausdehnung hatten; das wirkliche, oder besser erschreckende, Ausmaß des
immensen Wachstums nahmen wir erst im Lauf der nächsten Tage wahr.
Andererseits war der Weg in Richtung Stadt am Ufer des Bosporus entlang auch
noch ein wenig vertraut, die schlichte Uferpromenade, die einfach
ausgestatteten Spielplätze, die Schiffe auf der Reede, die Stadtmauer,
natürlich auch der dichte Verkehr, selbst der Weg durch die Altstadt waren mir
noch bekannt. Die Schule hatte allerdings eine neue Pförtnerloge, und der alte
Pförtner, den Kollege Voigt seit vielen Jahren kannte, war inzwischen durch
eine Garde junger Angestellter abgelöst worden, die uns aber nicht weniger
zuvorkommend in den nächsten Tagen ein- und ausließen. Wir bezogen im Internat
der Schule unsere Räume, machten uns schnell ein wenig frisch und schon
wartete der erste Programmpunkt auf uns.“
Günter Fuchs
Sonntag, 12. Mai
Bei den Familien
Bei Familie Türkoğlu
Bei der diesjährigen Reise sollte ich auch einmal in den
Genuß kommen bei einer türkischen Familie unterzukommen, um die dortigen
Lebensverhältnisse näher kennenlernen zu können. Normalerweise werden seitens
der türkischen Gastgeber Lehrer und Begleitpersonen nicht in Familien, sondern
in Gästezimmern des Internats untergebracht. Dennoch habe ich, weil wir im
letzten Jahr eine türkische Begleiterin bei uns aufgenommen hatten, und so
schon im Vorwege von ihr eine Einladung
bekommen, sie zu besuchen.
In Istanbul angelangt mußte Ümran, meine Gastgeberin,
sich bei mir vielmals entschuldigen, da sie mich im Moment nicht aufnehmen
könne, weil Handwerker im Hause seien, die nach einem elektrischen Defekt
suchen, denn überall im Haus bekäme man an den Wasserleitungen einen
elektrischen Schlag. Also ging es erst einmal in das mir wohl vertraute
Internat.
Das Wochenende war sehr ausgefüllt, da Ümran und ihr Mann
Sabahattin sich sehr um unser Wohlergehen gekümmert haben. Am Samstag wurden
wir gleich in ein sehr altes Hotel »entführt«, in dem ein sehr gemütliches
Café ist, in dem Ümran gelegentlich auch mit Freundinnen sitzt, um einen
Plausch zu halten. Die Suite von Kemal
Atatürk, noch im original Erhaltungszustand, ist eine von vielen weiteren
Suiten prominenter Leute, die hier ihre festen Zimmer hatten, die wir
besichtigen durften. Anschließend machten wir im Stadtteil
Taksim einen Stadtbummel und kehrten dann von einer neu eingerichteten
Fußgängerzone im Çiçek-Pazari in
einer Lokalmeile in ein Restaurant ein, um uns an den vielen leckeren
Vorspeisen, frisch zubereitetem Fisch und dem vom Gastgeber verbindlich
gereichten Rakı gütlich zu tun. Wie alte Bekannte, die sich längere Zeit nicht
gesehen haben wurde uns wie selbstverständlich ein schöner Tagesausklang
beschert. Die Verständigung ist in Türkisch und Englisch ganz gut gegangen.
Da Ümran’s Mann gleich für mehrere Jahre in
Efes, in der Hagia Sofia, im Topkapı Saray als archäologischer Direktor gearbeitet hatte und
derzeit im Yıldız Saray arbeitet,
ist es nicht verwunderlich, daß wir gleich am Sonntag ins Archäologische Museum eingeladen wurden. Sabahattin’s Namen konnten
wir mit seinem Einverständnis immer wieder als unseren Gastgeber angeben, um
in den Dolma Bahçe Palast, ins
Kulturmuseum oder in andere Museen kostenlos hineinzugelangen.
Am Mittwochvormittag wurden bei Türkoğlu die
Reparaturarbeiten beendet und ich konnte dann nachmittags mit zu ihnen nach
Hause fahren. Da sie auf dem Gelände des Yıldız Saray’s eine Dienstwohnung
bezogen haben, sind wir erst einmal ins Museum gegangen, wo
Gebrauchsgegenstände, Bekleidung, eine Kutsche, Möbel, Gemälde, Waffen und
Schmuck der letzten Sultanatszeit ausgestellt wurden. Anschließend
schlenderten wir durch den herrlichen Garten des Palastes. Auf dem Weg zur
Wohnung, fast am Ende dieser Anlage, mußte Sabahattin noch das dazugehörige
Privattheater zeigen. Yıldız bedeutet Stern und so war es nicht verwunderlich,
daß die in blau gehaltene Decke mit vielen goldenen Sternen versehen war.
Einige Originalkostüme des letzten Jahrhunderts sind neben ersten Fotografien
von Schauspielern in einem Nebenraum ausgestellt.
Nun durfte ich tatsächlich die Wohnung meiner Gastgeber
kennenlernen. Wie sich das so gehört, werden hier die Schuhe vor der
Wohnungstür ausgezogen, denn für Gäste sind immer genügend Hausschuhe
vorhanden. Ich durfte das freie Zimmer des Sohnes beziehen, da dieser in
Ankara studiert und nur noch gelegentlich zum Wochenende mal nach Hause fährt.
Das Mobiliar und die Art der Gestaltung sind dem Stil des Hauses angepaßt und
könnten auch irgendwo aus einem westeuropäischen Land stammen. Technische
Geräte, sowie sanitäre Einrichtungen kommen einem sehr vertraut vor. Der
kleine Unterschied besteht nur darin, daß die Türkoğlus zur türkischen
Oberschicht gehören und sich diesen Status nur halten können, weil auch Ümran
berufstätig ist.
Mir blieb gerade noch genug Zeit meine Gastgeschenke zu
überreichen, mich frisch zu machen und umzuziehen, um dann im asiatischen Teil
Istanbuls Ümrans Schwester zu besuchen. Einfluß kann man darauf überhaupt
nicht nehmen, da alles schon im Vorwege organisiert wurde. Nach dem Parken in
der Hofzufahrt gingen wir durch einen großzügig angelegten Garten zum Haus. Es
liegt auf einer Anhöhe mit Blick zum Bosporus.
Das Haus war einmal, so wie es sich später herausstellte,
als Doppelhaus im typischen Holzbaustil der Jahrhundertwende errichtet worden.
Da das Gebäude sehr verfallen war und daher günstig zu erwerben war, wurden
Trennwände herausgenommen und aus zwei ein herrlich restauriertes Stadthaus
herausgeputzt.
Man hat uns schon erwartet und tauscht die üblichen
Begrüßungsfloskeln: „How geldiniz!“, „How bulduk!“, aus. Die Straßenschuhe
wurden im Eingang ausgezogen und Hausschuhe gereicht. Nach dem allgemeinen
Erfragen nach dem Wohlbefinden kümmert man sich erst einmal wenig um mich. Ich
bin einer der Gäste, werde wie alle behandelt, darf mich frei bewegen und
bekomme höflicherweise noch ein Getränk angeboten. Nur die beiden Kinder Ufuk,
9 Jahre alt, und Wafka, 19 Jahre alt, zeigen wahres Interesse. Ufuk, weil er
Französisch kann und hofft seine Kenntnisse nun an den Mann bringen zu können,
und Wafka, weil sie Englisch studiert, geht es nicht anders. Da ich fast kein
Französisch spreche, müssen wir uns wohl in Türkisch oder Englisch
unterhalten. Die Eltern sprechen fließend Französisch und Englisch, so daß
allgemein eine Unterhaltung in Türkisch und Englisch möglich ist. Während des
Essens wird viel erzählt und man merkt erst beim Dessert wieviel Gänge es doch
gegeben hat. Ein Mokka bildet den Abschluß der Festtafel, obwohl, so wurde mir
gesagt, solch eine Speisenfolge hier in der Familie üblich sei, da Ümrans
Schwester, Nazen, leidenschaftlich gerne kocht. Da sich die drei Damen wohl
etwas langweilten und obendrein noch gerne spielen, ließen sie Sabahattin
Nachrichten schauen, und mich überredete man zum Scrabblespielen –
selbstverständlich ein türkisches Spiel. Der Abend wurde lang und
kurioserweise wurde ich vor Wafka, die sonst immer gewinnt, mit nur wenigen
Punkten Vorsprung Tagessieger.
Am nächsten Tag starteten wir unsere Rundreise, so daß
ich dann den letzten Tag in Istanbul, nach unserer Rückkehr, nochmals mit der
Familie Türkoğlu verbringen konnte, In der Zwischenzeit war eine Freundin von
Ümran aus Wien eingetroffen. Helga, selbst Lehrerin, interessierte sich für
die Kulturwoche an der Istanbul Lisesi und hat dafür vier Tage Urlaub
genommen. Eine Nacht blieb sie noch. – – Was machen zwei Schwestern, die sich
gut verstehen? Sie arrangieren nochmals einen schönen Abend für uns bei Nazen.
Da Helga auch französisch spricht wurde dies ein
besonders lustiger Abend, da wir uns nun in vier Sprachen unterhielten. Es
wurde wieder Mitternacht und der Abschied fiel uns nun schwer. Man fühlte sich
wie ein Familienmitglied, freundlich behandelt, mit eingebunden aber auch
nicht pausenlos umsorgt. Inwallah göruwürüz!
Rainer Gusky
Meine türkische Gastfamilie ...
Als wir am 11.5.1996 auf dem Atatürk Flughafen in
Istanbul gelandet sind, war ich schon ziemlich aufgeregt, meinen
Austauschschüler Mehmet Kalaycioälu endlich wiederzusehen und seine Eltern und
Schwester kennenzulernen.
Dann, als wir mit der Paßkontrolle fertig waren und
unsere Koffer abgeholt haben, wurden wir bereits von den türkischen Schülern
und deren Eltern erwartet.
Nach der Begrüßung und einigen Fragen über den Flug usw.
ging es dann auch gleich nach Hause. Dort angekommen, warteten Mehmets Mutter
und Schwester auf uns. Ich wußte nicht recht, wie ich Mehmets Mutter begrüßen
sollte, doch sie nahm mich gleich in den Arm und gab mir einen Kuß, was ich
sehr nett fand, da sie mich nicht wie eine Fremde behandelte, sondern wie
jemanden, der zur Familie gehörte. Danach, hat mir Selin, Mehmets Schwester,
ihr Zimmer gezeigt, in dem ich für eine Woche schlafen würde.
Noch am gleichen Tag sind wir alle zusammen, mit Mehmets
Onkel und seinen Töchtern essen gegangen. Das Essen dort, war sehr, sehr
lecker, vor allem der Nachtisch!!!
Als wir mit dem Essen fertig waren, es war schon Abend,
sind wir noch auf einen Hügel gefahren, von wo aus man auf Istanbul gucken
konnte und da es schon dunkel war, war es sehr schön, die vielen Lichter zu
beobachten.
Danach sind wir dann nach Hause gefahren und ich habe
mich gleich schlafen gelegt, denn es war ein anstrengender aber auch sehr
schöner Tag gewesen
Was ich auch sehr nett von den Eltern fand, war daß sie
mir auch sehr viel über die Türkei erzählt haben; obwohl die Mutter nur
Englisch und der Vater nur türkisch konnte, hat uns das keine großen Probleme
bereitet und ich war sehr froh, daß ich in eine so nette und liebenswürdige
Gastfamilie gekommen bin.
Patrizia Wasilewski, 9a
Familienbericht von Renate
Als ich am Tag unserer Anreise aus dem Flugzeug stieg,
hatte ich schon ein komisches Gefühl im Bauch. Es war mein erster Besuch m der
Türkei, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Mein
Austauschschüler und seine Mutter holten mich vom Flughafen ab. Emre hat schon
im August bei mir gewohnt, so daß ich froh war, bei ihm untergekommen zu sein,
da er wirklich sehr nett und höflich ist, und wir uns während seiner Zeit in
Deutschland gut verstanden haben. In der Wohnung angekommen, wurde ich erst
einmal von Emres Haustier, einem Wellensittich, begrüßt.
Ich hatte während der Woche in Istanbul mein eigenes
Zimmer, und damit ich nicht immer auf Socken durch die Wohnung laufen mußte,
bekam ich ein paar Hausschuhe geschenkt. Nachdem ich mit dem Duschen fertig
und Emres Vater von der Arbeit gekommen war, wurde ich zum Essen eingeladen:
mit einem der zwei Autos ging es ein paar Minuten durch die Stadt, in der es
um 20 Uhr immer noch so voll war, wie in Deutschland zur Rush-Hour. Im
Restaurant angekommen, wurde das Essen bestellt. Für mich war es sehr
hilfreich, daß jedes Gericht auf einem Foto abgebildet war. Das, was ich
aufgetischt bekam, war köstlich, und ich habe sehr viel probiert, auch von
Sachen, die mir vorher gänzlich unbekannt waren Wieder zu Hause angekommen,
setzte ich mich erst einmal daran, die vielen Eindrücke zu verarbeiten, indem
ich einen Brief an eine Freundin schrieb. Wie gut, daß der nächste Tag ein
Sonntag war, und ich noch mehr dieser tollen Stadt zu sehen bekam! Der
darauffolgende Abend war mindestens genau so schön, da mein Vater zu einem
gemütlichen Essen zu Hause eingeladen wurde. Verständigungsprobleme gab es
praktisch nicht: beide Elternteile sprachen gut Englisch.
Um meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen,
fragten sie mich immer nach meinen Wünschen, und ich bin Ihnen für alles sehr
dankbar. Ich glaube, daß ich mich noch nirgends so wohl gefühlt habe, wenn ich
mal woanders war, als zu Hause.
Einen unbedeutenden Nachteil hatte das Ganze aber: Ich
mußte schon um 6 Uhr aufstehen, um pünktlich zur Schule zu kommen. Gemessen an
der Zeitverschiebung waren das für mich 2 Stunden früher, aber wenigstens
konnte man während der 60 Minuten Busfahrt zur Schule noch mal ausschlafen.
Die Woche dort war leider viel zu schnell vorbei, ich
hätte sie am liebsten noch um mindestens eine verlängert. So wie mir ging es
noch einigen aus der Gruppe, doch wir konnten es nun mal nicht ändern. Aber
wir sollten ja nach 11/2
Wochen Rundreise noch einen Tag, oder besser eine Nacht, in den Familien
verbringen. Als ich mich dann endgültig verabschieden mußte, bekam ich noch
einige Geschenke von der Mutter, die mich immer wieder gerne an meinen
Aufenthalt erinnern ...
Renate Fuchs
Beate berichtet über ihre Gastfamilie
Als wir am Samstag, den 11. Mai, pünktlich um 15.30 Uhr
(Ortszeit) auf dem Istanbuler Flughafen landeten, konnte ich immer noch nicht
glauben, daß auch ich endlich die wunderbare Türkei, über welche mir schon so
viel erzählt wurde, kennenlernen würde. Am meisten war ich natürlich auf meine
Gastfamilie gespannt und freute mich riesig meinen Austauschschüler, Ali
Wirvan Yüksel, welcher im letzten Jahr bei meiner Familie zu Gast war,
wiederzutreffen.
Mein erster Eindruck von Istanbul auf der
Fahrt vom Flughafen „nach Hause“; nach Beylerbey überwältigte mich schon
total, und ich war mir ziemlich sicher, daß mein Aufenthalt in dieser
bezaubernden Stadt einfach nur super
genial werden würde, was sich schließlich in der folgenden Woche
bestätigte.
Wie nicht anders zu erwarten, war natürlich auch die
Familie von
Wirvan überaus gastfreundlich, so daß ich mich fast wie zu Hause
fühlte. Sie taten wirklich alles, um mir keine Langeweile zu bereiten, so
luden sie mich z.B. in luxuriöse Restaurants oder zum Bowlen ein, machten mit
mir einen Einkaufsbummel und versuchten mich im Computerspielen zu schlagen
(was ihnen zu meinem Bedauern natürlich auch meistens gelang).
Selbstverständlich hatte ich auch gewisse Befürchtungen,
z.B. daß mir das türkische Essen nicht bekommen würde, was sich allerdings als
völliger Quatsch erwies, denn Frau Yüksel, Hausfrau und Mutter, ist eine
ausgezeichnete Köchin und überraschte mich zu jeder Mahlzeit mit ihren
türkischen Spezialitäten aufs Neue.
Die Verständigung mit meiner Gastfamilie verlief
eigentlich recht gut, wenn man bedenkt, daß Wirvans Vater, Besitzer einer
Papierfabrik, weder Deutsch noch Englisch und seine Schwester, Shirin, und
seine Mutter (im Gegensatz zu mir) fließend Englisch sprechen.
Dies führte dann des öfteren auch zu äußerst witzigen
Mißverständnissen. Aber egal, auf jeden Fall war ich tierisch traurig, als wir
am Freitag, den 17. Mai, unsere Rundreise nach Anatolien antraten, und ich
hoffe sehr, daß ich meine Gastfamilie auch bald wiedersehen kann.
Beate Pohlmann
Montag, 13. Mai
Treffen in der Schule, Unterrichtsbesuche –
Empfang der Gäste durch den türkischen Schulleiter Mahir Yegmen – Mittagessen
in der Schule – Besuch der Zisterne »Yerebatan Sarayı« und des Topkapı Serails
– Rückkehr zur Schule
TOPKAPI SARAYI: Der große Palast
Das Serail des Großherrn ist das erste, was ein jeder,
der nach Constantinopel zur See kommt, erblicket. Das Gebäude ist ganz und gar
nicht prächtig, sondern sehr einförmig; aber die daran befindlichen Gärten
geben demselben nach der Seeseite einen schönen Prospect. Eigentlich heißt es
Serrai, welches türkische Wort einen Pallast bedeutet. Die Franzosen nennen es
Serail. Es stehet auf einem Hügel an dem Orte, wo ehemals Byzantium gewesen.
Oben sind die Logimenter, und unten gehen die Gärten durch. Es hat drey Meilen
im Umfange, und ist triangulair. Zwo Seiten davon sind nach der Seeseite, und
von den Mauern der Stadt umschlossen, die dritte Seite aber ist durch eine
besondere, mit vielen Thürmen versehene Mauer von der Stadt abgesondert. In
diesen Thürmen, dergleichen auch in den Mauern nach der See zu sind, halten
die Aadgemogians, welche ausgesuchte, und sehr feine Leute sind, beständig
Wache. Auf der Seite des Hafens, gegen Galata über, ist ein erhabener, und von
vielen schönen marmornen Säulen unterstützter Pavillon, auf welchem der
Großherr oft, frische Luft zu schöpfen, erscheinst. Auf der andere Seeseite
ist noch ein Pavillon, wo der Großherr sich auch oft belustigst, und der
Ceremonie zusiehet, wie die Griechen am Tage der Verklärung ihre Kranken aus
einer hier nahe gelegenen Quelle trinken lassen, und sie bis am Halse im Sande
vergraben. Nahe dabey ist auch ein großes Fenster, aus welchem man diejenigen,
die des Nachts im Serail erdrosselt worden, in die See wirft, und so viel
deren sind, so vielmal wird eine Kanone gelöset. Nach der Wasserseite hat
dieser Pallast verschiedene Thüren, welche aber nur für den Großherrn und
einige seiner vornehmsten Bedienten sind. Die Hauptthüre, welche die
gemeineste ist, ist gegen Santa Sophia über, und wird von Capidgis bewacht.
Man kommt durch dieselbe in einen sehr geräumlichen Hof, auf welchen die
Kranken des Serails, die gleich rechter Hand ihre eigenen Wohnungen haben, in
einem von zween Menschen gezogenen Wagen hingefahren werden. jedermann, und
selbst der Großherr, machet diesem Wagen Platz, wenn er ihm begegnet.
Linkerhand ist eine Art von Zeughaus. Von hier kommt man auf den zweyten Hof,
der an zwey hundert Schritte weit ist, und rund um mit einer Galerie umgeben,
hinter welcher rechterhand die Küchen, und linkerhand die Wälle sind. Auf
diesen Hof darf außer dem Großherrn niemand kommen, und sein ganzes Gefolge
bleibet am Ende des ersten Hofs stehen. In der Mitte dieses zweyten Hofes ist
ein mit Cypressen und Feigenbäumen umgebener Brunnen, und ehedem war nahe
dabey der Ort, wo die Bassas und andere Großen enthauptet wurden. Zu Ende
dieses Hofes ist rechterhand der Saal, worinn der große Divan gehalten wird;
und linkerhand gehet man durch eine Thüre in das Serail. Niemand aber kommt in
dasselbe hinein, als der dahin gerufen wird. Ein Fremder lernt also dessen
innere Beschaffenheit niemals kennen. Die meisten Bedienten des Serails sind
Eunuchen. Diese Leute sind nicht bloß castriret, sondern des männlichen
Gliedes gänzlich beraubet. Man nimmt sie mehrentheils aus Abyßinien und
Aethiopien, in ihrem zarten Alter. Sie haben sowohl über das gesammte
Frauenzimmer des Serails, als auch über die Ichthogians, oder Pagen des
Großherrn, welche Christenkinder sind, die in der mahometanischen Religion
erzogen worden, die Aufsicht, und sonderlich halten sie die Sultaninnen in der
strengsten Zucht. Wenn diese in den Gärten spatzieren gehen, so darf kein
Schiff, obgleich die Gartenmauern sehr hoch sind, auf 400 Schritte nahe
kommen. Die Bostangis oder Gärtner stehen zu der Zeit an der Mauer, und halten
große Segel hinter die Sultaninnen, damit diese Unglücklichen, welche selbst
bey Gefahr ihres Lebens kein Auge auf die Gärtner werfen dürfen, von niemanden
auf dem Meere können gesehen werden. Eine der besten Stellen im ganzen Reiche
ist die eines Bostangi Bachi, oder obersten Gärtners. Ihm ist es allein
erlaubt einen langen Bart zu tragen. Er ist beständig um den Großherrn auf
allen Promenaden, in allen Gärten, und er regieret auch die Galliote, in
welcher der Großherr auf dem Meere spatzieren fährt. Er hat in allen Dingen
das Ohr bey dem Monarchen, und wenn dieser einen von den Großen will tödten
lassen, so schicket er den Bostangi Bachi zu ihm, um seinen Kopf zu holen.
Jean Thevenot
(1633-1667)
Der erste Tag
Morgens trafen wir uns auf dem Pausenhof. Dann wurden wir
zum Direktor der Schule geführt. Dieser erzählte uns in seinem Büro von der
Schule und fragte auch einige, was sie am ersten Tag mit den Familien
unternommen haben. Er erklärte unter anderem, daß die Schule jetzt eine
Universität und eine Grundschule bauen werde. Die Unterredung dauerte etwa
eine Stunde.
Danach gingen wir wieder auf den Pausenhof, wo wir dann
von unserem Stadtführer abgeholt wurden und mit der Besichtigung Istanbuls
begannen. Als erstes gingen wir zu der
Yerebatan Zisterne. Die Zisterne hatte früher die Funktion, die Stadt im
Sommer mit Wasser zu versorgen. Im regenreichen Winter wurde das Wasser
gespeichert und dann im Sommer verbraucht. Diese Zisterne wurde unter Kaiser
Justinian (527-65) angelegt. Die Zisterne war auch in Kriegszeiten für die
Versorgung wichtig, wenn die Aquädukte vom Feind zerstört worden waren. Die
Zisterne ist 141m lang und 73m breit. Die Decke wird von 336 Säulen getragen.
Man wandert durch die Zisterne auf Holzstegen, die eine Rundweg bilden. Heute
werden in der Zisterne auch Fische gezüchtet.
Unser nächstes Ziel war der
Topkapi-Serail. Der Serail ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten
von Istanbul. Nach der Eroberung Konstantinopels waren die Paläste der
byzantinischen Kaiser bereits zerfallen. Mehmet der II. baute deshalb einen
Palast. 1462 begann er und 1478 war der Topkapi-Serail fertig. Doch erst unter
Süleyman dem Prächtigen (1520-1566) wurde die Palastanlage offizieller Sitz
des Sultans. Alle wichtigen Entscheidungen wurden nun hier getroffen. Er war
sozusagen der Hauptkoordinationspunkt des Osmanischen Reiches. Süleyman und
seine Nachfolger erweiterten den Serail beträchtlich.
Der Serail ist durch eine Mauer von der restlichen Stadt
abgetrennt. Der Serail ist in drei Bereiche unterteilt: Den äußeren Serailhof,
den mittleren Serailhof und den inneren Serailhof. Das mittlere Tor (Tor des
Heils) durfte nur vom Sultan durchritten werden durfte. Neben dem Tor erblickt
man den “Henkersbrunnen”. Hier wusch der Scharfrichter nach der Exekution das
blutbefleckte Schwert oder Beil. Im mittleren Serailhof befindet sich auch das
Küchengebäude, wo früher die Hofküche war. Bis zu 2000 Mahlzeiten am Tag
wurden hier zubereitet. Heute befindet sich in der Hofküche die prachtvolle
Porzellansammlung der Sultane. Die Sammlung besteht aus über 10.000 wertvollen
und seltenen Stücken. Sie wurde im wesentlichen von Selim dem I. und Süleyman
dem Prächtigen im 16. Jahrhundert zusammengetragen. Durch ein weiteres Tor
gelangt man dann in den inneren Serailhof. Hier stehen zwei Gebäude, der
Audienzsaal und die Bibliothek Ahmets des dritten. Der Brunnen vor dem
Audienzsaal diente früher dazu, daß draußen Wartende dem Verlauf der Audienz
nicht folgen konnten. Die Sammlung in der Bibliothek enthält mehr als 4000
wertvolle alte Handschriften. Im inneren Hof ist auch die Schatzkammer. Diese
Schatzkammer ist mit das Bekannteste vom ganzen Serail. Man sieht hier viele
wertvolle Stücke u. a. den Thron des Nadir Schah, mehrere sehr wertvolle
Diamanten und den goldenen Thron. Der Thron des Nadir Schah, der dem Sultan
geschenkt worden war soll angeblich mit über 25000 Perlen besetzt sein. Der
goldene Thron ist ebenfalls sehr wertvoll. Er ist mit 954 Topasen geschmückt
und das Gold hätte eingeschmolzen ein Gewicht von 250 kg. Der vierte Hof ist
an der nördlichen Ecke. Von hier aus hat man einen sehr schönen Blick auf den
Bosporus. Hier befinden sich auch noch Gartenanlagen. Von der früheren
Schönheit des Tulpengartens ist jedoch nicht viel erhalten. In den Anlagen
befinden sich ferner mehrere Pavillons auch Kioske genannt. Wenn man
weitergeht kommt man zum Reliquienhaus mit mehreren Reliquien unter anderem
von Mohammed. Und zu der Waffensammlung, wo man alte Waffen aller Art sieht.
Schließlich kommt man noch zum Harem. Dieser Komplex wurde zwischen dem 16.
und 17. Jahrhundert errichtet. Die Gebäude dienten dem Sultan und seiner
Familie als Wohnung und durften nur von ihm und seinen engsten Verwandten
betreten werden. Das ist das Ende des Rundgangs. Hiernach gingen wir zurück zu
Istanbul Lisesi, wo dann jeder zu seiner Familie zurückfuhr.
Henning Sann
TOPKAPI SARAYI: Ein Labyrinth
Von den vierhundert Zimmern des Harems werden wir etwa
fünfzig sehen, aber zuerst müssen wir durch die Quartiere der schwarzen
Eunuchen und ihren gemeinsamen Baderaum gehen. Links und rechts der Türen
erstreckt sich ein langer, finsterer Korridor. Fast in Deckenhöhe zwei große
Querstangen und, an der Wand hängend, ein dicker Knüppel, um die ungehorsamen
Sklaven zu züchtigen. Die Neuankömmlinge entgehen ihm nicht, selbst wenn sie
nichts getan haben: Willkürliche Vorbestrafung, ohne anderen Grund als den,
sie mit dem Ton des Hauses bekanntzumachen. Ich schaue mir lieber die kleinen,
blaugekachelten Zimmer an, in denen die Konkubinen des Sultans warteten und
warteten, daß er sich in einer zufälligen Sinneslaune an die eine oder andere
von ihnen erinnerte. Eine Matratze zum Schlafen auf dem Boden, ein winziger
Diwan, das war ihr Platz in dieser hübschen kleinen Hölle, wo die Mädchen
unter den zu ewiger Blüte erstarrten zarten blauen Blumen an den Wänden in den
Zügen ihrer zahllosen Rivalinnen die ersten Vorzeichen des Welkens zu
entdecken suchten. Man kann sich den Klatsch und die Zänkereien vorstellen ...
Über Gänge und Korridore, an den Gemächern der Sultaninnen vorbei, gelangen
wir endlich zum Herrn und Meister, wo lange Sofas sich den Wänden entlang
aneinanderreihen. Das Blaugrün der Keramikfliesen erfreut und erfrischt das
Auge. Ein Springbrunnen, dessen Plätschern das vertrauliche Geflüster übertönt
– denn der Argwohn ist überall in den orientalischen Palästen zu spüren. Der
Schrecken dieser geheimen Welt schlägt einem wie in Schwaden entgegen, während
man von Zimmer zu Zimmer geht. Hier, in einem kleinen Speiseraum, sind Früchte
an die Wände gemalt, um den übersättigten Appetit des zarter als die anderen
besaiteten Sultans anzuregen; dort, die Muscharablen aus Steingut, durch die
sich die Fürsten bespähen. Wie soll ich mir das alles notieren? Ich bin es
müde, mich mit einem Labyrinth herumzuschlagen, und ziehe es vor, in den
Gärten spazierenzugehen, den Himmel wiederzusehen. Kaum habe ich draußen ein
paar Schritte getan, da verspüre ich eine Art von Glücksgefühl, fast von
Freude, nach der erstickenden Atmosphäre des Harems. (...) Wenn man das Serail verläßt, verlängern
sich seine Wege durch vernachläßigte Obstgärten, erstrecken sich über
Terrassen und Eukalyptusalleen, in denen der Wind mit einem leisen Knistern
durch die harten Blätter fährt, bis zum Bosporus hinab. Ganz unten, wenn man
jenseits des Walls ist, sieht man einen runden Mauervorbau, der den Spähern
des Sultans gestattete, das Kommen und Gehen gegenüber zu beobachten.
Gegenüber beim Großwesir, denn die Hohe Pforte war er, und wenn er auch
manchmal im gegenständlichen Sinne den Kopf verlor, so hatte er doch die Ehre,
für die Welt das ottomanische Reich zu repräsentieren. Hinter dieser Hohen
Pforte mit ihrem extravaganten Rokokoschutzdach im Wiener alla-turca-Stil
führen schattige Alleen zu den
Ministerien.
Julien Green
(geb. 1900)
Der Besuch im Topkapx Sarayx regt an zu Überlegungen über
die Gesellschaft, die eine solche Lebens- und Staatsform hervorgebracht hat,
so unendlich fremd der heutigen Türkischen Republik auf ihrem Weg zu
Integration in die globalisierten Weltmärkte und das überstaatliche
Weltsystem der Gegenwart.
Unbeschreiblicher Prunk und Reichtum, doch eine höfische
Lebensform hinter Mauern, doch keine Prunkentfaltung nach außen... Manches
kommt bekannt vor aus der europäischen Geschichte des Feudalismus und des
Absolutismus, manches jedoch fremd. Ähnlich wie die Bildung der ersten
nachantiken Staaten in Mittel- und Westeuropa durch eine bis zur
Völkerwanderung germanische Kriegerkaste – die
Ritter, Grafen und Fürsten der ›Franken‹ – wanderten auch in Anatolien die
Türken als Reiter- und Kriegervolk ein und konnten sich zunächst unter dem
Supremat des Byzantinischen Reiches, dann des islamisch-arabischen Kalifats
ansiedeln und regionale Autonomie erkämpfen.
Das osmanische Sultanat war von Anfang an auf eine
Kriegerkaste gebaut. Der Reichtum des Osmanisches Reiches war durch Expansion,
Eroberung und Ausbeutung, nicht aber durch eine systematische Entwicklung
eigener landwirtschaftlicher oder gewerblicher Ressourcen gesichert, so daß
die ökonomisch-soziale Existenzkrise zwangsläufig mit dem Ende der Expansion,
das heißt mit der Niederlage vor Wien, mit den Niederlagen gegen Habsburg und
dem sukzessiven Verlust von Ungarn und den Balkanstaaten über das Sultanat
hereinbrach und es immer weiter in ökonomische und machtpolitische
Abhängigkeit von den aufstrebenden westeuropäischen Hegemonialmächten brachte.
Das Osmanische Reich entwickelte sich in Laufe von etwa
dreihundert Jahren von einem europäisch-nahöstlichen Machtzentrum, von einem
der größten Imperien der europäischen Geschichte zu einem Land der
Semiperipherie, während sich das heutige
ökonomisch-politische Weltsystem entwickelte.
Doch die Unterschiede liegen im Detail, sind aber
nichtsdestoweniger von entscheidender Bedeutung für die zivilisatorische
Entwicklung der Türkei. Während in Europa seit dem Spätmittelalter die
Entwicklung der Städte und des Fernhandels zur Bildung eines selbstbewußten
und sich emanzipierenden Bürgertums führte, blieb im Osmanischen Reich
Reichtum und politischer Einfluß allein auf den Sultanshof und eine kleine
militärische und geistliche Oberschicht konzentriert: wohl auch, weil die
Expansionspolitik viel länger erfolgreich war als in Europa, wo sie vom
Kolonialismus in ›überseeische Gebiete‹ abgelöst wurde. So ist es für die
Türkei typisch, daß eine strikte kulturelle Zweiteilung stattfand in eine
osmanische höfische Kultur, für die das Topkapx Sarayx steht – mit einer
eigenen Sprache, dem Osmanli –, und die türkische
Volkskultur, die in den übrigen beherrschten Regionen von den jeweiligen
Regionalkulturen ersetzt wurden, was ihnen später die Bildung von regionalen
Nationalismen und der regionalen gesellschaftlichen Integration erleichterte,
wodurch der Begriff ›Türke‹ zu einer
schimpflichen Bezeichnung für den
unkultivierten, ungebildeten Landbewohner geworden ist.
Im Gegensatz zu Westeuropa ist also die
höfische Kultur in der Türkei nicht
›nach unten durchgesickert‹ und zum Bestandteil einer kulturellen
Integration geworden. Das bedeutete für die neue Türkische Republik, einen
eigenen kulturellen Kontext und ein politisch-gesellschaftliches
Integrationsmodell zu finden, das sich nicht aus dem
Osmanli, sondern aus einer, oft eher konstruiert wirkenden Volkskultur und
dem Rückgriff auf den Nationalismus europäischer Prägung entwickelte: eine
schmerzhafte Kulturrevolution, die noch nicht abgeschlossen ist.
Halk Dansları Yarışması Finali
Was verbirgt sich hinter dieser Ankündigung? Am 13. Mai
1996 fand im Atatürk Kültür Merkezi (Kulturzentrum) in Istanbul das Finale der
besten türkischen Folkloregruppen statt. Zu dieser Veranstaltung wurden wir
drei Begleiter vom Ehemann der Kollegin Ümran Türkoğlu eingeladen, der als
Mitglied der Jury sicher über genügend Karten verfügte, darüber hinaus aber
auch uns einen besonderen, landestypischen
Leckerbissen anbieten wollte.
Voller Erwartung ließen wir uns per Taxe zum
Veranstaltungsort fahren und betrachteten auf dem Vorplatz die illustre
Gästeschar – zwangsweise, denn unsere Gastgeber verspäteten sich wegen des
selbst 19.30 Uhr noch äußerst dichten Verkehrs. Die Palette der Bekleidung
reichte vom normalen Tages-Outfit bis hin zu erstaunlich aufwendigen und
auffallenden Roben. Mittendrin immer wieder Polizisten und Wachpersonal, über
deren massive Anwesenheit wir zunächst recht erstaunt waren. Dann ging es aber
hinein. Ümran Hanim lotste uns am Empfangstisch vorbei, wobei allein ihr Name
ausreichte, um uns höflichst hereinzubitten, die zurückgelegten Karten wurden
gar nicht erst gesucht! Im Foyer drängte sich eine große Zahl von Besuchern,
überall waren Stände aufgebaut, an denen man sich mit verschiedensten
Getränken bedienen konnte, die Gläser mit den unterschiedlichsten Säften,
Weinen und Longdrinks waren exakt in geometrischen Formen ausgerichtet. Durch
die Menge drängten sich Kellner mit großen Tabletts, von denen man sich nach
Herzenslust mit Süßigkeiten, gefüllten Teigwaren und vielen anderen Leckereien
versorgen konnte.
Endlich schien es loszugehen. Gegen 20.30 suchten wir uns
im riesigen Theater im Parkett einen Platz und durften weiterhin auf den
Beginn warten! Dann aber hektisches Gelaufe, Blitzlichter, helle Leuchten für
Fernsehaufnahmen: der türkische Kultusminister und der reichste Mann und
gleichzeitig Hauptsponsor der Veranstaltung, Bay Sabancı, ließen sich in der
ersten Reihe nieder. Damit erklärten sich nun auch die erhöhten
Sicherheitsmaßnahmen. Als das Blitzlichtgewitter erloschen war, begann
tatsächlich die Veranstaltung.
Die einführenden Worte verstanden wir zwar nicht, sie
hoben aber sicher die bedeutende Rolle der Folklore hervor, huldigten bestimmt
ebenso dem Minister und dem Sponsor des Abends. Dann ließ sich die erste
Darbietung nicht mehr länger hinausschieben, das Festival begann.
Zehn Gruppen hatten sich qualifiziert, und es erwartete
uns ein äußerst buntes und vielfältiges Programm. Fast alle Darbietungen
wurden durch eigene Musikanten begleitet, die meist laut, durch Lautsprecher
enorm verstärkt, ihre Instrumente bearbeiteten. Trommeln mit langsamen und
schnellen Rhythmen, dumpfen und hellen Schlägen, Geigen und andere
traditionelle Streichinstrumente, verschiedene Flöten, einmal auch ein Klavier
wurden eingesetzt. Die Melodien reichten von alten türkischen Weisen mit ihrer
Verwandtschaft zur orientalischen Musik bis zu stark westlich klingenden
Stücken, die an italienische Barockmusik erinnerten. Entsprechend vielfältig
zeigten sich auch Tänze und Kostüme. Meist traten gemischte Gruppen auf, bis
zu dreißig Personen, die sich auf der großen Bühne präsentierten. Die Kostüme
waren alle farbenprächtig und teilweise reich geschmückt, die landestypischen
Stilelemente waren für uns natürlich nicht zuzuordnen, dennoch war an einigen
Kostümen schon abzulesen, welchen Sinn und Aussage die Tänze haben sollten.
Wir genossen daher stärker das farbenfrohe Bild.
Die Tänze selbst, die sich teilweise hervorragend an die
Musik anpaßten, ließen oft Deutungen zu. So gab es getanzte Kämpfe, die mit
Schwertern bzw. Messern ausgetragen wurden, Liebeswerben mit erhofftem aber
auch mit vergeblichem Ausgang, stilisierte Formationen und lebenslustige,
sogar akrobatische Vorführungen. Wir hatten große Probleme, für uns eine
Wertung vorzunehmen, es fehlten uns letztlich zu viele Kenntnisse über
historische und kulturelle Zusammenhänge einzelner Volksgruppen in der Türkei.
Einig waren wir uns über eine Einlage einer Modenschau.
Zu teilweise sehr getragenen Klängen wurden Modelle vorgeführt, die nicht
unbedingt Begeisterung beim Publikum fanden; es waren teilweise peinliche
Imitationen von klassischen Modellen, andere ließen eine elegante Designerhand
vermuten. Leider paßten häufig Musik und Auftreten, Haltung und Gestik der
Mannequins nicht zueinander, die Aufführung war unnötig lang – der Beifall des
ansonsten begeisterungsfähigen Publikums hielt sich denn auch in bescheidenen
Grenzen.
Die Beratungszeit der Jury wurde überbrückt durch den
Gesang dreier anscheinend recht bekannter Sänger, die, begleitet von einem
großen Orchester, moderne folkloristische Lieder vortrugen. Auch sie ernteten
reichlich Beifall, sie schienen eine sehr populäre Gruppe zu sein.
Endlich aber das Finale! Der Vorhang hob sich erneut, und
alle Akteure saßen bunt gemischt auf Stufen, die die ganze Bühne einnahmen –
es war ein farbenfrohes, prächtiges Bild. Nach weiteren Reden wurde
schließlich die siegreiche Gruppe vorgestellt und erhielt den Scheck von über
350 Millionen Lira, umgerechnet immerhin 7000 DM. Da die Gruppen nicht selbst
den Scheck entgegennahmen, sondern der Manager vortreten durfte, bekamen wir
zuerst gar nicht mit, wer denn
nun der Sieger war; erst hinterher ließen wir uns beschreiben, welche Kostüme
und Tänze honoriert worden waren. Unsere Favoriten waren nicht dabei, unsere
Maßstäbe entsprachen wohl doch nicht den türkischen! Letztlich ist das sicher
auch gut so, wird uns auf diese Art doch sehr deutlich, daß es viele andere
Kulturen auf der Welt gibt, für die wir bisher wenig Verständnis haben, und
die wir nicht so ohne weiteres mit unseren Maßstäben bewerten können. Liegt
nicht gerade hierin ein wichtiges Ziel unserer Fahrt, nämlich uns dieses
fehlende Verständnis erst einmal bewußt zu machen und dann vorsichtig zu
versuchen, ein klein wenig dieser anderen Kultur zu erfassen und zu schätzen?
Günter Fuchs
Dienstag, 14. Mai
Treffen in der Schule – Besuch berühmter
Sehenswürdigkeiten
Soğukçeşme Straße, Hagia Sophia, Sultanahmet
Platz, Sultanahmet Moschee etc. – Mittagessen in der Schule –
Unterrichtsbesuche
Moschee mit sechs Minaretten
Was die hohen und dünnen Türme (Minarets) betrifft, auf
welche ein Sänger steigt, um das Gebet anzukündigen, so haben die kaiserlichen
Moscheen derselben nie weniger als zween, oft aber auch vier, ja sogar sechse.
Die neue Moschee, welche der Sultan Achmet hat bauen lassen, hat derselben
sechs. Auf dem Atmeidan, oder dem Rennplatz, so der alte Hippodromus ist, hat
ein Minaret dieser Moschee drei Galerien von durchgebrochenen Steinen, nach
dem Landesgeschmack. Der Hof derselben ist schön. Derselbe ist ein langes
Viereck, und mit einigen Bäumen gezieret. Ehe man in die Moschee kommt, gehet
man durch eine freie Säulenstellung (peristyle) die eine Art eines Klosters
mit verschiedenen Bogenstellungen ist, die kleine Kuppeln haben, welche mit
Blei bedeckt sind, und auf Säulen ruhen. Das Pflaster ist von einem sehr
schönen Marmor, so wie auch der in der Mitte stehende sechseckige
Springbrunnen, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die aus einem eisernen und
vergoldeten Gitter bestehet. Der große Dom, welcher den Hauptteil der Moschee
ausmacht, ist mit verschiedenen kleinern Doms umgeben, die auf vier Pfeilern
von weißem Marmor stehen, welche sechs Klaftern im Umfange haben, und elf bis
zwölf Klaftern hoch sind. Von außen ruhet dieses Gebäude auf vier festen
Türmen, welche die Stelle der Säulen vertreten. Diese, und alle andere
Moscheen, welche die Muselmänner haben bauen lassen, werden mit weit mehreren
Lampen erleuchtet, als die Sophienmoschee, und man hat unter die Lampen der
neuen Moschee kristallene Kugeln und Leuchter, Straußeneier und andere
dergleichen Dinge gesetzt, um ihnen ein desto schöneres Ansehen zu geben. Man
siehet daselbst zwo Kugeln von Glas. In der einem siehet man ein Galeere, die
stückweis vermittels eines kleinen Zängleins hinein gebracht, und darinnen
zusammen gesetzet worden. In der andern Kugel ist der Plan der Moschee in
Basrelief vorgestellet worden, wozu eine bewundernswürdige Geduld erfordert
wurde. Das Türbe oder Grabmal des Sultan Achmet stehet hinter der Moschee auf
der nördlichen Seite.
Pitton de
Tournefort
(1656-1708)
Die Blaue Moschee
Da die Schule unserer Gastgeber direkt im Zentrum von
Istanbul liegt, hatten wir es auch zu dieser Sehenswürdigkeit nicht weit. Mit unserem
Fremdenführer Attila besichtigten wir zuerst die Blaue Moschee, den Obelisk
und die Hagia Sophia.
Vor dem Betreten der Moschee mußten wir ersteinmal unsere
Schuhe ausziehen und diejenigen aus unserer Gruppe, die nur kurze Hosen
anhatten bekamen vor dem Eintreten ein Tuch, das sie sich umbinden mußten.
Die Moschee wurde von Sultan Ahmet in Auftrag gegeben,
weshalb sie auch seinen Namen trägt. Gebaut wurde sie von dem Architekten
Mehmed Aäa zwischen 1609-1616. Die Blaue Moschee unterscheidet sich von den
anderen Moscheen in Istanbul, da sie 6 Minarette hat. Der Vorhof hat fast die
gleiche Fläche, wie der Gebetsraum. Schon dort fällt die Eleganz auf. 26
Granitsäulen mit Stalaktitenkapitellen tragen 30 Kuppeln, die wegen der
gigantischen, sich mit einer erstaunlichen Harmonie stufenartig herabwölbenden
Kuppeln des Gebetsraumes fast übersehen werden. Die Eleganz wird im Innern
noch übertroffen. Vier mächtige, frei im Raum stehende Pfeiler tragen vier
1/4-Kuppeln, die wiederum
die Hauptkuppel tragen (die einen Durchmesser von 23 m hat). Ihren Namen hat
die Moschee durch die blauen Fliesen, auf die durch 260 Fenster das Tageslicht
fällt. Auffällig sind die wunderschönen Wandverzierungen, die aus Nelken,
Tulpen, Lilien und Rosen bestehen, da weder Menschen noch Tiermotive als
Wandschmuck erlaubt sind. Die feine Gebetsnische aus Marmor mit einem Stück
des schwarzen Steines der Kaaba-Moschee, sowie die Freitagskanzel aus dem
gleichen Marmor und Teppiche am Boden vervollständigen die innere Ausstattung.
In der Moschee lag ein etwas unangenehmer Geruch, da sich leider nur die
Gläubigen vor Betreten die Füße waschen (im Gegensatz zu den Touristen!).
Hagia Sophia
HAGIA SOPHIA: Sie grüßt von oben die Stadt
So bietet die Kirche den herrlichsten Anblick,
überwältigend für den Betrachter, für diejenigen, die nur davon hören, ein
Gegenstand ungläubigen Staunens; steigt doch das Gotteshaus fast zu
himmlischer Höhe empor und indem es sich wie von den übrigen Bauwerken
fortschwebend löst, grüßt es von oben die übrige Stadt. Die Sophienkirche ist
deren Schmuck, da sie ihr zugehört, wird aber selbst auch von ihr verschont,
weil sie als Teil der Stadt und stolzer Höhepunkt so weit emporragt, daß man
diese von hier wie von einer Warte aus überschauen kann. Ihre Breite und Länge
sind wohl aufeinander abgestimmt; man wird daher deren riesige Ausmaße nicht
als störend bezeichnen können. In unaussprechlicher Schönheit bietet sie sich
dar. Denn Glanz und Harmonie der Maße schmecken sie, kein Zuviel und kein
Zuwenig ist an ihr festzustellen, da sie prunkvoller als das Gewohnte und
zuchtvoller als das Maßlose ist: an Licht und Sonnengefunkel aber hat sie
Überfluß. Man könnte nämlich meinen, der Platz werde nicht von außen her durch
die Sonne erleuchtet, sondern empfange seine Helligkeit von sich aus, eine
solche Lichtfülle ist über das Heiligtum ausgegossen.
Prokop
(500-559)
Die heute als Museum dienende Kirche wurde im 6.
Jahrhundert von dem römischen Kaiser Konstantin errichtet. Innen befinden sich
vier gewaltige Pfeiler, die voneinander 31 m entfernt sind und fast in den
Ecken des Hauptschiffes stehen. Sie wurden unterhalb der Kuppel mit vier Bögen
miteinander verbunden. Die Kuppel ist 55,60 m hoch und nicht vollständig rund.
Sie mißt in West-Ost Richtung 30,88 m und in Nord-West Richtung 31,88 m. Ihre
runde Form hat sie 556 bei einem Erdbeben verloren. Die Kuppel war die Erste
ihrer Art und stürzte wenig später nach der Erbauung ein, weil die Außenmauern
ihr Gewicht nicht halten konnten. Am Nordwesten der Kirche befand sich der
Vorhof und das Atrium, das wie üblich mit Säulenhallen umgeben war. Durch fünf
Tore gelangte man vom Atrium in die Exonarthex genannte äußere Halle. Das
mittlere größere Tor war für den Kaiser und seine Gefolgschaft bestimmt. Vom
Exonarthex, in dem der Kaiser Schwert und Krone ablegte, führen jeweils fünf
Tore in den 11 m breiten und 60 m langen Narthex, die innere Halle. Hier
erfolgte das weitere Zeremoniell für den kaiserlichen Einzug. Unter den
Säulen, die eventuell vom Artemistempel aus Ephesus stammen, befindet sich
auch die „schwitzende Säule“, so genannt, weil sie als einzige Säule in der
Kirche „feucht“ ist. In dieser befindet sich ein Loch, in das man seinen
Daumen stecken kann. Dreht man nun seine Hand um 360°, darf man sich etwas
wünschen.
Die Moschee wurde im 15. Jahrhundert von einer griechisch
orthodoxen Kirche in eine Moschee umgewandelt, nachdem die Osmanen
Konstantinopel, das dann Istanbul wurde, erobert hatten. Wie schon erwähnt
sind Darstellungen von Menschen im Islam verboten. Bei der Umwandlung von
einer Kirche in Moschee wurden die Mosaike (mit Jesusbildern) abgedeckt und
für das Museum teilweise wieder freigelegt.
Renate Fuchs & Iris Bode
Im Mittelalter erzählte man sich eine sagenhafte
Geschichte vom Bau der Kirche der Hagia Sophia, das heißt:
der Heiligen Weisheit, des Wort Gottes,
die die fast mystische Verehrung für diesen heiligen Bau der frühen
Christenheit ausdrückt:
»Als man daran war, die Bögen der rechten und linken
oberen Stockwerke aufzufahren und sie mit schalenförmigen Gewölben zu
überdecken, wurde befohlen, das Kleingeld für die Samstaglöhnung aus dem
Palast zu holen; es war aber die dritte Stunde des Tages. Und Strategios hieß
die Arbeiter und Meister zum Frühstück kommen. Beim Hinabgehen ließ der schon
erwähnte Oberwerkmeister Ignatios seinen Sohn oben im rechten Geschoß zurück,
um die Werkzeuge der Arbeiter zu bewachen. Der Knabe war etwa vierzehn Jahre
alt. Als er nun dasaß, erschien ein weißgekleideter, anscheinend aus dem
Palast gesandter Eunuch, schön von Ansehen, und sprach zum Knaben: «Warum
vollführen die Arbeiter nicht behender das Werk Gottes und haben es verlassen
und sind zum Essen fortgelaufen?» Der Knabe spricht: «Lieber Herr, gleich
werden sie zurückkehren.» jener sagt dagegen: «Geh schnell und rufe sie, denn
ich will das Werk rasch fertig haben!» Da der Knabe jedoch erwiderte, er könne
nicht gehen, damit nicht etwa die Werkzeuge in Verlust kämen, sagte der
Eunuch: «Geh schnell und heiße sie sofort kommen. Ich aber schwöre dir, Kind:
Bei der heiligen Weisheit (d. 1. Gottes Wort), welche hier jetzt gebaut wird,
ich werde nicht von hier weggehen – denn hierher wurde ich vom Wort Gottes
geschickt zu arbeiten und zu wachen, bis du wieder zurück bist.» Als der Knabe
dies hörte, ging er eilends weg und ließ den Engel des Herrn als Wächter am
Bauplatz zurück. Da er herabgekommen war und seinen Vater, den
Oberwerkmeister, mit den übrigen fand, erzählte er ihm alles. Der aber nahm
seinen Sohn und führte ihn zum Kaiser, der eben in er Kapelle Johannes des
Täufers beim «Horologion» frühstückte. Als der die Erzählung des Knaben
vernommen, ließ er alle Eunuchen beikommen, zeigte jeden einzelnen dem Knaben,
indem er sagte: «Ist’s vielleicht der?» Der aber rief, keiner von ihnen sähe
so aus wie jener, den er in der Kirche getroffen. Da ward dem Kaiser deutlich:
Ein Engel des Herrn ist es, und klar ist sein Wort und sein Eid! Da der Knabe
noch beifügte, daß der zu ihm Redende weiß gekleidet war und seine Wangen
Feuer strahlten und sein Aussehen ungewöhnlich war, pries der Kaiser Gott und
sprach: -Nun wird mir klar, wie ich die Kirche nennen soll.» Seitdem heißt sie
nun «Hagia Sophia», verdolmetscht: «Wort Gottes.» Nach einigem Überlegen
meinte der Kaiser, man dürfe den Knaben nicht auf den Bau zurücklassen, damit
der Engel nach seinem Eid für immer die Kirche bewachen müsse. Denn wenn der
Knabe zurückkehre und im Bau befunden würde, dann würde auch der Engel des
Herrn weichen. Nachdem nun der Kaiser mit den Vornehmsten des Senats und den
heiligen Hirten Rats gepflogen hatte, sagten sie ihm, man möge den Knaben
nicht mehr auf den Bau zurückschicken gegen den Eid des Engels, damit er in
Gottes Auftrag bis ans Ende der Welt die Kirche behüte. Der Kaiser beschenkte
also den Knaben reich, ehrte ihn und verschickte ihn dann mit Zustimmung
seines Vaters auf die kykladischen Inseln. Es geschah aber die Rede des Engels
zum Knaben, daß er auf Gottes Befehl Wache halte, auf der rechten Seite des
Pfeilers des oberen Schwibbogens, der zur Kuppel hinaufgeht.«
Anonymus
Der ägyptische Obelisk
Diese Säule stammt aus eigentlich aus Karnak, wo ihn
Thutmosis der Dritte im 15. Jahrhundert vor Christus bauen lies. Er war
ursprünglich dreimal größer, also 75 m hoch und wog 800 Tonnen. Es ist nicht
bekannt, wann und wo der untere Teil verloren gegangen ist. Der um 390 nach
Christi unter Theodosius dem Großen innerhalb von 32 Tagen im Hippodrom
aufgestellte Obelisk steht auf einem 6 m hohen, mit Reliefs ausgeschmücktem
Marmorsockel. Auf der Säule sind folgende Motive abgebildet: der Kaiser beim
Wettkampf, der Kaiser mit dem Kranz für den Sieger und der Kaiser bei der
Huldigung durch die Barbaren.
Renate Fuchs & Iris Bode
Mittwoch, 15. Mai
Treffen in der Schule – Bosporusfahrt mit dem
Bus – Rückkehr zur Schule
Ein Tag zum Atemholen nach metropolitanem Trubel, Schule
und Kultur... Die Auswahl ist schwer, weil es rund um Istanbul so viele
lohnende Ausflugsziele gibt. Die Istanbul Lisesi als Gastgeberschule macht
sich immer wieder Gedanken, neu Ziele und Ausflüge anzubieten, diesmal leider
beeinträchtigt durch Gewitter und mächtige Regengüsse. Wir fuhren in Richtung
Norden entlang des Bosporus nach Rumeli Kavagi, um auf dem Rückweg noch die
Festung Rumeli Hissarx zu besichtigen. Das geplante Picknick fand dann in
einem Restaurant am Wege statt.
Bei der letzten Reise fuhren wir zu einem beliebten
Wäldchen und Picknick-Platz auf der asiatischen Seite der Stadt über dem
Bosporus: Kanlica, wo wir unter den Bäumen das mitgebrachte Essen einnehmen
konnten
Früher waren wir auch schon mit dem Schiff zu den
Prinzeninseln gefahren oder hatten eine eintägige Bootsfahrt auf dem Bosporus
auch bis Rumeli Kavagi unternommen.
Donnerstag, 16. Mai
Treffen in der Schule – Besuch des Großen Bazars
und des Ägyptischen Bazars – Mittagessen in der Schule – zur freien Verfügung
Heilmittel und Wohlgerüche
Von der Decke herab hängt das Wahrzeichen des Geschäftes.
Bald ist es das Bild eines Schiffes, bald das eines Hauses oder einer Schere.
Das war von den ältesten Zeiten her so, solange es im Orient Basare gibt, und
als die Kultur nach dem Norden wanderte, da bürgerte sich auch diese Sitte der
Geschäftssymbole bei uns ein. Alles, was der alte Orient an Heilmitteln und
Wohlgerüchen kennt, ist hier zu finden. Die heiligen drei Könige hätten sich
hier mit Myrrhen und Weihrauch versorgen können. Auch fehlt nicht das Holz der
Aloe und das Harz der Benzoe, von denen schon die Frauengemächer in den
Königspalästen des ältesten Orients dufteten. Und dann kommen die Wohlgerüche
für den Körper und die Kleider, die schon in den Harems der alten Türkei
bekannt und beliebt waren, um die Sinne zu berauschen. In Ninive und Babylon
wurden kaum andere verwendet. Der alte Orient, den unsere Archäologen und
Gelehrten so mühsam durch Ausgrabungen und Forschungen herstellen; hier dringt
seine Seele, seine Poesie durch die Nase an unsere Sinne. Wir träumen von
Versen des Hohen Liedes und von den Gaselen des Hafis aus Schiras. Wenn wir
gröbere Genüsse verlangen, finden wir hier die Gewürze (beharat), deren sich
die orientalische und im besonderen die türkische Küche bedient. Auch aus
ihrer Auswahl und Zusammenstellung spricht wohl die Erfahrung von
Jahrtausenden. Mit dem Zunehmen der europäischen Kultur nimmt allerdings ihr
Gebrauch langsam ab. Aber nicht nur der Erhöhung der Lebensfreude; auch der
Heilung der Gebrechen und Leiden dient der Missir Tscharschi. Alle alten
Heilmittel, die arabische Ärzte aufgezeichnet und die türkischen «Hekim»
aufgenommen haben, sind hier zu finden. Die schädlichen von ihnen – und es gab
eine große Menge, die das Leben des Patienten in Gefahr bringen konnten – sind
allerdings durch die Gesundheitsbehörde schon längst verbannt. Aber von den
harmlosen findet man noch einige. Da hängen neben den Mohnbündeln, von denen
man den Kindern gibt, die nicht schlafen können, auch verstaubte Wieselfelle
von der Wölbung herab. Diese verwendete man seit uralten Zeiten, um die
Wirkung eines plötzlichen Schrecks zu beseitigen. Auch sieht man dort noch die
Jerichorose, die im Orient die «Hand der Mutter Maria» genannt wird. Wenn sie
sich im Wasser entfaltet, dann wird einem jungen Erdenbürger der Eintritt in
diese Welt erleichtert.
Friedrich Schrader (1865 - 1922)
Besuch des „Großen Bazars“ und des „Ägyptischen
Bazars“
Wie üblich trafen wir uns
alle auch an diesem Donnerstag Vormittag auf dem Schulhof der Istanbul Lisesi,
um uns dann gemeinsam auf den Weg zu machen, die historische Seite Istanbuls
zu entdecken.
Unser Ziel war zunächst
der „Große Bazar“, welcher nur wenige Minuten zu Fuß von der Schule
entfernt liegt.
Dieser Bazar wurde im
Jahr 1523 erbaut und ist seitdem mehrere Male abgebrannt, konnte allerdings
bis jetzt immer wieder restauriert werden. Er ist in verschiedene Straßen
gegliedert, so gibt es z. B. die Goldstraße, auf welcher man in großen
Mengen Gold zu niedrigen Preisen erstehen kann. Im Allgemeinen bietet der Große
Bazar für Touristen die beste Gelegenheit Souvenirs oder andere Kleinigkeiten
zu kaufen.
Unser nächstes und
letztes Ziel für diesen Tag war der Ägyptische Bazar, auch Gewürz Bazar
genannt.
Dieser ist erheblich
kleiner, aber in keinem Fall weniger attraktiv. Wie der Name unschwer erkennen
läßt, stehen dort hauptsächlich Gewürze zum Verkauf. Vermutlich haben die
anderen und ich an diesem Tag den größten Teil unseres Taschengeldes auf den
Kopf gestellt, so wurden z. B. das Haarfärbemittel Henna, türkische Glücksbringer und Schwerter gekauft.
Auf jeden Fall hatten
wir auch dort wieder einen unvergeßlichen Eindruck gewonnen.
Beate Pohlmann
Von den Kleinen ein Muster, wie man’s
macht
Vor den
ineinandergeschachtelten Läden einer stellen Gasse
mit Namen Riza-Pawa
standen zwei Jungen,
die stocherten mit
ihren nackten Füßen in den rußigen
Platanenblättern und
hatten
Kämme Knöpfe
Gummiband Nadeln Nähgarn Reißverschlüsse
und anderen Kram zu
verkaufen,
beide nebeneinander,
beide noch Kinder.
Ein Mann kam näher,
zum Kauf entschlossen
– das hat man schon
so im Vorgefühl.
Die Jungen riefen beide
auf einmal:
kauf bei mir Onkel
kauf bei mir Onkel
stießen einander fort
und hängten sich an den Mann.
Der Mann kaufte
anderthalb Meter Gummiband
für seine Unterhose
und ließ das Geld in der Schale
des einen. Der andere
pfiffig sprang herüber, haute
seinem Freund eine
Ohrfeige und schnappte das Geld
aus der Schale. Dann
rief er ohne sich zu schämen:
weine nicht Kumpel
nimm anderthalb Meter
Gummiband
klar daß du
verloren hast
nicht du sondern ich
hab das Geschäft gemacht
Der andere zog seinen
Schleim durch die Nase,
heulte noch eine Weile,
dann teilten sie sich
eine halbe Zigarette,
ließen freundschaftlich
das Geschehene
geschehen sein und stocherten weiter
mit ihren nackten Füßen
in den rußigen Platanenblättern.
Aras
Ören (geb. 1939)
3. Rundreise durch Westanatolien
Freitag,
17. Mai
Beginn
der Fahrt nach Anatolien. – Abfahrt mit Bus nach Ankara; Übernachtung im
Hotel Hitit.
Für unsere Rundreise
durch Westanatolien hatten wir wieder das Glück, recht günstige einen Midibus
mit etwa 27 Plätzen, der sonst als Schulbus für die Istanbul Lisesi fährt,
anmieten zu können. Der Fahrer war wieder derselbe wie schon bei unserer
Reise 1994: was auf beidseitigen Wunsch geschah. Wenn er auch über keine
Fremdsprachenkernntnisse verfügte, dafür stand uns ja die türkische
Sprachkompetenz von Rainer Gusky zur Verfügung, so war er ein Musterbeispiel
an Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und überlegener fahrerischer Kompetenz:
nie hektisch, nie waghalsig, immer auf Sicherheit und Korrektheit bedacht.
Die erste Fahrstrecke
sollte uns dann von Istanbul nach Ankara bringen. Der Abschied auf dem
Schulhof der Istanbul Lisesi zog sich natürlich und erwarteterweise wieder
viel länger als geplant hin und bescherte rührungsvoll Szenen. Dabei planten
wir ja ein Wiedersehen noch an unserem letzten Tag in der Türkei vor dem
Abflug.
Die Fahrt nach Ankara
führt zunächst über den Bosporus und bis Izmit entlang der Bucht von Izmit
durch den Agglomerations- und Wirtschaftsraum von Istanbul. Bei dieser
stundenlangen Fahrt wird die megapolitane Größe dieser Konurbation deutlich,
der Stadtgeographen heute schon eine Gesamteinwohnerschaft von ca. 20
Millionen zumessen. Doch sind die Zahlen je nach Begrenzung des Raumes und Art
der Erhebung – der Census war doch sehr unzuverlässig – sehr
unterschiedlich, und, wie zu vermuten ist, in gewisser Weise auch
interessenabhängig.
In Städten wie
Istanbul zeigt sich, daß die Verstädterungstendenz eine globale Erscheinung
und in den sozioökonomischen und politischen ein universelles Problem ist.
Der starke Zuzug vom Lande, vor allem auch aus den Krisenregionen in Südostanatolien,
wandelt die Bevölkerungsstruktur der Konurbation ebenso wie die Stadtkultur,
die, man könnte es fast sagen: verländlicht,
was am Erscheinungsbild gerade der ärmeren Bevölkerungsschichten deutlich
wird, die konservativer, traditionsgebundener und weniger weltstädtisch
erscheinen als es die ›einheimischen Istanbuler‹ sind. Der Wahlsieg der
islamistischen REFA-Partei bei den letzten Kommunalwahlen auch in Istanbul ist
auch in diesem Zusammenhang zu sehen.
Die Paßfahrt über
das Gebirge zwischen Bolu und Kxzxlçahamam
war für unseren kleinen Stadtbus keine ganz leichte Aufgabe. Auf den
›endlosen‹ Serpentine bergauf konnten wir überwältigende Ausblicke auf
die nördlichen Randgebirge Anatoliens, tief eingeschnittene Täler und dichte
dunkelgrüne Hangwälder bei Schrittempo ausgiebig bewundern, während die übermotorisierten
großen Linienbusse auf der Überholspur an uns vorbei zogen.
Ankara
liegt in einer Senke zwischen sieben Hügeln, was heute große Probleme für
die Luftverschmutzung vor allem durch den überbordenden Autoverkehr in dieser
Acht- bis Zwölfmillionenstadt – auch hier sind die Zahlen sehr unzuverlässig
– mit sich bringt, im Sommer in unerträglicher, windstiller Hitze
versinkend, im Winter verschärft noch durch die Höhenlage mit einer langen
Frost- und Schneeperiode, in der gerade in den Armenvierteln mit billigsten
Brennstoffen in offenen Öfen geheizt wird, wovon sich oft schon ab
September/Oktober eine undurchdringliche, undurchsichtige Smogschicht über
die Stadt zieht und viele Atemwegserkankungen verursacht. Die modernen Büro-
und Verwaltungsgebäude sind daher auch vollständig klimatisiert.
Auf unserem Programm
in Ankara steht einmal mit dem Museum für
anatolische Kulturen ein wichtiger Einstieg vor allem in die Thematik der
hethitischen Antike, mit dem Besuch des Grabmals von Atatürk, Anxt
Kabir, aber vor allem die Thematik: Türkische Republik und die revolutionären
Modernisierungen des Landes in diesem Jahrhundert.
Samstag,
18. Mai
Ankara:
Julian-Säule, Haci Bayram, Hethiter-Museum, Burg (Kale), Anıt Kabir (Atatürk-Mausoleum)
»Angora liegt auf
mehreren Höhen, im Norden und Osten von einer Bergkette umgeben; das Schloß
steht auf der Spitze eines hohen Felsens, der an drei Seiten ganz steil ist,
auf der Südseite erhebt er sich allmälig; es wird durch eine nahe Anhöhe
beherrscht; dieß, so wie die verfallenen Festungswerke, machen jeden
Wiederstand unmöglich. Die Häuser bestehen aus Holz und Backsteinen, sie
haben meistentheils zwei Stockwercke mit Balkonen, vorspringende Hallen und Dächer,
mit Geländern versehen; die Volksmenge beträgt ungefähr 20000 Seelen, von
denen ein Drittel Armenische Katholiken sind. Den Handel, der seit einigen
Jahren im Verfall ist, treiben diese letzteren: sie führen aus Smyrna
Leinewand und Colonialwaaren ein, und versenden dagegen schönen Camelot von
verschiedenen Farben, den die Stadtbewohner aus den Haaren einer dieser
Provinz eigenthümlichen Ziegenart bereiten, die an Feinheit der Seide gleich
kommt. Angora ist auch durch seine Früchte berühmt, vorzüglich durch
vortreffliche Birnen, die man in den Gärten zieht, die in der offenen Ebene,
nordwestlich von der Stadt liegen. Ein kleiner Fluß, der aus einem im
Nordosten der Stadt befindlichen See strömt, bewässert diese Ebenen, und
nachdem er den Fuß des Felsens, auf welchem das Schloß liegt, umspült hat,
setzt er seinen Lauf fort gegen Südost. Eine hohe Bergkette, die man in der
Ferne gegen Nordwesten sieht, hieß ehemals Olympus, und diente zur Gränze
zwischen Galatien und Bithynien. Ich bat den Konsul, dem Pascha meinen Firman
zu zeigen, und ihn um die Erlaubniß zu bitten, die Stadt, ohne belästigt zu
werden, durchwandern zu dürfen; dieser fanatische, heftige Türke gerieth darüber
in Wuth, behauptete, ein Engländer, der nach Angora käme, thäte dieß nur
in der Absicht, um Erkundigungen einzuziehen, wie man sich des Landes bemächtigen
könnte. Er fügte hinzu, daß er mir keine Erlaubniß gebe, die Stadt zu
besehen, und daß ich am besten thäte, mich so schnell als möglich zu
entfernen. Der Konsul kam zurück, ganz niedergeschlagen über diese Antwort,
und wollte mich bereden, mich nicht in den Gassen zu zeigen, als er aber sah,
daß ich entschlossen sey, dem Pascha Trotz zu bieten, ward er muthiger, und
erklärte, er wollte mich am folgenden Morgen begleiten. Ich zog meine neue Türkische
Kleidung an; wir stiegen mit Aufgang der Sonne zu Pferde, und ritten zur Stadt
hinaus, durch das Thor von Smyrna, das offenbar ein Werk der Türken ist,
allem Anscheine nach aus den Bruchstücken einer Halle oder eines Tempels
erbauet. Man sieht in der Mauer Stücke von Bildhauerarbeit, Trümmern von Säulen;
die Bogen werden von zwei Marmorblöcken getragen, die ohngefähr acht Fuß
hoch sind, und, wie ich glaube, zum Architrav eines Tempels gehörten.
Nicht weit vom Thore
ist eine kleine Anhöhe, auf welcher ehemals ein Tempel stand, wie der Konsul
mir sagte, und die umherliegenden Ruinen beweisen es. Wir ritten ungefähr
eine halbe Meile an der Mauer hin, die theils aus rohen Steinen, theils aus
behauenen und mit kleinen Basreliefs gezierten Marmorstücken bestand; dann
kommt man zu den unförmlichen Ruinen eines großen Gebäudes, das
wahrscheinlich ein Amphitheater war, die hie und da auf einen Hügel, nahe der
Ebene hin, zerstreuet lagen. Ein Theil des Grundes und der Mauern steht noch,
aber alle Spuren der ehemaligen Größe sind verschwunden. Die Marmorsäulen,
die es schmeckten, sind entweder, so lang sie waren, zu den Mauern der Stadt
gebraucht, oder in Kalk verwandelt, und die Bewohner von Angora holen hier täglich
Steine zu ihren Häusern. Die Gestalt scheint elliptisch gewesen zu seyn; die
noch stehenden Mauern sind dreißig Fuß hoch, und bestehen aus Bruchsteinen
und Ziegeln, die schichtenweise gelegt sind. Ein gewölbter Durchgang, der
ungefähr dreißig bis vierzig Fuß lang ist, scheint mir einer der Haupteingänge
des Theaters gewesen zu seyn. Den innern Raum haben die Türken zu einem Begräbnißplatze
gemacht, der jetzt voll von Bruchstücken aller Art liegt.«
John
Macdonald Kinneir
1813/14
Wir brauchen keinen ›Firman‹,
also einen ›Schutzbrief‹ eines Sultans, Gouverneurs oder Landesherrn, wie
John Macdonald Kinneir 1813/14, um
Ankara zu besichtigen. Aus dem abweisenden, zerfallenden Angora (in der Antike Ankyra)
ist die Millionenstadt, die Hauptstadt
der Türkischen Republik, Ankara, geworden. Doch noch heute fehlt ihr
einiges an Anheimeligkeit und – wie es Urbanistiker und Stadtgeographen
heute formulieren würden: – Ablesbarkeit
und deutlicher Charakter dieser Stadt, die heute auf der einen Seite Hauptstädtische
Weltläufigkeit mit urbaner Unverbindlichkeit verbindet und auf der
anderen Seite ein Konglomerat älterer,
ärmerer und moderner Wohn- und Geschäftsviertel darstellt.
Die alte Burg, die Kale,
ist noch heute ein eigener Wohnbezirk, mit mächtigen Mauern aus der
Osmanischen Zeit eingefaßt, auf byzantinischen, römischen und vielleicht
auch noch gallischen Festungs- und Siedlungsresten stehend, die noch kein Archäologe
ergründen konnte. Doch wäre dies spannen, denn Ankara dürfte die südöstlichste
Stadtgründung – Podium – der Galater,
der sich um 400 v.u.Z. europaweit ausbreitenden Kelten (›Gallier‹) gewesen
sein, von deren Eroberung von Rom ja im Geschichtsunterricht berichtet wird.
Dieses rätselhafte Volk, mächtiger und reicher Konkurrent im Norden des
aufstrebenden Römischen Reiches und später in einem auch für die damaligen
Zeit beispiellos skrupellosen und mörderischen Vernichtungskrieg von Julius Caesar
im ›bellum gallicum‹ vernichtet und für lange Zeit dem historischen
Vergessen überantwortet. Erst heute können Archäologen und Historiker daran
gehen, an Hand neuer Funde und Ausgrabungsstätten das Leben und die Kultur
der Kelten neu zu sichten und zu bewerten, wie die Zeitschrift der
spiegel gerade in seiner
letzten Ausgabe vom 28. Juli 1997 ausführlich darstellt.
Auf der Kale
findet sich einmal die restaurierte Ruine der eigentlichen Festung. Ich
erinnere mich daran, wie ich 1970 zum ersten mal hier heraufstieg zusammen mit
meinem Kommilitonen. Ungebeten wurden wir in dem damaligen Trümmerhaufen von
einer Gruppe kleiner Jungen begleitet, die radebrechend mit einigen Brocken
Englisch und Französisch Stadtführer spielten. Und dann war der Weg zuende,
vor einem mächtigen Eisengitter, der den weiteren Aufstieg zum Turm
versperrte. Aber der Ausblick über Ankara war herrlich, die Luft damals noch
einigermaßen durchsichtig, der Himmel blau und die sommerliche Temperatur
wurde durch die Reflexion des Sonnenlichtes aus Sand, Geröll und Steinen noch
erhöht. Unser kleiner Reiseführer hatte auch für diesen Ort einen passenden
Namen, hier sie nämlich das „Plateau de Bakschisch“ – na ja, und ein solches erhielte die
Kleinen dann auch.
Heute ist der
Aufstieg zu Burg ein vielbesuchter Spaziergang für die, in Ankara nicht allzu
häufigen, Touristen und Besucher. Die große Treppenanlage am Hang aus dem
vergangenen Jahrhundert führte dann auch gerade zu unserem Hotel Hitit im Altstadtviertel Uluw.
Neben der
eigentlichen Festung finden sich auf der Kale
aber auch noch innerhalb des Mauerbezirks, der eigentlich eher eine
Altstadt umfriedet, alte Wohnhäuser. Dies ist der einzige wirklich alte
Bereich der Stadt, der heute dementsprechend sorgfältig restauriert wird und
einen Einblick in den Städtebau vergangener Jahrhunderte lieferte. Doch zur
Zeit von John Macdonald Kinneir war
wohl auch dieser Stadtteil am Zerfallen; die Blütezeit des Osmanischen
Reiches war längst vorbei und es regierte, wie die daran nicht unschuldigen
Hegemonialmächte des Westens es nannten: der
›kranke Mann am Bosporus‹.
Doch zwei
Besichtigungen in Ankara gehören zu den Essentials
jeder Türkeireise: der Besuch des Museums
für anatolische Kulturen, auch Hethiter-Museum
genannt, und die Besichtigung des Atatürk-Mausoleums Anxt Kabir.
Damit ist die
Spannweite der türkischen Kultur und
der türkischen Traditionen gekennzeichnet. Viele tausend Jahre zurück
reichen die Ausgrabungsfunde der Archäologen auf türkischem Territorium. Die
wohl ältesten stadtähnlichen Siedlungen der Menschheit finden sich
schriftlos und rätselvoll, was Herkunft, Kultur und Lebensweise ihrer
Bewohner angeht, im Taurusgebirge, der die anatolischen Hochflächen gegenüber
dem Mittelmeer und den Nahen Osten abschließenden Hochgebirgszug, der nur von
einigen Paßstraßen überquert wird und doch seit Jahrtausenden Einfallstor für
Völkerwanderungen in beiden Richtungen gesessen ist, Siedlungsraum und eine
der Ursprungsräume der altweltlichen und altorientalischen Hochkulturen. Im
Zusammenhang mit den bis zu zehntausend Jahren alten Funden, die im Archäologischen
Museum in Ankara ausgestellt sind, stellen sich einige Fragen nach den
Ursprüngen der menschlichen Kultur und den Besonderheiten des
vorderasiatischen und südanatolischen Lebensraumes des »Fruchtbaren
Halbmodes«, der diese Kulturentwicklung möglich gemacht hat. Dazu sollen
einige Reflexionen beitragen.
Kultursprünge in den Wüsten des »Fruchtbaren
Halbmondes«
Die Wüstenlandschaft
provoziert eine Frage: Warum entstand unsere Kultur gerade hier und nicht in
den fruchtbareren, klimatisch weniger extremen Breiten? Dazu müssen wir doch
etwas tiefer in die Geschichte und Geographie einsteigen. Die Frage „warum
hier?“ ist dabei zu trennen von der anderen Frage, warum nicht dort, nämlich
in Mitteleuropa? – Letztere Frage ist einfacher zu beantworten: In
Mitteleuropa endete vor zehntausend Jahren, als die Kulturentwicklung
in Vorderasien schon vehement einsetzte, erst die letzte Eiszeit
mit der stufenweise Wiederbesiedlung der Region mit erst spärlichen Buschgehölzen
und später dichter werdenden Wäldern. Die Region war feucht, sumpfig, mit
undurchdringlichen Auewäldern, Strauchwerken und Unterhölzern überzogen;
winters machten Frost und Schnee Vorankommen und Jagd fast unmöglich. Die natürlichen
Potentiale reichten gerade für eine spärliche Nutzung durch einige wenige Jäger
und Sammler aus, deren Lebenserwartung nur gering war; Unfälle, Frost, Hunger
und Krankheiten rafften immer wieder ganze Familien und Gruppen dahin. An ein
Seßhaftwerden war bei diesem Nahrungsmangel nicht zu denken. Und woher sollte
hier die Idee, die Anregung zum Ackerbau kommen?
Wir sehen,
landwirtschaftliche Gunst nach heutigen Maßstäben gibt keinen Aufschluß über
die Nutzungspotentiale für ganz andere Gesellschaftsformen in früheren
Zeiten. Gunst ist daher geographisch kein festes Attribut einer Landschaft
sondern ein Ergebnis der Fähigkeit zur Inwertsetzung des Raumes durch eine
konkrete Gesellschaft. So ist auch die heutige scheinbare Ungunst der nahöstlichen
Siedlungsräume kein Maßstab für ein Urteil über die Nutzungspotentiale in
vor- und frühgeschichtlicher Zeit.
Mehrere raumtypische
Faktoren bestimmen die relative Gunst des Nahöstlichen Raumes für die »erste
landwirtschaftliche Revolution«, die Erfindung des Ackerbaus, die
Kulturpflanzenentwicklung und das Seßhaftwerden. Auch die »zweite
landwirtschaftliche Revolution«, die Herausbildung von größeren
Gesellschaften, die Entwicklung städtischer Siedlungen, das Entstehen von
Grundherrschaft und das Aufkommen erster differenzierter religiöser Systeme
und Kulte, findet im Nahen Osten seinen geeigneten Nährboden. Beginnen wir
mit den natürlichen Voraussetzungen:
1. Geeignete Pflanzen
stehen für die Kulturpflanzenentwicklung zur Verfügung. Gräser sind die Grundlage der Getreideentwicklung
(Emmer, Einkorn etc.), Rosazeen bilden, nicht nur im Nahen Osten, die
Ausgangspflanzen für Obst und Früchte.
2. Ein optimaler
Artenreichtum für die Auswahl von geeigneten Pflanzenstämmen ist daher
vorhanden, daß es sich hier um ein sogenanntes „Mannigfaltigkeitszentrum“ (Vavilov
1926) handelt, in dem ein besonders differenzierter Genbestand anzutreffen
ist; das hat drei Gründe: zum einen überschneiden sich in Vorderasien die
mediterranen, irano-turanischen und saharo-sindischen Florenreiche (Fisher
19716),
zweitens hat der eiszeitliche, im Nahen Osten pluviale (feuchtzeitliche)
Klimawandel die vorderasiatischen, klimatisch begünstigten Randgebirge
(Taurus, nordsyrisches Hügelland, Zagros) zu Rückzugsgebieten weiter im
Norden verdrängter Arten gemacht, und drittens ist das klimatisch reich
differenzierte Gebiet an der Trockengrenze
mit seiner Vielzahl klimatischer und edaphischer Besonderheiten geeignet, eine
größere Anzahl regional eng begrenzter „ökologische Nischen“ für
evolutionäre Sonderwege bereit zu halten, die auch nicht von einer
aggressiv-dominanten dichten Leitvegetation beeinträchtigt werden.
Zusammengefaßt also: wir finden hier bei relativ geringer pflanzlicher
Individuenzahl ein Maximum an Artenvielfalt und damit beste Voraussetzungen für
(in der Frühzeit) eher zufällige oder (in der späteren Zeit) planmäßige
Herausbildung geeigneter, ertragreicher Nutzpflanzen.
3. Kurzfristige
Klimaschwankungen, klimatische Grenzsituationen und lokal extreme biologische
Lebensbedingungen verstärken den evolutionären Selektionsdruck auf die
Pflanzenwelt und erhöhen damit die Geschwindigkeit der Artenentwicklung; ein
Vorgang der die schon erläuterte Artenvielfalt noch erhöht und die
Zuchtvoraussetzungen verbessert. Außerdem liefern diese natürlichen
Bedingungen anschauliche Muster für die Auswirkungen von Lebensbedingungen
auf das Pflanzenwachstum, die vom frühen Menschen, z.B. bei der »Erfindung«
der Bewässerung, leicht imitiert und genutzt werden konnten.
Aber auch von der
Seite der menschlichen Lebensbedingungen sind einige wichtige Gunstfaktoren zu
nennen, die historisch wirksam geworden sind.
1. Die offenen
Landschaften am Rande des späteren »fruchtbaren Halbmondes« (schon dieser
Begriff zeigt, daß diese Region sehr lange noch als Gunstgebiet angesehen
worden ist!) erhöhten die Mobilität der zunächst noch nicht seßhaften
Gruppen, erhöhten die Bereitschaft, sich zu größeren Gruppen
zusammenzuschließen. Nach der »ersten landwirtschaftlichen Revolution«
konnte schon sehr früh ein erster Warenaustausch entstehen, der dann die »zweite
Kulturrevolution« begleitete und prägte.
2. Die
Lebenserwartung in diesen Räumen war höher als in den winterkalten
mitteleuropäischen Sumpf- und Waldgebieten (Rodungstechniken waren damals ja
noch ebensowenig bekannt wie Trockenlegungen von Sumpfländereien).
3. Bevölkerungswachstum
führte dann zu dem Zwang, neue, ertragreichere Subsistenzformen zu finden und
drängte zur Nutzung der oben genannten landwirtschaftlichen
Gunstvoraussetzungen. So finden wir die ersten Spuren seßhafter Bevölkerung
mit planmäßigem Pflanzenanbau an den Hängen der vorderasiatischen
Randgebirge. Doch schon bald, wohl den Flüssen folgend, nutzen Menschen, vor
über zehntausend Jahren, die Steppen und Halbwüsten am Fuße der Berge,
indem sie die Bewässerungswirtschaft erfinden und Quellen und Flußwasser,
nur wenig später auch selbst gegrabene Brunnen nutzen. Seitdem dreht sich die
Lebensvorsorge der frühen Kulturen in erster Linie um das Wasser, seinen
Gewinn, seine Speicherung und Nutzung, seine gerechte Verteilung (Grünert
1981)
4. Das ist die
Voraussetzung dafür, daß sich, unter dem Zwang wachsender Bevölkerungszahlen
und der steigenden Ansprüche an eine planmäßige Daseinsvorsorge, immer größere
Menschengruppen zusammenschließen, um die Bewässerungssysteme zu verbessern,
Kanäle und Stauanlagen zu bauen, Brunnen anzulegen und Instanzen zu schaffen,
die die rechtmäßige Verteilung des knappen und kostbaren Wassers
kontrollieren (Meder 1992). Dies
ist sicher eine der wesentlichen Wurzeln, daß sich, nach historischen Maßstäben,
schon so bald nach der Seßhaftwerdung des Menschen übergeordnete
gesellschaftliche Organisationsformen, staatliche Institutionen, Königreiche
und Priesterkönigtümer, Militär und hierarchische Verwaltungsformen
entwickelten: die altorientalischen Reiche waren geboren, auf deren
Kulturerrungenschaften auch unsere Kultur noch letztlich aufbaut. Wittfogel
nennt dies, wir haben es in der Einleitung schon erwähnt, die „hydraulische
Kultur“.
¨۞
Im Archäologischen Museum in Ankara, historisch interessant in einem
sorgfältig restaurierten Bedesten,
d.h. einem geschlossenen Goldbazar
aus dem 17. Jahrhundert am Hang des Burgberges untergebracht – die typische
Kuppeldachlandschaft, die türkische Bazare kennzeichnet und die auch im
altosmanischen Moscheebau z.B. in Bursa angewandt worden ist – ist ein
interessanter Blickfang auch von der Kale
aus. Vor dem Museum liegt ein großer Park, in dem größere Fundstücke und
Monumente gezeigt werden. Der Rundgang um den zentralen überkuppelten Hof des
Museums birgt die chronologische geordnete Ausstellung der wichtigsten
Fundorte in Anatolien von der Steinzeit und dem Chalkolithikum bis zur
grischisch-römischen Antike, die hier jedoch nur am Rande gezeigt wird,
soweit sie altorientalische Traditionen und Kulte aufgreift und weiterführt.
Schwerpunkte der
Ausstellung die von einigen Autoren z.B. als „eine der großartigsten
Sammlungen zur Frühgeschichte der Menschheit, die überhaupt existieren“
bezeichnet wird,
sind zunächst die Funde aus Çatal Hüyük bei Konya, das lange Zeit als ›älteste Stadt der
Welt‹ galt, bis vor wenigen Jahren bei Baumaßnahmen im Gebiet des Euphrat
am Atatürk-Staudamm in Südostanatolien noch gut tausend Jahre ältere,
bislang nicht näher einzuordnende quasi
städtische Siedlungsreste gefunden wurden.
Große
Ausstellungsbereiche widmen sich den Kulturen der Hatti und Hitti (Hethiter),
die die ersten staatlichen Organisationsformen in Anatolien entwickelten und
im Wechselspiel der Macht im alten Orient zwischen Babylon, Assur und Ägypten eine wichtige Rolle spielten, obwohl sie
dann seit der Antike aus dem Blickfeld der Geschichtsschreibung gerieten und
fast der Vergessenheit anheim fielen.
Großartig sind die
Bronzeskulpturen der Hethiter mit Sonnenrädern und Darstellungen des Heiligen
Hirsches. Die berühmteste, etwa 30 cm hohe, filigrane Darstellung ist zum
Symbol der türkischen Fremdenverkehrswerbung geworden und steht als Großplastik
von ca. 10 m Höhe auf einem zentralen Platz in Ankara, umgeben vom
vielspurigen Autoverkehr. Auch das ist Türkei ...
Aus Boäazköy, der
hethitischen Hauptstadt Hattuwa,
finden sich hier die Funde ebenso wie aus der historisch interessanten
Ausgrabung von Kültepe, der antiken
Doppelstadt Kanew / Carum
bei Kayseri, in der sich eine assyrische Handelskolonie vor den Mauern einer
hethitischen Festungsstadt angesiedelt hatte, deren Ausgrabung einige neue
Erkenntnisse über den altorientalischen Wirtschafts- und Kulturkontakt im
Nahen Osten einbrachte.
¨۞
Schließlich das Symbol
der modernen Türkei: das Atatürk-Mausoleum Anxt
Kabir. Kemal Atatürk, 1923 Staatsgründer der Türkischen Republik und
bis zum Tode am 10.11.1938 im Dolmabahçepalast in Istanbul – sein
Sterbezimmer kann dort noch besichtigt werden – Staatspräsident der Türkei,
wurde 1953 in das ihm zu Ehren von seinem Nachfolger und Kampfgefährten Ismet
Inönü errichtete Mausoleum und Staatsdenkmal in der Stadt, die er
1923 zur Hauptstadt der Republik ausgerufen hatte, umgebettet.
Der monumentale
Hallenbau mit Ehrentreppe und einem Ehrenhof, der auch für Staatsakte und
militärische Ehrenbezeugungen genutzt wird – jeder Staatsbesucher der Türkei
legt am Sarkophag Atatürks einen Kranz nieder – wird über eine mit
steinernen ›neohethitischen‹ Löwenfiguren
gesäumte Prozessionsstraße erreicht, deren grobe Pflasterung schon zu ›würdigem
Schreiten‹ zwingt: Die Anlage entspricht dem autoritären
Monumentalgeschmack der dreißiger Jahre und mutet heute eher antiquiert an.
Gebaut wurde die Anlage nach Plänen des Architekten Emin Onat, der Schüler
eines deutschen Architekturprofessors war. Bei allem Respekt vor den
Leistungen des Staatsgründers, steht doch der Stil seiner Gedenkstätte
demokratischem Empfinden recht fremd entgegen... Doch steht dem gegenüber die
beinahe heitere Ausstellung der persönlichen Hinterlassenschaften Atatürk,
Orden, Kämme, Toilettenartikel, Uniformen, Bilder und seine Autos... Und in
der Wand als Inschrift sein wichtigster Ausspruch als General und Kriegsheld:
„Wenn das Volk nicht in Lebensgefahr ist, ist Krieg ein Verbrechen.“
۞¨
Ankara war auch eine römische
Stadt. Die Ausgrabungen der römischen Thermen – mehr durch Zufall vor
einigen Jahrzehnten bei Ausschachtungsarbeiten für den Bau eines Bürohauses
entdeckt, konnten wir aus Zeitgründen diesmal nicht besuchen.
Doch an zwei Stellen
kamen wir noch kurz mit der römischen Antike in Berührung. Ganz in der Nähe
des Hotels im Stadtviertel Uluw
steht auf einem abgeschiedenen Platz zwischen imposanten Osmanischen Holzpalästen,
Verwaltungsgebäuden der Jahrhundertwende, die im Stil dem Gebäude der
Istanbul Lisesi in Istanbul ähneln, eine einsame steinerne Säule mit einem
Storchennest. Die spiralförmigen Kannelierungen und der ornamentale Stil läßt
die Archäologen vermuten, auch wenn keine Inschrift gefunden wurde, daß es
sich um eine Julianssäule handelt.
Kaiser Julian
Apostata, d.h.: der Abtrünnige, versuchte noch einmal nach Konstantin das
Christentum als Staatsreligion abzuschaffen und die altrömischen Götterkulte
wieder einzuführen. Fünf anatolische Städte folgten ihm darin recht
bereitwillig, darunter Ankara und Pergamon. Zur Strafe wurden sie dann als die
Verdammten Städte in der Apokalypse des Johannes in den kanonischen
christlichen Bibeltext aufgenommen: die sogenannten Apokalyptischen Städte.
Noch zur Zeit des
Imperators Augustus wurde in Ankara
gegenüber der Kale auf dem Hügel,
der jetzt das Stadtviertel Altindaä
trägt, ein römischer Staatstempel errichtet, der dem vergöttlichten Augustus und der Staatsgöttin Roma geweiht wurde. Augustus ließ, wie in Tempeln im ganzen
Imperium, auf einer Steintafel als Abschrift des römischen Originals einen
Ehrenbericht über seine Taten als Staatsmann und Feldherr anbringen, die ›gestae‹.
Die Tafel in Ankara ist besser als anderswo erhalten und wurde zu einer
wichtigen historischen Quelle. Kirchengeschichtler interessiert hier
besonders, daß es die einzige dokumentierte Quelle für die biblische Erzählung
von der Volkszählung, dem census,
ist, derer sich Augustus hier rühmt und die für die Weihnachtserzählung der
Christenheit eine so große Rolle spielt.
Sonntag,
19. Mai
Über
Boğazköy (Hattuşa, Ausgrabungen) nach Kappadokien Übernachtung im Hotel Gülşehir
Hattşua
„Ihr Götter, die ihr
meine Herren seid, die ihr das Blut des Tudhaliyas rächen wollt:
die den Tudhaliyas töteten,
die haben die Blutschuld gebüßt,
und auch das Land Hatti
hat diese Blutschuld zugrunde gerichtet,
so hat auch das Land
Hatti bereits gebüßt.
Weil sie jetzt auch über
mich kam,
so will auch ich sie
samt meiner Familie durch Ersatz und Sühne ableisten,
und den Göttern, die
meine Herren sind, soll sich der Sinn wieder beruhigen.
Seid mir, ihr Götter,
die ihr meine Herren seid, wieder wohlgesinnt!
Und vor euch will ich
erscheinen.
Und weil ich zu euch
bete, so erhöret mich. Weil ich nichts Böses getan habe
und von den damaligen,
die fehlten und Böses taten, keiner mehr übrig ist,
weil sie längst tot
sind,
weil über mich aber
meines Vaters Schuld kam,
siehe, so will ich für
das Land wegen der Pest euch, den Göttern,
die ihr meine Herren
seid, Sühnegabe geben.
Aus dem Herzen die Pein
verjagte mir, aus der Seele aber die Angst nehmet mir.“
Aus den »Pestgebeten«
von König Mursilis II, ca. 1300
v.u.Z.
Durch dunkle Gänge
schreitet, von der Fackel nur flackernd erhellt, einsam Priester und König
zum Heiligtum. Rechts und links begleiten sie überlebensgroße steinerne
Reliefs, gewaltig, drohend oder schützend. Die Mächtigen Quader der Mauern
schirmen alle Außenwelt ab. Rituelle Waschungen begleiten den Weg der
Betenden und Bittenden. Angst ist in ihren Seelen, Hoffnung auf die Gnade der
Götter, des obersten Wettergottes, die Griechen nannten ihn Zeus. Das
Allerheiligste liegt tief im Tempelkomplex verborgen, ohne Licht von außen, Götterfiguren,
Tempel...
Die Riten der
Hethiter sind uns heut nicht mehr im Einzelnen bekannt, doch zeigen die »Pestgebete«
des Königs Mursilis II. noch etwas
von der religiösen Ergriffenheit, der tief religiösen Verwurzelung des
Lebens, das in dem mächtigen Tempelbezirk von Hattuwa
seine materielle Ausprägung erfuhr.
Der steinerne Gang
zum Allerheiligsten ist als Grundmauerwerk noch erhalten; wir betreten die
steinernen Platten, auf denen vor bald 1500 Jahren schon Priester und Könige
schritten. Doch den steinernen Bau, die Dunkelheit und Stille muß unsere
innere Vorstellungskraft hinzutun, wenn wir
die letzten Schritte auf die noch heute im Grundriß erkennbare Doppelkammer
des Allerheiligsten zu tun. Viele der steinernen Reliefs Sinn ausgegraben und
vom Mauerwerk abgelöst worden. Sie sind im Archäologischen Museum in Ankara
zu sehen.
Die Geschichte der
Hethiter, die sich uns mit dem Besuch der Ausgrabungen ihrer Hauptstadt Hattuwa
beim heutigen Dorf Boäazköy östlich von Ankara in einem Seitental des
Kxzxl Irmak, des antiken Halys, in
Ansätzen erschließt, ist gewiß rätselhaft. Das Volk der Hethiter gehört
zur frühesten indogermanischen Einwanderungswelle, der auch die protodorische
Einwanderung in Griechenland zugeordnet wird, der man die mykenische
Herrenburgkultur zuschreibt, und die einige bezeichnende gesellschaftliche
und kulturelle Übereinstimmungen zeigen, wie der Glaube an einen obersten »Wettergott«,
die Verehrung einer Vielzahl regional differenzierter Naturgottheiten, die
kriegerische Lebensform, die die Familie als oberstes Sozialordnungsprinzip
ansieht und daher jeglichem übergeordneten Königtum, das sich in der Seßhaftigkeit
entwickelt, clanähnliche Versammlungs- und Beschlußgremien gegenüberstellt,
die die personale Macht einschränken und den Familienprimat sichern. Daher
kommt auch eine »Vergöttlichung« des Königtums und des Königs im
Gegensatz zu den altorientalischen Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens für
die Hethiter nicht in Frage.
Während sich das hethitische
Reich von 1700 bis 1200 v.u.Z. entwickelt, ausdehnt und als gleichberechtigter
Machtfaktor neben Babylon, Assur und Ägypten steht, und sich hethitische
Stadtstaaten noch rund fünfhundert Jahre länger halten können, bleibt seine
kulturelle Integration und Prägekraft vergleichsweise gering. Zwar sprachen
die Hethiter eine eigene indogermanische Sprache, die sie sowohl in
assyrischer Keilschrift wie auch in einer selbst entwickelten
Hieroglyphenschrift schrieben – die Entzifferung erst in unserem Jahrhundert
gehört zu den aufregendsten wissenschaftsgeschichtlichen Kapiteln
–, doch blieb diese wohl auf die Oberschicht beschränkt. Im Bereich der
hethitischen Herrschaft sind eine Vielzahl lokaler Sprachen in Inschriften
nachgewiesen, selbst in der Hauptstadt Hattuwa
sind Inschriften in weiteren sieben Sprachen gefunden worden.
Die Zahl der
Einwander scheint also nicht allzu groß gewesen zu sein. Die einheimische Bevölkerung,
die den altorientalischen Kulturkreisen zuzurechnen ist, hat teilweise Sprache
und kulturelle Eigenheiten beibehalten. Sogar der Name des Reiches leitet sich
von dem besiegten Vorgängerstaat, den Hatti
ab; die Namen der hethitischen Könige und Götter sind kurioserweise selbst nicht
hethitisch! Wie die einwandernden Hethiter
sich selbst bezeichneten, ist nicht überliefert. In vielen Schriften wird die
eigentlich unsinnige Bezeichnung für
die Vorgänger der Hethiter als Hatti oder Chatten, für
die Einwanderer als Hitti oder Hethiter
beibehalten, mangels besserer Konventionen.
Einige historische
Fragestellungen muten uns daher recht aktuell an. Wie findet die Integration
von Einwanderungswellen statt, welche gesellschaftlichen Veränderungen
und kulturelle Umschichtungen folgen auf Bevölkerungs- und
Machtverschiebungen und welche Rolle spielt die Sprache
– die gemeinsame Sprache? – für die kulturelle und politische Integration
eines Volkes? Die Antike zeigt, gerade am Beispiel der Hethiter, eine Vielzahl
von Völkerwanderungen, migrationsbedingter Überschichtungen
und das Entstehen breiter kultureller und machtpolitischer Übergangszonen,
die weder mit dem heutigen Begriff der Ethnie
noch des Staates hinreichend
eingeordnet und erklärt werden können.
Sehr deutlich macht
gerade die Geschichte Anatoliens, daß es zwar seit altorientalischer Zeit
sich entwickelnde, ausbreitende, erobernde und beherrschende Machtzentren
gibt, daß Reiche und Imperien
entstehen, die aber mangels hinreichener Definition ihrer Grenzen und Mangels
innerer politischer, kultureller oder ethnischer Homogenität keinesfalls mit
den heutigen Staaten oder gar Nationalstaaten gleichgesetzt werden dürfen.
Erst im römischen Imperium finden sich Ansätze der machtpolitischen
Verfestigung und Institutionalisierung, die an modernere Staatenbildungen
gemahnen, doch zeigt gerade auch die Geschichte des römischen Reiches die
Instabilität dieses Staatskonzeptes in einer Zeit, die noch nicht über die
hinreichenden sozialen, ökonomischen und technischen Ressourcen eines
modernen Staatswesens verfügte.
Das Konzept des
homogenisierten Nationalstaates für ein abgeschlossenes Staatsvolk ethnischer
und kultureller Einheit ist eine Herrschaftsideologie, die sich erst in der
europäischen Neuzeit entwickelte und gegen die soziale und historische Realität
der beherrschten Völker durchgesetzt und aufgezwungen wurde, auch mit Hilfe
der Abstammungsmythologie, die später
direkt in den Rassismus, den
Nationalsozialismus und die Verbrechen der »ethnischen Säuberungen« von
Auschwitz über Potsdam nach Jugoslawien führte!
Gerade
auch die heutige Türkei, die historisch-sozial viel eher mit dem überschichteten
und differenzierten Hethiterreich der alten Vergangenheit als mit einem europäischen
Nationalstaat zu vergleichen ist, ringt mit den Widersprüchen zwischen der Nationalstaatsideologie
der Einheit und Homogenität und der fraktionierten
sozialen und kulturellen Realität – und sucht erstere mit staatlicher
Homogenisierungs- und Integrationspolitik durchzusetzen. Damit steht die Türkei
in der Tradition der Nationalstaatenbildung Spaniens, Frankreichs bis hin zur
USA.
Es erscheint durchaus
sinnvoll, diese weitgespannten historischen Bögen zu ziehen, um den Blick zu
schärfen für die sozialen Prozesse und Machtbalancen, die Geschichte
bestimmen und ein wichtiger Teil der conditio
humanae sind.
Doch schnell noch zurück
nach Hattuwa! Nach der nachdenklich stimmenden Besichtigung der mächtigen
Palast- und Tempelfundamente fuhren wir mit unserem Bus auf einer neu
angelegten, mehrere Kilometer langen Asphaltstraße entlang der in Bruchstücken
freigelegten und zu verfolgenden Stadtmauer, wobei uns die ungeahnten Ausmaße
dieser über Jahrhunderte vergessenen und bis heute nur in kleinen Ansätzen
erschlossenenen antiken Metropole erst recht deutlich wurden. Hattuwa war in
Fläche und Einwohnerzahl in der Hauptstadtzeit deutlich größer als das
antike Athen in seiner klassischen Blütezeit!
Besonders interessant
ist dann die Besichtigung der recht gut erhaltenen mächtigen steinernen
Stadttore, vor allem des Löwentores, wo mächtige steinerne, überlebensgroße
Löwenfiguren das Tor bewachen. Der Plastikstil wie die Faktur des Mauerwerk
lassen in ihrer Massivität an
das Tor von Mykene erinnern. Daß dies keine zufällige Koinzidenz ist, haben
wir in unseren historischen Anmerkungen zur Geschichte der Hethiter schon
angedeutet.
So können wir –
beeindruckt und von der weiten Ruhe, die über den Ausgrabungen liegt, die
noch nicht im Brennpunkt des touristischen Interesses stehen, selbst in eine
Stimmung konzentrierter und doch entspannter Kontemplation versetzt – nur
noch einmal die Besichtigung von Hattuwa anempfehlen. Für unsere Reise, bei
der wir diesen Ort erstmalig besucht hatten, gehörte Hattuwa zu den Höhepunkten.
Montag,
20. Mai
Rundfahrt
durch Kappadokien: Unterirdische Stadt Ízkonak, Avanos, Zelve, G÷reme, Uþhisar,
Gülwehir
Noch am Abend nach der
Besichtigung von Hatuwa sind wir nach Kappadokien weiter gefahren, um in Gülwehir,
der »Rosenstadt« am Rande des touristisch erschlossenen Tuffgebietes
Kappadokiens, in einem sehr angenehmen Hotel »Gülwehir« unterzukommen –
zu sehr günstigen Preisen. Kappadokia, wie die Provinz um das Vulkanmassiv
des Erciyes Daäx, den „kappadokischen Olymp“, schon in
klassisch-hellenistischer Zeit hieß, ist zunächst einmal durch seine überwältigende
Naturlandschaft, in der sich tausende und abertausende von Tuffkegeln, »Zuckerhüten«,
aus den vulkanischen Ablagerungen im Laufe von millionen Jahren herauspräpariert
haben, aufregend sehenswert. Aber auch historisch-kulturgeschichtlich hat
diese zentralanatolische Provinz viel zu bieten, da sie sich seit der
Bronzezeit immer wieder als Siedlungs-, Rückzugs- und Fluchtraum z.B. für
religiös oder politisch verfolgte Gruppen anbot, die dann ihre Behausungen,
Klöster, Kirchen oder Moscheen in den weichen Tuff hereingruben, entweder in
die Tuffkegel selbst, die teilweise durchlöchert sind wie ein schweizer Käse,
teilweise aber auch in oft mehreren Etagen in den Tuffuntergrund unter
bestehenden Siedlungen: die »unterirdischen Städte«.
Die Besichtigung
dieser Sehenswürdigkeiten gehört bei allen unseren Türkeireisen zum
Mindestprogramm; die kulturgeschichtlichen Einzelheiten dieses Rückzugsgebietes
orthodoxer Mönche und Eremiten in byzantinischer Zeit, oft Anhänger
heterodoxer, verfolgter Richtungen, sind in jedem Reiseführer nachzulesen.
Aber schon die Naturlandschaft ist ein befremdlicher, unvergeßlicher
Eindruck. Überragt von den Vulkankegeln des Hassan Daä im Westen und des
Erciyes Daäx im Osten finden wir hier ein in zehntausende einzelner Tuffkegel
aufgelöstes vulkanisches Ablagerungsfeld, auf dem sich, in prärezenter Zeit,
zunächst meterhohe Staubschichten, in den Tallagen bis zu vierzig Meter
hoch!, ähnlich der Verschüttungen von Pompei, abgelagert haben. diese
verfestigten sich dann zu weichen Tuffgesteinen, die als letztes von einer
nicht allzu mächtigen Lavaschicht als dünnflüssigem Deckenerguß überströmt
wurden. Bei der Abkühlung zerbarst die Lavadecke in eine Unzahl einzelner,
polygoner Blöcke und Schollen, zwischen denen Wasser eindringen konnte und so
die Erosion des weichen Tuffs begann. Schnell tieften sich Erosionsrinnen und
Schluchten bis zum Grunde der Tuffschicht ein, die ihren Abfluß z.B. nach
Westen in den tiefer gelegenen Tuz Gölü fanden. Nur dort, wo der Tuff durch
einen „Hut“ aus fester Lava geschützt war, blieb ein zuckerhutförmiger,
bis zu vierzig Meter hoher Kegel stehen.
Die in den Tuff gefrästen
Taleinschnitte sind zwar schwer zugänglich, bilden aber fruchtbare
vulkanische Böden, die schon in vorgeschichtlicher Zeit und dann bis heute
ununterbrochen vom Menschen zur Anlage von kleinräumigen bewässerten Feldern
und Obst- und Gemüsegärten genutzt wurden. So ist es zu erklären, daß sich
in dieser unzugänglichen „Mondlandschaft“ heute eine ganze Anzahl
prosperierender Dörfer und Siedlungen finden, deren Hauptorte Göreme, Ürgüp,
Gülwehir und Nevwehir sind. Im Tal von Göreme besichtigen wir die zentrale
Gruppe der christlichen Klosterkirchen, die durch ihre erstaunlich gut
erhaltenen Wandmalereien im byzantinischen Stil Weltruf erlangt haben.
Kurios ist es zu
beobachten, wie die Mönche, die in langjähriger Handarbeit die Höhlen in
den Tuff getrieben haben, dabei byzantinische Architekturelemente in ihren
Kirchenräumen imitierten, wie Säulen und Kapitelle, Architrave und
Deckenbalken, ohne statisch-funktionale Zusammenhänge, die hier im Tuff
ohnehin überflüssig waren, zu berücksichtigen, so daß z.B. Deckenbalken
neben den „Scheinsäulen“ in der Felswand verschwinden und den Eindruck
der Instabilität erzeugen.
In Zelve besichtigen
wir das in drei Täler aufgeteilte Höhlengebiet, das wohl die älteste
Besiedlungsspur Kappadokiens anzeigt und deren Höhlenwohnungen auf die
Bronzezeit bzw. das Chalkolithikum datiert werden, eventuell aber auch schon
in der Jungsteinzeit (Neolithikum) besiedelt war. Die Hitze des Mittags
hinderte nicht die »Entdeckungsfahrten« durch das Höhlenlabyrinth, machte
anschließend kalte Getränke, Eis und einen kleinen Imbiß unter
schattenspendenden Bäumen aber umso angenehmer.
Noch ein letzter Höhepunkt
erwartete uns am Rande von Gülwehir an diesem Tage, als wir auf Empfehlung
des Hoteliers des »Hotel Gülwehir« eine neu entdeckte Höhlenkirche aus
byzantinischer Zeit aufsuchten, die in den gängigen Reiseführern noch gar
nicht vermerkt ist und die heute noch nicht vollständig freigelegt und
restauriert worden ist. Umso hilfreicher und kontaktfreudiger war der Museumswärter,
der uns noch Abends den Zugang ermöglichte und Einzelheiten über die
Ausgrabungen zu berichten wußte.
Abends saßen wir dann
im Foyer des Hotels, tranken die üblichen Getränke vom Tee bis zum Rakx und
unterhielten uns mit dem Hotelbesitzer und einigen seiner jüngeren
Angestellten, was wieder unser Bild von der aktuellen Situation in der Türkei
abrunden konnte.
Dienstag,
21. Mai
Weiterfahrt
nach Konya ³ber Aksaray und Sultanhanx (Kervanseray); Übernachtung im
Hotel Tur
Am nächsten Tag –
eigentlich viel zu früh, nachdem wir der Faszination Kappadokiens erlegen
waren – fuhren wir dann weiter in Richtung Konya. In Aksaray – dem »weißen
Schloß«, wie die Übersetzung des Ortsnamens lautet, am Rande der Ebene des
großen Salzsees, des Tuz Gölü – machten wir eine kleine Verpflegungs- und
Einkaufsrast und konnten dabei eine typische zentralanatolische ländliche
Kleinstadt, fernab vom Getriebe des Tourismus erleben. Erstaunlich für unser
oft nicht allzu reflektiertes Türkeibild ist die hier zu beobachtende
Tatsache eines überaus schnellen und städtebaulich durchgreifenden
Modernisierungs- und Wachstumsprozesses. Dominant ist im Zentrum vor allem die
Ausbreitung von modernen Büros, privatwirtschaftlichen Dienstleistungsfirmen,
Filialen der Banken und Versicherungen und des Handels. Gegenüber stehen sich
dabei scheinbar unterkapitalisierte kleine mittelständische Unternehmen –
deren Stil ja auch von den privaten Existenzgründungen von in Deutschland
lebenden Türken bekannt ist – und die Filialen der Großkonzerne und
internationaler Firmen. Diese mit Händen zu greifende sozioökonomische
Modernisierung und die Herausbildung eines privatwirtschaftlich orientierten
neuen Mittelstandes verändert die türkische Gesellschaft im letzten
Jahrzehnt tiefgreifender als je zuvor und setzt neue Maßstäbe und
Bedingungen für die staatliche Politik, die zumindest eine radikale
Modernisierung des Staatskonzeptes und des Kemalismus einfordern!
In ganz anderem
thematischen Kontext steht uns anschließend noch ein interessanter
Besichtigungsort bevor. Östlich vom Tuz Gölü führt die alte Handelsstraße
von der ägäischen Mittelmeerküste, von Izmir, dem alten Smyrna, entlang des
Flußsystems des Menderes, des antiken Mäanders, über Konya, wo das
anatolische Hochland erreicht ist, weiter nach Osten, nach Kappadokien,
Syrien, Mesopotamien oder Iran. Diese schon in Hethiter- und Perserzeit
genutzte und herrschaftlich geschütze Heeres- und Handelsstraße gewann mit
der türkischen Herrschaft über Kleinasien neue Bedeutung. In der Zeit der
Seldjuken, im 12. bis 14. Jahrhundert, wurde zeitweilig Konya zur Hauptstadt
eines mächtigen türkischen Reiches und zu einem kulturellen und
wirtschaftlichen Zentrum. Auch benachbarte Städte wie Karaman und Kayseri
wurden seldjukische Herrschaftsorte, so daß die gesamte südanatolische
Provinz eine Blütezeit erlebte. Es galt, die alten Verkehrswege zu sichern.
In der zweiten Hälfte
des 13. Jahrhunderts begannen seldjukische Sultane, in regelmäßigen Abständen
von etwa 30 km, der Tagesreise einer Handelskarawane, Kervansarayen zu
errichten, viele nach einem standardisierten, regelmäßigen und äußerst
zweckmäßigen Muster. Gleichzeitig waren diese „Häuser des Sultans“,
Sultanhanx, genannten Gebäude auch Etappen für das Militär, das die
Besatzung und Bewachung stellte. Als herrschaftliche „fromme Stiftungen“,
wie sie im islamischen Bereich häufig sind und als fromme Handlungen auf den
edlen Stifter zurückweisen, waren sie für alle Reisenden nutzbar und boten
Brunnen und Gebetsraum, gedeckte Lager- und Aufenthaltsräume und einen großen
Hof ebenso wie eine große überdeckte „Winterhalle“ für die ruhenden
Tiere. Die Bauten waren äußerst repräsentativ; die Portalanlagen sind
Meisterwerke seldjukischer Steinschneidearbeiten, wie wir sie an den
seldjukischen Medresen in Konya wiederfinden werden. Der an den Längsseiten
von den Bogenportalen zu den Lager- und Aufenthaltsräumen gesäumte Hof, an
dessen hinterer Begrenzung die prächtige, fünfschiffige „Winterhalle“
anschließt und in dessen Mitte zweigeschossig Brunnen und darüber Gebetsraum
zu finden sind, besticht durch seine ausgewogene Proportionierung und feine
bautechnische Faktur.
Zwischen Nevwehir und
Aksaray konnten wir zwei kleinere dieser Sultanhanx in verschiedenem
Erhaltungszustand besichtigen. Das Kervansaray Aäzxkarahan bei Aksaray ist in
den letzten Jahren restauriert worden und bieten einen guten Eindruck von der
Konzeption eines Sultanhanx. Doch es wartet noch ein prächtigeres und größeres
auf uns, das dem Dorf, das es umgibt, seinen Namen gegeben hat: Sultanhanx.
Die Winterhalle in
den Kervansarayen selbst erinnert eher an sakrale Gebäude, ja an eine fünfschiffige
Kirche mit regelmäßigen Säulenreihen, einem apsisartigen hinteren Abschluß
und, in der Mitte über dem Mittelschiff, einem als Laterne dienenden
Kuppelbau, der außen mit dem typischen, steinernen spitzen Zeltdach überworfen
ist, wie es in der türkischen und armenischen Kunst häufig anzutreffen ist.
Auch in Konya ist das Grabmal des Celaleddin Rûmî, seine Türbe, mit einem
dunkelgrünen Turm mit Zeltdach bekrönt, das im Innenraum eine
Kuppelkonstruktion enthält.
Die erstaunliche
Baukonzeption dieser „Winterhalle“ in Sultanhanx, die wir an dem am besten
erhaltenen und restaurierten Bau dieser Art auf unserem Weg nach Konya
bewundern können, führte französische Architekturhistoriker, die fast
gleich proportionierte Kirchenräume bei Zisterzienserklöstern in Südfrankreich
kannten, zu der Entdeckung, daß beide Baugruppen, zeitlich fast parallel, von
reisenden armenischen Bauhütten errichtet worden sind, die trotz
verschiedener Auftraggeber und Funktionen auf traditionelle armenische
Bauformen zurückgriffen.
Sultanhanx bei
Aksaray, wie der von uns besuchte Bau bezeichnet wird, ist umgeben nur von ein
paar Häusern des heutigen Dorfes Sultanhanx, das erst in den letzten
Jahrzehnten sein Gesicht modernisiert, vielleicht unter dem Einfluß der
wachsenden Zahl interessierter und begeisterter Besucher, aber auch, indem die
Chance genutzt wird, über die traditionelle Landwirtschaft hinaus Gewerbe wie
z.B. Textilherstellung – aus selbst erzeugter Wolle – zu entwickeln, ein
Zwang zur ökonomischen Entwicklung, der sich auch die ländlichen Gebiete der
Türkei heute scher entziehen können. Sultanhanx macht eine erstaunliche
bauliche und ökonomische Entwicklung durch und orientiert sich immer stärker
am Tourismus, seit ein Besuch für Busreisende sowohl von Konya aus wie aus
Kappadokien zu Regelfall geworden ist. Die Straßen sind nun asphaltiert, die
Besichtigung des Kervansaray kostet – durchaus berechtigtermaßen –
Eintritt, ein befriedeter großer Platz vor dem Portal sichert einen freien
Blick auf die mächtigen Mauern und das mit prunkvollen seldjukischen
Steinschnittornamenten geschmückte Liwan-Portal. Zwei neu gebaute Läden und
Restaurants wetteifern um die Gunst der Besucher, anstelle des einen, in einer
Hütte weitab vom Saray untergebrachten »Tourist Office« früherer Jahre.
Doch das eine dieser Restaurants gehört weiterhin der Familie Öztürk und
weckt damit alte Erinnerungen.
Lange Zeit, vor der
offiziellen Restaurierung des Kervansaray, war Sultanhanx ein gehüteter
Geheimtip besonders interessierter Türkeireisender. Schon 1974 konnte ich
diesen Ort zum ersten Male besuchen und die Bekanntschaft des Ortsvorstehers,
Herrn Öztürk, machen. Er war – und ist zusammen mit seinen im Laufe der
Jahre herangewachsenen Söhnen – der gute Geist von Sultanhanx, Freund und
aufmerksamer Betreuer der Besucher und Motor der Restaurierung und
Instandsetzung des Kervansaray ehe die staatlichen Museumsbehörden die
Verwaltung und Instandhaltung übernommen haben. Beim ersten Male war der Bau
noch nicht besonders geschützt, noch kein nationales türkisches Monument;
doch seine Anmut und seinen Reiz entfaltete er trotz altersbedingter Schäden.
Heute sind die meisten Schadstellen repariert, am Eingang werden die amtlichen
Eintrittskarten erkauft.
Früher wurden die
Besucher von einem Angehörigen der Familie Öztürk begrüßt. Das letzte Mal
hatte ich 1987 während unserer »Orientfahrt«
Kontakt zur Familie Öztürk und erinnere kurz unsere damalige Begegnung: Eine
– unentgeltliche – Tasse Tee im „tourist office“, einer ganz
inoffiziellen Einrichtung von Herrn Öztürk, die vorübergehend, beim Ausbau
des Tourismus, quasi offiziösen Charakter angenommen hatte, eine Eintragung
im Besucherbuch – auf Nachfrage finde ich, begeistert bei der Suche von
Herrn Öztürk jr. unterstützt, meine Eintragungen von 1974 und 1985 –
damals hatte ich fest versprochen, nicht wieder mit meinem nächsten Besuch
elf Jahre zu arten. Ich habe mein Versprechen gehalten und ergänze die
Eintragung wiederum durch einige freundliche und dankbare Zeilen. Schließlich
Gespräche über Sultanhanx und die Türkei, über die Besucher – deren
prominentester vielleicht Richard von Weizsäcker während seiner Zeit als
Regierender Bürgermeister von Berlin war – und über uns selbst, unsere
Ziele und Eindrücke. Uns wird angeboten, hier in Sultanhanx zu übernachten,
denn der Abend naht; doch Eile und unser morgiges Besichtigungsprogramm in
Konya lassen die Mehrzahl unserer Reiseteilnehmer diesen Vorschlag nicht als
sinnvoll erscheinen. Mit einigem Bedauern und in der Hoffnung auf einen
baldigen erneuten Besuch verabschieden wir uns 1987 von der Familie Öztürk.
Ich dachte nicht, daß es wiederum neun Jahre bis zu einem erneuten Treffen
dauern würde, denn bei den kurzen Stippvisiten mit unseren Reisegruppen in
der Zwischenzeit blieb wenig Zeit und Sultanhanx war eine einzige Baustelle,
die kaum zum Verweilen reizte. Das alte »Tourist Office« war hinter Bauzäunen
verschwunden.
Doch diesmal kam es
anders, als ich auf dem Platz von einem jungen Mann auf dem Fahrrad
angesprochen wurde, der mich wieder erkannte. Auf Rücksprache ergab es sich,
daß es einer der Öztürk-Söhne war, die ich vor Jahren kennen gelernt
hatte.
Ich fragte nach dem
Vater und erhielt die Mitteilung, daß er sehr alt und krank geworden wäre.
Doch nachdem er erfahren hatte, daß ich wieder in Sultanhanx war, ließ er es
sich nicht nehmen, uns auf der Dachterrasse seines Restaurants, das nun das
alte »Tourist Office« abgelöst hatte und von seinen Söhnen bewirtschaftet
wurde, zu einem Glas Tee zu begrüßen und über altze Zeiten zu plaudern. So
verzögerte sich unsere Abfahrt nach Konya doch noch um ein Stündchen, das
aber von unseren Schülerinnen und Schülern zum Essen, Trinken und zum »shopping«
im Laden der Öztürks genutzt werden konnte.
Mittwoch,
22. Mai
Konya,
Stadtrundgang: Mêvlana (Tekke der »Tanzenden Derwische« und Grab von
Cellaleddin Rûmî); Altstadt, Bazar; Burgberg mit Alaeddin Kaykobad Camii;
Ince Minaresi Medrese; Karatay Medrese
Von dort machte ich 24
Meilen gegen Norden zum Westen, und kam um Mittag nach Koni (Iconium). Die
Berge von Bedlerin waren nun links gegen 30 Meilen entfernt, aber eine
niedrige Bergkette läuft immer parallel mit dem Wege, er wird immer größer,
je näher man der Stadt kommt. Die Ebene war in der Ferne mit Yourooks
bedeckt, die Pferdezucht treiben, deren Zelte auf kegelförmigen Hügeln
stehen, die mit wenigem Grün bedeckt sind, da die übrige Ebene äußerst dürre
aussieht. Auf der zwölften Meile fingen die Minarets und die Gärten von Koni
an sich allmählig zu zeigen und schienen sich stufenweise zu erheben. Als wir
in die Stadt kamen, zogen wir durch eine gar elende Vorstadt, die eine Meile
lang seyn mag. Wir gingen zum Pallast des Mutesellim, einem großen Gebäude,
das aber unregelmäßig und fast ganz verfallen ist; es liegt am östlichen
Ende der Stadt. Er schickte uns zum Griechischen Despoten; der, nach einigen
Einwendungen, uns ein ziemlich reines Zimmer gab, in einem unbewohnten Hause,
das bei den Ruinen von dem Pallaste des Sultans von Iconium lag, auf einer Anhöhe,
wo man eine sehr schöne Aussicht auf die Stadt hat.
Die Zahl der Moscheen
in der Stadt, ihre malerische Lage und die übrigen öffentlichen Gebäude
geben ihr ein imposantes Ansehen. Diese Gebäude verfallen aber, und die Häuser
der Einwohner sind theils klein, aus an der Sonne getrockneten Backsteinen
erbauet, theils elend, mit Stroh gedeckte Hütten. Nach Osten und Süden
erstreckt sich die Stadt weit in eine Ebene, über die Mauern hinaus, die
ungefähr zwei Meilen im Umfang haben; im Norden ist die Bergkette von
Fondhal-Baba (Lycadnum coller), gleich an der Stadt, nicht sehr hoch; im
Westen liegen Hügel zwischen denen Gärten und schöne Wiesen sind. Ein beträchtlicher
Theil von dem Wasser eines kleinen Flusses, der auf der nordwestlichen Seite
der Stadt gegen Nordost fließt, wird zum Bewässern der Gärten und Felder
gebraucht; das Uebrige bildet einen kleinen See und Sumpf, fünf oder sechs
Meilen nördlich von der Stadt. Auf jeder Seite erheben sich schneebedeckte
Berge, nur nicht gegen Osten, wo eine unabsehliche Ebene sich ausdehnt. Die
Moscheen sind die Hauptzierde der Stadt, sie umfaßt zwölf große und gegen
hundert kleine. Die des Sultan Selim und des Cheick-lbrahim, von denen die
erste nach dem Muster der heil. Sophie in Konstantinopel gebauet ist, sind große,
prächtige Gebäude, die man wegen ihrer Schönheit im Innern bewundert, es
ward mir aber nicht erlaubt, sie zu besehen. Madressar oder Klöster giebt es
auch viele, ein Theil ist aber verlassen und verfällt. Das einzige bewohnte
ist ein großes, neues Gebäude Capan-Madressee genannt. Die Thore von einigen
sind ausgezeichnet schön; ganz von Marmor, mit Bildhauerarbeiten bedeckt; das
Gesimse, im Maurischen Styl, übertrifft an Feinheit Alles, was ich bisher
gesehen.
Die Stadtmauern sollen
von den Seldschukischen Sultanen aufgeführt seyn; mir schien es, als ob man
Ruinen alter Gebäude dazu benutzt habe; zerbrochene Säulen, Kapitäler,
Sokkel, Basreliefs u. dgl. sind darin verbraucht. Die Mauer hat acht
viereckige Thore, und sie ist, so wie die meisten Thürme, mit Arabischen
Inschriften geziert. Die große Zahl ist trefflich ausgeführt, und die Mauer
selbst ist besser gebauet, als sonst bei den Türkischen Städten gewöhnlich
ist; sie hat an einigen Stellen Schießscharten, die aus Piedestalen von Säulen
bestehen, die aufrecht zwei bis drei Zoll von einander hingestellt sind. Auf
einigen fand ich Griechische Buchstaben, aber die Höhe verhinderte sie zu
lesen. Ein großer Theil des Giebels an dem Thore von Ladik, in der Nordseite
der Mauer, enthält eine Türkische Inschrift; unmittelbar darunter ist in der
Mauer ein herrliches Basrelief, und eine kolossale Statue des Herkules.
Über dem Thore von
Aiash sah ich ein Basrelief von Marmor, einen liegenden Löwen vorstellend,
und in einer nahen Gasse einen marmornen Löwen, dieser steht am Eingang zu
einer langen Reihe unterirdischer, gewölbter Zimmer, die wahrscheinlich zu
einem alten Gebäude gehörten.
Mitten in der Stadt ist
eine kleine Anhöhe, die ungefähr Dreiviertel einer Meile im Umfang hat,
vermuthlich war sie ehemals befestigt, und diente zur Burg von lkonium. Oben
findet man den gewölbten Grund eines Gebäudes und die Einwohner erzählen,
dieß sey das Schloß der Seldschukischen Sultane gewesen.
Die Anzahl der
Einwohner soll gegen 30000 Seelen betragen, die meisten sind Türken, Christen
giebt es wenige. Die Stadt enthält vier öffentliche Bäder, zwei Kirchen,
sieben Khane zur Bequemlichkeit der Kaufleute, aber der Handel ist unbedeutend
und das meiste Land umher liegt brach. lkonium war ehemals die Hauptstadt
einer großen Statthalterschaft und der Sitz eines mächtigen Pascha, der eine
bedeutende Kriegsmacht hatte, um Ruhe und öffentliche Sicherheit zu erhalten
und sein Gebiet zu vertheidigen. Jetzt ist das Alles verändert, und das Auge
sieht rings umher nichts als Zerstörung und Trümmern.
John
Macdonald Kinneir
1813/14
Seit dem ersten Besuch
1985 haben wir hier in Konya immer wieder im Hotel Tur,
einem schlichten, aber sauberen und neuen und äußerst preisgünstigen Hotel
gleich neben der „Tekke“ übernachtet. Doch von dieser später mehr! Immer
wieder hatten wir mehrere Tage Zeit, diese interessante Stadt und Zentrum
einer mystischen islamischen Kultur zu erkunden und die Gelegenheit,
interessante Bekanntschaften zu machen. Besonders anregend war gleich beim
ersten Besuch der Kontakt zu einem Oberschüler, Mevlüt Bedii, Sohn – und
Partner – eines Teppichhändlers und Verwandter des Hotelbesitzers, der
diesen Kontakt ermittelte. Mevlüt hatte Kontakt zu den Anhängern einer
mystischen Richtung des Islam, den sogenannten „Tanzenden Derwischen“, die
zwar offiziell als praktizierender Orden in der laizistischen Türkei seit
Atatürk verboten sind, in ihrem Ursprungsort Konya jedoch nie ihre Anhänger
verloren hatten und heute durchaus wieder öffentlich auftreten – vom
Tourismusbüro als „Folklore“ umdefiniert und damit legalisiert. Mevlüt
begleitete uns im Herbst 1985 durch die „Tekke“, den „Konvent“ des
Derwischordens, wo die Grabmäler der Ordensoberen und unter einer reichgeschmückten
Kuppel, von außen gekennzeichnet durch eine grüne, mit spitzem Zeltdach
ersehene Türbe, die die Kuppeln der Tekke überragt. Hier ist der Kenotaph
des Ordensgründers Djellal-ed-Din Rûmî zu finden.
Die Tekke ist der
Beginn unseres Rundganges durch die ehemalige Seldjukenhauptstadt, die heute
ein konservatives religiöses Zentrum der Türkei und Sitz einer berühmten
theologischen Hochschule ist. Die Seldjuken, mit regionalen Reichen und Fürstentümern
in Iran und Anatolien, gründeten ein politisch mächtiges, wenn auch
wechselnden Großmächten – Byzanz, Kalifat von Baghdad, mongolische
Il-Khane – tributpflichtiges Staatswesen in Konya, Karaman und Kayseri. In
der Zeit des mächtigsten der Seldjukensultane, Ala-ed-Din Khaikobad
(1220-1237), gelangte das Seldjukenreich von „Rum“ (= „Rom“, Byzanz;
in Abgrenzung zu den innerasiatischen türkischen Reichen wurden die
anatolischen Gebiete so benannt) zu einer kulturellen und religiösen Blüte.
Die z.Zt. unter der Obhut der UNESCO als „Erbe der Menschheit“
restaurierte zentrale Ala-ed-Din Moschee, wurde unter Sultan Khaikobad
errichtet. Sie liegt wie eine Zitadelle auf einem allseits von einer Ringstraße
umgebenen teils natürlichen, teils seit vorgeschichtlicher Zeit durch
menschliche Bauten überhöhten Hügel („tepe“). Zu unserer Freude war
nun, 1996, die Restauration abgeschlossen und wir konnten erstmalig diese große
Hallenmoschee und die in einer Türbe im Hof liegenden Sultansgräber
besichtigen.
Zur gleichen Zeit als
diese Moschee erbaut wurde, kam auch aus Merw (im heutigen Afghanistan)
zusammen mit seinem Vater der persische Philosoph und Dichter Djellal-ed-Din Rûmî
(der „Römer“, wie er nach seiner neuen Heimat genannt wurde, 1207-1273)
an den Hof von Konya. Hier gründete er den mystischen Orden der Mêvlêvî,
die in mystischer Versenkung, ritualisierter Rezitation und von ekstatischen Tänzen
begleiteter Musik einen unmittelbaren Zugang zum Göttlichen, zu geistigen
Erfahrungen und Erkenntnissen suchten. Rûmî war ein Dichter, dessen
Hauptwerk, das Masnavî, über die religiösen und sprachlichen Grenzen hinweg
zur Weltliteratur gehört. Es ist gleichermaßen Quelle der Inspiration,
moralischer Wegweiser und Anweisung für die mystischen Übungen der Tanzenden
Derwische. 1985 erläuterte uns Mevlüt die Legenden des „Großen Buches“,
des Masnavî, über den Zusammenhang von Musikhören und Versenkung. Wunderschöne
Handschriften des Masnavî finden sich in den Ausstellungsräumen der Tekke,
die, in der heutigen Form im 16. Jahrhundert errichtet, lange Zentrum des
Ordens, nach dem erbot durch die türkische Regierung aber weltliches Museum
war.
Heute ist dieser
ruhige und durch seine wertvollen Ausstellungsstücke, unter anderem auch
wertvoller alter Musikinstrumente wie der Rohrflöte Ney, hochinteressante Gebäudekomplex
zwar immer noch staatliches Museum, aber gleichzeitig auch und verstärkt
wieder Sammlungsort für das Gebet, für das Gedenken an den im Volksglauben
als heilig bezeichneten Mêvlânâ Rûmî und für die Treffen gleichgesinnter
Anhänger des Mevlevî-Ordens.
Im folgenden Kapitel
über die Musik der Mystiker wird der ehemalige Kollege H. A. Gütte, selbst
bekannter Pianist und Musiker, noch einige hochinteressante Einzelheiten über
die religiöse Grundlegung der Musik, wie wir sie hier in der Tekke des Mêvlânâ
hören konnten, mitteilen.
Unseren Rundgang
setzten wir im Stadtzentrum bei zwei Gebäuden fort, die anders als die Tekke
selbst, Meisterwerke seldjukischer Kunst sind. Die Medrese (Koranschule) Ince
Menare („mit dem hohen Minarett“, welches durch Blitzschlag Ende des
letzten Jahrhunderts bis auf den Sockelschaft verkürzt wurde) zeichnet sich
durch ein riesiges in Stein geschnittenes, in fast barockem ornamentalen Überschwang
mit Flechtbändern, Bandverschlingungen und arabischen Schriftbändern
verziertes Liwan-Portal aus. Auch diesrer Bau gehört zu dem von der UNESCO
betreuten und renovierten »Welterbe der Menschheitskultur«. Der Innenraum
unter einer großen mit seldjukischem Ziegelornament ausgekleideten Kuppel
beherbergt heute ein Museum seldjukischer Steinschneidearbeiten und ornamental
verzierter Plastiken.
In die
Karatay-Medrese finden wir unter zwei hohen, schlichten Kuppeln, über einem
Holzgerüst mit Metallplatten verkleidet, innen eine prächtige, formal überraschende
Kuppelauskleidung. Die Hauptkuppel bietet das Musterbeispiel für die
sogenannten „Türkischen Dreiecke“, eine ganz spezielle, vor allem in der
Seldjukenzeit verwendete Form des Übergangs vom rechtwinkligen, in seiner
Gesamtgestalt kubischen Innenraum zur aufgesetzten Kuppel mit dem exakten
Durchmesser der Seitenlänge des Innenraumes. Anstelle von Bogen- oder
Schalottenkonstruktionen, die die Raumecken überspannen und die Kuppel
tragen, tritt ein unter der Kuppel eingesetztes, fast schon den Bogen der
unteren Kuppelbegrenzung faktisch nachzeichnendes Polygon, von dessen Seiten
jeweils, völlig plan, langgestreckte Dreiecke mit der unteren Spitze zu einem
gemeinsamen Punkt in jeweils einer der Ecken des Raumes in etwa dreiviertel
der Raumhöhe geführt werden. Die Dreiecke bilden also vier gleichförmige Fächer,
die von den Ecken nach oben zur Kuppel streben und den polygonen Grundriß der
Kuppelkonstruktion tragen. Dazwischen bleiben oben mit einem flachen Dreieck
endende Wandflächen offen, in deren einer sich ein Bogen zu einem weiteren
Nebenraum öffnet. Die „Türkischen Dreiecke“ sind ornamental
durchgestaltet, in hellblauer Farbe mit dunkelblauen und türkisen Mustern
angelegt, so daß der ganze Raum den Charakter eines kühlen, eher abeisenden
„Kuppel-Zeltes“ (wenn so etwas vorstellbar erscheint) annimmt.
Der Gründer dieser
Medrese, Karatay, ein orthodoxer Theologe, der sich nicht der Mystik des
Mevlevî-Ordens angeschlossen hatte, liegt hier in einem Nebenraum begraben.
In der frühen Neuzeit hatte die Karatay-Medrese einen guten Ruf auch als Stätte
naturwissenschaftlicher und astronomischer Gelehrsamkeit, womit ein anderer
wichtiger Zug der islamischen Kultur, dem wir bislang noch nicht in diesem Maße
auf unserer Reise begegnet sind, ins Bewußtsein gerückt wird. Liegen doch
viele Wurzeln unserer eigenen naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation
in der arabisch-islamischen Kultur und Geschichte begründet.
Diese Bauwerke sind alleine schon eine Reise Wert!
„Beim Hören die Finger in die Ohren
gesteckt“
»Die tanzenden
Derwische in Konya. Derwische dürfen nicht mehr tanzen: offiziell darf es sie
gar nicht mehr geben, denn die Orden wurden 1925 verboten, ihre Konvente
geschlossen. Ihr geheimbundgleicher politischer Einfluß sollte der Republik
nicht zum Verhängniswerden. Einmal im Jahr dürfen sie aber noch tanzen. Denn
die geistige Bedeutung, die der Ordensgründer Celal ed-Din Rumis erlangte,
ist auf der ganzen Welt unumstritten. Im Jahre 1207 im zentralasiatischen Balh
geboren, lebte er seit 1228 in Konya. Hier sammelte er Schüler um sich, hier
schrieb er auf Persisch seine Werke, propagierte die Einheit allen Seins in
Gott. Gott zu erreichen, so lehrte er, sei dem Menschen auf dem Wege der Liebe
möglich. Mit diesen Thesen hatte Mevlâna, wie er genannt wurde, nicht nur
unter den Muslimen Zulauf; selbst viele Christen wurden seine Anhänger, über
die Mystik auch Anhänger des Islam. Rumis’ Sohn, Sultan Veled, organisierte
dann nach dem Tod seines Vaters den Orden der Mevlevis, der während der
ganzen Dauer des Osmanischen Reiches Einfluß auf die Gebildeten, aber auch
auf das Heer und damit trotz vergleichsweise kleiner Mitgliederzahl große
Bedeutung haben sollte. Neben der Zentrale, die sich in Konya um das Grab Mevlânas
und seiner engsten Schüler bildete, gründeten Mitglieder bald überall im
Osmanenreich Mevlevihanes, Derwischkonvente. Erleichtert wurde die Ausbreitung
dieser Orden schon dadurch, daß man ihnen – anders als den Mönchsorden in
Europa – angehören konnte, ohne das bürgerliche Leben aufgeben zu müssen.
Aber auch im Abendland gab es bald Anhänger und Konvente in London und
Berlin. Die »tanzenden Derwische« wurden zum Urbild des Derwischs; obwohl
nur dieser Orden Rumis’ zu meditativer Musik seine eigenartig monoton
drehenden Tänze (sema) vollzog. In weißen Gewändern, mit langem, weitem
Rock und der hohen Mütze, wie sie auch Mevlâna trug: So tanzen seine Jünger
in immer tieferer Versenkung zu der feierlichen Musik von Ney (einer langen Flöte)
und Kudûm (einer kleinen Doppeltrommel mit dumpfem Klang). Zwei Mevlevihanes
sind besonders berühmt: das eine in Galata, Istanbul), das andere ist eben
die Grabstätte und Ordenszentrale, die Wirkungsstätte des Gründers, das
Mevlevihane in Konya. Der Besuch lohnt auf jeden Fall, besonders Mitte
Dezember, wenn des Todes Mevlanas am 17.12.1273 gedacht wird. Neben
wissenschaftlichen Symposien gibt es dann auch Vorführungen des Sema, des
rituellen Tanzes. Und was man sonst nicht sehen darf, weil es verbotene
Geheimbundsache ist, wird dann vorgeführt: islamische Ordensmystik.«
|
Ein
Reisender traf Madjnun:
Allein
saß er in der Mitte der Wüste.
Er
nutzte die ebene Fläche des Sandes
als
ein Blatt Papier
und
seine Finger als Feder:
Er
schrieb den Namen seiner Geliebten Leyli
wieder
und wieder in den Sand.
Da
sprach der Reisende:
O
verrückter Madjnun!
Was
tust du da?
Wenn
du einen Brief schreibst,
|
wer
wird ihn je erhalten?
Und
Madjnun antwortete:
Ich
lebe den Namen von Leyli –
wenn
ich sie selbst nicht erreiche
zur
liebenden Vereinigung,
so gebe ich meine Liebe ihrem Namen!
Rûmî:
Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha.
Auf:
Persian Love Songs and Mystic Chants.
Tangent TNGS 108
|
„Sama“ als Nahrung für die Seele. Einige Anmerkungen zur Musik im
Islam
Es ist eines der am
weitesten verbreiteten Vorurteile nicht nur im Westen, sondern auch in
islamischen Ländern, daß im Islam Malen und Musizieren erboten seien. Indes
vermag man in den relevanten Basistexten des Islam – den Offenbarungen
Allahs, genannt der Qur'an, und der Praxis des Propheten Mohammed, die z.B. in
den überlieferten Verhaltensweisen und örtlichen Äußerungen des Propheten,
den sogenannten Hadith, fixiert ist – bei inhaltlicher und nicht örtlicher
Interpretation für das eine wie das andere keinen das erbot belegenden Beweis
finden. Al Ghazali, der große Reformer und Theologe des Islam (gest. 1111)
berichtet so in seinem berühmten Standardwerk „Die Wiederbelebung der
Religionswissenschaften“, daß der Prophet Mohammed Musik nicht als schlecht
empfand und zu gewissen Gelegenheiten selbst Musik zu hören pflegte.
Andererseits wird uns in den Hadith auch eine Begebenheit mitgeteilt, daß der
Prophet sich beim Hören eines Flötenliedes die Finger in die Ohren steckte,
um keinen Ton des Satans vernehmen zu müssen. Musik hat im Islam mithin zwei
Seiten: sie kann haram (erboten)
sein, wenn sie üble Leidenschaften weckt oder Schlechtes intendiert; sie kann
empfehlenswert und erlaubt (halal)
sein, wenn sie dazu beiträgt, die Empfindungen der Seele zu verfeinern und,
wie die Sufis sagen, das Gemüt zur Ekstase, zum Ablegen des Äußerlichen und
Entdecken des Göttlichen leitet. Sufis, d. h. islamische Mystiker, auch
Derwische oder Fakire genannt, tauchen etwa zu Beginn des zehnten Jahrhunderts
als Antwort auf einen Islam auf, der verweltlicht oder auf trockene Rituale
beschränkt war. Der Name soll von dem Wort suf
(Wolle) stammen, da die Mystiker schlichte, wollene Gewänder im Gegensatz zu
der üppigen Seidentracht der reichen Muslime trugen. In der Folge entwickelte
sich eine blühende Vielfalt von Orden, die nach dem Namen ihrer Begründer
benannt und kulturell wie politisch zu Zentren des Widerstandes gegen einen
als unreligiös empfundenen Macht-Islam wurden. In ihren Kreisen wurde auch
die Musik gepflegt, und für den, der sich in den mittelalterlichen
Beziehungen zischen Orient und Okzident auskennt, ist es nicht verwunderlich,
daß die meisten heute im Abendland gebräuchlichen Instrumente ihren Ursprung
in den islamischen Vorbildern für Gitarre, Trompete, Violine, Oboe etc.
haben. Musik war den Sufis jedoch nicht alltägliches Konsummittel, sie war
auch nicht Gegenstand von Gottesdiensten, wenn auch der Ruf des Muezzin (des
zum Gebet Rufenden) oder die Rezitation des Qur'ân durch den Imam (Vorbeter)
gesanglichen Charakter tragen. Das, was die Sufis zur Reinigung des Herzens
und zur Erhöhung der Seele in ihren Tiefen unter dem Vorsitz ihres Meisters
praktizierten, wurde als Sama (hören)
bezeichnet. Diese spirituelle Musik des Sama
war gebunden an vielfältige Bedingungen: die richtige Zeit, der richtige Ort,
die richtigen Gefährten, Wahrheitssuche, die Sehnsucht nach Gott, dem
Geliebten, und der Vereinigung (Fana)
mit Ihm. Die dem Sufismus nahestehenden Gelehrten haben sich in langen
Abhandlungen über die Vorzüge und Qualitäten des Sama ausgelassen und es
auch nicht versäumt, die Bedeutung und Wirkung der einzelnen Instrumente zu würdigen
oder ihre Wichtigkeit abzuwägen. So wurde Leder- und Holzinstrumenten
besonderer Vorzug gegeben.
Der durch seinen Orden
der Tanzenden Derwische bekannt gewordene bedeutende mystische Dichter
Jalal-ud-Din Rûmî (türk. Celaleddin Rûmî, 1197-1273) hat so zum Beispiel
in dem einleitenden Gedicht zu seinem Hauptwerk, dem Masnavî, die Rohrflöte
(Ney) als Symbol für die an der Trennung von dem/der Geliebten leidenden
Seele gepriesen. Das auch heute noch in Konya aufgeführte Zeremoniell dieser
Derwische hat als Voraussetzung für die Teilnehmer, daß sie die Anhaftung
der Sinne an das Äußere der Klänge überwunden haben und, sozusagen, von
Innen her lauschen.
Hör’
auf der Flöte Rohr, was es verkündet,
hör,
wie es klagt, von Sehnsuchtsschmerz entzündet:
Als
man mich abschnitt am beschilften See,
da
einte alle Welt bei meinem Weh.
Ich
such’ ein sehnend Herz, in dessen Wunde
ich
gieße meines Trennungs-Leides Kunde;
sehnt
doch nach des Zusammenweilens Glück
der
Heimatferne allzeit sich zurück.
Klagend
durchzog ich drum die weite Welt,
und
Schlechten bald, bald Guten beigesellt,
galt
jedem ich als Freund und als Gefährte, –
und
keiner fragte, was mein Herz bescherte.
Und
doch – so fern ists meiner Klage nicht,
den
Sinnen nur fehlt der Erkenntnis Licht.
So
sind auch Seel’ und Leib einander klar,
doch
welchem Aug’ stellt’ je ein Geist sich dar? –
Kein
Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr entwindet.
Verderben
dem, den diese Glut nicht zündet!
Der
Liebe Glut ist’s, die im Rohre saust,
der
Liebe Seufzen, das im ein aufbraust.
Getrennter
Liebenden Gefährtin sie,
zerreißt
das Innerste die Melodie.
Als
Gift, als Gegengift stets unvergleichlich,
an
Mitgefühl und Sehnsucht unerreichlich,
gibt
sie vom Pfad im Blute uns Bericht,
von
Madschnuns Liebe singt sie manch Gedicht.
Vertraut
mit diesem Sinn ist nur der Tor,
gleich
wie der Zunge Kundsmann nur das Ohr.
In
Leid sind unsre Tage hingeflogen
und
mit den Tagen Plagen mitgezogen!
Und
ziehn die Tage, laß sie ziehn in Ruh,
wo du
der Reinen Reinster, daure du!
Den
Fisch nur sättigt nie die Flut, doch lang
sind
des Darbenden Tage, lang und bang.
Aber
mein Wort sei kurz; ersteht doch nicht
der
Rohe, was der Vielgeprüfte spricht!
Rûmî:
Einleitung ins Masnavi.
Deutsch
aus: G. Rosen, Mesnevi oder Doppelverse des Scheich Mêvlânâ Dschelal-ed-din
Rûmî. Leipzig 1849. Zit. nach: R. Jockel, Hg., Islamische Geisteswelt.
Wiesbaden 1981
Andere Formen der
Sufi-Mystik sind die einst in Indien kreïerten Qaali, Lobgesänge in Raga-ähnlicher Form, die, wie überliefert,
von dem Heiligen Môin-ud-Dîn Chisti verwandt wurden, um (im 11. Jahrhundert)
der Hindu-Bevölkerung mit einer Predigtweise gegenüberzutreten, die ihren
religiösen Vorstellungen nahekam. Die Qaali-Sänger haben ihre Erfahrungen
meist in ihren Familien weitergegeben, und so sind traditionelle Spielarten
entstanden, die bis in unsere Zeit gepflegt werden.
Ohne instrumentale
Begleitung wird eine andere Weise von Musik vorgetragen, das Ghazal,
ein gesungenes religiöses Gedicht, als dessen Ursprung Persien angesehen
wird. Es ist bemerkenswert, daß sich so, zumal im indischen Subkontinent,
innerhalb der Literatur weitgehend das gesungene Gedicht (in Pakistan Nazam
genannt) behauptet, das heißt, daß der Poet seine Lyrik nicht spricht,
sondern in einem ihm eigenen Tonfall singt oder singen läßt. Im Zuge der
Zeit haben sich in diesem Jahrhundert zudem Sufi-Orden entwickelt, die mit dem
einstigen Bemühen, nur einen „reinen, friedlichen Islam“ zu leben und zu
propagieren, nicht mehr viel gemein haben und synkretistische
Religionsvorstellungen pflegen. Vor allem unter dem Mystiker Inayat
Khan und dessen Sohn, Pir
Wilayat Khan, haben sich so im Westen Zirkel gebildet, in denen Musik eine
wesentliche Rolle spielt. Das führte dann unter anderem zu mehr westlich –
folkloristische Elemente aufnehmenden Gesängen, die – vor allem in den USA
– von Sufi-Chören aufgeführt und, natürlich, in Vinyl gepreßt wurden.
Die ganze Spannbreite
der „Musik in der Welt des Islam“ ist auf einer sechs Schallplatten
umfassenden Serie der englischen Firma „Tangent“ enthalten, die nicht nur
Sufi-Zeremonien (das Dhikr, d.h.
„Erinnern und Gedenken Gottes“ durch lautes, rhythmisches wiederholen des
Namen Allahs) aufgezeichnet hat, sondern auch Lieder der Bauern, Fischer,
Kameltreiber und Hirten, dazu traditionelle Musik, wie sie zu Festlichkeiten
wie Hochzeiten oder Begräbnissen üblich waren oder sind. Die Plattenserie
unterscheidet: menschliche Stimme, Lauten, Saiteninstrumente, Flöten und
Trompeten, Rohrpfeifen und Sackpfeifen, Trommeln und Rhythmusinstrumente.
Musik im Islam, vor allem wenn sie das Attribut Sufi-Musik trägt, ist immer
an besondere Voraussetzungen gebunden, wenn wir davon absehen, daß sie in
unseren Tagen verständlicherweise profanen Ausdruck gewonnen hat, was etwa
durch die ungezählten Versionen der schlagerähnlichen Liebeslieder
manifestiert wird, die zum Beispiel eine Sängerin wie die Ägypterin Umm
Kulthum fast zum Objekt eines Kultes
werden ließ. Die zahlreichen auch in Deutschland aktiven Sufi-Gruppen halten
indes nicht nur fest an dem Ausspruch Al
Ghazalis, daß „Musik Nahrung für die Seele“ sei, sondern auch an seiner
Warnung, daß sich das Herz des mit unkontrollierten Sinnen – und sich dem
Ziel seiner Sehnsucht nicht bewußten – Zuhörenden in einen Aufruhr ersetzt
sehen kann, der schwer reparablen Schaden verursacht. In diesem Sinne ist Sama
nicht nur spirituelle Musik mit hohem Anspruch – den Hörer zur Ekstase zu
treiben –, sondern auch, der eigenen Vorstellung gemäß, einer Schar
vorbehalten, die auf ihrem Weg zu Allah fortgeschritten ist. Kein Wunder also,
daß trockene Ritualisten und verweltlichte Zuhörer beim Sama ausgeschlossen
sind.
H. A. Gütte
Donnerstag,
23. Mai
Weiterfahrt
über Pamukkale, Hierapolis nach Denizli; Übernachtung im Hotel Wirin Çinar,
Denizli
Morgens haben wir unser
Hotel in Konya verlassen und sind in Richtung Selçuk gefahren. Am Spätnachmittag
erreichen wir unser Etappenziel Denizli und besichtigen die in der Höhe über
der Stadt blendend weiß leuchtenden Kalksinterterrassen und die damit
verbundene hellenistische Ruinenstadt Hierapolis.
Von weitem war auch
schon ein breites, weißes, etwa 100 m hohes Band am oberen Bergan über der
Stadt zu erkennen: die Terrassen, über die das heiße, mineralreiche
Heilquewllenwasser zu Tale fließt. Wir sind den Berg hinaufgefahren, durch
das Gräberfeld der antiken Stadt Hierapolis bis hin zum Theater der Römerstadt.
Der Weg zum Theater wird rechts und links von Marmorquadern, Gebälk- und
Giebelteilen begrenzt – die wohl auf den Wiederaufbau des Theaters warten?
Man betritt das Theater über einen Durchgang unter der Bühne. Die Bühnenwand
vermittelt durch viele Architekturteile aus Marmor eine prachtvolle Wirkung.
Wir sind auf die oberen Sitzreihen geklettert, von denen man einen wunderschönen
Blick über das Mäandertal hatte.
Der Anlaß für die
Besiedlung der Römer hier, waren wohl die Thermalquellen, die später
Hierapolis zu einem berühmten Kurort machten, der heute noch gerne besucht
wird und wo sich heute moderne Kurhotels und Badeanlagen befinden, die leider
so viel Wasser verbrauchen, daß das Thermalwasser nur noch spärlich, zu spärlich,
über die Sinterterrassen abfließen kann, was das Wachstum und die Erneuerung
der Sinterablagerungen ebenso gewhrtet wie die Unmengen von Touristen, die
tagtäglich durch das warme Wasser über die Terrassenbecken und -stufen
gehen. Die Sinterterrassen sind innerhalb von vielen Jahrtausenden entstanden.
Das an den Quellen etwa 70
C heiße, kalkhaltige Wasser kühlt beim
Herunterrieseln ab und bildet muschel- und halbkreisförmige Terrassen, die
stufenweise übereinander liegen. Wo das Wasser über die Ränder der Becken läuft,
lagert sich durch die dort verstärkte Verdunstung an den Außenwänden Kalk
ab, wie Wachs an einer Kerze, und es bilden sich Tropfen und Stalaktiten.
Leider konnten wir uns hier nur kurze Zeit aufhalten, da es Abend wurde und
wir ein Hotel in Denizli suchen mußten. Trotzdem haben wir es uns nicht
entgehen lassen in dem Becken, mit dem etwa 40° warmen Wasser und dem leicht glitschigen
Boden, spazierenzugehen und ein Fußbad zu nehmen.
Wir kamen, im Westen
von Laodicea, bey einer gemeinen Brücke, über den Lykus, und in ungefähr
drey Viertelstunden an den Mäander, über welchen zwey Balken mit Planken
lagen, das Waßer tief im Bette fließend, voll Schlamm, wie gewöhnlich, und
reißend. Einige Leute, die einen Graben in der Ebene machten, hielten inne,
und warteten, bis wir näher kämen. An ihrer Spize war der Khiausch, oder
Botschafter eines Aga, der in einem kleinen Dorf im Westen von Pambuuk
kommandirte. Er hielt uns an in einem engen Paß und faßte die vordersten
Pferde bey dem Zügel. Unser Janitschar sprengte hin, legte sich dazwischen
und erfuhr, der Aga bestünde auf ein Bak-Schisch.
Wir ritten weiter auf
Pambuuk zu, und, unterdeß unser Zelt aufgeschlagen ward, ging der Janitschar
mit dem Firman und einem Geschenke von Kaffee und Zucker zu dem Aga. Dieser
nahm ihn höflich auf, bedauerte die üble Begegnung, die wir erfahren müßen,
und von der er gehört hatte, klagte, daß eben dieser Aga ihm ein
ausschweifendes Lösegeld für ein verirrtes Stück Vieh abgenöthigt, und
sezte hinzu, es sey ein Mann von schlechter Gemüthsart, vieler Herrschsucht
und, wegen seiner Uebermacht, der Tyrann der Gegend. Er forderte fünf Ok
Kaffee für sich, und mit den Forderungen, die seine Bediente noch machten,
kam es auf zehn Ok, wofür sie Geld nahmen. Er gab uns die Versicherung, daß
wir bey Tage zu Pambuuk keine Gefahr zu besorgen hätten, rieth uns aber, uns
Abends nicht zu lang in den Trümmern zu verweilen. Wir genoßen der uns
versprochenen Sicherheit schon zum voraus.
Unser Zelt stand auf
einer grünen trocknen Stelle nahe der Klippe. Der Anblick vor uns war so
wunderbar, daß die Beschreibung, um nur eine schwache Aehnlichkeit zu
behalten, romantisch scheinen müste. Mit Erstaunen sahen wir nun den
ungeheuren Abhang, den wir in der Ferne für Kreide gehalten hatten. Er glich
einem unermeßlichen gefrorenen Waßerfall; die Oberfläche war noch wellig,
wie vom Waßer, das auf einmal fixirt, oder in seinem jähen Abschuße plözlich
versteinert worden. Rund um uns waren viele hohe, kahle, steinige Bergrücken,
und bey unserm Zelt einer mit einer weiten Basis, auf welchem oben ein
geringes Bächlein von klarem, sanftem und warmen Wager in einem kleinen Kanal
lief. Ein Weib mit einem Kinde auf dem Rücken wusch ihre Leinwand darin, und
weiterhin standen Hütten von Turkomannen, einzeln und viel netter, als wir
noch welche gesehen. Federvieh lief um jede herum, und vorn waren sie mit
einem Zaun von Rohr eingefaßt.
Die heißen Waßer von
Hierapolis haben dieses außerordentliche Phänomen, die Klippe,
hervorgebracht, die nichts ist als Eine zusammenhängende Inkrustation. Schon
vor Alters waren sie wegen dieser Art von Verwandlung berühmt, und man findet
angemerkt, es sey so leicht damit zugegangen, daß, als man das Waßer um die
Weinberge und Gärten geleitet, die Kanäle zu langen Wällen, jeder aus einem
einzigen Stein bestehend, geworden wären. Auch die Rücken bey unserm Zelte
haben ihnen ihr Daseyn zu verdanken. Der Weg zu den Ruinen hinauf, der wie
eine breite gepflasterte Heerstraße aussieht, ist eine Versteinerung, und übersieht
manche grüne Stellen, sonst Weinberge und Gärten, die durch Abtheilungen von
eben der Materie von einander getrennt sind. Die Oberfläche der Platte über
der Klippe ist uneben von Steinen und in verschiedenen Richtungen auslaufenden
Kanälen. Ein großer überfließender Teich nährt nehmlich die zahlreichen Bächlein,
von denen einige im Herunterlaufen über den Abhang sich ausbreiten, und dem
weißen, steinigen Bett ein feuchtes Ansehn, wie Salz oder Schnee im
Schmelzen, geben. Obgleich diese Waßer heiß sind, wurden sie doch beym
Feldbaue gebraucht. Der Türkische Namen Pambuuk bedeutet Baumwolle, eine
Anspielung, wie man uns sagte, auf die Weiße der Inkrustation.
Am Morgen stiegen wir
hinauf zu den Ruinen, die auf einer Fläche liegen, kamen Grabmäler mit
Inschriften vorbey und von der östlichen Seite in die Stadt hinein. Bald
hatten wir das Theater zur Rechten, und den Teich zwischen uns und der Klippe.
Ihm gegenüber, fast am Rande der Klippe, ist der Rest eines erstaunlichen Gebäudes,
das einst vielleicht zu Bädern gedient hat, oder, nach unsrer Vermuthung, das
Gymnasium war. Die ungeheuren Gewölbe des Daches erfüllten uns mit Schauer,
wie wir unten durch ritten. Dahinter steht die armselige Trümmer einer neuern
Festung, und weiterhin sieht man maßive Mauern von Gebäuden, von denen
einige aus der senkrechten Linie gewichen, und deren Steine so aus der Lage
gerückt sind, daß sie jeden Augenblick einzustürzen fertig scheinen; alles
Wirkungen und Beweise gewaltiger und wiederholter Erderschütterungen. In
einem Winkel des Berges zur Rechten ist der innre Plaz eines Stadium. Darauf
folgen wieder Grabmäler, einige fast von der Bergseite begraben, und Eines
ein viereckiges Gebäude mit einer Inschrift in großen Buchstaben. Den ganzen
Raum, den die Stadt eingenommen, hat man gegen zweihundert Schritte breit und
Eine Meile lang gerechnet.
Nach einer Uebersicht
des Ganzen kehrten wir zu dem Theater zurück. Wir fanden dieses ein sehr großes,
kostbares Gebäude und von allen, die wir gesehen, am wenigsten verdorben. Ein
Theil des Proscenium steht noch. In dem Ruinenhaufen, wo alles verwirrt
durcheinander liegt, sind viele gut gearbeitete halb erhobne Werke, nebst Stücken
von Architraven mit Inschrift, aber aus den Fugen, oder so mit maßiven
Marmorstücken bedeckt, daß wir uns nicht daraus belehren konnten. Die
Marmorsize sind noch erhalten. Eine niedrige halb zirkelförmige Mauer theilet
fast in der Mitte die zahlreiche Reihen von Sizen.
Die Waßer von
Hierapolis hatten eine besondre Eigenschaft zum Färben der Wolle, und gaben
ihr aus Wurzeln eine Farbe, die dem köstlichsten Purpur nicht wich. Dieß war
eine Hauptquelle des Reichthums der Stadt.
Der Teich vor dem
Theater ist ein Bad gewesen, und im Grunde des Waßers, das vollkommen
durchsichtig und von einem salzigen Geschmack ist, sind noch Marmorfragmente
sichtbar. Die Weiber des Aga, nachdem sie sich darin gebadet, kamen, um uns zu
sehen, mit verhallten Gesichtern zu dem Theater, wo wir beschäftigt waren.
Der Aga mit verschiedenen Bedienten folgte ihnen. Es war ein junger Mann von
gutem Anstande und ungewöhnlicher Gesprächigkeit. Er unterhielt sich, die
Beine überkreuz geschlagen auf den Ruinen sizend, mit unserm Janitscharen,
und rauchte und trank Kaffee dabey. Er bezeugte sein Misvergnügen, daß kein
trinkbares Waßer hier zu finden wäre, wünschte, wenn wir aus unsern Büchern
Kenntniß davon hätten, daß wir ihm solche mittheilen mögten, und sezte
hinzu, es würde eine Wohlthat seyn, für welche alle künftige Reisende Recht
auf seine Dankbarkeit haben sollten.
Richard Chandler
1776
Am Donnerstag hatten wir
eine eindrucksvolle Fahrt bis zum nächsten Ziel. Von der Ebene mußten wir über
Paßstraßen in die nördlichen Ausläufer des Taurusgebirges hinauf. Vorbei
an ausgedehnten Seen, die in über 1000 Meter Höhe liegen, durch Schluchten,
Mittagspause im Fremdenverkehrsort Ecidir auf einer Terrasse mit Seeblick,
dann Weiterfahrt nach Pamukkale und Hierapolis.
Über eine neue Straße
wurden wir in einem weiten Bogen auf einem großen Parkplatz geführt, der von
einem hypermodernen Gebäude abgeschlossen wird. Die erste Überraschung waren
die enorm hohen Parkgebühren, sie schließen jedoch die Besichtigung des
gesamten Gebiets mit ein. Hierapolis eroberten wir im Schnelldurchgang, die
obligatorische Gruppenaufnahme im Theater mußte aber doch sein, dann lockten
die Kalksinterterrassen. Erstaunlich schnell standen die Schüler im Badezeug,
und dann stelzten sie vorsichtig in die am Untergrund leicht schlammigen
Becken.
Das Wasser ist
angenehm warm und fühlt sich ganz anders an als wir es gewohnt sind. Natürlich
mußten möglichst viele der Becken ausprobiert werden, dann wieder eine
kleine Ruhepause, bei der man das Kinn über die Kante legte und ins Tal
hinabschauen konnte. Die Terrassen wachsen in den letzten Jahren nicht mehr,
da zu viel Wasser in dem oberhalb gelegenen Hotel abgezogen wird. Inzwischen
beginnt man sogar, neue Terrassen künstlich aus Beton anzulegen, in die dann
das kalkhaltige Wasser geleitet wird, um so neue Becken zu schaffen. Betrug am
Kunden?
Leider mußten wir
diesen angenehmen Teil unserer Exkursion bald abbrechen, denn wir hatten noch
kein Quartier für diese Nacht. In Denizli irrten wir erst ein wenig umher,
standen aber plötzlich mitten im modernen Stadtzentrum vor dem Cinar Otel,
also schnell hinein und recherchiert. Wir hatten Glück. Zu günstigen Preisen
fanden wir eine sehr angenehme und ordentliche Unterkunft. Gleich in der
Nachbarschaft konnten wir im Freien unser Abendessen einnehmen, anschließend
wollten wir Begleiter noch in der Hotelbar ein Bier trinken. Das erwies sich
als Fehler, die Bar entpuppte sich als Disco, in der es, als wir eintraten,
noch recht ruhig zuging, als aber das Bier kam, setzte die Musik ein, und mit
der Unterhaltung war es sofort vorbei. Wir sorgten dafür, da die Gläser
schnell geleert wurden und besorgten uns in einem kleinen Geschäft gleich
gegenüber Dosenbier, das wir dann in wesentlich ruhigerer Umgebung im Zimmer
schlürften.
Günter Fuchs
Eindrücke in
Pamukkale und Hierapolis
Nach einer langen
Tagestour mit einigen wunderschönen Ausblicken im südanatolischen Hochland näherten
wir uns am späten Nachmittag Pamukkale. Schon von weitem konnten wir die weißen
Front en am Berghang sehen, der Name „Baumwollschlößchen“ ließ sich aus
der Ferne sogar nachvollziehen. In einem großen Bogen wird heute die Straße
um die Sinterterrassen herumgeführt, auf einem Parkplatz mit hypermodernem
Informationspavillon und einigen Andenkenladen (und einer gebührenpflichtigen
Toilette) stellten wir den Bus ab und mußten dann ein ganzes Stück laufen,
um in den antiken Teil dieses Bereichs vorzudringen. Hierapolis ist schon in
griechischer Zeit ein wichtiger Ort gewesen, hier wurden Wolle und Baumwolle
gewaschen und gefärbt. Wegen seiner warmen und heilenden Quellen wurde dieser
Ort viele Jahrhunderte geschätzt und ständig besucht. Vor allem die Römer
bauten diesen Bereich aus. Die heute vorzufindenden Ruinen stammen meist aus
der Zeit der Römer, die älteren Gebäude sind durch Erdbeben zerstört
worden. Von den vielen Tempeln sind nur noch Ruinen zu finden, am besten
erhalten ist das Theater. Wir kamen uns in den gut 10.000 Besucher fassenden
Tribünen recht verlassen vor.
Nur wenige Schritte
zurück ins Tal erreichten wir die Kalksinterterrassen. Das kalkhaltige Wasser
hat hier eine einmalige Landschaft geschaffen, durch die Abkühlung des
Quellwassers schlagt sich der Kalk nieder und bildet im Laufe der Zeit
Terrassen, auch das über die Kanten laufende Wasser trägt zur Kalkbildung
bei, und so ist im Laufe der Jahrhunderte diese in blendendem Weiß strahlende
Felsformation entstanden. Wir konnten allerdings bemerken, daß der Mensch bei
der Bildung neuer Terrassen kräftig mithilft, mit kleinen Betonbecken
versucht man neue Becken zu schaffen, über die sich schnell ein weißer
Kalkmantel legt. Wir nutzten die Gelegenheit, uns im heilkräftigen Wasser zu
erholen. Ein Teil unserer Aufmerksamkeit wurde aber durch ein Filmteam in
Anspruch genommen, die diese malerische Kulisse für einen Werbefilm für eine
bekannte Joghurtsorte nutzte.
Iris Bode
& Renate Fuchs
Freitag,
24. Mai
Weiterfahrt
nach Selçuk über Aphrodisias; Übernachtung im Hotel Victoria in Selçuk;
Abends frei (Bad in der Ägäis)
Die Abfahrt aus dem Hotel
Wirin Çinar gestaltete sich schwieriger als gedacht, da zwei unserer »Pünktlichkeitsspezialisten«
schlicht und einfach verschlafen hatten und trotz mehrfachen Weckens, als
unser Bus schon im Halteverbot vor dem Hotel auf’s Einsteigen wartete, noch
immer in ihren Betten schnarchten. Ob es am letzten Abend so spät geworden
war?
Ein kleines
Donnerwetter konnte ebensowenig schaden wie die Aufgabe eines
Zusatzprotokolles. Wie dieses Zeilen der »Reiseleitung« aber zeigen, wurde
auch dies verschwitzt und vergessen. Ob diese hervorragende Zuverlässigkeit
die beste Voraussetzung für das spätere Berufsleben ist?
Aphrodisias war neu
in unser diesjähriges Türkei-Programm aufgenommen worden; eine Entscheidung,
die sich als gut und ertragreich herausgestellt hat. Schon in Istanbul hatten
wir als Begleitpersonen durch Herrn Türkoälu einen ersten Kontakt zur
Thematik der hellenistischen Bildhauerschule von Aphrodisias, deren
wichtigsten Werke wir uns in der Antikensammlung des Archäologischen Museums
ansehen konnten.
Aphrodisias
entwickelte in römischer Zeit das Prinzip der Massenproduktion von
Kunstwerken zur Vollendung, indem große Stückzahlen gleichartiger
Marmorfiguren und Torsi in den beliebtesten Stellungen und Gewandungen in
perfekter Bildhauerarbeit hergestellt und im ganzen Imperium vertrieben
wurden, insbesondere aber auch nach Rom verschifft worden sind, wo der größte
Denkmalsbedarf bestand. Erst am Zielort wurden dann die Empfänger
bildhauerisch porträtiert und die Köpfe dann nachträglich auf den Plastiken
befestigt (was gegebenenfalls auch eine Kopftransplantation bei einem Amts-
oder Herrscherwechsel möglich machte). Vor allem die farbliche Exquisität
des Marmors aus Aphrodisias, der zwischen lachsrot, rosa, rötlich-braun bis
schneeweiß changiert, läßt die Werke aus Aphrodisias leicht erkennen.
Daneben wurden
ebenfalls in genormten Ausführungen und großen Stückzahlen Prunksakophage
ebenso wie schlichtere Steinsärge hergestellt und in der ganzen Region
verkauft. Einige sehr schöne Werke gehören zu den wichtigsten
Ausgrabungsfunden und Museumsstücken im heutigen Aphrodisias.
Vieles an dieser ökonomischen
Arbeitsorganisation mutet sehr modern an. Globalisierung und Rationalisierung
sind letztlich doch keine Erfindungen unseres Jahrhunderts. Und über
Massenkunst und Massengeschmack ließ sich bekanntlich schon in der Antike
(nicht) streiten.
Die bildhauerliche
Professionalität Aphrodisias zeigt sich dann aber auch in den erhaltenen
Bauwerken, die vor allem der griechisch-hellenistischen Tradition folgend
Tempel, Bäder und Theater bzw. Stadien umfassen. Zentrales Heiligtum war, wie
der Name des Ortes schon zeigt, der Tempel der Liebesgöttin Aphrodite, einem
sehr alten Heiligtum und Wallfahrtsort, der schon bestand und die umliegenden
Marmorsteinbrüche zum Tempelbau nutzte, ehe das römische Imperium die
Massenbildhauerei zur ökonomischen Lebensgrundlage werden ließ.
Anschließend fahren
wir durch das breite grüne Tal des Großen Mäander (Büyük Menderes) nach
Selçuk, wo wir wie schon zwei Mal zuvor im Hotel Victoria unterkommen, einem
Haus, dessen Name die Anglophilie des Besitzers – die sich u.a. im
Bilderschmuck des winzigen Foyers zeigt – ausdrückt.
Besonders reizvoll
ist der Blick aus den Fenstern an der Rückseite des Hotels, wo eine kleine
Gasse von den Resten eines römischen Aquädukts begleitet wird, wischen
dessen Pfeilern die Häuser eingebaut sind. Da die Bögen längst zerfallen
sind, ragen zwischen den Dächern die Pfeilerköpfe empor, jeweils gekrönt
von Storchennestern, wo wir um diese Jahreszeit die noch nicht flüggen
Storchenküken in unterschiedlichem Alter und die ständige Fütterzeremonie
beobachten und aus unerwarteter Nähe photographieren können.
Diejenigen, die es
wollen, können noch mit Herrn Gusky und Herrn Fuchs ein abendliches Bad in
der Ägäis nehmen. Das Abendessen nehmen wir dann vor dem Hotel an
zusammengestellten Tischen in der Fußgängerzone ein, nur ab und zu gestört
von jugendlichen Motorradfahrern und den vielen streunenden Katzen, die Selçuk
bevölkern und nach Essensresten gieren.
Günter Fuch berichtet
über unsere Ankunft in Selçuk: „In Selçuk fanden wir auf Anhieb unser
Hotel Viktoria, in dem Kollege Voigt schon bei seiner letzten Reise
untergekommen war. Direkt vor unserem Fenster stand der Rest eines alten Aquädukts,
auf ihm befand sich ein Storchennest. Zwei Jungstörche ließen sich hier von
ihren Eltern bedienen. Als ich mich zum Fenster hinauslehnte, entdeckte ich
eine ganze Storchengalerie; auf den anderen alten Pfeilern und auch auf Dächern
und in Bäumen in der Nähe waren die Nester angelegt. In allen waren junge Störche
in unterschiedlichem Alter, einige versuchten sich bei ersten Flugübungen,
trauten sich aber noch nicht ganz abzuheben, andere trugen noch ihr
Flaumkleid. Zu langen Beobachtungen war aber keine Zeit, denn der Busfahrer
hatte sich bereiterklärt, die Schüler noch ans Meer zu fahren, und das Bad
in der Ägäis lockte doch sehr. Der Strand lag einsam und verlassen, wir
konnten mit dem Bus fast bis ans Wasser fahren. Das Wasser war zwar recht kühl,
aber durch die leichten Wellen war es sehr angenehm. Die Schüler tobten ganz
ausgelassen, in dem Alter ist das letztlich auch nicht anders zu erwarten.“
Samstag,
25. Mai
Ephesus;
nachmittags frei (Bad in der Ägäis)
Nach dem Frühstück
fuhren wir mit dem Bus nach Ephesus. Aus Schülerberichten stellt sich unser
Besuch folgendermaßen dar: Ephesus, türkisch heute »Efes« wie das
gleichnamige Bier, war eine ursprünglich am Meer gelegene antiken Hafenstadt.
Doch von Wasser war für uns weit und breit nichts zu sehen. Vielmehr
erwarteten uns überschwenglich ihre Ware anpreisende Händler mit
touristischen Produkten vor dem Eingang. Der erste Eindruck von Ephesus mag
wohl der von vielen grauen und weißen Ruinen sein, doch bei genauerer
Betrachtung und einigen erklärenden Informationen konnten wir uns ein Bild
vom Leben in dieser ehemaligen Stadt machen. Die Hafenfunktion wurde durch die
die religiöse Tradition der Verehrung der Muttergottheit ergänzt. Artemis
stand in der Zeit der Griechen in der Tradition der weiblichen Gottheit, die
in Ephesus schon auf eine altorientalische vorgriechische lokale Tradition zurückblicken
konnte. Das frühe Christentum hat Teile davon aufgegriffen und den mündlich
überlieferten Kult durch die Marienverehrung
erweitert. Das »Sterbehaus der Maria« in Ephesus zeigt diese Tradition, die
der Volksreligion der Heiligenverehrung entstammt.
In der Antike hatte
Ephesus eine wichtige Bedeutung als zentraler Tempel- und Wallfahrtsort der
Artemis, die im größten Tempel des Hellenismus, dem Artemision, verehrt
wurde, der außerhalb der Stadt auf einer Anhöhe stand und zu den sieben
Weltwundern zählte. Berüchtigt wurde der Brandstifter Herostrat, der in der
Geburtsnacht von Alexander dem Großen (356 v.u.Z.) den Tempel anzündete, um
seinen Namen für die Ewigkeit durch diese ruchlose Art in Erinnerung zu
halten. Doch nur sein Verbrechername wurde überliefert. Alexander nahm dieses
Ereignis als Zeichen für seine eigene Existenz und ließ später den Tempel
wieder aufbauen. Später, durch Erdbeben und den Lauf der Geschichte vollständig
zerfallen und vernichtet, wird der Ort des Artemisions heute nur noch durch
eine wieder aufgerichtete hellenistische Säule auf einem ansonsten leeren
Platz markiert.
Ephesus hatte an
Bedeutung seines Hafens verloren, weil die Bucht versandete und es aufgrund
der Abholzung an den Berghängen um die Stadt zu Erosionsschäden kam; somit
verlor die Stadt ihre ökologische und ökonomische Basis. Zwei Erdbeben
trugen ebenfalls zu Verfall und Bedeutungsverlust bei. Die 50.000 Einwohner
waren erst unter griechischer und später unter römischer Herrschaft. Die öffentlichen
Bekanntmachungen, die auf Marmortafeln überliefert wurden, sind zweisprachig
griechisch und lateinisch abgefaßt.
Die Stadt besaß
sogar eine unterirdische Trinkwasserversorgung, die von den Bergen her verlegt
war. Ein überdachter Weg mit Mosaikpflaster vor Geschäften war besonders
wichtig, doch für uns war leider nur noch wenig zu sehen. Für die
Religionsausübung gab es viele Tempel, wie z.B. den Hadrianstempel, der im 2.
Jh. n.Chr. gebaut wurde.
Ephesus gliedert sich
in drei Teile: den Hafenbezirk, der wegen seiner Sumpflage heute nicht zugänglich
ist, das Stadtzentrum zwischen Forum und Theater, und die Oberstadt, die sich
am Hang emporzieht und durch die Stiegen der Kuretenstraße erschlossen und
mit dem Zentrum verbunden wird. Hier finden sich auch die größeren
Tempelanlagen, Prunkvillen, Bäder, Brunnen und am Hang die nur teilweise
ausgegrabenen Wohnsiedlungen, die meist aus hellenistischen Atriumshäusern
bestanden.
Eine der größten
Bibliotheken der Antike samt Marktplatz wurde von Celsus gespendet; er selbst
liegt dahinter begraben. Das Gebäude gliederte sich mit seinen 15 m Höhe in
drei Galerien, auf denen die Bücher (Pergamentrollen) durch Leitern erreicht
wurden. Am Hang oberhalb des Zentrums befindet sich das Theater mit Sitzplätzen
für 25.000 Zuschauer. Natürlich fehlte damals auch kein Bordell mit
verwinkelten Eingängen – mit ein bißchen Phantasie konnten wir uns das
Leben dort in gut gepolsterten Nischen ausmalen!
Das Odeon war ein
kleines Theater im oberen Teil der aus hellenistischer Zeit stammenden Stadt.
Hier wurde mittels Flöte und Gitarre musiziert oder staatliche Dinge wie
Feiern abgehalten. Die „Kuretenstraße“ führte uns vom unteren in den
oberen Teil der Stadt, vorbei an Fundamenten eines Haupttempels, der aber –
wegen finanzieller Engpässe? – erst zu einem Viertel freigelegt worden war.
Der Rückmarsch zum Haupteingang wurde wieder einmal verzögert, weil wir
einige Teilnehmer, die sich selbständig gemacht und die Vereinbarungen nicht
mitbekommen hatten, im Ruinenfeld beinahe schon als Verlust abschreiben
wollten.
Nach dem Gang durch
die Ruinen versammelten wir uns beim Bus, nicht ohne am Ausgang auch wieder
von scharenweise gedrängten Ständen speziell für Touristen zu
dementsprechend hohen Preisen zum Kauf gelockt zu werden. Nach einem kurzen
Blick auf den heute – bis auf eine wieder errichtete Säule
enttäuschend leeren Platz des Artemision,
des antiken Artemis-Tempels, eines der sieben Weltwunder, wieder zurück in
Selçuk, hatten wir noch genügend freie Zeit, uns dieses Touristenzentrum und
das eher gegensätzlich dazu wirkende Wohngebiet anzuschauen.
Das Abendessen fand
nach einigen Stunden nachmittäglicher Freizeit wieder auf der Straße in der
Fußgängerzone statt – aber daran stieß sich niemand.“
۞
Günter Fuchs resümiert
unseren Besuch in Ephesus: „Am Samstag hielten wir auf dem Weg nach Ephesus
noch kurz am Artemis-Tempel an, einem der sieben Weltwunder. Nur eine einsame
Säule steht in dem großen Areal, das einst von dem riesigen Tempel bedeckt
gewesen ist; es fällt schwer, sich ein Bild dieses monumentalen Baus zu
machen. Der Tempel soll 115 Meter lang gewesen sein, bei einer Breite von 55
Metern, er hatte eine wechselvolle Geschichte, wurde 356 v. Chr. von
Herostratos niedergebrannt, wieder aufgebaut und ist im Laufe der Jahrhunderte
dann fast in Vergessenheit geraten.
Ephesus ist
eigentlich der Höhepunkt der antiken Stätten an der Westküste. Der
Besucherandrang ist inzwischen derart gewaltig geworden, da man nicht mehr in
Ruhe und mit Muße die einzelnen Gebäude bzw. Ruinen betrachten, geschweige
denn fotografieren kann. Erklärungen kann man bei diesem Sprachengewirr
ebenfalls kaum loswerden, wir suchten uns daher eine halbwegs ruhige Ecke und
gaben einen kurzen Abriß über die Entwicklung dieser Stadt. Dann durften die
Schüler auf eigene Faust die Besichtigung fortsetzen, sie haben das trotz der
Hitze erfreulich ausführlich getan.
Am Nachmittag sind
wir über den Wochenmarkt von Selçuk geschlendert, auch hier ließen sich
typische Merkmale des türkischen Alltagslebens aufzeigen; wenn Selçuk auch
ein Fremdenverkehrsort ist, so richtet sich dieser Wochenmarkt fast ausschließlich
an die einheimische Bevölkerung. Das ist aus dem Warensortiment zu ersehen,
das auf den Alltag ausgerichtet ist und kaum Angebote für die Touristen
bereithält. Am Abend nahmen wir noch einmal ein kurzes Bad im Meer und dann
speisten wir wieder auf der Straße vor dem Hotel; der Wirt hatte für uns
eine lange Tafel aufbauen lassen, und so konnten wir mitten im Fußgängerbereich
essen und schauen.“
Sonntag,
26. Mai
Weiterfahrt
über Izmir nach Pergamon (Bergama): Kxzxl Avla, Akropolis, Asklepeion; Übernachtung
in Çanakkale, Ozan Motel (Strandhotel); Abends frei (Bad in den Dardanellen)
Pergamos bewahrt in
seinen Ruinen noch die Zeugenschaft seiner einstigen Pracht und Herrlichkeit;
nicht durch die Schönheit und die Fülle dieser Ruinen, sondern durch ihre
Ausdehnung und Anlage. Man bedarf fast einer Stunde, um von der heutigen Stadt
die am Fuße des Schloßberges liegt, zum Schlosse aufzusteigen. Dieses gewährt
dem Reisenden trefflichen Ausblick. Weithin von Ost nach West streckt sich die
reiche Ebene des Kaikus, über eine Stunde in gerader Linie breit und viele
Stunden lang.
Überblickt man von den
Zinnen über dem Thore, das nach SSO sieht, die Gegend, so hat man die
ansehnliche Stadt unter sich ausgebreitet, aus der 13 große Minarets,
Moscheen, Kirchen, Cypressen und hohe Ruinen sich heben und in welcher 9 Chans
ihre klösterlichen Zellenreihen zeigen. Alt und Neu unter und über einander
geworfen und weithin im Felde Trümmer wie zerstreutes Gebein! Das Schloß hat
eine bedeutende Ausdehnung und ist sehr verschiedenartigen Baues. Es krönt
nicht nur den Gipfel des Berges, sondern es senkt sich nach der Stadt zu, über
2/3 des Abhanges herab.
Wer in der heißen
Jahreszeit in den Trümmern vor Pergamos, und hauptsächlich in dem obersten
Theile des Schlosses wandelt, setze den Fuß nie sorglos nieder; denn es
wimmelt dort von Vipern und anderen Schlangen. Diese Thiere greifen den
Menschen nicht an, aber sie fliehen ihn auch nicht. Sie sonnen sich gerne auf
dem heißen Stein, oder auf dem verbrannten Grasboden zwischen den Trümmern,
und sind bei flüchtigem Blicke kaum davon zu unterscheiden. Sie bekümmerten
sich wenig um uns, wenn wir darüber wegstiegen, hoben höchstens das Haupt
und sahen mit ihrem Mädchenblicke uns an; erst wenn wir stehen blieben,
wanden sie sich in ein nahes Gebüsche.
Die Ruinen auf dem
Schloßberge sind so ausgedehnt, daß man, wenn nicht so viele Beweise dagegen
sprächen, an der Ausdehnung der Stadt bis in die Ebene überhaupt zweifeln würde.
Aber mächtige Ruinen blicken weit verbreitet aus der Ebene empor.
Anton von Prokesch
1831
Pergamon
Die Stadt Pergamon wurde
von Alexander dem Großen bei einem seiner zahlreichen Feldzüge erobert. Sie
hatte keine besonders weitreichende Bedeutung und erlangte auch in der
Folgezeit keine Berühmtheit. Als nach dem Tode Alexanders sein Reich
aufgeteilt wurde, fiel die Stadt Pergamon an Lysimachos, den Freund und
Kriegskamaraden Alexanders, der u.a. die Kriegskasse verwaltete. Nach vielen
Intrigen übernahmen nach dem Tode von Lysimachos Eumenes I. (263-241 v.Chr.)
und Attalos I. (241-197 v.Chr.) die Herrschaft in Pergamon und behielten die
Kriegskasse, mit der sich die Dynastie der Attaliden, gewissermaßen das
Geschlecht des Attalos, für lange Zeit ein mächtiges Reich
„zusammenkauften“.
Die Römer unternahmen
nie einen Versuch, das Reich der Attaliden zu erobern. Sie waren den Attaliden
vielmehr wohlgesonnen, zumal sie wußten, daß ihnen das Reich früher oder später
sowieso zufallen würde. Dieses geschah auch: Als der letzte Herrscher des
attalidischen Reiches ohne Erben verstarb, vermachte er das Reich der Stadt
Rom.
Asklepieion
Als letztes besuchten wir
das Asklepieion, ein bedeutendes Sanatorium. Nach der Sage wurde die Heilkunst
von Archias, dem Sohn eines pergamesischen Bürgers, nach Pergamon gebracht.
Archias war bei der Jagd auf Kos vom Pferd gestürzt und wurde im Asklepieion
auf Kos behandelt. Bei seiner Rückkehr nach Pergamon brachte Archias einige
Heilkundige mit, die in der Nähe der heiligen Quelle dem Asklepios einen Tempel errichteten und Kranke
behandelten. Hiernach wurde das Asklepieion mehrmals durch Kriege zerstört.
Im Jahre 133 v. Chr.
kam das pergamesische Reich unter römische Herrschaft. Aus allen Teilen des römischen
Imperiums kamen nun Kranke nach Pergamon, um sich heilen zu lassen. In Pergamon wurde auch der berühmte
Arzt Galen geboren ,der hier später auch arbeitete.
Vom Parkplatz aus
geht man zunächst etwa 100 Meter auf einer alten Straße entlang und kommt
dann zu den restlichen Teilen der Ausgrabung. Entlang dieser heiligen Straße
befanden sich einst Läden für die Pilger und Patienten. Der ganze Komplex
war früher durch Galerien jeweils nach Westen, Norden und Süden
abgeschlossen. Es läßt sich auch heute noch das gut erhaltene Theater im
Nordwesten besichtigen. Dieses bietet gut 4000 Zuschauern Platz.
Natürlich fragt man
sich, wodurch hier früher so viele geheilt wurden. Es gab eine „Heilige
Quelle“. Aus dieser Quelle kann man heute immer noch trinken. Die Menschen
wurden mit Schlamm und Wasserkuren behandelt. Kuren solcher Art werden heute
auch noch angewandt. Sie haben früher wie heute heilende Wirkung.
Wir schauten uns natürlich
auch noch die restlichen Ruinen an, unter anderem die Bibliothek und den
Tempel des Asklepios. Hiernach war unsere Besichtigung beendet, und man konnte
sich nun vorstellen, daß Pergamon in der Antike ein wichtiger kultureller
Mittelpunkt war.
¨۞
Am Abend suchten wir kurz
vor Çannakale am Ufer der Dardanellen in Kepez ein Hotel. In dem kleinen
Ferienort wurden wir direkt am Wasser fündig. Bei der wunderschönen
Abendstimmung konnten wir am gegenüberliegenden Ufer das große Mahnmal aus
dem 1. Weltkrieg sehen, die Schiffe zogen langsam an uns vorbei, die Sonne
versank geruhsam hinter dem Horizont. Es war ein Abend zum Genießen. Die Schüler
mußten natürlich noch einmal ins Wasser springen. Leider trat eine Schülerin
dabei in einen Seeigel, erst in Hannover wurde sie endgültig von den
schmerzenden Stacheln befreit. Das war übrigens der einzige Unfall unterwegs.
Günter Fuchs
Montag,
27. Mai
Morgens
Besuch von Troja; Rckfahrt ³ber Ãanakkale nach Istanbul; Übernachtung bei
den Familien unserer Gastgeber
Troja, ein Mythos ...
Ein Tag vor unserem Heimflug. Nachdem
wir am Sonntag von Pergamon kommend Çanakkale erreicht hatten, war es für
eine Besichtigung der Ausgrabungsstätte von Troja schon zu spät. Ein
idyllischer Badestrand an den Dardanellen hinter dem Hotel war für viele ein
krönender Tagesabschluß. Aber ganz auf Troja, von dem ja auch in der Schule
so viel gehört worden war, zu verzichten ... ? Da versuchten wir es, trotz
Zeitdruck am »Heimfahrttag« nach Istanbul noch früh morgens, mit unserem
Bus einen »Umweg« über Truva zu fahren. Lang war der Aufenthalt nicht; wir
hatten ja schon vorher »gewarnt«, daß die Ausgrabungsstätte selbst nicht
allzu beeindruckend ist, daß der kleine Hügel und die wenigen Mauern und
Steine nur dann interessant werden, wenn sie unsere Phantasie mit Tausenden
von Jahren der Geschichte bevölkert. Warum der gemeinsame Rundgang doch noch
interessant werden konnte, versucht Anne in ihrem Tagesprotokoll zu erklären.
(red.)
Mit dem Wort Troja
verbindet sich sofort der Gedanke an Homer und die »Ilias«, der Gedanke an
die Götter, die um die Stadt kämpften, das sagenhafte hölzerne Pferd, das
am Ende eines zehnjährigen Krieges den Untergang von Troja besiegelte. Weil
diese Stadt Troja so sagenumwoben war, kamen schließlich die Forscher und
suchten nach der ehemaligen Festungsstadt an den Dardanellen.
Über 6000 Jahre
thronte dieser Ort an der türkischen Küste auf dem Hügel Hisarlik über dem
Meer. Er wurde belagert, verwüstet und immer wieder besiedelt.
Alle Handelsrouten
zwischen Ost, West, Süd und Nord liefen hier zusammen. Der Ort war
Umschlagplatz für Waren aus aller Welt und zugleich Dienstleistungszentrum.
Heute ist der Hügel
Hisarlik ein Trümmerfeld, überzogen mit Trampelpfaden und labyrinthisch
verschachtelten Mauerresten. Die Landschaft ist öde und ausgedörrt. Auf
braunen Feldern stehen nur vereinzelt Olivenbäume. Daß sich hier einmal die
Weltgeschichte abgespielt hat, ist für Besucher heute nicht zu erkennen, ja
noch nicht einmal zu erahnen.
Die Anfänge von
Troja reichen in die frühe Bronzezeit zurück. Damals war Troja nur ein
kleines ummauertes Dorf. 200 Jahre später war Troja bereits ein Königssitz.
Auf einer großen Fläche erhoben sich palastartige Bauten. In den folgenden
Jahren wuchs die Stadt immer mehr und dehnte sich weiter aus. Um 1700-2500 vor
Christus war die bedeutendste Siedlung, von der man annimmt, das sie der
Schauplatz von Homers »Ilias« war.
Diese Siedlung wurde
nach dem Untergang noch mehrfach wiederaufgebaut, doch sie erreichte niemals
mehr die Größe der Vergangenheit. Insgesamt befinden sich auf dem Hügel von
Troja 12 Schichten und 9 verschiedene, übereinandergebaute Städte.
Durch die
Beschreibungen in der »Ilias« von Homer stellten sich die Menschen immer
wieder die Frage nach der Wahrheit seiner Ausführungen. Heinrich Schliemann,
ein deutscher Kaufmann und Homer Verehrer war davon besessen, die Schauplätze
der »Ilias« zu entdecken. Seine ersten Grabungen führte er 1871-1873 auf
dem Hügel Hisarlik durch. Eine große Anzahl von Hilfskräften half ihm
dabei. Weil er unbedingt zum Troja Homers vordringen wollte, zerstörte
Schliemann wichtige Erdschichten. Den sagenhaften Schatz von Troja fand er
dann auch.
Auch heute noch
graben Wissenschaftler mit modernsten Verfahren an der Stätte weiter und
kommen zu immer neuen Ergebnissen. Die Sage um Troja ist noch nicht endgültig
entschlüsselt. Vielleicht ist Troja deswegen ein stark besuchtes
Touristenziel an der türkischen Mittelmeerküste. [Vgl. die Artikel über
Troja in »Bild der Wissenschaft«, Heft 12/1997.]
Anne
Tonscheidt
Der Tagesablauf
Das Hotel war ruhig und
erholsam, das Meer war eine echte Genugtuung für alle Wasserratten. Nach
abendlichem und frühmorgendlichem Baden fuhren wir dann morgens nach dem Frühstück
weiter nach Troja. Günter Fuchs berichtet darüber: „In Troja mußten wir
vor einer Schranke halten und unseren Obulus entrichten, umgerechnet drei Mark
sollte der Eintritt kosten, aber wie schon bei einigen anderen Gelegenheiten räumte
man uns auch hier einen Sondertarif ein. Vom Parkplatz grüßte unübersehbar
das hölzerne Pferd, über die tatsächliche Größe gibt es kaum echte Überlieferungen,
es sollen sicher zwanzig Krieger in seinem Bauch Platz gehabt haben. Die
Ausgrabungsstätte selbst war für mich diesmal erheblich interessanter. Ich
wußte, welche Größenordnung mich erwartete und konnte mich daher besser auf
diese bedeutende Ausgrabungsstätte einstellen. Sehr hilfreich waren die
vielen Hinweisschilder, die nicht nur Skizzen enthielten, sondern unter anderm
auch in deutscher Sprache Informationen weitergaben. Schwer ist es nach wie
vor, sich ein konkretes Bild von den einzelnen Schichten zu machen. In dem
kleinen angeschlossenen Museum sind auf einer großen Zeichnung Blockbilder zu
jeder Schicht abgebildet, leider gab es dieses Bild nicht zu kaufen. Den Schülern
war deutlich anzumerken, da ihr Interesse nicht allzugroß war. Einmal liegt
das sicher an der insgesamt recht anstrengenden Fahrt, zum anderen darf man
sich nicht wundern, wenn für derart klassische Reiseziele das Verständnis
fehlt, weil die Schüler teilweise von Homer und der Ilias noch nichts gehört
hatten. Es gelingt ihnen ebenfalls kaum, sinnvolle historische und kulturelle
Querverbindungen zu den besichtigten Stätten herzustellen. Vielleicht haben
wir ein wenig dazu beigetragen, dieses Defizit etwas abzubauen.“
Aus Schülerberichten
stammen folgende Erläuterungen zum Thema Troje: „Troja hat neun
verschiedene Siedlungsschichten, wovon die älteste wahrscheinlich bis in die
Bronzezeit zurückreicht. Die sechste Schicht ist wahrscheinlich der heutige
Ausgrabungshügel. Seine Blütezeit erreichte Troja zur Zeit der griechischen
Einwanderungen. Durch die Einwanderungszeit wurde die ehemalige Burgkultur
umgewandelt. Es folgte der zehnjährige Trojanische Krieg der Griechen gegen
die Trojaner um die vom trojanischen Prinzen Paris entführte Helena, wie er
von Homer in der »Ilias« und der »Odyssee« geschildert wird. Die Griechen
siegten mit einer List: Ich denke, die Legende vom Trojanischen Pferd kennt
jeder.
Kern ist offenbar der
Kampf um die Dardanellen bzw. den Handelsweg zum Schwarzen Meer gewesen. Das
Trojanische Pferd wird auch als Erdbeben gedeutet. Nachdem alle die
Besichtigung beendet hatten, fuhren wir dann weiter nach Çanakkale, um dort
mit der Autofähre auf die europäische Seite der Türkei überzusetzen. Auf
der Fahrt gingen viele wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Schlafen!“
Dienstag,
28. Mai
Flugdaten
für den Rückflug: – 16.00 Uhr Treffen auf dem Atatürk-Flughafen Istanbul,
Abflughalle – 18.00 Uhr Flug: Istanbul Air IL 301, Veranstalter: ÖGER TÜRK-TUR
Ankunft in Hannover gegen 20 Uhr Ortszeit
Die Rückfahrt nach
Istanbul verlief ohne Probleme, ich studierte das frisch erworbene Büchlein
über Troja und versetzte mich dabei fast mitten unter das Schlachtgetümmel
vor den Toren der Stadt. Gut 100 Kilometer vor Istanbul begann der direkte
Einflußbereich dieser Metropole. Vor allem am Strand reihte sich ein
Ferienhaus ans andere, zwischendurch ganz umfriedete Ferienparksiedlungen, ab
und zu Dörfer, die landwirtschaftlich genutzten Flächen im Meeresnähe
wurden immer spärlicher. Dann gingen die Siedlungen wieder in geschlossene
Hochhausbebauungen über, zwischendurch die typischen langen Reihen von
eingeschossigen Fertighallen, in denen Kleingewerbe untergebracht werden soll,
was aber längst nicht überall geklappt hat. Dann aber hatte uns der Großstadtverkehr
der Stadt endgültig wieder eingefangen. Es ist immer wieder erstaunlich, da
man trotz des irrsinnigen Verkehrs eigentlich nie so richtig im Stau steht, es
geht meist irgendwie weiter, auch wenn dabei schon einmal auf Verkehrszeichen
nicht so genau geachtet wird.
Da meine Vorräte an
Getränken und Knabbereien auf wundersame Weise während der Busfahrt stark
geschrumpft waren, Renate schmeckten Schweppes und Rosinen mit Nüssen wohl
ebenso gut wie mir, waren wir beiden Lehrer auf ein ordentliches Essen
angewiesen, Rainer Gusky war für die letzte Nacht noch einmal bei Ümran
Hanim untergebracht. Wir gönnten uns daher ein üppiges Abendmenue und zogen
erste Bilanz dieser Fahrt. Wir konnten uns getrost versichern, da diese
Unternehmung ein großer Erfolg war, sicher auch, weil die Schülergruppe sich
als sehr angenehm und pflegeleicht erwiesen hatte. Unter diesen Bedingungen
ist man letztlich doch gern bereit, eine derartige Fahrt zu begleiten, auch
wenn man von seinem Dienstherren keinerlei Zuschüsse bekommt! Unterwegs
wurden wir noch von einem Teppichhändler eingefangen, den wir bisher immer
mit Terminnot hatten vertrösten können. Diesmal mußten wir aber doch in den
Laden und mit ihm einen Tee trinken. Dieser junge Mann ist in Heidelberg
aufgewachsen, spricht daher gut Deutsch und ist nun im Familienbetrieb als
Teppichhändler beteiligt. Er wollte nur mit uns sprechen und wir mußten
feststellen, da er eine Menge Lebensweisheit verinnerlicht hatte. Einige
seiner Sprüche möchte ich hier anfügen:
Am nächsten Morgen
liefen Kollege Voigt und ich von der Schule aus noch einmal zum Großen Basar,
da wir Geld übrig hatten und dieses nicht mit nach Hannover nehmen wollten.
Aber wir ließen uns nicht zu den berühmten Sturzkäufen überreden, sondern
konnten das Geld sogar noch zu annehmbarem Kurs zurücktauschen. Dann wurde es
aber Zeit, zum Flughafen zu fahren. Für uns Begleiter wurde von der Schule
eine Taxe geordert und bezahlt. Wir erwischten einen Fahrer, der uns deutlich
vor Augen führte, warum der Verkehr in Istanbul so chaotisch verläuft; er
kannte nur Gaspedal und Bremse, beides benutzte er jeweils bis zum Anschlag.
Die Spitzengeschwindigkeit im Stadtgebiet betrug immerhin 120 km/h! Unter
diesen Bedingungen kamen wir natürlich mehr als pünktlich am Flughafen an.
Die Warterei war zwar etwas langweilig, wir konnten uns aber zumindest im
Duty-Free-Shop umtun oder sogar noch etwas kaufen, bis wir endlich in die
Maschine durften. Der Rückflug verlief ebenfalls ohne Komplikationen und
gegen 20.00 Uhr schwebten wir auf dem Flughafen Hannover ein. Aus welchem
Grund auch immer, Renate und ich waren die einzigen, die nicht abgeholt
wurden, wir durften daher noch eine Busfahrt zum Bahnhof unternehmen, von dort
per Bahn nach Mittelfeld, die letzten Meter nach Hause waren dann trotz Gepäck
schnell geschafft.
Günter Fuchs
Zur
Organisation der Türkeireise 1996
1. Zu
unserer Partnerschule
Istanbul Lisesi
Türk Ocaäx Sok. N o.
4 Tel. 0090-212-5141570
TR 34440 Istanbul / Türkei
FAX 0090-212-5208183
Deutsche
Abteilung: Almanca Bölüm Bawkani
Die Istanbul
Lisesi ist 1996 – ausweislich der Liste der Universitätszugangsprüfungen in
der Türkei – die erfolgreichste Schule des Landes. Sie setzt sich für ein
international orientiertes moderneres Schulwesen in der Türkei und für am
deutschen Schulsystem orientierte Schulreformen ein. Privater Kindergarten,
Grundschule und – noch in der Planungsphase: – eine »Deutsch-Türkische
Universität« bilden den Rahmen für ein »Deutsch-Türkisches Bildungssystem«
in dessen Zentrum die – noch staatliche, aber unter Sonderbedingungen
arbeitende – traditionsreiche Istanbul Lisesi steht, die als sogenanntes
»Anatolisches Gymnasium« (Anadolu Lisesi) bilingual konzipiert ist, d.h.
Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer in deutscher Sprache, zum
größten Teil durch deutsche Lehrer unterrichtet.
Die Schule
besitzt ein Internat für Jungen (sie war bis vor zehn Jahren als »Istanbul
Erkek Lisesi« eine reine Jungenschule), in dem auch bei unseren Besuchen in
Istanbul unsere Lehrkräfte und Begleiter untergebracht werden.
Der
Schüleraustausch ist Angelegenheit der türkischen Schulleitung unter dem
Schulleiter Mahir Yeämen und seinem Stellvertreter Hamit Alkxr, der selbst
schon zwei Gruppen nach Hannover begleitet hat. Die eigentliche Organisation
der Besuche leistet die Koordinatorin und Deutschlehrerin Kadriye Ardiç
zusammen jeweils mit den wechselnden Begleitern der türkischen Schülerinnen
und Schüler bei ihren Hannover-Besuchen. Die »Deutsche Abteilung«, der die
deutschen Fachkollegen zugeordnet sind, leistet bei Bedarf Kommunikations-
und Informationshilfe, ist aber an der eigentlichen Organisation der
vielfältigen Schulpartnerschaften der Istanbul Lisesi und ihrer Entwicklung
zur UNESCO-Projekt-Schule nicht selbst beteiligt.
Eine große Rolle
für die fortschrittliche Entwicklung der Schule und ihrer Finanzierung
spielt eine sehr wohlhabende gemeinnützige Stiftung (Istanbul Erkek Lisleri
Vakfx), der sowohl Eltern der gegenwärtigen Schülerinnen und Schüler, vor
allem aber ehemalige Schüler, die sich heute in führenden Positionen in
Staat – bis hin zur Regierung – und Wirtschaft der Türkei befinden und die
»Deutsch-Türkischen Bildungsprojekte« auch über die eigentliche Istanbul
Lisesi hinaus sehr großzügig fördern.
2.
Informationen und Übersichten zur Reise 1996
Die Türkei-Reise
und der Besuch bei unserer Partnerschule, der Istanbul Lisesi, wurde mit den
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der
Bismarckschule seit dem Beginn des Schuljahres 1995/96 in regelmäßigen
AG-Treffen vorbereitet. Die Reisebegleitung übernahmen:
|
Voigt, Gerhard OStR |
Lehrer der Bismarckschule
|
|
Fuchs, Günter RL |
Lehrer der Bismarckschule
|
|
Gusky, Rainer |
Begleiter aus der Elternschaft |
Die Reise ist
Teil der seit zehn Jahren existierenden Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi mit regelmäßigen gegenseitigen Besuchen von Schülergruppen im
wechselseitigen Jahresrhythmus. Im 40. Jahr der Teilnahme der Bismarckschule
Hannover am internationalen Programm der UNESCO-Projekt-Schulen kam diesem
Besuch eine besondere »Jubiläums-Bedeutung« zu.
Zu den Grundlagen
dieses Schulpartnerschaftsprogrammes gehört es, daß einmal die Schülerinnen
und Schüler gegenseitig in Gastfamilien untergebracht werden und damit den
Alltag in den Familien des besuchten Landes kennen lernen können, daß
andererseits versucht wird, durch ein Informationsprogramm einiges über
Geschichte und Gegenwart dieses Landes kennen lernen zu können. Unseren
türkischen Gästen bereiten wir ein Programm in Hannover vor, daß durch
Fahrten z.B. nach Bremen und in den Harz (mit Hilfe unserer gastgebenden
Elternfamilien) erweitert und vertieft wird; die türkische Schule bereitet
uns in Istanbul ein Besichtigungs- und Informationsprogramm vor, daß durch
Unternehmungen mit den dortigen Gastfamilien ergänzt wird. Über diese
Programme werden unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem
umfangreicheren Reisebericht, der in Kürze veröffentlicht werden soll,
berichten.
In eigener
Initiative schließen wir in der Regel an den einwöchigen Istanbul-Aufenthalt
noch eine Busrundfahrt durch den westlichen Teil der Türkei an. Unsere
Partnerschule ist uns bei der Vorbereitung und der Anmietung eines Busses
behilflich. Auch diesmal konnten wir einen »Midi«-Bus haben, der sonst als
Schulbus für die Schule fährt. Wir hatten dabei den gleichen Fahrer wie beim
letzten mal, der durch seine fahrerische Kompetenz und ständige
zurückhaltende und freundliche Hilfsbereitschaft als wahrer Glücksfall zum
Gelingen der Reise beitrug.
Die Reise wurde,
nach dem vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren durch Schule und
Bezirksregierung als offizielle Schulveranstaltung durchgeführt. Dazu
gehörte auch, daß die Flugbuchung nach einer Ausschreibung bei mehreren
türkischen Reisebüros in Hannover erfolgte und die Gruppe durch eine
Gruppen-Reise-Versicherung gegen Krankeits-, Reiserücktritts-, Haftungs- und
Unfallrisiken abgesichert wurde. Erfreulicherweise brauchten diese
Absicherungen nicht in Anspruch genommen werden, da – im Rahmen der üblichen
Reise-Maßstäbe, die kleinere Unpäßlichkeiten nicht allzu ernst nehmen – auf
der Reise [bis auf Seeigel-Stacheln im Fuß von Iris] keine Krankheiten und
Unfälle vorgekommen sind.
Die Reisekosten
schöpften den Voranschlag von 1100,-- DM pro Person nicht aus, vor allem da
die Flugbuchung sehr günstig erfolgen konnte. Die Buskosten waren teurer als
veranschlagt (durch höhere Treibstoffkosten in der Türkei), während
Übernachtung und Verpflegung etwa im verausgesehenen Rahmen blieben. So
konnten Restbeträge wieder zurückgezahlt werden.
Informationen
über das Programm, die Teilnehmer und die Abrechnung, wie ein Hinweis auf
den bevorstehenden nächsten Besuch aus der Türkei finden sich in den
folgende Notizen.
3. Flugdaten für
den Hinflug und Programm in der Türkei:
Treffen Flughafen
Hannover-Langenhagen, Abflughalle: Sa., 11.05.96, 9.30 Uhr
Abflug um 11.30
Uhr, Ankunft in Istanbul gegen 15.30 Uhr Ortszeit
Flug: Istanbul
Air IL 302, Veranstalter: ÖGER TÜRK-TUR
Reisebüro Akinçi,
Goethestraße 12, 30169 Hannover, Tel. 0511-1318951, Herr I. Mikyas
|
11. Mai |
Samstag, |
Treffen am Flughafen (Dış Hatlar), |
|
|
15.00 Uhr |
Empfangen der Gäste, Ankunft
15.30 Uhr |
|
|
|
(Istanbul Airlines) |
|
12. Mai |
Sonntag |
Bei den Familien |
|
13. Mai |
Montag, |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule,
Unterrichtsbesuche |
|
|
10.00 Uhr |
Empfang der Gäste durch den
türkischen Schulleiter Mahir Yeğmen |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen in der Schule |
|
|
12.30 Uhr |
Besuch der Zisterne »Yerebatan
Sarayı« und des Topkapı Serails |
|
|
15.00 Uhr |
Rückkehr zur Schule |
|
14. Mai |
Dienstag, |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Besuch berühmter
Sehenswürdigkeiten
Soğukçeşme Straße, Hagia Sophia,
Sultanahmet Platz, Sultanahmet Moschee etc. |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen in der Schule |
|
|
13.45 Uhr |
Unterrichtsbesuche |
|
15. Mai |
Mittwoch |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Stadtrundfahrt, Picknick
(Lunchpakete mitbringen!) |
|
|
15.00 Uhr |
Rückkehr zur Schule |
|
16. Mai |
Donnerstag |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Besuch des Großen Bazars und des
Ägyptischen Bazars |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen in der Schule |
|
|
nachmittags |
zur freien Verfügung |
|
17. Mai |
Freitag |
Beginn der Fahrt nach Anatolien.
– Abfahrt mit Bus nach Ankara; Übernachtung im Hotel Hitit. |
|
18. Mai |
Samstag |
Ankara: Julian-Säule, Haci
Bayram, Hethiter-Museum, Burg (Kale), Anıt Kebir (Atatürk-Mausoleum) |
|
19. Mai |
Sonntag |
Boğazköy (Hattuşa,
Ausgrabungen); dann bis Kappadokien; Übernachtung im Hotel Gülşehir |
|
20. Mai |
Montag |
Rundfahrt durch Kappadokien:
Unterirdische Stadt Özkonak, Avanos, Zelve, Göreme, Uçhisar, Gülşehir |
|
21. Mai |
Dienstag |
Weiterfahrt nach Konya über
Aksaray und Sultanhanı (Kervanseray); Übernachtung im Hotel Tur |
|
22. Mai |
Mittwoch |
Konya, Stadtrundgang: Mêvlana (Tekke
der »Tanzenden Derwische« und Grab von Cellaleddin Rûmî); Altstadt,
Bazar; Burgberg mit Alaeddin Kaykobad Camii; Ince Minaresi Medrese;
Karatay Medrese |
|
23. Mai |
Donnerstag |
Weiterfahrt über Pamukkale,
Hierapolis nach Denizli; Übernachtung im Hotel Şirin Çinar, Denizli |
|
24. Mai |
Freitag |
Weiterfahrt nach Selçuk über
Aphrodisias; Übernachtung im Hotel Viktoria in Selçuk; Abends frei (Bad
in der Ägäis) |
|
25. Mai |
Samstag |
Ephesus; nachmittags frei (Bad
in der Ägäis) |
|
26. Mai |
Sonntag |
Weiterfahrt über İzmir nach
Pergamon (Bergama): Kızıl Avla, Akropolis, Asklepeion; Übernachtung in
Çanakkale, Ozan Motel (Strandhotel); Abends frei (Bad in den
Dardanellen) |
|
27. Mai |
Montag |
Morgens Besuch von Troja;
Rückfahrt über Çanakkale nach İstanbul; Übernachtung bei den Familien
unserer Gastgeber |
|
28. Mai |
Dienstag |
Flugdaten für den Rückflug: |
|
|
16.00 Uhr |
Treffen auf dem
Atatürk-Flughafen İstanbul, Abflughalle |
|
|
18.00 Uhr |
Flug: Istanbul Air IL 301,
Veranstalter: ÖGER TUR
Ankunft in Hannover gegen 20 Uhr
Ortszeit |
Die Ankunft in
Hannover erfolgte planmäßig und am nächsten Tag, dem ersten Tag nach den
kurzen »Pfingstferien«, begann der normale Schulalltag – für die beiden
Lehrer gleich mit zwei Nachmittagen mit mündlichen Abiturprüfungen in den
Fächern Erdkunde und Gemeinschaftskunde.
4. Abrechnung
1996: Ein Finanzierungsmodell (in DM)
|
1. Flug,
Versicherung, Flughafengebühr |
350,00 |
|
2.
Busanmietung mit Nebenkosten |
230,00 |
|
3. Zehn
Übernachtungen im Hotel mit Frühstück |
190,00 |
|
4.
Verpflegung, eine warme Mahlzeit pro Tag |
150,00 |
|
5. Eintritte,
Programmkosten, Porti, Telefon etc. (pauschalisiert) |
40,00 |
|
6. Rückbehalt
für Reisebericht |
20,00 |
Anmerkungen
zur Abrechnung:
1.
Entsprechend den Vereinbarungen in den »Reisebedingungen« kann keine
in allen Einzelpositionen gegliederte detaillierte Abrechnung
erfolgen. Alle verfügbaren Belege sind bei mir verwahrt.
2.
Wechselnde Umtauschkurse, Zahlungen ohne Belege (in der Türkei häufig)
und Rundungen bzw. Trinkgelder bedingen eine plausibilisierte
Schätzung der Ausgaben.
3. Die
Abrechnung wurde mit den tatsächlich vorhandenen Bargeldbeträgen
verglichen.
4.
Flugkosten, Versicherungen etc. wurden von allen
Teilnehmerinnen und Teilnehmern in gleicher Höhe gezahlt.
5. In
Konsens von Herrn Fuchs und Herrn Voigt wurden die unermüdlichen und
freiwilligen Hilfs-, Betreuungs- und Übersetzungsleistungen von Herrn
Gusky als geldwerte Leistungen gewertet und als Kostenbeitrag für
Hotel/Bus/Verpflegung angerechnet.
6. Für die
übrigen Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden Hotelkosten,
Verpflegung etc. in gleicher Höhe pauschalisiert berechnet.
Kleinere individuelle Unterschiede in der Inanspruchnahme konnten
nicht berücksichtigt werden.
7. Rein
dienstliche, studienfahrtbedingte Kosten (Busfahrt, Eintritte,
Porti, Kopier- und Nebenkosten) wurden für die beiden begleitenden
Lehrer entsprechend den Reisebüroregelungen mit Freiplätzen bei
üblichen Klassenfahrten nicht berechnet.
8.
Individuelle Zusatzkosten wurden an Ort und Stelle verrechnet und sind
nicht in die Gesamtabrechnung einbezogen.
5. Die
Reisegruppe und ihre Gastgeber
|
Gäste: |
Gastgeber: NAME |
|
Bode, Iris |
Koray ÖZDIL |
|
Cögür, Dennis |
Deniz ZORLU |
|
Fedorchenko, Andre |
Erdem GÖKÇE |
|
Fuchs, Renate |
Emre GÜL |
|
Hergert, Andreas |
İhsan ENGINDENIZ |
|
Klar, Matthias |
Engin KEHALE |
|
Lecher, Daniel |
Onur AKYOL |
|
Leute, Philip |
Haluk ULUŞAN |
|
Müller, Julia |
Berksu KARAIBRAHIMOĞLU
|
|
Pohlmann, Beate |
Ali Şirvan YÜKSEL |
|
Sann, Henning |
Arif Emre
KELEŞ |
|
Schulze, Christine |
Ece AYDAN |
|
Tonscheidt, Anne |
Tolga ERÇEL |
|
Wasilewski, Patrizia |
Mehmet KALAYCİOĞLU |
6. Gegenbesuch der türkischen Schülerinnen- und
Schüler
Der Auftaktbesuch
unserer türkischen Freunde für die nächste Besuchsrunde ist nun im
Herbst 1996 auch schon wieder erfolgt, was wir zunächst nicht erwartet
hatten, so daß wird für unseren Besuchsturnus verschieben und im Herbst 1997
in die Türkei fahren werden.
Bei der
Terminierung hatte es Absprache-Defizite gegeben, mit denen
ich zu Beginn unseres Aufenthaltes in Istanbul durch unsere
Ansprechpartnerin in der Istanbul Lisesi, Frau Kadriye Ardiç, konfrontiert
wurde, die aber in der Ursache nachvollziehbar waren.
Im vergangenen
Jahr hatten wir, nach mündlicher Vorankündigung schon 1994, die
Partnerschule eingeladen, sich an der damals für Herbst 1996
geplanten trinationalen Jugendbegegnung in Kreisau zu beteiligen. Obwohl wir
in Hannover keine positive Reaktion aus Istanbul erhielten, erfahre ich, daß
durchaus konkrete Teilnahmevorbereitungen stattgefunden hatten und eine
Gruppe für 1996 zusammengestellt worden ist. Als die – immer noch in der
Realisierbarkeit unsichere – Verlegung auf 1997 mitgeteilt wurde, hat die
Schule kurzerhand die schon weit gediehenen Reisevorbereitungen für 1996
„umfunktioniert" in die Vorbereitung des nächsten „einfachen"
Hannover-Besuchs im Rahmen des Schüleraustausches, vor allem da relativ
viele Schülerinnen und Schüler konkret interessiert und durch ihre Eltern
auf die Reise vorbereitet waren. Ich wurde also mit der Bitte konfrontiert,
einen möglichen Besuchstermin für die nächste Reisegruppe nach Beginn
unseres Schuljahres und gleichzeitig noch in den letzten Tagen
der türkischen Sommerferien zu nennen, denn eine
offene Buchung des Fluges
war schon erfolgt!
Sicher haben wir
auf unsere eigenen Schwierigkeiten hingewiesen – auch in Bezug auf die Kürze
der Zeit, bis zu den Sommerferien genügend Gasteltern zu finden –, konnten
aber in Anbetracht der überaus herzlichen und aufwendigen Aufnahme unserer
Gruppe in Istanbul und in der Perspektive, daß der grundsätzliche
Zweijahresrhythmus dadurch nicht in Frage gestellt, aber eine türkische
Teilnahme am Kreisau-Projekt, wenn es nun 1997 realisierbar werden sollte,
ermöglicht werden sollte, keine Ablehnung des türkischen Besuchswunsches
äußern, sondern haben versprochen, in Zusammenarbeit mit unserer
Schulleitung und der Elternvertretung der Bismarckschule Hannover unser
Bestes zu tun, den gewünschten Besuch zu ermöglichen. 19 Schülerinnen und
Schüler der Istanbul Lisesi wurde uns mit sorgfältigen „Vorstellungsbriefen"
mit Bild und Eigencharakteristik schon in Istanbul als Gäste für den Herbst
1996 benannt.
Auf der nächsten
Seite füge ich noch die Liste der Schülerinnen und Schüler aus Istanbul bei,
die im August/September 1996 nach Hannover gekommen sind.
Istanbul Lisesi: Besuch einer
Schülergruppe in der Bismarckschule Hannover im Herbst 1996 (UNESCO
Schulpartnerschaft / Türkei-Arbeitsgemeinschaft)
Die Namen unserer Gäste
|
Ekin Tırman |
Ufuk Doğan |
Cankut Aydın |
|
Tuna Tahsildaroğlu |
Serkan Güven |
Çaäatay Özer |
|
Zeynep Gürler |
Cana Ulutaş |
Ömer Tarkan |
|
Berrak Dinçtürk |
Benan Seraslan |
Uäur Sennaroğlu |
|
Ozan Baran Aslan |
Tolga Özgen |
Sinan Birinci |
|
Gökçe Kırca |
Deniz Ural |
Erhan Coplugil |
|
Mert Özdemir |
|
|
Literaturauswahl
Literaturempfehlung für die Türkei-Reise
Ackermann, Irmgard, Hg.: Als Fremder in
Deutschland. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München
1983 [dtv].
Die umgekehrte Perspektive. Eröffnet einen Blick auf uns und
sensibilisiert für interkulturelle und soziale Spannungen.
Atanasiu, N.:
Wandlungen und Wandlungsmöglichkeiten der türkischen Agrarstruktur.
Geographische Rundschau 1970. Heft 1. S. 19-22
Barthold, Wilhelm: Zwölf Vorlesungen über die
Geschichte der Türken Mittelasiens. „Die Welt des Islams", Beiband,
Band 14 bis 17, 1932/35 (bearbeitet von Theodor Menzel und Heinrich
Schaeder) {photomechanischer Nachdruck. Darmstadt 1962 [Wissenschaftliche
Buchgesellschaft]}
Blohm, Kurt Wilhelm: Städte und Stätten der
Türkei. Ein Begleiter zu den Kunstwerken Istanbuls und Kleinasiens.
DuMont Kunst-Reiseführer.
Ein thematisch spezialisierter, dort aber kompetenter und informativer
Reiseführer (Archäologie, Architektur und Kulturgeschichte).
Blohm, Kurt Wilhelm: Städte und Stätten der
Türkei. Ein Begleiter zu den Kunstwerken Istanbuls und Kleinasiens.
Köln 19732 [DuMont Kunst – Reiseführer]
Cornelius, Friedrich: Geschichte der Hethiter. Mit
besonderer Berücksichtigung der geographischen Verhältnisse und der
Rechtsgeschichte. Darmstadt 1973 [Wissenschaftliche Buchgesellschaft]
Egli, Ernst: Sinan. Der Baumeister osmanischer
Glanzzeit. Erlenbach – Zürich 1976 [Eugen Rentsch]
Fisher, W.B.:
The Middle East. A Physical, Social and Regional Geography. London
19716 [Methuen]
Freely, John:
Türkei. Ein Führer. München 1984 [Prestel] {The Companion Guide to
Turkey. London 1979}
Die wohl einfühlsamste und anschaulichste Länderbeschreibung, die den
Blick auf das wirklich Interessante lenkt und auch behutsame Wertungen
vornimmt. Eignet sich weniger zur kurzen Information und für praktische
Reisefragen. (Erste Empfehlung trotz relativ hohem Preis!)
Hoff, Edgar P., Marita Korst: Türkei Handbuch.
Rappweiler 1989 [Edgar Hof Verlag / Verlegergemeinschaft ›Individuelles
Reisen‹].
Ein typischer Insider-Reiseführer vor allem für diejenigen, die
nicht nur auf ›ausgelatschten Wegen‹ gehen wollen und für
diejenigen, die – und das stört manchmal, weil es aufgesetzt wirkt
– ›jung, emanzipiert und politisch korrekt‹ reisen wollen. Die Tips
und Anregungen sind gut, die Verfasser/innen sind ein gute Kenner der
Türkei.
Höhfeld, Volker, und Hütteroth, Wolf-Dieter:
Türkei – Probleme einer Evolution. Geographische Folgen sozialer
Wandlungen. Geographische Rundschau 1981, Heft 12. S. 540-548
Hütteroth, Wolf-Dieter: Türkei. Wissenschaftliche
Länderkunden Band 21. Darmstadt 1982. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft (548 S., 116 Karten etc.!).
Das geographische Standardwerk über die Türkei, das den derzeitigen
geographischen Forschungsstand umreißt. Sehr umfangreiches
Literaturverzeichnis. (Leider teuer: ca. 75.- DM!)
Itzkowitz, Norman: Das Osmanische Reich. Aufstieg
und Fall der türkischen Herrschaft. In: Bernard Lewis, Hg., Welt
des Islam. Geschichte und Kultur im Zeichen des Propheten.
Braunschweig 1976 [Westermann] {The World of Islam. London 1975}
Kara Mustafa
vor Wien. Das türkische Tagebuch der Belagerung Wiens 1683, verfasst vom
Zeremonienmeister der Hohen Pforte. Hg. von R. F. Kreutel. Übersetzt,
eingeleitet und erklärt von Richard F. Kreutel. München 1967 (Deutscher
Taschenbuch Verlag. dtv dokumente [dtv 450], Originalausgabe
Graz/Wien/Köln 1955, Verlag Styria).
Geschichte aus anderer Perspektive. Hilft historische Stereotypen
aufzubrechen und auch die Türkei als seit langem europäische Macht zu
verstehen.
Kasparek, Aygün und Max: Reiseführer Natur: Türkei.
München 1990 [BLV Verlagsgesellschaft und Büchergilde Gutenberg,
Frankfurt am Main].
Dieser Reiseführer konzentriert sich auf die Naturschutzgebiete, die Tier-
und Pflanzenwelt. Reisen mit diesem Buch verlangt viel Zeit und Ruhe, da
die beschriebenen Gebiete z.T. abgelegen sind, und die Fähigkeit, ohne
Störung der Natur zu sehen, zu beobachten und zu lernen.
Kellner-Heinkele, Barbara, Ingeborg Hauenschild, Hrsg.: Türkei.
Streifzüge im Osmanischen Reich nach Reiseberichten des 18. und 19.
Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1990 [Societäts-Verlag].
Der Wandel eines Landes und seine revolutionäre Modernisierung wird dem
Reisenden besonders deutlich beim Vergleich mit den Reiseberichten aus den
letzten beiden Jahrhunderten.
Kortum, Gerhard: Landwirtschaft in der Türkei.
Neuere Entwicklungstendenzen und Perspektiven für die Zukunft.
Geographische Rundschau 1981, Heft 12. S. 549-555
Krieg und Sieg in Ungarn Die Ungarnfeldzüge des
Großwesirs Köprülüzâde Fâzil Ahmed Pascha
1663 und 1664 nach den »Kleinodien der Historien« seines Siegelbewahrers
Hasan Aäa. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Erich Prokosch.
Osmanische Geschichtsschreiber, Herausgegeben von Dr. Richard F. Kreutel,
Band 8. Graz / Wien / Köln 1976 (Verlag Styria).
Langenscheidts Sprachführer Türkisch.
Laufend aktualisierte Ausgaben.
Matschke, Klaus-Peter: Die Schlacht bei Ankara und
das Schicksal von Byzanz. Studien zur spätbyzantinischen Geschichte
zwischen 1402 und 1422. Weimar 1981 [Hermann Böhlaus Nf./Forschungen
zur mittelalterlichen Geschichte Band 29]
Meier-Braun, Karl-Heinz und Yüksel Pazarkaya (Hg.):
Die Türken. Berichte und Informationen zum besseren Verständnis der Türken
in Deutschland. Frankfurt 1983 [Ullstein Sachbuch, Ullstein Buch
34132].
Unverzichtbare Grundinformationen über türkische Kultur und Geschichte.
Leicht lesbar; in der Qualität nicht ganz einheitlich.
MERIAN: dtv-merian Reiseführer Türkei. Text
und Fotos Michael Neumann-Adrian und Christoph K. Neumann. München 1989
(5., aktualisierte Auflage) [dtv 3732].
Ausführliche Kapitel zu weniger bekannten Orten, Festen, Ereignissen etc.
in der Einführung, anschließend regional gegliederter, wenn auch knapp
gefaßter Reiseführer.
MERIAN-Hefte „Türkei" und „Istanbul"
(12/XV Jg. und 5/1985).
Brauchen keine extra Empfehlung: Farbig, anschaulich, kompetent! Das
Türkei-Heft ist aktuell und besonders informativ
Şen, Faruk: Türkei. Land und Leute. Unter Mitarbeit von Kara Blume.
Aktuelle Länderkunden. München 1985 [Becksche Schwarze Reihe 803. C.H.
Beck]
Sehr empfehlenswerte, kenntnisreiche und doch kritische Einführung vor
allem in die gesellschaftlichen Probleme der heutigen Türkei.
Şen, Zeki: Industrialisierung in der Türkei. Das Beispiel Çerkezköy.
Geographische Rundschau 1982, Heft 2. S. 58-62
Peters, Richard: Die Geschichte der Türken.
Stuttgart 19662 [Urban Bücher Bd. 54. Kohlhammer Verlag] {The Story of the
Turks – from Empire to Democracy. New York 1959}
(vergriffen, aber in Bibliotheken erhältlich) Noch immer der beste
Geschichtsabriß; lesbar aber mit wissenschaftlichem Rang. Nicht
aktualisiert für die neueste Zeit.
Polyglott
Reiseführer Türkei (große Ausgabe).
Laufend aktualisierte Ausgaben. Für die „nackten Daten" der Reiseplanung
empfehlenswert. Eignet sich zur kurzen Information und für praktische
Reisefragen.
Ritter, Gert:
Landflucht und Städtewachstum in der Türkei. Erdkunde, 26.Jg.,
1972, Heft 3
Ritter, Gert:
Moderne Entwicklungstendenzen türkischer Städte am Beispiel der Stadt
Kayseri. Geographische Rundschau 1972. S. 93-101
Roth , Jürgen u. a.: Geographie der Unterdrückten.
Die Kurden. rororo Sachbuch. Geschichte, Kultur der Kurden. Reinbek
1978.
Und als zusätzliche, dringende Empfehlung: Hintergründe des
Südostanatolien-Konfliktes.
Runciman, Steven: Die Eroberung von Konstantinopel
1453. München 1977 [dtv WR 4286] {München 1966 [C.H.Beck]. – The Fall
of Constantinopel. London o.J. [Cambridge University Press]}
Steinbach, Udo, Rolf Hofmeier, Mathias Schönborn
(Hg.): Politisches Lexikon Nahost. München 1979. Beck’sche Schwarze Reihe
Bd. 199.
Fundierte Grundlagenartikel zu allen
Nahostländern. Den Artikel über die Türkei schreibt Udo Steinbach
(Deutsches Orient-Institut Hamburg).
Steinbach, Udo:
Atatürks Staat in der Krise. Geographische Rundschau 1981, Heft 12.
S. 534-538
Steinbach, Udo:
Türkei. In: Steinbach, Hofmeier, Schönborn, Politisches Lexikon
Nahost. München, 1979 [Becksche Schwarze Reihe 199. C.H.Beck]
Stratil-Sauer, Gustav: Zur Wirtschaft der modernen
Türkei. Geographische Rundschau 1972. S. 83-92
Tükel, Jale, Hrsg.: Reise Textbuch Istanbul. Ein
literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt. München 1987
[dtv 3904].
Literarische Texte zu den Orten und Gebäuden in Istanbul aus einem
Zeitraum von über 1000 Jahren. Auch moderne türkische Autoren sind mit
berücksichtigt. Über weite Strecken ist diese Sammlung eine
Liebeserklärung an Istanbul.
Türkoğlu, A.:
Entwicklungstendenzen der Bodennutzung in der türkischen
Landwirtschaft. In: K. Ruppert, Sozialgeographische Probleme
Südosteuropas. Aspekte raumdifferenzierender Prozeßabläufe. Münchener
Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeograhie, Hgg. von K. Ruppert, F.
Schaffer, E. Thiel. S. 97 – 104. Regensburg 1973 [Michael Lassleben
Kallmünz]
Yurtdaş, Barbara:
Gebrauchsanweisung für die Türkei. München 1989 [Piper]
Ein gut lesbarer, aufschlußreicher Blick auf die türkische Alltagskultur,
der zu Verständnis und Einfühlungsvermögen beitragen kann. Sehr
empfehlenswert! (Von Gastfreundschaft, Höflichkeit, Sitte, Ehre,
Glaube, Speisen, Hygiene und vom Wandel der Gesellschaft.)
Yurtdaş, Barbara: Wo mein Mann zuhause ist. Reinbek 1984 [rororo]
Beste literarische Einführung, die unmittelbar betroffen macht und den
„Blick von Unten" auf die türkische Situation eröffnet. Sollte jeder
lesen!
Einführungen in das Thema Islam
Islam – was ist das? Anmerkungen zur
Entstehungsgeschichte, Verbreitung, Kunst und Kultur. Staatliche
Museen Berlin (West).
Knappste Einführung. Gut verständlich.
Cahen, Claude: Der Islam I. Vom Ursprung bis zu
den Anfängen des Osmanenreiches. Fischer Weltgeschichte Band 14
(Fischer TB).
Grunebaum, Gustav E. von: Der Islam II. Die
Islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel. Fischer
Weltgeschichte Band 15 (Fischer TB).
Detaillierte und zuverlässige, aus traditioneller orientalistischer Sicht
geschriebene Einführungen.
Tibi, Bassam: Die Krise des modernen Islams. Eine
vorindustrielle Kultur im wissenschaftlich-technischen Zeitalter.
C.H.Beck (Becklsche Schwarze Reihe 228).
Das Standardwerk über die heutige Situation im Islam.
Said, Edward W. : Orientalismus. Ullstein
Materialien.
Die grundlegende Auseinandersetzung mit des europäischen „Orientbild";
Materialreich (400 S.), polemisch und wissenschaftlich exakt.
Hinweise auf weiterführende Fachliteratur zu den
Themen: Islam allgemein (Geschichte und Glaubenslehre, heutige Probleme),
Orientalismus und Kulturkontakt, Interkulturelle Erziehung,
Ausländerpädagogik und Dritte-Welt-Didaktik
Amiran, D.H.K.: Effects of Climatic Change in an
Arid Environment on Land-Use Patterns. „Changes of Climate":
Proceedings of the Rome Symposium, organ. by UNESCO and WMO, Rome, 2.-7.
Oct. 1961. Arid Zone Research XX. UNESCO, Paris, 1963, pp. 437-442.
Bauer, L.: Gedanken zur wissenschaftstheoretischen
Grundlegung und Motivation des Geographieunterrichts. In: Fick, a.a.O.
Bauer, Walter: Fridtjof Nansen. Humanität als
Abenteuer. Frankfurt/M. 1981 [Fischer Taschenbuch 5091]. {„Die langen
Reisen". München 1956 [Kindler Verlag]}.
Bianca, Stefano: Architektur und Lebensform im
islamischen Stadtwesen. Baugestalt und Lebensordnung in der islamischen
Kultur, dargestellt unter besonderer Verarbeitung marokkanischer Quellen
und Beispiele. Zürich 1975 [Verlag für Architektur Artemis,
Studio-paperback].
Bitterli, Urs: Die „Wilden" und die
„Zivilisierten". Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der
europäisch-überseeischen Begegnung. München 1982 [dtv 4396] {München
1976 [C.H.Beck]}.
Bobek, Hans: Die Hauptstufen der Gesellschafts-
und Wirtschaftsentfaltung in geographischer Sicht. In: Die Erde.
90.Jg., 1959, S. 259-298.
Busse, Heribert: Die theologischen Beziehungen des
Islams zu Judentum und Christentum. Grundlagen des Dialogs im Koran und
die gegenwärtige Situation. Grundzüge Bd. 72. Darmstadt 1988
[Wissenschaftliche Buchgesellschaft].
Butzer, K.W.: Changes of Climate During the Late
Geological Record. Introductory Remarks. Quelle siehe: Amiran, pp.
203-221.
Ceram, C.W. [= Kurt W. Marek]: Enge Schlucht und
Schwarzer Berg. Entdeckung des Hethiter-Reiches. Reinbek ab 1966 in
vielen Auflagen (Originalausgabe New York 1955).
Cornelius, Friedrich: Geschichte der Hethiter. Mit
besonderer Berücksichtigung der geographischen Verhältnisse und der
Rechtsgeschichte. Darmstadt 1973 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Dörr, B. u.a.: Mit welchem Recht? (I)
Entwicklungshilfe aus der Sicht von Entwicklungshelfern. Dortmund 1980
(pad).
Duri, Abdalaziz: Arabische Wirtschaftsgeschichte.
Bibliothek des Morgenlandes. Zürich 1979 [Artemis] {Muqaddima fi
t-Tarih al-Iqtisadi al-`Arabi. Beirut 1969}.
Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Vorwort
von Jean-Paul Sartre.
Reinbek 1969 [Rowohlt ro 1209/heute Suhrkamp Verlag Frankfurt/M.] {Les
damnes de la terre. Paris 1961}.
Fick, K.E.,
Festschrift für K. E. Fick: Die Geographie und ihre Didaktik zwischen
Umbruch und Konsolidierung. Hgg. von K. H. Reinhardt. Frankfurter
Beiträge zur Didaktik der Geographie Band I. Frankfurt 1977.
Fisher, W.B.: The Middle East. A Physical, Social
and Regional Geography. London 19716 [Methuen].
Fohrbeck, K., A. J. Wiesand, R. Zahar: Heile Welt
und Dritte Welt. Medien und politischer Unterricht I. Schulbuchanalyse.
Opladen 1978 (Leske).
Geographie als politische Bildung. Beiträge
und Materialien für den Unterricht. Geographische Hochschulmanuskripte
Heft 6. Göttingen 1978 (Gesellschaft zu Förderung
regionalwissenschaftlicher Erkenntnisse e.V., Oldenburg).
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Zur
Funktion der politischen Bildung in Schule und Gesellschaft.
Ergebnisse der GEW Fachtagung 1979. Neue Reihe Heft 2. Hannover 1979.
Gottschalch, W.: Schülerkrisen.
Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek 1977
(rororo).
Gronemeyer, M.: Dritte Welt in der Schule –
Probleme des Transfers. In: Methodik des Lernbereichs Dritte Welt,
a.a.O.
Gronemeyer, R.: Frieden. Grundwerte – Texte zur
politischen Bildung
Band 3. Baden-Baden 1978 (Signal).
Grunebaum, Gustav E. von: Der Islam im
Mittelalter. Bibliothek des Morgenlandes. Zürich 1963 [Artemis].
Grunebaum, Gustav E. von: Der Islam in seiner
klassischen Epoche. 622-1258. Bibliothek des Morgenlandes. Zürich
1966 [Artemis].
Grünert, H. und Autorenkollektiv: Geschichte der
Urgesellschaft. Berlin (DDR) 1982 [Verlag der Wissenschaften].
Gutte, R.: Motivation und Lernen. In: Jander
u.a., a.a.O.
Hartmann, Richard: Die Religion des Islam. Eine
Einführung. Berlin 1944 [Mittler] {reprographischer Nachdruck:
Darmstadt 1987 [Wissenschaftliche Buchgesellschaft]}.
Hunke, Sigrid: Allahs Sonne über dem Abendland.
Unser arabisches Erbe. Frankfurt/M. 1965 [Fischer TB 643].
Jander, L., W. Schramke, H.-J. Wenzel: Metzler
Handbuch für den Geographieunterricht (HGU). Stuttgart 1982 (Metzler).
Jockel, Rudolf, Hg.: Islamische Geisteswelt. Von
Mohammed bis zur Gegenwart. Wiesbaden 1981 [Drei Lilien].
Karger, E., und H. Thomas: Ausländische
Schülerinnen und Schüler. In: Recht der Jugend und des Bildungswesens.
Jg. 1986, Heft 1, S. 103 ff.
Ki-Zerbo, J.: Die Geschichte Schwarz-Afrikas.
Wuppertal 1979 (Hammer).
Kippenberg, Hans G.: Jeder Tag „Ashura", jedes
Grab Kerbala. Zur Ritualisierung der Straßenkämpfe im Iran. In:
Religion und Politik im Iran. mardom nameh. Herausgegeben vom Berliner
Institut für vergleichende Sozialforschung. Frankfurt/M. 1981, S. 217-256
[Syndikat].
Kleff, H.-J.: Vom Bauern zum Industriearbeiter.
Ingelheim, 1984.
Landesinstitut für Curriculumentwicklung,
Lehrerfortbildung und Weiter- Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen:
Religion für Schüler islamischen Glaubens. Drei Unterrichtseinheiten.
Entwurf August 1981.
Leiris, Michel: Die eigene und die fremde Kultur.
Ethnologische Schriften. Frankfurt/M. 1977 [Syndikat].
Leng, Gunter: „Rentenkapitalismus" oder
„Feudalismus"? Kritische Untersuchungen über einen (sozial-)
geographischen Begriff. In: Geographische Zeitschrift. 62. Jg., 1974,
S. 119-136.
Levi-Strauss, Claude: Traurige Tropen.
Frankfurt/M. 1978 [suhrkamp taschenbuch wissenschaft 240] {Tristes
Tropiques. Paris 1955}.
Mahmud, Sayyid Fayyaz: Geschichte des Islam.
München 1964 [Wilhelm Goldmann] {A Short History of Islam. London 1960}.
Malcom X: Schwarze Gewalt. Reden. Edition
Voltaire. Frankfurt/Berlin 1968.
Massarat, M.: Gesellschaftliche Stagnation und die
asiatische Produktionsweise, dargestellt am Beispiel der iranischen
Geschichte. Eine Kritik der Grundformationstheorie. In: Studien über
die Dritte Welt. Geographische Hochschulmanuskripte Heft 4. Göttingen 1977
[Gesellschaft zur Förderung regionalwissenschaftlicher Erkenntnisse e.V.,
Oldenburg].
Meder, O.: „Ein Unglück kommt selten allein!"
Ausgewählte Beispiele von Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Krisen
in der Geschichte – wissenschaftliche Diskussion und Didaktische
Reflexion. Urbs et Regio, Bd. 56. Kassel 1992 [darin eine
Unterrichtseinheit zu Altmesopotamien, S. 31-78].
Memmi, Albert: Der Kolonisator und der
Kolonisierte. Zwei Porträts. Mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre.
Frankfurt/M. 1980 [Syndikat] {Portrait du colonise precede du Portrait du
colonisateur. Paris 1966}.
Mernissi, Fatima: Geschlecht, Ideologie, Islam.
München 1987 [Frauenbuchverlag] {Beyond the Veil. 1975}.
Merton, Robert K.: Social Theory and Social
Structure. Glencoe/Ill. 1949.
Methodik des Lernbereichs Dritte Welt, Zur -.
Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 118. Bonn
1977.
Meueler, E., K. F. Schade: Dritte Welt in den
Medien der Schule. Analyse und Konstruktion von Unterrichtsmedien.
Stuttgart 1977 (Kohlhammer).
Micksch, J., Hrsg.: Zusammenleben mit Muslimen.
Eine Handreichung. Mit einem Vorwort von Heinz Joachim Held.
Frankfurt, 1980 (Verlag Otto Lembeck).
Nienhaus, Volker: Islam und moderne Wirtschaft.
Positionen, Probleme und Perspektiven. Islam und westliche Welt Bd. 6.
Graz 1962 [Styria].
Pädagogisches Zentrum (PZ) Berlin (Uhlandstr. 97,
D-1000 Berlin 31): Modellversuch „Integration ausländischer Schüler in
Gesamtschulen. Abschlußbericht der wissenschaftlichen Begleitung.
Projektleitung: Helga THOMAS, TU Berlin. Berlin, 1987 (2 Bände).
Planhol, Xavier de: Kulturgeographische Grundlagen
der islamischen Geschichte. Bibliothek des Morgenlandes. Zürich 1975
[Artemis] {Les Fondements Geographiques de lHistoire de lIslam. Paris
1968}.
Popitz, Heinrich: Prozesse der Machtbildung.
Tübingen 1968 [Mohr].
Puls, W.W.: Methodische Probleme des
fächerübergreifenden Unterrichts dargestellt am Beispiel
Entwicklungspolitik. In: Methodik des Lernbereichs Dritte Welt, a.a.O.
Radke, Rudolf: Frieden lernen in Jerusalem. Wie
aus Feinden Nachbarn werden. Frankfurt/M. 1986 [Fischer Taschenbuch
Verlag 4209].
Rauch, Th.: Entwicklungsstrategien für die Dritte
Welt. In: Geographie als Politische Bildung, a.a.O.
Roth, W.K., Hrsg.: Ausländerpädagogik. 2
Bände: I. Unterricht und Elternarbeit; II. Zur sozialen Arbeit mit
Familien und Kindern. – Stuttgart, 1983 (Kohlhammer Verlag) [Wichtig für
den Unterricht darin vor allem: Guido Schmitt: Allgemeine Prinzipien, S.
72-81; Guido Schmitt: Deutschunterricht, S. 83-105; Gustav Lörcher:
Mathematikunterricht].
Said, Edward W.: Orientalismus. Frankfurt/M.
1981 [Ullstein Materialien, Ullstein Buch 35097] {Orientalism. 1978}.
Sandfuchs, U., Hrsg.: Lehren und Lernen mit
Ausländerkindern. Bad Heilbrunn, 1981.
Schmidt-Wulffen, W.D.: Entwicklung Europas –
Unterentwicklung Afrikas. Zwei Bände. URBS ET REGIO 24-25/1981.
Kasseler Schriften zur Geografie und Planung (Gesamthochschule Kassel).
Schmidt-Wulffen, W.D.:
Ethnozentrismus/Eurozentrismus. In: Jander u.a., a.a.O.
Schramke, W.: Zur Paradigmengeschichte der
Geographie und ihrer Didaktik. Geographische Hochschulmanuskripte Heft
2. Göttingen 1975.
Schulgeographie Heute. Fachliche, didaktische,
unterrichtspraktische Beiträge. Herausgegeben von K.E. Fick.
Frankfurter Beiträge zur Didaktik der Geographie Band II. Frankfurt 1978.
Smolicz, J.J.: Verinnerlichte Werte und kulturelle
Identität. In: V. Nitzschke, Hrsg.: Multikulturelle Gesellschaft –
multikulturelle Erziehung. Stuttgart, 19822. S. 29-47.
Stüwe, Gerd: Türkische Jugendliche. Eine
Untersuchung in Berlin – Kreuzberg. Bensheim, 1982 (päd.extra
Buchverlag).
Tibi, Bassam: Die Krise des modernen Islam. Eine
vorindustrielle Kultur im wissenschaftlich-technischen Zeitalter.
Becksche Schwarze Reihe Bd. 228. München 1981 [C.H.Beck].
Tworuschka, U.: Der Islam als Anforderung an den
schulischen Unterricht. In: Erziehung heute, I/1982.
Unesco-Club für die Unesco-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover: Türkei `85. Eine Studienfahrt mit Schülern der
Bismarckschule Hannover vom 25.10.-10. 11.1985. Herausgegeben von
Gerhard Voigt. Hannover 1985 [Bismarckschule Hannover].
Unesco-Kommission, Nationale Schweizerische–: Seminar „Der Islam"
(Sigriswil, 13./14.11.1981), Schlußbericht. Bern, 1982.
Vavilov, N.J.:
Studies on the origin of cultivated plants. Leningrad 1926.
Vogt-Göknil, Ulya: Die Moschee. Grundformen
sakraler Baukunst. Zürich 1978 [Verlag für Architektur Artemis,
Studiopaperback].
Weber, Max:
Soziologie, Universalgeschichtliche Analysen, Politik. Stuttgart 1973
[Kröners Taschenausgabe Bd. 229. Alfred Kröner].
Wenzel, H., H. Schulze-Goebel:
Umwelt-Raum-Gesellschaft. Lehrerband. Stuttgart 1978 (Metzler).
Wirth, Eugen:
Der heutige Irak als Beispiel orientalischen Wirtschaftsgeistes.
In: Die Erde, Jg.87, 1956, S.30-50.
Wirth, Eugen:
Die soziale Stellung und Gliederung der Stadt im Osmanischen Reich des
19. Jahrhunderts. In: Vorträge und Forschungen 11. Konstanz, Stuttgart
1966, S. 403-427.
Wittfogel, K.A.:
Die Theorie der orientalischen Gesellschaft. In: Zeitschrift für
Sozialforschung. Hg. im Auftrag des Instituts für Sozialforschung von Max
Horkheimer. Jahrgang VII/1938, S. 90-122 [Librairie Felix Alcan, Paris]
{reprographischer Nachdruck: München 1970 [Kösel] und München 1980 [dtv]}.
Editorische Notiz:
Quelle /
Buchausgabe: Voigt, Gerhard (Hrsg.):
Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft.
Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul
Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule Mit dem
Reisebericht der Türkei-Studienfahrt der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der
Bismarckschule im Frühjahr 1996. Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover], 1997 (Schriftenreihe
des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 9) ISBN 3-930307-08-1]
(Für die Internet-Publikation ausgegliedert.)
|
|
|